Skip to main content

Full text of "Beethoven's Leben"

See other formats


Google 



This is a digital copy of a bix>k lhat was preservcd for gcncralions on library sIil-Ivl-s before il was carcfully scanncd by Google as pari ol'a projeel 

to makc the world's books discovcrable online. 

Il has survived long enough Tor the Copyright lo expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subjeel 

to Copyright or whose legal Copyright terni has expired. Whether a book is in the public domain niay vary country tocountry. Public domain books 

are our gateways to the past. representing a wealth ol'history. eulture and knowledge that 's ol'ten dillicult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this lile - a reminder of this book's long journey from the 

publisher lo a library and linally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries lo digili/e public domain malerials and make ihem widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their cuslodians. Neverlheless. this work is expensive. so in order lo keep providing this resource. we have laken Steps lo 
prevent abuse by commercial parlics. iiicIiiJiiig placmg lechnical reslriclions on aulomatecl querying. 
We alsoasklhat you: 

+ Make non -commercial u.se of the fites We designed Google Book Search for use by individuals. and we reüuesl lhat you usc these files for 
personal, non -commercial purposes. 

+ Refrain from imtomuted qu erring Do not send aulomated üueries of any sorl to Google's System: If you are conducling research on machine 
translation. optical characler recognilion or olher areas where access to a large amounl of lex! is helpful. please contacl us. We encourage the 
use of public domain malerials for these purposes and may bc able to help. 

+ Maintain attribution The Google "walermark" you see on each lile is essential for informing people about this projeel and hclping them lind 
additional malerials ihrough Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use. remember that you are responsable for ensuring lhat what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in ihc United Siatcs. lhat ihc work is also in the public domain for users in other 

counlries. Whelher a book is slill in Copyright varies from counlry lo counlry. and we can'l offer guidance on whelher any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be usec! in any manncr 
anywhere in the world. Copyright infringemenl liability can bc quite severe. 

About Google Book Search 

Google 's mission is lo organize the world's information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover ihc world's books wlulc liclpmg aulliors and publishers rcacli new audiences. You can searcli ihrough llic lull lexl of this book on llic web 
al |_-.:. :.-.-:: / / bööki . qooqle . com/| 



Google 



Über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches. Jas seil Generalionen in Jen Renalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Well online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat Jas Urlieberreclil ühcrdaucrl imJ kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich isi. kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheil und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar. das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren. Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Original band enthalten sind, linden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Niitmngsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichlsdcstoiroiz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sic diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sic keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zcichcncrkcnnung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist. wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google- Markende meinen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sic in jeder Datei linden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuchczu linden. Bitte entfernen Sic das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sic nicht davon aus. dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich isi. auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sic nicht davon aus. dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechlsverlelzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 

Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Wel t zu entdecken, und unlcrs lül/1 Aulmvii und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 
Den gesamten Buchlexl können Sic im Internet unter |htt : '- : / /-■:,■:,<.-: . .j -;.-;. .j _ ^ . .::-;. -y] durchsuchen. 



#2 



Beethoven's Leben. 



Dritter Band. 



•■> 



Beethoveris Leben 



von 



LUDWIG NOHL. 



^•* ^*. l r\y 



Dritter Band. 

Die letzten zwölf Jahre. 

1815—27. 



N^ wN-'"-» '*• * >- "s^ *S 



LEIPZIG, 

Ernst Julius Günther. 
1877. 



Beethoyen's letzte Jahre 



von 



LUDWIG NOHL. 



LEIPZIG, 

Ernst Julius Ganther. 
1877. 



Alle Bechte, für die Theile wie für das Ganze, vorbehalten. 

Der Verfasser. 



Dem väterlichen Freunde 



Herrn Dr. Franz Liszt in Pest 



in inniger Liebe in! Verehnig. 



W em anders als Ihnen , mein theurer Meister , kann 
ich dieses Bach widmen, das zugleich ein Stück meines 
Lebens ist? — Sie luden den Verfasser ein, bei der Ton- 
künstlerversammlung in Weimar, die als die erste seinen 
hundertjährigen Geburtstag feierte, ,,a1s würdiger Biograph 
Beethovens zu fungiren", — Sie bezeugten unermüdet Herz 
und Sinn zugleich für ein Unternehmen, das uns einen der 
grössten Menschen und Künstler aller Zeiten auch nach seiner 
persönlichen Art und Entwicklung darstellen sollte, — Ihr 
Antheil stärkte mir stets aufs neue das innerste Leben. 
Denn wie hier ein echter Spross dieses Beethoven vor mir 
stand und mich empfinden Hess, was einst ein sonst nicht 
gerade Vorgeschrittenster, L. Rellstab, unserem Meister selbst 
gegenüber empfunden hatte: ,,Von einem hochverdienten, 
berühmten Manne, deren wir viele haben, bis zu einem wirk- 
lich grossen , ewig unerreichbaren , welche Kluft ! * ' — so 
brachte die schöne Theilnahme, die Sie mir immer aufs neue 
an Ihrem Sein und Schaffen gönnten, mich auch stets diesem 
ungeheuren Geiste näher und half so der Wissenschaft, der 
Aufgaben schwerste, das hohe Räthsel der Kunst zu lösen. 

Was ging einst in dem Innern eines edlen Jugendge- 
nossen von Beethoven, des Malers Gerhard Kügelgen vor, als 



VIII 

er die Inauguration der bald nachher so glorreich sich ent- 
faltenden Universität in Bonn im Jahre 1786 erlebte? „Alle 
diese Anstalten huldigten in seinem Auge einem unbekannten 
Genius der Menschheit und sein Gemttth ahnete zum ersten 
Male die Hoheit der Wissenschaft", sagt er von sich selbst: 
,, Die Erhebung, die er damals fühlte, gab seinem Schulfleisse 
eine ernstere Richtung, er achtete nun das Wissen und strebte 
nach Erkenntniss, aber sein Herz blieb liebevoll der Kunst 
zugewandt. " Liegt nicht hier das Geheimniss des hohen 
Aufschwungs der Kunst unserer Tage? Und wahrlich, be- 
tätigte die Wissenschaft die gleiche Achtung vor der Kunst, 
es würde mit unserer geistigen Gesammtcultur besser stehen 
und manche Lücke derselben ausgefüllt werden können. 

Allein dem ist nicht so , und darum habe ich es gerade 
vor Ihnen, der ebenfalls das Wissen und die Erkenntniss ehrt 
und liebt, offen auszusprechen, wie sehr die heutige Wissen- 
schaft zumal gegen unsere Kunst sich geradezu vergeht. 
Allerdings ich will nicht loben, was ich selbst einst an dem 
Besitzrecht der Forschung verbrach, als ich nach dem so 
fleissig philologisch gearbeiteten und ersten wissenschaftlich 
biographischen Werke der Musikliteratur, nach Otto Jahns 
,,W. A. Mozart' 1 mein Bild dieses Meisters herstellte. Allein 
was war es , was mich damals bewegte und selbst solche 
drückende Empfindungen und begründete Bedenken über- 
winden liess? Das Gefühl für die Kunst, das Gefühl für 
diesen Künstler, dessen so einzig menschlich-schönes Bild in 
diesem beinahe überreich zu Tage geförderten Material 
stecken geblieben war und förmlich nach Erlösung, nach 
wirklichem Dasein rief! — Ich setzte alles daran es ihm 



EL 

« ■ 

zu geben, und ob es mir gelungen, möge sich nach dem 
Umstände entscheiden, dass bereits seit langem das Werk 
vergriffen und daher eine neue Auflage nöthig geworden 
ist, die denn ungleich seine Mängel nach Möglichkeit zu 
heben getrachtet hat. 

Und wenn ich mir nun ferner bewusst sein darf, das was 
ich dort an der Wissenschaft und ihrem Besitz gefehlt haben 
mag, mit der jetzt endlich abgeschlossenen selbstständigen 
Forschungsarbeit von ,, Beethovens Leben" wirklich gesühnt zu 
haben, so bestätigte die hässliche Art, womit jener Mann 
der Kunstgelehrtheit die edelsten Bestrebungen unserer 
Tage angriff und geradezu besudelte, — man vergleiche 0. 
Jahns Gesammelte Aufsätze (Leipzig 1866) „Tannhäuser" 
und „Lohengrin", — nur meine trübe Erfahrung, dass die 
Achtung der Wissenschaft vor der Kunst noch nicht die 
gleiche ist wie umgekehrt. Und leider sind, das wissen Sie, 
verehrter Meister, nur zu gut, die meisten meiner Fach- 
collegen in dasselbe Geleise eingetreten und kutschiren lustig 
darauf los, die Würde der Kunst wie der Wissenschaft in 
gleich selbstmörderischer Weise preisgebend. 

Was ist aber gar von unserer Kunstwissenschaft von 
heute zu denken, wenn man in einem so monumentalen 
Unternehmen wie der ,, Allgemeinen Deutschen Biographie", 
herausgegeben durch die historische Commission bei der 
Königlichen Akademie der Wissenschaften in München, im 
Band II (erschienen 1875) den Artikel ,, Beethoven" liest? 
Ebenso kopflos angelegt wie sinnlos ausgeführt ist hier das 
Bild eines Mannes, der wahrlich vor vielen in diese litera- 
rische Walhalla nicht Deutschlands allein sondern der Welt 



gehört. Und vor allem, es fehlt hier jede Spur von Ach- 
tang vor diesem Künstler wie vor sich selbst und vor der Wis- 
senschaft. Wusste dieser Fachmann, der doch selbst recht 
brauchbares Handwerkszeug geliefert hat — man vergleiche 
nur „Die Elemente der Musik" Leipzig 1862, „Koch's 
Musikalisches Lexikon*' Heidelberg 1865, ,, Handbuch der 
Musikgeschichte" Leipzig 1868, — wusste dieser Mann 
nicht, dass es in der Welt Leute gibt, die sich ganz speziell 
und seit Jahren mit diesem Gegenstand beschäftigen? Des 
Amerikaners A. W. Thayers emsiges Forschen ist freilich 
hier gekannt, und soweit diese biographische Sammelarbeit 
geht d. h. bis zum Jahr 1805 ist wenigstens sachlich richtig 
referirt. Ebenso was für die spätere und allein entscheidende 
Epoche des Meisters nach den vorhandenen Chronologischen 
und Thematischen Verzeichnissen wenigstens über die Ent- 
stehungszeit der Werke gegeben werden konnte, ist meistens 
nicht unrichtig, wenn auch sehr ungenau. 

Allein ist dies Beethoven? Ist 'dies sein Standbild unter 
Bildern, die eine Ruhmeshalle unserer Nation vor sich und 
vor der ganzen Zeit und Nachwelt darstellen sollen? Nicht 
einmal gekannt und ebenso schon desshalb nicht genannt ist 
das vorliegende Werk, dessen 2. Band, bis zum Jahre 1815 
reichend, doch bereits im Jahre 1867 erschien und dessen 
3. Band nach seiner 1. Abtheilung schon 1874, also ein 
volles Jahr vor jener biographischen Skizze, herausgegeben 
bis zum Jahre 1824 geht, also den Höhepunkt von Beethovens 
Leben und Schaffen erreicht hatte und nur noch drei Jahre 
seines Lebens und fünf Werke seines künstlerischen Bildens 
fehlen Hess! Wo die Wissenschaft einer Kunst sich selbst 



XI 

so wenig respectirt, dass rein schriftstellerisch von Jedem 
Aber jedes geschrieben und in natürlicher Folge davon ganz 
wie bei F£tis, der Biogr. nniv. 2. Aufl. S. 319 ganz rahig 
sagt: „Laissons le temps faire son onevre sur toutes ces 
opinions", die Hauptsache, das Schlnssnrtheil über das ent- 
scheidendste Thnn nnd Leisten des Künstlers mit den Worten 
„mögen andere entscheiden" abgethan wird, — wo in der 
deutschen Wissenschaft solch kindisch frivoles Spiel mit 
ernstesten nnd besten Dingen getrieben wird, da in der That 
flüchtet man besser in diese wahrhaft ernste nnd hohe Kunst 
selbst, nnd solchen Erscheinungen gegenüber, mein theurer 
Meister, fühle ich erst ganz, was wir auch in dieser Hinsicht 
einer ernsten und hochgesinnten Aufnahme und Darstellung ' 
unserer edelsten und höchsten Ideale an unseren wahren 
Künstlern heute besitzen. 

Nehmen Sie dieses mein Buch, dem zur Ergänzung und 
leichteren Orientirung in der Sache selbst demnächst noch 
eine Sammlung der richtiggestellten zeitgenössischen Be- 
richte über unseren Meister, wie von Neefe, Junker, Rei- 
chard t, Bettina von Arnim, Spohr, Weissen bach, Tomaschek, 
Bursy, Klöber, Atterbom, Dr. Müller, Rüssel, Rellstab, 
Stumpft" u. s. w. folgen soll, — nehmen Sie es nach Ihrer 
stets bereiten Nachsicht und Güte auf. Sie wissen, ich hänge 
Ihrem Sein und Thun mit meiner Seele an. Denn nie hat 
ein Künstler und zumal ein nichtdeutscher unsere Kunst tiefer 
erfasst, in weiterem Umfange beherrscht und reiner gepflegt 
und hochgehalten als Sie, den einst, vor mehr als einem 
halben Jahrhundert, unser ergrauender Meister selbst liebend 
gerührt in die Arme schloss und der heute wie damals ihre 



XU 

ganze Würde und geistige Bedeutung darstellt und uns aufs 
neue in die Hand gibt ! Ich habe alles gethan, meine Arbeit 
auch nach diesem Begriffe von der Würde des Gegenstandes 
auszuführen, — dreizehn Jahre meiner besten Kraft gehören 
ihr und sie ist, ich darf es sagen, mit meinem Herzblut ge- 
nährt, — empfangen Sie dieselbe, theurer Meister, als den 
Tribut des Dankes und der Liebe der Wissenschaft für die 
Kunst. Wie könnten wir zugleich besser alle guten Geister zur 
Vollendung desjenigen Stückes der Arbeit bannen , das nun 
ganz speziell dem Aesthetischen und Technischen dieses 
epochemachenden Schaffens gilt — und hoffentlich ebenfalls 
bald fertig dasteht, — des Schlussbandes ,, Beethovens Wer- 
ke"? — 

Leben Sie wohl und bewahren Sie mir, dem Kunst- 
historiker, die mich ehrende und stets neu erhebende Freund- 
schaft eines wahrhaft grossen Künstlers. 



Heidelberg, den 1. Juli 1876. 



Ludwig Nohl. 



Inhalts- Verzeichniss. 



'^•■^-^ 



Seite. 

Widmung und Vorwort VII 

Einleitung 1 

I. Buch: Ergebung 1815—20. 

1. Kap. Die Königin der Nacht 8 

2. Kap. Drei freundliche Sterne (Opp. 98, 101, 102). . 48 

3. Kap. Die drangvollen Umstände (9. Symphonie) . . 60 

4. Kap. Ein Gebet (Op. 106) 116 

5. Kap. Präludien zurMissa solennis 149 

II. Buch: Erhebung 1820—23. 

7. Kap. Die letzten Sonaten (Opp. 109, HO, 111). . . 240 

8. Kap. Die Ouvertüre „Zur Weihe des Tempels" . . 282 

9. Kap. Pr&ludien zur Neunten Symphonie 333 

10. Kap. ,, Freude schöner Götterfunken" 368 

III. Buch: Vollendung 1824—27. 

11. Kap. Die Akademie vom Mai 1824 443 

12. Kap. Das erste der Letzten Quartette (Op. 127) . 507 

13. Kap. Das Amollquartett 552 

14. Kap. Das Bdurquartett (Op. 130) ' . 605 

15. Kap. Das Cismollquartett 660 

16. Kap. Das Schwanenlied in Op. 135 692 

17. Kap. Der Tod 736 

Schlusskapitel : Bestattung und Andenken 789 

Quellen, Zeugnisse und Anmerkungen 806 

Berichtigungen zu Band I u. II 968 

Namen- und Sachregister 970 

Druckfehler zu Band III 976 



Beethovens letzte zwölf Jahre. 



Einleitung. 



„Hast du schon von meinen grossen Werken dort ge- 
hört", schreibt Beethoven am 12. April 1815 an Amenda 
nach Kurland; „gross sage ich — gegen difc Werke des 
Allerhöchsten ist alles klein. 44 Wie sehr stimmt dies zu 
jenem Aufrufe der innerlichst ergriffenen Seele, als der 
Meister bei den grossen politischen Abschlussbegebenheiten 
seiner Tage sich mit einem Male persönlich auf die Höhe 
seiner. Zeit gehoben sah und deutlich erkennen musste, dass 
denn doch dasjenige, was sein Innres bewegte und was ihm 
allein Entgelt eines mühevollen Daseins war, die Empfin- 
dung des Ewigen, als tiefe Ahnung auch in seiner Zeit 

■ 

und Umgebung walte, — zu dem Gelübde: zu schaffen 
„zur Ehre des Allmächtigen, des Ewigen Unendlichen" 
Ebenso sagte er im nächsten Frühjahr 1816 „so vor sich 
hin": „Mir schweben ganz andere Dinge vor!" 

Diese jetzt mit voller Gewalt hervortretende Hinwen- 
dung auf das Allumfassende und Dauernde, die sehr bald 
in persönlichen Erlebnissen, in dem Tode seines Bruders 
und in dem daraus hervorgehenden gränzenlosen Wirrsal 
seines äusseren Daseins noch mehr Nahrung finden sollte, 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 1 



entspricht denn auch nur der mehr und mehr hervor- 
tretenden Stimmung seiner Zeit überhaupt, und er nimmt 
als echter Künstler nur das Gefühl voraus, welches bald 
jedes tiefere Gemüth durchdrang und allmälig zur Grund- 
lage der Gesammtauffassung des Lebens und Anfang der 
dtfNtfation wurde, — das Gefühl, dass eine 
ig des ganzen Wesens, eine geschlossene Hin- 
das All und Ewige und eine unmittelbare 
ing mit dem Schooss des Daseins nothwendig 
sei, nicht blos um die so vielfach auseinandergezerrten 
Elemente unseres Lebens von neuem zu vereinigen, sondern 
um nur überhaupt nach all den schweren Schlägen, die 
uns seit mehr als zweihundert Jahren getroffen und in der 
gesammt-en Entwicklung fühlbar geschädigt hatten, endlich 
wieder selbständig dazugaben. 

Tief ergriff nach so langen Leiden und Prüfungen, die 
auch die Erinnerung an den 7 jährigen wie den 30jährigen 
Krieg wieder wachrufen mussten, sogar die Massen das 
Gefühl davon, dass bei uns sogar viel gesündigt worden 
und dass die Entfremdung von der eigenen Bahn und Art 
denn doch die letzte Ursache jener langen Trauerzeit sei, 
die ßs jetzt zu heben gelte. Fichte mit dem grossen 
freien Blick in den Geist seiner Nation hatte das Ziel des 
Menschengeschlechts „mit Freiheit sich zu dem zu machen, 
was es eigentlich ursprünglich ist 4 ', als Aufgabe besonders 
seinem deutschen Volke zuerkannt, das vor allem „wahre 
Keligion" habe. So war es dieser Nation denn auch vor 
allem gelungen, den Glauben der Väter, das Ideal ihres 
Wesens wiederzufinden und mit dieser neugewonnenen Zu- 



r 



sanunen&ssung der Kraft zunächst des äusseren Feindes 
Herr zn werden. Aber man empfand auch, dass es die 
äußerste und gesammte Kraftanspannung war, dessen man 
hier bedurft hatte, und dass nur eine ruhig geschlossene 
Zusammenhaltung sowohl diese Kraft wieder zu erzeugen 
wie auch zu einer sicheren Macht zu steigern vermöge, 
damit solche schmähliche Niederwerfung und Niederhaltung 
ferner unmöglich sei Und dies, nicht etwa blosse phy- 
sische oder moralische Erschöpfung, nein das Bewusstsein 
erneuter innerer Erhebung und das Bedürfniss, solche wür- 
digere Art des eigenen Daseins sich für alle Zukunft zu 
sichern, war es was die Nation im Süden und Norden 
unseres Vaterlandes gleicherweise von neuem zum „All- 
mächtigen, Ewigen, Unendlichen 14 und damit zu einem con- 
centrirteren Dasein und Wollen führte. Der tiefere Sinn des 
Volkes begann den fahlen Schein so mancher halben oder 
falschen Götterbilder zu erkennen, die auch bei uns Mode 
geworden waren, und aller Orten regte sich auf das „Nun 
danket alle Gott", das so manchmal vom Schlachtfelde gegen 
den Sternenhimmel aufgeschlagen war, nun auch von neuem 
das innere Nahen zu diesem Gotte selbst, der so hehr und 
heilig geholfen, und das aufrichtige Bedürfniss sich ihm 
neu und innig zu verbinden. 

Und nichts oder doch wenig hatte dies heilige Be- 
dürfen» und echt religiöse Gefühl der Nation mit dem- 
jenigen zu thun, was ihm jetzt allerdings fast von allen 
Seiten mit heilkünstlerischer Aufdringlichkeit als die wahre 
Arznei angepriesen wurde. Nichts dürfen wir hier anneh- 
men von dem Kenegatenthum eines Z. Werner und 

i* 



Fr. Schlegel im katholischen Süden, nichts von dem 
pietistischen Heiligthun im protestantischen Norden, wiö 
es ebenfalls kaum jemals fratzenhaft widriger sich hervor- 
gedrängt hat Dass hier Staat und Kirche gleicherweise 
empörend mit dem weihevollsten Bedürfen der Zeit und des 
Volkes spielten und Tugendbund wie Beichtpredigt nach 
Gräften förderten, — dass selbst scheinbar edle und freie 
Geister der Wissenschaft und Kunst oder auch der Politik 
und ßeligion diesen edelsten und freiesten Geist der Nation 
nicht erkennen und ihn vielmehr in neue Bahnen innerer 
Gebundenheit leiten wollten, dies wie aller Missbrauch, der 
mit solchem tiefen Bedürfen der Zeit getrieben war, nimmt 
demselben nichts von seiner Beinheit und Weihe, sowie es 
sein wirkliches Bestehen nicht widerlegt und seine nach- 
haltige Wirkung nicht hemmen konnte. Und das Volk ver- 
stand eine Stimme wie Fichte's sehr wohl, wenn sie ihm 
die wahre Beligion auch in der Form des Christenthums 
predigte. Denn es war ein Christenthum, „in das das freie 
Denken des Alterthums eingeführt ist 44 — , es lehrte, dass 
reines Wohlgefallen am Guten in der Wurzel des Menschen 
sei, nicht aber „Sündhaftigkeit 44 , — und dass aus solcher 
Auffassung unseres Daseins „die Welt des ewig fort aus dem 
Geiste zu entbindenden Seins aufstrahlen solle 44 , — alles 
Dinge, die mit jener charlatanistischen Quacksalberei in 
Staat und Kirche nichts gemein hatten! 

So erkennen wir denn heute, nach einem halben Jahr- 
hundert mannigfachster und schwerster Kämpfe und Ent- 
wicklungen, dass der Drang nach Selbstsein und Ganzheit, 
der uns das grosse politische Besultat unserer Tage gebracht 




T^ 



hat, ein gar alter ist und in den frühen Kegungen des Be- 
wusstseins der Nation von ihrem Wesen und von ihrer 
Au%abe in der Welt gründet Sein Kern wird sich denn 
auch um so reiner hervorschälen, jemehr auf anderen, tie- 
feren Gebieten ebenfalls die Abwerfung beginnt, die uns 
auf politischem so wohlgethan, und es mag sich erweisen, 
dass es im letzten Grunde jenes wahre Menschheitsbedürf- 
niss war, was damals von neuem mit Macht in der Nation 
erwachte, 'das Bedürfniss des Volks bei sich und 
seinem Wesen, bei seinen innersten Anschauungen vom 
Ganzen und Ewigen zu sein, — jene hohe Anschauung von 
Welt und Menschheit, die Fichte zu "dem stolzen Gefühl 
führte, das deutsche Volk sei kein Volk, das deutsche Volk 
sei die Menschheit! — 

Als der eigentliche Gradmesser, ja fast als der nächste 
reale Beweis solcher allwaltenden Idealstimmung einer 
Zeit und Nation, deren Kesulsate die Geschichte oft erst 
spät aufweist, haben nun eben vor allem die „grossen 
Geister 44 eines Volks zu gelten, und unter ihnen wieder 
stehen bei solcher Zeichnung jeines noch im Lichtnebel des 
Wunsches sehwebenden Bildes naturgemäss die Künstler 
voran. Hier aber, wo also alles noch wesentlich Stimmung, 
Gefühl, überschwängliches Wähnen und seliges Träumen ist, 
liier waltet nach allem, was wir auch bisher von ihrem Wesen 
erkannten, vor allen Künsten die Musik als Herrscherin. 
Und keines Künstlers mehr als des grossen Beethovens 
Werke, eben „die ganz anderen Dinge, die ihm vorschweb- 
ten" sind es, was hier der Empfindung der Zeit und der 



6 

Bewegung der Nation dauerndste Denkmale gesetzt und 
ihr zugleich die Bahn zur Erreichung des Zieles, zu der 
„Freude schönem Götterfunken" freihalten halt 1 

Denn dass er in Wirklichkeit jetzt] „alles was Leben 
heisst, der erhabenen opfert und ein Heiligthum der Kunst" 
sein lässt, — dass er fortan nur „zur Ehre des Allmäch- 
tigen, des Ewigen, Unendlichen" zu schaffen strebt, das 
sagt uns nach einigen vorbereitenden kleineren Werken, be- 
sonders dem Adagio der Sonate Op. 106, und nachdem ein 
Requiem lange beabsichtigt war, zuerst mit vollem Er- 
guss jene Missa solennis, an die er durch volle 4 Jahre 
seine ganze Manneskraft und sein höchstes künstlerisches 
Können setzte. Hier lebt der Sinn, der das Individuum 
gegenüber dem Allumfassenden erfüllt und der auch einzig 
von den Geheimnissen des Ewigen zu reden weiss und die 
Schauer seiner Allmacht wieder zu erzeugen wie die Won- 
nen seiner Harmonie dem Gemüthe zu bereiten vermag, — 
jene tiefinnere Ergebung in das Walten des Ewigen, 
die allein einen friedeverheissenden Antheil an demselben 
gewährt 

Wie dann aber solch rückhaltlose Versenkung in den 
allnährenden Schooss unseres Daseins erst die volle Kraft 
zum Leben, zum Erfassen des Daseins gibt, so bezeichnet 
uns das bald darauf vollendete grösste Werk seines Genius, 
die Neunte Symphonie, die wahre Erhebung, die Er- 
hebung zum reinen Menschenthum, die nicht falsche Bilder 
und Scheinhelden auf die Bühne führt, sondern den ewigen 
Grund unseres Daseins zeigt und uns dadurch zu uns selbst 
erhebt 



Die Letzten Quartette, das au Gehalt und Form 
Besonderste, was die Musik bis dahin geboten, führten uns 
dann dieses Bild unseres Lebensgrundes und seine Be- 
wegungen und Erscheinungen im einzelnen aus und müs- 
sen uns in der erhabenen Freiheit ihrer Gestaltungen als 
die Vollendung jenes idealen Bingens gelten, womit 
dieser treue Kämpfer für der Menschheit höchste Güter das 
eigene prometheische Dasein beschloss. 

So bekundet auch in dieser abschliessenden Periode 
Beethovens Leben und Schaffen jenen ebenmässigen Rhyth- 
mus der echten Menschen- und Künstlernatur und bietet 
in sich selbst die Knotenpuncte , um welche das Schwan- 
kende der Erscheinung seines Lebens und das scheinbar 
Willkürliche seines Schaffens sich wie von selbst gruppiren. 
Und wie die Entwicklung dieses Künstlers selbst als eine 
im hohen Grade bedeutsame und geradezu typische er- 
scheint und der positive Gehalt seines Wesens und Schaf- 
fens im wahrsten Sinne allgemein geltend ist, so ist solch 
tiefere Erfassung von Beethovens Wesen| als allein er- 
folgreich festzuhalten, wenn jetzt zur] Betrachtung des 
biographischen Verlaufe dieser „letzten 12 Jahre" geschrit- 
ten wird. Denn in dieser Epoche seines Lebens sind un- 
gleich weniger äusserlich interessante oder gar gewichtige 
Thatsachen zu verzeichnen als vielmehr künstlerische Tha- 
ten, die fast einzig Ergebniss einer der blossen Tageswelt 
mehr ab- als zugewandten inneren Existenzj und Entfal- 
tung sind. 2 



I. Buch: Ergebung. 

1815—20. 



„Kurz ist der Schmerz, ewig ist die Freude". 

Erstes Kapitel. 
Die „Königin der Nacht". 

Damit wir sogleich wieder zu der entsprechenden 
Stimmung gegenüber Beethovens Wesen und Dasein ge- 
langen, sei zunächst eine Aufzeichnung „charakteristischer 
Züge" mitgetheilt, die der Dichter des „Glorreichen Augen- 
blicks" Dr. Alois Weissenbach i. J. 1816 in einem Buche 
„Meine Reise zum Congress" mitgetheilt hat. 

Er hatte im Sept. 1814 in Wien Fidelio gehört und 
den festen Entschluss gefasst nicht von dort wegzugehen 
ohne Beethovens Bekanntschaft gemacht zu haben. Sonder- 
bar genug fand er zu Hause dessen Karte mit einer herz- 
lichen Einladung zum Morgencaffee vor: „und ich trank 
den Kaffee mit ihm, und seinen Kuss und Händedruck 
empfing ich!" Die „heroische" Cantatenarbeit einte dann 
Beide zu einer innigeren Beziehung, die sich auch nach 
Jahren bei Weissenbach mit gleicher enthusiastischer Ver- 



9 

ehrang für seinen „Herzensfreund* 4 äussert Er „glaubte in 
die Natur seines Geweihten geschaut zu haben" und schreibt 
noch 1819 von seinem Salzburg aus: „Tausendmal hab' 
ich hier schon an Sie und an Ihr verkanntes, von der 
grossen Welt erdrücktes Herz gedacht" Ist nun seine Dar- 
stellung auch zuweilen im Ausdruck etwas überschwäng- 
lich und gespreizt, so liegt doch ein tiefes Gefühl von Beet- 
hovens eigentlicher Natur zu Grunde, und es ist nur in 
der Ordnung, diesem Beobachter hier zuerst das Wort zu 
geben. 

„Beethovens Körper hat eine Rüstigkeit und Derbheit, 
wie sie sonst nicht der Segen ausgezeichneter Geister sind, 
aus seinem Antlitz schaut Er heraus", beginnt es ganz 
nach dem Eindruck, den auch das Bild von Letronne macht 
Habe Gall die Provinzen des Geistes auf dem Schädelbogen 
richtig aufgenommen, so sei das musikalische Genie an 
Beethovens Kopf mit Händen zu greifen. Die Küstigkeit 
sei jedoch nur seinem Fleisch 'und Knochen eingegossen; 
sein Nervensystem, sei im höchsten Grade reizbar und sogar 
kränkelnd: „wie wehe hat es mir oft gethan in diesem 
Organismus der Harmonie die Saiten des Geistes so leicht 
abspringen und verstimmbar zu sehen." Er habe einmal 
einen furchtbaren Typhus bestanden und von da datire sich 
der Verfall seines Nervensvstems und wahrscheinlich auch 
der ihm so peinliche des Gehörs: „oft hab' ich. darüber 
mit ihm gesprochen, (es ist mehr ein Unglück für ihn als 
für die Welt" Die Natur habe ihn ohnehin nur durch 
zarte und sparsame Fäden mit der Welt in Berührung ge- 
setzt, der Mangel des Gehörs isolire ihn noch mehr, wo- 



10 

durch er dann auch noch mehr auf sich selbst zurück- 
gewiesen und in die Notwendigkeit gedrängt werde, den 

« * 

ewig heitern Genius der Kunst von dem hypochondrischen 
Hunde anbellen zu lassen. 

Die weitere Schilderung betrifft Beethovens besonderen 
Charakter, der ganz der Herrlichkeit seines Talents ent- 
spreche: „nie ist mir in meinem Leben ein kindlicheres 
Gemüth in Gesellschaft von so kräftigem und trotzigem 
Willen begegnet. Inniglich hängt es an allem Guten und 
Schönen durch einen angebornen Trieb, der weit alle Bil- 
dung überspringt. In dieser Hinsiebt haben mich oft 
Aeusserungen dieses Gemüths wahrhaft entzückt — Nichts 
in der Welt, keine irdische Hoheit, nicht Reichthum, Bang 
und Stand bestechen es ; ich könnte hier von Beispielen 
reden, deren Zeuge ich gewesen bin. Diese hohe Reizbar- 
keit des Gemüths und der mächtige Trieb des Kunstgenius 
in ihm machen sein Glück und sein Unglück aus." Sosehr 
ihn also sein Humor vor der Welt warne und davon weg- 
treibe, so gebe ihn doch in vielen Fällen die Cnschuld des 
Gemüths vielen Streichen preis: „er hat mit seinem Loose 
durch bittre Erfahrungen hindurch müssen, aber so sehr 
ist seine Natur abgewendet von allem Getriebe der Welt, 
unerfahren darin und aller Sorge, ledig, dass er in alle 
Tücke derselben wie ein Kind arglos und unbefangen 
hineinlächelt." 

Mittheilenswerth ist dann noch das Folgende, das in 
einer Weise, wie sie nur die musikalische Natur dieses 
österreichischen Poeten erklärt, auch seinerseits „weit alle 
Bildung überspringt". Er schreibt: „Dieses Gemüth hat 



11 

jedoch nicht weniger Tiefe als Kindlichkeit. Seine An- 
sichten von dem Wesen, den Formen, den Gesetzen der 
Musik, ihren Beziehungen zn der Dichtkunst, zum Her- 
zen u. s. w, haben nicht weniger das Gepräge der Originali- 
tät als sein Tonsatz. Sie s^pd bei ihm im wahrsten Sinne 
eingeborne Ideen [!], nicht einstudirte Aphorismen. Ich 
weiss, dass Goethe, dessen persönliche Bekanntschaft er in 
Karlsbad [Teplitz] machte, ihn auch von dieser Seite 
schätzen gelernt hat" Seit Bettina's Aeusseruhgen oben 
II. 319 haben wir solche Ahnungen von Beethovens wirk- 
lichem Wesen hier nicht vernommen. 

Sehen wir jetzt zu, wie sich dieser Geist in seinem 
eigenen Thun und Lassen vor uns enthüllt, und beginnen 
als mit dem zuerst und dringlichst Abzuthuenden mit der 
Darstellung seines äusseren Daseins, um dann die künstle- 
rische und allgemein menschliche Entwicklung ebenfalls 
nach ihrem thatsächlichen Verlauf folgen zu lassen. 3 

* 

„Wenn du mir schreibst, brauchst du keiner weiteren 
Ueberschrift als meines Namens", so spricht die Nach- 
schrift jenes Briefes an Amenda selbst das Bewusstsein der 
Berühmtheit aus, zu welcher ihn als letzter Hebel die 
musikalische Begebenheit am Congress erhoben hatte. Wie 
stellt sich zu diesem Gefühle der stets allgemeiner werden- 
den Anerkennung zunächst seine .materielle Lage damals? 

Man habe nur für den Schuster, Schneider und Metzger 
zu arbeiten, äussert er selbst in einem der nächsten Jahre 
gegen Fräulein Giannatasio del Rio, und „Beethoven klagt 
über schlechte Zeiten auch in pecuniärer Hinsicht," steht 



12 

in den Notizen, die sich am 1. Juni 1816 Ainendas junger 
Freund Dr. Bursy aus Kurland in Wien gemacht hat 
„Er erzählte mir viel von Wien und seinem Leben hier, 
Gift und Galle wüthet in ihm, allem trotzt er, mit allem 
ist er unzufrieden und flucht besonders über Oesterreich 
und namentlich über Wien," heisst es dann, und „die 
Kunst steht nicht mehr so hoch über das (!) Gemeine, 
ist nicht mehr so geachtet und besonders nicht mehr so 
geschätzt in Bezug auf Belohnung;" „es geht hier lumpig 
und schmutzig zu, es kann nicht ärger sein, Niemandem 
kann man trauen; was man nicht schwarz auf weiss hat, 
das thut und hält kein Mensch; sie wollen, man soll arbei- 
ten und bezahlen wie die Lumpe, nicht einmal das Ver- 
abredete," lauten seine drastischen Ausbrüche, bei denen er 
oft mit der Faust so »heftig auf sein Ciavier schlug, dass 
es laut im Zimmer widerhallte. 

Der junge Kurländer aber schliesst daraus: „Für's 
Geld scheint Beethoven sehr importirt," und leider machten 
die Verhältnisse fortan, dass diesen Eindruck mancher 
Aussenstehende von dem Manne empfing, den ein wirklich 
Nahestehender, unser Dr. Alois Weissenbach, auch »nach 
dieser Seite hin richtig so beurtheilt: „Ich brauche wohl 
nicht zu bemerken, dass das Geld keinen andern Werth für 
ihn hat als den der Nothwendigkeit. Nie weiss er, wie- 
viel er bedarf und wieviel er hingibt. Er könnte reich 
sein oder reich werden, umgab' ihn nur ein Aug' und ein 
Herz, das liebend auf ihn sähe und redlich mit ihni theilte." 
Sogar in neueren Darstellungen hat sich jene entgegen- 
gesetzte Auffassung wiederholt geltend gemacht, sodass wir 



13 

genöthigt sind, diese Dinge hier den Thatsachen gemäss 
scharf ins Auge zu fassen. 4 

Allerdings belief sich nach dem Erbschaftsinventar der 
jetzt endlich festgestellte Jahresgehalt der drei grossmüthigen 
Fürsten auf 1360 Fl. Conv.-Münze, was den von Beethoven 
selbst mehrfach angegebenen 3<00 FL Wiener Währung 
entspricht. Allein wenn vielleicht in der That im allge- 
meinen damit zu jener Zeit ein einzelner Mann „ganz an- 
ständig auszukommen 14 vermochte, so vergisst man einer- 
seits, dass Beethovens körperliche Verfassung und die durch 
das Gehörleiden erhöhte physische Cnbehülflichkeit allein 
schon bedeutende Mehrausgaben machten, andererseits dass 
neben ihm in Wien ein „armer, unglücklicher Bruder 44 und 
bald darauf bei ihm das für seine spätere Lebenszeit* noch 
viel kostspieligere Wesen des „Sohnes 44 existirten, die beide 
und zumal der letztere mit niemals ruhendem Bedürfen „an 
seiner Sphäre sogen. 44 

„Unter den Individuen (welche Anzahl ins Unendliche 
geht), die leiden, ist auch mein Bruder, der sich seiner 
schlechten Gesundheit wegen pensioniren musste lassen, — 
er braucht viel, muss sich Pferd und Wagen halten, um 
leben zu können, (denn sein Leben ist ihm sehr' lieb) so 
wie ich das meinige gern verlöhre," schreibt er im Spät- 
herbst 1815 an seine Freundin Antonie Brentano geb. 
Birkenstock in Frankfurt, die ihm selbst nicht lange zuvor 
durch ihren Arzt von seinen Verhältnissen unterrichtet in 

■ 

Wechseln 300 FL C.-M. also ganze 200 Thaler dargeliehen 
hatte. Er selbst habe gethan, was er könne, aber es klecke 
nicht. Darum bitte er im Namen seines Bruders, dessen 



14 

f 

Stimmung man ans seiner Krankheit entschuldigen möge, 
jetzt um den Verkauf eines — Pfeifenkopfs für 10 Louisdor 
v in ihrem Hause, wo so viel Menschen verkehrten, und hofft 
„bei ihrer Grossmuth gegen ihn 44 Erfüllung dieser Bitte. 
Und wie viel war es, was hier „nicht gekleckt" hatte? 

„Ich kann sagen, er hatte einige Jahre die Lungensucht, 
und um ihm das Leben leichter zu machen, kann ich wohl 
das, was ich ihm gegeben, auf 10000 FL W. W. anschla- 
gen 44 , schreibt er selbst am 22. Nov. 1815, also 7 Tage nach 
des Unglücklichen Tode an Ferd. Bies in London. Und 
zwar hatte hier, wie wir aus dem Briefe an die Gräfin 
Erdödy vom 29. (!) Februar 1815 erfahren, ein moralischer 
Zwang geherrscht, weil der Bruder in der doppelten Be- 
drängniss seiner Krankheit und eines „schlechten Weibes 44 
sogar direct an Beethovens intimere Freunde sich wandte 
und ihn selbst dadurch # in Verlegenheit setzte. Heisst 
es nun auch weiter gegen Ries: „Mich freut es nunmehr 
mir selbst sagen zu können, dass ich mir in Bücksicht sei- 
ner Erhaltung nichts zu Schulden kommen liess, 44 so muss 
er doch iin einem Briefe an die Gräfin (19. Juni 1817) 
selbst diese ausserordentlichen Ausgaben als den Grund an- 
geben, wesshalb das -in der Congresszeit erworbene Kapital 
„so klein sei. 44 

Wie gross nun dieses letzter», sein einziger sichrer 
Bückhalt in späteren Jahren, überhaupt gewesen, darüber 
sind nur Vermuthungen möglich. Doch mag es ursprüng- 
lich etwa 3 — 4000 Fl. C.-M. betragen haben, wenn wir im 
gerichtlichen Inventar von 1827 sieben Bankaktien von je 
1068 FL nach damaligem Curs verzeichnet finden und von 



15 

Breuning vernehmen, „der Curs habe das kleine Capital der 
Congresszeit auf das Doppelte steigen gemacht 41 Und zwar 
sind diese Ariden vom IS. Juli 1819 datirt Es ist aber 
anzunehmen, dass schon von dem Moment an, wo Beet- 
hoven den Neffen wirklich als seinen Sohn betrachtete, ihm 
auch dieses- Capital als dessen unantastbares Eigenthum 
galt, von dem eben nur leihweise genommen und welches 
stets in gleicher Höhe erhalten wurde. Dass ausser der 
Wertherhöhung durch den Curs in diesen späteren Jahren 
noch etwas hinzugekommen, ist bei der stets zunehmenden 
Bedrängniss Beethovens nicht anzunehmen. 5 

Die Zinsen eines Capitals von so geringer Höhe konn- 
ten also nicht viel helfen. Ebenso müssen die Einnahmen 
aus der eigenen Arbeit damals immer noch nicht gross ge- 
wesen sein, mindestens nicht dem Aufwand an Zeit und 
Kraft entsprechend. Auch waren dieselben wegen ihrer 
Unregelmässigkeit zur Wirtschaftsführung wenig geeignet, 
selbst wenn eine solche hätte geregelter sein können als 
bei Beethovens Naturell, Erziehung und Lebensweise denk- 
bar war. Der Wiener Verleger Riedel klagte 1816 gegen 
Bursy, dass „Beethoven ungeheuer theuer mit seinen Arbei- 
ten sei 44 Für den Verleger waren seine Honorare wegen 
des Nachstichs vielleicht hoch, für ihn aber nicht Dafür 
trat jetzt allmälig in ausgedehnterem Masse als bisher Eng- 
land mit dem Ankauf von Werken ein, und nach der 
Correspondenz darüber floss manch hübsche Summe von 
dort nach Wien. Allein wie es auch sein mag, — und 
wir werden natürlich nie im Stande sein, die wirkliche lün- 
nahme Beethovens festzustellen oder auch nur einen sichern 



16 

Massstab für die Vermuthung ihres ümfangs zu finden — 
man wird sich im ganzen und gfossen dennoch an Beet- 
hovens Klagen als dem einzig Zutreffenden halten müssen, 
um seine Lage richtig zu beurtheilen, und dies um so mehr, 
als uns ja heute aus den verschiedensten Quellen die glei- 
chen Aeusserungen seiner Bedrängniss und seines Unmuthes 
vorliegen und wir zugleich wenigstens annähernd isein 
äusseres Dasein und seine Bedürfhisse zu übersehen im 
Stande sind. 

„Das schlechte Papiergeld unsers Staates ward schon 
einmal aitf den 5. Theil seines W«erthes herabgesetzt, ich 
wurde da nach der Scala behandelt" schreibt er am 1. Juni 
1815 an seinen Landsmann Salomon in» London. „Nach 
vielem Bingen erhielt ich, jedoch mit namhaftem Verlust, 
die volle Währung, allein wir sind in dem Augenblick, 
wo die Papiere schon jetzt wieder weit über den 5. Theil 
gestiegen sind, und mir steht bevor, dass mein Gehalt zum 
zweitenmal zu nichte werde, ohne einigen Ersatz hoffen zu 
können." Dieselbe Klage ertönt mit Sarkasmus im Herbst 
desselben Jahres gegen Frau Brentano: „Die Scheine füh- 
ren wirklich mit Becht ihren Namen", und am 22. Novem- 
ber ausführlich gegen Eies: „Ich habe 600 Florin an mei- 
nem Gehalte jährlich eingebüsst .... Nun sind wir auf 
dem Puncte, dass die Einlösungsscheine schlechter als je- 
mals die Bankzettel waren, ich bezahle 1000 FL Hauszins ; 
machen Sie sich einen Begriff von dem Elend, welches 
das Papiergeld hervorbringt." Am 8. März des folgenden 
Jahres aber noch genauer: „Mein Gehalt beträgt 3400 Florin 
in Papier; 1100 Hauszins bezahle ich, mein Bedienter mit 



\¥~r 



17 

seiner Frau 900 FL, rechnen Sie, was also noch bleibt 
Dabei habe ich meinen kleinen Neffen ganz zu versorgen; 
bis jetzt ist er im Institute, dies kostet bis 1100 Fl. — 
Wie viel man verdienen muss, um hier nur leben zu kön- 
nen! — und doch nimmts nie ein Ende, denn — denn — 
denn — Sie wissen es schon." Schon im Januar 1815 aber 
hatte es gegen Eanka geheissen: „Hier ist es so weit ge- 
kommen, däss alles aufs höchste gestiegen ist und bezahlt 
werden muss." Und in dem Hungerjahr 1816/17 muss er 
einer Einladung der Gräfin* Erdödy entgegnen, es handle 
sich nur um die grösst-möglichste sparsame Weise, um zu 
ihr zu kommen: „alles ohne Unterschied ist jetzt in der 
Lage hierauf zu denken, daher sei meine Freundin hierüber 
nicht betroffen." 

Was wissen wir nun Näheres von seinem äusseren Le- 
ben und Sein? 

Vom Jahre 1810 erzählt Bettina: „Seine Wohnung 
ist ganz merkwürdig, im eisten Zimmer zwei bis drei Flü- 
gel, alle ohne Beine auf der Erde liegend, Koffer, worin 
seine Sachen, ein Stuhl mit drei Beinen, im zweiten Zim- 
mer sein Bett, welches winters und sommers aus einem 
Strohsack und dünner Decke besteht, ein Waschbecken auf 
einem Tannentisch, die Nachtkleider liegen auf dem Boden. 
— Er ist durch seine Zerstreuung ordentlich zum Gespött 
geworden, man benutzt dies auch so, dass er selten soviel 
Geld hat, um nur das Nothdürfkige anzuschaffen. Freunde 
und Brüder zehren ihn auf, seine Kleider sind zerrissen, 
sein Ansehen ganz zerlumpt." In der gleichen „Sternwarte" 
beim Baron Pasqualati auf der Mölkerbastei fanden Hum- 

N o h 1 f Beethovens letzte Jahre. 2 



j 

18 ! 



mels, die im Frühling 1816 Wien verliessen, während der 
Congresszeit blauseidene Damastmöbel, die wohl der Haus- 
eigenthümer wegen der vornehmen Besuche hingestellt hatte, 
denen Beethoven jetzt oft ausgesetzt war. Doch zeigten 
sich bald Spuren beschmutzter Stiefel auf dem ungewohn- 
ten Stoffe, und in der Wohnung, wo der Dr. Bursy den 
Meister aufsuchte, Seilerstatt Nr. 1056, fand sich nichts 
dergleichen. e 

„Ich hatte durchaus die Idee, Beethoven müsste in 
einem der fürstlichen Schlösser hausen und im Schutze eines 
Mäcenaten seiner hohen Kunst leben. Wie sehr befremdete 
es mich, als mich ein anwohnender Häringskrämer in das 
Haus neben sich wies. Parterre fragte ich nach und hörte, 
Beethoven wohne im 3. Stock, 3 Treppen hoch. Also ganz 
wider mein Erwarten! Ein elendes Haus und nun noch 
drei Treppen hoch! Enge fuhren die steinernen Stiegen 
hinan. Eine kleine Thüre führte mich in ein kleines Vor- 
haus, das eins war mit der anstossenden Küche und Kinder- 
stube. Da empfing mich der Bediente, der mit seiner 
Familie zu Beethovens Hausgeräthe zu gehören scheint 44 
Dann trat Dr. Bursy, der dies erzählt, hinter einer dichten 
wollenen Thürgardine in das Arbeitszimmer, aus dem Neben- 
zimmer kam ihm Beethoven entgegen: „Seine Wohnung 
ist frenndlich, sieht nach der grünen Bastei und ist ziem- 
lich ordentlich und sauber eingerichtet. Das Vorzimmer 
hat auf einer Seite sein Schlafcabinet, auf der andern sein 
Musikcabinet, worin ein verschlossener Flügel steht" Beet- 
hoven selbst sei nicht wie Jean Paul, den Bursy kurz 
zuvor besucht hatte, in Lumpen gehüllt gewesen, sondern 



19 

ganz in Gala: „Das bestätigt mir, was ich schon von ihm 
gehört, dass er eitel sei" 

Uebergehen wir die kleinliche Folgerung, die der klein- 
liche Sinn des Erzählers auch hier wieder zieht, so wird 
uns zugleich Schindlers Mittheilung über den „schneidern- 
den Bedienten" zurückgerufen. Allein wie bald selbst 
solch geringe bessere Ordnung der Dinge wieder aufhörte, 
zeigt Fräulein del Eio's Anekdote: „Einst kam er; als er 
den Ueberrock auszog, bemerkten wir ein Loch am Ell- 
bogen, er musste sich dessen erinnert haben und wollte ihn 
wieder anziehen, sagte aber lachend, indem er ihn vollends 
auszog: jetzt haben Sie's schon gesehen." Im Herbst 1828 
fanden C. JL von Weber und J. Benedict gar wieder „die 
cykloplisch viereckige Gestalt in einen schäbigen, an den 
Aermeln zerrissenen Hausrock gekleidet." Im übrigen er- 
fahren wir also durch Bursy, dass die Wohnung, für die 
er 1100 FL Zins zahlte, — denn auch gegen Kanka heisst 
es am 2. !V{ai 1816: „Mein Hauszins macht 550 Fl. und 
wird eben hiervon bezahlt", nämlich von den 600 FL W. W., 
die Beethoven halbjährlich von Kinsky erhielt, — aus Küche, 
Kammer und 3 Zimmern bestand, ein bescheidenes Logis 
für solchen Preis damals! 

Nun kam aber später theils aus Bücksicht auf die 
eigene Gesundheit, die den Gasthaustisch auf die Dauer nicht 
vertrug, hauptsächlich jedoch aus Anlass der Aufnahme des 
Neffen die Einrichtung einer eigenen Wirthschaft, und was 
dies zum Theil auch durch die Unehrlichkeiten der Dienst- 
boten an pecuniärem Aufwand mit sich brachte, davon 
werden wir noch zur Genüge hören. „Der Teufel hat 



20 

meine 2-, 3 malige Einrichtung schon immer geholt", klagt 
er 1817 gegen seine Freundin Streicher. Wie erstaunlich 
einfach aber diese „ganze Einrichtung" wenigstens im Todes- 
jahre 1826/27 war, sieht man aus dem gerichtlichen Sterbe- 
Inventar, das die gesammte „Leibskleidung und Wäsche" 
auf 37 FL, die Hauswäsche und Zimmereinrichtung aber 
auf ganze — 156 Fl. C.-M. schätzt. Das 1. Zimmer enthielt 
danach 4 harte Tische, 8 Lederstühle, 3 harte Schublad- 
kästen etc., das zweite 2 alte Tische, 2 Stühle, 1 harten 
Schreibkasten, das 8. einen ledernen Schlafsessel, ein altes 
Sofa, einen Keisekoffer, und dem entsprechend die Küche 
ganze 14 Porzellanteller, einiges Steingut, einen Braten- 
wender und die ordinäre Kücheneinrichtung! Auch waren 
ganze 2 Tischtücher und 10 Servietten da. Im Luxus er- 
stickte der Mann nicht. Er war stets gleichgültiger gegen 
sein äusseres Dasein geworden. 7 

Was endlich die Lebensweise und die persönlichen Be- 
dürfnisse betrifft, so waren sie nach wie vor gleich einfach. 
„Ich fand Beethoven beim Schreibtisch an einem Noten- 
blatt und vor einem gläsernen Kolben, in dem er sich sei- 
nen Kaffee kochte" erzählt Dr. Bursy von seinem Abschieds- 
besuch am 27. Juli früh morgens um 7 Uhr, woraus sich 
zugleich die Tagebuchnotiz vom Frühjahr 1815 „immer 
von halb 6 bis zum Frühstück studirt" näher bestimmt und 
Schindlers Wort bestätigt, dass Beethoven in jeder Jahres- 
zeit mit Tagesanbruch aufzustehen und sogleich an den 
Schreibtisch zu gehen pflegte. Dieser verräth uns auch 
die Zahl der Bohnen, die auf eine Tasse gerechnet und 
oft persönlich abgezählt wurden, besonders wenn Gäste da 



21 

waren, nämlich 60, wobei den verehrten Hausfrauen die 
Entscheidung zufällt, ob nicht vielleicht wenigstens hier 
Verschwendung gewaltet. „So arbeitete er bis 2, 3 Uhr, 
die Stunde seines Mittagstisches," erzählt Schindler weiter, 
„In der Zwischenzeit lief er meist ein- oder zweimal ins 
Freie, wo er aber ebenfalls — spazieren arbeitete. Solche 
Ausflüge überschritten selten die Dauer einer vollen Stunde, 
sie blieben sich auch in jeder Jahreszeit gleich und weder 
Kälte noch Wärme wurden beachtet" 

Wenn also schon Mozart von der ruhigen Vormittags- 
arbeit auf dem Zimmer sagt: „Sie wissen, dass ich mich 
gemeiniglich hungrig schreibe", so kann man sich vorstellen, 
wie Beethoven nach so anhaltender geistigen und physi- 
scher Anstrengung meist „ausgehungert" in den Schwan 
oder die Birne kommen musste und ebenso, dass er 
dann, wie wir bereits von Simrock aus dem Sommer 
1816 vernahmen, vor allem des Weins bedurfte, um sich 
zunächst geistig zu recreiren, ja oft um nur Lust zum 
Essen zu bekommen. Erzählt doch ebenfalls Simrock, dass 
manchmal erst die drittgewählte Suppe mundete, was bei 
Beethovens Aeusserung gegen Fräulein del Bio „dass alles, 
was in Rücksicht von körperlicher Nahrung zu viel ge- 
schehe, als ein Diebstahl anzusehen sei" jedenfalls nicht 
gut auf Feinschmeckern gedeutet werden kann. Doch ist 
nicht zu vergessen, dass seine gestörte Ernährung strengere 
Auswahl der Speisen nothwendig machte. Als beliebte 
Gerichte nennt Schindler Macaroni mit Parmesan und 
Fischspeisen, besonders Schill mit Kartoffeln, und anderes 
ergibt sich bis zum Ueberdruss aus den Conversationsheften. 



22^ 

i 

Dazu Ofener Gebirgswein, auch wohl mit Eücksicht auf 
dessen diätetische Vortheile. Und wenn ein Freund mit- 
speiste, geschah noch ein kräftigerer Nachtrank. Leider 
mundeten ihm dabei nach Schindlers Behauptung die ge- 
fälschten Weine am besten, was viel Unheil in seiner Ge- 
sundheit angerichtet habe. „Wenn dieser Wein 3 Fl. kostet, 
was soll dann eine Sonate von B. kosten? — Antw. Eine 
Million," steht in einem der auf der Berliner Bibliothek 
befindlichen Conversationsbücher, die uns überhaupt solchen 
Mittags verkehr deutlich vergegenwärtigen. Freund Ber- 
nard und Kanne wurden oft dazu geladen oder auch 
der eine oder andere Musiker, wie der Kegimentscapell- 
meister Fr. Starke, damit das „Alltagsleben" nicht über- 
hand nehme. Und wenn dann die Geister wieder zum 
Dasein gesammelt waren, würzte Ernst und Scherz die 
Unterhaltung. So schreibt Bernard einmal „zum Compo- 
niren" auf: 

„Sagt; was ist der Mund ao bleich? 
Und wie singen Frosch' und Unken 
Ach so kläglich in dem Teich? 
Wasser haben sie getrunken. 
Aber seht die Sonne an! 
Könnt ihr diese Leere fühlen? 
Sie trinkt Wein auf ihrer Bahn, 
Steigt ins Meer um sich zu kühlen. 
Sonn' und Mond und Frosch' und Unken, 
Fort mit Wasser, Wein getrunken. " 

Ob dieser Scherz componirt, wissen wir nicht. Aber wohl 
sagt Schindler von unseren^ Meister: „Sein Lieblingsgetränk 
war frisches Brunnenwasser, das er zur Sommerzeit fast 



m^ P" 



23 

unmässig zu sich nahm/ 1 und in den Conversationen tadelt 
ihn Bruder Johann oft deshalb. 

„Die Nachmittage waren zu regelmässigen Spazier- 
gängen bestimmt, zu späterer Stunde pflegte man ein be- 
vorzugtes Bierhaus aufzusuchen, um die Tagesliteratur zur 
Hand zu nehmen, wenn dieses Bedürfhiss nicht bereits in 
einem Kaffeehause befriedigt worden war. — Die Winter- 
abende verbrachte Beethoven stets zu Hause, sie waren der 
ernsten Leetüre gewidmet Nur selten sah man ihn abends 
mit Notenschrift beschäftigt, weil dies zu angreifend für 
seine Augen war. 44 Und dass dann nicht oder nur in 
äussersten Fällen, wie bei der Missa solennis, „componirt" 
d. h. künstlerisch geschaffen wurde, ist gewiss. Die Neige 
des Tages war der Sammlung der Geister und Aufnahme 
„neuer Ideen durchs Lesen 4 * gewidmet, und „längstens um 
10 Uhr begab er sich zur Kühe", um mit Tagesgrauen von 
neuem ans „Studiren 44 und Schaffen zu gehen. 8 

Man sieht, in diesem Leben herrschte nur ein Gesetz, 
das der Arbeit oder vielmehr des Wirkens an seinem Werke. 
Denn wenn er gegen Fräulein del Bio äusserte: auf 
sein Leben halte er 1 nichts, nur wegen seines Neffen, so 
ist dies blos von dem rein physischen Hang zum Dasein 
zu verstehen und hat mit jenem inneren Leben und Weben 
nichts zu thun, das sein eigentliches Dasein ausmachte und 
das er sosehr gewissermassen mit einem ewigen Sein und 
dem unveränderlichen Lauf der Dinge verbunden fühlte, dass 
ihm der Gedanke an personliches Sein oder Nichtsein im 
Grunde gar nicht kommen konnte. Und dieses Bewusst- 
sein f das ihn in den Momenten seines künstlerischen Schaf- 



24 

fens erfüllte, keinem wechselnden Dasein anzugehören oder 
doch nicht ihm unterthänig zu sein, hob ihm in letzter 
Instanz die hier gesehene vielfache Beschränkung und Un- 
bill auf und Hess ihn schon in diesem „Alltagsleben" das 
Schillersche „Kurz ist der Schmerz, ewig die Freude", das 
er 1813 „Für Herrn Naue zum Andenken" und eben jetzt, 
am 3. März 1815 wieder L. Spohr als Canon ins Stamm- 
buch geschrieben, als wahr und wirklich empfinden, sodass 
er in Wahrheit der Sänger eines ewigen Lebens selbst im 
beschränktesten Erdendasein werden konnte. 

Ungleich mehr aber als all solche gemeine Bedräng- 
niss bedeutet für ihn und für uns jenes unglückliche Ver- 
hältniss zu seinen Verwandten. Erst hier wird auch in ihm 
aufs tiefste der Mensch angerührt und in volle Mitleiden- 
schaft und Thätigkeit versetzt. Es fundirt sich dadurch 
in ihm selbst eine neue Existenz, es ist die schwerste Probe 
der Echtheit seiner menschlichen Natur. Allein es begrün- 
det sich daraus auch jener tiefere Bestand seines Wesens, 
der ihn eben unter die Grossen und Tüchtigen unseres 
Geschlechts gesetzt hat Wir haben deshalb jetzt zunächst 
dieses Yerhältniss nach dem ganzen Umfang seines Ent- 
stehens und seiner Natur zu verfolgen. 



„Erhabener Geist, du gabst mir, 
Gabst mir alles, warum ich bat," — 

wenn je in den Momenten des eigentlichen Daseins, also 
bei einem Künstler in jener Schaffenswonne, wo ihm das 
Ewige „sein Angesicht im Feuer zugewendet* 4 , ein Mann 



77*7? 



T?^ 



25 

dieses Gefühl des Antheils an dem höchsten Besitz beseli- 
gend empfanden, so war es dieser Beethoven. Aber selten 
auch war ein Künstler so berechtigt zu der menschlichsten 
aller Vorwurfsfragen , warum das Geschick Ihm einen Ge- 
fährten gegeben, der ihn stets wieder in die ganze Endlich- 
keit des Daseins zurückziehe und fast „zu nichts die 
Gaben wandle". Obendrein war dieser Gefährte hier nicht 
die unablegbare Kehrseite der eigenen Natur, die als Correc- 
tiv unseres Erdengötterthums nun einmal nothwendig 
scheint Sondern durch den Zufall der Geburt war mit 
dem eigentlichen Wesen und Wollen Beethovens diese ganze 
Welt der Trivialität und innern Geringfügigkeit in Verbin- 
düng und zwar in eine unauflösliche gesetzt Selten hat 
eine blosse Blutsverwandtschaft und ihr Anhang einen 
Menschen von Bedeutung und hohem Streben so sehr stets 
in das kleinlichste Treiben und Bedürfen hinabgezogen und 
leider obendrein durch entfachte eigene Leidenschaft oft 
»»vor sich selbst erniedrigt". Und wenn er auch theils 
durch einen unerschöpflichen Schatz von Herzensgüte, theils 
durch grimmig lächelnde Ignorirung stets wieder darüber 
Herr zu werden oder doch das Gleichgewicht herzustellen 
wusste, so ist doch nicht zu leugnen, dass die aus diesem 
Verhältniss stets hervorgehenden Erregungen und Kämpfe 
in der spätem Lebensperiode förmlich aufreibend auf ihn 
gewirkt haben und wesentliche Mitursache gewesen sind, 
dass dieser riesenkräftige Organismus bereits in den besten 
Mannesjahren in seiner Thätigkeit versagte und versiechte. 
Denn als er endlich — nach dem Selbstmordversuche des 
Neffen — die ganze bleierne Schwere dieses Verhältnisses 



26 

überwand und mit einem kräftigen Stoss sich des kahlen 
Egoismus seiner Verwandten entledigte, da war es zu spät, 
— die Spitze des Dolchs war in sein Leben gedrungen, 
und das letzte Krankenlager enthüllt völlig jenen gründ- 
lichsten Menschenverächter, zu dem er aus wahrer Men- 
schenliebe werden musste. „Entheiligung dessen, was es 
liebt und ehrt, durch Gesinnung Wort und Werk kann es 
zu Zorn Wehre und auch Thränen bringen", sagt wieder 
wenn auch etwas überschwänglich doch wahr genug Dr. 
Weissenbach von „diesem Gemüthe". „Darum ist es mit 
der gemeinen Welt auf ewig zerfallen. Für das moralische 
Eecht ist es so heiss erglüht, dass es sich dem nicht freund- 
lich mehr zuzuwenden vermag, an dem es eine böse .Be- 
fleckung erschauen hat müssen." 

Nun die „gemeine Welt" und die „böse Befleckung", 
die ihm so viel zu thun machte und der er sich doch 
immer wieder „zuzuwenden" genöthigt war, sind eben mehr 
als alles andere diese Brüder, diese Verwandten, deren 
Geschichte freilich nicht viel von einer Chronique scandaleuse 
abweicht, die aber unentwirrbar in das Gewebe von 
Beethovens Leben hineingewirkt sind und schliesslich un- 
willentlich und unwissentlich sosehr geholfen haben, den 
ganzen Menschen in ihm hervorzutreiben, dass wir eben 
genöthigt sind, sowie alles, was ihn zu diesem „Grossen" 
gemacht,' auch dieses private Verhältniss trotz seiner 
eigenen Scheu vor Berührung dieser Dinge thatsächlich 
genau vorzutragen und so die Welt selbst auch über diese 
menschlichen Vorgänge zum Siebter zu machen. Liegt doch 
in dem „Verhaftsbefehl. Untersuchung gegen Lud- 



^TP 



» - 



27 

wig und Maria von (!) Beethoven in Wien, wegen 
Betrngs. Im Namen Sr. Maj. des Königs von Bayern," 
der vom 1. Mai 1872 datirt in den Blättern stand, ein Facit 
dieses Znsammenhanges vor, wie es nicht erschreckender 
aber auch nicht sichrer überzeugend und selbst blödem 
Zweifel die Augen öffnend gezogen werden konnte! Und 
dies ist es, was dem Biographen heute nicht blos die Sache 
erleichtert, sondern ihn dazu nöthigt ein Verhältniss auf- 
zudecken, das, wenn es überhaupt gekannt war, bisher be- 
schränkte Sinnesart und falsches Schicklichkeitsgefühl mit 
dem Mantel der christlichen Liebe bedecken oder doch mit 
übelangebrachter Verschämtheit verhüllen zu sollen wähnte, 
das aber jetzt durch seine Consequenzen seinen eigenen 
Grund enthüllt hat Dieser wegen mehrfachen Betrugs in 
München criminaliter verfolgte Ludwig von Beethoven oder 
wie er selbst am liebsten sich schrieb „Louis de Beethoven" 
ist niemand anderes als der einzige Sohn jenes so unend- 
lich geliebten und treu gehegten Neffen, der letzte Erbe 
des grossen Namens in Deutschland, den so garstig befleckt 
nun auch noch seltsame Fügung gerade mit dem Fürsten 
in Verbindung bringen musste, der der Kunst "Beethovens 
und seiner Nachfolger der treueste und nachdrücklichste 
Pfleger geworden, König Ludwig IL von Bayern. 

Ebenso werden wir nirgend abschwächen noch schön- 
färben, obwohl hier nicht entfernt „selbst im Widerwär- 
tigen grosse tüchtige Züge" oder gar „Verbrechen blutig 
colossal" sind. Nein ganz wie Beethoven selbst, um die 
richtige. Bezeichnung der Sache zu wiederholen, sich nicht 
blos durch die gemeine Noth, sondern eben durch die 



28 

Noth des Gemeinen hindurchzuwinden hatte, haben auch 
wir uns dem wirklichen Verhalt der Sache, so modern 
kleinlich widrig sie sein mag, einfach zu bequemen. Denn 
nur solch rückhaltlose Darstellung vermag uns hier in den 
Zusammenhang einzufuhren und die Verbindungsfäden 
zwischen dem wirklichen Leben und dem Beethoven auf- 
zudecken, dessen Musik uns bei ihrem ersten Erklingen 
allerdings sofort „den Göttern nah* und näher bringt". 
Höchstens werden wir an diese höhere Sphäre noch dann 
und wann durch den Charakter der Komik erinnert werden, 
der solcher menschlichen Beschränktheit naturgemäss inne- 
wohnt und den Beethoven selbst in einzelnen Momenten 
des Aufeinanderplatzens der Gegensätze auch nach seiner 
Weise zum Humor erhebt Ebenso blitzt manchmal in 
solchen mit der vollen Drastik eines SJhakspeare'schen 
Lustspiels vor sich gehenden Scenen des wirklichen Lebens 
neben dem tiefen Gemüth und der energischen Willens- 
bestimmung des grossen Mannes auch sein Witz und Geist 
in voller Blendung hervor. Allein im ganzen hat man 
hier leider die ganze Seichtigkeit des Lebens durchzuwaten. 
Und wie dem allem sei, wir haben bei diesen Darlegungen, 
die erst mit dem allerletzten Scenenwechsel von Beet- 
hovens Leben ihr Ende finden, stets nur den ernsten 
letzten Zweck der Darstellung eines grossen und wahren 
Menschenlebens festzuhalten, um so gleich Dante an der 
Hand eines wahrhaft guten Genius durch den Sumpf all 
dieser Verhältnisse hindurchzukommen und mit befreitem 
Lebensblick am rechten Ziele anzugelangen. 9 



.t 



29 



Also die beiden Brüder Karl, wie er sich in Wien 
aus Kaspar umgetauft, und Johann, die Beethoven schon 
daheim ein gutes Theil seiner Zeit und Kraft gekostet 
hatten, waren schon lange ebenfalls in Oesterreich. Johann, 
der jüngere, besass bereits seit Jahren eine Apotheke in 
Linz, wie Schindler ohne Zweifel nach Beethovens eigenen 
Mittheilungen behauptet, durch die Hülfsmittel, die dieser 
ihm gereicht Er hatte sich aber in den Kriegsjahren, ob 
1809 oder 1818/14 wusste Frau Karl van Beethoven nicht 
zu bestimmen, durch Lieferungen ein so bedeutendes Ver- 
mögen erworben, dass er sich um 1819 das Gut Gneixen- 
dorf bei Krems an der Donau kaufte. War ihm dies 
Anlass genug sich gegen Beethoven und Andere oft genug 
zu rühmen, sein Bruder werde es nie soweit bringen wie er, 
so schickte dieser, als er am Neujahrstage 1823 mit Schind- 
ler und dem Neffen beim Mittagstisch sitzend vom Nach- 
barhaus her eine Karte bekommt: „Johann van Beethoven, 
Gutsbesitzer* 4 dieselbe sogleich zurück mit den Worten 
auf der Rückseite: „Ludwig van Beethoven, Hirnbesitzer". 
Dem entspricht, dass nach Fräulein del ßio's Erzählung 
Beethoven ihn immer laut lachend „mein Bruder, der Apo- 
theker* 4 genannt Denn wahrlich ein Hirnbesitzer war er 
nicht Doch waren dies nur gelinde und durch Humor 
gewürzte Ausbrüche der mitleidsvollen Missachtung, die 
Beethoven gegen dieses sonderbare Menschenwesen hegen 
musste, das in der That ein sehr komisches Gebräu aus 
geistiger Beschränktheit, schlauer Geldgier, eitler Selbst- 
zufriedenheit und jämmerlichster Unmännlichkeit und Cha- 



30 

rakterschwäche war, so recht eine Spottgeburt aus Dreck 
und — Pflegma, das heisst ganz ohne Mephistos Witz und 
nur zu berechtigte Menschenverhöhnung. 

Die entscheidenden Mittheilungen sind erst da zu 
machen, wo diese wirkliche Theaterfigur mit auf die Bretter 
tritt, die bei einem Künstler wie Beethoven allerdings zu- 
gleich „die Welt bedeuten". Hier nur einige charakteri- 
sirende Nebenzuge. Schon oben (IL 260) hörten wir, wie 
besorgt der Herr Bruder war, dass er sein bei momentaner 
Verlegenheit vorgeschossenes und ausgelegtes Geld nicht 
zurückerhalten möchte. Ja Beethoven musste bei solchen 
natürlich öfter wiederkehrenden Anlässen, wo es vielleicht 
sein eigenes kurz vorher wohlverdientes Hab und Gut war, 
was er da geliehen bekam, — denn namentlich die Pretio- 
sen waren vor den Fingern dieser „raubgierigen Croaten" 
niemals sicher, und im Sterbeinve^tar steht nur ein einziger 
Ring im Werth von 90 PL verzeichnet, — Beethoven 
musste dabei sogar unedirte Manuscripte als Pfand hinter- 
legen. Wie gross aber der Widerwille des Künstlers war, 
einen solchen Mann „Zeuge seiner Thätigkeit" sein zu 
lassen, ersehen wir aus einem kleinen Vorfall der gleichen 
Zeit von 1807. „Se. Durchlaucht der Fürst Lichnowsky 
ersucht Herrn Beethoven einer musikalischen Abendunter- 
haltung beizuwohnen, die heute Abend im Augarten statt- 
findet. Man versammelt sich um 7 Chr. Wien, den 11. März 
1807", — mit diesem Billet an ihn ging Johann hin. Doch 
als Beethoven ihn sah, verlangte er, dass „der Herr dort 
im grünen Leibrock" den Saal verlasse, und man kennt 
Beethovens Willen. Wir citiren weiter noch einmal das 



31 % 

Wort Beethovens aus den Conversationen von 1823, das 
oben irrthümlich auf Karl gedeutet ward: „Schon meines 
Bruders- Heirath beweist sowohl seine Unmoralität als 
seinen Unverstand 44 , und gehen den ferneren Eigenheiten 
des „Hterrn Frater" nach. Sein Viergespann von möglichst 
auffallend aufgeschirrten Bappen ist noch heute gar man- 
chem Wiener erinnerlich. Denn erst am 13. Januar 1848 
gibt sich der einzige Erbe Karl van Beethoven „die Ehre, 
die höchstbetrübende Nachricht mitzutheilen, dass sein ge- 
liebter Oheim Herr Johann van Beethoven gestern morgen 
im 72. Jahre seines Alters seelig im Herrn entschlafen sei!'* 
Und welch exorbitanten Werth er seines Bruders Werken 
beilegte, das beweist die wieder von Frau van Beethoven 
mitgetheilte Thatsache, dass seine Rosse den Namen — 
Beethovenscher Werke trugen: Fidelio, Egmont etc. So 
lenkte er — jeder Zol^ ein Apotheker früherer Tage — 
tagtäglich in thunlichst hervorleuchtendem Kostüm durch 
die Leopoldstadt in den Prater und liebte nach Fräulein 
del Rio „überhaupt viel Staat zu machen, wie sich für 
seinen Standpunct nicht schickte* 4 , um so auf seine Person 
vielleicht etwas von der allgemeinen Aufmerksamkeit und 
Bewunderung abzuleiten, die sein grosser Bruder genoss. 
Dabei war seine Erscheinung durchaus unangenehm. K. 
Czerny schildert ihn als „klein, rothhaarig, hässlich," 
Schindlers Schwester Frau Egloff aber sagt: „mit den ein- 
gekniffenen lauernden Augen [eins davon war in Folge 
von Krankheit halb lahm], — dem schiefen Munde und dem 
vorsichtig langsamen Sprechen", so dass all die Namen, die 
Beethoven ihm gab, Kain,* Asinasios, Gehirnfresser, Judas 



32 

Ischarioth, Pseudo, wie auch Signor fratello, als Johann 
1819 in Italien gewesen, wohl begreiflich sind. Andere 
Benennungen seiner und seiner Familie werden uns noch 
in weit hässlichere Tiefen einweihen, die erst später zu be- 
rühren sind. 10 

Bruder Karl, der andere dunkle Punct in Beethovens 
Leben, scheint für seine Person mehr Mitleid als spöttische 
Missachtung zu verdienen und war auch von Beethoven 
selbst herzlich geliebt Er hatte, wie wir wissen, im Jahre 
1806 Johanna Beiss, die etwa 20jährige Tochter eines 
wohlhabenden Tapezirers in Wien geheiratet. „2000 Fl. 
brachte die Jungfer mit", schreibt Beethoven unter Notizen 
über diese Dinge auf. Sie besassen nach Starkes Mitthei- 
lung aber auch „in der Aisergasse bei die drei Läufer ein 
Häusgen", und zwar im Werth von 16,000 Fl., ohne Zweifel 
von ihrer Seite her. War so für den Sohn eines kurfürst- 
lichen Hoftenoristen und einer bürgerlichen Glaserstochter 
die soziale Sphäre nicht eben überschritten und schien so- 
gar mit dieser Heirat sein Glück gemacht, so darf man 
wohl sagen, hier „zog das Unglück in das Haus". Denn 
„er hatte ein schlechtes Weib", lautet das erste vollgültige 
Wort, das wir von Beethoven selbst in dem Satyrspiel, das 
neben seiner Lebenstragödie herläuft, über diese Persönlich- 
keit hören, und sie würde unbedingt die Krone des Spiels 
verdienen, wenn nicht später noch Bruder Johanns „Schöne 
Helena" neben sie träte und ihr nach Kräften den Bang 
streitig zu machen wüsste. Sämmtliche Nachtseiten jener 
Phase des Wiener Lebens, wo der Stachel der Lust noch 
nicht empfunden ward und alles wie im Paradies zu leben 



TW 



. % - w b 



83 

schiea, finden sich in dieser Frau zur vollen Erscheinung 
ausgeprägt und in wahrer Unverwüstlichkeit fortwirkend. 
Sie starb erst i J. 1868, allerdings fast auf leerem Stroh, 
aber 82 Jahre alt ! Leichtsinn jeder Art, vor allem zügel- 
lose Sinnlichkeit, Putz- und Verschwendungssucht, Verlo- 
genheit, Unredlichkeit, Lust an Jntrigue und wie die Tu- 
genden alle heissen, die ihr nachgesagt werden, bildeten aus 
ihr ein wahres Pendant zum Bruder Johann, der allerdings 
gegen solche Energie der Lebenslust erst recht wie ein altes 
Weib erscheint* Aber Bruder Karl ward dabei sehr un- 
glücklich. Er sah sich von dieser „Königin der Nacht", 
wie Beethoven sie kurzweg nennt, bald an allen Ecken 
und Enden betrogen und sogar bestohlen. Denn schon im 
Jahre 1811 hatte sie nach den Wiener Landesgerichtsacten 
einen Monat Polizeiarrest — nicht Zuchthaus, wie gesagt 
ward, — auszustehen* weil sie sich eine Vermögensverun- 
treuung gegen ihren eigenen Mann hatte zu Schulden kom- 
men lassen. Und wie es bei solchen Umständen im Haus- 
wesen stehen musste, davon kann man sich die Vorstellung 
leicht selbst machen. 11 

Und doch war es hier, wo Beethoven manchmal, be- 
sonders abends, nach wohlbegreiflichem Bedürfhiss den 
inneren Menschen im häuslichen Kreise ausruhen lassen 
musste. Denn es war das einzige Haus, wo er ein natür- 
liches Recht zu einem gewissen Daheimsein hatte. Vorab 
Fest- oder Familientage wurden dort zuweilen gemeinsam 
begangen. So erzählt Kapellmeister Starke von einem 
„Nahmensfeste" Beethovens (25. August), wo er ihm auch 
einmal dort eine militärische Nachtmusik, „die merkwür- 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 3 



34_ 

digste", gebracht hatte und dann an den „andern Vergnü- 
. gungen" theilnehmen musste. 

Auch hatte ja der Bruder oft in Geschäftssachen aus- 
zuhelfen, und wenn ihm auch wegen Handlungen, die mit 
Beethovens Namen nicht verträglich waren, der Verkauf der 
Werke nicht weiter anvertraut ward, so barg doch Beet- 
hoven, der im eigenen Quartier dafür nicht Sicherheit zu 
haben glaubte, bei diesem Bruder manches seiner Manu- 
scripte. Gleichwohl kann der Besuch in einem solchen Hause 
nicht eben häufig gewesen sein und Beethoven sah den 
Bruder Karl oft längere Zeit nicht So liegt wieder eine 
Mittheilung der Frau Karl van Beethoven vor, die in diese 
Periode fällt. 

Eines Tags, so erinnerte sich ihr Mann, der Neffe, aus 
der Knabenzeit, seien sie daheim miteinander zu Tische 
gesessen, sein Vater schon sehr krank. Plötzlich sei die 
Thüre aufgegangen und Beethoven hereingestürzt mit den. 
Worten: „Du Dieb, wo sind meine Noten?" Darauf habe 
es eine heftige Scene gegeben, wobei die Mutter nur alles 
zu thun gehabt, um die Brüder auseinander zu bringen, 
und endlich seien die Noten aus der Schublade vor Beet- 
hoven hingeworfen worden. Dieser habe sich dann beru- 
higt und seinen Bruder um Verzeihung gebeten, der jedoch 
nichts von ihm habe wissen wollen, vielmehr weidlich ge- 
schimpft habe, worauf Beethoven ohne die Noten mitzu- 
nehmen aus dem Zimmer fortgestürzt sei. Sein Vater habe 
dann noch weiter geschimpft, er wolle den Drachen (?) 
nicht mehr im Hause haben etc. Kurze Zeit nachher aber 
sei ihnen auf der Ferdinandsbrücke der Onkel begegnet. 



■l^w 



85^ 

und als er das schlechte Aussehen seines Bruders bemerkt 
habe, sei er ihm um den Hals gefallen und habe ihn auf 
offener Strasse mit Küssen bedeckt, so dass die Leute ganz 
verwundert aufschauten. Dann habe, er ihn in einen Piacre 
gezogen, um ihn mit nach Hause zu nehmen, und ihn auch 
noch im Wagen fast mit Küssen bestürmt Ueberhaupt sei 
es ihm daheim oft vorgekommen, als sei er in einem Narren- 
haus. Er selbst aber ward „durch Schläge erzogen", wie 
Beethoven in einem Briefe an Giannatasio sagt 

Beethoven freilich scheint sich schon zu Lebzeiten 
des Bruders gegen das „schlechte Weib" gewehrt und jenem 
nach Kräften beigestanden zu haben. „Indem Sie in grossen 
Irrthümern lebten über sich selbst, halte ich erst für nöthig 
hier einen Standpunct einzunehmen" steht im Tagebuch 
unmittelbar nach der Stelle „so mögen die letzten Tage 
verfliessen etc.", also in diesem Winter 1814/15. „Da es 
schon öfters 'geschehen ist, dass Sie, nachdem Sie Ihre 
Tücke an mir ausgelassen, sie dann wieder mit einiger 
Freundlichkeit wieder gut zu machen suchten — losge- 
sprochen wurden Sie nicht von Ihrer Strafe etc." Und 
gleich darauf: „Wahrscheinlich glauben Sie, dass ich alles 
dieses nicht bemerkte, allein — um Sie aus diesem Irr- 
thume zu ziehen, so will ich Ihnen nur bemerken, dass 
wenn Ihnen, vielleicht daran gelegen ist, einen bessern 
Eindruck auf mich zu machen, dieses gerade die entgegen- 
gesetzte Methode ist — eben dadurch ich ungern wieder 
bedauern muss, dass mein Bruder Sie Ihrer verdienten 
Strafe entrissen hat etc." Später ward die Behandlung 
aber etwas weniger zart und rücksichtsvoll. 12 



36 

Solche Verhältnisse waren es, mit denen Beethoven in 
sehr nahe und nicht abzuschüttelnde Berührung gebracht 
werden sollte, als Bruder Karl starb und ihm sein einziges 
Kind förmlich als Sohn hinterliess. Die Krankheit dessel- 
ben hatte also schon einige Jahre gewährt und auch ihm 
viel Ungelegenheit und Ausgaben gemacht. „1810 erhielt 
mein unglücklicher Bruder die erledigte Liquidationsad- 
junctenstelle mit Erlegung einer Dienstcaution von 1000 
FL" notirt er sich später. Ebenso wird er wohl selbst 
die 2000 Fl. haben vorschiessen müssen, als „1812 die 
Kassirerstelle bei der k. k." d. h. österreichischen National- 
bank erlangt wurde. Dabei war nach den Vormundschafts- 
acten später diese Summe — nirgends zu finden! Bald 
schon muss Karl sich Pferd und Wagen halten, „um nur 
leben zu können", und als Beethoven dieselben einmal 
im Sommer 1815 zum Besuch bei der Gräfin Erdödy ge- 
braucht und wohl nicht sogleich mit zurückbringt, findet 
er seinen Bruder lamentirend, wobei gegen den gräflichen 
Magister die echt Beethovensche Aeusserung fallt: „Seine 
Krankheit bringt schon eine gewisse Unruhe mit; lassen 
Sie uns doch helfen wo wir können, ich muss nun ein- 
mal so und nicht anders handeln, — es ist nicht der Mühe 
Werth wegen lumpigen einigen Gulden Jemanden leiden 
zu lassen." Anders freilich dachte die k. k. Kassen- 
direction. Sie verfugte noch am 23. October 1815, also drei 
Wochen vor des Bruders Tode, es sei aus keinen Zeugnissen 
eine unheilbare Krankheit zu ersehen, sondern dessen un- 
zweckmässige seit drei stets unterbrochene Verwendung 
lasse als auf eine besondere und strafbare Unlust zum 



T-ST 



3 L 

Dienen und auf angewöhnte Fahrlässigkeit gegründet ver- 
muthen. Er solle sich sogleich wieder stellen- Doch erfolgte 
die Pensionirung, wie wir hörten, noch ehe er — todt war. 
Ebenso entschied dieser schon am 15. November eintretende 
„so geschwinde" Tod trotz aller Zeugnisse für Unheilbar- 
keit der Krankheit, und so war Beethoven nach vielem 
Verdruss bei diesem Tode plötzlich wie ebenfalls sein 
eigener sehr ernst gemeinter und seinem persönlichen Ge- 
fühl aufs innerste entsprechender Ausdruck gegen Kanka 
lautet, „wirklich leiblicher Vater von seines verstorbenen 
Bruders Kind". 

Der 5. Pnnct des Testaments vom Tage vorher lautete 
nämlich: „Bestimme ich zum Vormunde meinen Bruder 
Ludwig van Beethoven. Nachdem dieser mein innigst 
geliebter Bruder mich oft mit wahrhaft brüderlicher Liebe 
auf die grossmüthigste und edelste Weise unterstützt hat, 
so erwarte ich auch fernerhin mit voller Zuversicht, dass 
er die mir so oft bezeigte Liebe und Freundschaft auch 
bei meinem Sohne Karl haben und alles anwenden wird, 
was demselben nur immer zur geistigeji Bildung meines 
Sohnes und zu seinem ferneren Fortkommen möglich ist. 
Ich weiss er wird mir diese meine Bitte nicht abschlagen." 
Es hätte dieses Appells an Beethovens Herz nicht bedurft, 
um denselben bei diesen Verhältnissen in helfende Thätig- 
keit zu versetzen. Dass es geschah, liess die Angelegen- 
heit für Beethoven zu einer persönlichen Verpflichtung 
werden, für die er sein ganzes Können und Vermögen ein- 
zusetzen habe. Zum Unheil aber war durch das gleiche 
Testament der Advocat Dr. Schönauer, „ein im Rufe 



38 

stehender Intrigant", wie Schindlers Signalement % lautet, 
zum Curator ernannt, und zwar „für die Pflegung der Ab- 
handlung sowohl als auch sonsten mit dem Beisatze, dass 
derselbe bei allen Angelegenheiten, welche das Vermögen 
des Knaben betreffen, zu Rathe gezogen werden solle 44 . 
Denn dieser Umstand in Verbindung mit dem Charakter 
der Mutter, die sich obendrein durch solche Bestimmungen 
zurückgesetzt fühlte, führte zu jener Reihe von gerichtlichen 
Auseinandersetzungen, die Beethoven so viel Zeit und Kraft 
gekostet haben. Ursprünglich war nämlich sie als Vor- 
münderin eingesetzt gewesen und Beethoven nur als Mit- 
vormund. Wenigstens erscheint die Sache so in der Ge- 
richtsverhandlung vom 22. Novbr. 1815. Am 28. Novbr. 
aber bittet Beethoven schon die „Landrechte 44 um Ueber- 
gabe der Vormundschaft an ihn allein, und ohne Zweifel 
bestimmt der bereits offenkundige Charakter und Wandel 
der Mutter das Gericht, diese Verfugung auch baldigst zu 
treffen. Denn schon am 6. Februar des folgenden Jahres 
1816 schreibt Beethoven selbst an Brentano: „Derweilen 
habe ich gefochten, um ein armes unglückliches Kind einer 
unwürdigen Mutter zu entreissen und es ist gelungen — 
te deum laudamus." 

So war er denn, wie es am 26. Sept. gegen Wegeier 
heisst, „Mann, Vater, doch ohne Frau 44 , aber zugleich mit 
jenem Trost der Errettung seines Kindes, den er auch 
sonst noch oft ausspricht. „Du lebest glücklich, Du habest 
Kinder, beides trifft wohl bei mir nicht ein 44 , lautete noch 
am 12. April 1815 die Antwort an Amenda auf die Schilde- 
rung des einfachen Landpfarrers auf einem angenehmen 



39 

Landsitze an der Seite seiner guten Jeannette, umgeben 
von einer kleinen Kinderwelt „Mit Deiner patriarcha- 
lischen Einfalt fällst Du mir lOOOmal ein, und wie oft 
habe ich d. g. Menschen wie Du um mich gewünscht — 
allein zu meinem Besten oder zu Andrer will mir das 
Schicksal hierin meine Wünsche versagen, ich kann sagen 
ich lebe beinahe allein, in dieser grössten Stadt Deutsch- 
lands, da ich von allen Menschen, welche ich liebe, lieben 
könnte, beinahe entfernt leben muss." Jetzt hatte er also 
den 8jährigen Knaben, und es „macht viele jedoch süsse 
Sorgen" sagt er zu Brentano. „Jedoch hiebei hätte ich 
ebenfalls den zweiten Theil der Zauberflöte wohl auf die Welt 
bringen können, indem ich es auch mit einer Königin 
der Nacht zu thun habe", scherzt er noch gegen Kanka. 
Allein wie der Vater, so sollte fortan für diesen Knaben 
auch eine solche Mutter wenigstens nach Beethovens 
bester Absicht todt sein und die ganze Sorge um das_ Kind 
ihm allein zufallen. Und „dann brach", erzählt mit ein- 
facher Treue Fräulein del ßio, „wenn ich so sagen darf, 
ein neues Gemüthsleben bei Beethoven hervor; er schien 
sich dem Jungen mit Leib und Seele weihen zu wollen, 
und je nachdem er fröhlich war durch seinen Neffen oder 
in Yerdriesslichkeiten verwickelt wurde oder wohl gar 
Kummer erdulden musste, schrieb er oder konnte er nichts 
schreiben." Yerdriesslichkeiten und bald auch Kummer 
reichten zunächst in fast ununterbrochener Folge einander 
die Hand, und zwar sowohl wegen der Vormundschaft 
wie wegen der Erbregulirung, die hier ebenfalls durch die 
Mutter und ihren Advocaten ihre Schwierigkeit gewann. 13 



40_ 

Vor allem also galt es den „Sohn" möglichst der Ein- 
wirkung der Wittwe zu entziehen, und da, wie Beethoven 
1819/20 in ein Conversationsbuch schreibt, „die Landrechte 
durchaus wollten, dass der Knabe in ein Institut komme", 
und auch in der That bei Beethoven selbst eine ordent- 
liche Erziehung des Kindes schwer einzurichten war, so i 
wählte er das Institut eben jenes Herrn Giannatasio del. 
Bio, dessen Tochter uns so manchen erwünschten Bericht \ 
gegeben. Sie ist uns auch jetzt neben den eigenen Briefen | 
Beethovens eine Hauptquelle. Das Institut war schon seit 
1798 errichtet und vermuthlich Beethoven besonders em- ! 
pfohlen worden. „Ich sehe noch wie Beethoven mit Be- 
weglichkeit sich hin- und herdrehte und wie wir auf seine | 
. dolmetschende Begleitung Herrn Bernard nicht, achtend j 
uns gleich zu Beethovens Ohr wandten", erzählt das Fräu- 
lein, und Beethoven selbst meldet dorthin Ende Februar 
1816: „Ich sage Ihnen mit grossem Vergnügen, dass ich : 
morgen endlich mein mir anvertrautes theures Pfand zu 
Ihnen bringen werde. Uebrigens bitte ich Sie noch ein- 
mal, durchaus der Mutter keinen Einfluss zu gestatten; 
wie oder wann sie ihn sehen soll, alles dieses werde ich 
mit Ihnen morgen näher verabreden. Sie dürfen selbst 
auf Ihren Bedienten einigermassen merken, denn der mei- 
nige ward schon von ihr, zwar in einer anderen Ange- 
legenheit bestochen! — Mündlich ausfuhrlicher hierüber, 
obschon mir das Stillschweigen das Liebste hierüber — 
allein Ihres künftigen Weltbürgers wegen bedarf es dieser 
mir traurigen Mittheilung." 

Dieses Billet versetzt uns sofort in die Mitte der 



41 

Verwicklungen. Offenbar gegen seine Neigung war Beethoven 
eben durch die Lage der Sache gezwungen worden, den 
Knaben in ein Institut zu geben, das er von vornherein 
fär „schlecht" hielt (8. März 1816 an Kies). Er wäre da- 
heim gegen die Umtriebe der „Königin der Nacht" nicht 
gesichert gewesen. Da dieselbe nun aber trotz aller Vor- 
sieht auch hier Gelegenheit fand, sich dem Kinde zu 
nähern, — „sie soll einmal als Mann verkleidet auf den 
grossen Platz am Hause gekommen sein, wo die Knaben 
ihre Turnübungen hielten", erzählt das Fräulein, — so 
kann man sich vorstellen, wie der misstrauische Meister 
auf die Dauer eine förmliche Antipathie gegen jene Anstalt 
bekam, die ihm dann das eine Mal als „hölzernes Institut", 
das andre Mal als „Verziehungsanstalt" erschien. Er legte 
eben seinen persönlichen geistigen und moralischen Mass- 
stab an und bedachte nicht, dass derartige Institute eben 
stets einen Durchschnitt darstellen, wie er für die Jugend, 
zumal wenn sie in solcher Mehrzahl vorhanden ist, allein 
zu Resultaten fuhrt Wie denn auch Schindler (I. 259) 
hier ausdrücklich eine „gute Erziehung" des Knaben con- 
statirt Im Grunde fühlte aber auch Beethoven selbst, 
dass wirklich gute Absicht walte, und. so sind anderer- 
seits seine zahlreichen und oft rührenden Dankbillets an 
Giannatasios durchaus nicht als unaufrichtig oder auch nur 
übertrieben aufzufassen. Sie würden ihm vielmehr auch 
persönlich später nur als der entsprechende Ausdruck für 
die Sache erschienen sein, nachdem er durch andere Ver- 
suche gar h«rbe Erfahrungen hatte machen müssen. 

Eine ausfuhrliche Darstellung all dieser kleinen oft 



42 

wechselnden und dennoch stets gleichen Begebenheiten 
gehört nun aber nicht in die Biographie, zumal die Schrift- 
stücke ja bereits in Beethovens Briefen veröffentlicht sind. 
Wir können uns daher auf die Hauptsachen beschränken 
und im allgemeinen den Eindruck feststellen, dass Beet- 
hoven während dieses Aufenthaltes des Neffen bei Gianna- 
tasio doch im Vergleich mit den nächstfolgenden und spä- 
teren Begebnissen noch gute Zeit hatte und namentlich 
auch selbst manchmal wohlthuende Buhe im Familien- 
kreise genoss. Wir folgen dabei vor allem den naiven 
Berichten der Tochter des Hauses, die uns zugleich zu 
erquicklicheren und mehrUeethovenschen Dingen führen. 

Man hatte also das Vergnügen, Beethoven oft bei sich 
zu sehen, und im Herbst 1817, als das Institut auf das 
Landstrass-Glacis verlegt war, nahm er sogar eine Woh- 
nung in der Nähe und war dann den Winter über fast 
alle Abend in diesem häuslichen Kreise. „Leider waren 
recht interessante Abende selten, denn häufig war er f ein 
Pegasus im Joche, durch die vormundschaftlichen Angele- 
genheiten verstimmt oder auch w r ohl kränklich. Dann 
geschah es, dass er ganze Abende bei uns am runden 

Tisch, wie es schien in Gedanken versunken, sass, manch- 

* 

mal wohl auch lächelnd ein Wort hinwarf, dabei fort- 
während ins Schnupftuch spuckend oder nach dem Volks- 
ausdruck spiazelnd, dabei es jedesmal ansehend, sodass ich 
manchmal dachte er furchte Blutspeien zu finden." Mutter 
und Bruder waren an der Lungensucht gestorben und er 
selbst hatte im letzten Winter an einem Lungenkatarrh 
gefahrlich und lange zu leiden gehabt. 



43 

• 

„Leider hatten wir selbst viel Schuld an dieser Lang- 
weiligkeit" fährt die Erzählerin fort; „denn wie Beethoven 
sich öfters in kleinen Spöttereien gefiel, so hatte er auch 
über Eltern gelacht, welche sagten: meine Töchter spielen 
auch von Ihnen. Das war uns genug und die Musik war 
gerade damals bei uns fast verbannt, was mich später oft 
gereuet hat Denn einmal als er mit Zeitungslesen be- 
schäftigt im Zimmer war und ich meine Scheu überwand 
und sein „Kennst du das Land" spielte, kam er allsogleich 
herbei, tactirte und bei einer Stelle, wo vielleicht mancher 
nachlassen würde, wollte er eifrig gleich fortgespielt haben/* 
Auch unterliess er nicht den Mädchen neue Compositionen, 
namentlich Lieder, mitzubringen, so „das Geheimniss" von 
Wessenberg, „die Hoflhung" von Tiedge, die im Frühjahr 
1816, und „die entfernte Geliebte", die im Juli desselben 
Jahres erschien. Bei letzterer Compositum liess er die 
„Frau Aebtissin", wie er unsere Erzählerin nannte, wenn 
er sie so mit dem Schlüsselkorbe in der ziemlich einsamen 
Wohnung am Glacis umher gehen sah, nur die Angst aus- 
stehen ihrer Schwester zu begleiten und setzte sich mit 
den Worten: „gehn Sie weg" selbst ans Ciavier. Dabei 
griff er zu ihrem grössten Erstaunen häufig falsch und 
bemerkte dennoch wieder, als die Schwester fragte, ob sie 
nicht gefehlt: „es war gut, aber hier", — und bezeichnete 
eine Stelle, wo kein Verbindungszeichen angegeben war: 
„hier müssen Sie herüberziehen". Mittheilenswerth ist da- 
bei noch die Aeusserung, er habe selbst das vollständige 
Bild des aufzuführenden Stückes dargestellt und bei dieser 
Klavierbegleitung „schon ganz gefühlvoll dagesessen." Ein 



44 

anderes Mal schrieb er ihnen einen kleinen Canon auf „mit 
Bleistift nur". Es war vermuthlich der auch im Januar 
1816 Ch. Neate aus London ins Stammbuch geschriebene 
auf Herders Distichon „Das Schweigen". Oft in seiner 
Laune war er aber auch voll Wortspiele und Witzfunken, 
und eines Abends erinnerte sich die Erzählerin, an dem 
er wie ein Kind mit ihnen herumtollte und vor den An- 
griffen sich mit Stühlen etc. verpalisadirte. 

Im September dieses ersten In^titutsjahres 1816 lud 
er das „Giannatasiosche Haus" auch einmal zu sich nach 
Baden. „Als wir nun nachmittags in seiner Behausung 
angekommen waren, wurde ein Spaziergang vorgeschlagen: 
doch unser Wirth wollte nicht mitgehn und entschuldigte 
sich, dass er so viel zu thun habe; jedoch versprach er 
nachzukommen, was auch geschah. Als wir abends nach 
Hause kamen, war aber keine Spur von Beherbergung zu 
sehen. Beethoven murrte, ent- und beschuldigte die damit 
beauftragten Personen und half uns selbst einrichten; o wie 
interessant war es, mit seiner Hülfe ein leichtes Sofa weiter 
zu schaffen. Uns Mädchen wurde ein ziemlich grosses 
Zimmer, in welchem sein Ciavier stand, zum Schlafzimmer 
eingeräumt. Doch der Schlaf blieb in diesem musikali- 
schen Heiligthum uns lang ferne. Ja und ich muss es 
zu meiner Beschämung gestehen, dass unsere Neu- und 
Wissbegierde einen grossen runden Tisch, welcher sich 
darin befand, unserer Untersuchung aussetzte." 

Nun fand sich, wie wir oben IL 383 gehört haben, hier 
und am andern Morgen durch die belauschte Unterredung 
des Meisters mit ihrem Vater ihre längstgehabte mädchen- 



45 

hafte Ahnung bestätigt, dass Beethoven unglücklich liebe! 
Wir aber wissen zugleich, dass jetzt für ihn gedoppelte 
Ursache vorhanden war, sein Geschick zu bedauern, das 
ihm Ehe und Häuslichkeit vorenthielt Schon um des 
„Sohnes" willen musste sie ihm jetzt als ein hohes 
Glück erscheinen. „Dann folgte ein Augenblick 4 ', schliesst 
der Bericht, „welcher uns für manche Miss Verständnisse 
von seiner Seite und kränkendes Betragen entschuldigtet 
denn er kannte meines Vaters freundschaftliches Anerbieten, 
ihm in seinen häuslichen Bedrängnissen womöglich beizu- 
stehen, und ich glaube, er war überzeugt von unserer 
Freundschaft für ihn. Er sprach noch von dem unglück- 
lichen Verlust seines Gehörs, von dem elenden Leben, das 
er viele Zeit in physischer Eücksicht gefuhrt. Er war so 
fröhlich beim Mittagsmal (im Freien in Helena), seine 
Muse umschwebte ihn ! Er beugte sich öfter an die Seite 
und schrieb einige Tacte mit der Bemerkung: Mein Spa- 
ziergang mit Ihnen hat mir Noten genommen, doch auch 
wieder eingetragen." So war doch gegenseitiges Ver- 
stehen in diesem Verhältnis, und „Beethoven zeigte immer 
gegen uns ein sehr dankbares Gefühl und nannte die 
Leistungen und Pflege für seinen Neffen unbezahlbar", sagt 
das Fräulein. Besonders lebhaft äusserte sich eben jetzt 
dieses Gefühl, da Karl in dieser Zeit eine Bruchoperation 
glücklich überstanden hatte, wobei vor allen die Mutter 
Giannatasio sich sehr hülfreich bewies. 

Ueber die Art seiner Behandlung des Knaben selbst 
erfahren wir hier nur wenig. „Er äusserte einmal bei 
Gelegenheit: Was werden die Leute sagen, sie werden mich 



46 

für einen Tyrannen halten", sagt das Fräulein. „Das konnte 
aber niemand glauben, wenn er ihn nur einmal mit sei- 
nem geliebten Neffen gesehen hatte; denn er duldete sogar, 
dass dieser ihn leiblich tyrannisirte, wenn er auf ihn herauf- 
kletterte und ihn fast vom Stuhle wart" Gerade solches 
Uebermass von Zärtlichkeit aber war es, was in Verbin- 
dung mit gar zu hohen Vorstellungen von der geistigen 
Begabung und Bestimmung des Knaben und mit einem 
zu häufigen Wechsel des Aufenthaltsorts und Bildungs- 
systems schliesslich die Erziehung desselben völlig ver- 
pfuschte und namentlich anstatt die anerzogenen und ange- 
bornen üblen Neigungen auszugleichen, das Unkraut in 
voller Ceppigkeit aufschiessen und sogar den nicht fehlen- 
den edleren Kern überwuchern liess. 

„Der Knabe muss Künstler werden oder Gelehrter, 
um ein höheres Leben zu leben", äusserte Beethoven selbst 
im Frühjahr 1816 gegen Dr. Bursy und sprach dabei 
„herrliche Ansichten aus über das Leben", die dieser uns 
leider verschweigt Auch heisst es hier, dass er ihn gern 
ganz zur Musik erziehen wolle, wenn er nur irgend was 
Eminentes leisten könne, er solle schon recht brav Ciavier 
spielen. Darum gab er ihm von vornherein einen Lehrer, 
in den er um so mehr Vertrauen setzen konnte, als der- 
selbe gewissermassen an Beethovens Werken selbst. Schule 
gemacht, Karl Czerny. „Niemand hat es wohl besser 
verstanden die schwächsten Finger zu stärken und in heil- 
samer Tongymnastik die Studien zu erleichtern, ohne den 
Geschmack zu vernachlässigen," schreibt von ihm Mosche- 
les in sein Tagebuch. Zugleich aber überwachte er diesen 



47 

Unterricht persönlich, indem er nicht Mos mündlich oder 
schriftlich dem Lehrer selbst Anweisung ertheilte, — man 
lese seine Briefe darüber, — sondern den Knaben auch 
thunlichst oft bei sich zu Hause üben liess. Auch nahm 
er ihn, so oft es sich machte, mit in gute Productionen. 
Dies sowie sein Begehren einer häufigeren und ausgedehn- 
teren Uebungszeit für den Knaben und allerhand Kück- 
sichtsnahme darauf war dann aber bald der Anlass zu 
Conflicten mit dem Institutsvorsteher. Ueberhaupt, je 
mehr Beethoven zu der Meinung gelangte, hinter dem 
Buben stecke etwas besonderes und derselbe qualifizire sich zu 
einem „höheren Leben", je weniger wahrten seine Anforde- 
rungen an das Institut die nöthigen Schranken, und sol- 
cher Mangel an Zufriedenheit blieb andererseits dem Kna- 
ben gewiss nicht verborgen. Schon im März 1816 schreibt 
Beethoven an Eies von einer eigenen Haushaltung, und im 
Juni redet er gegen Bursy sogar von einem besonderen 
Erzieher für den Knaben. 

Ueberall also liegen hier durch eigene und durch 
fremde Schuld die Keime sowohl zu kleinen Aergernissen, 
die am Ende noch zu überwinden waren, wie zu schweren 
Verwicklungen, die schliesslich Katastrophen herbeiführten, 
welche mit der „Vollendung" Beethovens in nur zu nachweis- 
barem Zusammenhang stehen. Doch liegen diese weiteren 
Begebenheiten in dem Gange der biographischen Darstel- 
lung selbst, für deren Wiederaufnahme wir also jetzt ge- 
nügend vorbereitet sind. 14 



Zweites Kapitel. 

Drei freundliohe Sterne. 

1815 — 16. 

Wir betreten sogleich wieder das versöhnende Gebiet 
von Beethovens Schaffen. 

„Verzeihen Sie die Confusionen; wenn Sie meine 
Lage kannten, würden Sie sich nicht darüber wundern, 
vielmehr über das was ich hierbei noch leiste", und: „die 
Sonate ist in drangvollen Umständen geschrieben, denn es 
ist hart, beinahe um des Brotes willen zu schreiben; so 
weit habe ich es nun gebracht", so heisst es im April 
1819 gegen Ries von dem Werke, das in dem Dunkel des 
Beethovenschen Daseins dieser nächsten Jahre ebenso uns 
wie ein Licht vor dem Port dämmert, wie den Meister 
selbst der Gedanke, nach all dem „Schmieren um des 
Geldes willen es wieder bei einem grossen Werke auszu- 
halten", in diesem Gewirre aufrecht erhielt. In der That 
ist, da nun einmal das „Bequiem" (s. o. IL 565) auch trotz 
dem Tode zunächst Lichnowskys und dann Lobkowitz' 
weder jetzt noch überhaupt je geschrieben ward, diese 
Sonate Op. 106, zumal in ihrem Adagio, als das nächste Er- 



49 

gebniss all dieser innern und äusseren Mühen zu betrach- 
ten, — ein Ergebniss, das in seinem Gehalt und nach der 
Innerlichkeit seiner Stimmung wieder einen Bückschluss 
auf das Mass der Leiden gestattet, das hier vom Leben 
einem Sterblichen kredenzt ward. Denn dasselbe überragt 
alles bisher Gebotene in solchem Grade, dass hier der Be- 
ginn eines neuen Stadiums in Beethovens Entwickelung 
zu constatiren ist, eben jenes Stadiums der vollen inneren 
Beinigung und einer wahren Heiligung des Gemüths, aus 
dem sich des Meisters letztes und weitaus grösstes Schaffen 
gebar. 15 

Was zwischen dieser „Biesensonate", wie man sie 
ihrerzeit nannte, und der Siebenten Symphonie, — „einer 
meiner vorzüglichsten" lautet Beethovens eigenes Urtheil 
damals gegen Salomon — liegt, gehört in keiner Weise 
zu jenen* „grossen Werken" , wie es gegen Amenda heisst 
und zu denen er die „kleine Symphonie in F" so wenig 
rechnete wie trotz ihrer Ausdehnung die Cantate „der 
glorreiche Augenblick", alles mehr oder weniger bestellte 
oder doch Gelegenheits-Arbeit. Doch leuchten auch hier 
wenigstens „drei freundliche Sterne ins Dunkel des Lebens 
hinein", das sind die Sonaten Op. 101 und 102 und der 
liebliche Liederkreis „An die ferne Geliebte", Op. 98. 
Sie werden also auch uns Buhe- und Erholungspuncte in 
dem sonst wenig bietenden und oft genug unerquicklichen 
Getreibe dieser Zeit sein. 

Zunächst ist trotz allem, was der Congress geboten, 
wesentlich für das nächste Bedürfiuss zu sorgen, und da 
waren natürlich Thomsons fortlaufende Bestellungen sehr 

NoM, Beethovens letzte Jahre. 4 



5 

erwünscht. Derselbe erfährt denn auch bereits im Februar 
1815, dass all seine „songs", zu denen verschiedenartiges 
Accompagnement zu setzen war, fertig' daliegen. Auch 
befinden sich in Wien wie in Berlin Manuscripte „Schot- 
tischer Lieder", wie Beethovens Ausdruck für all die musi- 
kalischen Vorlagen aus dem Volksleben fast aller europäi- 
schen Nationen lautet, aus dem „Monath Mai 1815" oder 
„1815 den 23. Weinmonath", und andere wie in Berlin und 
Petersburg weisen auf das Frühjahr 1816, sowie diese 
einträgliche Beschäftigung auch noch durch die nächsten 
Jahre gleichmässig fortgeht. Offenbar erfreute und er- 
frischte ihn zugleich persönlich diese leichte Arbeit, die 
ihn stets mit dem ursprünglichen Born und Leben der 
Musik in Berührung brachte. Er schreibt in eines der 
Artariaschen Manuscripte in seinem Französisch: Voila 
comme on ne doit pas avoir peur pour expression des tons 
le plus 6trangers dans melodie puisque on trouvera sure- 
ment un harmonie naturell pour cela", und Hess es sich 
nicht verdriessen, dieselben Lieder zwei-, dreimal zu bear- 
beiten. 

Ausführlicher unterrichtet uns jedoch über die künst- 
lerischen Absichten und Arbeiten in diesem Jahre das 
oben IL 574 erwähnte Eietzsche Notirbuch vom Winter 
1814/15. Auf Blatt 2 steht hier: „Gemälde der merk- 
würdigsten [Revolutionen 2ter Sammelband in der Hetting- 
schen Buchhandlung", auf Blatt 6 „Marsch nach der Trom- 
mel" (D dur), auf Bl. 7 : „In Drurylane-Theater am 10. Febr. 
und auf allgemeines Begehren am 13ten wiederholt wor- 
den, Wiener Zeit vom 2ten März", nämlich die Schlacht 



t "Jl 



51 



von Vittoria, darüber „Freu de" mit einem 

Jubilus, zum Canon in Spohrs Stammbuch gehörig; auf 
der anderen Seite Skizzen zum Finale der Sonate Op- 
102 L BL 10 enthält vollständige Skizzen zu „Merken- 
stein", zuerst in 6 /s un d später in 3 / 8 Tact geschrieben, 
BL 11 den Canon „Das Schweigen", BL 12 fünf Tacte 
eines unbekannten Adagios in Es und „Sinfonie in Hmoll 
Pauken DA nur 2mal in selbiger Form [?] im ersten A 
Werke", auf der anderen Seite „Sonata pastorale Cello 
All. cemb. Viola"; BL 18 wieder „Marsch zum Attakiren" 
2 / 4 Gdur „Hörn in G" und auf der anderen Seite „alter 

— Freund ist lautres Gold", also wieder obiger Canon; 
BL 14: „Der C — pt dazu ist leicht zu finden, da er inner- 
halb der Gränzen bleibt" und dann „Sonate in Cmoll": 
BL 15: „Es theilt sich die Welle", also Goethes Meeres- 
stille etc., ^weiter aber „Andante bassi pizzicati" in Hmoll 
und „Trio" in Hdur „Clarinetti Corni", wohl zu jener 
H-mollsymphonie gehörig; endlich mehrere Seiten Skizzen 
das Fugato jder Cellosonate Op. 102 IL, eine unbekannte 
„Fuge" in Fmoll und „alla Pollacca Ein Concertant oder 
Sinfonie, nur allein B. I. [Blasinstrumente] Solo auch an- 
dere" und ebenfalls unbekannt ein „Larghetto in 3 / 8 Emoll" 

— also kleinere Notizen, wie auf Spaziergängen gesammelt. 

Das ebenfalls schon erwähnte dicke Mendelssohnsche 

Skizzenbuch zum „Glorreichen Augenblick" aber enthält 

auf den spätem Blättern ausser der Notiz „Schuppanzig 

300 Fl. voraus" die Bemerkung „Sinfonie auf 2erlei Hörn" 

dann „a due Merkenstein" nb. ebenfalls noch in •/§ Tact, 

darauf Skizzen zu dem im Juni 1815 erschienenen 'Liedchen 

4* 



52 

„Ich zieh' ins Feld von Lieb entbrannt" von Reissig und 
endlich nach Orchesterskizzen auf dem letzten Blatt eben- 
falls Notirungen ztl dem Canon für Spohr. 

Wir können also feststellen, dass die Cellosonaten 
Op. 102 und „Meeresstille" ihn in diesem Frühjahr beschäf- 
tigten, und beide Werke wurden auch in diesem Jahre 
1815 fertig. Ihre Veranlassung kennen wir nicht 16 

Der „Marsch nach der Trommel" und der „zum Atta- 
kiren" erklären sich aus dem jäh wieder ausbrechenden 
Kriege. „Alles ist Wahn, Freundschaft, Königreich, Kaiser- 
thum, alles nur Nebel, den jeder Windhauch vertreibt und 
anders gestaltet!!" heisst es am 8. April dieses Jahres 
gegen Kanka. „Womit soll ich Ihnen in meiner Kunst 
dienen? Sprechen Sie, wollen Sie das Selbstgespräch 
eines geflüchteten Königs oder den Meineid eines Usur- 
pators besungen haben?" Napoleon hatte am 1. März Elba 
verlassen. Die intentionirten Märsche blieben jedoch auch 
nur „Nebel, den jeder Windhauch vertreibt". Ebenso hat 
die Weit nichts von einer Symphonie in Hmoll oder gar 
auf zweierlei Hörn gesehen. Dagegen lassen Skizzen oder 
vielmehr ausführliche Ausarbeitungen zum Finale der So- 
nate Op. 101, die sich in einem dünnen Bande der Ber- 
liner Bibliothek befinden, vielleicht auf die Entstehung 
dieser Werke schon in diesem Frühling oder Sommer 
schliessen, denn sie folgen einer kurzen Orchesternotirung 
zu einem „Marsch alla fuga für den P. Eugen." Zur Feier 
der erneuten Beendigung des Krieges durch die Einnahme 
von Paris aber, die am 13. Juli in Wien bekannt war, 
wurde neben anderen Componisten auch von Beethoven 



■ J4P H«^| 



53 

etwas beigetragen, indem er den Schlussgesang „Es ist 
vollbracht* 4 in Treitschke's rasch zusammengestoppeltem 
Singspiel „Die Ehrenpforten" schrieb. Die Aufiöhrung ge- 
Schah schon am 15. Juli, und den Skizzen zu diesem Stücke 
gehen in einem Petterschen „Notirbuche" solche einer 
„Sinfonie" in Cdur voraus. Wir sehen also, dass die Ab- 
sicht solcher Arbeit wie im Grunde als seine eigentliche 
Weise berührend stets, auch jetzt bestimmt und mannig- 
faltig vorlag. Diesmal aber wird es damit eine besondere 
Bewandtniss gehabt haben, nämlich dass auf solche Art 
eine Reise nach London vorbereitet ward. 17 

Schon 1792 hatte vor der Abreise von Bonn ein E. v. 
Breuning ihm ins Album geschrieben: „Sieh es winket 
Freund lange dir Albion 44 und Neefe theilt in der Berliner 
Musik. Zeit vom 26. Oct. 1793 mit, dass Haydn bei seiner 
zweiten Reise nach London Beethoven mitnehmen wollte. 
„Und so freundlich die Hand reichet ein Barde dar 44 heisst 
es ferner in jenem Vers [offenbar von dem Bonner Salo- 
mon, dem denn auch am 1. Juni 1815 Beethoven selbst 
schreibt, dass er „immer diesen Wunsch erfüllt zu sehen 
hoffte 44 . Und was war natürlicher, da dort beides, Kuhm 
und pecuniärer Gewinn, zu holen war! Auch hatten ja 
die Engländer schon Geschmack an seiner Kunst' gefunden, 
und wie am 15. Febr. 1814 Christus am Oelberg, so war 
jetzt die Schlacht von Vittoria mit steigendem Beifall auf- 
genommen worden. Ja das letztere Werk war schon im 
Juli 1814 an den Prinz -Kegenten von England gesendet 
worden (s. o. IL 577), und es scheint sogar, dass schon da- 
mals auch directe Anträge von London gekommen waren. 



54 

Denn Beethoven schreibt an Zmeskall: „Ich reise nicht» 
wenigstens will ich mir hierin keinen Zwang auflegen, — 
die Sache muss noch reiflicher überlegt werden. — Unter- 
dessen ist das Werk dem Prinzen Regenten schon über- 
schickt worden; will man mich, so hat man mich, und 
dann bleibt mir noch die Freiheit, ja oder nein zu sagen. 
Freiheit!!!! was will man mehr!!!" .Ebenso hatte er dann 
in der Congresszeit aus leicht begreiflichen Gründen sich 
der Einladung eines General King zur Composition einer 
„verständlicheren" Symphonie und zur Heise mit ihm nicht 
bequemen mögen: „er lasse sich nichts vorschreiben etc." 
erwiderte er (s. o. II. 576). 18 

Jetzt aber, iifi Frühjahr 1815, tritt das Project ihm be- 
stimmt nahe und verlässt ihn dann nicht mehr bis zum 
Lebensende. Auch hatte der Besuch rheinischer Freunde, 
wie des Eheinzolldirectors Eichhoff von Bonn ihm seine 
Heimat lebhaft in Erinnerung gebracht, und Wegeier be- 
kam dabei gewissermassen als Vorläufer den Kupferstich 
nach Letronne und ein böhmisches Glas übersandt. Und 
so steht im Tagebuche damals: „Brühl beim Lamm, wie 
schön meine vaterländischen Gegenden wiederzusehen, nach 
England reisen, dann daselbst vier Wochen zugebracht" 
Sodann lebte seit 1813 sein Schüler Kies dort Doch 
standen diesem- Unternehmen immer noch „mancherlei 
Hindernisse", «wie jetzt der kranke Bruder und später 
der Neffe entgegen, und so schreibt er zunächst einmal an 
Salomon den bereits mehrfach erwähnten Brief und bittet 
ihn um den Verkauf mehrerer Werke, wie Op. 95, 96 und 
97, der Symphonien in A und F, Fidelio, des Glorreichen 



55 

Augenbliek und Wellingtons Sieg dort, wovon denn auch 
in der That Mr. Birchall letztern und die Adursymphonie 
(im Ciavierauszug), sowie die Sonate Op. 96 und das Trio 
Op. 97 um den guten Preis von 130 Duc. und später 5 L. 
Copiaturkosten übernimmt. Dann aber kam im Sommer 
dieses Jahres Charles Neate nach Wien und erregte 
neuen Trieb zur ßeise. Derselbe, nach Fetis 1784 in 
London geboren, ein Schüler J. Fields und dann um 1804 
Winters in München und Wölffls in Wien, trat durch 
liebenswürdiges Wesen Beethoven damals recht nahe und 
ward ihm sogar personlich befreundet. Er war einer der 
Gründer der Philharmonischen Gesellschaft; in London und 
übernahm es, bei derselben die zu honorirende Aufführung 
mehrerer Werke Beethovens durchzusetzen. Dieser gab 
ihm denn auch schon im Juli 1815 für die Gesellschaft 
3 Ouvertüren, nämlich die „Zur Namensfeier 44 , zu König 
Stephan und zu den Ruinen von Athen mit, und Neate 
zahlte sogleich im Voraus 20 L. Zugleich nahm er den 
Pidelio mit, um ihn in London zu verwerthen. Solcher 
offenbaren Antheilnahme an seinem Thun und Schaffen 
entgegnete Beethoven einerseits durch Schenkung der Copie 
der damals vollendeten Sonaten Op. 102, auf deren No. I 
sogar steht, „dediäe ä son ami", andrerseits durch die bei- 
den Kanons Schweigen und Beden, die er am 24. Januar 
1816 „seinem lieben Englischen Landsmanne" [?] ins Stamm- 
buch schrieb. Ebenso empfiehlt er ihn am 6. Febr. 1816 
als „einen ebenso vorzüglichen Englischen Künstler als 
liebenswürdigen Menschen" seinen Freunden Brentano in 
Frankfurt, deren beiderseitige Gesellschaft ihm doch Stun- 



56 

den bereitet, welche er als „die ihm unvergesslichsten sich 
gern zurückrufe 44 . Leider aber ward dieses Verhältniss 
durch langes Schweigen Neates sehr getrübt, und selbst 
als Beethoven die Gründe davon, namentlich längere Krank- 
heit erfuhr, blieb er über Neates Unthätigkeit sehr erbost 
und Hess ihn hart an. 19 

Dies und der schon am 25. Nov. 1815 nach einem Sturz 
vom Pferde erfolgende Tod Salomons machten es, dass bald 
Ferd. Kies der Hauptvermittler in den Londoner Angelegen- 
heiten wurde, und die Briefe Beethovens an ihn sind uns fortan 
wieder eine Hauptquelle. Ist nun auch aus der Reise selbst 
niemals etwas geworden, so bot doch die Aussicht auf eine 
solche Erfrischung seiner Verhältnisse, deren sofortige Ergrei- 
fung immer nur von ihm selbst abhing, ein wesentlich er- 
leichterndes Moment für sein Schaffen, und was bedeutsamer 
ist, es war für dasselbe direct bestimmend und zwar im 
edelsten Sinne seiner Kunst. Denn hatte er den Englän- 
dern, die „meistens tüchtige Kerle sind 44 , schon zeigen wol- 
len, was in dem God save the king für ein Segen ist, so 
nahm er bei einem eigens für sie zu schreibenden Werke 
natürlich sogleich den höchsten Gesichtspunct, — hier wo 
er als Künstler mit Händel und Haydn, als Mann mit — 
Männern zu thün zu haben wusste! Und nichts geringeres 
als die Neunte Symphonie ist es, was aus all diesen 
Verabredungen und Anläufen entstanden ist Denn die 
„directen Bestellungen 44 , die ihm ausser einer Academie zu 
seinem Vortheil vor allem willkommen waren, mussten 
sich für ihn hauptsächlich auf das Gebiet beziehen, wo er 
jetzt fast unbestrittener Herr in Europa war, und die 



rr 7 r - .. 



57 



glänzende Aufnahme, die, wie er selbst aus dem Morning 
chronicle erfahren, im Frühjahr 1816 eine seiner grossen 
Symphonien, wahrscheinlich die in C moll findet, lässt ihn 
auf den Erfolg dieser „seiner Weise" dort natürlich auch am 
meisten Hoffnung setzen. 

Wir werden im Verlauf der Darstellung davon das 
Nähere hören und fahren in der Erzählung fort 

Zunächst* also finden wir ihn in diesem Frühjahr 1815 
in der schönen Brühl bei Mödling, jedoch noch „im Lamm 64 , 
also wohl nur auf einem ersten Frühlingsausfluge. „Denn 
obschon ich vieles erlitten, habe ich doch nicht die frühe- 
ren Gefühle für Kindheit, für schöne Natur und Freund- 
schaft verloren" schreibt er am 29. [!] Febr. 1815 bei der 
„Erneuerung der Freundschaft für ihn 44 an die Gräfin Er- 
dödy und hofft sie und ihre „lieben Kinder, die er im 
Geist umarme 44 bald in Jedlersee zu sehen. Einstweilen 
sendet er ihr das Trio Op. 97. Denn vorerst fesseln ihn 
allerhand Geschäfte an die Stadt: „die neuen Ereignisse 
machen, dass viele Werke, welche von mir im Stich er- 
scheinen, anfs geschwindeste befördert werden müssen. 4 * 
Er erbittet zu solchem Zweck der Correctur auch vom Erz- 
herzog dessen Exemplar der Sonate Op. 90, die am 9. Juni 
dieses Jahres von Steiner & Comp, mit folgender ermuntern- 
den Anzeige in die Welt gesandt wird: „Allen Kennern 
und Freunden der Tonkunst wird die Erscheinung dieser 
Sonate geyiss sehr willkommen sein, da nun seit mehre- 
ren Jahren von L. van Beethoven nichts für Pianoforte 
erschienen ist Es bedarf dies neue Werk keiner Lobrede, 
da es ihm an Originalität, Annehmlichkeit und Kunst, 



58 

womit der geschätzteste Tonkünstler unserer Zeit [!] seine 
Werke unerschöpflich zu schmücken gewohnt ist, keines- 
wegs gebricht." In der nächstfolgenden Zeit erschien dann 
ebenfalls bei Steiner noch die ganze Serie der Opus 91 
bis 100, und da gab es Geschäfte genug, weil alle diese 
Abschriften noch zu revidiren waren. Dazu „geniesst er 
noch immer einer nur halben Gesundheit 4 ', was ihm das 
„Dienstgeschäft" bei seinem hohen Schüler jetzt doppelt 
erschweren muss. Auf andere Unannehmlichkeiten deuten 
jene Notizen im Tagebuch dieses Frühjahrs, die wie ein 
Briefconcept an die „Königin der Nacht" klingen. Dann 
aber war „sein Wille und Wunsch mit Sack und Pack" 
in Jedlersee zu landen, umsomehr da sich seine Natur jetzt 
nur mit der schönen Natur vertragen könne und er sonst 
keine Anstalten getroffen habe, dieser seiner unüberwind- 
lichen Neigung an einem andern Orte zu entsprechen. 
Allein „elende, zeitverderbende Geschäfte" und „meine Lage 
ist dermalen sehr verwickelt", mit solchen Ausdrücken muss 
er zunächst immer noch die Sendung des Wagens ablehnen, 
obwohl dar wiedererwachende Humor in diesem Billet 
auch die wiederkehrende eigene Belebung und Kräftigung 
andeutet, die bei Beethoven gar sehr mit dem Aufenthalt 
in der freien Natur verbunden und von demselben ab- 
hängig ist. Ebenso fällt in jene Tage die „nun auch ge- 
endigte Geschichte mit Lobkowitz". 20 

Die Gräfin aber liess nicht nach mit Einladungen, wie 
sie ihren Liebling auch mit allerhand Geschenken und 
Gefälligkeiten überhäufte, sodass seine Verlegenheit immer 
grösser werde, wenn er daran denke wie das gut zu machen. 



59 

So entreisst er sich denn auch endlich der Verwirrung 
und den uns nur zu bekannten „elendesten alltäglichsten 
unpoetischen Scenen, die ihn umgeben", nachdem er zuvor 
,.bei allen Gefälligkeiten auch noch durch jene, nur auf 
einige Tage ein Ciavier von ihr im Zimmer zu haben, das 
Ifaass seiner Unbescheidenheit voll machen muss, da ihm 
Schanz ein so schlechtes geschickt habe, das er nicht hinaus- 
schicken möge. Doch handelte es sich hier stets nur um 
den Aufenthalt eines oder höchstens einiger Tage, und 
selbst die „sehnlichste Bitte der Jedlerseer Musen, dass 
ihr geliebter Apollo noch den heutigen Tag in ihrer Mitte 
zubringen möge", durfte die „lorbeerbekrönte Majestät der 
erhabenen Tonkunst" nicht länger halten. Denn „verdriess- 
lich über vieles, empfindlicher als alle andern Menschen 
und mit der Pflege meines Gehörs finde ich oft im Um- 
gange anderer Menschen nur Schmerzen", schreibt er 
bald darauf selbst an Brauchle, den gräflichen Magister. 
Und dann, durfte er auch abgesehen von dem ebenfalls 
stets wachen innern Trieb, in seiner Lage jetzt nur einen 
Moment sich der Arbeit entziehen? Wir wissen aber, 
dass sosehr nach Goethes intimer Ausdrucksweise „diese 
gutherzigen Mädchen selbst das Stündchen abpassen, um 
ihren Freunden mit immer gleicher Liebe zu begegnen", 
die Musen unserm Meister doch nur in tiefster Abgeschie- 
denheit, vor allem in der „süssen Stille des Waldes" zu 
nahen pflegten. Doch hatte er diesmal einen Ort aufge- 
sucht, der ihn nicht allzu weit von seinen Pflichten in 
der Stadt entfernte und doch der musikalischen Herzens- 
freundin in Jedlersee nahe sein liess, — das damals noch 



60 __ 

ganz ländliche Döbling. Wenigstens schreibt er am 
24. Sept. 1815 von hier aus an Treitschke, nachdem ein 
Brief an den Erzherzog noch das Datum „Wien am 23ten 
Juli 1815" gehabt hatte. 21 

Von den Stimmungen dieses Sommers und namentlich 
der eigenen innern Bedürftigkeit nun gibt diesmal die 
ausführlichste Auskunft das Tagebuch und zwar durch 
eine ganze Seihe von Auszügen aus mannigfachster Leetüre 
wie durch eigene Seelenergüsse. Sie sind den Freunden 
des Meisters bereits aus der Jubiläumsfestschrift „Beet- 
hovens Brevier" bekannt. 

„Unter des Tigers Zahn hört' ich den Leidenden beten: 

Dank Dir, Höchster, im Schmerz, sterb' ich doch nicht in der Schuld!" 

beginnen die Auszüge aus Herders Zerstreuten Blättern. 
Es folgt ein langes Stück aus Z. Werners „Templer auf 
Cypern". Moralische Erhebung ist sein Inhalt, von Beet- 
hoven mit dem vollen Ernst eines trostverlangenden Her- 
zens aufgefosst. Sowie bei Elopstock nicht das übermässige 
Pathos, stört ihn hier zunächst das falsche, theatralische 
nicht. Er nimmt die Sache mit der unbefangenen Art 
eigenen Suchens und Bedürfens auf, denkt sogar in jener 
Zeit noch ans Componiren Werners, nämlich „fürs Geist- 
liche", und entdeckt im ungehemmten Strome der eigenen 
ethischen und religiösen Erregung nicht entfernt das inner- 
lich Hohle und Trügerische solcher moralischen Declama- 
tionen. Ihnen unmittelbar folgt vielmehr ein völlig reli- 
giöser Erguss. „Was frei ist von aller Lust und Begier, 
das ist der Mächtige, Er allein" etc. beginnt es und stei- 
gert sich zu persönlichster Hinwendung in den Worten: 



TP*" 



61 _ 

,,0 leite meinen Geist, o hebe ihn aus dieser schweren 
Tiefe 44 . Ja das Herz ist ihm so erfüllt von diesen Be- 
trachtungen und Erhebungen, dass sie ihm zum directen 
Anruf an sich selbst werden. „Aus Gott floss alles rein 
und lauter aus u heisst es; „ward ich nachmals durch 
Leidenschaft zum Bösen verdunkelt, kehrte ich nach viel- 
facher Besserung und Reinigung zur ersten erhabenen rei- 
nen Quelle, zur Gottheit zurück, und — zu Deiner 

Kunst Kein Eigennutz beseele dich dabei, so sei es jeder 
Zeit" Endlich naht sich ihm die sinnenhafte Vorstellung 
des „Allmächtigen, Ewigen, Unendlichen" in folgenden Wor- 
ten: „Gehüllt in Schatten ewiger Einsamkeit, undurch- 
dringlich, unzugänglich, unermesslich, gestaltlos ausgebreitet. 
Ehe Geister waren eingehaucht, war nur sein Geist, wie 
sterbliche Augen, um Endliches zu vergleichen mit Un- 
endlichem, in lichte Spiegel schauen". Und wie tief sein 
Dasein bei diesen Erbauungen betheiligt war, verräth die 
unmittelbar folgende Stelle: „Ein Bauerngut, dann entfliehst 
du deinem Elend!" Er bedurfte ihrer eben in dem Drange 
seiner Lage, wie wir sie oben kennen gelernt haben, wo 
obendrein sein bezeichnender Ausruf lautete: „Sein Leben 
ist ihm sehr lieb, sowie ich das meinige gern verlöhre!" 
Seine eigenste Erbauung und Tröstung aber war ihm 
eben dennoch stets die Kunst „Nicht Fragen, Thaten 
sollst du spenden!" und „Das hohe Gut der Selbstvollen- 
dung im Erschaffen suchen!", das ist der Beruf eines Künst- 
lers, dem sein Thun Offenbarung und also ebenfalls ein 
Gottes - Dienst ist Und die Uebung desselben führt ihn 
auch immer am sichersten wieder zu sich selbst. „Zugleich 



62 

spreche ich Ihnen nun selbst Trost zu; wir Endliche mit 
dem unendlichen Geist sind nur zu Leiden und Freude 
geboren und beinah könnte man sagen, die ausgezeichnet- 
sten erhalten durch Leiden Freude" lautet sein Aus- 
spruch gegen die Gräfin aus „Wien am 19. Weinmonath 
1815". Ein Manuscript Schottischer Lieder der Berliner 
Bibliothek aber, datirt „1815 den 23ten Weinmonath", ent- 
hält ein „Allegretto risoluto ohne Sorgen, einer der alle 
Sorgen weit wegwirft". Es waren gegen Ende Juli und 
anfangs August die beiden Cellosonaten Op. 102 fertig 
geworden, über die also zunächst Einiges zu sagen ist * 2 

Die „freye Sonate" Nr. 1 zeigt in dem „risoluto", das 
als Refrain gewissermassen den Charakter des ganzen 
1. Satzes abschliessend aufdeckt, jenen kräftigen Act der 
Selbstüberwindung und männlichen Entschlossenheit, nach- 
dem schon in der e / 8 Einleitung (dolce contabile) eine sanft 
beruhigte Stimmung sich kundgegeben, die das Besultat 
eigener Sammlung der Geister zu erneutem Erkennen des 
Zwecks unserer Existenz, gewissennassen die wiedergewon- 
nene innere Unschuld ist. Selbst nach dem Adagio, das 
in dem anmuthig weiten Aufschwung der melodischen 
Linie die volle wiedergefundene Buhe auszusprechen scheint, 
muss jene Sammlung noch einmal stattfinden: es steigt die 
innere Noth in grossen Dissonanzschritten durch die Wei- 
ten des Empfindungslebens, und ein energisches persön- 
liches Bedürfen ist es, was hier so all? hergebrachte Form 
durchbricht oder vielmehr das logische und sogar frei 
psychologische Wesen, das der Sonatenform in der Tiefe zu 
Grunde liegt, ungestört um Begel und Herkommen frei 






63 

hervorbrechen lässt Erst dann tritt (im Pinale) wieder 
Ausgleichung der innern Spannung und frischer Lebens- 
trieb ein. 

Und als wenn dieser jetzt Herr geblieben, setzt die 
zweite Sonate sofort mit dem rollenden Schlussmotiv 
dieses heiter freien Finales ein und kündet in kräftigem 
Emporschritt und wie mit Fanfaren den fest beharrenden 
Entschluss Herr zu bleiben an, der dann auch durch krau- 
sestes Durcheinander des Lebens sicher bei sich und seinen 
Zwecken bleibt. Und wahrhaft Wonne singt das rein me- 
lodische 2. Thema, wie nur je Wonne gesungen worden ist, 
wenn das Herz sich selbst wieder gefunden. Ein Aus.druck 
reinster Lebensfreude, das der Zukunft der Kunst nicht 
verloren gegangen! Allein Dissonanzen herbster Art er- 
füllen die kleine Durchfuhrungspartie, so kurz wie deutlich 
redend und bezeichnend, und die breite Harmoniefolge des 
Schlusses ist wie]ein fernes Erinnern, wie Sinnen über die 
dunklen Tiefen des Lebens, Das folgende Adagio nb. con 
molto sentimento d'affettc ruft wie des Volkes Seele im 
Choral trotz allem wieder direct an: „0 leite meinen Geist, 
o hebe ihn aus dieser schweren Tiefe!" Und nicht blos 
Erinnerung der Noth und Aufschauen zu den Höhen, wo sie 
allein sich lindert, ist esj, sondern ganz leiblich und per- 
sönlich bedurftes Beten, ja Hinaufflehen des schmerzlich 
zuckenden allermenschlichsten Innern. „Was muss dieser 
Mann empfunden haben als er dieses schrieb", hörte Karl 
Holz den alten „zeitlebens nach Beethovens Muse scheel 
sehenden" Gyrowetz mit hellen Thränen im Auge sagen, 
als das Adagio der Cmollsymphonie gespielt ward. Dass 



i 



64 



aber in dem Adagio dieser Sonate Op. 102 II. trotz von 
aussen entnommener Form zu einer solchen Yermuthung 
ungleich mehr Grund ist als bei aller Schönheit und 
Energie dort und die eigene innere Bedrängung zunächst 
nur die entsprechende Ausdrucksweise hernahm wo sie sie 
fand, um dann ganz auch ihre eigenste Bedeweise dafür zu 
finden, sagt uns das was diesem vierstimmigen Liedsatz 
von vier Strophen folgt. Es schreien unter Begleitung 
eines höchst energisch widerstrebenden Basses förmlich der 
Noth mannigfache Drangungen in Dissonanzen auf, wie 
sie nur irgend die eigensten Ergüsse von Beethovens 
Innerm aufweisen. Und die Gipfelung des Schmerzes, ein 
wahrer Angstschrei der in der Noth des Leidens fast sich 
selbst entfremdeten Natur, kann nur durch stufenweises 
Sichaufthürmen der wechselnden Strebungen und Re- 
gungen des in sich selbst gestörten Innern erfolgen. Wobei 
sich das gegenseitige Aufnehmen, Heben und Beantworten 
der Motive durch die 2 Instrumente, das die ganzen beiden 
Werke und zwar weit über den bisherigen vorwiegend 
blos concertirenden Styl hinaus charakterisirt, so recht nach 
seiner vollen Bedeutung und eindringlichen Art zeigt! 
Dem zweitmaligen noch stärkeren Auftreten jenes höch- 
sten Momentes nach dem an den alten Vater Bocco erin- 
nernden Durmotiv, das schon die Entladung und Befreiung 
angekündigt, folgt nun auch diese unmittelbar und zwar 
in so vollständiger Weise, dass es wie himmlische Ver- 
söhnung klingt, der die Thräne nur noch als nachzitternde 
Erinnerung an der Wimper hängt. Das mit dieser Em- 
pfindung eingeleitete Allegretto fugato zeigt schon nach 



■f" ■! 



-* — 1— 



65 

seinem kühn aufstrebenden Thema den befreit ins Leben 
Entlassenen auch sogleich wieder in der vollen Energie 
thätig schaffender Kraft. Mit freien Schritten in den 
Gnmdintervallen der Tonart wird der Raum unserer Thä- 
tigkeiten durchmessen, und der letzte Schluss bestätigt mit 
seiner kräftig rauh durch die Stürme des Lebens sich 
durchschlagenden schwertscharfen Willensenergie den Cha- 
rakter des ganzen Finales. Es ist ein echt Beethovensches 
Stück kernhafter Affirmation, zuversichtlichsten Glaubens 
an sich, an das Leben, kurz und fest hingestellt und sicher 
behauptet! 

So muss uns näher zugesehen auch dies ganze kleine 
Werk wieder als ein herrliches Gedicht der eigenen Seele 
des Componisten erscheinen, und man sieht, indem derselbe 
mehr und mehr in das, als was er sich selbst bei diesem 
Thun fühlt, in den „Dichter" übergeht, hier auch den 
Mechanismus der Form mehr und mehr zum Organismus 
des Lebens werden. Die ursprünglichen Lebenskeime dieser 
reinen Instrumentalform sind aufgefunden, es wird frei aus 
dem Geist und eigenen Innern heraus gearbeitet, und solche 
Arbeit macht frei, sie stammt aus dem Schaffen des Ewi- 
gen selbst und lä§st daher an seinem erhabenen Gleich- 
muth und Kuhigsein theilnehmen. 23 

Bemerkenswerther muss uns aber dennoch hier die 
ebenfalls in diesem Jahre vollendete Sonate Op. 101 er- 
scheinen, sie ist in noch höherem und mehr bewusstem 
Sinn eine „freie". „Träumerische Empfindungen" habe 
Beethoven selbst den 1. und 3. Satz derselben genannt, als 
er &n künstlerisch gebildeten Dilettanten Stainer von 

Kohl, Beethovens letzt« Jahre. 5 



66 

Felsburg für Linkes Conzert am 18. Febr. 1816 in das 
poesiereiche Werk persönlich eingeführt habe, sagt Schindler. 
Wirklich enthält dies seelenvolle Allegretto ma non troppo, 
das vermuthlich beim Druck zugleich mit „Etwas lebhaft 
und mit der innigsten Empfindung 44 überschrieben ward, 
alles was von zarter Bewegung und Fügung in harmoni- 
scher und rhythmischer Hinsicht damals in Beethovens 
Innern zur Freiheit gediehen war. Dem fast nervös weich 
sich schiebenden harmonischen Wesen muss sogar der 
Rhythmus sich beugen und in zuckenden Syncopen schliess- 
lich den Höhepunct schmerzlicher Wonne aussprechen, 
nachdem in dem „espressivo e semplice" nur Scheinruhe 
eingetreten war. „Wenn unter der schweren Wimper die 
schwellende Thräne lauert, widersetze dich mit festem 
Muthe ihrem ersten Bemühen hervorzubrechen" steht im 
Tagebit che dieses Sommers 1815. Das schmerzlich Süsseste 
harmonisch-melodischer Folge aber ist das sanft aufstei- 
gend dahingleitende kleine Uebergangsstück , das offenbar 
in bestimmtester Absicht mit „molto espressivo" bezeich- 
net ist Hier liegen die Goldfäden offen am Tage, aus 
denen spätere dichterisch-musikalische Phantasie das Wun- 
dergebilde innigsten Gesanges, sich selbst vernichtend 
klagende Sehnsucht der Liebe oder was sonst den Men- 
schen tiefinnen beseelt, gewoben hat. Wie denn überhaupt 
dieser Satz „Kern melodischer Wissenschaft" für alle künst- 
lerische Gegenwart geworden ist! 

Der zweite Satz ist wie ein fein gezeichnetes Con- 
trefey einer überlebten Zeit. „Marsch alla fuga für den 
P. Eugen" sahen wir Orchesterskizzen jener Tage über- 



67 

schrieben, von deren Ausführung sich aber nirgends etwas 
findet Sollte wirklich des Meisters Phantasie sich an dem 
frischen volkstümlichen Helden der Zopfzeit entzündet 
and dann wenigstens in dem engen Rahmen des Claviers 
versucht haben, was sich selbst in so widerstrebendem 
Stoffe Freies und Charakteristisches schaffen lasse? Wir 
erlebten schon einmal (ob. IL 385) ein solches Kunststück 
der musikalischen Ironie, und es entspricht dies ganz dem 
Beethovenschen Humor wie der Souveränetät seines Kön- 
nens. Von „alla fuga" ist nun freilich hier nicht die Rede 
und daher auch nur „Vivace alla marcia 44 gesagt. Allein 
canonische Imitation bis zur vollen Vierstimmigkeit ist 
der gar sonderbare Charakter dieses Marsches, und das 
fein gezeichnete Trio geht gar fleissig auch in die strengste 
Schule. Das Ganze ist ebenfalls durch feinste harmonische 
Färbung charakteristisch, und solche Chromatik ist selbst 
bei Beethoven vorher nur sehr vereinzelt zu finden. Da- 
bei wird das „Mi contra fa est diabolus in musica 44 wenig- 
stens nach Seite des gemeinen Querstandsverbotes' wie ge- 
flissentlich verletzt, als wolle man in einem solchen Zopf- 
gemälde die Zöpfe der eigenen Kunst, mit denen ja der 
Hader nie aufhörte, nach Möglichkeit verspotten. Und 
Freund Tobias (Haslinger), der diese Sonate erwarb und im 
Bewusstsein „sich selbst ebenfalls, der Einbildungskraft 
mehrmals jbedient zu haben 44 , hier oder auch bei andern 
Werken wohl gar dem Meister das Exercitiiqn zu corri- 
giren den kühnen Versuch machte, mag ebendaher sich 
den Namen „Diabolus 44 erworben haben, während der Meister 
selbst ruhig selbstbewusst „Contra Fa m. p. 44 unterzeichnet. 

5* 



68__ 

Das Adagio ma non troppo con affetto hat Beethoven 
übersetzt „langsam und sehnsuchtsvoll 44 , und das „Sul una 
corda" legt einen Schleier über das Ganze, der die innere 
Bewegung zart verhüllt und das sehnende Hinaufgreifen 
der Melodie wohlthuend dämpft, — im wesentlichen die 
Stimmung des 1. Satzes, die Melancholie des überreichen 
Lebensgefühles. Es ist das erste Mal, dass jenes .Aus- 
drucksmittel von Beethoven gebraucht wird. Das chro- 
matische Hinabsteigen des Hauptmotivs auf der Folge auf- 
und abwogender verminderten Septimenaccorde ist hier 
von ausserordentlicher Schönheit, und wahrhaft beseligt 
senkt die Empfindung sich allmälig ganz auf den Domi- 
nantaccord nieder. Die innere Sammlung bringt (in ähn- 
licher doch mehr blos erinnerungshafter Weise wie bei 
Op. 102 I. und später im grössten Style bei der Neunten 
Symphonie den Ausgangspunct der ganzen Bewegung wieder, 
und mit „Geschwinde doch night zu sehr und mit Ent- 
schlossenheit" tritt das AUegretto ein: man ist eben wieder 
bei sich und wird nöthigenfalls zur energischesten Action 
übergehen. Das Gefühl des Lebens und Könnens wogt 
hin und wieder und erzeugt lieblichste Bilder des Spielens 
der Kraft mit sich selbst Mit „dolce" tritt eine anmuthige 
kleine Imitation ein, und ein kurzer bestimmter Horngang 
bestätigt dies erneute Bewusstsein der Uebereinstimmung 
mit sich selbst. Die lange und kräftige imitatorische 
Durchfuhrungspartie, in Hauptpuncten an die Weise der 
geharnischten Männer in der Zauberflöte anlehnend, bewährt 
die neugewonnene innere Sicherheit auch in solchem rein 
formellen Spiel der logisch - intellectuellen Thätigkeit 



69 

unseres Geistes, es ist etwas von dem nüchternen Welt- 
verstande darin, wie er uns selbst innen wieder zu Ver- 
stand und Ordnung bringt. Das Dolce poco espressivo 
erinnert dann aber doch wieder daran, dass nur in der 
Concretion des Individuums, im Pulsschlag des einzelnsten 
Herzens wahrhaft Leben und zugleich Heil auf Erden ge- 
boren wird. Es ist ein fein geschliffener Diamant, dieses 
Op. 101, aber aus der innersten Lebensgluth der eigenen 
Natur hervorgegangen und von sehr merkbarer psycholo- 
gischer Grundanlage, daher auch so recht von innen heraus 
leuchtend. u 

„Meeresstille und glückliche Fahrt" ward 
ebenfalls in diesem Sommer und Herbst fertig und bereits 
am 25. Dezember in Wien öffentlich aufgeführt. Die 
„äusseTste Stille", womit er die ersten Tacte dieses Werkes 
ausgeführt wissen wollte, entsprach dem Harren seines 
eigenen Innern auf Erlösung aus der ungeheuren Oede, die 
ihn im wirklichen Leben mehf. und mehr umstarrte, und 
„die Nebel zerreissen, der Himmel wird helle", das war 
ja bei dem „hohen Muth, der ihn oft in den schönen 
Sommertagen beseelte" seine neubeglückende Hoffnung. 
Hier stimmt er mit dem ethischen Empfinden des Dich- 
ters aufs natürlichste und schönste zusammen, daher auch 
die überaus innerlich frische und heiter belebte kleine 
Compositum, wie wir (ob. IL 549) hörten, „dem Verfasser 
der Gedichte, dem unsterblichen Goethe" gewidmet ward. 
Aber auch geringere und sogar ganz geringfügige poe- 
tische Anrufe setzen sein Inneres in schwingende Bewe- 
gung und rühren die Abgrundstiefe seines Schauens und 



70 

Empfindens auf, die wieder dunkle Gebärungsschoos der 
Mutter Natur selbst ist. Und wenn auch dabei das S. 43 
erwähnte kleine Liedchen von Wessenberg „Das Geheim- 
nisse nämlich dass nicht die Muse, sondern nur „dein 
Innerstes" dir kund thun könne, „wo das Blümchen blüht, 
das nie verblüht", nicht viel gilt und auch „Die Sehn- 
sucht" aus Keissigs „Blümchen der Einsamkeit" nur einen 
um weniges tieferen Ton aus jenem „Innersten" anschlägt, 
so strahlt doch der ebenfalls in diesem Halbjahr 1815/16 
zugleich mit dem P. Eugen-Marsch ersonneae Liederkreis 
„An die ferne Geliebte" von Jeitteles wieder wahr- 
haft frische Lebenslust und verräth ein Herz, das trotz 
dem jüngsten in freudiger Kegung schlägt. Ob das „Auf 
dem Hügel sitz' ich spähend in das blaue Nebelland" sehn- 
suchtsvolle Erinnerung eigenen Glücks bedeutet — „leider 
habe ich keine, ich fand nur Eine, die ich wohl nie be- 
sitzen werde" schreibt er am 8. März 1816, also nicht 
lange vor Vollendung des Werkes an Bies, — ob die den 
Goetheschen mit Geschick nachgebildeten Verse, die nicht 
ohne anmuthende Stimmung sind, hier zum Impuls genüg- 
ten, wir wissen es nicht. Doch sagt Schindler (II. 156), 
Beethoven habe dem Dichter die Ehre erwiesen, durch 
einen Brief ihm für solchen Impuls zu glücklichem Schaf- 
fen zu danken. Das Werkchen selbst ist wie Sonne und 
Sommer und das Sehnen darnach in der Oede des Winters, 
siegendes Licht, jubelndes Wiedererstehen der Natur, ein 
einziger glücklicher Frühlingstag! „1816 im Monat April" 
steht auf dem Originalmanuscript. 26 

Dass es nothwendig war, so stets im eigenen Schaffen 



71 

das Glück zu suchen, wissen wir von diesem Winter, wo 
das Leid mit dem Neffen seinen Anfang nahm. Wir ha- 
ben diese Vorgänge vorerst wieder kurz zu berühren. 

Am 15. Nov. 1815 also war der Bruder gestorben. 
„Schon seit gestern nachmittag liege ich erschöpft von den 
Anstrengungen, verursacht durch den so geschwinden Tod 
meines unglücklichen Bruders", schreibt er in diesen Tagen 
an den Erzherzog, und wir hören, dass sogar schon seit 
dem 15. October ein „Entzündungskatarrh" ihn befallen, 
dessen Folgen bis ins volle Frühjahr 1816 fortwirkten. 
„Der Arme hatte sich in seinen letzten Jahren sehr geän- 
dert", heisst es am 22. Nov. gegen Ries, und im Tage- 
buch aus diesem Winter steht: „0 sieh herab, Bruder, ja 
ich habe dich beweint und beweine dich noch, o warum 
warst du nicht aufrichtiger gegen mich, du lebtest noch 
und wärest gewiss so elendiglich nicht umgekommen, hät- 
test du dich früher entfernt und mir ganz ge- 
naht." Denn „es ist am mehrsten hinderlich von Anderen 
zu erlangen, wenn man als ein Lügner »erscheint", steht 
ebenda unmittelbar vorher. Dazu kam die Erbschaftsregu- 
lirung. Es war zwar, von der Mutter her, ein Haus nach 
gerichtlicher Schätzung vom 22. April 1816 im Werth von 
16,000 FL W. W. da, aber die Schulden betrugen mehr, 
und so trat die Wittwe am 13. Dez. 1815 die Erbschaft 
nüt dem beneficium inventarii an. Bei diesen Verhält- 
nissen nun hatte Beethoven durch mehrere Jahre unsäg- 
lichen Aerger, sowohl durch die Habgier und Intrigue der 
Frau selbst, wie durch die Bücksichtslosigkeiten des Ver- 
lassenschaftscurators Dr. Schönauer, durch dessen blosse 



72 

Namensnennung er bei Giannatasio einmal — im Frühling 
1816, als er,, Die entfernte Geliebte" brachte — „nachdem 
er recht heiter gewesen war, plötzlich still und verstimmt 
wurde". Es kam später zu einem Vergleich, bei welchem 
nach Beethovens Grossmuth natürlich trotz allem das 
„schlechte Weib" den Löwenantheil bekam. Für die näch- 
sten zwei Jahre aber währte der Aerger fort 

So verstehen wir doppelt gut das Wort gegen Ries 
am 28. Febr. 1816: „Der Tod meines Bruders wirkte auf 
mein Gemüth und auf meine Werkö". Von. Intention 
neuer Schöpfungen hören wir auch zunächst nichts, obwohl 
mancher Anlass dazu vorhanden war. Am 81. Jan. 1815 
schon hatte ihm der preuss. Reg.-Rath Sack ein Oratorium 
„das Weltgericht" angeboten, im März sendete Amenda 
den Operntext „Bacchus" von seinem Freunde Berge und 
freut sich schon, wie Beethoven bei so manchen schönen 
Situationen von der ihm eigenen Zartheit und Kraft über- 
strömen werde etc. Gegen Dr. Bursy äusserte dieser sich denn 
auch im nächsten Frühjahr, der Text sei recht gut, bis 
jetzt habe ihm aber seine Krankheit noch nicht eine solche 
Arbeit erlaubt, er habe überhaupt „seit lange nichts Neues 
componirt". Am 24. Sept schreibt er von Döbling aus 
an Treitschke wegen des ob. IL 450 erwähnten „Romulus". 
Am 9. Novbr. 1815 aber trägt ihm «die „Gesellschaft der 
Musikfreunde" in Wien ein Oratorium an und Beethoven 
verspricht nach 2 Monaten „sich des sehr ehrenvollen Auf- 
trags, so sehr als es ihm immer seine schwachen Kräfte 
erlauben, so würdig als möglich zu entledigen!" Das Ge- 
dicht sei von Seyfried schon angefangen. Der Preis sollte 



73 

400 Duc. sein. Es ward Jahre lang darüber verhandelt 
Wir werden davon noch oftmals hören. 

In der gleichen Zeit erfährt Beethoven den Enthusias- 
mus, den die Milder-Hauptmann mit Fidelio bei den 
Berlinern erregt, und es mnsste ihn dies nm so angenehmer 
berühren, als kurz zuvor bei erneuter Vorführung der Oper 
in Wien mit Mad. Campi „fast unerklärbar die Aufnahme 
sehr kalt, auch das Haus bei weitem nicht zur Hälfte ge- 
füllt 44 gewesen war. 26 

„Wenn Sie den Baron de la Motte-Fouquö in meinem 
Namen bitten wollten, ein grosses Opernsujet zu erfinden, 
welches auch für Sie passend wäre, da würden Sie sich 
ein grosses Verdienst um mich und um Deutschlands 
Theater erwerben 44 , schreibt er der Milder am 6. Jan., „nur 
antworten Sie bald, damit ich mich mit meinen übrigen 
Schreibereien darnach richten kann. 44 Am 9. Jan. also er- 
theilten ihm die k. k. Landrechte die Vormundschaft mit 
Ausschluss der Wittwe und gaben ihm, wie er selbst 
schreibt, „volle Gewalt und Kraft, alles ohne Rücksichten 
zu beseitigen, was wider das Wohl des Kindes ist". Doch 
ging jetzt die Noth erst recht an. Die Wittwe sann Rache, 
spann Intrigue über Intrigue. Sie verbreitete, obwohl „im 
Rathe nur Eine Stimme 44 über ihre Ausschliessung gewe- 
sen, dieselbe sei „erschlichen 44 , was Beethoven, der in sol- 
chen Dingen „viel auf die Meinung der Menschen gab", 
wieder sehr beunruhigte. Sie suchte mit unermüdlicher 
Consequenz zu dem Knaben zu dringen, sodass nach den 
Landesgerichtsacten Giannatasio ihr schon am 8. März 
jeden Besuch des Instituts schriftlich untersagen muss. * 



' 74 _ 

„Alle meine durchdachten Pläne für das Wohl des Kindes 
wurden hierdurch schon einigermassen gestört", schreibt 
Beethoven und doch fühlt er zu gut, sie ist immer die 
Mutter! Es kostet ihm heroischen Entschluss in all die- 
sen Verhältnissen fest durchzugreifen. Solche Kümmer- 
nisse und die Sorgen „in diesen schrecklichen Zeitverhält- 
nissen, welche noch alles Ueberlebte übertreffen", verhin- 
dern denn auch seine körperliche Wiederherstellung, und 
so bringt das Tagebuch dieses Frühjahrs wieder bezeich- 
nende Ausrufe seiner innern Bedrängniss. 

„Der mit einem Uebel behaftet ist, welches er nicht 
ändern kann, sondern welches nach und nach ihn dem 
Tode näher bringt und ohne welches sein Leben länger 
gedauert hätte, muss denken, dass er auch so durch Mord 
oder andere Ursachen hätte noch geschwinder umkommen 
können"; tröstet er sich naiv genug; „o glücklich wer nnr 

für " sich selbst zu sorgen hat, denkt er vielleicht 

jetzt, wo statt der „süssen Sorgen" ihm fast nur Bitter- 
nisse erblühen. Denn schlimm muss es wieder zugegangen 
sein, wenn da steht: „Zeige deine Gewalt, Schicksal! wir 
sind nicht Herren über uns selbst, was beschlossen ist, 
muss sein, und so sei es denn!" Es folgt die Notiz: 
„Canon aus der Odyssee", wie ihm Homer sooft Helfer in 
der Tagesnoth war. „Alle Abends - und in der Frühe im 
Verein mit K. trotz meinem armen [Gehör?]" heisst es 
darauf, und nach einer Verfügung über die Veröffentlichung 
neuer Werke, die auch in den Briefen dieses Frühjahrs 
häufig vorkommt, nämlich den Tag der Herausgabe selbst 
zu bestimmen, kommt der tröstliche Zuruf: „Ertragung — 



75 _ 

Ergebung — Ergebung, so gewinnen wir noch beim höch- 
sten Elend und machen uns würdig, dass Gott unsere 

Fehler ". Nach jener oben IL 529 mitgetheilten franz. 

Stelle steht dann jener wahre Aufschrei aus innerster Seele, 
der auch der Vater der späteren „grossen Werke" ward: 
.,K. betrachtest du als dein eigenes Kind, alle Schwätze- 
reien, alle Kleinigkeiten achte nicht über diesem heiligen 
Zweck. Hart ist der Zustand jetzt für dich, doch der 
droben, o er ist, ohne ihn ist nichts! — " 

Auch dass er jetzt „wenigstens 3 Mahl in der Woche 
das Glück haben konnte, S. K. H. wieder aufwarten zu 
können" gehört zu den Freuden einer Existenz, die nur 
für „Schuster, Schneider und Metzger" zu arbeiten hatte. 
. „Sie wissen es schon!" hörten wir ihn oben gegen Ries 
: ausrufen, und wenn auch etwas übertrieben ausgedrückt, 
ist es doch Wahrheit und gehört mit in den Kranz all 
dieser Nöthe und Wirren, wenn er im Jahre 1818 diesem 
früheren Schüler über seinen jetzigen schreibt: „Durch 
meine unglückliche Verbindung mit diesem Erzherzog bin 
ich beinahe an den Bettelstab gebracht!" Wie hat man 
nur je annehmen können, dass in dieser Verbindung „beide 
Theile einander unentbehrlich geworden waren" und gar 
dass in dieser späteren Zeit „der Ueberschuss des Gewäh- 
rens" auf Seite des Erzherzogs lag? Gewiss war der 
Prinz eine gemüthvoll wohlwollende Natur und hatte auch 
namentlich für seinen Freund und Lehrer eine Empfindung, 
die vielleicht jede andere für Menschen überwog. Allein: 
„ich fragte ihn einmal, ob dieser gut spiele? — Wenn 
er bei Kräften ist! war die mit Lachen begleitete Ant- 



76 

wort", erzählt Fräulein del Kio, und ein Titane, der sich 
so wohl bewusst war, dass seine Aufgabe laute: mora- 
lische Vervollkommnung seines Geschlechts, ein solcher 
sollte nicht im Innersten eine Störung dieser seiner Arbeit 
durch eine derartige Verbindung empfunden haben? Es ge- 
hörte die Kraft eines Lebens zu dieser Arbeit, er hatte in dem 
vollen Bewusstsein, dass nur er sie hier zu thun vermöge, 
ihr sein Leben gewidmet, und er sollte jetzt thun, was im 
Grunde jeder andere Musiker auch leisten konnte, einem 
Prinzen, dem das Componiren allerdings eine recht eifrig 
ernste Beschäftigung war, so oft es demselben beliebte, 
das Exercitium corrigiren! Wahrlich nur völliger Un- 
begriff von der Kunst und ihren Aufgaben, sowie solche 
als „moralischen Fortschritt" Beethoven fasste, kann hier 
den Unterschied nicht erkennen. Beethoven spendete, was 
ihm nicht zu ersetzen war und obendrein durch soviel trübe 
Verhältnisse von Jahr zu Jahr mehr geschmälert wurde, 
Zeit und Kraft zu Werken, die, wir wissen es doch wahr- 
lich heute, ausser ihm in der Kunst damals niemals wirkte 
noch wirken konnte. Der Erzherzog bot, was materiell 
jeder Andere hätte bieten können, und ausserdem in nicht 
zu hohem Masse, — jährlich ganze 600 FL = 400 Thlr. 
Dankenswerth genug und ihm selbst nicht zu vergessen! 
Glaubt man aber etwa ferner, er habe Beethovens Muse 
wirklich so viel höher zu würdigen vermocht als Andere 
jener Zeit? „Möge er nur leben, bis das gewaltige und 
erhabene Räthsel, das in seinem Geiste ruht, zu seiner 
Vollendung herangereift ist! Dann lässt er den Schlüssel 
zu einer himmlischen Erkenntniss in unsern Händen, die 



77 

uns der wahren Seligkeit um eine Stufe näher rückt", so 
wagte schon 1810 Bettina über Beethoven einem Goethe 
zuzurufen, und ein solcher Mann sollte Müsse zu Allotrien 
haben? Vielleicht berichtigt unsere getreue Darstellung 
dessen, was dieser Künstler zugleich .an Lebenspflichten zu 
erfüllen und an Opfern zu bringen hatte, die triviale 
Herabziehung und schwächlich devote Auffassung, die bei 
Berührung dieses Verhältnisses hervorgetreten sind. Auch 
werden wir im Lauf der Erzählung die [innere Unnatur 
desselben von selbst ans Licht treten sehen, leider nicht ohne 
dass auch Beethoven dabei zuweilen zu der fatalen Bolle 
verurtheilt erschiene, seinem besseren Bewusstsein den 
Mantel fremder Veneration umzuhängen. Es gehört auch 
dieses Verhältniss, soviel darüber gefabelt worden, im 
Grunde nicht zu den erquicklichen und gewiss nicht zu 
den erhebenden in Beethovens Leben, und wir werden 
trotz aller gutherzigen Selbstüberwindung auch bei ihm 
selbst noch oft genug darob den kräftigsten Ingrimm aus- 
brechen sehen. 27 

Das ist es, was wir von den Ursachen wissen, warum 
ausser „Schottischen Liedern", wie deren Manuscripte in 
Berlin und Petersburg das Datum vom März 1816 tragen, 
solange „nichts neues componirt" worden war. Allerdings 
zeigt Steiner am 22. April dieses Jahres in gezierter 
Verlegerweise das Lied „An die Hoffnung" mit den Wor- 
ten an; „Unser unerschöpflicher Hr. /ran Beethoven hat 
diese gemüthvolle Dichtung Tiedge's mit einem Recitative 
eingeleitet, das Gedicht zart und warm gänzlich durch- 
componirt, vortrefflich wiedergegeben; das Werkchen ist 



78 

eine der neuesten Arbeiten dieses Künstlers und die Er- 
scheinung wird gewiss allen zartfühlenden Seelen sehr er- 
freulich sein". Und der Florestansänger Franz Wild erzählt, 
Beethoven habe durch den Vortrag der Adelaide zufrieden- 
gestellt für ihn die Cantate an die Hoflhung geschrieben, 
welche er dann, von dem Componisten selbst accompagnirt 
in einer Matinee vor einer gewählten Gesellschaft (am 
25. April) gesungen habe. Es wird aber nach ihrem mehr 
theatralischen Pathos als natürlich wahren dramatischen 
Ausdruck zu urtheilen, diese zweite Bearbeitung des Liedes, 
die der Fürstin Kinsky gewidmet ist, wohl schon in frühere 
Zeit, etwa ins Jahr 1809 oder 1810 fallen. Keinenfells 
gehört sie zu Beethovens „grossen Werken". 

Gewiss aber ist, dass der erwachende Frühling auch 
seine Productionskraffc wieder belebte. Am 1. Mai 1816 
spricht er „seinem lieben werthen liebevollen Kanka" von 
dem „Entzündungskathar" des Winters, an dessen Folgen 
er und auch seine Kunst noch leide: „doch ist zu hoffen, 
dass es nach und nach besser wird und ich wenigstens 
in meinem kleinen Reich der Töne mich wieder 
reich zeigen kann." Und Fräulein del Rio erzählt von 
der Zeit, da er ihnen seine herrliche Composition An die 
Hoffnung gebracht habe: „Einmal kam er im Frühling, 
brachte uns Veilchen mit den Worten: ich bringe Ihnen 
den Frühling. Er war einige Zeit sehr unwohl gewesen 
(er litt öfter an Kolik) und sagte: Das wird einmal mein 
Ende sein! Da rief ich ihm zu: Das wollen wir noch 
lange hinausschieben! Da erwiderte er: Ein schlechter 
Mann, der nicht zu sterben weiss, ich wusste es schon als 



79 

4in Knabe von 15 Jahren, freilich für die Kunst habe ich 
noch wenig gethan! — deswegen können Sie keck 
sterben! sagte ich. Da antwortete er so vor sich hin : 
Mir schweben ganz andere Dinge vor". 

Wir nahen uns jetzt diesen „anderen Dingen", mit 
denen Beethoven denn auch wohl über die Gränzen seiner 
Kunst hinaus etwas „gethan". Doch auch die Sonaten Op. 
101 und 102 wehen uns wie ein Hauch aus dieser höheren 
Welt an, ihm selbst aber waren sie wie freundliche Sterne, 
die in das Dunkel seines Lebens hineinleuchteten und neue 
Hoffnung gaben, das Ziel selbst zu erreichen. 82 



Drittes KapiteL 
Die drangvollen Umstände. 



1816 — 17. 



Die gleichen unerquicklichen Bilder und Situationen, 
die scheinbar mit dem Sein und Schaffen Beethoven nichts 
zu thun haben und doch damit in so tiefem Zusammenhang 
stehen, weil sie an ihm selbst das Dauernde und Mensch- 
liche hervortreiben! Nur werden die Tinten dunkler, die 
Wirren wirrer. Zur gegebenen Art des Naturells und 
äusseren Lebensfügung tritt hinundwieder drückend eigenes 
Fehlen. Momentane Unbesonnenheit und hartköpfige Lei- 
denschaftlichkeit, die Mitgift aus der niederdeutschen Hei- 
mat, bringen die Fäden des Gespinnstes nur krauser durch- 
einander, und das Bewusstsein eigener Menschlichkeit 
hemmt wirksames Durchgreifen im entscheidenden Moment. 
Das Lebensdunkel nimmt im ganzen merklich jzu. Doch 
gebiert sich eben aus solcher tiefsten -Nacht das {Licht 
.eines höheren Tages. „Seine Gemüthsmannigfaltigkeit ist 
unermesslich, seine Töne verkünden immer eine nie empfun- 
dene, nie genossene Wonne, das Ueberirdische oder Unter- 
irdische wird an den irdischen Klang geknüpft und stets 



81 

erscheint er neu und unerschöpflich", solche „Gedanken 
über Beethovens Musik" hatte schon in dem soeben über- 
schauten Jahre 1815 der Leipziger Professor Th. A. Wendt 
bei Betrachtung des Fidelio und der Eroica, und Beethoven 
empfahl diese Nummern der A. M. Z. dem „Mährischen 
Schädel" Schindler mit den Worten: „Es ist viel Weisheit, 
aber auch viel Schulverstand darin". 

In welches Tannendüster unser alter Dionysosdiener 
sich diesmal verlor, als die steigende Sonne ihm endlich 
erlaubte, sich den Mutterbrüsten der Natur und damit der 
eigenen inneren Welt wieder ganz zu nahen? — Aerger- 
niss und Lebensekel waren genug vorhanden, um ihn sobald 
wie möglich aus dieser überall beschränkenden Enge der 
Stadt in die Weite der Natur zu treiben. Doch vernahmen 
wir schon, dass trotz allem der gepeinigte Timon sich 
auch wieder öffentlich hatte sehen lassen. Am 25. Dez. 
1815 also war die erste Aufführung von „Meeresstille und 
glückliche Fahrt" sowie der Ouvertüre „zur Namensfeier" 
gewesen und zwar unter Beethovens eigener Leitung. Am 
11. Febr. 1816 gab Schuppanzigh, der nebst seinen 3 Col- 
legen in Folge des Palaisbrandes von Kasumowsky ent- 
lassen worden, sein Abschiedsconcert, ebenfalls -durchaus 
mit Werken des Meisters, dem er seinen besten Ruhm 
verdankte: Quartett Op. 59 III, Pianofortequintett Op. 16 
und dann „das schöne und beliebte, durchaus grossartige" 
Septett „Hr. van Beethoven war zugegen und schien sehr 
zufrieden", referirt die Wiener Modenzeitung vom 22. Febr. 
Allein hinter den Coulissen erhielt K. Czerny in Gegen- 
wart der begleitenden Musiker strenge Zurechtweisung, 

Kohl, Beethovens letzte Jahre. 6 



82 

weil er sich Aenderungen wie Erschwerung der Passa- 
gen etc. erlaubt hatte. Beethoven entschuldigte sich dann 
andern Tags wegen seines „Herausplatzens" und versprach 
es im darauf folgenden Linke'schen Concert (am 18. Febr.) 
bei deT Violonzellsonate Op. 69 „laut wieder gut zu machen 44 . 
Hier wurde also auch die Sonate Op. 101 zuerst öffentlich 
vorgetragen, und diesmal scheint eben Beethoven wirklich 
sehr zufrieden gewesen zu sein. Hatte er doch dem Spie- 
ler die Sonate selbst einstudirt Andererseits gibt in der 
nächsten Zeit der kleine „Sohn 14 Anlass, dass wieder häufiger 
Akademien und „interessante Musiken" besucht werden, 
wie solch letztere besonders bei K. Czerny und der Freiin 
Dorothea Ertmann stattfanden. 29 

Alles dies aber führte ihn kaum eigentlich zu seiner 
Kunst, wie viel weniger zu Menschen. „Ich habe das 
Unglück, dass alle meine Freunde von mir fern sind und 
ich nun allein stehe in dem hässlichen Wien", klagt er 
in diesem Frühling auch gegen Dr. Bursy. Und wirklich, 
wenn Beethovens Ausspruch im Tagebuch von 1817 richtig 
ist: „Wahre Freundschaft kann nur beruhen auf der Ver- 
bindung ähnlicher Naturen", wo sollten sich einem Beet- 
hoven auf die Dauer wirkliche Freunde finden? Zmes- 
kall hielt treu aus. Trotz Gicht und anderer ^Leiden, die 
ihn bald für Jahre ans Bett fesselten, schnitt er fort und 
und fort Federn und half Bedienten-Fragen und andere 
Confiicte lösen. Doch auch in persönlich menschlicheren 
Nöthen erschloss Beethoven ihm sein Herz. „Lieber Z. 
seyn Sie nicht böse über mein Blättchen — erinnern Sie 
sich nicht der Lage, worin ich bin, wie einst Herkules 



83_ 

bei der Königin Omphale ???.... Leben Sie wohl und 
schreiben Sie ja nicht mehr der grosse Mann über mich 

denn nie habe ich die Macht oder die Schwäche 

der menschlichen Natur so gefühlt als jetzt", so lautet ein 
etwas rätselhaftes Billet, das der Empfänger auffallender 
Weise nicht datirt hat Wir sind über die Netze, in denen 
man sich diesmal offenbar sehr schlimm gefangen, nicht be- 
richtet Aber auch das Tagebuch spricht gerade in dieser 
Zeit deutlich genug das Bewusstsein aus, dass ihm selbst 
auch nach dieser menschlichen Seite hin Menschlichkeit 
in keiner Weise fremd war. 30 

Brunswick und Gleichenstein weilten nicht mehr in 
Wien. Lobkowitz folgte noch in diesem Jahre dem andern 
treuen fürstlichen Gönner Lichnowsky. Baron Pasqualati 
oder gar Graf Pries, dem vermuthlich wegen Besorgung 
der Londoner Geldgeschäfte als k. k. Kämmerer die 7. Sym- 
phonie „in Ehrfurcht** gewidmet wird, bleiben wohl stets 
zur äusseren Hülfe bereit. Allein es hebt die Verschieden- 
heit der socialen Stellung und der Interessen doch den 
wirklichen Freundesverkehr mehr oder weniger auf. Näher 
steht immer, wie auch aus den Conversationen erhellt, trotz 
der gleichen Hinderungsgründe Graf Lichnowsky, wenn 
es auch freilich schwärmerisch übertrieben bei Weissen- 
bach heisst: „Sie lieben sich und erwärmen sich beide an 
dem ewig heissen Busen der Kunst". Breuning habe sich 
schon im Jahre 1817 mit Beethoven entzweit, sagt Schind- 
ler, und in der That finden wir in all diesen Jahren keine Spur 
des Verkehrs mit dem alten Freunde, den vermuthlich Sorgniss 

und Pflichteifer zu allzu hartem Urtheil über Beethovens 

6* 



84 

Annahme der Vormundschaft; gefuhrt hatten. Der Riss 
ward erst geheilt, als die Folgen dieses Schrittes ihr volles 
Medusenhaupt hervorkehrten. Schuppanzigh, Oliva, die 
übrigens beide auf einige Jahre nach Russland gingen, 
dann Czerny, Streicher und selbst Bernard und Kanne wa- 
ren zu „schwach zur Freundschaft" und daher im Grunde 
doch nur „Instrumente auf denen er spielte", selbst wenn 
sie ihm hin und wieder wie Kanne mit seinen Sarkasmen 
oder musikalisch-ästhetischen Grillen und Bernard mit seinen 
leichtlebigen Scherzen zu geeigneter Zeit das Mahl würz- 
ten. Doch zeigen die Conversationen zumal mit dem Erst- 
genannten immer einen gewissen Grad aufrichtiger gegen- 
seitigen Achtung. So sehen wir diese Freunde denn auch 
fortwährend mit andern „Werkzeugen" wechseln, nur dass 
leider allmälig fast stets eine Stufe tiefer gestiegen werden 
muss. 

Der erste und für uns wichtigste derselben und zwar 
bis zu den letzten Tagen des Meisters ist der „Mährische 
Schädel" Anton Schindler. Er war schon im März 
1814 mit Beethoven in persönliche Berührung und später 
durch Betheiligung an den Akademien auch zu „fernerer 
Annäherung" gelangt. Ein kleiner Unfall, nämlich dass 
er als Student wegen angeblicher Theilnahme an carbona- 
ristischen Unruhen der Wiener Universität im Febr. 1815 
in Brunn einige Wochen in Polizeihaft gehalten ward, 
erweckte bei Beethovens damaligen politischen Tendenzen 
näheres Interesse für ihn. Er musste ihm selbst im Blu- 

* 

menstöckl im Ballgässchen nachmittags beim Biere die 
Sache erzählen und durfte ihn dann dort auch später recht 



85 

oft aufsuchen, wo er ihn k unter einer kleinen Zahl von 
„JosepMnern reinsten Wassers" fand, unter denen er einen 
k. t Arcierencapitän und den Secretär des Grafen Paliy, C. 
Pinterics, aus Schuberts Leben bekannt, als nächste 
Gesellschafter und politische Secundanten Beethovens 
nennt Bald brachte die Begleitung auf den nachfolgenden 
Spaziergängen und um 1819 die Empfehlung des Advocaten 
Dr. Joh. Bapt. Bach ihn in das nähere Vertrauen des 
hochverehrten Meisters, und theils die aufrichtige Hingabe 
des jungen Juristen, der um 1822 ebenfalls ganz zur Musik 
übertrat, mehr aber das wirkliche Bedürfen eines solchen 
brauchbaren Subjects beförderten den Signor Papageno, wie 
wenigstens er behauptet, schon in diesem Jahre 1816 zu 
Beethovens „Geheimsecretär — ohne Gehalt". Obwohl wir 
nun bereits wissen, dass hier weder wirkliche Einsicht in 
die Kunst im höheren Sinne noch auch namentlich in 
ihre tieferen Lebensquellen bei Beethoven waltete und 
gerade durch Schindler fast am meisten .Verwirrung in 
des Meisters Biographie gekommen ist, so war es doch 
immer ein glücklicher Zufall für Beethoven, in den ver- 
wickelten Abendtagen seines Lebens ein solches „Werkzeug" 
zu finden. Neben Frau Streicher gebührt unbedingt ihm 
der Preis treuesten Helfens in dieser letzten Lebensperiode. 
Von Frauen erscheint neben der Gräfin Erdödy, „sei- 
nem Beichtvater", und der bald wieder in ihre vollen Hechte 
als Schaffherin Eurykleia eintretenden Frau Speicher 
die uns ebenso wohlbekannte Freiin Dorothea Ertmann. 
Doch handelt es sich hier um rein künstlerischen Verkehr 
der aber für Beethoven um so wohlthuender gewesen sein 



86 

muss, als diese seine „liebe werthe Dorothea -Cäcilia" zu 
den „berufenen Aposteln" gehörte, die sich mit dem wirk- 
lichen Evangelium Beethovens d. h. mit seiner eigenen 
Art des Vortrags forthalfen, und so ist es ein aufrichtiger 
„Beweis seiner Anhänglichkeit an ihr Kunsttalent wie an 
ihre Person", wenn der Meister ihr am 23. Febr. 1817 die 
soeben erschienene „Sonate für das Hammerciavier" Op. 101 
sendet, die ihren Namen trägt. Dass seine Weise jetzt 
mehr erkannt wurde, war wenigstens in den besseren Musik- 
kreisen Wiens ihr Verdienst, da sie regelmässig einen Kreis 
von echten Musikfreunden um sich versammelte und den 
reineren Geschmack darstellen und fördern half. Schindler 
macht. davon jene auf eigener Anschauung beruhende Schil- 
derung, die sich durch Mendelssohns Erzählung vom Jahre 
1881 anschaulich ergänzt. Doch geht daraus noch nicht 
entfernt hervor, dass, wie Schindler behauptet, jene Sonate 
„für sie und ihre Vortragseigenthümlichkeit geschrieben", 
da im Gegentheil Beethoven selbst uns ausdrücklich be- 
zeugt, dass er „durch Zufall auf die Dedication an sie ge- 
rathen" und zwar als der Stich schon bis auf den Titel 
vollendet war. Doch raubt dies dem Verdienst der Dame 
an sich nichts (v. o. II 520 und Briefe Beeth. No. 168). 

Von neuen Freunden oder wenigstens zeitweilig nähe- 
ren Bekannten werden wir Magistratsrath Tuscher und 
Hofrath Peters sowie später Dr. Bach durch die Vor- 
mundschaft eingeführt finden. Das Verhältniss zum Erz- 
herzog, dem die im Juli d. J. erschienenen Op. 96 und 97 
gewidmet sind, erkannten wir bereits als eine durchaus 
nicht „auf gleichen Naturen beruhende wahreFreund- 






87 

schaft u . Wir werden noch näher darauf zurückzukommen 
und dann das letzte Wort darüber zu sprechen haben. 31 

Bei Wiederaufnahme des chronologischen Fadens be- 
gegnet uns am 15. Mai 1816 ein Billet, worin das „be wei- 
nenswürdige Schicksal des plötzlichen Verlustes' 4 des Sohnes 
der Gräfin Erdödy, der unerwartet bei ihr im Zimmer ge- 
storben war, mit dem aufrichtigen Trostgefühl beklagt 
wird: „nichts als dass man denken kann, dass die geschwind 
Hinweggeschiedenen weniger leiden!" Kurz vorher hatte 
er die Notiz im Morning chronicle über die Aufnahme 
seiner Symphonie erfahren. Diese „grosse Genugthuung 
für ihn" erinnert ihn auch an Neates Versprechen in Lon- 
don ein Concert für ihn zu veranstalten. Nicht Mos, 
dass dies ein Triumph «einer Kunst dort sei; auch für 
sein „almost indigent life", da sein Papiersalarium von 
3600 FL ihm kaum auf 3 Monat ausreiche und obendrein 
jetzt noch ein „poor orphain" zu erhalten sei, müsse dies 
willkommen sein. Ebenso der Verkauf der Werke. Neate 
möge deshalb auch „some lover of musik" finden, dem 
eines derselben zu dediciren sei. Er war genöthigt, sich auch 
auf solche Weise einen doch einigermassen entsprechenden 
Lohn für seine Arbeit zu sichern. Allein weder die Phil- 
harmonische Gesellschaft, wo seine Ouvertüren nicht günstig 
aufgenommen worden seien, noch die Verleger, denen die 
Sonaten zu schwer und nicht verkäuflich erschienen, mach- 
ten annehmbare Gebote, und für die Dedication des Trios 
Op. 97 habe sich nur eine Dame gefunden, die 10 Liv. biete, 
antwortet Neate am 26. Oct. d. J. 1816. Doch werde er 
nächste Saison wieder Director der Gesellschaft sein und 



88 

dann seine Stimme geltend machen. Beethoven hofft am 
18. Dez., wenn man erst auch die Adur-Symphonie aufge- 
führt haben würde, werde sein „little fame" ihm helfen. 
Die drei Ouvertüren rechne er zwar nicht, was er wohl von 
dieser sagen könne, zu seinen besten Werken, doch hätten 
dieselben in Wien und Pest nicht missfallen, wo man auch 
nicht so leicht befriedigt sei. Ob da nicht in der Aus- 
fuhrung gefehlt sei, ob nicht „party-spirit" geherrscht habe ? 
Mit den 10 Guineen für die Dedication sei er zufrieden, 
die Sonaten Op. 102 aber müssten bald honorirt sein, weil 
er ernste Anträge deshalb habe, die nur von seiner An- 
nahme abhingen. 82 

Er hatte »dieselben dem jungen Simrock, der in die- 
sem Sommer einige Wochen in Wien war und am 29. Sept 
1816 von Beethoven mit dem Bemerken, er werde manches 
von seiner Lage erzählen, an Brentanos empfohlen wird, 
mit nach Bonn gegeben, wo sie auch bereits im folgenden 
Jahre erschienen. Dabei erzählt Schindler, Beethoven habe 
ausdrücklich gebeten, von dieser Uebergabe nichts gegen 
die Herren Steiner & Comp, verlauten zu lassen. Schon 
1813 habe durch Darlehen auf unedirte Werke eine pecu- 
niäre Abhängigkeit von den Inhabern dieser Firma sich 
begründet, und in der That bestätigen einerseits die Menge 
der Werke, die dieses erst 1815 entstandene Geschäft in 
Verlag bekam — ausser Op. 90 bis 101 noch die später 
edirten Op. 112 — 118 und 121a, sowie die posthumen 
Opp. 136, 137, 138, — andrerseits der Ton der Briefe ein 
solches Verhältniss nur zu sehr. Auf ungeführ 3000 PL 
gibt Beethoven in einem Briefe vom 3. Juli 1822 diese 



89 

seine „maxima culpa" selbst an, wobei er einen Theil der 
Schulden von Karls Mutter übernommen habe, und man 
kann denken, wie bei dem Charakter „dieses bösen Steiner" 4 
ihn solch ein Yerhältniss drückte. Daher die Klagen gegen 
Bursy über die Wiener Verleger, unter denen allerdings im 
Bewußtsein ihrer Macht über den Meister diese Steiner 
soweit gingen, gegen oder doch ohne Beethovens Willen 
Kleinigkeiten wie „Der Mann von Wort" und Merkenstein 
als besonderes Opus (99 und 100) herauszugeben. Zu alle- 
dem war das Honorar, das ihm jetzt vermuthlich sehr 
eigenmächtig angesetzt ward, nicht entfernt der Sache ent- 
sprechend. Wir werden darüber seine eigenen Klagen 
noch vernehmen, denn es gab auch hier noch schlimme 
Geschichten. 38 

Immer also das alte Lied von materieller Bedrängniss 
und die Zwangslage den Pegasus zunächst zu ihrer Hebung 
einzuspannen. Dazu erwachen die alten Sorgen um die Er- 
ziehung des „theuren" Neffen. Wir absolviren zunächst 
wieder diese äusseren Dinge. 

Am 11. Juli 1816 erhält der Erzherzog die Sonate 
Op. 96 im Stich. „Ich darf wohl von Ihrer Gnade hoffen, 
dass Sie der mir etwas freventlich (jedoch blos der Ueber- 
raschung willen) erlaubten hier beigefügten Dedication 
sonst keine Absicht beilegen", heisst es dabei. Das 
Werk sei für ihn geschrieben, oder vielmehr es habe ihm 
sein Dasein zu danken: — es war für Pierre Rode, aber 
zu einer Soiree mit dem Erzherzog bei Lobkowitz geschrieben. 
Er hofft ihm bald in Baden aufwarten zu können, sein 
Bmstzustand, um den ihn sein Arzt (Dr. Staudenheim) 



90 



bisher nicht aus der Stadt gelassen, bessere sich. Am 28. Juli 
schreibt er denn auch, dass er morgen früh um 5 nach 
Baden gehen werde. 

„Mich fesseln Verhältnisse* hier 44 , hatte er kurz vorher 
Dr. Bursy auf die Frage, warum er in Wien bleibe, geant- 
wortet. Abgesehen davon, dass ohnehin „Karl ihm täglich 
grosse Opfer kostete 44 , erhöhten sich die Ausgaben jetzt noch 
dadurch; dass die Erziehung möglichst unabhängig von der 
Mutter festgestellt werden musste, die sich durchaus einer 
Königin der Nacht immer würdig zeigen wolle. Dabei 
„sprengte sie überall aus, dass er nicht das mindeste, son- 
dern sie alles für Karl bezahle 44 , während doch seine Gross- 
muth so weit gegangen war, trotz voller Uebernaihme der Er- 
ziehung des Knaben ihr die ganze Hälfte der Pension — 
nach den Landesgerichtsacten 440 FL W. W. — zu über- 
lassen, da dieselbe doch naturgemäss für jene Erziehung 
ganz ihm gebührte. 

„Komm Hoffnung, lass den letzten Stern des Müden nicht erbleichen, 
komm, erhell' sein Ziel, sei's noch so fern!" 

hatte er in diesen Tagen in Bursys Exemplar des Fidelio 
geschrieben. Und um nun, wie er es für ausführbar hielt, 
diesen Fährlichkeiten und Bedereien ein für allemal zu 
entgehen, hatte er beschlossen, den Knaben aus dem Insti- 
tut, wo er ihn nicht einmal gut aufbewahrt wähnte, zu 
sich zu nehmen, was denn Giannatasio ebenfalls noch vor der 
Ausfahrt mitgetheilt ward. „Entschluss zu bleiben, mit H. 
ist es nichts, es ist aus dem Hause, sondern mit einem 
Hofmeister im Hause, alles gibt sich mit Festigkeit 44 heisst 
es im Tagebuch damals. 34 



■-I — m — r -w -r- 



91 

Die „Königin der Nacht" aber beharrte bei ihrem 
Wühlen. „Wie yiel wir auf ihre Besserung rechnen kön- 
nen, zeigt Ihnen dieses abgeschmackte Geschmier", schreibt 
Beethoven an Giannatasio. Unterdessen hatte er „ihr dies- 
mal nicht wie ein Sarastro, sondern wie ein Sultan- geant- 
wortet 44 . Doch war es bei all diesen Verhältnissen wohl 
nothwendig, sich auch selbst zuzurufen: „Die Auszeichnung 
eines vorzüglichen Mannes: Beharrlichkeit in widrigen 
harten Zufällen". Die Operation Karls stand vor der Thür, 
und in häu^ichen Dingen gab es neue Auftritte. Der 
..schneidernde Bediente 44 , der seit 1813 „mit rührender Sorg- 
falt 44 sein gewartet, war schon am 25. April gewechselt, 
aber leider gegen einen Andern, der „seiner Aufführung 
halber nicht zu halten 44 war (5. Sept. an Zmeskall). „Des 
Morgens brachte uns ein sehr prosaischer Lärm aus unserer 
poetischen Stimmung 44 , erzählt Fräul. del Bio von dem oben 
erwähnten Besuch in Baden. „Beethoven erschien auch 
bald mit zerkratztem Gesicht und klagte uns, dass er mit 
seiuem Bedienten, welcher zum Austreten war, einen Auf- 
tritt gehabt. Sehen Sie, sagte er, so hat er mich zugerich- 
tet! Er beklagte sich, dass diese Menschen, obwohl sie 
wüssten, dass er nicht höre, dennoch nichts thäten um 
sich ihm verständlich zu machen. 44 So muss Zmeskall 
wieder helfen. „Von dem aufzunehmenden wissen Sie ohne- 
hin Bchon wie man ihn wünscht, ein gutes ordentliches 
Betragen, geheirathet und nicht mordlustig, damit ich 
meines Lebens sicher bin, indem ich doch wegen verschie- 
denen Lumpenvolks in der Welt noch etwas leben möchte! 44 ' 



92 

schliesst „un povero musico" seinen Auftrag im Humor 
der Verzweiflung. x ' 

Unter diesem „Lumpenvolk" war also stets das Num- 
mer Eins sein lieber „Hosenknopf 14 , wie er scherzweis den 
Knaben Karl und danach auch zuweilen sich selbst nannte, 
und rührend äussert sich seine Liebe .wieder am 22. Sept 
gegen Giannatasio; „Gewisses lässt sich nicht aussprechen. 
— So als ich die Nachricht von Ihnen wegen Karls über- 
standener Operation erhielt, besonders meine Gefühle des 
Dankes. Sie ersparen mir hier Worte hervorzubringen 
oder kaum zu stammeln, sie würden doch nichts sagen 
gegen das, was meine Gefühle Ihnen gern zollen mochten. 
Also still!" Es hatte ihm Wehe verursacht, nicht Theil 
nehmen zu können an den Schmerzen seines theuren Soh- 
nes, und er hatte deshalb Freund Bernard beauftragt, sich 
bei Giannatasio zu erkundigen. Allein der „so gemüthlose 
untheilnehmende Freund" hatte nicht einmal geantwortet: 
„am Ende können Sie mich für einen halben sorglosen 
Barbaren halten". Smetana, dem Ar2t, bitte er seine 
Verehrung und Hochachtung zu bezeigen. Die erneute 
Liebe und Güte der Frau v. G. sei in sein grosses Schuld- 
buch eingetragen. Ja die Sache steht seinem Herzen so 
nahe^ dass er sie am 29. Sept. sogar als „sehr glücklich*- 
abgelaufen an Brentano in Frankfurt meldet. Ebenso 
schliesst der Zettel, den er damals dem jungen Simrock 
für Wegeier mitgibt mit den Worten: „Du bist Mann, 
Vater, ich auch, doch ohne Frau!" So erkennen wir stets 
aufe neue die Richtung seiner innern Empfindung.. 85 

Anfang October erfolgt noch von Baden aus das humo- 



93 

ristische Billet des „armen Teufels" an den „allerliebsten 

• 

ersten Tnrnermeister von Europa", des Erzherzogs Kammer- 
herrn Tön Schweiger. Am 17. aber fand ihn der Mann der 
Frau Pachler-Koschak, der wir bald begegnen werden, eben 
einige Tage in Wien zurück. Am 24. Oct erklingt es 
ebenfalls noch heiter an den „Wohl- wie auch Uebelgebohr- 
nen (wie jeder andere) 4 ' Freund Zmeskall. Allein es hält 
nicht lange vor mit der guten Laune. Man ward von neuem 
leidend und muss gar „das Bett und Zimmer hüthen". Es 
gibt wieder Unglück mit einem neuen Bedienten, seine 
Haushaltung sieht beinahe einem Schiffbruch ähnlich: „alle 
Projecte wegen meinem Neffen sind gescheitert durch diese 
elenden Menschen", heisst es. Er hat von allen Seiten 
grosse Ausgaben jetzt, kann also keinen Hofmeister nehmen 
und muss dort bei dem theuren Institut allmälig auch sich 
berücksichtigen. Denn er ist „in dem Zustande, wie 1 alle 
die ihr Schicksal an dieses Land gekettet hat (ausser den 
Osterreichischen Wucherern)". Wie es denn am 29. Sept 
auch gegen Brentano heisst, „dass unsere Regierung immer 
mehr zeige, dass sie regiert werden müsse und dass wir 
glauben, noch lange nicht das Schlimmste erlebt zu haben." 
Ke Königin der Nacht „hört nicht auf, alle Segel ihrer 
Rachsucht gegen ihn aufzuspannen" und ihn gar um sei- 
nen guten Leumund als Vormund zu bringen, der Knabe 
selbst fängt an, lässiger zu werden, — alles freilich keine 
weltbewegenden Dinge, aber ebensoviel Anlässe zur arbeit- 
hemmenden Verstimmung oder auch zur tieferen Erschlies- 
sung der Ressourcen des eigenen Innern. 36 

Das „Betthüthen" scheint zur Leetüre zu nöthigen. 



' 94 

Nach dem Tagebuch ist sie anfangs wieder sehr ernster 
und gar fcransscendentaler Natur. „Gott ist immateriell, des- 
wegen geht er über jeden Begriff; da er unsichtbar ist, 
so kann er keine Gestalt h^ben. Aber aus dem, was wir 
von seinen Werken gewahr werden, können wir schliessen, 
dass er ewig, allmächtig, allwissend, allgegenwärtig istr\ 
steht da und zwar unterstrichen. Dann kommen Dinge 
„aus der indischen Literatur" und „aus dem Plutarclr-, 
über die indische Tonleiter, die Braminen — „Zeit findet 
durchaus bei Gott nicht statt", steht dazwischen, — ferner: 
„Also gesungen auch vortreffliche Worte ausdrucken — 
Bei den Nemeischen Spielen sang der Sänger Pilades die 

Worte aus dem Stücke titulirt die Perser: Ich gebe 

Griechenlands Söhnen den herrlichen Schmuck der Freiheit 1 
und indem er mit seiner vortrefflichen Stimme die ganze 
Würde dieser Worte ausdrückte, so richteten alle Zuhörer- 
— nämlich ihre Blicke auf den mitanwesenden Philopömen, 
der den Sieg bei Mantinea erfochten. So erzählt übrigen* 
Paüsanias, nicht Plutarch. 87 

Darauf folgt aus sehr begreiflichen Ursachen der Zuruf: 

„Du musst ein Kapital haben, das ist nicht anders als 

[d. h. wohl durch ein Concert] zu verschaffen". Von einem 
solchen ist auch jetzt hier Bede: der 1. Theil solle eine 
neue Symphonie bringen, der 2. eine Cantate! „Im Falle 
einer Akademie für die Invaliden ist die Wiener Zeitung 
vom 26. August 1816 nachzulesen", Wo jedoch nichts 
hierauf zu Beziehendes steht. Dann heisst es: „Nur wie 
vordem wieder auf dem Ciavier in eigenen Phantasien — 
trotz allem Gehör". Doch kommt nichts dergleichen zu 



TV 



95 

Stande, Wohl aber findet, wie um die Wiener Nachricht 
vom Janaar 1816 zu widerlegen: „Dieser grosse Künstler 
ist sehr zu bedauern, indem er sein Gehör immer mehr 
and mehr verliert, welcher traurige Umstand ihn beinahe 
unfähig macht, die Ausfuhrung seiner Werke selbst zu 
leiten", am 25. Dezbr. zum Vortheil des Bürgerspitals 
von St Marx wieder eine grosse Akademie statt, in der 
die kurz vorher erschienene „schwer zu exequirende Sin- 
fonie in Adur unter der Leitung dieses genialen Tonsetzers 
mit der grössten Präcision vorgetragen wurde". 38 

Und nun nach all diesen äusserlichen Begegnissen, 
was war denn derweilen innerlich gewirkt und geschaffen 
in dieser langen langen Weile? 

Denn dass er „seit lange her nicht gesund sei und 
nichts Neues componirt habe", wie es gegen Bursy hiess, 
wird wohl sein Ende gefunden haben, sobald der heilende 
Boden der Natur und gar im lieben Baden betreten ward. 
Heisst es doch am 30. Juli 1817 an seine dort weilende 
Freundin Streicher : „Kommen Sie an die alten Ruften, so 
denken Sie, dass dort Beethoven oft verweilt; durchirren 
Sie die heimlichen Tannenwälder, so denken Sie, dass da 
Beethoven oft gedichtet oder wie man sagt componirt!" 
Es scheint ihm der Sommer vorher in besonderer Erinne- 
rung zn stehen. Und nicht einmal zu Karls Operation 
war er in der Stadt gewesen. Was hatte denn sein We- 
sen damals so tief erfüllt und von aller Welt und äusseren 
Pflicht abwendig gemacht? 

„Wer diese Macht über die Geister der Töne errungen 
bat, muss auch nothwendig den kräftigen Trieb fühlen, 



_ 9ß _ 

diese Herrschaft zu üben; dies kann auf die höchste Weise 
nur bei der Instrumentalmusik geschehen, welche wiederum 
nur durch bedeutende und mächtige Gemüthsbewegungen 
in Bewegung zu setzen ist", hatte Th. A. Wendt in jenen 
„Gedanken voll Weisheit aber auch voll Schulverstand" 
gesagt. Und wie es an solchen Gemüthsbewegungen wahr- 
lich in jenen neuen Verhältnissen nicht gefehlt, wo sozu- 
sagen „ein neues Gemüthsleben bei Beethoven hervorbrach", 
so finden wir auch im Tagebuch dieses Frühjahrs 1816 
die Worte: „Opern und alles sein lassen, nur für deine 
Weise schreiben — und dann eine Kutte, wo du dies 
unglückliche Leben beschliessest!" Weiter sagt Wendt: 
„Wo er sich aber der ganzen Macht und Fülle der Instru- 
mentalmusik bedient, da wird auch das Unerhörte in der 
Musik möglich, und eine überirdische Kraft kommt in den 
Menschen, sodass er sich in solchen Momenten der Be- 
wohner einer höheren Welt zu sein wähnen kann." Wozu 
wieder das Tagebuch eine Parallele gibt: „Nur in deiner 
Kunst leben, so beschränkt du auch deiner Sinne halber 
bist, so ist dieses doch das einzige Dasein für dich. 4 * 
Und noch einmal vernehmen wir den verständigen Musik- 
ästhetiker: Nicht um die kraftlose Klage, nicht um die 
schwächliche Empfindsamkeit mit einem Anschein von 
Kraft zu übertünchen, sondern um die mannigfaltigen Ge- 
walten der Musik zu einem unerhörten ungeheuren Ein- 
druck zu verbinden, mussten alle Instrumente sich vereini- 
gen; alle bilden in unendlicher Abwechslung und Ver- 
knüpfung gleichsam ein lebendiges Tonuniversum! So 
schaut dieser norddeutsche Prof. philos. schon damals die 



TTT 



97 

Symphonien Beethovens an, und es ist ein richtiges Gefühl 
Schindlers zu wünschen, dass Wendt auch noch die Neunte 
gehört haben möchte! Denn eben diese ward jetzt con- 
cipirt Wir geben davon die sichern Anhaltspuncte. 

Am 18. Dez. 1816 spricht Beethoven selbst zu Neate 
von Symphonien, einem Oratorium oder Cantate, die er für 
die Philh. Gesellschaft zu schreiben geschmeichelt sein 
würde, um dieselbe Zeit soll Steiner bei der Widmung 
der Sonate Op. 101 an Frau* von Ertmann nur den alten 
Titel für eine neue Sonate von ihm aufheben, wozu sich 
nur seine Bergwerke zu öffnen haben, um solche ans Ta- 
geslicht der Welt zu bringen. „Am 11. Juni 1816 zum 
Stich gegeben 4 ', steht von fremder Hand auf dem Manu- 
seript des Trios Op. 97, und „Beeilung mit dem Trio an 
S. K. [IL] wegen 400 Fl. alles eiligst — im Nothfall schiesst 
er auch vor — Zmeskall, Czerny fragen wegen der Opera- 
tion, falls sie nicht bei G., welches jedoch das beste — 
die Reisekosten alles dieses ist nichts, Ar[tari]a vorschiessen, 
kann die Sonate im Trio endigen", heissts im Tagebuche. 8Ö 

Nun sagt uns erstens ein Brief vom Januar 1819 an 
den Erzherzog, dass später „zu den 2 Stücken [nämlich 
Allegro und Scherzo von Op. 106] noch 2 andere gekom- 
men sind", und Artaria ist Verleger dieser Sonate. Sodann 
aber, scheint es, besitzen wir diesmal das Bergwerk, das 
sich nur zu öffnen habe, selbst, nämlich ein fingerdickes 
Taschennotirbuch aus dem Nachlass eben dieses Herrn 
M. Artaria. Freilich steht innen in der halbabgerissenen 
Decke von der Hand Beethovens mit Bleistift: „Boldrini 
[abgerissen] 817". Allein alles übrige lässt durchaus auf 

Kohl, Beethovens letzte Jahre. 7 



98 

die Entstehung dieser Notirungen im Jahr 1816 schli essen, 
und da das Heft, wie auch aus den Wachsflecken darin 
zu ersehen, aus guten Gründen eigens aufgehoben und 
später daheim verwendet worden ist, so kann jenes 1817 
ebenfalls spater hineingeschrieben worden sein. Die innere 
Seite des anderen Umschlags, also das Letztbeschriebene 
des ganzen Büchleins aber lässt, wenngleich nicht ohne 
Mühe, doch mit Sicherheit folgendes entziffern: „Der neueste 
deutsche Jugendfreund etc. für Knaben, Leipzig 1816 u . 
sodann „bei Müller in der Leopoldstadt Nr. 575 6 leichte 
Heise wägen zu verkaufen 44 , und zuletzt „Wohnung Alster- 
vorstadt Haus Nr. 115 von 8 Zimmern etc. mit Obstgarten 
um billigen Preis zu vermiethen von künftigen Georgia 
Von dem Reisevorsatz erfuhren wir soeben im Tagebuch. 
Kurz vorher aber steht dort: „Zum leben und aushalten 
ein Haus in der Vorstadt, auf dem Lande gehts nicht mit 
Karl 44 . Und wirklich ward im Frühjahr 1817 eine Wohnung 
in der Vorstadt, nämlich „Landstrasse Gärtnerstrasse beim 
grünen Baum 44 genommen. Wir haben es also hier mit 
dem Jahre 1816 zu thun, und der Inhalt dieses bisher 
unverwertheten kleinen Notirungsbuches selbst wird erge- 
ben, warum hier zugleich auf die Feststellung des Sach- 
verhalts und Zeitpuncts soviel Gewicht gelegt ward. 40 

Nach 2 Seiten Bleistiftskizzen nämlich steht da zu- 
nächst S. 4 eine Melodie: 

Zum Bade, zum Bade von Blumen gefüllt, 

mit Dactylenbezeichnung. Darauf „Fuge 44 6 /s Cdur «alle 
3te Stücke eine wahre Fuge zum B. das Trio neues suject 
[sie], welches alsdann beim Wiederholen des thema zum 






99 

Contrasnbject dient!" Dann kommen ein paar Seiten con- 
trapunctische Studien, „Gegenbewegung, rückgängige Ge- 
genbewegung" mit Beispielen, als bereite man sich zu den 
„ganz anderen Dingen" vor, von denen in diesem Frühjahr 
1816 Bede ist Darauf folgen mehrere Seiten Skizzen 
zu „Lisch aus mein Licht 44 , wie solche auch, jedoch vier- 
stimmig, den oben S. 52 erwähnten Skizzen des Finales 
von Op. 101 folgen, und zwar nach einer Notiz „Christ 
ist erstanden, Variationen 44 . Es sind Gedanken des Todes 
und die über das Grab hinausfuhren, was seine Empfindung 
behejrscht. Nach vielen Seiten Entwürfen, die an den 
1. Satz von Op. 106 erinnern können, kommt dann eine 
Melodie mit den Worten: „vivat Rudolphus, dieses anfangs 
durchgeführt und später vierstimmiger Chor 44 . Es mag des 
Erzherzogs Namenstag, der 17. April bevorstehen. Un- 
mittelbar darauf folgen deutliche Skizzen von Op. 106 
erster Satz und die Worte : „Zuerst Menuet, adagio fis-moll 
oder fis-dur, Ende fugirt, in diesem womöglich B-moll. 44 
Der Plan des Werkes ist also gemacht Doch heisst es 
später noch einmal: „auch könnte am Ende Rondo und 
Moderato und als Episode Fuge in B-moll". 

Unter weiteren Skizzen zu den beiden ersten „Stücken 44 
dieser Sonate, also auch des Scherzos, steht dann, jedoch 
ohne ein Notennotat da „Preludien zu meiner Messe 44 . 
Im Juni dieses Jahres ward in Wien zum ersten Mal in 
der Kirche die C-Messe Op. 86 aufgeführt. Gab dies An- 
regung zu der Idee, eine neue Messe zu schreiben? Wir 
wissen es nicht. 

Es folgen Skizzen in D-moll, entfernt an das Scherzo 

7* 




_ 100 _ 

der „Neunten" erinnernd. Dann aber steht da, und zwar 
in Bleistift mit Dinte überzogen: 

„Zur Sinfonie in D" 

und darunter das dem Nachsatz des Hauptthemas des 1. Satzes 
entnommene, aus der gegeneinanderlaufenden Mollscala 
bestehende Motiv „ben marcato" und jenes Stück des Haupt- 
themas, das den ganzen Satz so gewaltig willenskräftig 
abschliesst und den Keim der schönsten thematischen 
Durchführungen enthält, jedoch hier in Dur, wie es eben 
auch in denselben vorkommt, — jenes: 

Corno 1. 



P 



•♦TT ß 



Erst darnach folgt auf der leeren Quinte im Bass das rhyth- 
mische Eingangsmotiv selbst, und zwar nach seiner 
vollen Ausdehnung aber mit einem einleitenden Geigenlauf 
in 32tel wie bei der Wiederholung des Themas, jedoch 
nicht mit den scharfen Schlägen nach dem obennotirten 
Motiv, sondern mit dessen Wiederholung auf der Dominante. 
Demnach ist hier alles Wesentliche dieses gewaltigen 
Satzes beieinander: vor allem jener chaotisch gährende Ab- 
grund, aus dem der erste Blitz des dämmernden Willensbe- 
wusstseins aufzuckt, dann dieser mächtige Geisteswille selbst, 
der freilich alles Leid der Welt auf den eigenen Scheitel 
herabzieht, aber ihr auch das Gesetz* seines Wesens unaus- 
löschlich aufdrückt, — ein allereigenstes Erzeugniss des 
menschlichen Geistes in der Kunst und ein kräftigstes 
Abbild des eigenen Wollens und Wesens bei unserm Meister! 



101 

Doch ist zu bemerken, dass die leere Quinte im Bass hier 
noch gleichmässige 32tel hat, also Tremolo, dass also überall 
noch erste Notate vorliegen, wie solche auch ein grosses Blatt 
aas einem Skizzen- Buche im Besitz des Director Krauck- 
ling zeigt, wo obendrein das zuckende Eingangsmotiv erst 
in eine weit schweifende Figur ausläuft Erst weiterhin 
steht in unserem Notirbuche hier: „anfangs vielleicht auch 
Triolen" und dabei das Notat: 



n 



* 

Wie er denn auch später mit der Bemerkung „simpler 44 
wieder auf die Triolen- oder vielmehr Sextolenbewegung 
zurückkommt, die als ein erster Schein von rhythmischer 
Gestaltung das starrend Oede dieser leeren Quinte so un- 
gleich kenntlicher ausdrückt, als das blosse Tremoliren es 
vermöchte! Denn bei solchem blossen „Erzittern der Materie 44 
könnte man sich eben nichts vorstellen und gewänne statt 
der Empfindung der factischen Oede nur ein unbestimmtes 
Gefühl der Leere. Es wäre blosses elementares Erklingen, 
aber nicht auch ein erster Anfang der Regung von gestal- 
tenden Kräften, der uns die Vorstellung davon bringen« soll, 
wie oede diese ganze Welt des blossen sinnlichen Seins ist 
und was der Mensch, das heisst der Wille zu thun hat, 
um aus ihr ein wirkliches Dasein, ein geistgestaltiges We- 
sen zu machen. So tief eingeboren und sicher also diesem 
Geiste die „Idee der Welt 44 war, so reift doch auch ihm 
der gleich sicher zutreffende Ausdruck erst ganz all- 



102 

mälig, und nichts unter den hunderten von Skizzen zu 
den Werken Beethovens hat etwas Ergreifenderes als diese 
ersten Notate einer künstlerischen That, wie Beethoven 
selbst sie allerdings grösser vorher und nachher nie gethan. 
Es ist das Werden der Gestalt, das Schaffen des Geistes 
selbst, was wir hier wie mit eignen Augen sehen. Darum 
auch hier der Thatbestand so besonders genau und aus- 
führlich berichtet ward! 

Sogleich nach diesem ersten Satz der Neunten kommt 
als „letztes" ein rollendes Motiv in Ddur 3 / 8 , dann das 
Hauptmotiv des Scherzos mit den Worten: „presto, darum 
das All. maestoso", wie ja auch der 1. Satz wirklich so 
mitüberschrieben ist Als „3tes Stück 44 jedoch erscheinen 
hier noch andere, unbekannte Skizzen, dann wieder da- 
Scherzo mit der Notiz: „Schluss nb. hier muss es scheinen, 
als wolle man das Trio in D machen, jedoch geht es her- 
nach überraschend in B 44 , — eine Intention, die ebenso- 
wenig ausgeführt ist wie die folgenden: „trio ganze Har- 
monie allein 44 , und „am Ende vom lten Allegro B-Posaunen fc % 
welch letztere Bemerkung aber das Gefühl von der Wucht, 
womit der Schluss dieses ungeheuren Satzes aufzutreten 
habe, schon deutlich ausspricht. Auch die Sextolen kehren 
wieder und darauf endlich geht es mit der Notiz „letztes" 
„Fuge 44 in B-moll zum Finale von Op. 106 über, mit dessen 
Skizzen das Büchlein schliesst. 42 

Man sieht, der Meister hat damals in zwei unver- 
gleichlich hohen Werken zugleich sich selbst und „seine 
Weise 44 wiedergefunden. Doch geht eine gute Weile da- 
rüber hin, ehe nur das eine Opus 106 wirklich fertig ist 



T * 



108 

Und gar für die „Neunte" muss, obwohl also noch weitere 
Vorarbeiten and zwar, weil darin noch das blosse Tremolo 
waltet, ans der gleichen und gar wohl etwas früheren Zeit 
vorliegen, wie einst bei der C-mollsymphonie noch Man- 
ches erlebt und innerlich wie äusserlich erarbeitet werden, 
ehe dies grösste Werk seines Geistes und seiner Kunst nun 
auch die Gewalt und Vollendung fand, die es zu einer 
That des modernen Geistes stempeln. Freilich in den Mo- 
tiven, wie sie hier in sicherer Prägung mit Dinte über- 
zogen vor uns stehen, liegt schon der geistige Gehalt und seine 
Form geborgen. Allein ungleich tiefer scheint es, mussten 
sieh ihm des Lebens Abgründe selbst aufthun — „er höre 
immer mehr auf zu glauben und ich glaube immer", ant- 
wortete er in diesem Sommer 1816 Fräulein del Bio — 
ehe er die Tinten fand, in denen sich solch ein dämoni- 
sches Bild des Lebens darstellt und ein tragisches Pathos 
mischt, wie wir es seit Shakspeare nicht gesehen. Stets 
lebensbefreiter auch muss sein eigener Sinn werden, ehe 
ihm zum Ausgestalten eines solchen Bildes, das wie Faust 
unser ganzes Dasein zu zertrümmern scheint, um ein neues 
aus dem freien Geist und Empfinden des Menschenherzens 
gebornes dafür aufzurichten, die volle Fähigkeit ward. 
Spiegelt es doch zumal in seinem Adagio zugleich die 
ganze Harmonie des in sich selbst erlösten menschlichen 
Geistes wieder, wie nur je ein Werk des Tragikers es ge- 
than! Und wir werden sehen, dass das Leben wie Beethovens 
eigenes Thun und Bestreben es an nichts fehlen Hess, 
um hier die volle Kraft und Freiheit zu bereiten. Es ist 
ein langer Weg, fast volle 6 -Jahre lang, der dazwischen 



J04 

liegt, aber es bezeichnen ihn Thaten wie Op. 106 und die 
Missa solennis, die Vorarbeit zu Op. 127 und die 
Ouvertüre „zur Weihe des Hauses", — ebenso viel Mark- 
steine seines eigenen innern Lebens! Also was uns auch 
ferner hier Oedes und Störendes begegnen mag, wir müs- 
sen stets festhalten, dass Beethoven sich dieser grossen 
Arbeit und zwar als einer in ihren Grundvesten bereits 
cyclopenhaft fundamentirten bewusst war , und das Be- 
wusstsein einer grossen Aufgabe ist allein schon der Mü- 
hen und Nöthe des Lebens werth. 43 



Wir verliessen den Meister am Schluss des Jahres 
1816. Das jetzt eintretende schreckliche Hungerjahr 1817 
ward allem Anschein nach wie kaum ein anderes in Beet- 
hovens Leben „auf das unrühmlichste zugebracht". Wenig- 
stens fällt nachweisbar in dasselbe keines der Werke von 
Belang. Der Hauptgrund war der „Kampf ums Dasein", 
der diesmal durch andauernde Krankheit und durch häos- 
liehe und vormundschaftliche Verwirrungen auf das äusserste 
gesteigert, ward. Doch wir besitzen ja bereits des An- 
schauungsmaterials für diesen t*anz der bösen Geister 
genug, um nicht weiter und immer weiter blos chronistisch 
Sil die kleinen Leiden und Schmerzen aufzuzählen, die 
allerdings beim wirklichen Erleben bitter quälend genug 
sein mochten und jedenfalls „tief im Herzen ihre heimlich 
bildende Gewalt 64 übten, aber bei solch blossem Beferiren 
eben nur ermüdend wirken. Wir berühren daher ferner 
nur die Hauptpuncte. 



T 



■i-"' 



105 • 

„Am letzten Dezember 1816 44 meldet er dem Erz- 
herzog, er müsse schon seit der Akademie für die Bürger 
das Zimmer hüten. Ebenso muss die „liebe, liebe, liebe 
Gräfin** Erdödy ernente Klagen über Kranksein bei Ueber- 
sendnng der „besseren Auflage des Quartetts" Op. 95 ver- 
nehmen, das am 16. Dez. anch an Zmeskall „als ein liebes 
Andenken ihrer liier lange waltenden Freundschaft und 
als ein Beweis seiner Achtung 44 gesendet ward. Am 8. Ja- 
nuar befindet man sich „bald wieder in einem gesunden 
Zustande 44 , doch am 15. Febr. hören die Frankfurter Freunde, 
seit geraumer Zeit sei seine Gesundheit erschüttert: „wozu 
denn auch unser Staatszustand nicht wenig beiträgt 44 . 
Er hat dabei ausser den „Scheinen 44 offenbar hauptsächlich 
die Gerichte im Auge. Denn jetzt waren neben wider- 
wärtigen Bedientenverwicklungen neue Vormundschaffcs- 
sorgen angegangen. Es galt die Ordnung der Vermögens- 
verhältnisse , die bei dem gleich hab- und streitsüchtigen 
Charakter der Mutter und ihres intriguanten Advocaten 
viel Aerger und Zeitverlust brachte und schliesslich doch 
nur durch Vergleich zu Ende kam. Schon am 7. Febr. 
spricht er gegen Frau Streicher von drei solchen Zusam- 
menkünften binnen wenig Tagen und sagt dabei: „bei der 
Gelegenheit bin ich wirklich immer in Gefahr den Kopf 
zu verlieren 44 . Das Gerede dieser bösen Frau habe ihn so 
angegriffen, dass etc. heisst es ein andermal, und doch 
war es immer wieder „seinem Gefühle wider Unmensch- 
lichkeiten beizumessen, dass man ihn einige Male wanken 
gesehen und er in sie ein besseres Vertrauen gesetzt 44 . Am 
6. März bittet dann nach den Landesgerichtsacten die Wittwe 



106 

um Ueberlassung des gesammten Nachlasses gegen Zahlung 
von 2000 FL W. W. an den Neffen, und am 29. März 
kommt auf dieser Grundlage der Vergleich zu Stande, 
worauf auch am 23. Mai die gerichtliche Sperre abgenom- 
men wird. Allein wir werden sehen, dass dies alles nicht 
half. Die Mutter erfüllte eben die Bedingungen des Ver- 
gleichs nicht und damit kamen neue Wirren. 44 

Wie sehr nun „dies alles auf sein Dasein gewirkt", 
erzählt er am 19. Juni von Heiligenstadt aus seiner „ver- 
ehrten leidenden Freundin" Erdödy, die ihn wieder zu sich 
eingeladen. „Zuviel bin ich die Zeit herumgeworfen, zu 
sehr mit Sorgen überhäuft und seit dem 6. Oct. 1816 schon 
immer kränklich, seit 15. Oct. überfiel mich ein starker 
Entzündungskatar k, wobei ich lange im Bette zubringen 
musste und es mehrere Monate währte, bis ich nur spär- 
lich ausgehen durfte, die Folgen davon waren bisherunver- 
tilgbar." Er habe im April den Arzt wechseln müssen, 
da der seinige, ein pfiffiger Italiener, so starke Nebenabsich- 
ten auf ihn gehabt und ihm sowohl Redlichkeit als Ein- 
sicht gefehlt. Doch gibt die Menge „höllischer Mixturen", 
die er selbst dabei aufzählt, keinen sonderlichen Begriff 
von der Einsicht des neuen Arztes. Dabei habe sich sein 
Gehörszustand verschlimmert, und schon ehemals nicht fähig, 
für sich und seine Bedürfnisse zu sorgen, seien jetzt seine 
Sorgen durch seines Bruders Band noch vergrössert, er sei 
überall übel belassen und die Beute elender Menschen. 
Tausendmal habe er an sie gedacht: „allein der eigene 
Jammer hat mich niedergedrückt". Welch trostlose 
Lage! Dem entspricht denn auch so mancher Ausruf im 



■ - 9 



107 



Tagebuche dieser Zeit. „Wegen T. [K?] ist es nicht anders, 
als Gott es anbeinr zu stellen; nie dort hinzugehen, wo 
man Unrecht ans Schwachheit begehen könnte, nur ihm, 
ihm allein, dem Alles wissenden Gott sei dieses über- 
lassen !" h eiset es eimnaL Ein andermal aber steht da die 
Betrachtung: Nicht der ungefähre Zusammenlauf der 
Atome des Accords habe die Welt gebildet; wenn in der 
Verfassung der Welt Ordnung und Schönheit wiederleuchte, 
so sei ein Gott ! — Und wie er hier „eingepflanzte Kräfte" 
und ein innen Waltendes als überall wirkend und leben- 
zeugend empfindet, so schreibt er auch wegen Karl an 
Giannatasio: „Ich bitte Sie mehr sein Gefühl und Gemüth 
in Anspruch zu nehmen, da besonders das letztere der 
Hebel zu allem Tüchtigen ist; und so spöttisch und klein 
manchmal das Gemüthlicbe genommen wird, so wird es 
doch von unsern grössten Schriftstellern wie Göthe u. a. 
als eine vorzügliche Eigenschaft betrachtet, ja ohne Ge- 
müth behaupten manche, dass gar kein ausgezeichneter 
Mensch bestehen könne, und keine Tiefe schon gar nicht 
in demselben vorhanden sei." Dabei sei denn eines glei- 
chen Wortes von unserm Schiller gedacht, dass das Ge- 
müth eigentlich die Menschheit d. lr. das Menschliche im 
Menschen mache, — welcher Ausspruch für uns hier um 
so grössere Bedeutung gewinnt, als ein andermal ebenfalls 
Schiller gegen seinen grossen Dichterfreund constatirt, dass 
die lyrische, also vor allem die musikalische Stimmung 
nur im Gemüthe sich gründe!* 6 

Nun, diese ethische Kraft, wer hatte sie tiefer in sich 
auszubilden, als der Mann, dessen Grundsatz in der Jugend 



108 

noch gelautet hatte: „Kraft ist die Moral derjenigen Men- 
schen, die sich auszeichnen, und Sie ist auch die meinige." 
Denn im Tagebuch steht wieder: „Wer Thränen erndten 
will, muss Liebe säen", womit man die Briefe dieser Zeit 
an Giannatasio zusammenhalten muss. Am 2. Mai 1817 war 
plötzlich auf der Promenade der befreundete Geiger ge- 
storben, den wir aus der Anekdote mit Napoleon ob. IL 
487 kennen. „Zur Erinnerung an den schnellen und un- 
verhofften Tod unseres Krumpholz" schreibt dann in A. 
Fuchs' Stammbuch Beethoven den einfach ausdrucksvollen 
Gesang der Mönche aus Teil „Rasch tritt der Tod den 
Menschen an". Ihn selbst führten damals Krankheit und 
andere Leiden dem Gedanken an den Tod oder doch dem 
Verzicht auf Glück näher und näher. „Ich sah das Uebel 
und nahm es hin", schreibt er aus Plinius aus, und so- 
gleich dahinter: „Jedoch was kann dem Menschen Grösse- 
res gegeben werden als Ruhm und Lob und Unsterblich- 
keit!" — Und damit wären wir wieder bei der schönen 
Ausgleichung von Beethoven's Existenz, bei seinem Schaf- 
fen angelangt, das für diesen langen leidensvollen Winter 
1816/17 nur die beidfen Lieder „Ruf vom Berge" und „So 
oder so" und wie immer in solcher Zeit der Halbexistenz 
auch die Halbarbeit der Schottischen Lieder aufwies. 46 
„Etwas muss geschehen — entweder eine Reise und 
zu dieser die nöthigen Werke geschrieben oder eine Oper 
— solltest du den künftigen Sommer noch hier bleiben, 
so wäre die Oper vorzuziehen, im Falle nur leidlicher Be- 
dingnisse — ist der Sommeraufenthalt hier, so muss jetzt 
schon beschlossen werden wie? wo?" steht im Tagebuch 



10§ 

von diesem Frühjahr 1817. Wir fanden ihn bereits in 
Heiligenstadt, und der Brief an die Gräfin Erdödy er- 
gänzt sich durch das Wort dort vorher: „Gott helfe, Du 
siehst mich von der ganzen Menschheit verlassen, denn 
Unrechtes will ich nichts begehen. Erhöre mein Flehen 
doch für die Zukunft; nur mit meinem Karl zusammen zu 
sein, da nirgends jetzt sich eine Möglichkeit dahin 'zeigt 
hartes Geschick, o grausames Verhängniss, nein, nein, mein 
unglücklicher Zustand endet nie!" Darauf folgt aus der 
Brant von Messina: 

Dies Eine fühl' ich und erkenn 1 es klar: 
Das Leben ist der Güter höchstes nicht, 
Allein der Uebel grösstes ist die Schuld! 

Und wieder: „Dich zu retten ist kein anderes Mittel als 
von hier; nur dadurch kannst du wieder so zu den Höhen 
deiner Kunst entschweben, wo du hier in Gemeinheit 

versinkst, nur eine Sinfonie und dann fort — 

fort — fort — derweilen die Gehalte aufgenommen, wel- 
ches selbst auf Jahre geschehen kann. — Ueber den Som- 
mer arbeiten zum Beisen, dadurch nur kannst du das 
grosse Werk für deinen armen Neffen vollführen, später 
Italien, Sicilien durchwandern mit einigen Künstlern — 

mache Plane und sei getrost für K. ." Er will Bäder 

besuchen, zuerst Wiesbaden, dann Aachen, und ruft sich 
schon jetzt zu, der Einsamkeit sich etwas zu entwöhnen: 
,. Abends und Mittags in Gesellschaft sein, es erhebt und 
[man] ermüdet nicht so, daher ein anderes Leben [neben] 
diesem im Hause zu fuhren!" Wie er denn auch weiter- 
hin das Ausgleichende geselligen Umgangs richtig erkennt, 



HO 

er der zu Bettina gesagt: „Wenn ich die Augen aufschlage, so 
muss ich seufzen, denn was ich sehe ist gegen meine 
Religion." Man lese die Stelle „Alles Uebel ist ge- 
heimnissvoll und für sich allein nur grösser etc." und ihr 
folgt unmittelbar der Zuruf: „Das Alleinleben ist wie Gift 
für dich bei deinem gehörlosen Zustande, Argwohn muss 
bei einem niederen Menschen um dich gehegt werden." 

So will er im Herbst mit Karl zur Gräfin Erdödy. 
„Wirklich in Wahrheit ein Tropfen höhlet einen Stein 
aus; tausend schöne Augenblicke verschwinden, wenn 
Kinder in hölzernen Instituten sind, wo sie bei guten El- 
tern die seelenvollsten Eindrücke, welche bis ins späteste 
Alter fortdauern, empfangen können"; ferner: „Karl ist ein 
ganz anderes Kind, wenn er einige Stunden bei dir ist; 
daher bleibe bei dem Plan ihn zu dir zu nehmen — auch 
hast du weniger Sorge für dein Gemüth" heisst es in die- 
sem Mai im Tagebuche. Ebenso meint er gegen die Gräfin: 
„Wäre ich eine Zeit lang einmal unter alten Freunden, 
welche sich ungeachtet diesem oder jenem Teufels -Men- 
schenzeug noch immer um mich herum erhalten haben, 
so würde vielleicht Gesundheitszustand und Freude wieder- 
kehren." Er will sich also mit Linke, dem gräflich Er- 
dödyschen Kammervirtuosen, über die Reisekosten etc. be- 
sprechen. 47 

Derweilen aber trat ein wichtiges Ereigniss für ihn 
ein und schien sich ihm ein besonderer Lebenswunsch 
wirklich erfüllen zu wollen: es langte eine officielle Ein- 
ladung von London an! 

Neate und Ries hatten als Directoren der Gesellschaft 



* J 



111 

das Ihre gethan, und letzterer lud also in deren Namen 
am 9. Juni 1817 den Meister in der persönlich ergebensten 
und zugleich ehrenvollsten Weise für den nächsten Winter 
nach London ein. Die Gesellschaft, wo man seine Compo- 
sitionen allen anderen vorziehe, wünsche ihm einen Beweis 
der grossen Achtung und Erkenntlichkeit zu geben für die 
so vielen schönen Augenblicke, die man durch seine ausser- 
ordentlich genialischen Werke so oft genossen habe; noch 
gestern abend sei die schöne A-dursymphonie mit ausser- 
ordentlichem Beifall gegeben worden. Freunde würden 
ihn mit offenen Armen empfangen, die Gesellschaft biete 
ihm 300 Guineen, wofür er ihr bis anfangs Januar 1818 
2 grosse Sinfonien schreiben solle, wovon er auch 100 
voraus haben könne. Sonst stelle man ihm alle Speculation 
mit den Verlegern frei, auch diejenige mit Sir G. Smart, 
der ihm 100 Guineen für ein Oratorium in 1 Act ange- 
boten hatte und an Antwort darüber erinnern lasse, indem 
er dasselbe ebenfalls noch für den Winter haben möchte. 
Auch der Intendant der italienischen Oper habe einen 
Auftrag versprochen. „Ihr eigenes Concert", schliesst Eies' 
Brief, „oder vielmehr Ihre Concerte können Ihnen eine 
schöne Summe Geldes einbringen, sowie auch andere En- 
gagements im Lande. Neate und ich freuen uns wie 
Kinder Sie hier zu sehen und ich darf wohl nicht sagen, 
dass ich alles mögliche aufbieten werde, Ihnen Ihren Auf- 
enthalt nützlich und angenehm zu machen; auch kenne 
ich England und zweifle keinen Augenblick an gutem Er- 
folge Auch brauchen wir hier einen, der alles wieder ein- 



112 

mal in Bewegung setzt und die Herren im Orchester in 
der Ordnung hält" 

Welch lockende Aspecten nach allen Seiten! — Was 
bisher Italien und Paris für die Oper, war eben seit Händel 
und Haydn, für Instrumentalmusik und Oratorium dieses 
London, und die Philharmonische Gesellschaft stand dabei 
obenan. Zudem berichtet Zmeskall, der jetzt besonders zu 
Rath gezogen wird, der Wunsch nach London zu gehen sei 
stets in Beethovens Seele gehaftet und er selbst habe nir- 
gends jene Auszeichnung, wie es sein ungeheures für viele 
Jahrhunderte vorauseilendes Genie verdiene, zu finden ge- 
glaubt als in Grossbrittanien, da er gewusst, dass nirgends 
besser als dort der Geist seiner Compositionen verstanden 
werde. Ist dies nun auch, wenn wirklich gesagt, nur aus 
momentaner Verstimmung über manche unvollendete Aus- 
führung und nur halb theilnehmende Aufnahme seiner Werke 
daheim zu erklären,, so ist doch nach damaligem Stand der 
Verhältnisse richtig, was da weiter gesagt wird: die Aus- 
zeichnung der Britten sei ihm mehr werth, als was ihm 
das ganze übrige Europa geben könnte; seine besonderen 
Eigenheiten, vor allem sein stolzes Selbstgefühl habe sich 
dem englischen Charakter so sehr angeschmiegt und dieses 
Selbstgefühl habe wieder zu jener Vorliebe beigetragen, da 
man ihm selbst so auszeichnend entgegengekommen. Dazu 
war bereits* eine der „2 grossen Sinfonien" in seinem Sinne 
so gut wie fertig, und er wusste, wess stolzen deutschen 
Geistes Kind das Werk war, das er da den „stolzen Eng- 
landern" zeigen konnte. 48 

Kurzum er antwortet bereits am 9. Juli seinem „lie- 



p 



113 

ben" Ries, er umarme ihn von Herzen und hoffe, dass die 
, ? P. G." seinen Vorschlag genehmigen werde; sie könne 
überzeugt sein, dass er alle Kräfte anwenden werde, 
sich des ehrenvollen Auftrags einer so auserlesenen Künst- 
lergesellschaft auf die würdigste Art zu entledigen. Doch 
verlangt er in Ansehung seines unglücklichen Gebrechens, 
wodurch er viel mehr Wartung und Unkosten ■ bedürfe, für 
die unumgängliche Begleitung 100 Ouineen mehr und da 
er gleich an der Composition der grossen Sinfo- 
nien zu arbeiten anfange, ausserdem 150 Guineen, 
damit er sich mit Wagen etc. versehen könne. 

Es ward freilich nichts aus solcher Heise. Eines der 
wichtigsten Hindernisse blieben die für ihn annehmbaren 
Beisegefährten. Drei Individuen wurden mindestens dazu 
erfordert, nämlich sein Arzt, noch ein Freund und ein 
Diener. Da ihm aber Vorschläge von allen seinen Freun- 
den gethan wurden, auch sein Bruder ihn zu begleiten sich 
anbot, Freund Z. einen höchst verlässlichen Mann ihm an- 
empfohlen hatte, er aber nichts genehmigte und lieber allein 
zu reisen meinte, so unterblieb die Wanderung, erzählt 
Freund Zmeskall selbst. 

Nicht so die künstlerische Vorbereitung dazu, denn 
das Project blieb ja stets bestehen. Und dass ausser der 
„Neunten", deren Skizzen jetzt umsomehr zu fixiren waren, 
damals bereits die vielberedete „Zehnte" wenigstens aus- 
gedacht wurde, sagt uns die obige Notiz „zur Sin- 
fonie in D", weil es ja sonst überflüssig gewesen wäre, 
die Tonart anzugeben. Auch hören wir ihn weiter stets 
von den „zwei" Symphonien reden. Sind es aber die 

Nohl, Beethoven« letzte Jahre. § 



114 

Skizzen in C-moll, die wir von Schindler als znr zehnten 
Symphonie gehörig bezeichnet aus dem Jahr 1824 be- 
sitzen, so deutelt zwar die Wahl der gleichen Tonart mit 
der Fünften ebenfalls auf jene wiedergewonnene innere 
Sicherheit und kühne Willensenergie, die, sowie es auch der 
Charakter dieser Molltonart ist, gerade am Abgrund der 
Schrecken am liebsten spielt und ihrer Selbständigkeit sich 
freut: allein die nicht eben unlebendigen und leidlich 
drastischen Motive, die wir hier vom Scherzo und Finale 
aufnotirt sehen, erinnern doch nicht wenig an jenes blosse 
Musikspiel, das die Phantasie, die gerade bei einem grossen 
kräftigen Werke stets in ihrem ganzen Zeugungsorganis- 
mus erregt worden, unwillkürlich noch eine Weile fort- 
treibt Das Gleiche werden wir bei der Missa solennis 
eintreten sehen und erlebten es schon nach der so überaus 
lebensvoll heiteren 7. Symphonie mit der 8. und kaum 
minder mit der Pastorale nach der männlich affirmativen 
C-mollsymphonie. Was also auch wie dort an Pikanterie 
und Schönheitszauber in geistiger und technischer Hinsicht 
mit dieser Zehnten geboten worden wäre, ein „echter Beet- 
hoven" läge doch nicht vor. 

Einen solchen aber besitzen wir m eminentem Sinne 
in dieser „Neunten", zu deren ersten beiden Sätzen wir 
also hier Impuls und Motiv erstehen sahen. Und wenn es 
der „Schrei des geängstigten Willens" ist, was überhaupt 
der Musik ihr Dasein gab, so fanden wir Beethoven in 
diesem Jahre 1 fei 6/ 17 wahrlich zur Genüge in Zuständen» 
die eine heisse Sehnsucht nach Befreiung aus dieser Le- 
bens enge begreiflich machen. Die Töne dieses 1. Satzes 



115 

der Neunten Symphonie gemahnen in ihrem herzergreifen- 
den Leidgefühl und in dem faßt übermenschlichen Ringen 
nach Infi nnd Lieht des Daseins an das wilde Weh der 
ganzen Menschheit, aber auch an das unverbrüchliche Gut 
der „Rnhe und Freiheit", das sich gerade aus solchen Lei- 
den am reinsten und dauerndsten gebiert. 

Wir wollen also auch unsererseits nicht klagen, dass 
dieses Dasein nicht „Glanz und Wonne 4 ' war, und |indem 
wir dies Kapitel der „drangvollen Umstände" schliessen, 
nm — doch das neue nur mit dem gleichen Grundtone 
von Beethovens Leben zu beginnen, nehmen wir auch für 
uns hier das Wort jener „beiden Schönen" in Anspruch, 
als ihnen in dem Finale eben dieser Neunten Symphonie 
der Meister auch nicht einen Ton erlassen noch ändern 
wollte. „So quälen wir uns denn in Gottes Namen weiter!" 
hatten sie gesagt, und das Gleiche haben wir mit diesen 
fest bis zur Lächerlichkeit geringfügigen und trivialen 
äusseren Lebensfügungen des Meisters zu thun, dessen 
Schaffen uns gerade den Sinn fürs Ganze und Grosse so 
nachhaltig stärken sollte. Sowenig wie sein eigenes Da- 
sein kann seine Biographie eine blosse Unterhaltung sein. 49 



8» 



Viertes Kapitel. 

Ein Gebet. 

1817 — 18. 

Es muss bei all den Nöthen in Beethovens Leben als 
ein besonderes Glück bezeichnet werden, dass immer wieder 
auch von aussen her die kräftigsten Anstösse zum Schaffen 
kamen, die seiner eigenen Existenz neue Eichte und Hal- 
tung gaben, da er sonst melancholischer Weise sein Leben 
„gern verlöhre!" Denn was hat er viel von diesem Leben, 
zumal in Wien? Wenigstens sehnt er sich am 15. Febr. 
dieses Jahres gar sehr nach den „unvergesslichen Stunden" 
mit seinen Frankfurter Freunden und meint sogar: „Wo 
wäre etwas d. g. hier in unserem Wien zu finden; ich gehe 
daher auch beinahe nirgends hin, da es mir von jeher 
nicht möglich war mit Menschen umzugehen, wo nicht 
ein gewisser Austausch der Ideen stattfindet* 4 Dies letz- 
tere scheint für Beethoven dort nur durch das Mittel der 
Töne möglich gewesen zu sein. In der Thätigkeit aber, 
im Umgang mit seiner Muse entfaltet sich sein wahres 
Sein, und so sehr ihm für seine Thätigkeit Gesundheit 



**r 



117 

äusserst noth wendig, werde sie durch selbe auch wieder 
befördert, schreibt er selbst am 10. März 1823 ebenfalls 
an Brentano. 

Also wenn auch das Kequiem nur eine stets gehegte 
Absicht und das Oratorium für die Musikfreunde 
ein schöner Wunsch blieben, so steht uns doch die „Neunte" 
in ihrem Plan schon fest da, uns und dem Meister ein 
schön leuchtender Hintergrund eines Daseins, in dessen 
Vordergrund so moralisch verkrüppelte Bildungen sich bewe- 
gen. Und auf dem gleichen Grunde seines Daseins ruht 
die Sonate Opus 106, die also in den ersten zwei Stücken 
diesen Sommer ausgearbeitet ward. Denn im Febr. 1818 
finden wir ihn selbst mit deren Abschrift beschäftigt Wir 
sehen uns dabei, ein guter Beweis emsiger „Thätigkeit", von 
einer Hauptquelle unserer Darstellung für diese Jahre, von 
dem Tagebuche verlassen und werden es bald ganz zu 
verlieren haben. Zwischen dem 1. Juni und dem 6. Dezbr., 
wo es heisst „nach P — t geschrieben 44 , welcher Brief aber 
sowenig wie der dort am 21. Mai verzeichnete bei Bren- 
tano zu finden war, stehen nur die obigen Notizen über das 
Alleinsein und die Stelle: „Die Schwachheiten der Natur 
sind durch die Natur selbst gegeben, und die Herrscherin 
Vernunft soll sie durch ihre Stärke zu leiten und zu ver- 
mindern suchen ," wobei man an das Zmeskallsche Billet 
und die Fesseln der Königin Omphale denken mag. 
Keinerlei literarische Auszüge! Er hatte wohl zum Lesen 
erwünschter Weise nicht Zeit Denn dass das Tagebuch 
diesmal in der Stadt geblieben, ist nicht anzunehmen, es 
stehen zuviel Notizeu für ihn selbst darin. An Briefen 



118 

dagegen fehlt es 'uns für die nächste Zeit nicht, besonders 
sind die Ergüsse an Frau Streicher häufig und ergiebig, 
sie muss einmal wieder wie 1813 grundlich Helferin in 
der Tagesnoth sein. 60 

„So lange ich krank bin, wäre mir ein anderes Yer- 
hältniss zu anderen Menschen nöthig," schreibt Beethoven 
zunächst am 7. Juli, also zwei Tage vor dem Briefe nach 
London; „so sehr ich sonst die Einsamkeit liebe, so schmerzt 
sie mich jetzt umsomehr, da es kaum möglich ist, mich 
bei all dem Mediemiren und den Bädern so selbst .zu be- 
schäftigen wie sonst. Hiezu kommt noch die ängstliche 
Aussicht, dass es sich vielleicht nie mit mir bessert, dass 
ich selbst zweifle an meinem jetzigen Arzt, er erklärt nun 
doch endlich meinen Zustand für Lungenkrankheit," 
woraus wir also das fortwährende „Spiatzeln" im Winter 
bei Giannatasios begreifen. Wegen einer Haushälterin wolle 
er sichs überlegen: „Wäre man bei dieser gänzlichen mo- 
ralischen Verderbtheit des österreichischen Staates nur 
einigermassen überzeugt eine rechtschaffene Person erwar- 
ten zu können, so wäre alles leicht gemacht, aber — 
aber — !!!!" Auch weiterhin klagt er viel über „diese 
verrufenste Menschenclasse", die in Folge der Con- 
gresszeit „durch Bohheit und Laster jeglicher Art" ver- 
derbt war, und bald gehen die Erlebnisse mit Jungfer 
Köchin und Zimmermädchen noch „über manches mit Be- 
dienten Erlebte'*. Zugleich hat er die grosse Bitte an 
Streicher, ihm ein Piano mehr nach seinem geschwächten 
Gehör zu richten, so stark als es nur immer möglich. Er 
habe die seinigen immer besonders vorgezogen, seit 1&09. 






119 



„Es fallt mir überhaupt schwer jemandem beschwerlich zu 
fallen, da ich gewohnt bin eher für Andere etwas zu thun 
als andere etwas für mich thun zu lassen/ 4 schliesst der 
Brief wenig frohmüthig. 

Wir bleiben zunächst bei der Aufzeichnung der über- 
lieferten Thatsachen. 

Ein Kaufmann Gerhard in Leipzig hatte anakreontische 
Lieder geschickt. Am 15. Juli 1817 entschuldigt Beethoven 
sein langes Schweigen zum Theil mit „seiner seit beinahe 
4 Jahren immerwährenden Kränklichkeit", die seit Octbr. 
1816 sich durch einen starken Entzündungskatarrh ver- 
mehrt habe. Andererseits eigneten sich die gesendeten 
Texte am wenigsten zum Gesang: „Die Beschreibung eines 
Bildes gehört zur Malerei, auch der Dichter kann sich 
hierin vor meiner Muse glücklich schätzen, dessen Gebiet 
hierin nicht so begränzt ist als das meinige, so wie es 
sich wieder in anderen Begionen weiter erstreckt und man 
unser Beich nicht so leicht erreichen kann." Wer eine 
Neunte Symphonie schrieb, hatte doppelt Anlass so zu reden. 
Er weilt jetzt wieder in Nussdorf nah der Donau, 
kommt aber bei der geringen Entfernung häufig in die 
Stadt „Mit ihrem Manne habe ich gesprochen," schreibt 
er am 30. Juli an die also damals die heimlichen Tannen- 
wälder bei Baden durchirrende Freundin; „seine Theilnahme 
hat mir wohl und wehe gethan, denn beinahe hätte mir 
Streicher meine Besignation erschüttert Gott weiss, was 
es geben wird; da ich aber immer anderen Menschen bei- 
gestanden, wo ich nur konnte, so vertraue ich auch auf 
seine Barmherzigkeit mit mir." Doch klingt hier durch 



120 

alle Resignation wieder jener echte Humor hindurch, der 
sich ihm stets aus dem geistigen Schaffen wiedergebar, 
weil er doch dabei die noch frisch webende Kraft des Le- 
bens empfand. Es zeigten sich schon Symptome der Besse- 
, rung, wenn er auch fürchte, dass das Hauptübel je ge- 
hoben werden könne. „0 Noth! Noten sind besser als 
Nöthe und Noth," diesen oft variirten Scherz- und Schmer- 
zensruf entlockt ihm diesmal — „ein neues Pflaster auf 
dem Nacken". Frau Streicher aber bedenkt aufs sorgfäl- 
tigste den „armen kränklichen österreichischen Musikanten 14 , 
und dieser meint, er sei ein so armer Mensch geworden, 
dass er ihr rechts vergelten könne; Gott werde ihn aber 
wohl einmal wieder in den Fall kommen lassen, dass er 
Gutes mit Gutem vergelten könne, da das Gegentheil davon 
ihn am meisten betrübe. Wirklich war es eine Aufgabe, 
hier Ordnung und Behagen zu stiften. Beethovens Eigen- 
heiten und sehr wechselnden kleinen Bedürfnisse machten 
die Dienstboten meist bald ganz confus. Zudem waren sie 
durch seine besondere Lage, die sie ganz sich selbst über- 
liess, jeder Versuchung ausgesetzt, und so gibt es unaus- 
gesetzt neue Nöthe. „Gott gebe es, dass ich nur nichts, gar 
nichts darüber reden, schreiben noch denken müsste, denn 
Sumpf und Schlamm sind im Kunstboden noch mehr werth, 
als all das Teufelszeug für einen Mann," sagt er nach 
einer langen Darlegung solcher Verhältnisse zur Frau 
Streicher. 

Am 12. August bekommt der ebenfalls , kränkelnde 
Zmeskall den trostlosen Zuruf: „Was mich angeht, so bin 
ich oft in Verzweiflung und möchte mein Leben endigen, 



121 

denn es kommt nie zu Ende mit all diesem Gebrauchen. 
Gott erbarme sich meiner, ich betrachte mich so gut wie 
verloren. Wenn der Znstand nicht endigt, bin ich künf- 
tiges Jahr nicht in London, aber vielleicht im Grab/ 4 Ein 
echt Beethovensches Motiv aber erklingt ans dem Schluss- 
wort: „Gott sei Dank, dass die Solle bald ausgespielt ist." 61 
In diesen Tagen mnss denn wieder eine künstlerische 
Halbarbeit die Zeit der Noth verkürzen. „Bearbeitetes 
Terzett zu einem vierstimmigen Quintett vom Herrn Gut- 
willen und aus dem Schein von fünf Stimmen zu wirk- 
lichen fünf Stimmen ans Tageslicht gebracht, wie auch 
aas grösster Miserabilität zu einigem Ansehen erhoben 
vom Herrn Wohlwollen. Wien am 14. August 1817. 
NB. Die ursprüngliche dreistimmige Quintett-Partitur ist 
den Untergöttern als ein feierliches Brandopfer dargebracht 
worden" — so soll auf dem Manuscript von Opus 104 ge- 
standen sein, welches Beethoven, angeregt durch eine ihm 
vorgelegte Arbeit, „frei bearbeitet und neu eingerichtet" 
ans demselben Trio Op. 1 ÜI. bildete, dessen Herausgabe 
einst J. Haydn widerrathen hatte, weil er glaubte, es werde 
nicht leicht verstanden werden. Wir werden diesem 
Opus 104 noch wiederholt begegnen. Am 19. August 
aber vernimmt Schnyder von Wartensee (v. o. IL 341) bei 
Empfehlung Bihlers „Hofmeister bei Puthon" die schöne 
Aufforderung: „Fahren Sie fort sich immer weiter in den 
Kunsthimmel hinauf zu versetzen, es gibt keine ungestör- 
tere ungemischtere reinere Freude, als die von daher ent- 
steht." 6a 

Sogar praktisch executiv scheint denn auch diese 



122 

Freude jetzt wieder mehr genossen worden zu sein. Man 
erinnere sich der beiden liebenswürdigen Billets an die 
anmuthige Frau Marie Pachler-Koschak aus Graz, auf 
deren geistige Entwicklung Prof. Schneller (s. o. IL 254) 
den bedeutendsten Einfluss gehabt und die schon im Oct 

1816 Beethoven etwas von ihren Versuchen hatte vorlegen 
lassen, über welche nach aufmerksamem Durchlesen das 
Urtheil gelautet: es sei sehr viel für jemanden, der die 
Composition nicht studirt habe. In diesem Spätsommer 

1817 nun war sie mit ihm „viel zusammen", und er schreibt 
ihr: „Ich bin sehr erfreut, dass Sie noch einen Tag zu- 
geben, wir wollen noch viel Musik machen. Die Sonate 
aus F-dur und C-moll spielen Sie mir doch? nicht wahr? 
Ich habe noch niemanden gefunden, der meine Composi- 
tionen so gut vorträgt als Sie, die grossen Pianisten nicht 
ausgenommen, sie haben nur Mechanik oder Affeetation, 
Sie sind die wahre Pflegerin meiner Geisteskinder." Und eine 
Einladung nach Graz wird „nach der Meinung seines Arztes" 
sowenig abgelehnt wie Schnyders Wunsch „ihn einmal be- 
griffen zu sehen in dem Anstaunen der Schweizerischen 
grossen Natur". Doch war einstweilen manches andere 
zu thun. Ebenso ward bei Streicher zuweilen musicirt, 
und wir fügen hier eine Anekdote ein, deren Quelle Wiener 
Tradition ist. Einst war nämlich der kleine Karl, der oft 
zu solchen Musiken mitgenommen ward, während eines 
Vortrags auf des Onkels Schooss vor dem Claviere einge- 
schlafen. Als darauf aber etwas von Beethoven selbst gespielt 
ward, erwachte er beim ersten Accord und blickte freund- 
lich auf. Man frag ihn nach der Ursache und er antwor- 



123 

tete hastig: „Das ist Musik von meinem Onkel!" — „Nicht 
wenig trag dies Benehmen des Knaben bei, dass ihn Beet- 
hoven lieber gewann" schliesst der Bericht. 63 

Immer hofft nun Beethoven in dieser Zeit auch wieder 

einmal seinem eraherzoglichen Schüler „Beistand leisten zu 

können bei seinen den Musen gewidmeten Opfern". Allein 

Gesundheit und andere Drängniss erlauben es nicht, und 

es ist nur bittere Wahrheit, wenn er am 1. Septbr. 1817 

dem geistlichen Freund und Schüler schreibt: „Gott wird 

wohl meine Bitte erhören und mich noch einmal von so 

vielem Ungemach befreien ; indem ich vertrauungsvoll ihm 

von Kindheit an gedient und Gutes gethan, wo ich nur 

gekonnt, so vertraue ich auch ganz allein auf ihn und 

hoffe, der Allerhöchste wird mich nicht in allen meinen 

Drangsalen aller Art zu Grunde gehen lassen. 44 Denn 

ganz ebenso lautet die Klage, als er 8 Tage später von 

Nussdorf aus dem Freunde Zmeskall „das 5tett 44 Op. 104 

zum „bei sich machen 44 zusagt: „Ich probire ohne Musik 

alle Tage dem Grabe näher zu kommen. 44 

Zwei Tage darauf ist die Antwort von London da. 
Wir besitzen sie nicht, es scheint jedoch, dass Beetiiovens 
Bedingungen angenommen worden waren. Allein trotz seinen 
Wünschen war es ihm eben für diese Saison nicht mög- 
lich zu reisen. „Ich bitte Sie, der philharmon. Gesellschaft 
zu sagen, dass mich meine schwächliche Gesundheit daran 
verhindert, 44 schreibt er erst "am 5. März des nächsten 
Jahres an Ries. „Tantus quantus lumpus 44 , wird dann am 
25. Sept ein übrigens heiteres Billet an Frau Streicher 
unterzeichnet, und die weitere Reihe solcher weiht uns 



124 _ 

in neue ökonomische Aufgaben ein: es gilt eine eigene 
Haushaltung zu errichten, um den Neffen zu sich zu neh- 
men. Man lese über solche für eine Natur wie Beethoven 
gewiss nicht unrichtig benannte „Herkulesarbeit 44 die oft 
tragikomischen Briefe selbst nach. 

Wohl aber scheint trotz allem wieder wenigstens 
einige sommerliche Arbeit erzwungen worden zu sein. 
Zwar besitzen wir ein sicheres Datum der Entstehung in 
diesem Herbste nur für die kleine humoristisch stelzen- 
hafte Quartettfuge in D (Op. 137), die am 28. Novbr. 
1817 und zwar für die von T. Haslinger veranstaltete 
kaligraphische Sammlung der Werke Beethovens entstand, 
welche jetzt der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien 
gehört. Ebenso ward jetzt das Lied „Resignation*' 
(ob. S. 99) vollendet und im nächsten März der Wiener 
Zeitschrift beigegeben. Von diesem Liedchen sagt Schind- 
ler (EL 156), Beethoven selber habe dessen „besonderen 
Werth" in einem Briefe an ScMckh, den Herausgeber der 
Zeitschrift, damit anerkannt, dass er denselben ersuchte, 
dem Dichter Grafen Haugwitz für den Impuls zu so 
„glücklicher Inspiration 44 seinen Dank auszusprechen. Die 
innere Antheilnahme an dem „Lisch aus mein Licht! 44 
zeigt sich allerdings- in der ausführlichen Bezeichnung 
„Mit Empfindung, jedoch entschlossen, wohl accentuirt und 
sprechend vorgetragen 44 : es soll die persönliche Ueberzeu- 
gung von der Wahrheit dieses Ausspruchs auch dem Hörer 
merklich eingeprägt werden. „Du musst nun los dich 
binden 44 ist mit schöner Kräftigkeit gesagt, und wie der 
Uebergang von H-moll nach C-dur hellste Erinnerung an 



125 

bessere Zeiten weckt, so gibt die zweimalige kleine Sexte 
in Gdur das deutliche Gefühl „Nun hat man dir die Luft 
entwandt". Resignation drückt allerdings das Ganze aus. 
Aber wir wissen von früher, was dies „elende Zufluchts- 
mittel' 4 Beethoven im Grunde galt M 

Zum Rudolphstage (17. April) 1818 spätestens waren 
jedoch die beiden ersten „Stücke" von Opus 106 fertig, 
da sie damals dem Erzherzog übersandt wurden, und zwar 
von Beethoven selbst abgeschrieben, denn sein Copist 
Schlemmer war krank. Und mag daran gefeilt sein in 
kurzen Wintertagen, — eine Arbeit wie dieses Allegro 
hat eben doch „Buhe und Freiheit" im grössten Masse be- 
dingt Die Grundstimmung muss auch den schönen Sommer- 
tagen und dem hohen Muthe, der ihn dann beseelte, wie 
es im Heiligenstädter Testament heisst, angehören. Dies 
erkennt man schon aus der sieghaften Fanfare des einlei- 
tenden rhythmischen Hauptmotivs und der "sich selig wie- 
genden Antworfcsmelodie. Allein es ist seelisch und künst- 
lerisch überhaupt viel hineingewebt in dieses Glanzgewirk, 
das zugleich im vollsten Sinne eine Arbeit ist, wie sie in 
solcher Sicherheit und Vollendung auch bei Beethoven nur 
Ergebniss treuesten Ausharrens bei der Sache ist. Und 
der kühn aufstrebende Geist dieses ersten- Satzes, bei dem 
die so charakteristisch zwischen Dur und Moll schwebende 
letzte Melodie mit Triolen aufs schönste an den aus 
Freude und Leid gemischten Becher des Lebens erinnert, 
der aber in der Schlusscoda nach der letzten Trillercadenz 
volle Gewissheit der innern Erlösung athmet, — dieser 
Geist musste sich nach dem Scherzoso, das bei allem 



126 

frohen Spiel doch schon sanft sich neigt and eine dämme- 
rungsvolle Stimmung andeutet, mit einer gewissen Not- 
wendigkeit auch jene zutrauende Versenkung in das All 
und Ewige erzeugen, die in dem Adagio sostenuto wal- 
tet, dessen Tonart allerdings oben noch nicht einmal fest- 
stand und das auch erst im nächsten Jahre fertig dasteht 
Beethovens ganze Verfassung in dieser Zeit weist auf die 
Stimmung und den Gehalt dieses wahren Seelengedichtes 
hin, das bis dahin seines- Gleichen nicht hatte und in der 
ungemeinen Tiefe seines Ausdrucks und der feinen Pro- 
filirung seiner Linien ebenfalls gute und sogar beste Zeit 
gebraucht hat, wie sie von jetzt an bis zum nächsten 
Herbst fast weniger als je zu finden war. Doch wie dem 
auch sei, wir wissen, dass im Herbst 1818 das ganze Werk 
fertig war, und haben also auch erst dann unser letztes 
Wort darüber zu sagen. Uebrigens fahren uns die Erlebnisse 
dieses Winters 1817/18 nichts weniger als abseits von 
diesem Op. 106, dessen Adagio nun jenes „Sichlosbinden" 
wie vor unseren Augen vollzieht 

Dass nun dabei die „zwei Sinfonien" nicht liegen 
bleiben, versteht sich von selbst Verspricht er doch die- 
selben bei Anwesenheit Mälzls in Wien im Dezember 
1817 diesem Metronomerfinder zur Vorführung, auf gemein- 
schaftlichen Kunstreisen! Der alte PfifiSkus hatte ihm 
nämlich ein neues „Sprachrohr" verfertigt und obendrein 
eine „Gehörmaschine zum Dirigiren" in Aussicht gestellt, 
die ein wenig an Himmels „Laterne für Blinde" (s. ob. II. 470) 
erinnert, und Beethoven seinerseits war schon jetzt so 
freundlich gewesen, den bekannten originellen Brief über 



127 

die „noch aus der Barbarei der Musik herrührenden, Be- 
zeichnungen des Zeitmasses u an Mosel zu schreiben, den 
Jfälzl ins Französische übersetzt dann möglichst verbreiten 
Hess. Aach rühren von daher die deutschen Bezeichnun- 
gen in Op. 101 u. t Was sonst noch gesonnen und ge- 
sponnen in dieser Zeit, wissen wir nicht. Allein „ich 
mache nichts so fort und fort ohne Unterbrechung, immer 
arbeite ich an mehrerem zugleich, bald nehme ich dies bald 
das vor", so bestätigt Beethoven selbst gegen Bursy unsere 
Beobachtung in seinen Skizzenbüchern. 56 

In der Stadt war also mit Hülfe der treuen Eurykleia 
derweilen wirklich eine eigene Haushaltung angefangen 
worden und zwar vermittelst Nanni der „busigen Betrie- 
gerin" und Baberl dem „schlechten Schönheitsgesicht 4 '. 
Allein: „beide sind stumpfsinnig, ich bin dabei sehr ver- 
driesslich". So wird der Einen schon bald aufgesagt, der 
Andern aber zu Neujahr ein halb Dutzend Bücher an den 
Kopf geworfen, wovon wahrscheinlich durch Zulall etwas 
in ihr Gehirn oder ihr schlechtes Herz gerathen sein müsse, 
denn sie sei dadurch ganz umgeändert. Dafür verleumden 
nun auch sie wieder ihren Herrn weidlich bei seiner Hel- 
ferin; und dies gibt Scenen im Streicherschen Hause, die 
der Empfindlichkeit von Beethovens Wesen mehr „beschä- 
mendes Gefühl" bereiten mussten als „all die Opfer der 
Freundschaft, die er von der vortrefflichen Frau anzunehmen 
genöthigt war". Und es war natürlich die Undankbarkeit 
gegen seine häusliche Wohlthäterin, was bei ihm solche 
Menschen wieder „aufs tiefete heruntersetzte". Allein alles 
ertrug er, um nur seinen „lieben Sohn Karl" bei sich zu 



128 



haben und von Leuten zu entfernen, die allerdings bei 
einem so regelmässigen Zusammensein, wie er es wegen 
der Nähe seiner Wohnung in der Gärtnerstrasse diesen 
Winter bei Giannatasio's abends genoss, seiner Versunken- 
heit ins Ideale wie , t Alltagsmenschen a erscheinen mussten, 
von denen er aber trotz der etwas mangelhaften Ausbil- 
dung des Knaben bei der späteren Entfaltung von dessen 
Charakter doppelt die Wahrheit dessen empfand, was er 
bei der ersten Absicht ihn aus dem Institut zu nehmen 
schrieb: dass er niemals vergessen werde, dass dort des 
Knaben physisches und moralisches Wohl begründet wor- 
den sei. Hätte er nur diesen theils aus übergrosser Zärt- 
lichkeit theils aus zu hohen Begriffen von dem Knaben 
selbst hervorgehenden Schritt unterlassen! Es wäre ihm 
viel Leid erspart worden, und auch der Knabe wäre ge- 
sicherter gewesen. Denn war es der „bestialischen Mutter* 
schon im Institut möglich, sich Zugang zu ihm oder doch 
Auskunft zu verschaffen, wie sollte derselbe in einem Haus- 
halt gehütet werden, wie ihn Beethoven fuhren musste, 
da seine Art des künstlerischen Schaffens naturgemäss die 
grösste Unachtsamkeit auf die äusseren Dinge mit sich 
brachte! War es also nicht schon die Uebernahme der 
Vormundschaft überhaupt gewesen, so musste dieser Schritt 
gewiss es sein, was seinen Freunden ein gefährlicher Eigen- 
sinn dünkte und einen lebensverständigen Mann wie Breu- 
ning sogar zu Auseinandersetzungen trieb, die bald von 
selbst die Trennung der beiden Freunde herbeiführten. Auch 
war der Knabe offenbar selbst nicht ungern im Institut 
gewesen. Denn Beethoven hatte selbst bemerkt, dass er 



129 

dankbar gegen „diese Giannatasio'schen" war. Sie mussten 
denn, auch bald dem armen, durch eigene irrige Vorstel- 
lung von dem Rechten das hier zu thun bethörten Mann 
von nenem aushelfen. 66 

Am 24. Jan. 1818 also, nachdem die häusliche Ein- 
richtung beendet war, die sogar „eine von den 7 Mühen 
des Herkules, die Sichtung seiner Papiere" mit sich ge- 
bracht hatte, lässt er Karl durch einen Dritten abholen, — 
da es immer eine Art von Abschiednehmen wäre, und der- 
gleichen habe er von je vermieden. Es hatte sich zugleich 
einer der ausgezeichnetsten Professoren der Universität ge- 
funden, der ihm alles was Karls Unterricht betraf, aufs 
beste besorgte und anrieth. „Dem Himmel muss ich danken, 
dass ich überall Menschen finde, die sich besonders jetzt 
meiner annehmen", schreibt er in der Freude seines Her- 
zens an Frau Streicher. Der Knabe selbst war „frohen 
Mnthes und viel aufgeweckter als sonst" und zeigte dem 
Onkel jeden Augenblick seine Liebe und Anhänglichkeit, 
und Beethoven hielt überhaupt damals gegen Oiannatasio 
mit Grund dafür, „dass er zwar leichtsinnig aber doch 
keine Bösartigkeit in ihm herrsche, noch viel weniger er 
ein schlechtes Herz habe." Auch ein Hofmeister wurde 
genommen und vor allem nach einer zuverlässigen Haus- 
hälterin ausgeschaut, „da es ganz gewiss, dass er entweder 
halben Juni oder Ende September Wien verlassen müsse". 
Denn die Gesundheit bessert sich, daher -es auch kurz vor- 
her gegen Frau Streicher heisst: „Ich sage Ihnen nur, dass 
es mir besser geht, ich habe zwar diese Nacht öfter an 
meinen Tod gedacht, unterdessen sind mir diese Gedanken 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 9 



130 

am Tage auch nicht fremd", und am 8. März gegen Ries: 
„Ich hoffe aber dies Frühjahr gänzlich geheilt zu werden 
und von dem mir gemachten Antrag der Gesellschaft im 
Spätjahre Gebrauch zu machen und alle Bedingungen der- 
selben zu erfüllen". 

So ward für die gut kochende „Peppi" der Frau Strei- 
cherin „unendlicher Dank" gewusst und alhnälig auch mit 
der ausdauernden Hülfe derselben einer Ordnung nahe ge- 
rückt „Gott gebe, dass ich nur meiner Kunst mich wieder 
ganz widmen kann; alle meine übrigen Umstände wusste 
ich sonst dieser ganz unterzuordnen, nun bin ich freilich 
hierin etwas verrückt worden", schreibt er, und da also 
obendrein sein braver Schlemmer krank geworden, muss er 
auch seine „Airs ecossais" selbst copiren, und was sind 
ihm gegen solchen Zeitverlust die „quelques ducats de plus 
qu'ordinaire", die er dafür am 21. Febr. von Thomson er- 
bittet? Zugleich erklärt er sich gegen denselben zu 12 The- 
men mit Variationen für 100 Duc. bereit, die die Erholung 
der nächsten Jahre bilden sollten. Als Hauptarbeit haben 
wir dabei stets die Sonate Op. 106 und die „2 neuen 
Symphonien" im Auge zu behalten, die er ja am 30. März 
des folgenden Jahres 1819 verspricht fertig mit nach Lon- 
don zu bringen! Dazu hatte er noch diese Absicht: „auf 
den Leipziger October ein Nationallied schreiben und die- 
ses alle Jahr aufführen, nb. jedes Volk mit seinem Marsch 
und dem Te Deum laudamus!" Und den Londoner Aus- 
sichten gemäss enthält ebenfalls das Tagebuch zwischen 
Februar und Mai d. J. 1818 die Notiz: „ein — [Orato- 
rium] geschrieben, worin auch Melodramatisches vorkommt. 



131 

kurzum Cantate mit Chor — Schauspiel, sodass man sich 
in allem zeigen kann." 67 

Wahrlich wieder Pläne nnd Intentionen genug! Und 
wenn wir nun auch die fernere Lage kennen lernen, wer- 
den wir uns allerdings „vielmehr über das wundern, was 
er hierbei noch leiste" röe er am 16. April 1818 an Eies 
schreibt und nicht über seinen Ausruf: „Gott helfe mir, 
ich appellire an ihn als letzte Instanz." Zunächst kommen 
wieder verschiedene schlimme Begegnungen mit der „Kö- 
nigin der Nacht". „Seit dem 10. August sah die Mutter 
Karl nicht", steht im Tagebuch nach dem 20. Febr. 1818. 
„Hartes ist ohnedem mehr hierbei als mir lieb" schreibt 
er schon am 3. Juli 1817 an Zmeskall, um ihn einzuladen 
mit dem obenerwähnten Bihler zugegen zu sein, wenn die 
Mutter bei ihm zu Hause ihr Kind sehen werde. Denn 
bei den Landrechten werde ein Hofsecretär besser aufge- 
nommen als ein „Mensch ohne Karakter jedoch von Ka- 
rakter", wobei er jedoch drollig genug per P. S. alle Miss- 
deutung sich verbittet. Am 19. Aug. 1817 meldete er ins 
Institut, wo „diese Frau" wieder allerhand „Geschwätz" 
gemacht und trotz seiner und Anderer Gegenwart Karl 
..in der Geschwindigkeit etwas von ihrem Gifte mitgetheilt" 
hatte, der Versuch ob sie durch ein duldendes gelinderes 
Betragen vielleicht zu bessern sei, sei gescheitert, es müsse 
bei der alten nothwendigen Strenge bleiben: „kurz und 
gut, wir müssen uns schon auf dem Thierkreise halten und 
sie Karl nur 12mal des Jahres holen lassen und ihn dann 
so verpallisadiren, dass sie ihm auch nicht eine Stecknadel 
heimlich beibringen könne." Karl dürfe keine andere Vor- 



_132 

Stellung von ihr erhalten, als welche er ihm früher schon 
gemacht, nämlich sie als Mutter zu ehren, aber ja nichts 
von ihr nachzuahmen: „hierfür muss man ihn stark warnen 14 . 

Du würdest tun dein Glüok gebracht, 
Wenn ich dich in ihren Händen Hesse, 

singt Sarastro und „mir klingt der Muttername süsse' 4 
Pamina. So hatte auch diese thörichte Frau bei ihren Intri- 
guen gegen unsern misanthropischen Menschenfreund natür- 
lich den Knaben auf ihrer Seite. Sie selbst aber suchte 
alles andere eher als dessen Heil Um sie nun zufrieden 
zu stellen, hatte Beethoven „ihren Wünschen ganz ent- 
sprochen 44 . Und Wir erfahren aus dem Tagebuche, dass 
dies in der That in sehr weitem Umfange und zu persön- 
sönlichem Nachtheil des Vormunds geschehen war, der jetzt 
bis auf einen geringen Beitrag aus dem Vermögen des Kna- 
ben, nämlich die gesetzlich demselben zugesicherte Hälfte 
der Pension mit 440 FL W. W., dessen ganze Erziehungs- 
kosten allein zu tragen hatte. Nämlich — wir haben um 
ihrer Folgen willen diese Dinge genau zu constatiren, — 
Karl war vom Vater zum Universalerben eingesetzt worden, 
und die „beiden Slamatschen Schuldschein oder Satz von 
4000 FL", die auf dem Hause der Mutter lagen, gehörten 
aus der Disposition des Grossvaters gänzlich dem Neffen 
zu, während der Mutter davon der lebenslängliche Frucht- 
genuss blieb. Also kam der 4. Theil des Schätzungspreises 
des Hauses von 16,400 FL auf KarL Das Haus trug 1930 FL J 
Zins ohne die Wohnung der Mutter, welche ebenfalls 
600 FL geschätzt war, „alsdann die Hälfte der Pension!** 
schliesst diese Notiz des Tagebuchs, aus der allerdings zu 



133 

voller Genüge die „gänzliche Uneigennü tzigkeit" des Vormunds 
Beethoven hervorgeht, während er sich mit „1dl §. des 
neuen Gesetzbuches 44 , wie unmittelbar dahinter steht, trös- 
ten durfte, dass die fast schon öffentlich verrufene Frau 
nicht ohne triftigsten Grund von der Vormundschaft aus- 
geschlossen blieb. 58 

Allein sie liess nicht ab Beethoven zu plagen und 
lag ihm und Andern in den Ohren, sie sei durch den Ver- 
gleich übervortheilt worden und habe nichts zu leben. 
..Die Mutter Karls suchte selbst den Vergleich", schreibt 
also Beethoven anfangs 1818 ins Tagebuch, „allein die 
Basis davon war, dass das Haus verkauft werden sollte, 
wo man annehmen konnte, dass alle Schulden bezahlt 
worden und nebst der Hälfte des Wittwengehalts , nebst 
dem übrig bleibenden Theile vom verkauften Hause, nebst 
dem Fruchtgenuss des für Karl Bestimmten sie nicht bloss 
anständig, sondern sehr wohl leben konnte. Da aber das 
Haus nicht verkauft ward, — da man vorgab, dass schon 
die Execution hierauf lastete, so müssen meine Scrupel nun 
aufhören und ich kann wohl denken, dass sich die Wittwe 
nicht schlecht bedacht, welches ich ihr von Herzen wünsche. 
Das Meinige, o Herr, haV ich erfüllt . . Es sei möglich 
gewesen ohne Kränkung der Wittwe. Es war aber nicht 
andern, und Du Allmächtiger siehst in mein Herz, weisst 
dass ich mein eigenes Beste um meines theuren Karls 
willen zurückgesetzt habe, segne mein Werk, segne die 
Wittwe, warum kann ich nicht ganz meinem Herzen fol- 
gen und sie die Wittwe fürder Gott, Gott mein 

Hort, mein Fels, o mein Alles, Du siehst mein Inneres 



134 

und weisst wie mir es thut Jemanden leiden machen zu 
müssen bei meinem guten Werke für meinen theuren Karl!!! 
o höre stets Unaussprechlicher, höre mich — Dei- 
nen unglücklichen unglücklichsten aller Sterb- 
lichen!" — 

Wir werden die ergreifende Melodie zu solchem Ge- 
bete bald kennen lernen. Und jetzt mag wohl selbst de- 
voten Schönwäschern und unterscheidungslosen Aftergelehr- 
ten der Ausruf an Kies aus diesen Tagen begreiflich erschei- 
nen: „Ich wünsche und hoffe für Sie, dass sich Ihre Glücks- 
umstände täglich verbessern. Leider kann ich das nicht 
von mir sagen, durch meine unglückliche Verbindung mit 
diesem Erzherzog bin ich beinahe an den Bettelstab ge- 
bracht. Darben kann ich nicht sehen, geben muss ich; 
so können Sie auch denken, wie ich bei dieser Lage noch 
mehr leide. Ich bitte Sie mir einmal bald zu schreiben. 
Wenn es mir nur möglich, mache ich mich noch früher 
von hier weg, um meinem gänzlichen fiuin zu entgehen 
und treffe alsdann im Winter spätestens in London ein. 
Ich weiss dass Sie einem unglücklichen Freunde beistehen 
werden." Denn sowenig er als Mensch darben sehen 
konnte, vermochte er als Künstler es irgend über sich zu 
gewinnen, der Oeffentlichkeit ein Werk zu übergeben, ehe 
es den Stempel der Vollendung in jedem kleinsten Zuge 
trug. Und ihm selbst war nicht wie seinen Verlegern 
Steiner und Haslinger „der Grundsatz zuzuschreiben, dass er 
das Publicum achtungslos behandele und dem Autor ge- 
wissenlos seinen Euhm schmälere. 44 Und doch hatte er 
von den gleichen Werken zu sub9istiren, und selbst das „Ge- 



135 

schmier tun des Geldes willen 44 durfte nicht anders als das 

Gesicht der Beethovenschen Kunst tragen. Denn eben um 

ihrer Vollendung willen liefen an ihn solche brodgebende 

Bestellungen ein. In welch anderem Lichte müssen also 

jetzt die vielen Entschuldigungsbülets an den Erzherzog 

erscheinen, denen völlige Unkenntniss der inneren und 

äusseren Lage Beethovens oft gar Erdichtung der Ursachen 

andichten möchte! Und wie tief musste von ihm selbst 

der Anruf aus Tiedge's Urania empfunden sein, den er in 

diesem Frühjahr 1818 „in doloribus" als Aufgabe für seinen 

fürstlichen Freund componirte: „0 Hoffnung* o Hoffnung! 

Da stählst die Herzen, du milderst Schmerzen!" — die 

dieser dann in voller Seelenruhe „vierzigmal veränderte 44 , 

gewiss ohne auch nur eine Ahnung von dem Sinne zu 

haben, womit diese Worte hier in Tönen gewissennassen 

persönlich vorgetragen waren. 

„Die ihr durch Schönheit herrscht, schimmernd hehres Geschlecht !" 

ruft im Nibelungenring Fasolt der Riese den Bewohnern 
Walhalls zu, und in der That, was wissen sie von der 
Noth der Erde und der schwieligen Arbeit selbst eines 
Genius der Kunst? Am Rudolphstage dieses Jahres aber 
waren eben die „2 Stücke" von Op. 106 dem erhabenen 
Schüler als getreues Opfer der Freundschaft wie der Musen 
dargebracht worden. 59 

Steigen wir in den „Sumpf und Schlamm" dieses Lebens 
zurück! Die Königin der Nacht führte ihr leichtes Le- 
ben fort und machte Schulden über Schulden. „Nach dem 
letzten Ausweis schienen die Schulden der Witt we 24,025 PL 
und 145 Duc. zu betragen, sie scheinen freilich noch nach 



186 

meines Bruders Tode vermehrt worden zu sein — Bekla- 
genswerfches Schicksal, warum kann ich auch nicht helfen !* 
steht im Tagebuch vor dem 19. Mai 1818. Trotzdem hatte 
unser Sarastro ihr stets wieder geholfen und gar durch 
Contrahirung eigener Schulden. Schlimmer aber war es, 
dass sie fortwährend dem Knaben nachstellte, und wie dies 
gelang, erfahren wir jetzt in den schmerzlichsten Ausrufen 
durch Beethoven selbst „Am 19. Mai 1818 hier in Möd- 
ling eingetroffen 44 , heisst es im Tagebuche. Am 18. Juni 
ergeht dann von dort aus ein langes Schreiben an die 
Helferin Eurykleia mit der Schlussbitte um „etwas Tröst- 
liches wegen der Koch-Wasch-Näh-Kunst 44 . Er hatte jäh- 
lings beide Dienstboten „zum Teufel jagen 44 müssen. So- 
wohl die „elephantenartige Peppi" wie die heimtückische 
„Alte" hatten sich, wie jetzt heraus kam, noch in Wien 
durch Caffee Zucker und Geld von der Mutter zur Ermög- 
lichung von heimlichen Zusammenkünften mit Karl be- 
stechen lassen, und sogar der „Pfaff hier 44 , der ein Erzie- 
hungsinstitut hatte und Karl für diese Sommerzeit bei sich 
in Unterricht nahm, war bei solchen Zusammenkünften 
mit im Spiel gewesen. Beethoven war schon zwei Tage 
vor der Abfahrt aus der Stadt durch einen anonymen Brief, 
der ihn durch seinen Inhalt mit Schrecken erfüllte, gewarnt 
worden und hatte Karl sogleich gefasst, aber: „da ich ihn öfter 
erschütternd nicht ohne Ursache behandle, so fürchtete er 
sich zu sehr, als dass er gleich alles gestanden hätte* 4 . 
Darauf sprach er auch im Wagen gegen den kleinen Uebel- 
thäter seine Befürchtungen aus. Aber die „greise Verrfc- 
therin 44 hatte ausgerufen, er solle sich nur auf sie ver- 



187 

lassen. „0 der Schändlichkeit! Nur zweimal mit diesem- 
mal ist mir in dem sonst ehrwürdigen Alter beim Men- 
schen nur so etwas vorgekommen", schreibt er. Die Dienst- 
toten, besonders die alte Verrätherin, suchten nun den Kna- 
ben, den er öfter vornahm, abzuhalten die Wahrheit zu 
gestehen. „Allein da ich Karl heilig versicherte, dass ihm 
alles vergeben sei, wenn er nur die Wahrheit gestände, 
indem Lügen ihn in einen noch tieferen Abgrund als worin 
er schon gerathen, stürzen würde, so kam alles ans Tages- 
licht", sagt er und beschloss seinen Körper, seine Gemächlich- 
keit dem bessern Ich seines armen verführten Karl aufzu- 
opfern und — „marsch zum Hause hinaus zum abschrecken- 
den Beispiel aller Künftigen!" 

„Karl hat gefehlt", schliesst der Brief dieses Mannes, 
der in seiner Gutmüthigkeit diesen Leuten jeder noch volle 
6 Monate angesetzt und das weniger vorteilhafte Attestat 
unterlassen: — denn „Rache übe ich nie aus; in Fällen 
wo ich muss gegen andere Menschen handeln, thue ich 
nichts mehr gegen sie, als was die Notwendigkeit erfor- 
dert mich vor ihnen zu bewahren oder sie verhindert weiter 
Uebles zu stiften", — „Karl hat gefehlt, aber — Mutter 
— Mutter, selbst eine schlechte bleibt doch immer Mutter. 
Insofern ist «r zu entschuldigen, besonders von mir, da ich 
seine ränkevolle leidenschaftliche Mutter zu gut kenne". 
Der Pfaffe hier wisse schon, dass er von ihm wisse; allein 
damit Karl nicht übel von ihm behandelt werde, da er 
überhaupt etwas roh scheine, so sei es für jetzt genug. 
„Da aber Karls Tugend auf die Probe gesetzt", schreibt er, 
„denn ohne Versuchungen gibt es keine Tugend, so lasse 



1 38 

ich es mit Fleiss hingehen, bis es noch einmal, was ich 
zwar nicht vermuthe, geschehe, wo ich dann Seiner Hoch- 
würden ihre Geistlichkeit mit solchen geistigen Prügeln 
und Amuletten und mit meiner ausschliesslichen Vormund- 
schaft und daher rührenden Privilegien so erbärmlich zu- 
richten werde, dass die ganze Pfarrei davon erbeben soll!* 4 

So richtet sich wohl der Löwe auch hier au£ Allein: 
„mein Herz wird schrecklich bei dieser Geschichte ange- 
griffen und noch kann ich mich kaum erholen". Natürlich 
war jetzt auch alles Uebrige bei ihm in Verwirrung: 
„jedoch wird man nicht nöthig haben mich in 
den Narrenthurm zu führen; ich kann sagen, dass ich 
schon in Wien schrecklich wegen dieser Geschichte gelitten 
und daher nur still für mich war." 

„Sieht er, mit solchem Pack muss ich mich herum- 
schlagen!" lautet ein Wort des alten Fritz. Und was gehörte 
dazu, aus solchem Sumpf und Schlamm sich dann immer wei- 
ter in den Kunsthimmel hinauf zu versetzen. . Fürwahr eine 
neue Art von „Künstlers Erden wallen" ! Am tiefsten aber traf 
bei seinem lebhaften Pflichtgefühl diesen an sich „Gerechten" 
das dunkle Bewusstsein davon, dass denn doch am Ende 
auch hier viel an seiner eigenen Unachtsamkeit liege, so- 
sehr diese selbst wieder aus seiner ganzen Verfassung und 
Lage hervorging. So denkt er stets nur an das Geschick 
des Knaben. „Machen Sie nur nichts bekannt, da man 
auf Karl nachtheilig schliessen könnte", schreibt er der 
Freundin; „nur ich, da ich alle Triebräder kenne, kann 
für ihn zeugen, dass er auf das schrecklichste verfuhrt 
ward". In solcher liebenden Schwäche sammelten sich 



139 

allmälig die Dünste, aas denen später ein so schwer treffen- 
der Strahl auf sein eigenes alterndes Haupt zucken sollte. 00 
Doch jetzt, wo uns nach solcher zeitweiligen Säube- 
rung der Atmosphäre das so unerquickliche Tatsachen- 
material aus Beethovens Leben kurze Zeit verschont und der 
Abschluss des einen bedeutenden Werkes seines Schaffens 
wie der Eintritt eines anderen noch umfangreicheren nahe 
bevorsteht, können auch wir uns wieder für einen Moment 
besinnen, was denn Ergebniss all dieser so buntscheckig 
und schreiend an uns vorübergezogenen Daseinsscenen war. 
Wir werden dabei an eben diesem derweilen vollendeten 
Op. 106 erkennen, dass durch all den Teufelsspuk und 
Hexentanz seines Lebens hindurch sein Ange für den Zu- 
sammenhang und Zweck des Daseins nur noch hellsichtiger 
geworden war. Die vielen und oft schmerzlichsten Prü- 
fungen zumal in einer Region seines Innern, die bisher 
nur selten und nicht entscheidend berührt worden war, 
hatten in heftigen Büttelungen der Grundelemente gewisser- 
massen eine neue Setzung desselben erzeugt, und gerade die 
nothgedrungene stete Berührung mit der allerlächerlichsten 
Beschränktheit und Begehrlichkeit des Lebens musste einen 
solchen Sinn nur tiefer auf dessen wirklichen Bestand oder 
vielmehr Nichtbestand fahren. So sehen wir neben kühnem 
Bingen und muthig frohem Ankämpfen immer mehr in 
ihm das Bedürfen und Hinaufschauen nach einem wirklich 
Festen und Dauernden erstehen, und ein sehnsuchtsvolles 
Anlehnen der ganzen Seele an das All und Eine der Welt, 
nein an eine ganz neue, nur in der Tiefe der Menschen- 
seele bestehende Welt erfüllt sein Herz. Sein Inneres 



r^r; 



140 

lernt in echter Menschenbescheidung dem Sinn nnd Zweck 
all dieses Treibens sich fQgen nnd gewinnt dafür gewisser- 
massen persönlichen Antheil an jenem „Allmächtigen, Ewi- 
gen, Unendlichen' 4 , zu dessen Ehre er einst seinen Gesang 
zu schreiben nnd anzuführen gelobt. Laut erklingt dann 
aus seinen Tönen auch wieder die Harmonie dieses Ganzen 
und Ewigen in der Menschenbrust selbst — ' 

Die Sonate Op. 106 ward wenigstens in den beiden 
letzten Sätzen in diesem Sommer 1818 in Mödling ausge- 
arbeitet und über den Herbst druckfertig gemacht Am 
15. Sept 1819 zeigt sie Artaria in der Wiener Zeitung- 
„dem Wunsch des Autors entgegenkommend" mit der Be- 
merkung an, dass dieses Werk vor allen anderen Schöpfun- 
gen dieses Meisters nicht allein durch die reichste und 
grösste Phantasie ausgezeichnet sei, sondern dass dasselbe 
in Bücksicht der künstlerischen Vollendung und des ge- 
bundenen Styles [!] gleichsam eine neue Periode für Beet- 
hovens Ciaviermusik bezeichnen werde! Der Meister selbst 
also hielt etwas Besonderes auf dieses Werk, dem Inhalt 
wie der Form nach, die ja jenen erst zur Erscheinung 
bringt Dem entsprechend befindet sich auch bei den Auf- 
zeichnungen Zmeskalls in der Fischhof sehen Handschrift 
eine ausführliche Besprechung desselben aufbewahrt, die zu- 
gleich beweist^ dass man schon damals zum Theil auch solch 
höchsten Schwung des Genius zu würdigen wusste und 
stets mehr begriff, dass hier sich eine neue Welt gebar. 
Wenn er bisher in dieser „romantischen Welt 14 , wie es 
natürlich hier heisst, mit magischer Kraft die Geister be- 
lebt und zu wunderbaren oft schauerlichen Tänzen aufeu- 



.»- ^ 



141 

rufen gewusst, so habe dies jedes der höheren Lust der 
Töne verwandte Auge mit froher Bewunderung gesehen 
und dadurch der Genüsse viele voraus gehabt vor denen, 
welche in dem Seelenhauche der Musik weder den Beginn 
eines Geisterlebens zu ahnen wissen, noch zum Verstehen 
dieser „gewaltigen Ursprache der Welt" begabt seien. "Be- 
zeichnend ist dabei von dem „Strom der Gefühle eines in 
wonnevoller Beschauung seiner eigenen Welt wogenden 
Gemüths" Rede, sowie von der „aus der tiefen Seele des 
Meisters hervorgehenden Schöpfungsfreiheit". Im 1. Satze 
rege sich sein Genius durch die Kreise der Harmonie mit 
gewaltiger hinreissender Kraft und bilde mit humoristi- 
scher Feinheit die seltsamsten Gruppirungen seiner Gestal- 
ten, die sich zu einem Ganzen vereinigen, dessen Beschauung 
ein starkes Gemüth zu froher Begeisterung erheben und 
mit den wunderbarsten Gefühlen erfüllen müsse. 

Ist also hier (und im Scherzo) recht wohl die unerschöpf- 
liche Lebenskraft begriffen, die Beethoven selbst in dem 
Wechsel der alles gebärenden und wieder verschlingenden 
Welt der täglichen Erscheinungen sich als das Dauernde 
ersah, so heisst dagegen das Adagio nur „ein grosser sehr 
ausgebreiteter Satz von ausserordentlicher Tiefe der Empfin- 
dung", — ohne Anschauung davon, dass hier in ungleich hö- 
herem Masse eine Welt unseres Innenlebens sich darlegt und 
eine tiefere Art des Daseins und der Weltauffassung sich be- 
gründen will. Wir haben diesen Satz als eine Art Wen- 
dung und Wandlung in Beethovens eigenem Wesen und 
künstlerischem Dasein zu betrachten. Wenigstens war solch 
concentrirte Fülle und ungetrübte innre Weihe, solches Zu- 



142 

. sammenfessen und Ausströmen der Empfindung bis zu einem 
höchsten und entscheidenden Functe auch in seinem Schaffen 
bisher nicht da: es ist wie ein sich selbst errettender Vorgang 
in der Tiefe der eigenen Brust, den wir ganz nur begrei- 
fen, wenn wir eben dieses sein Dasein kennen, der uns aber 
auch selbst wieder gewichtigen Aufechluss über dessen 
wirklichen Verhalt und zugleich einen Fingerzeig für die 
ganze nachfolgende Entwickelung gibt! 

Im ganzen ist für diesen Satz kein verständlicheres 
und zugleich der eigenen Auffassung Beethovens entsprechen- 
deres Wort zu wählen als: „Ein Gebet". Persönlichste Hin- 
gabe und tiefinnerster Vortrag der Noth des Herzens bis 
zum vollen Empfangen von Trost und Hülfe sind der deut- 
lich redende Sinn dieser Töne. Aus der vollen endlos 
unbestimmt wogenden Tiefe des allmenschlichen Leidensge- 
fuhles, — die das Thema einleitenden Terz und Dominante 
sind bekanntlich erst später zugefügt, gewissennassen als 
habe der Verlauf des Ganzen den Bittenden selbst erst 
davon unterrichtet, aus welch innerstem Grunde des Men- 
schendaseins dieser Vortrag der Noth stamme, — aus sol- 
cher Tiefe und doch sogleich mit der gewissen Zuversicht 
der Linderung und Versöhnung steigt die leise flehende 
Bitte um Erlösung von Schuld und Wehe auf, und schon 
nach dem ersten vollen Aussprechen derselben blinkt auch 
in einem unendlich bezeichnenden Uebergang nach G-Dur 
der erste Hoffnungsstrahl hervor. Der erneute Bittvortrag 
schliesst oder vielmehr bricht ab mit jenem „cön grand* 
espressione", das in Verbindung mit der mehrmals wieder- 
kehrenden kleinen None allein das „appassionato" begreif- 



ü-'n--!— ■ 



143 

- — - i ™ 

lieh macht, das neben dem „con molto sentimento 44 den 
besonderen Charakter des ganzen Adagios schon in der 
Bezeichnung andeuten soIL Das feste Auftreten der Be- 
gleitnngsaccorde mit der schwebend sich ausbreitenden 
Melodie „con tutte corde" kündet darin die erste Regung 
des wiedererwachenden Eigendaseins an: „indem ich ver- 
trauensvoll ihm von Kindheit an gedient und Gutes gethan 
wo ich nur gekonnt", hiess es oben gegen den Erzherzog. 
Allein schmerzliche Accente drängen sofort diese hoffende 
Regung zurück, und an ihre Stelle tritt in zartester* Ter- 
zengängen, stets sich steigernd, ein unsäglich zutrauensvolles 
Sichanschmiegen, das in seiner das innerste Herz berühren- 
den Wahrheit nur von dem jetzt tief beruhigend eintre- 
tenden 2. Thema in D übertroffen wird. Niemals in der 
Musik ist eine Empfindung mit dem Ausdruck gewisserer 
Ueberzeugung ausgesprochen worden als in diesem kleinen 
Tongange. Tief unten im Bass wie aus dem geheimsten 
Schrein der Seele ertönt der zuversichtliche Trost, vom 
Wesen des Ewigen zu sein und an seinem Licht und Frie- 
den Antheil zu haben. Freier spielt dann in Triolenbewe- 
gung die freudige Hoffhungsempfindung mit sich selbst, 
bis wie in deutlich gesprochenem Worte (una corde) die 
Gewährung sich naht, die als aus lichtesten Höhen stam- 
mend und von Ewigkeiten her jedem Gemüthe gewiss, das 
mit voller Hingabe sich dem Ewigen naht, — man beachte 
den weitauseinanderliegenden Terzvorhalt auf dem Unter- 
dominantdreiklange! — auch mit wahrhaft seligem Sich- 
neigen ins Herz aufgenommen wird. Es ist reinster Aus- 
druck innrer Wahrheit und daher alles höchste Schönheit. 



144 



Was dann folgt ist die — „Wandlung". Man kann es 
kaum anders bezeichnen, was hier in wahrer Sphärenstille 
als ein Kreisen der gesammten inneren Existenz vor sich 
geht und obwohl aus dem dunkelsten Geheim der Seele 
stammend doch wie mit Sinnen deutlich zu fassen ist, — 
die Wiedergeburt des menschlichen Herzens aus 
sich selbst Wir setzen die Stelle heul: 



& 



=&=sfj 



fetE^EEÖ 



% 



pp una corde. 







N * 333 



In den einfachsten Accorden, fast alle Dur, ja vorwiegend 
in reinen Dreiklängen, wie die Grundlagen des Daseins be- 
rührend stimmt sich das Innere in seiner unerforschten 
Tiefe zur Harmonie des selbst unerforschten All und Ewi- 
gen zurück, dem es im Gefühl seiner Vereinzelung trost- 
bedürftig soeben genaht war. Es wehen die Schauer eines 
ewigen Lebens über dieses kleine Individuum, neues Le- 
ben ist ihm selbst gegeben und es kehrt neu geboren in 
die Welt des Wechsels und der Erscheinungen zurück, es 
hat deren Wesen und Bestand geschaut So viel besagen 
hier so wenig Töne! 

Die nach dem Masse menschlicher Aufhahms&higkeit 
bei solch innerstem Seelenprocess doppelt gebotene Wieder- 
holung des ganzen Vorgangs, hier fast wie ein Widerspiel 
in der eigenen Erinnerung, alles voll himmlischen Glanzes. 



145 

selbst die Accente der Schuld und des Leidens gedämpft 
und verklärt, prägt uns den Gehalt und die Wahrheit des 
Ganzen nur tiefer ein. Die „Wandlung 41 gewinnt über die 
einzelne Erfahrung hinaus allumfassenden Inhalt und Welt- 
bedeutung als innerster Sinn der Existenz: man begreift 
warum einem norddeutschen Pastor dieses Gedicht eines 
wahrhaft tiefen und grossen Menschengemüthes stets „so 
religiös" vorkam. Und wenn dann zum letzten Abschluss 
die Eingangsbitte nochmals ertönt, so ist es als wenn die 
das Nachzuckfen der schmerzlich aufgeregten und jetzt so 
himmlisch in sich versöhnten Empfindung ausdrückenden 
Synkopen auf dem verminderten Septimenaccord wie mit 
Worten zu uns redeten. Aber selbst die deutlichsten Worte, 
wie würden sie die Aufrichtigkeit und Tiefe dieser Empfin- 
dung entweihen und zu unserm wahren Schrecken den 
Schleier von einem Vorgange abziehen, der in seinem Kern 
das Geheimniss von Glück und Unglück der ganzen Mensch- 
heit birgt! Sie wären, wo alles wahrstes Gefühl ist, in 
der That nur „Schall und Bauch umnebelnd Himmelsgluth", 
so hehr und heilig ist der Ausdruck der Menschenempfin- 
dung in dem Zaubergebiet der Töne. Das Thema selbst 
aber erscheint hier wie mit dem Ausdruck der bereits ge- 
wonnenen Versöhnung, und der Schluss in Dur mit weit- 
hin hallender Dominante enthüllt die ganze Fülle der Le- 
benshoflhung, die dieses zu sich selbst und dem Ganzen 
der Welt zurückgestimmte Gemüth tiefinnen beseligt. 

Und sind es nicht neue und geradezu nie gesehene 
Thaten, zu denen diese sichere Wiederanknüpfung an das 
Ganze Kraft und Entschlossenheit gewonnen hat, was jetzt 

Sohl, Beethoren« letzte Jahre. \Q 



146 

nach der kurzen Largoeinleitung mit ihrer echt Beethoven- 
sehen Spannungserregung in dem „Allegro risoluto 44 
eintritt? Freilich etwas bunt geht es in diesem Final- 
fugato zu, und fast übermüthig keck wird mit dem Können 
der Kunst wie des Spielers gespielt Allein die Allbewe- 
gung und die unermüdlich gebärenden und verschlingenden 
Kräfte des Daseins widerzuspiegeln nimmt dieses glänzend 
geistvolle Meisterstück im „gebundenen Styl" wirklich den 
für spätere grössere Aufgaben so folgenreichen Anlaut Es 
ist wahrhaft heroische Lebensenergie darin, und die „aleune 
licenze", für die von vornhinein die Nachsicht der Contra- 
punetiker nachgesucht wird, sind für uns im Grunde ein 
gar köstliches Besinnen auf das eigene, allein weltentschei- 
dene Ich, das sich dem blos Elementaren und .Regelrechten 
denn doch nicht so absolut unterthan geben will. Und 
wenn es auch nur einsam und wie „alte Kirchenchoräle 
der Mönche 44 , von denen wir sogleich hören werden, auf 
diesen stürmischen Wogen wandelt, — „so mag das noth- 
■leidende Schiff Berge von Seen hoch wie der Olympos 
hinansteigen und dann wieder so tief untertauchen wie die 
Hölle unter dem Himmel ist'% stand in Beethovens Othello 
angestrichen, — es wandelt doch, es ist da und seiner selbst 
gewiss. Die kleine Episode in D aber klingt wie fernes 
Erinnern und sich Besinnen auf den harmonischen Grund 
alles Seins, in dem auch dieses Ich sich wiedergefunden 
und den Willen zum Wirken für das Allgemeine gewonnen. 
Denn das fühlt sich diesem Satze deutlich an: sein Stre- 
ben und Wollen geht über Leid und Freude des einzelnen 
Herzens weit hinaus und berührt, selbst in diesem engen 



147 

Bahmen der Claviermusik , die grossen Kämpfe und Auf- 
gaben der Menschheit, es ist etwas entschieden Monumen- 
tales darin, wie es dem lyrischen Gebiet sonst nicht eigen. 
Alles also an dem machtvoll lebendigen Werke, das wir 
als einzige näher beachtenswerte Frucht auf dem langen 
Wege seit 1815 auflesen konnten, überzeugt uns, dass mit 
dem Meister selbst eine „Wandlung**, eine neue Setzung 
seines Innern vorgegangen war. Es ist ein wahrer Lebens- 
process der eigenen Seele, der zugleich aus ihm selbst einen 
andern Menschen macht und den Uebergang zu einer neuen 
Welt bildet, — der kräftige Anfang mit den „ganz andern 
Dingen 44 die ihm vorschwebten. Wir werden auch bald, 
nachdem noch einige schwere Schicksalsproben überstanden 
sind, ihn selbst jenen Stand der vollen moralischen und 
künstlerischen Keife beschreiten sehen, der ihn so wahrhaft 
verehtungswürdig macht, und auch hier ihn an Früchten 
erkennen, deren verheissungsvolle Blüthen uns schon begeg- 
neten. 61 



10 



Fünftes Kapitel. 
Präludien zur Mlssa solennis. 

(1818 — 19.) 

„Preludien zu meiner Messe" fanden wir in dem Notir- 
buch zur 9. Symphonie oben stehen. Von einem Werke, das 
zugleich in Beethovens eigenem Leben soviel bedeutet wie 
die Missa solennis erscheint es nothwendig, jede Spur der 
Entstehung zu verfolgen, und da ist es doppelt erwünscht, 
auch hier sogleich wieder einer offenbar ersten Notirung 
zu begegnen. 

Es ist uns nämlich das in grüne Seide geheftete In- 
nere einer Brieftasche Beethovens aufbewahrt, das ausser 
zu kurzen Notaten hauptsächlich zur Conversation verwen- 
det worden ist. Die innere Seite des Umschlags enthalt 
unleserliche Noten, das rosa Glanzpapier hat den Bleistift 
ohnehin schwer angenommen und leicht wieder verwischen 
lassen. Darauf folgt durch die ganzen allerdings nicht 
zahlreichen Blätter die Conversation mit einem Musiker 
über allerhand Dinge. „Nach Calderon von Schreyvogel 
Trattnerhof 4 steht da von Beethovens Hand. Schreyvogel 
hatte unter dem Namen West auch „Das Leben ein Traum 4 * 



149 

bearbeitet, von dem einmal in der A. M. Z. dieser Zeit Bede 
ist Dann heisst es vom Klaviermacher Stein, dass er sich 
auf Beethovens englisches Instrument freue, und ein unge- 
. dmcktes Billet an Frau Streicher, mit der ja in diesem Früh- 
jahr 1818 der Verkehr besonder^ lebhaft war, spricht von 
der Besorgung eines Instruments von der Hauptmauth in 
Triest Wir hören aber, dass Beethoven von Kalkbrenner, 
Clementi, Broadwood u. a. in London einen Flügel zum Ge- 
schenk erhalten. „Besonders erbaulich war mir nach Ihrer 
Overtüre das Quartett aus Trajan von Nicolini zu hören. 
Dann die sogenannte Overtüre am Schlüsse. Von einem 
Herrn Blum. — Das Duett aus Sargino war gar nicht an- 
zuhören, so falsch. Waren Sie also während Ihrer Over- 
türe gar nicht zugegen? Desto besser* 4 — so schreibt der 
Bekannte auf und die A. M. Z. vom Mai 1818 sagt uns, 
dass hier von einem Concert der „Musikfreunde" Bede ist, 
in dem auch Beethovens Corioranouvertüre vorkam. Dabei 
heisst es dort über deren damaligen technischen Director 
Hau seh ka, der uns bald begegnen wird: „Ich wette, 
dass der Director kein Wort davon ahnte, was die Over- 
türe vorstellen wollte". Beethoven selbst aber notirt auf 
die letzten Seiten : „üngargasse No. 85 lten Juni Möbel zu 
verkaufen" und „Hofmeister jährlich 1524 Fl." sowie ver- 
schiedene andere häusliche Anschaffungen. Wir befinden 
uns also im Frühjahr, frühestens Mai 1818, und die innere 
Seite des grünen Umschlags enthält nun ganz kurz mit 
dem Wort „Elei" — son das bekannte Halbnotenmotiv 
des Kyrie der grossen Messe, trotz dem Glanzpapier 
diesmal gut erhalten, weil von Beethoven mit dem Stifte 



*-'••' »>-v^. 



150 

scharf eingegraben. Es fällen demnach die ersten Noti- 
rangen zu diesem Werke, dessen Partitur Schindler unmit- 
telbar nach Vollendung der Sonate Op. 106 im Spätherbst 
1818 beginnen sah, schon in den Frühling dieses Jahres, 
in dessen äussere Verhältnisse wir oben einen genügenden 
Blick gethan haben. 62 

Um so sicherer können wir also ebenfalls auf die 
Missa solennis beziehen was im Tagebuch nach dem 
8. Juni 1818 steht: „Um wahre Kirchenmusik zu schreiben 
alte Kirchenchoräle der Mönche etc. durchgehen, wo auch 
zu sehen wie die Absätze in richtigsten Uebersetzungen 
nebst vollkommener Prosodie alter christkatholischer Psal- 
men und Gesänge überhaupt". Und als sei jetzt der Ent- 
schluss zu dem jedenfalls müh vollen Unternehmen fest ge- 
fasst und solle mit einem Act der inneren Erhebung besiegelt 
werden, steht da unmittelbar darauf: „Opfere noch einmal 
alle Kleinigkeiten des gesellschaftlichen Lebens deiner 
Kunst Gott über Alles! 

Denn die ewige Vorsicht 
Lenkt allwissend das Glück oder Unglück sterblicher Menschen!" 

Es war in der That für Beethoven ein Entschluss, 
an die Composition eines solchen Gegenstandes zu gehen wie 
die heil. Messe ist.. Nicht als wenn ihm die Stimmung dazu 
gefehlt hätte ! Im Gegentheil, eine solch erneute Zusammen- 
fassung und Hinwendung des Innern auf ein über dem 
blossen Dasein schwebendes Ewiges lag ja in der ganzen 
Sichtung jener Zeit und so die religiöse Composition 
gewissennassen in der Luft. Nicht bloss, dass die musi- 
kalischen Blätter immer wieder auf diesen „höchsten Gegen- 






> t 



151 



stand der Kunst" zu sprechen kommen, — die A. M. Z. von 
1818 bringt auch Mittheilung von einer Menge kirchlicher 
Werke wie Messen von Joachim Hoffmann, auf den Beet- 
hoven den bekannten Canon gemacht, Seyfried, Hummel, 
Fr. Schneider, G. Weber, Cherubini u. a., und ausser der 
Herausgabe von Seb. Bachs „grosser Missa", die damals an 
zwei Orten zugleich vorbereitet wird, wollen Steiner & Comp, 
eine ganze Sammlung alter deutschen und italienischen 
Compositionen dieses Styls veranstalten. Bei Beethoven 
persönlich aber ist es damals, als wenn sich der Wunsch 
einer solchen religiösen Erhebung und gewissermaßen einer 
inneren Generalbeichte und Generalbusse durch das Mittel 
seines eigensten Thuns und Könnens allmälig zu einem 
völligen Bedürfen gesteigert habe. Wenn nun auch weder 
das Kequiem noch das Oratorium bisher fertig geworden 
waren oder auch nur ernstlich bedacht scheinen, so kam 
wie wir aus Beethovens eigener Aeusserung wissen, dagegen 
jetzt ein Anstoss, der alles Bedenken und Zögern über- 
winden und sofort Hand ans Werk legen liess: die Er- 
nennung seines hohen- Schülers Erzherzog Ru- 
dolph zum Erzbischof von Olmütz, und rasch schoss 
zusammen, was von inneren Begungen und Bedürfhissen 
seit langem sich gesammelt hatte. Ja dem Entschluss folgte 
wie wir sahen ebenso rasch die That, und im Spätherbst 
1818 ward, für ein so grosses Werk bei Beethoven eine 
Seltenheit, bereits die Partitur begonnen. Aber ein Ent- 
schluss war es und blieb es. Denn abgesehen von der 
Aufwühlung der eigenen Tiefen, die hier betheiligt waren 
und betheiligt sein mussten, wenn das Rechte geschehen 



152 

sollte,, war auch dieses Rechte selbst hier nicht so im 
Handumdrehen herzustellen. Es war mit respectabeln oder 
doch allerorts respectirten Meistern in die Ruhmesbahn 
zu schreiten, und er der Meister der Meister sollte sich 
hier, bei solch grösstem Vorwurf künstlerischen Schaffens 
nicht als solchen bewähren? 63 

So begreifen wir, dass es einen ernsten Zuruf an sich 
selbst kostete, und werden die schwere Ahnung seines 
Herzens nur gerechtfertigt finden. Es gab grosse Schwierig- 
keiten zu überwinden, und der Geister die er bannte, ward 
er diesmal kaum noch Herr. Wir begreifen ferner, warum 
der junge Maler K 15b er, der in diesem Sommer in Möd- 
ling das „ossianisch- dämonische" Haupt zeichnete, sich noch 
i. J. 1864 erinnerte, dass Beethoven stets sehr ernst aus- 
gesehen und dass seine äusserst lebendigen Augen meist mit 
etwas finsterm gedrücktem Blick nach oben schwärmten, 
und andererseits erzählt: „Das eine Mal als ich gerade eine 
Waldpartie aufnahm, sah ich ihn mir gegenüber eine An- 
höhe aus dem Hohlwege, der uns trennte, hinaufklettern 
den grosskrämpigen grauen Filzhut unter den Arm ge- 
drückt; oben angelangt warf er sich unter einen Kiefer- 
baum lang hin und schaute lange in den Himmel 
hinein! 44 

Wir bedürfen also nicht der Versicherung Schindlers, 
ohne irgendwelche Aufforderung sei der Entschluss erfolgt, 
zu jener Installation die Messe zu schreiben und „sich da- 
mit wieder dem Zweige seiner Kunst zuzuwenden, zu dem 
er sich neben der Symphonie am meisten hingezogen fühlte 44 . 
Der äussere Anlass traf wie nur je bei einem Werke 



153 

Beethovens mit dem eigenen Drang zusammen, und sogleich 
begann in tiefster Stille die Arbeit, von der erst nach mehr 
als Jahresfrist Nachrichten in die Öffentlichkeit dringen. 
Und wenn auch trotz allem Ernst des Wollens und der Ar- 
beit das Ergebniss fast nur ein Irren und Missgreifen war, 
es war doch ein naiv aufrichtiges und mehr noch das Miss- 
verstehen und Irren seiner Zeit als sein eigenes. Daher 
trotz allem was diesem Werke , an das Beethoven sein 
ganzes Können und 4 volle Jahre seines Lebens auf dessen 
höchster Hohe gesetzt und in das er zeitweise sogar völlig 
versank, im ganzen an unmittelbarer Lebenskraft und Wir- 
kung fehlt, im einzelnen eine grosse Concentrirung und 
Befrachtung für ihn selbst wie' für alle Folgezeit der Kunst 
daraus hervorgegangen ist! Auch hier zeigt sich, dass jener 
„Ernst, den keine Mühe bleichet" irgendwie und irgendwo 
seines Erfolges immer gewiss ist 6 * 

Betrachten wir also zunächst die Präludien zur Ent- 
stehung dieses Werkes, und zwar zuerst den Anlass, dann 
die äusseren Umstände bei derselben. 

Es war die eigenste Lebensfeier des Mannes, der zu 
dem Werke Veranlassung gab: seine volle Vermälung mit 
der Kirche. Der Eindruck des Verhältnisses zum Erzherzog' 
dem also hier unverhüllt ins Antlitz zu schauen ist, konnte 
uns im ganzen kein harmonischer sein, es lag zu viel Un- 
ausgeglichenes und Unausgleichbares darin. Freilich, sei 
es die österreichische Gutmüthigkeit oder .vielmehr natür- 
liche Herzensgüte, sei es jene bessere sociale Ausgleichung? 
die namentlich Wien zeigt und die zum guten Theil auf 
der innigeren Verbindung mit dem südlichen Leben beruht, 



154 

wo man sich bis in die höchsten Lebenskreise hinein der 
notwendigen Komödie dieser nnn einmal hergebrachten 
Standesunterschiede mehr bewusst ist und mit gesundem 
Instinct die Gottähnlichkeit und Adoration nicht auch auf 
den persönlichen Verkehr auszudehnen pflegt, sei es endlich 
die persönlich wohlwollende Art des Prinzen selbst, — 
kurzum der kränkliche jüngere Herr, der an einem „schwe- 
ren Nervenleiden' 4 litt, liess sich sowie er von vornhinein 
gegen Beethovens ungenirten Ungestüm Duldung gezeigt, 
als er befahl „man solle denselben nur seinen Weg unge- 
stört gehen lassen, er sei nun einmal so", auch gegen das 
lückenvolle Lectiongeben nachsichtig finden, und nirgend 
zeigt sich, dass es je deshalb zu ernsteren Anstössen kam. 
Und doch erzählt Fräulein del Bio von Beethoven: „Auch 
erwähnte er einmal lächelnd, dass er ihn auf die Finger 
schlage, und als der hohe Herr ihn einmal in seine Schran- 
ken zurückweisen wollen, er mit dem Finger auf die Stelle 
eines Dichters, wenn ich nicht irre Goethes gewiesen habe, 
in welcher er seine Bechtfertigung zeigte". Beethoven 
selbst betont eben einmal (29. Juli 1819) „die vorzüglichen 
Eigenschaften des Geistes und Herzens des Erzherzogs, wenn 
man das Glück habe ihn in der Nähe zu kennen". Und dass 
dies gegen den Prinzen selbst geschieht, nimmt solchem 
Urtheil nichts von seiner Aufrichtigkeit. Denn es findet 
sich keine Spur, dass er in diesem Puncto anders dachte. 
Andererseits haben wir folgendes zu bedenken. Die 
niederdeutsche Natur Beethovens bäumte sich vor jeder Art 
von persönlicher Abhängigkeit, und wenn er auch sowohl 
schon in Bonn an Hoikräise gewöhnt gewesen war und 



/ 



155 

• 

in Max Ranz ein nicht unwürdiges Beispiel eines Souve- 
räns gekannt hatte, wie auch nach der Art des ebenfalls 
souveränen Genius die Berechtigung und das Exclusive 
der Henscherstellung recht wohl verstand und Lebensein« 
sieht genug besass dieselbe geziemend zu ehren, so repräsen- 
tirte ihm doch diesen auszeichnenden Bang auch abge- 
sehen davon, dass hier nicht die wirkliche Souveränetät und 
ihre Vorzüge walteten, eben dieser Prinz persönlich nicht 
genug; und was schlimmer war, Beethoven fühlte sich, 
sosehr hier sein Künstlerthum bewundert und jedenfalls 
über jedes andere gestellt ward, nicht nach seinem eigent- 
lichen Bedeuten verstanden noch die Kunst überhaupt 
nach ihrer Stellung im geistigen Bestand der Menschheit 
gewürdigt Nun konnte er allerdings einem solchen jün- 
geren Manne nicht zutrauen, was er selbst nur in den ge- 
heiligsten Momenten seines Schaffens empfand und bei 
dem die Hand stockte es sich zu gestehen (v. o. £1. 455): 
dass er eben, ein echter Künstler, im Dienst des All 
und Ewigen der Menschheit arbeite und dass daher jede 
Stunde dieses Lebens geweiht sei* Schien ja doch dem- 
selben kein längeres Ziel als gewöhnlich gesetzt, und ward es 
vielmehr durch stete Kränklichkeit sehr verkürzt und sollte 
gar vor der Zeit abgeschnitten werden! und dann, wie 
konnte überhaupt Verstehen eines solchen Menschenberufes 
walten, wo kaum von ernstem Beruf im gewöhnlichen Da- 
sein Bede und das Leben im Grunde ein blosses Spiel war? 
Dabei störte nun Beethoven wohl nicht, dass wie er 
selbst am 11. Oct 1811 an Tiedge schreibt, „der Prinz auf 
einmal nicht Pfaffe werden wollte". Was war in einem 



156 

Alter von 23 Jahren begreiflicher? Auch entspricht es nnr 
der humoristisch gemüthlichen Art Beethovens, wie seine 
Bekannten in den Conversationen zuweilen von dem Erzbi- 
schof und seiner Thätigkeit reden, z. B. dass er vorige Woche 
eine ganze Judenfamilie getauft; habe, 6 oder 7 Personen 
auf einmal! Aber es ist irrigen und unwürdigen Darstel- 
lungen gegenüber gerade in unserem Falle die Würde des 
künstlerischen Schaffens im Auge zu behalten, und 
was bestand in diesem Verhältnisse und Verkehr, das zu dem 
Ernst und der inneren Notwendigkeit, ja geradezu geisti- 
gen Noth, wie sie sich uns bei Beethoven hier stets mehr 
enthüllt, auch nur entfernt Beziehung hätte oder ihm und 
uns Ausgleichung böte ? Obendrein aber brachte das stun- 
denlange ünterrichtgeben ihn den gewöhnlichen Lebenspflich- 
ten gegenüber in Bedrängung. Denn Beethoven hatte von 
seiner Feder zu leben und zwar mit einem „theuern" Neffen, 
und nach der Lection war er „beinah zu allem andern unfähig". 
Dass also stets nur in einzelnen besonders störend ein- 
greifenden Moinenten Aerger laut wird, im übrigen aber 
jahraus jahrein aufs neue die begreifliche Abneigung über- 
wunden wird Lection in Dingen zu geben, die ihm selbst 
zeitlebens gleich der Religion ein unantastbares Bäthsel 
bleiben zu müssen schienen, welches nur in den Augen- 
blicken des tiefsten künstlerischen Schauens sich wirklich 
löste, und dass ausser diesem doch stets versehenen „Dienst- 
geschäft* 4 und den vielen Dedicationen dem Prinzen bei 
jeder Gelegenheit noch Worte der Liebe und Verehrung 
gesagt werden, dies alles deutet doch auf einen guten Grund 
in des Erzherzogs Natur selbst Und wenn es auch gar 



157 

zu tyrolerisch klingt, was Dr. Weissenbach sagt: „Immer 

spricht Beethoven jenen Namen mit kindlicher Verehrung 

wie keinen andern aus", so hat doch der Erzherzog nicht 

bloss Beethovens redliche Liebe verdient, sondern es war 

auch die volle Aufrichtigkeit seines Empfindens in diesem 

Verhältnis^ wenn der Meister nun in solch späten Lebenstagen 

seine ganze Kraft und sein bestes Können daran setzte, den 

Ehrentag in dem Leben seines hohen Schülers verherrlichen 

zu helfen. Dank für genossene Wohlthat oder Erwartung 

zukunftiger Vortheile waren dabei kaum mitzuzählende 

äussere Motive des tiefer begründeten Beginnens. Beides 

stand nach dem Mass seiner Bedeutung in keinem Verhält- 

niäs zu Beethovens eigentlichem Wollen und Leben. Das 

kleine Gehalt bisher entschied nicht viel in seiner äusseren 

Lage, und des Erzherzogs Verhältnisse erweisen sich auch 

später nicht als fürstliche. Wenigstens ist aus den Con- 

versationen und den Aeusserungen Beethovens weit eher 

das Gegentheil davon zu spüren. 65 

Sehen wir also, obwohl nicht entfernt ein ebenbürtiges 
Verhältniss wie zwischen, Karl August und Goethe vorliegt 
und Beethoven selbst sich einmal als „König Bichards 
treuer Blondel u bezeichnet, doch bei Entstehung der Missa 
solennis durchaus ein inneres und reinmenschliches Motiv 
walten und dieselbe nicht blos „wie alle Werke von nur 
einigem Werth", sondern aus persönlichster Antheilnahme 
dem Erzherzog zugedacht, so ist es natürlich, dass nun 
hier auch in der künstlerischen Ausführung selbst etwas 
ganz Besonderes dargebracht werden sollte. Von des Prinzen 
Spiel hörten wir schon oben. Seine Versuche in der Com- 



158 

Position d. h. die „40 Veränderungen" lassen erkennen, dass 
er wirklich Musiker war und keinen der landläufigen deut- 
schen Capellmeister von damals oder auch heute sonderlich 
zu scheuen brauchte. Er beherrschte die damals übliche 
Schreibart und Form, und Beethoven selbst schreibt über 
ihn an den „Kunstbruder" G. Nägeli (9. Sept. 1824): „Musik 
versteht er, und er lebt und webt darin, mir thut es wirk- 
lich um sein Talent leid, dass ich nicht mehr soviel an 
ihm theilnehmen kann". Ebenso sagt Eies: „Ausser mir 
erkannte er nur noch den Erzherzog .Rudolph als Schüler 
an". Wirkliches Künstlerthum d. h. eigene Schöpferkraft 
braucht darum nicht verlangt zu werden. Wer mochte 
auch neben Beethoven sich solcher rühmen? „Wir Musiker 
wie wir auch heissen mögen, sind doch nur kleine unschein- 
bare Trabanten, Beethoven allein das grosse blendende 
Himmelslicht," notirt der junge Moscheies 1816 in Wien 
in sein Tagebuch, und seine Mitstreiter waren doch z. B. 
Hummel, Spohr und jener Meier Beer, den die Welt später 
so gross gemacht, der aber schon Beethoven nicht recht 
einleuchten wollte (v. o. II. 570). 

Endlich die innre Uebereinstimmung der beiden hohen 
Freunde bei diesem religiösen Beginnen! — Da haben wir 
uns jedes Urtheils über den Prinzen zu enthalten, weil uns 
jeder Anhalt zur Erforschung dieses tiefsten Geheims der 
Menschenbrust hier fehlt. Und wer könnte hier gültiger 
Zeuge sein? Allein abgesehen davon, dass in der südlich- 
katholischen Bevölkerung überhaupt eine gewisse Unberührt- 
heit und Geschlossenheit des inneren Empfindens und ein 
aufrichtiger Zug zu religiösen und sogar kirchlichen Dingen 



. r 



159 

liegt, fanden wir Beethovens Absicht und Empfindung hier 

vollkommen rein nnd aufrichtig, und dies ist uns auch in 

Bezug auf den Prinzen genug. 

Wir stellen daher jetzt zunächst noch nachholend 

zusammen, was sich weiter über dieses Verhältnis aus den 
Quellen ergibt, und man wird erkennen, dass soviel Uner- 
quickliches auch hier mitunterläuft und wie sehr Beet- 
hoven manchmal selbst von seinem Postament herabsteigen 
und höchst menschlich erscheinen muss, doch im ganzen 
auf beiden Seiten das Bestreben herrscht, dem so vielfach 
Ungleichen des Verhältnisses nach Möglichkeit den Stachel 
zu rauben und beiderseits zu nehmen und zu geben was 
thunlich war. Diese stete Kückkehr zur gegenseitigen Ach- 
tung und Liebe aber beweist am besten das Vorhandensein 
eines guten Kerns auf jeder der beiden Seiten, und so 
haben auch wir hier vor allen Dingen menschliches Be- 
greifen und Nachsehen walten zu lassen und namentlich 
nicht zu vergessen, dass wir doch diesem an sich nicht 
gerade dem Ideal entsprechenden Verhältnisse immer neben 
einer ganzen Reihe der schönsten Werke für Kammermusik 
namentlich eben den „Koloss" der Missa solennis verdanken, 
an dessen Kunst noch manche Generation zu zehren hat. 66 

* 
Am letzten Dezember 1816 schreibt Beethoven; „Das 
Jahr endet; meine heissesten Wünsche fangen mit dem 
neuen Jahre für das Wohl I. K. H. an. Zwar haben sie 
bei mir nicht Ende; denn alle Tage hege ich dieselben 
Wünsche für L K. H. Darf ich noch einen Wunsch hinzu- 
setzen, so lassen L K. H. mich in Ihrer Gnade und Huld 



160 

täglich wachsen und zunehmen. Stets wird der Meister 
trachten, der Gnade seines erhabenen Meisters [Mäcens?] 
und Schülers nicht unwürdig zu sein. 44 Nicht viel anders 
im nächsten Jahre: „Möge I. H. E. auch in nichte leiden, 
sondern der grössten Glückseligkeit die nur denkbar ist, 
gemessen. Der Himmel möge zum Besten so vieler An- 
derer jeden Tag Ihres Lebens besonders segnen." Im Som- 
mer 1818 arbeitet der Erzherzog die „Aufgabe 44 aus. Dies 
gibt viel Anlass zu Zusammenkünften wie zu BriefwechseL 
Der Schüler muss ja möglichst des Meisters würdig er- 
scheinen. Dabei tritt dann das innerlich Geschraubte eines 
Verhältnisses dieser Art von selbst hervor, ohne dass einem 
der beiden Theile etwas besonderes Nachtheiliges nachzu- 
sagen wäre. Mit den lebhaftesten Wünschen zum neuen 
Jahre 1819 entschuldigt sich Beethoven mit einem „schreck- 
lichen Ereigniss in seinen Familienverhältnissen 44 , von dem 
wir bald hören werden, dass er nicht schon selbst bei S. 
K. EL gewesen noch Auskunft gegeben habe über die ihm 
gewidmeten meisterhaften Variationen seines hoch- 
verehrten erhabenen Schülers und Musengünstlings: „mei- 
nen Dank für diese Gnade und Ueberraschung, womit ich 
beehrt bin worden, wage ich weder mündlich noch schrift- 
lich auszudrücken, da ich zu tief stehe auch wenn ich 
wollte oder es noch so heiss wünschte, Gleiches mit Glei- 
chem zu vergelten. In einigen Tagen hoffe ich das mir 
gesendete Meisterstück von L K. EL selbst zu hören, und 
nichts kann mir erfreulicher sein als dazu beizutragen, 
dass L K. EL den schon bereiteten Platz für Hochdieselbe 
auf dem Parnasse baldigst übernehmen. 44 



fr" 

* 



Es beginnt ein artiges Pappen- und Fangemäuschen- 
spiel, wobei nur zu bedenken ist, einmal dass Beethoven 
damals durch die .äusseren Drängnisse „alle Besinnung ver- 
loren" hatte und dann, dass er ebendadurch in die miss- 
liche Lage gerathen war, von der neuen Stellung und dem 
Einfluss des Erzherzogs jetzt auch wirklich Aenderung und 
Bessernng der eigenen Zustände erhoffen zu müssen.. Dabei 
ist es offenbar vollster Ernst, wenn es zunächst wenige Tage 
später heisst: „Der Tag wo ein Hochamt von mir zu den 
Feierlichkeiten für L E. H. soll aufgeführt werden, wird 
ter mich der schönste meines Lebens sein, und Gott wird 
mich erleuchten, dass meine schwachen Kräfte zur Ver- 
herrlichung dieses Tages beitragen". Zugleich sendet er 
die „2 anderen Stücke" von Op. 106: „wovon das letztere 
ein grosses Fugato, sodass es eine grosse Sonate ausmacht, 
welche nun bald erscheinen wird und schon lange aus 
meinem Herzen L K. H. zugedacht ist; hieran ist das 
neueste Ereigniss I. E. H. nicht im mindesten Schuld". 
Zum Schluss fleht er den Herrn an, dass reichlich seine 
Segnungen auf das Haupt S. E. H. herabflössen: „der neue 
Beruf I. E. H., der so sehr die Liebe der Menschen um- 
fasst, ist wohl einer der schönsten, und hierin werden L 
E R weltlich oder geistlich immer das schönste Muster 
sein". 

Derweilen scheinen die „meisterhaften Variationen" 
bei dem wirklichen Meister wie es in den Conversationen 
heisst „stark in der Correctur gewesen zu sein" und dieser 
freut sich sehr seinem erhabenen Schüler als Begleiter auf 
einer ruhmvollen Bahn dienen zu können. Ja es heisst 

Hohl, Beethoyens leiste Jahre. 11 



162 

von dem Werke selbst: „sie dürften wohl kühn ans Tages- 
licht treten, und man wird sich vielleicht unterstehen I. 
K. EL darum anzugehen". Wie denn auch Beethoven selbst 
ein£ solche unterthänige Bitte, „um die Welt mit den vor- 
trefflichen Talenten eines so grossen Prinzen bekannt zu 
machen 44 dem Verleger Artaria aufsetzt! Trotzdem wird 
Steiner Herausgeber und zwar in jenem gleichen „Museum 
für Klaviermusik 44 , das zwei Jahre vorher mit Beethovens 
Op. 101 in die Welt eingeführt worden war. Die „40 Ver- 
änderungen 44 aber sind natürlich auch hier dem „Verfasser 4 * 
der Aufgabe gewidmet „von seinem Schüler E. E. H 44 . 
Beethoven nimmt sich desselben jetzt auch mit um so 
grösserem Eifer an. „Mein liebes Erzherzoglein und ich 
spielen ebenfalls von Ihnen 44 , heisst es am 25. Mal 1819 
gegen Eies, und man geht im Juli sogar von Mödling in die 
Stadt, um offenbar zum Unterricht das Tauglichste in der 
Bibliothek des Erzherzogs auszusuchen. Denn es steht da 
das bereits oben (II. 51) erwähnte Wort vom „geschwinden 
Treffen (und mit der besseren Kunstvereinigung, wobei aber 
praktische Absichten Ausnahmen machen können), wofür die 
Alten zwar doppelt dienen, indem meistens reeller Kunst- 
werth (Genie hat doch unter ihnen nur der deutsche Händel 
und Seb. Bach gehabt). 44 Und hier fällt denn der unter 
den jetzigen Umständen doppelt bemerkenswerthe Aus- 
spruch: „Allein Freiheit, weiter gehn ist in der Kunst- 
welt wie in der ganzen grossen Schöpfung Zweck, und 
sind wir Neueren noch nicht ganz soweit als unsere Alt- 
vordern in Festigkeit, so hat doch die Verfeinerung unserer 
Sitten auch manches erweitert 44 . Seinem erhabenen Musik» 



163 

Zögling, selbst nun schon Mitstreiter um die Lorbeern des 
Böhmes dürfe Einseitigkeit nicht Vorwurf werden. „Et ite- 
rumventurus judicare vivos et mortuos", erklingt es 
ans dem Credo der Messe, das diesen Sommer 1819 ausge- 
arbeitet ward und in dem in der That künstlerisch die 
Lebendigen wie die Todten neu gerichtet werden und der 
Beweis ersteht, dass mit der „Verfeinerung unserer Sitten" 
wie Beethoven in seiner unbeholfenen Weise das Bewusst- 
sein von dem befreiteren Geistesleben der Zeit ausdrückt, 
auch „bessere Kunstvereinigung" das heisst eine freiere Ver- 
werthung der künstlerischen Mittel jener „Alten" möglich 
geworden und doch dabei der „reelle Kunstwerth" nicht 
aufgegeben ist Zugleich werden 3 Gedichte zum Compo- 
niren beigelegt: „die Oestertfeicher wissen es nun schon, 
dass Apollos Geist im Kaiserlichen Stamm neu aufgewacht, 
ich erhalte überall Bitten etwas zu erhalten". S. K. H. 
werde nicht ausweichen können: „also in Gottes Namen 
bei so vielen Weihen, die L K. EL jetzt erhalten und be- 
kannt werden, werde denn auch die Weihung Apollos 
(oder christlicher Caeciliens) bekannt Zwar könnte I. K. 
H. vielleicht mich der Eitelkeit beschuldigen; ich kann 
aber versichern, dass indem zwar diese Widmung meinem 
Herzen theuer ist und ich wirklich stolz darauf bin, diese 
allein gewiss nicht mein Endzweck hiebei ist". Er bittet 
ihn, „nicht auf die Händeischen Werke zu vergessen, da 
sie seinem so reifen musikalischen Geiste gewiss immer 
die höchste Nahrung darbieten, welche zugleich immer in 
die Verehrung dieses grossen Mannes übergehen werde". 

Alles weist auf die Arbeit im „strengen Styl" hin, die 

n* 



164 ' 

jetzt zuerst in solch gewaltigen Dimensionen vorgenommen 
war. 67 

Ganz das Wahre und wirklich Schöne dieses Verhält- 
nisses zusammenfassend aber ist der Schluss eines Schrei- 
bens vom 19. Dezember 1819, mit welchem wir selbst 
wieder zu unserem Haupt gegenstände zurückkehren : „Mein 
Herz ist allezeit bei I. K. H. und ich hoffe gewiss, dass 
sich endlich die Umstände so ändern werden, dass ich noch 
weit mehr dazu beitragen kann als bisher Ihr grosses Ta- 
lent zu vervollkommnen.. Ich glaube, dass L K. IL den 
besten Willen hierin schon wahrgenommen und gewiss 
überzeugt sein werden, dass nur unübersteigliche Hinder- 
nisse mich von meinem verehrtesten, mir über alles ins 
Herz gewachsenen liebenswürdigsten Prinzen entfernen 
können. — Meinen unauslöschlichen Dank für das liebe 
Schreiben I. K. H. an mich; wenn I. K. BL Achtung 
gegen mich aussprechen, so kann dieses nur den Trieb zu 
allem Guten noch vermehren und erhöhen. Ich küsse E. 
K. H. die Hände und bin I. E. Hoheit treu gehorsamster 
Diener L. v. Beethoven." — 

Dies also ist der Mann, dessen Existenz und Zuneigung 
Beethoven zu einem der ernstgemeintesten und umfang- 
reichsten Werke seines Lebens anregte, und wir konnten 
denselben im ganzen einer solchen Darbringung nicht nn- 
werth finden. Wie denn andererseits das Werk selbst 
trotz allem ernsten Meinen im ganzen das Niveau solcher 
humanistisch schöngeistigen Cultur und modern optimisti- 
schen Anschauungsweise nicht übersteigt und nur in ein- 
zelnen Momenten daran erinnert, dass ein Künstler es ge- 



165 

schaffen, der den tragischen Zwiespalt der Welt und die 
Nichtigkeit alles blossen Daseins, in denen das religiöse Ge- 
fthl und das Christenthum selbst ihre Quelle haben, so tief 
gefohlt wie nnr je ein Mensch, ja der eigentlich in seinem 
ganzen Tinm und. Lassen deutlich gepredigt, wie übel es 
mit einem solchen genüglichen Eudämonimus und selbst- 
gefälligem Werkdienst stehe und dass derselbe am wenigsten 
im Stande sei, jene furchtbare Kluft auszufüllen oder zu 
überbrücken, ja nur aui die Dauer wirksam zu verhüllen 1 
Obwohl also hier zunächst ein höchstes Ergebniss von 
Beethovens Dasein nicht dasteht rind im besten Falle wenn 
nicht eine mächtige Ruine d. h. ein Denkmal vergangener 
Anschauungen, doch nur Material oder gar blosse Vorberei- 
tung zu einer wirklich höheren Existenz und Leistung vor- 
liegt, so nöthigt uns doch schon diese Bedeutung des Wer- 
kes, die Entstehungsgeschichte desselben und sein mannig- 
faches Zusammentreffen mit persönlichen Lebensereignissen 
des Meisters ebenfalls getreu vorzutragen. Es wird sich 
dabei zeigen, dass wie stets bei einem ernsten und grossen 
Zweck auch hier sogleich wieder alle Dämonen der Tiefe 
sich regen und der Erreichung desselben sich mächtig ent- 
gegenstemmen, dass es also überall wieder der ungewöhn- 
lichen Energie dieses künstlerischen Willens bedurft hat, 
um trotz der „sturmbewegten Zeit", die diese Arbeit um- 
wirbelt, bereits nach anderthalb Jahren (10. Nov. 1819) 
nach London melden zu können: er habe eine neue grosse 
Messe beinahe vollendet! 

Wir kehren also einstweilen zur rein äusseren Lebens- 
geschichte zurück. 



166 

Zunächst steigt aus dem Dunstkreis ihrer so höchst 
unzweideutigen Existenz, deren Werth sich gleichwohl für 
manchen guten Wiener auch dadurch nicht feststellen wollte, 
dass dem Neffen gerade um diese Zeit sogar eine noch 
heute lebende Schwester geboren ward, die Königin der 
Nacht, „zur Intrigue gebohren, ausgelernt in Betrug, 
Meisterin in allen Künsten der Verstellung,' 4 wie Beethoven 
selbst in dieser Zeit in das Conversationsbuch schreibt 
.Und der arme Sohn wird von ihr von neuem aufs schlimmste 
zu üblen Dingen verfuhrt Schon am 21. Sept 1818 stellt sie 
an die „Landrechte u den Antrag, dass Karl ins k. k. Con- 
vict gegeben werde. Beethoven wird auf den SO, vorge- 
laden . und soll vor allem die bisherigen Schulzeugnisse 
vorlegen. Am 9. Dez. bittet sie dann, Beethoven einst- 
weilen die Ausübung der Vormundschaft und jedenfalls 
die Sendung des Neffen ins Ausland zu untersagen, die 
jetzt allerdings fast als einziger Ausweg erscheinen musste. 
Am folgenden Tage schon wiederholt sie jenen ersten An- 
trag, und abermals wird Beethoven vorgeladen und zwar 
auf den 9. Jan. 1819. Ausser dem Misstrauen, das sie 
gegen die Unterrichtung und Bildung des Knaben hier sät. 
sucht sie auch Verdacht gegen die moralische Erziehung 
desselben zu erregen, da ihn Beethoven „nicht einmal zur 
Beichte führe", und macht endlich dessen allerdings jetzt 
stark zunehmende Harthörigkeit geltend, um ihn als zur 
Vormundschaft ganz untauglich erscheinen zu lassen. Allein 
dieser Gerichtshof war offenbar ihren „Racheplänen" wenig 
geneigt, und so kommt sie, mit Hülfe ihres „intriguanten 
Advocaten u auf den für Beethoven so sehr empfindlichen 



f N 



167 

Gedanken, bei dem Gerichte, das allerdings nur für Adel 
nnd Geistlichkeit galt und das, wie in den Conversationen 
steht, „selbst erfahr, dass sein Bruder nicht von Adel sei", 
Beethovens Recht zu diesem Gerichtshofe zu bestreiten! 
Das hilft; und führt zugleich zu den ärgerlichsten Dingen, 
die für mehr als ein Jahr den ohnehin schwer geplagten 
Meister fast ausser sich bringen. 

Schon am 11. Dez. 1818 kommt der Gerichtshof über 
diesen Punct ins klare. Es war nämlich eine Verhand- 
lung wegen Karl, der seit den heimlichen Zusammenkünften 
mit der Mutter Geschmack an solchem loseren Leben ge- 
funden hatte und nun wenn er „das Schlimmste begangen 4 ' 
wie Beethoven aufschreibt, einfach wieder zur Frau Mutter 
lief. Dies war also auch anfangs Dezember geschehen, 
und darüber werden nun alle drei Betheiligten vernommen. 
Beethoven erklärt: „Yan sei ein holländisches Prädicat, 
das eben nicht gerade Adeligen beigelegt werde; er besitze 
weder ein Adelsdiplom noch sonstige Beweismittel über 
seinen Adel", — welche actenmässige Aeusserung zugleich 
feststellt, dass das schon ob. II. 25 erwähnte Wort: „sein 
Adel sei hier und hier!" auf Kopf und Herz zeigend, wenig- 
stens vor den „Landrechten" nicht gesprochen oder wenig- 
stens nicht protocollirt worden ist. Diesem Gericht blieb also 
nichts übrig als die Acten an den bürgerlichen „Magistrat" 
abzugeben, was bereits mit der Eingabe vom 9. Dez. 1818 
geschieht 

Für Beethovens Stellung war diese öffentliche Consta- 
tirung des Nichtadels bei den damaligen Verhältnissen, 
zumal in Oesterreich, in gewissem Sinne geradezu compro- 



168 

mittirend. Denn Schindler hat nicht Unrecht, wenn er 
bemerkt, das Wörtchen „van" habe wenigstens in der oberen 
Klasse einen offenbaren Zauber ausgeübt und ihm dort eine 
Stellung gegeben, zu der weder sein Genie noch seine 
Kunstwerke d. h. sein Ruhm ihn gefuhrt haben würden. 
So ist sein Aerger darüber ebenso gerechtfertigt wie be- 
greiflich. Das Wort gegen Peters: „Abgeschlossen soll 
der Bürger vom höheren Menschen sein, und ich bin 
unter ihn gerathen!" kennen wir schon. Es ergänzt sich 
durch mehrere Notizen in den Conversationsbüchern dieser 
Zeit. „Van bezeichnet den Adel und das Fatriciat nur 
wenn es zwischen zwei Eigennamen in der Mitte steht» 
z. B. Bentinck van Dieperheim etc. Bei Niederländern 
würde man die beste Auskunft über diese unbedeutende 
Bedeutenheit erhalten", heisst es das eine Mal. Das andre 
Mal aber steht da: „Es ist auffallend; soviel ist gewiss, 
dass hier eine Lücke herrscht, die sollte ausgefüllt werden, 
denn ich gehöre nicht gemäss meiner Beschäftigung unter 
diese Plebs", — was im Hinblick auf die Plebs, mit der 
er es jetzt und hier soviel zu thun hatte und mit der der 
neue Gerichtshof sich nur zu sehr zu identifiziren schien, 
ein vollständig begründeter Ausruf ist und gar nichts mit 
seinen sonstigen Humanitätsideen oder gar „demokratischen 
Principien" zu thun hat So begreift man auch die schon 
anderswo mitgetheilten Conversationen über Napoleon, 
der jetzt einen besseren Empfang in Europa zu erwarten 
habe. „Anstatt durch Erfahrung klug sind wir noch toller 
geworden. Das machen die Privilegien. Wie kann man 



169 

den Adel des Herzens erben? 44 schreibt ein Unbekannter 
ihm auf und Beethoven wird nicht widersprochen haben. 68 
Ungleich mehr als dieser doch immer noch halb ein- 
gebildete Nachtheil für seine Person galt ihm natürlich, 
was durch Ueberweisnng an diesen „Magistrat 44 fflr die 
Sache des „Sohnes", für sein „Fleisch und Blut 44 , wie es 
wiederholt in den Conversationen heisst, bevorstand. „Der 
Magistrat hat gleich anfangs parteiisch sich gezeigt nnd 
ist nur auf mich losgegangen; — alles wider sie wurde 
nicht gewürdigt, die Worte von G[annatasio] nur wider 
mich; — meinem Neffen war der Charakter seiner Mutter 
nie ein Geheimniss, hiervon wollte der M. aus übel ver- 
standener Moralität und Persönlichkeit nichts wissen, ohn- 
erachtet mein Neffe in dem gehörigen Grad von Achtung 
gegen sie die Mutter angeleitet wurde," — diese Aeusse- 
rnngen in den Conversationen werden nur zu bald durch 
Entscheidungen des Magistrats bestätigt, die Beethoven 
nicht allein um des Knaben willen sondern auch wegen 
des Verdachtes schmerzen mussten, der dadurch gegen sei- 
nen eigenen Charakter erweckt ward und wegen der „armen 
Mutter" in nur zuviel leeren Herzen Baum fand. Denn 
»das ganze musikalische Wien nahm an diesem Prozess 
den lebhaftesten Antheil", sagt Schindler, und so erklärt 
sich auch die oben erzählte Bücksichtnahme Beethovens auf 
die öffentliche Meinung und das Anstreichen der Stelle im 
Othello: „Allein das Vorurtheil, ein allgemeiner Beherr- 
scher der Welt!" 

Indem wir nun in unserm förmlichen Beferat als dem' 
einzigen Mittel wirklich zu Erkenntniss in dieser „cause 



170 



celfebre" zu gelangen fortfahren, tritt uns zunächst jenes 
„schreckliche Ereigniss in meinen Familienverhältnissen 44 , 
nämlich Karls Davonlaufen entgegen, bei dem eben auch 
• die Adelsfrage zum Austrag kam. Um die Ursache befragt 
sagt der Knabe von seinem „Oncle", er habe ihn öfter doch 
nur verdient bestraft; misshandelt sei er nur einmal und 
zwar erst seit seiner Bückkehr zu ihm worden, indem er 
ihn zu erdrosseln gedroht! Bedenkt man Beethovens 
Jähzorn und rechnet des Knaben Lügenhaftigkeit hinzu, 
die sich uns als nächstes schlimmes Erbtheil seiner Mutter 
bald documentiren wird, so bleibt doch immer nur die 
„Drohung". Man erkennt aber auch hier wieder die oben- 
erwähnten Insinuationen der Mutter bei den Landrechten. 
Den Eindruck des ganzen Vorganges selbst erfuhren wir 
schon oben: er habe „einige Zeit alle Besinnung verloren 44 , 
hiess es am 1. Jan. 1819 gegen den Erzherzog. Ausführlicher 
und mit einer bemerkenswerten Begründung erzählt die 
„Frau Aebtissin" den Vorgang. „Eines Tags kam Beet- 
hoven in grosser Aufregung, suchte ßath und Hülfe bei 
meinem Vater und klagte dass ihm Karl davon gelaufen 
wäre!" sagt sie. „Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich, 
dass er unter unserm grossen und innigen Mitgefühl wei- 
nend ausrief: Er schämt sich meiner!" Weinend! Ein Mann 
von nahezu 50 Jahren weinend! Da gewinnt uns die Stelle, 
womit das Tagebuch schloss, doppelte Bedeutung: „Gelassen 
will ich mich also allen Veränderungen unterwerfen und 
nur auf Deine unwandelbare Güte o Gott! mein ganzes 
Vertrauen setzen. Dein, Unwandelbarer, Deiner soll sieh 
meine Seele freuen. Sey mein Fels, mein Licht, ewig 






171 



meine Zuversicht!" Wir wissen, dass die Stelle aus sei- 
nem Trostbuche Sturm s „Betrachtungen über die Werke 
Gottes" ist und zwar zum 29. Dezember: „Veränderlichkeit 
der irdischen Dinge". Und unmittelbar vorauf geht der 
Vers aus Homer: „Es sind ja dem Menschen nur wenige 
Tage beschieden. Wer nun grausam denkt etc." 

Als der Knabe wieder aufgefunden war, bat Beet- 
hoven den Vater Giannatasio den Delinquenten in Gewahr- 
sam zu nehmen, sodass derselbe also], von neuem einige 
Wochen in seinem alten Institut war. „Wenn Sie mich 
nicht sehen, so schreiben Sie es meinem Schmerz zu, den 
ich jetzt erst recht empfinde über diesen schrecklichen 
Vorfall", schliesst ein Billet an diesen Herrn. Bald aber 
„wurde dem Onkel das Herz schwer, er brachte mehrere 
Klagen vor, es sei in dem Zimmer Karls zu kalt gewesen 
u. 9. w. — und nahm ihn wieder zu sich", sagt das Fräu- 
lein. Das heisst, er gab ihn jetzt auf die Universität! 
Den noch nicht 12jährigen Knaben! Welch übertriebene 
Vorstellung von den Gaben desselben muss er sich gemacht 
haben, da dieselben sich doch vorwiegend eben als blosse 
Fertigkeiten, als Nacbahmungsgeschick bewiesen. Wie 
denn auch bei dessen eigenem Sohne sich diese rein äusser- 
lichen Virtuositäten namentlich als flinkes Sprachentalent 
wieder zeigten! Ebenso welch unrichtiger Begriff von Frei- 
heit bei Erziehung und Bildung und namentlich von der 
moralischen Mündigkeit des Knaben, der dadurch offenbar 
zu einem gewissen Halt und Bespect in sich selbst gebracht 
werden sollte, aber natürlich solche Massregel ganz anders 
nahm. Das war nun Wasser auf der Mutter Mühle. Zwar 



_ 172 

rechtfertigt sich Beethoven, Karls eigene Natur sei Schuld 
daran gewesen, dass man ihn nicht an jeden Ort geben 
konnte, wie selbst die Professoren behauptet haben, dass er 
im Gymnasium nicht gut thun würde: „man gab ihn aa 
die Universität, weil man glaubte dass das Studiren dort 
am besten für sein Naturell". Auch seien schon mehrere 
andere Grafen und Barone von Giannatasio weg, welche 
„alle auf die Universität gingen". 69 

Am 23. Jan. 1819 hatte dann Beethoven dem Magistrat 
einen (uns nicht aufbewahrten) „Erziehungsplan" eingereicht 
und richtet dazu an den Registraturdirector folgende die 
Lage der Sache bezeichnenden Worte: „Es muss mir wenig- 
stens daran liegen in keinem falschen Lichte zu er- 
scheinen, daher meine hier übergebene Schrift so weit- 
läufig. Was die künftige Erziehung anbelangt, so bin ich 
äusserst froh für die jetzige bestmöglichst gesorgt zu 
haben, so dass die zukünftige darin schon einver- 
standen ist. Erfordert aber das Wohl meines Neffen eine 
Veränderung, so bin ich der erste, der sie nicht allein 
in Vorschlag sondern auch in Ausführung bringen wird. 
Kein Vormund aus irgend einem Interesse bin ich nicht, 
aber ich will meinem Namen durch meinen Neffen 
ein neues Denkmal stiften! Ich brauche meinen Neffen 
nicht, aber er braucht mich. — Verklatschen, Verläum- 
dungen sind unter der Würde eines sich erhebenden Man- 
nes, was soll man sagen wenn sich dies sogar bis auf die 
Wäsche erstreckt!!! — Ich könnte sehr empfindlich sein, 
aber der Gerechte muss auch Unrecht leiden kön- 
nen, ohne sich im mindesten vomRechten zu entfernen. 



173^ 

In diesem Sinne werde ich jede Probe bestehen und man 
wird mieh nicht wankend machen. Einer grossen Verant- 
wortung würde man sich aussetzen meinen Neffen gänz- 
lich von mir abziehen zu wollen. Moralische und selbst 
politische missliche Folgen müssten hieraus für meinen 
Neffen hervorwachsen. Ich empfehle Ihnen und lege 
ihnen sein Wohl an das Herz, — mich müssen meine 
Handinngen empfehlen um seinetwillen, nicht um 
meinetwillen." 

Ueber diese „Eingabe 44 aber äussern sich am 14. März 
Matter und Advocat: der Knabe werde physisch nnd mo- 
ralisch verzogen statt erzogen; davon habe sich der Ma- 
gistrat selbst überzeugt, bei dem Beethoven sich obendrein 
auf eine sehr anstössige Weise benommen habe. Man darf 
gewiss -sein, dass er hier, wo man „ihn nicht zu würdigen 
verstand", auch nicht eben seine bequemen Seiten hervor- 
kehrte. Gegen die Vorwürfe wehrt er sich mannhaft, da 
ja dem Knaben „das moralische Verderben bevorstand", 
wenn die Mutter wieder Macht über ihn bekam. „Da sich 
aber die Pfaffen drein gemischt haben als er Karl bei sich 
gehabt 44 , wie derb genug in den Conversationen steht, war 
die Sache besonders schwierig. Ebendort heisst es übri- 
gens: „Wie ich für das Beichten gesinnt bin, kann man 
aus dem abnehmen, dass ich K. selbst zum Abt von St. 
Michael fährte zur Beichte, der aber erklärte, dass solange 
er die Mutter frequentiren müsse, alles Beichten nichts 
helfen würde 4 *. Und über das Zeugniss des Pfarrers von 
Mödling, das die Wittwe am 1. Dez. eingeholt, geschehen 
ebenfalls dort drastische Aeusserungen, War schon im 



174 

Sommer an Frau Streicher geschrieben worden, es gebe 
V ... menschen, unter diese gehöre der Pfaff hier auch, der 
verdiene geprügelt zu werden, so heisst es jetzt: „Sollte 
der Pfarrer von Mödling nicht angehalten werden können 
seine Aussagen zu beweisen oder als Schurke öffentlich 
erklärt zu werden?" Man muss dabei aber auch von Schind- 
lers Mittheilung wissen, dass Beethoven in seinem unbe- 
fangenen Eifer gerade damals jenen Herrn zur besseren Volks- 
erziehung nach einem Aufklärungsbuche wie Sturms „Be- 
trachtungen 4 ' hatte bekehren wollen. Solche Einmischung 
in heiligste Dinge war allerdings eine tödtliche Beleidi- 
gung für Se. Hochwürden. 70 

Allein der Magistrat war nun einmal „gegen Beet- 
hoven und für die Mutter", und so kam es zunächst wenig- 
stens dahin, dass der Meister auf Grund seiner Schwer- 
hörigkeit genöthigt ward einen andern Vormund zuzulassen. 
Hatte doch am 17. Jan, 1819 das Goncert im Universitäts- 
saale, wo Beethoven zum Vortheil der Wittwen und Wai- 
sen der juristischen Facultät nochmals die Adursymphonie 
selbst dirigirte, jenen körperlichen Mangel nur zu öffentlich 
gemacht, indem die Ausfuhrung des Werkes mehr betäu- 
bend als erfreuend wirkte! Sodann musste der Knabe von 
der Universität entfernt werden. Giannatasio aber war „trotz 
unserm Flehen 44 , wie das Fräulein sagt, unerbittlich ge- 
wesen Earl diesmal wieder aufzunehmen. Die Sendung 
ins Ausland, von der Beethoven selbst geäussert: „da hört 
und sieht er nichts mehr von seiner bestialischen Mutter, 
und wo alles fremd um ihn her, findet er weniger Stütze 
und kann nur durch seinen eigenen Werth sich Liebe und 



175 

Achtung erwerben", — diese Seadung war offenbar zunächst 
abgeschlagen, blieb aber Beethovens steter Augenmerk. Am 
26. März hat er es wenigstens soweit gebracht, dass der 
Magistraterath Tuscher, sein guter Bekannter, zum Vor- 
mund ernannt wird, und derselbe soll den Knaben sogleich 
von der Mutter weg in ein Institut bringen. Am 29. April 
gibt der Magistrat den Bescheid, einstweilen sei dies ge- 
schehen mit dem Institut des Herrn Endlich auf der 
Landstrasse, und zwar unter Beethovens Einwilligung. Allein 
»wie es bei Kudl. hergegangen weiss Jeder, wo er ganze 
Tage aus sein konnte", steht in den Gonversationen. So 
gewinnt die Absicht einer Entfernung des Knaben immer 
mehr Platz, selbst mit der Auflage, dass Beethoven die 
Heise selbst mitmachen müsse. Und zwar sollte dieselbe 
nach Landshut zu dem spätem Bischof Sailer geschehen. 
Am l. Mai äussert der Magistratsrath Pius, der Beethoven 
persönlich wohlgesinnt war, sich darüber, Tuscher wünsche 
dies, weil „Professor Sailer 44 Verehrung für den Tonkünstler 
habe, der Neffe äusserst listig sei und in jeder Art der 
Verschmitztheit excellire, daher strenge Obhut erfordere. 
Am 12. Mai steht im Kalender von 1819: „in Mödling 

eingetroffen!!!! miser sum pauper". Es ging ihm 

am meisten ans Herz, dass er sich mehr und mehr über- 
zeugen musste, das Gift der Mutter habe auch bereits den 
Organismus des Knaben ergriffen. „Von Karls Arzt weiss 
ich, jdass es seinem Leibe gut geht; was die Seele anbe- 
langt, so ist dieses nur dem Himmel anheimzustellen 44 , 
hatte er schon einmal gegen Frau Streicher geklagt. Frei- 
lich erzählt Peters, er habe den Probst von Michaelern 



176 

vorgestern gesprochen und ihm die Geschichte erzählt von 
Karl: „Er sagt, dass er nicht verdorben sei und richtige 
Begriffe von Sittlichkeit bei ihm gefanden habe; — Kna- 
ben die bis in ihr 18tes Jahr die bessere Erziehung ge- 
nossen, taugen oft nichts. Ihr Neffe wird aus allen den 

Schw sich glücklich herausarbeiten und alles Gemeine 

von sich abstreifen". Und ein andermal heisst es: „Ihr 
Neffe sieht gut aus, schöne Augen, Anmuth, eine sprechende 
Physiognomie und treffliche Haltung; nur 2 Jahre möchte 
ich ihn erziehen". Allein ebenfalls in den Gonversationen 
steht von Schindlers Hand: „Dass der Hofrat h Peters viel 
zusammenschwatzt ist wahr, aber er meint es doch gut 
hiit Ihnen", und von Beethoven selbst: „Bei dieser Bege- 
benheit sagten die schlechten Kerls selbst, dass man 
merke dass er lüge, indem er immer andere Aussage ge- 
macht, wo eine der andern widersprochen habe. Bei dieser 
Gelegenheit sagten sie: der Neveu lügt". Und an dem 
Erzherzog heisst es gar am 15. Juli 1819: „Die fortdauernden 
Verdriesslichkeiten in Ansehung meines beinahe gänzlich 
moralisch zu Grunde gerichteten Neffen!" 71 

Den Knaben selbst hatte er am 22. Juni in ein an- 
deres Institut gegeben, dessen Inhaber Bl5chlinger v ein 
Schüler Pestalozzis, war. Dort hatte er dann monatlich 
wieder 75 und später sogar 100 FL W. W. zu zahlen! — 
Tuscher legt darauf am 5. Juli die Vormundschaft nieder, 
und Beethoven schreibt, derselbe habe sich vieles zu Schul- 
den kommen lassen. Allein es mochte schwer genug sein 
mit diesem Mündel auszukommen, zumal solange die Mutter 
Einfluss auf ihn hatte. Beethoven musste also jetzt die 



177 

Vormundschaft selbst wieder antreten. Ebenso hatte der 
Magistraterath Pins das Referat abgeben müssen, weil man 
ihn für parteiisch ausgeschrieen hatte. „Und so dauert diese 
Verwirrung immer ohne Ende fort, und keine Hülfe, kein 
Trost! Auch der jetzige Inhaber eines Instituts ist der 
Meinung, dass es schwer wird wBrden für ihn und meinen 
Xeffen einen erwünschten Endzweck zu erreichen", muss 
der Erzherzog hören. Der Magistrat aber bestellte am 
17. Sept 1819, gestützt auf Beethovens Abwesenheit von 
der Stadt, einen Interimsyormund in der Person des Stadt- 
sequesters Nussböck, und selbst als der Meister wieder 
anwesend war, wurden sein Gesuch vom 30. October um 
Wiederübertragung der Vormundschaft und zwei darauf 
folgende „Vorstellungen" am 4. Nov. und 20. Dez. rundweg 
abgeschlagen, und so gar sollte der Knabe aus dem Institut ge- 
nommen und der Mutter zurückgegeben werden! „Welcher 
Schmerz für ihn!" ruft mit Becht Fräulein del Bio aus. 
Er selbst aber ruht nicht, diese feindlichen Mächte zu be- 
kämpfen, seine Pflicht gegen den Knaben war ihm heilig, 
obwohl derselbe seinerseits nun „einmal derselbige blieb". 
,,Uebrigens sollte diese Person als Klägerin wenig gehört 
werden", heisst es weiter in den Conversationen; „denn 
wer eine solche Criminalgeschichte [!] hat, verdient wenig 
Zutrauen. Ausserdem beseelt sie auch Bache, Bosheit, In- 
teresse die Pension zu verlieren. Wenn ich auch hier 
[<L h. in Betreff der Universität] sollte gefehlt haben, 
welches erwiesen werden muss, so verdiene ich Achtung 
und Schonung für meine immer bewiesene Unterstützung; 
selbst als .Tuscher Vormund war, habe ich alles aus mei- 

Nohl, Beethoven« laute Jahre. 12 



178 

nem Beutel bezahlt, mehr Sorge als vorher gehabt, weil 
sie zu ihm immer gegen mich und ihren Sohn gewirkt 
hat — Sonderbar dass man von allen Seiten auf den Wohl- 
thäter losprügelt, dagegen das wirklich Schlechte gegen 
das Gute alles frevelhaft beginnen kann; ich kann nicht 
wie diese Müssiggänger überall hinlaufen. Bei der Periode 
als ich in Mödling und Karl bei Kudlich, lief sie zu 
Tuscher, log ihm immer vor etc." — Stets sei der Fiacre 
vor ihrer Thüre gestanden, damit sie niemals in ihrer Ac- 
tion gehemmt war, sagt so recht bezeichnend auch Frau K. 
van Beethoven von der Wittwe. 72 

Nun hatte aber Beethoven schon, „um gegen die Bänke 
und Schwanke des gegnerischen Advocaten" am Magistrat 
eine bessere Waffe zu haben, seinen bisherigen Anwalt Dr. 
von Adlersburg, „eine derbe Natur die manchmal sogar die 
Rücksicht gegen Beethoven selbst bei dieser Oeffentlichkeit 
vergass", entlassen und dafür den schon erwähnten jungen 
Hofgerichtsadvocaten Dr. Bach gewählt, der ihm als Mu- 
sikfreund näher stand und durch seine Eenntniss und Bil- 
dung beim Publicum geachtet und gefürchtet war. Der 
„freundliche Doctor" hatte denn auch in einer Commiasion, 
wo die „Königin der Nacht" vorgerufen wordfcn, die Er- 
klärung erhalten, dass sie sich die Anordnungen gerne 
wolle gefallen lassen ; sie gebe übrigens sehr klein zu und 
werde sich alles gefallen lassen. „Sollte der Magistrat nicht 
übereinstimmen, so wird der Doctor mit der grössten Ri- 
gorosität bei der Appellation verfahren und den Magistrat 
ganz zu Schanden machen", steht im Conversationsbuch 
von 1819/20 und darunter in Beethovens Hünenzügen 



179 

doppelt markirt: „Vom Himmel h#ch, da komm ich 
her! 44 Allein obwohl Dr. Bach ihn den „Bürgern" gegen- 
über mit dem mehr imponirenden Titel „Kapellmeister*' 
ausgestattet hatte, blieb der Magistrat doch bei seinem 
Sprach. So ward denn sofort Becnrs an das Appellations- 
gericht ergriffen und am 7. Januar 1820 ein Schriftstück 
eingereicht, dessen Hauptinhalt natürlich wieder Beet- 
hovens eigener Feder entstammt. 

Der Neffe trete in die Jahre, in denen er einer hö- 
heren Bildung zugeführt werden müsse, heisst es hier. 
Weder die Mutter noch der Herr Stadtsequester und „ge- 
wesene Papierfabrikant" seien geeignet den Knaben auf 
diese wissenschaftliche Bahn zu leiten, erstere nicht weil 
sie ein Weib und was actenmässig vorliege von Seite ihrer 
Conduite ohne mehr zu sagen keine empfehlende Zeugnisse 
aufzuweisen habe, — wahrlich eine bescheidene Andeutung 
des wirklichen Sachverhaltes. Darauf heisst es: „Stens lieget 
mir nur allein das Wohl dieses meines Neffen innigst am 
Herzen. Ich selbst bin kinderlos, habe keinen näheren 
Verwandten- als diesen Knaben, der voll Talente ist und 
die besten Hoffnungen gibt, wenn er gehörig geleitet wird. 44 
Nun habe er gar die weiteren Massregeln vernehmen müs- 
sen: „welches Unglück für diesen Knaben, der ein Opfer 
der Unwirthschaft seiner Mutter werden müsste, die den 
Antheil ihrer Pension, den sie für die Erziehung des Kna- 
ben verwenden sollte, für sich verbrauchen möchte?" Er, 
habe sich zur Tragung sämmtlicher Erziehungskosten und 
selbst zu Haltung mehrerer Meister bereit erklärt und 
wegen seiner Schwerhörigkeit Hofrath Peters als Mitvor- 

12» 



mund vorgeschlagen, der semer Kenntnisse ebenso als sei- 
ner Moralität wegen die allgemeine Achtung besitze und 
also für eine seinen Fähigkeiten entsprechende Erziehung 
und Bildung des Knaben Beruhigung gewähre. Sein Wille 
und sein Streben gehe nur dahin, dass derselbe die best- 
mögliche Erziehung erhalte, dass die Erwartung in Erfül- 
lung gehen möge, die sein seeL Vater auf seine Bruder- 
liebe gebaut „Noch ist der Stamm biegsam, aber wird 
noch eine Zeit versäumt, so entwächst er in krummer 
Richtung der Hand des bildenden Gärtners und die gerade 
Haltung und Wissenschaft und Charakter sind für ewig 
verloren" lautet es echt Beethovensch zum Schluss, „ich 
kenne keine heiligere Pflicht als die Obsorge bei der Er- 
ziehung und Bildung eines Kindes." Ja „nur das Beste 
des Knaben im Auge" sei er nicht entgegen der Mutter 
fernerhin eine Art Mitvormundschaft zukommen zn lassen. 
indem sie den Knaben besuchen und von allen Erziehungs- 
vorkehmngen Wissenschaft nehmen möge, aber ihr ferner- 
hin allein die Vormundschaft zu überlassen Messe das 
Verderben des Kindes unausbleiblich herbeiführen.™ 

Diese Appellation schien der letzte Rettungsanker, 
und man kann sich denken wie es in Beethovens Gemüthe 
ob der Erwartung einer solchen endgültigen Entscheidung 
gohr. „Man wird mir vorwerfen dieses und jenes gethan 
zu haben, allein beim strengen Untersuchen kann ich be- 

stehen — ich übergehe das ich lasse mich mehr 

auf das allgemeine ein — ich übergehe die Misshandlungen, 
denen ich von allen Seiten ausgesetzt war, und man wird 
erkennen, wie fest und unerschütterlich ich war. Socrates 



181 

und Jesus waren mir Muster!" so steht um diese 
Zeit der bevorstehenden Tagsatzung in den Conversationen. 
Ebenso ruft er sich damals dort zu: „Das moralische 
Gesetz in uns und der gestirnte Himmel über uns! 44 
Xämlieh „diese zwei Dinge sind es, die den Menschen 
über sich selbst erheben und zur ewigen immer steigenden 
Bewunderung fuhren 44 . So lautet der Schluss eines Auf- 
satzes von dem Astronomen Littrow in der Wiener Zeitschrift 
vom 1. Febr. 1820, und Beethoven schreibt hinter dieses 
Citat: „Kant!!! 44 In die gleiche Zeit vor der Entschei- 
dung fallt aber auch jenes unzufriedene Gespräch mit 
Peters (ob. II. 25): „Sollte es geschehen, so will ich 
lieber in einem solchen Lande nicht bleiben. Es wird 
weder Vormünder geben noch Oheime meines Gleichen! 44 
Die Sache greift ihm ans Leben. „Ich kann eben nicht viel 
mehr in der Welt als einige Noten so ziemlich nieder- 
schreiben 44 , heisst es zu Dr. Bach. Auch das „Abendlied 
unter dem gestirnten Himmel 44 am 4. März geschrie- 
ben und am 28. in der Wiener Zeitschrift Herrn Dr. Braun - 
hofer gewidmet, der wohl den damals erkrankten Karl be- 
handelt hatte und uns noch als Beethovens Arzt begegnen 
wird, zeigt bei seiner übrigens den damals üblichen senti- 
mentalen Ton behauptenden Weise eine beziehungsvolle 
Erhebung des Gefühls bei den Schlussworten: 

„Eradte bald an Gottes Thron 

Meiner Leiden schönen Lohn." * 

Und solch schöner Lohn ward ihm denn in gewisser 
Weise schon hier und jetzt. Am 8. April 1820 schloss das 
Appellationsgericht, obwohl der Bericht des Magistrats 




182 

gelautet: Beethoven hasse die Wittwe etc., und nachdem 
dieser nochmals bestimmt zu Protocoll gegeben, er beharre 
auf der Vormundschaft, wirklich die Mutter von jeder Er- 
ziehung wie von jeder directen Einwirkung auf den Knaben 
aus und erkannte Beethoven nebst Peters die volle vor- 
mundschaftliche Gewalt wieder zu. Und als die „böse Frau" 
noch nicht ruhte, sondern nun ihrerseits recurrirte, erfolgte 
am 8. Juli 1820 das endgültig entscheidende „Hofdecret" 
der Abweisung der Wittwe, das Beethoven Ende Juli oder 
anfangs August erhielt. 

„Der Eindruck solchen Ausgangs des Prozesses auf 
sein Gemüth war in jedem Betrachte ein überwältigender, 
veil seiner Seits immer bezweifelt", erzählt Schindler, 
schon als Concipient Bachs „den Vorgängen jener Tage so 
nahe stehend und an Freud und Leid des theuren Freun- 
des und Lehrers Theil nehmend". Vor lauter Freude und 
Glückseligkeit ob des errungenen Sieges über Bosheit und 
Bänke — auch Blöchlinger schreibt etwas von dem „dum- 
men und bestechlichen" Magistrat auf, — aber auch ob 
vermeintlicher Errettung des Knaben aus leiblichen und 
geistigen Gefahren sei diesen ganzen Sommer 1820 hin- 
durch wenig oder fast gar nichts gearbeitet worden: „alle 
seit 4 Jahren geschlagenen Wunden schienen vergeben und 
vergesse!!". 74 

Allein es war bei dem Charakter der Wittwe dem 
Frieden doch nicht so ganz zu trauen, und Polizeihofeteile. 
Obervormundschaft sowie auch der Vormund stimmten 
gänzlich überein, dass für das moralische Wohl des un- 
glücklichen Kindes nichts zweckmässiger sein könne als 



p*"^" 



183 

weitmöglichste Entfernung von seiner Mutter. Dazu sei 
schon bei dem würdigen berühmten Professor Sauer in 
Landshnt, wo auch er selbst einige Verwandte habe, alles 
vorbereitet, schreibt Beethoven an den Erzherzog Rudolph; 
Hör wolle die Mutter jetzt beim Stellvertreter des Kaisers, 
Erzherzog Ludwig, dagegen wirken und es werde ihr auf 
Verleumdungen aller Art gegen ihn nicht ankommen. 
Allein er hoffe, sie werden alle leicht durch seinen öffent- 
lich anerkannten moralischen Charakter widerlegt sein, 
und er dürfe wohl selbst hierin um das Zeugniss S. K. 
H. ansuchen. Dabei hören wir noch über die Mutter: 
was sie alles angestiftet um ihr armes Kind zu verderben, 
tonne nur ihrer Verdorbenheit zugemessen werden; dies 
sei die Natur und Unnatur dieser Angelegenheit. „Eine 
religiöse Ansicht in Hinsicht des 4. Gebothes ist hauptsäch- 
lich mit, was auch die Richter bestimmt, den Sohn soweit 
als möglich zu entfernen. — An Schonung, Grossmuth 
diese unnatürliche Mutter zu bessern hat es nicht gefehlt, 
jedoch vergebens," schliesst das Ansuchen. 

Und nur zu sehr bestätigen diese Ansicht wieder die 

t Conversationen dieses Frühjahrs, wo namentlich Blöch- 

linger gar schlimme Dinge über dieses traurige Annex in 

Beethovens Leben sagt: „Sie ist eine C ohne weiteres, 

ich bin davon hinlänglich überzeugt und leider scheint 
der Bub auch so 3&u werden. Der Bub lügt so oft er den 
Mund aufthut. Seine Faulheit die man natürlich rügen 
muss verleitet ihn zu allem." Ihr jetziger Zustand und 
dass sie im Zuchthaus gewesen, wie er dem Knaben ge- 
sagt, müssten demselben doch den Beweis geben, dass 



184 

seine Mutter unmoralisch sei „Der Bub wird und muss 
ganz charakterlos werden, wenn man ihn nicht noch dahin 
bringt, dass er etwas rechtes lernt 44 , endet der wenig tröst- 
liche Discurs, und daran schliesst sich unmittelbar durch 
10 Blätter eine eigenhändige Ermahnung Beethovens an 
den Knaben, der doch nach Socratischer Manier von ihm 
angeleitet worden sei! Wir hörten schon oben (IL 575) 
von jenem unwillkürlichen Ausbruch der Empfindung bei 
einer Stelle in seiner eigenen Musik : „Jetzt kommt der 
ungerathene Sohn!" Jetzt wissen wir was dies zu bedeu- 
ten hatte. Und wenn auch zunächst einige Zeit Buhe ein- 
trat und Herr Blöchlinger den verehrten Meister wenig- 
stens der .moralischen Sorgen so ziemlich zu entbinden 
wusste, so bleibt doch in der blossen Existenz dieses un- 
glücklichen „Sohnes" ein unheilschwangeres Element vor- 
handen, das auch uns sogar nach glücklicher Beendigung 
des Prozesses nicht zum vollen Aufathmen kommen lässb. 

Und unter solchen Trivialitäten und Aergernissen ent- 
rangen sich dem Schöpfer der Missa solennis die hehren 
Laute „zur Ehre des Allmächtigen, des Ewigen Allmäch- 
tigen" und der jubelnde Preis eines „ewigen Lebens" schon 
in diesem vergänglichen Dasein? — Wir werden sehen. 
Jedenfalls aber war von diesen seltsamen „Preludien" man- 
ches auch in sein tiefstes Herz gedrungen und hatte da 
neue Bildungen erzeugt, die wieder seinem Schaffen zu 
gute kamen. Diese Gewissheit sei also auch uns hier der 
versöhnende Schluss in dem dissonirenden Wirrwarr dieser 
Jahre. 75 



Sechstes Kapitel. 

Die Kissa solennis. 

(1819—20.) 

„Philosophie des Lebens, das besitzen Sie nnd das ist 
genug; — wenn Sie verzagen, wer sollte dann Muth 
haben? alle Welt würde sich bemühen Ihr Leben Ihnen 
angenehm zu machen; — Sie sind in Bremen vergöttert ;" 
— ,4m €onversationslexikon steht geschrieben, dass Sie 
ein Seitenkind des grossen Friedrich seien; solche Irrthümer 
müssen dennoch berichtigt werden, Sie brauchen nichts 
von Friedrich zn borgen; — Blumenkränze und Orpheus' 
Leyer werden einstens an Ihrem Grabe hängen — Sie aber 

in dem Buche [der Unsterblichkeit;" und endlich: 

„Der Mann an der Thür spricht soviel Schönes von Ihnen, 
er erkennt ganz Ihren Werth als Künstler und als Mensch, 
er macht seinen Nachbarn begreiflich, dass Sie der grösste 
Mann in Europa sind, er hat Recht 44 

Solchen Aeusserungen von dem „viel zusammen 
schwatzenden 44 Hofrath Peters und Andern in den Conver- 
sationen von 1819/20 entsprechen auch die stets wachsenden 



J86 

Anzeichen des Ruhmes von aussen. Aus Neugierde begehre 
man die neu erschienene Sonate Op. 106 auch in Mayland, 
obwohl dort kein Mensch lebe, der so etwas spielen könne, 
heisst es. Doch war dorthin bereits damals seine verehrte 
„Dorothea-Cäcilia" übergesiedelt. „Diese Engländer spre- 
chen von nichts als dass Sie nur nach England kommen u , 
solche Conversation stimmt zu Beethovens Erzählung bei 
Giannatasios , dass Engländer bei ihm gewesen, wobei er 
lachend sagte: „sie haben mir meine Feder weggenommen." 
Am 15. März 1819 zeigt sich die Laibacher Philharmonische 
Gesellschaft „allgemein von dem Wunsche durchdrungen, 
die Zahl ihrer Ehrenmitglieder durch ihn geziert zu wissen", 
welche „Anerkennung seiner geringen Verdienste in der 
Tonkunst 4 ' er am 4. Mai mit geziemender Schätzung und 
Dienstbereitwilligkeit aufnimmt Am 1. October 1819 aber 
wird er in Wien, wo er also „Bürger 44 schon seit 1815 war, 
auch zum Ehrenmitglied des kaufmännischen Vereins 
ernannt, eine kleine Genugthuung für die Geringschätzung 
und Plage, die ihm andere „Bürger" hier bereitet hatten. 76 
Ferner ward er, wie wir sehen werden, in dieser Zeit 
nicht weniger als 3 oder 4mal abconterfeit, zuerst im 
Herbst 1819 von Schimon, dann im Winter darauf wie 
es scheint zu gleicher Zeit von dem spätem Münchener 
Schönheitenmaler Stieler und dem Wiener Miniaturmaler 
Daffinger, letzteres für „Steiners Prachtabschrift" aller 
Werke Beethovens (s. o. S. 124) bestimmt Und in den 
Gonversationen vom Juli 1820 ist von einem Portrait 
„zwischen Haydn und Mozart" Rede, das nicht näher zu 
bestimmen ist. 



_ 187 

Das alles war etwas für Einen, der „Lob und Ruhm 

und Unsterblichkeit" so hoch zu stellen schien. Allein 

„das thenerste Geschenk des Himmels" sind ihm doch „seine 

Kunst und die Musen"; „ich finde nur darin das Glück 

meines Lebens", schreibt er ebenfalls einmal später. Und 

wie steht es nun damit, namentlich in dieser schlimmen 

Zeit von 1819—20? Wir fürchten bei der mächtigen Ar- 

beit, die diese nächsten Jahre erfüllt, trotz allem auf un- 

sern Meister das Wort Fausts % anwenden zu müssen: 

Erquickung hast du nicht gewonnen, 
Wenn sie dir nicht ans eigner Seele quillt! 

und wollen uns sogleich hier vorbereitend darüber aussprechen. 
Es war allerdings freiester Entschluss gewesen, was 
ihn zu dieser Messencomposition führte, und obendrein ein 
auf eigenstem Bedürfen beruhender. Ebenso wer Beethovens 
Charakter kennt und seine Töne in die Tiefe der Seele auf- 
genommen hat, möchte zweifeln, dass hier aufs kräftigste 
sich regte, was je ein Herz von der Unvollendung der Welt 
empfanden und eine andere bessere Welt vorausnehmend 
in tiefer Bescheidung seiner selbst an Liebe und Freude 
im Dasein gefunden und gespendet hat? Allein gebannt 
in diese bestimmte Erscheinungsform war diese unerschöpf- 
liche und einzig wahre Welt unseres Seins für Beethoven 
nicht mehr „seine Weise", nicht in Substanz und Sinn, 
soweit er denselben wirklich erfasste, und noch weniger in 
der gegebenen Art der Darstellung. Der „ewig regen, der 
heilsam schaffenden Gewalt" die ja auch in seinem Busen 
wogte, die ihn dem Unendlichen stets so lebendig nahe 
brachte und seinem eigenen Schaffen etwas von der Macht 



188 

des Ewigen lieh, setzte sich hier die kalte Form, die Lehre, 
das „Dogma" entgegen, das seinem freien Schauen und Glau- 
ben unwillkürlich Gewalt anznthün schien. Es ist daher 
bezeichnend, dass er wie dies vom Musikdirector Scholz 
aus Warmbrunn bei der Messe in C geschehen, auch für 
dieses neue Werk anstatt der Uebersetzung des wirklichen 
Textes eine mehr allgemein hymnische Unterlage wünschte, n 
Nicht mehr vermochte er, ein einfach treuer Sohn des 
Christenthums und der Kirche wie einst Palestrina wie 
noch der grosse Seb. Bach es gethan, das allgemein Ge- 
glaubte auch selbst einfach gläubig hinzunehmen und nach 
seinem Können und Vermögen einfach deutlich für das 
Bedürfhiss des praktischen Gottesdienstes auszusprechen. 
Dazu war er gar zu sehr das Kind seiner aufklärerischen 
Zeit. Wie denn auch Luthers „Tischreden" und Sturms 
„Betrachtungen" ihn mehr beschäftigten und erfüllten als 
der mächtige Bau dieses mittelalterlichen Glaubens! In 
der subjectiven Auslegung des objectiv Gegebenen aber 
musste er, obwohl ein Sohn der katholischen Kirche und 
voll tiefster Empfindung für die Befriedigung unserer letz- 
ten Bedürfhisse durch die Spenden der Eeligion überhaupt, 
je länger je mehr den Boden unter den Füssen verlieren 
und ein Gefahl bekommen, als schwebe er in der Luft 
Denn sosehr sein Inneres stets mit mächtigem Sehnen dem 
Allwaltenden zugewandt und namentlich jetzt aufrichtig 
religiös gestimmt war, sosehr war für ihn der Messentext 
als solcher ein „überwundener Standpunct". Und wieder 
war er der N Kirche und fast der Beligion selbst gegenüber 
zu sehr blos Laie oder vielmehr Dilettant, um die Quelle 



__189_ 

zu finden, aus der auch dieser Mfessentext seinen eigent- 
lichen Gehalt und die Erhabenheit der Erscheinung ge- 
wonnen hat Konnte er also nicht so, wie mit dem wirk- 
lichen Sinn der Sache jene alten Meister und selbst mit 
ihrer vergänglichen jüngsten kirchlichen Erscheinung Haydn 
und Mozart verfahren waren, einfach unbefangen dem hei- 
ligen Gegenstande gegenüber stehen und ihn innig ruhig 
aussprechen, so war doch die Vision der hier waltenden 
Welt, die seiner tiefen Seele und hehren Geistesart je län- 
ger je mehr nicht fern bleiben konnte, nicht sicher und 
klar genug, um hier das Zufällige und Fremdartige zu 
überwinden und mit eigenen Worten Eigenes von dieser 
zweiten Welt der Menschheit zu sagen. Wohl erblickt er in 
hellsehenden Momenten den hier waltenden Urgrund der 
Menschheit, aber er ist nicht im Stande das Gesicht zu 
bannen und ein Gebilde herzustellen, das nun uns selbst in 
diesen Zauberkreis einer anderen, höheren Existenz zwingt 
Daher bald ein Tasten und Versuchen, oft neben unver- 
änderter Annahme des Hergebrachten selbst bis in das 
Arrangement der einzelnen Stücke und der dabei üblichen 
Schreibart hinein, bald ein merkliches Hinüberschiessen 
übers Ziel, — in keinem Falle aber ein Werk des einfachen 
ruhigen Schauens! Der Gegenstand hat ihn, je mehr er 
sich hinein vertieft, auch mehr und mehr innerlich erfasst, 
aber weil er ihn nicht völlig nach seiner Natur und 
seinem Bestände zu ergreifen vermag, ungleich mehr ästhe- 
tisch und sozusagen dramatisch als sachlich interessirt und 
beschäftigt. Es ist daher begreiflich, dass das Werk sich 
auch ungleich mehr den Antheil der künstlerischen Fach- 



190 

« 

genossen als der Kirche und überhaupt der. religiösen Em- 
pfindung gewonnen hat. Ist es doch gewissermaßen eine 
andere Symphonie Beethovens, mit den erhabensten 
Bildervorwürfen die nur je die Sätze einer Symphonie ge- 
habt, und dazu mit der Beihülfe des schönsten Instruments, 
das existirt, d$s Chors von Menschenstimmen, sozusagen 
eine mächtige Chorphantasie über den Messentext! 
Dabei aber, um auch diese Folge der Sache sogleich 
hier zu berühren, hemmt ihn nun in dem freien Ausdruck 
seiner Empfindung und Anschauung doch stets wieder ganz 
ebenso wie in der Oper eben dieser Text selbst, das Wort, das 
unberührt stehen und deutlich ausgesprochen bleiben muss. 
So wird das Ganze trotz aller innig persönlichen Antheil- 
nahme und allem ernst-frohen Aufwand des besten Könnens 
im eigentlichsten Sinne eine Arbeit, und man spürt wie 
einst bei „Fidelio" die Mühe des Erschaffens, sieht die Nähte 
des Gemachten. Wie denn auch die unfreie Aufnahme der 
hergebrachten Anschauung hier das Vorwiegen jener beson- 
deren Schreibart, des sog. polyphonen oder strengen Styls 
mit sich brachte, der allerdings der theils elementar-grund- 
legenden theils allumfassend alllebendigen Seite des Gegen- 
standes entspricht, allein die volle und tiefe Empfindung, 
die mit unserer innerlich erschlosseneren Zeit auch Beet- 
hoven theilt und die ihm sonst überall die schönsten Wei- 
sen des persönlichen Ausdrucks lieh, gerade bei diesem 
erhabensten Stoff am meisten hemmt! Die „bessere Kunst- 
Vereinigung", die der Meister wohl hier am energischesten 
suchte, führt ihn dabei nicht viel weiter. Allerdings er 
will der Sache ihr hergebracht unpersönliches Wesen neh- 



191 

men und auch in dieser Welt des ewig Unendlichen das 
freie Antlitz menschlicher Persönlichkeit zeigen. Allein 
gerade an den schönsten Stellen finden wir ihn in diesem 
Bestreben am merklichsten und wohl für ihn selbst schmerz- 
lichsten gehemmt Tief ergreifende Einzelnheiten hat das 
Werk, ja ungeheure, nie zuvor gesehene Momente, wie das 
„Quoniam tu solus sanctus", „Patrem omnipotentem", die 
uns mit der ganzen Gewalt der künstlerischen Intuition 
erfassen und erschüttert in nnser Inneres werfen. Und das 
Schuster- und Schneidergesicht der landläufigen Messen- 
composition mit all ihrer selbstgefälligen Tonspielörei er- 
scheint durch das Thnn dieses Genius, der auch hier immer 
das hohe ernste Ganze im Auge hat, wie für ewig aus der Kunst 
hinweggetilgt Denn natürlich wenn ein solcher Geist vier 
volle Jahre sich plagt und selbst am Ende, wenn auch 
sicher nur schmerzlich nothgedrungen, „bravo sagt", wie 
sollten da die Spuren seine* Kraft und namentlich seines 
Schauens in die Bäthsel des Ewigen fehlen? Und diese 
Momente mögen ihm selbst Buhe und Erquickung in der 
langen Zeit der Arbeit gewesen sein. Arbeit aber, wenn 
auch zugleich fruchtbarste Vorarbeit zu einem Wahren 
und Ganzen in der Kunst, dessen Keime schon lebendig 
genug vorlagen, zur Neunten Symphonie, — Arbeit war es 
und blieb es was hier geschah, nicht freie künstlerische That. 
Darum auch währte es so lang, so lang, und wir haben 
uns jetzt, wo zunächst wieder das Biographische eintritt, 
ebenfalls durch eine ziemlich breit sich hinziehende Ein- 
zeldarstellung durchzuwinden, um dann zum Bechluss die 
wirkliche Beendigung des „oeuvre le plus accompli" vor- 



192 

wegnehmend uns völlig nach dessen Art und Bedeutung in 
der Kunst zu fragen. 78 

„Als B. 181 Ö an die Compositum seiner 2. Messe 
ging, liess er sich den Text ins deutsche übersetzen und 
auch das Silbenmass des Lateinischen bestimmen, wie hier 
das Credo von qeiner Hand vorliegt", steht von Schindlers 
Hand auf dem betreffenden Schriftstück in seinem Beet- 
hovennachlass, und wir wissen, dass dem Meister schon 
die Aussprache des „eleison" nicht sicher war (v. o. IL 565). 
Jedenfalls aber ward, wenn auch nach den obigen ersten 
Skizzen sogleich mit dem Kyrie begonnen zu sein scheint 
der Gewohnheit und der Natur künstlerischen Schaffens ge- 
mäss, je nach Regung und Stimmung das eine oder andere 
Stück dieser gewaltigen Bilder unseres höheren Seins vorge- 
nommen, und erst bei der eigentlichen Ausführung, wo des 
Gleichgewichts der einzelnen Theile wegen und um künst- 
lerische Abstimmung in das Ganze zu bringen, von vorn 
angefangen werden musste, sind die Worte geschrieben, die 
in der Original-Partitur über dem Introitus stehen: „Vom 
Herzen — Möge es wieder zu Herzen gehen!" Es war 
dies ebenso ein Bekenntniss des eigenen Antheils an dem 
hohen Werke wie ein Aufruf an sich selbst, bei dessen 
Ausgestaltung treu auszuharren und alle Hinderniss und 
Schwierigkeit der Ausführung, deren er sich beim wirklichen 
Entwurf des Ganzen doppelt hatte bewusst werden müssen, 
kräftig zu überwinden. Wie denn solchem Wort des Be- 
ginnes auch die Aeusserung über das endlich abgeschlossene 
Werk selbst entspricht: „Meine Hauptabsicht war sowohl bei 
den Singenden als Zuhörenden religiöse Gefühle zu erwecken 



_J93 

und dauernd zu machen" und dass der Verfasser „dieses 
sein neuestes Werk für das gelungenste seiner Geistespro- 
ducte halte", heisst es in Briefen über Verkauf und Ge- 
brauch desselben. 79 

«Gott wird mich erleuchten, dass meine schwachen 
Kräfte zur Verherrlichung dieses Tages beitragen", dieses 
Wort gegen den Erzherzog lässt ihn uns also im Beginn 
des neuen Jahres 1819 der Winterbeschäftigung gemäss 
bei der eigentlichen Ausarbeitung vermuthen. Die verzwei- 
felte äussere Lage in dieser Jahreswende kennen wir. Zur 
Prozessbedrängniss kam bald auch wieder materielle. („Erst 
jetzt kann ich Ihr Letztes vom 18. Dezbr. beantworten", 
heisst es am 80. März gegen Ries. „Ihre Theilnahme thut 
mir wohl. Für jetzt ist es unmöglich nach London zu 
kommen, verstrickt in so mancherlei Umstände; aber Gott 
wird mir beistehen, künftigen Winter sicher nach London 
zu kommen, wo ich auch die neuen Sinfonien mitbringe. 
Ich erwarte ehestens den Text zu einein neuen Oratorium, 
welches ich hier für den Musikverein schreibe, welches 
uns wohl auch in London dienen wird." Also nicht blos 
die Messe, auch noch solch mächtige Schöpfungen wie 
Symphonie und Oratorium hoffte er über den Sommer zu 
vollenden. Es muss also der Hauptentwurf der Messe selbst 
schon geschehen sein. 

„Gleich bei Beginn dieser neuen Arbeit schien sein 
ganzes Wesen eine andere Gestalt angenommen zu haben, 
welches besonders seine älteren Freunde wahrnahmen", 
erzahlt nun Schindler und rühmt zugleich die „feste Gesund- 
heit" in den Jahren dieser Arbeit. Sie wurde offenbar 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 13 



194 

f 

jetzt vor allem „durch die Thätigkeit auch wieder befördert", 
öleichwol oder vielmehr ebendamit er an der Arbeit blei- 
ben kann, soll Ries für ihn thun was er kann: „denn ich 
bedarf es". Doch schliesst der Brief: „Alles Schöne an 
Ihre schöne Frau!!! Von mir!!!!!" — Die Aussicht auf 
neue Thaten gibt neue Lebensfreude. Das Geld aber soll 
durch Verkauf von Op. 106 und Op. 104 gewonnen wer- 
den, die Ries damals auch zum „Verschachern" in London 
zugesandt werden, und zwar mit jenen obenerwähnten 
„zwei Noten", die seinem Schüler bei dem Gerücht, wel- 
ches mehrmals verbreitet war, anfangs die Idee aufdrangen: 
„Sollte es wirklich bei meinem lieben alten Lehrer spuken?* 4 
Diese „Kleinigkeit" also war bei all den „Confusionen*% 
von denen er damals schreibt, dass sich Eies viel mehr über 
das was er hierbei noch leiste wundern würde, nicht ver- 
gessen worden. Neben all dem trivialen äusseren Treiben 
geht fest völlig unberührt oder doch unbeirrt ein tiefes 
inneres Leben nebenher und rüstig vorwärts. Dagegen 
gibt er, wenn nur ein ordentliches Honorar dabei heraus- 
komme, die „Anordnung der Stücke" der Sonate, die ja 
doch in Deutschland nach ihrem eigentlichen Wurf und 
Plane erschien, ruhig der künstlerischen Bildungsstufe der 
Engländer preis und könnte, wenn sie nicht recht sein 
sollte, „auch eine andere schicken". Nicht einmal einen 
eigenen Copisten könne er sich halten. „Die Umstände 
haben das alles so herbeigeführt und Gott bessre's bis der 
[Erzherzog] in einen bessern Zustand kommt. Dies dauert 
noch ein volles Jahr", sagt er. „Es ist gar schrecklich 
wie diese Sache zugegangen und was aus meinem Gehalte 



W~?r 



195 

geworden ist, und noch kein Mensch kann sagen was wer- 
den wird bis das besprochene Jahr herum ist 14 Dabei also 
fällt die Aensserung: „Die Sonate ist in drangvollen Um- 
ständen geschrieben; denn es ist hart um des Brotes willen 
schreiben, soweit habe ich es nun gebracht! Wegen nach 
London kommen werden wir uns noch schreiben. J5s wäre 
gewiss die einzige Bettung für mich aus dieser elenden 
drangvollen Lage zu kommen, wobei ich nie gesund, und 
nie das wirken kann was in bessern Umständen möglich 
wäre!" Das war am 19. April. Am 25. Mai aber heisst 
es: „Ich war derweilen mit solchen Sorgen behaftet wie 
noch mein lieben nicht und zwar durch übertriebene Wohl- 
thaten gegen andere Menschen", — ohne Zweifel gegen 
Karls Mutter, um die „böse Frau" wenigstens nach dieser 
Seite hin zu befriedigen. Darum drängt er Ries auch um 
„das Honorar avec ou sans honneur". 80 

Um so erwünschter musste jetzt die Erneuerung des 
Antrags der Musikfreunde kommen. Vermuthlich hatte 
die Aufführung von Händeis Timotheus im Dezember 1818 
die Sache neu angeregt. Man hoffte „für das nächste Jahr 
ein Werk aus. der Feder unseres genialen Beethovens mit 
Text von Bernard", schreibt die Wiener Zeitschrift, deren 
Bedacteur KL Bernard damals selbst war, bereits am 1 . Dez. 
1818. Und zwar sollte es jetzt ebenfalls „heroischer Gat- 
tung" sein, und der S. 149 erwähnte Vincenz Hauschka 
erhält Auftrag, dem Meister „für den ausschliesslichen Be- 
sitz und Gebrauch desselben auf 1 Jahr* 4 200 Duc. zu bieten. 
Darauf also schreibt Beethoven am 15. Juni 1819 von 
Mödling aus den humoristischen Brief an das „beste erste 

13* 



196 

Vereins-Mitglied der Musik-Feinde des österreichischen Kai- 
serstaats" mit allerhand contrapunctistischen Schnörkeleien 
auf die Worte: „Ich bin bereit", sagt, er habe kein anderes 
als geistliches Sujet (von Seyfried) ; ein heroisches sei ihm 
auch recht, nur glaube er auch „was geistliches" hinein zu 
mischen würde sehr für eine solche Masse am Platz sein. 
Folgt „Amen", wieder mit Noten! „Hr. v. Bernard wäre 
mir ganz recht, nur bezahlt ihn aber auch, von mir rede 
ich nicht," sagt er; „da ihr euch schon Musik-Freunde 
nennt, so ists naturlich, dass ihr manches auf diese Rech- 
nung gehen lassen wollt — !!!" Dabei wünscht er diesem 
„Hauskerl" allerhand unmittheilbare schöne Dinge. „Was 
mich angeht, so wandle ich hier mit einem Stück Noten- 
papier in Bergen, Klüften und Thälern umher und schmiere 
manches um des Brots und Geldes willen, denn auf diese 
Höhe habe ichs in diesem allgewaltigen ehemaligen Fai- 
jakenlande gebracht, dass um einige Zeit für ein grösseres 
Werk zu gewinnen, ich immer vorher so viel schmieren 
um des Geldes willen muss, dass ich es aushalte bei einem 
grossen Werke. Uebrigens ist meine Gesundheit sehr ge- 
bessert und wenn es Eile hat, so kann ich euch schon 
dienen. Ich bin bereit." 

Das „Geschmier um des Geldes willen" waren wohl 
die Variirten Themen Op. 105 und 107 für Thomson, 
das erste am 6. Sept 1819 auch von Artaria angezeigt 
das andere im nächsten Frühjahr bereits in Händen Sim- 
rocks. Am 18. August 1819 aber quittirt Beethoven über 
400 Fl. W. W. Vorschuss für das Oratorium. Allein ob 
er auch am 22. Nov. erwidert, dass ihm selbst daran liege, 



_ 197 

ein Werk das dem Verein Ehre mache zu liefern und dass 
er diese Arbeit wie möglich fördern werde, der „nach ein- 
stimmigem ürtheil beste kritische Kopf 4 Bernard ist mit 
seinem „Sieg des Kreuzes 44 eben immer nicht fertig, 
und so wird einstweilen, was an Zeit Lust Kraft und 
Jlülfcmitteln" in diesem Sommer 1819 zu Gebote stand, 
auf die Messenarbeit verwendet. 81 

Die Hinderungen werden energisch überwunden. Un- 
terricht und Pensumscorrectur beim Erzherzog war dabei 
wohl doppelt unleidlich. Auch „so vieles Uebel 44 mit dem 
Neffen hatte nachtheilig auf seine Gesundheit gewirkt und 
schon im August heisst es wieder mediziniren. Allein ob 
er gleich dabei „kaum einige Stunden des Tages mit dem 
theuersten Geschenk des Himmels, seiner Kunst sich ab- 
geben" kann, hofft er doch mit der Messe zu Stande zu 
kommen, so dass selbe am 19., falls es dabei bleibe, könne 
aufgeführt werden. „Wenigstens würde ich in Verzweif- 
lung gerathen, wenn es mir durch meine üblen Gesund- 
heitszustände versagt sollte sein bis dahin fertig zu sein", 
heisst es weiter am 31. August. Und tags darauf steht 
im Kalender: „Am 1. S. — nur in Dir liegt alles, erwarte 
keine M — " d. h. wohl Menschenhülfe. Es beginnt wieder 
von allen Seiten zu drängen, am meisten gewiss auch von 
innen, da eben der Gegenstand ihm im Verlauf der Arbeit 
selbst über den Kopf wuchs. Im November 1819 schreibt 
Schindler dem Meister selbst zur mahnenden Notiz in jenen 
Kalender: „Installation des Erzherzogs am 9. März des 
nächsten Jahres 4 *. Wenn man nun „wie ein tapferer Ritter 
von seiner Feder leben muss", wie soll ein Werk fertig 



198 

werden, das schon um seines nächsten Zweckes willen in 
jeder Weise vollendet sein muss! 

Vernehmen wir jetzt vorerst die Augenzeugen über 
den Kampf ums Dasein dieses Werkes. Da schreibt zu- 
nächst der alte'Zelter, und zwar an Goethe am 29. Juli: 
„Beethoven, den ich gern noch einmal in diesem Leben 
gesehen hätte, wohnt auf dem Lande und niemand weiss 
mir zu sagen wo? Ich war willens ihm zu schreiben, 
man sagt mir aber er sei fast unzugänglich, weil er fast 
ganz ohne Gehör sei. Vielleicht ist es besser wir bleiben 
wie wir waren, da es mich verdriesslich machen könnte 
ihn verdriesslich zu finden." Und dies ist nur natürlich, 
wenn man in denselben Tagen bei einem Salieri „das 
grösste Vergnügen findet diesem echten Naturelle nachzu- 
schleichen und ihn immer wahr zu finden, wie er ewig 
vergnügt ist" und sich eine Messe von ihm vom Jahre 1766 
eigenhändig abschreibt ! — wenn man ferner trotzdem von 
Cherubinis neuem Requiem meint, das Ganze erscheine 
als wenn einer beständig und leidenschaftlich nein sage 
und dazu mit dem Kopfe nicke, und von Beethovens Gel- 
tung in Wien nur zu sagen weiss, er sei in den Himmel 
erhoben, weil er — es sich wirklich sauer werden lasse 
und weil er lebe! Am 16. August hat man dann erfahren, 
Beethoven sei aufs Land gezogen und niemand wisse wo- 
hin? An eine seiner Freundinnen [Frau Streicher?] habe 
er eben hier d. h. in Baden, wo Zelter sich befand, aus 
Baden geschrieben und er sei nicht in Baden: „Er soll 
unausstehlich maussade sein. Einige sagen er ist ein Narr. 
Das ist bald gesagt. Gott vergeh uns allen unsere Schuld 1 



-^" 



199 _ 

Der aime Mensch soll völlig taub sein." Letzthin sei er 
in ein Speisehaus gegangen: „so setzt er sich an den Tisch, 
vertieft sich und nach einer Stunde ruft er den Kellner: 
Was bin ich schuldig? — Ew. Gnaden haben noch nichts 
gessen, was soll ich denn bringen? — Bring was du willst 
und lass mich ungeschoren." 82 

In solche Abgeschiedenheit und „tiefste Meditation" 
drangen dann natürlich auch nur „blosse Instrumente wo- 
rauf ich wenns mir gefallt spiele". Namentlich Schindler 
ward damals wenigstens als „edler Zeuge seiner äusseren 
Tätigkeit" geduldet. „Es wird mir stets eine herrliche Er- 
innerung jener Zeit bleiben, wo ich oft stundenlang schrei- 
bend dem grossen Meister am selben Tische gegenüber sass 
als er dieses grosse Werk schuf, und die Fuge beim Credo 
[Et vitam venturi] hat mir gar närrische Rückerinnerungen 
erweckt", erzählt derselbe 8 Jahre später in der „Cäcilia". 
»Auch ist es dieser Satz der Messe, der ihn seine Mensch- 
lichkeit im Schaffen fühlen liess; denn im Schweisse sei- 
nes Angesichts schlug er sich Tact für Tact mit Händen 
und Füssen die Tacttheile, ehe er die Noten zu Papier 
brachte, bei welcher Gelegenheit ihm sein Hauswirth die 
Wohnung aufkündete, indem die anderen Parteien sich be- 
schwerten, dass ihnen Beethoven durch sein Stampfen und 
Schlagen auf den Tisch Tag und Nacht keine Buhe gebe ; 
daher sie ihn auch überall für einen Narren erklärten, 
und wirklich schien er auch in jener Zeit (es war im Som- 
mer 1819) ganz besessen zu sein, besonders als er die Fuge 
und ^as Benedictus schriebe 

Ausführlicher aber berichtet derselbe „trockne Schlei- 



200 

eher* 4 , bei dessen künstlerischen ürtheilen man nie 
vergessen darf, dass er eben von eigentlicher Geistesarbeit 
und dem Kampf um die Darstellung eines innerlich Ge- 
schauten nichts verstand und daher, ein Schmied Mime, stets 
nur an die äusseren technischen Mühen dachte, um 1860: 
„Gedenke ich der Erlebnisse aus dem JahrQ, 1819, vornehm- 
lich der Zeit, als der Tondichter im Hafnerhause zu Möd- 
ling mit Ausarbeitung [!] des Credo beschäftigt gewesen, 
vergegenwärtige ich mir seine geistige Aufgeregtheit, so 
muss ich gestehen, das sj^ ich niemals vor und niemals nach 
diesem Zeitpunct völliger Erden-Entrücktheit wieder Aehn- 
liches an ihm wahrgenommen habe". Gegen Ende August 
sei er mit dem kürzlich in Wien gestorbenen Musiker J. 
Horzalka dort angekommen: „Es war 4 Uhr nachmittags. 
Gleich beim Eintritte vernahmen wir, dass am selben 
Morgen Beethovens beide Dienerinnen davongegangen seien 
und dass es nach Mitternacht einen alle Hausbewohner 
störenden Auftritt gegeben, weil in Folge langen Wartens 
beide eingeschlafen und die zubereiteten Gerichte unge- 
niessbar geworden. In einem der Wohnzimmer bei ver- 
schlossener Thür hörten wir den Meister über der Fuge 
zum Credo singen, heulen, stampfen. Nachdem wir dieser 
nahezu schauerlichen Scene lange schon zugehorcht und 
uns eben entfernen wollten, öffnete sich die Thüre und 
Beethoven stand vor uns mit verstörten Gesichtszügen, die 
Beängstigung einflössen konnten. Er sah aus, als habe er 
so eben einen Kampf auf Tod und Leben mit der ganzen 
ßchaar der Contrapunctisten, seinen immerwährenden Wider- 
sachern bestanden. Seine ersten Aeusserungen waren con- 



201_ 

fose, als fQhle er sich von unserm Behorchen unangenehm 
überrascht Alsbald kam er aber auf das Tagesereigniss 
zu sprechen und äusserte mit merkbarer Fassung: Saubere 
Wirtschaft, alles ist davon gelaufen und ich habe seit 
gestern Mittag nichts gegessen ! Ich suchte ihn zu besänf- 
tigen und half bei der Toilette. Mein Begleiter eilte voraus, 
um einiges für den ausgehungerten Meister zubereiten zu 
lassen.* 

Berichtet nicht Xenophon, bei dem Bückzug der Zehn- 
tausend einmal Sokrates ganze 24 Stunden über einem Pro- 
blem hängend an derselben Stelle stehend »gefunden zu 
haben? Solche geistige und physische Kraftprobe hatte 
also Beethoven hier unfreiwillig ganz ebenso machen müs- 
sen. „Xenophons Beden und Thaten des Socrates 3 Fl. 30 xr. 
beim Antiquar in der Currentgasse", steht auch im Früh- 
jahr 1820 in den Gonversationen, und wir hörten o. S. 181, 
dass der grosse Weise des Alterthums ihm auch sonst in 
l : nerechütterlichkeit „Muster". „Unter die Wunderwerke 
des heiL Benno gehört auch, dass er noch nach seinem 
Tode dem Herzog von Baiern im Traum erschienen und 
ihm ein Aug' ausgeschlagen' 4 , schreibt dort unmittelbar 
nachher scherzend ein Unbekannter auf. Dass aber Beet- 
hoven selbst jetzt ernstlich genug wie einst Jakob im 
Traume mit dem Herrn rang und seine Kraft anspannte 
als gälte es neue Welten zu schaffen, das werden wir noch an 
den Folgen dieser Sommerarbeit erkennen. Es war wirk- 
lich die Sonnenhöhe der eigenen Kraft und eine wahrhaft 
ungeheure Gipfelung des gesammten geistigen Vermögens, 
was hier geschah. Er fühlte sich von solch unerhörter 



202 

Anstrengung denn auch hinterher förmlich wie an den 
Gliedern zerschlagen und hatte nach eigenem Geständniss 
gegen Brentano am 12. Not. 1821 zwei ganze Jahre lang 
nachher eigentlich „für seine Kunst nicht wieder leben 
können". 8S 

Einige äussere Begebenheiten aus dieser Herbstzeit 
besagen nicht gerade viel. Am 12. Sept. versucht Zelter 
wirklich den trübgesinnten Anachoreten in seiner Stille 
aufzusuchen. Sie begegneten einander auf der Landstrasse 
von Mödling und umarmten sich aufs herzlichste. Zelter 
konnte kaum die Thränen verhalten: „der Unglückliche ist 
so gut wie taub". Von dieser Zeit an, nicht aber wie 
Schindler meint schon seit 1814, mussten denn die uns so 
wichtigen Conversationsbücher Regel werden. Man war, 
weil Beethoven eben nach Wien fuhr, miteinander für den 
Nachmittag auf eine ordentliche Zusammenkunft in Stei- 
ners engem Musikladen im Paternostergässel übereingekom- 
men, und Steiner habe dies sogleich bekannt gemacht und 
gleichsam Gäste gebeten, sodass in einem bis an die Strasse 
überfüllten Baume ein halbes Hundert geistreicher Men- 
schen gestanden seien. Denn trotz des mannigfaltigen Ta- 
dels, dessen Beethoven sich schuldig mache oder nicht 
geniesse er eines Ansehns, das nur vorzüglichen Menschen 
zugehe. Allein alles wartete vergebens. Beide Confron- 
tanten hatten in der heissen Jahreszeit die Stunde — ver- 
schlafen. Abends im Theater, wo sie einander von fern 
sahen, — Beethoven liebte wie Pro£ Klöber erzählt, die 
Plätze „ganz hoch oben weil man da die Ensembles besser 
höre", — schien Zelter mit einem halb Tauben Verständi- 



j 



* •*! 



203 * 

gang schwer. Beethoven aber entschuldigte sich nach eini- 
gen Tagen „au& beste", indem er am 18. Sept. liebens- 
würdig going schreibt: „Mein verehrter Herr! Es ist nicht 
meine Schuld, Sie neulich was man hier heisst angeschmiert 
zu haben. Unvorhergesehene Umstände vereitelten mit das 
Vergnügen einige schöne genussreiche und für die Kunst 
fruchtbare Stunden mit Ihnen zuzubringen." Sein Land- 
leben wegen seiner geschwächten Gesundheit, fugt er Jiinzu, 
sei eben nicht 30 zuträglich heuer für ihn wie gewöhnlich. 
Vielleicht vermöge er noch „übermorgen" ihm mündlich 
mit aller wahren Herzlichkeit zu sagen, wie sehr er ihn 
schätze und wünsche ihm nahe zu sein. Zelter antwortet 
selbigen Tags dem „würdigen Freund, der so vielen Guten 
Freude und Erbauung verschafft", mit mehr herzlicher Ach- 
tung als nach seinen obigen Aeusserungen zu vermuthen 
stand. Wir werden dem Verhältniss Beider noch weiter 
und zwar in erfreulicher Weise begegnen. 8 * 

Gewissermassen persönlich geknüpft wurde in den 
gleichen Tagen in Mödling (nicht in Baden) ein anderes, 
ein Geschäfts -Verhältniss, das nicht ohne Folgen bleiben 
sollte. Der junge M. Schlesinger von Berlin liess sich 
Beethoven, als derselbe gerade im Steinerschen Gewölbe 
war, vorstellen und ward von ihm aufs Land geladen 
Bei seiner Ankunft sah er den Meister „mit Wuth" aus 
der Thüre des Wirthshauses treten, ward aber doch nach- 
her in der Wohnung selbst, wo er Beethoven schon wieder 
an seinem Schreibpult fand, freundlich aufgenommen 
^nd hörte ihn mit sehr ernster finsterer Miene sich den 
unglücklichsten Menschen von der Welt nennen: er habe 



204 

Lust zu einem — Stück Kälbernen verspürt und es sei 
keines dagewesen! Schlesinger tröstet ihn und von an- 
dern Dingen sprechend d. h. ins Conversationsbuch schrei- 
bend wird er wohl 2 Stunden festgehalten. Dann eilt er 
nach Wien und schickt mit dem gleichen Wagen wohl 
zugedeckt — den ersehnten Kalbsbraten nach dem nur 
2 Stunden entfernten Ort Am andern Morgen lag er noch 
im Bette, da kam Beethoven, küsste und herzte ihn und 
sagte er sei der beste Mensch den er je angetroffen: nie 
habe ihn etwas so glücklich gemacht wie dieses Kälberne 
in dem Augenblick, wo er sich so sehr danach gesehnt 
habe! 

So schreibt in etwas orientalischer Selbstgefälligkeit 
im Jahre 1859 Schlesinger selbst. Beethoven aber mochte 
an ihm vor jallem die „vollständige Schul- und Universi- 
tätsbildung" schätzen, die allerdings bei den Wiener Ver- 
legern damals unerhört war, und war überhaupt jeder Aus- 
sicht froh der letztern loszuwerden. Doch sollte er an dem 
gleichen Schlesinger, (dem eben damals am 21. Sept. ein 
Erinnerungscanon auf die durchaus confessionslosen Worte 
„Glaube und hoffe" geweiht ward, noch ärgerlich genug 
erfahren, dass zu einem tüchtigen Musik -Verleger Mos 
äussere Schulbildung denn doch nicht ausreicht. Denn 
derselbe erhielt ausser den Schottischen Liedern Op. 108 
die Sonaten Op. 109, 110, 111, von denen die erste schon 
unter den Messenskizzen «dieses Jahres 1819 steht! Die 
„Sehnsucht nach dem Kälbernen" aber bestätigt uns nur aufs 
neue die volle innre Versunkenheit Beethovens, die^wie Dr. 
Weissenbachs Wort lautet „von der Zeit kaum eine andere 



"W^" 



205 

Notiz zu nehmen schien als die ihr Sonne und Sterne mit- 
theilen" and oft erst durch das dringendste Bedürfen wieder 
an das Dasein erinnert ward, wo es dann nur natürlich ist, dass 
di& physische Bedürfhiss mit fast krampfhafter Heftigkeit 
sich geltend macht „Wozu soviel verschiedene Gänge ?j — 
Der Mensch steht wenig über anderen Thieren, wenn der 
Esstisch sein Hauptvergnügen bildet", bekam Freund Stumpf 
ans London zu hören, als er im Herbst 1823 mit Beet- 
hoven eine luxuriöse Malzeit einnehmen wollte. Also kann 
cns Schlesingers Erzählung zu allem andern eher stimmen 
als zu Lachen oder gar Belächeln. Das Hervortreten der 
Gebundenheit ist in Momenten, wo die Kraft des Menschen 
mächtig kühn über die physischen Schranken hinauszugrei- 
fen und dem ewigen Sein zu nahen sich abmüht, nur zu 
mitleidender Wehmuth stimmend sein. — 86 

Weiter zeigt sich eine Wiener Correspondenz des „Mor- 
genblatts" aus diesem October ziemlich unterrichtet „Unser 
Beethoven", der ebenso gut schlechthin der Musiker wie 
Goethe vorzugsweise der Dichter genannt werden könne, 
habe für den Musikverein eine Cantate von seinem viel- 
jährigen und vertrauten [?] Freund dem „geschmackvollen" 
HnL Bernard zu componiren, welche Arbeit jedoch für 
birze Zeit [!] von einer neuen Messe unterbrochen worden 
sei, die der Erzherzog Budolph zu haben wünsche [?]. Seit- 
dem derselbe Fürsterzbischof sei, dürfe man umsoeher auch 
m dieser Gattung noch manchen Genuss von dem hohen 
Meister erwarten. Es sei unmöglich, das freie einfache 
fest abgeschlossene Leben desselben nach Verdienst jzu 
schildern: „er gehört ganz seiner Kunst, die Gesellschaft 



206 ^ 

besitzt ihn nur, insofern er sie durch seinen Genius ent- 
zückt; er verschmäht deshalb keineswegs trauliche Unter- 
haltung und wusste diese, so lange es ihm sein Gehör 
erlaubte, durch fröhliche Unbefangenheit, treffenden oft 
beissenden Witz und ein freimüthiges Urtheil zu würzen. 
Mit väterlicher unermüdeter Liebe hängt er an seinem 
Neffen, von dem er sich viel verspricht Die Zukunft wird 
lehren, ob er sich darin nicht geirrt hat; auf jeden Fall 
bleibt dieses Vertrauen ein Zeichen seiner warmen Empfin- 
dung, die auch sonst aus manchen Aeusserungen hindurch 
bricht trotz der etwas anderes versprechenden Aussenseite.** 
Neben der Musik beschäftige ihn die classische Literatur 
der verschiedenen Zeiten, besonders alte Geschichtsschreiber, 
und so geht es noch eine Weile über uns bereits bekannt« 
Dinge fort 

Das „Fertigwerden" mit der Messe scheint danach noch 
nicht gar so ferne zu liegen, obwohl Schindler ihn selbst 
bereits in diesem Herbst Zweifel an der Festhaltung des 
Termins äussern hörte, weil jeder Satz unter der Hand 
eine viel grössere Ausdehnung gewonnen habe als es an- 
fänglich im Plan gelegen. In den Conversationen ist sogar 
schon von einer öffentlichen Aufführung wenigstens des 
Gloria far Weihnachten dieses Jahres Bede. Und wenn 
wirklich wie wieder Schindler meldet, ende October 1819 
auch das Credo „fertig 44 mit in die Stadt gebracht ward, 
so ist das „beinahe vollendet* 4 am 10. Nov. gegen Kies 
wenigstens in Beethovens Sinne völlig wahr. Denn damit 
schien weitaus der grössere und schwierigere Theil der 
Arbeit abgethan. Allein das Artariasche Skizzenbuch 



207 _ 

enthält unmittelbar nach dem „Et resurrexifr 4 aus dem Credo 
auch die Notiz „Benedictes in E Vno soio u , und nach Skiz- 
zen zu „Et vitam venturi" und zum 2. und 8. Satz von 
Op. 109 (nb. ernsterer noch in 12 / 8 Taci(!) folgt das „Dona 
nobis - in Ddur und e / 8 Tact, worauf nach dem „Pleni sunt 
coeli" viele Seiten Skizzen zum Benedictus und zwar in 
dem so bezeichnend sanft wogendeil 12 / 8 Tact und mit dem 
entscheidenden Eingang des Herabschwebens von 
oben, das Heft schliessen. 8e 

So lag das Ganze in den wesentlichen Zügen — denn 
auch Entwürfe vom Sanctus und Agnus dei zeigt ein 
?. Mendelssohnsches Skizzenbuch sogleich nach dem Bene- 
dictes, — entworfen vor, und die Arbeit konnte jetzt auch 
sn Hause weiter und zu Ende geführt werden. Im No- 
vember schreibt also Schindler den Merktag des 9. März 
1820 noch in den Kalender, und dass trotz neuem Unwohl- 
sein und all den Vormundschaftsgeschäften, die mit dem 
Wiedereintritt in die Stadt von neuem wie bellende Hunde ihn 
anfielen, — man denke nur an die „Vorstellungen" an den 
Magistrat o. S. 177, — einstweilen mit gleichem Eifer an der 
ernsten Arbeit fortgefahren ward, bestätigt uns derselbe 
Zeuge ganz absichtslos selbst, wenn anders seine Zeitangabe 
genau ist Doch ist dies letztere diesmal anzunehmen. 

In der Herbstzeit 1819, wo der Meister eben volle 
49 Jahre gezählt, berichtet er nämlich, habe auf seine Für- 
sprache der noch sehr junge Maler Schimon die Erlaub- 
mss erhalten, seine Staffelei neben Beethovens Arbeits- 
zimmer aufzustellen: „eine Sitzung hatte Beethoven stand- 
haft verweigert, denn eben im vollsten Zuge mit der Missa, 



208 

r 

solennis erklärte er keine Stunde Zeit entbehren zu können." 
Schimon aber war ihm bereits auf Weg und Steg nach- 
geschlichen und hatte schon mehrere Studien in der Mappe. 
Als nun das Bild bis auf den Blick des Auges fertig war, 
schien guter Bath theuer : „denn das Augenspiel in diesem 
Kopfe war von wunderbarer Art und offenbarte eine Skala 
vom wilden trotzigen bis zum sanften liebevollsten Aus- 
drucke 1 '. Da kam der Meister selbst entgegen. Das derbe 
naturwüchsige Wesen des jungen Akademikers, sein unge- 
nirtes Benehmen wie auf seinem Atelier, sein Kommen 
ohne „guten Tag" hatten Beethovens Aufmerksamkeit mehr 
rege gemacht als das was auf der Staffelei stand. Kurz 
der junge Mann begann ihn zu interessiren, er lud ihn 
zum Kaffee, und diese Sitzung am Kaffeetisch ward (rar 
Vollendung des Auges benutzt Derb und naturwüchsig 
ist denn auch dieses auf der Berliner Bibliothek befind- 
liche Oelbild ebenfalls, aber auch offenbar nicht ohne Na- 
turwahrheit „Bis zum vollendeten 50. Lebensjahre war 
der Gesamtntausdruck von Beethovens Gestalt das erfreu- 
lichste Bild körperlichen Wohlbefindens und höchster 
Geisteskraft; ein Jupiter sah zuweilen aus diesem Kopfe 
heraus", sagt Schindler. Jenes Portrait bestätigt es trotz 
seiner Bauhheit und sagen wir künstlerischen Kohheit 
aufs beste. 87 

In dem Briefe vom 10. November wird denn gar Ries 
bereits wegen des Verkaufs der Messe in London ange- 
gangen und dabei um die 50 Duk. für Op. 104 und 106 
gedrängt Am 19. Dez. jedoch muss der Erzherzog erfahren, 
dass indem einige Arbeiten, wahrscheinlich Op. 107 und 






209_ 

108, geschwind zu befördern waren, dadurch denn leider 
die Messe auch musste ausgesetzt werden. „Schreiben L 
E. E alles dies dem Drang der Umstände zu; es ist jetzt 
nicht die Zeit dazu alles dieses auseinanderzusetzen, allein 
ich werde, sobald ich den rechten Zeitpunct glaube, doch 
müssen, damit \L K. IL kein unverdientes hartes Urtheil 
über mich fallen." Darauf folgt der oben S. 164 mitge- 
teilte .schöne Erguss. Zugleich scheint er in diesen er- 
neuten schweren Tagen sich wieder bisweilen zu „seiner 
lieben verehrten ihm theuren Freundin 44 Erdödy geflüchtet 
zu haben, der auch im Januar dieses Jahres die neue Aus- 
gabe der Cellosonaten Op. 102 gewidmet worden war und die 
jetzt zum letzten Dezember 1819 den 3stimmigen Canon 
„Glück zum neuen Jahr" erhielt. Se. Kais. Hoheit aber 
muss am 1. Januar 1820 mit dem 4stimmigen Canon „Alles 
Gnte, Alles Schöne" auf Weiteres und Gewichtigeres ver- 
tröstet werden. Die' Messenarbeit wird zwar noch nicht 
ganz aus der Hand gelegt. Denn das P. Mendelssohnsche 
Skizzenheft mit der eigenhändigen Aufschrift „noch von 
1819 vom Credo" geht wie das genannte Artariasche wohl 
auch ins folgende Jahr hinein, und ebenso enthalten die 
Conversationen von 1820 Aufzeichnungen von Et vitam 
venturi, Inearnatus, Patrem omnipotentem, bei letzterem in 
Bezug auf die Instrumentirung, die aber doch später nicht 
beibehalten worden ist. Allein der nächste Zweck mit 
dem Biesenwerke war cfcch nicht mehr zu erreichen, und 
so macht sich zumal neben den heftigen yormundschaft- 
lichen Erregungen dieses Herbstes und Winters bald genug 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 14 



210 

sowohl moralisch wie physisch eine nur zu natürliche 
Buhebedürftigkeit geltend. 

Da danke Gott, wenn er dich presst, 

Und dank' ihm, wenn er dich wieder entlässt! 

ist die erste der angestrichenen Stellen in Beethovens 
Exemplar vom Westöstlichen Divan, den auch Zelter in 
diesem Herbst in Wien als neu erschienen sich kaufte. 
Freund Bernard aber schreibt in den Conversationen dieses 
Winters 1819/20 mit den Worten: „Ein Lied von Lessing, 
welches Sie componiren sollen", das ganze „Lob der Faul- 
heit" auf, und ebendort, wo auch das oben S. 22 mitge- 
th eilte „Trinklied" steht, heisst es ein anderes Mal: „Ich 
sitze Ihnen eine Stünde gegenüber und Sie schlafen". Auch 
das rein vegetative Bedürfuiss scheint anspruchsvoller als 
gewöhnlich zu sein. „Der verstorbene Schauspieler Kose hat 
einst eine Tafel gegeben, die von 1 Uhr mittags bis nachts um 
12 Uhr gedauert hat; als man aufstand, sagte sein Schwieger- 
vater der Schauspieler Koch: Nur Schade dass es nicht 
3 Wochen so dauert, So geht es uns beinah auch heute", 
schreibt wieder Bernard, selbst ein echter „Faijake" von 
damals, bei Tische im Gasthaus auf. Dabei ist denn auch 
lang und breit von Rüster Ausbruch, Erlauer und Austern 
Rede, sowie derselbe Freund ein andermal scherzt: „Austria 
kommt her von Austern, warum soll also ein Austrier oder 
Austirer nicht Austern essen?" Beethoven aber bemerkt: 
,Dies Wirthshaus ist nur für Leckermäuler", und sein Ur- 
theil über solche Cameradschaft drückt sich in dem Verse 
aus, den Bernard damals selbst aufschreibt: 



T— * 



211 

Bernardus war ein Sanct, der hatte sich gewaschen, 

Er hat der Hölle nicht gewankt und nicht 10000 Flaschen. 

Dabei wird noch auf den Vers angespielt: 

Sanct Petrus ist der Fels, auf diesen kann man Bauen. 

Von beiden aber ist die erste Zeile als Canon componirt, 
und Skizzen des letztern befinden sich unter den Credoskizzen 
P.Mendelssohns von 1819. Fertig stehen dann beide Canons 
in einem Briefe an Peters, der eben in dieser Zeit die 
Vormundschaft übernehmen sollte. Der Dur-Canon auf ihn 
ist mit „lebhaft 14 bezeichnet, der in Moll auf Bernard aber mit 
„Gezogen und geschleppt" nebst zweimal „ff*, gleich einer 
Mahnung. Er könne mit Zeit und Beschäftigung nicht in 
Ordnung kommen für Arbeiten, die seiner würdig seien, 
heisst es von ihm in den Conversationen. Wir wissen, 
dass er für Beethoven den „Sieg des Kreuzes" schreiben 
sollte und dass diese „Cantate" damals schon mit Spannung 
erwartet ward. 88 

Auch zum Sitzen für Maler fand sich jetzt Müsse 
genug. Da ist zuerst jener Daffinger, nach Bernards 
Aufzeichnung „ein ganz roher Patron, der Phaon dieser 
Sappho", nämlich der gewaltigen Sophie Schröder, die 
damals in diesem Stücke Grillparzers glänzte. Er sollte 
freilich nur eine Sitzung brauchen. Dann aber ist da 
Stieler, der schon im Herbst 1819 in Wien war und 
erst im April 1820 sich verabschiedet. Er hatte den Dr. 
Weissenbach und die Frankfurter Freundin Antonie Bren- 
tano nebst ihren Töchtern [gemalt, dies allein wäre 
Empfehlung genug für ihn gewesen. Allein auch sein 
persönliches Wesen muss Beifall gefunden haben. Beet- 

14* 



i 



212 

hoven nimmt sogar die Einladung zum Speisen bei ihm 
an, und Schindler, der freilich in der Jahresangabe irrt, 
sagt: „Sitzung auf Sitzung ward bewilligt und nicht eine 
Klage über Zeitverlust laut." Dafür gefiel aber auch das 
Öffentlich ausgestellte Gemälde allgemein. Nur „stiess die 
vom Künstler beliebte Auffassung des Titanen, am meisten 
die Neigung des Kopfes auf Widerspruch, weil der Meister 
den Mitlebenden nicht anders . bekannt war als seinen Kopf 
stolz aufrecht tragend", sagt derselbe Gewährsmann. Allein 
wir hörten Beethoven selbst damals sageq: „Ich kann eben 
nicht viel mehr in der Welt als einige Noten so ziemlich 
niederschreiben", und werden noch von auffallender mora- 
lischen Gedrücktheit in dieser Zeit bei ihm hören, sodass 
die etwas sentimentale Kopfsenkung des Mannes mit der 
Missa solennis in der Hand den damaligen Umständen 
durchaus nicht widerspricht. 89 

Auch das Theater wird, nach den Conversationen da- 
rüber zu schliessen, häufiger besucht, und man scheint 
sogar ernsthaft selbst wieder an die Composition einer 
Oper zu denken. Um aber zunächst eine gründliche Restau- 
rirung der übermässig angespannten Kräfte zu erzielen, soll 
mit dem beginnenden Frühjahr eine italienische Reise, wie 
der Signor Pratello soeben eine gemacht, unternommen 
werden. Rupprecht, der Dichter des Liedes „Merkenstein u 
würde sich zu einer solchen jetzt entschliessen, meint ein 
Unbekannter schon im Januar 1820 in den Conversationen, 
und bald darauf schreibt Peters hin: „Wenn wir nicht in 
8 Tagen fortgehen, versäumen wir die Charwoche in Rom, 
das Miserere". Ja wenn das unmittelbar folgende „8 Mo- 



213 

Bäte 44 auf die Dauer der Reise gedeutet wird, — und die 
Tour „Oberitalien, Florenz, Rom, Neapel, Sicilien, Genua, 
Turin, Schweiz 14 lässt bei damaliger Post bestimmt darauf 
schtiessen, — so heisst das soviel als : die Messenarbeit ist 
wenn auch nicht entfernt beendet, doch der Hauptsache 
nach abgethan und zunächst beiseite gelegt. Auch sagt 
ja Schindler, dass diesen Sommer 1820 hindurch wenig 
oder fast gar nichts gearbeitet worden sei. Als dann aber 
das grosse Werk wieder zur Hand genommen ward, war man 
selbst in mancher Beziehung ein Anderer oder stand doch 
der Aufgabe wesentlich anders gegenüber. Und solche Be- 
obachtung inj. Zusammenhang mit dem ganzen Charakter 
der nächstfolgenden Periode in Beethovens Leben, das nach 
tiefem Zurücksinken in sich selbst erst in dem schönen 
Frühling von 1822 wieder eine volle Erhebung und zwar 
diesmal auch ganz und gar aus und zu sich selbst aufweist, 
lässt hier einen merklichen Abschnitt in des Meisters Da- 
sein erkennen, der uns nöthigt, zunächst das in demselben 
Gewonnene nach seinem Werthe näher zu bestimmen. Zu- 
dem ward die Messe, obwohl erst volle 2 Jahre später 
vollendet, dennoch in ihrem Charakter nicht sowohl ver- 
ändert wie nur noch deutlicher ausgeprägt, und wir haben 
demnach alles Fernere nur als Nachwehen und Ausläufer 
der ersten energischen Zusammenfassung der Geister bei 
einer Arbeit zu fassen, deren eigentliche Stimmung und 
Tendenz völlig dieser Periode von 1816 — 20 angehört. Dass 
bei der Betrachtung des in so mancher Hinsicht entschei- 
denden Werkes an dieser Stelle vorwiegend das Ethische 
und sozusagen Persönliche ins Auge gefasst wird, liegt in 



214 

dem einmal festgestellten Plane unserer Arbeit, dessen 
Schranken also auch hier nicht zu überschreiten sind. 90 



Wie sehr diese „Missa solennis composita et Ser. 
ac Em. Üomino Domino Eudolfo Joanni Caesareo Principi 
et Archiduci Austriae S. R E. Card, ac Archiepiscopo 
Olomucensi etc. etc. etc. summa cum veneratione dicata" 
wie es auf dem im Archiv der Musikfreunde befindlichen 
„schön geschriebenen MS" für den Erzherzog heisst, wäh- 
rend die im April 1827, also erst nach Beethovens Tode 
erschienene Partitur blos „Missa" sagt, — jrie sehr das 
Werk nach dem Herzen des Erschaffers war, wissen wir 
und werden es weiterhin noch mehr erkennen. Und doch 
obwohl zu einem praktischen Zweck geschrieben, wer wollte 
dasselbe für eine Messe nahmen, für einen Theil des Gottes- 
dienstes, deutlich und bestimmt das tagtäglich von tausend 
und abertausend Herzen Bedurfte erfassend und es den 
Bedürfenden zur Stillung ihres Verlangens und zur Erhe- 
bung in ein höheres Dasein darreichend? „Frau von Weissen- 
thura wünscht etwas von den Ideen zu hören, welche Sie 
Ihrer Composition der Messe *zu Grund gelegt haben", 
schreibt Bernard 1819/20 von der bekannten Wiener Dichter- 
Schauspielerin auf, und nichts kann den Standpunct schärfer 
bezeichnen, den mit seiner ganzen Zeit auch Beethoven 
solch einer Aufgabe gegenüber einnahm. „Ideen!" — Als 
ob die Messe etwas Anderes wäre, als ein bestimmter 
und obendrein der wesentlich entscheidende Theil des katho- 
lischen Gottesdienstes, und ihre Composition auch noch 



215 

einen anderen Sinn und Zweck hätte als diesem zu dienen! 
Hier ist dem Ausdruck der Sache, der künstlerischen Dar- 
stellung nicht anders beizukommen als mit dem religiö- 
sen nnd obendrein kirchlichen Glauben. Wer aber 
will diesen in der hier entscheidenden Weise bei unserm 
Beethoven damals suchen? 

Die Tiefe seines menschlichen Empfindens kennen wir. 
Auch war ein gewisser Grad der Ausbildung und Conzen- 
tration desselben bis auf die Höhe des Religiösen, das 
heisst bis auf die völlige Entkleidung des eigenen Wesens 
von allem Ich nirgend zu verkennen. Wir sahen ihn ja 
im Adagio der Sonate Op. 106 den hier waltenden Process 
völlig durchmachen. Allein dass die Entwicklung so weit 
vorgeschritten gewesen wäre, um den wahren Gehalt des 
hier Gebotenen nach dem Mass der heutigen Anschauung und 
Empfindung aufzunehmen und künstlerisch neu hervorzu- 
gehen, wer wollte dies behaupten? So war er, der sonst 
so innerlich freie Mann, im ganzen und grossen an die 
hergebrachte Auffassung dieses Textes gebunden, in dem 
sich trotz aller heterogenen Elemente eine so bedeutungs- 
volle Umwandlung des ganzen Menschen darstellt und die 
sittliche Menschwerdung erst völlig zur Wahrheit wird. 
Wo aber die entscheidenden Potenzen eines Gegenstandes 
nicht zur sicheren Klarheit gelangt sind, was können da 
selbst die noch so ernst gemeinten Auslegungen des geistig 
noch so hoch stehenden Einzelnen von den Einzelnheiten 
dieses allein machtigen Ganzen frommen? Es muss auf 
das Aeusserliche der Erscheinung und dasjenige hinaus- 
laufen, was mehr der Phantasie als dem Gemüthe ange- 



I-" 1 



216 

hört und das .wir eben als „Ideen" d. h. als unsere willkür- 
sich persönlichen Vorstellungen von der Sache bezeichnen. 
Damit aber war selbst bei dem „göttlichen riesen- 
haften Ideenschwunge", den auch in der Zeit seiner scharfen 
Gegnerschaft C. M. von Weber diesem Genius nicht ab- 
sprechen konnte, dem eigenen Schaffen wie der eigentlichen 
Wirkung des Werkes die Schlagader unterbunden, und 
man darf nicht an die hehre Unbefangenheit eines Pale- 
strina gegenüber seinem heiligen Gegenstande, nicht an 
Seb. Bach, dessen Schaffen gleichfalls auf der himmlischen 
Einfalt des religiösen Volksliedes füsst, ja ebensowenig an 
Beethovens eigenes Schaffen sonst denken, um nicht diesem 
Werke gegenüber ungerecht zu werden. Wie denn in der 
That erst in der allerneuesten Zeit hier das Rechte und 
Ganze geschehen ist, das uns in Verbindung mit dem Er- 
stehen einer wahren Tragödie zugleich die sichere Beur- 
theilung von Beethovens Thun auf diesem Gebiet ermög- 
licht hat! Freilich auch Beethoven und seine Zeit haben 
den hier waltenden Widerspruch wenigstens dunkel gefühlt 
„Gloria, Incarnatus fürs Gemüth, — wir sagen dass die 
gewöhnliche Kirchenmusik fast in Opernmusik ausgeartet 
lei", schreibt selbst Bernard als Antwort für jene Poetin 
auf, und schon 1815 drückt die'A. M. Z. die allgemeine 
Auffassung deutlich mit den Worten aus : die neuen Messen 
wie von Jomelli, Allegri, Leo, Haydn, Mozart seien ein 
beständiges Gemisch von Oper und Kirchenmusik. Wäre 
nur auch bei dieser Me^se wie sonst bei Beethoven die 
Sache „fürs Gemüth" getroffen d. h. der wirkliche Aus- 
druck der Sache gegeben, wie es dßn eigentlichen Künstler 



217 

und Beethoven wahrlich nicht am wenigsten bezeichnet! 
Allein gerade diesem weltumfassenden Gegenstande gegen- 
über fehlt die Unbefangenheit, die einfache Hingebung, es 
fehlt mit einem Wort die volle religiöse Empfindung, 
die sich auch hier den Kern der Sache herausschälte und 
ihn ruhig walten liess. Und weil nun einerseits mehr die 
vergängliche und wechselnde Schale genommen, andrerseits 
an dem Sinn der Sache mit fast willkürlicher Vorstellung 
gedeutet worden und daher das Ganze mehr äusserlich 
und sozusagen bildlich ist, so wirkt es für unser unmit- 
telbares Gefühl nicht ergreifend und in die Stimmung zwin- 
gend, sondern beschäftigt vorzugsweise unsere blosse Ein- 
bildungskraft Ihre Bilder aber befriedigen, selbst wenn 
sie aus einer solch grossen und an sich würdigen Phantasie 
wie Beethovens stammen, nicht unser Inneres, am wenig- 
sten in diesem Gebiete der tiefsten menschlichen Herzens- 
bedürftigkeit, sobald diese Bilder eben nicht von dem Sinn 
des Gegenstandes selbst erfüllt sind und dieser völlig in den 
schönen Schein der Sache aufgegangen ist. 91 

So herrscht doch hier im Grunde ebenfalls nurdieArt 
des Mozartschen Bequiems und allerbesten Falls der 
Zauberflöte, an der allerdings bei ungleich geringerer Er- 
habenheit des Ziels und Vorwurfs alles ungleich einfach 
wahrer und unmittelbarer erfassend ist als an jenem Werke 
für die Kirche. Das heisst, um in einer für unsere Zeit 
stets bedeutender werdenden. Frage gerade bei solchen Wer- 
ken keine Missdeutung zuzulassen: die blosse Gefällig- 
keit der Erscheinung, seit der Renovation der alten 
Kirche überall in der £unst oft bis zur affectirten Ver- 



_ 218 

zerrung getrieben und in der Musik zumal bei den italieni- 
schen Meistern des 18. Jahrhunderts wie Lotti, Caldara, 
Marcello, Leo deutlich genug erkennbar, stellt bei aller 
Aufrichtigkeit des Meinens auch jenes Requiem weiten weit 
von jenen ruhig heilig gesinnten Sängern der alten Kirche fem 
und ist es, was unser Empfinden niederdrückt anstatt es 
zu erheben und den Durst nach der Wahrheit einer anderen 
Welt eher steigert als stillt. Und ob einen Grad kräftiger in 
der Empfindung des Einzelnen, ob schwungvoll mächtiger 
in der Anschauung des allwaltenden Geistes, ob tiefer nach- 
sinnend über die Mvsterien des Unendlichen und ernst- 
licher sich versenkend in die Vorstellung eines heiligen 
Daseins, — hier ist es nicht, wo unserm Beethoven sich 
der Schleier völlig lüftet, hier waltet nicht jene Kraft der 
Wahrheit, die uns sonst bei ihm so innerlich beseligt und 
befreit, hier geschieht uns nicht der freie Ausblick in 
eine andere bessere Welt und deckt sich nicht ebenso ver- 
nehmlich wie geheimnissyoll schweigend jener andere tie- 
fere Zusammenhang der Dinge auf, dessen Haft uns die 
Musik zu losen vermag. 

In dieser Messe herrscht vielmehr, um unser Gesammt- 
urtheil klar auszusprechen, mit geringen und das Ganze nicht 
entscheidenden Ausnahmen, dem tiefsten Wesen der Musik 
und also auch Beethovens entgegen und «sogar zuwider. 
ebenfalls jener blosse ästhetische Schein und Vorwand 
der Sache, der einer Kunst, die mehr als jede andere völlig 
auf die künstlerische Illusion d. h. das Aufgehen der Sache 
in den wirklichen schönen Schein gestellt ist, geradezu das 
Leben raubt. Und gestehen wir's uns nur: die schöne halb 



219 

theatralische halb sentimentale „Cantilene Mozarts", 
deren sanft spielender Charakter nach der Art ihrer Zeit 
die Dissonanz der Welt nur zum Schein gelöst zeigt, ist 
es was auch hier die Grundfarbe gibt und einen wirklichen 
Aufschwung hemmt. Ja alles Bestreben, dieselbe mit kräf- 
tigen Anrufen und hohen Bildern zu heben oder zu ver- 
decken, täuscht das natürliche Empfinden nicht und bringt 
ihm nur völlig zum Bewusstsein, dass wir es mit dem 
gesunden und die Welt in ihrem Zwiespalt erfassenden 
rein menschlichen Gefühl hier nicht zu thun haben. Da- 
her hier auch trotz so mancher kühnen harmonischen 
Neuerung und namentlich vollkräftigen Modulationen, wie 
sie Op. 106 schon gezeigt, doch die volle Energie der 
Dissonanz fehlt, die Beethovens Musik so sehr kenn- 
zeichnet und den wirklichen Verhalt des Lebens auch in 
diesem höheren Leben der Kunst wiederspiegelt! Dem 
Unternehmen hier den vollen Sinn abzugewinnen mangelte 
ihm eben die persönliche innere Entwicklung, die allein 
in einer Sache ganz und wahr sein lässi Daher hier, wie 
in dem ebenfalls mit soviel Schmerzen gebornen „Fidelio" 
nur ein Scheindrama, auch blos eine Scheinmesse vorliegt 
und von „Erneuerung der Kirchenmusik 44 , wie sie allerdings 
seit Beethovens Zeit ein stets mehr gefühltes Bedürfuiss ge- 
worden, hier am allerwenigsten Bede ist! Ja wie sehr der 
Künstler nach seiner aufrichtig sich bescheidenden Natur 
diesen Verhalt des Ganzen selbst empfand, zeigt sein Aus- 
spruch nach Vollendung des Werkes: „dasselbe könne auch 
als grosses Oratorium gebraucht werden". Damit war 
demselben seine Existenz als Messe einfach abgeschnitten. 92 



T»5 



220_ 

Etwas anderes aber ist es, was das menschliche und 
künstlerische Thun und Erleben mit diesem grossen Werke 
in Beethovens eigener Entwicklung bedeutet und ob er 
ohne diesen wahrhaft krisisartigen Durchgan^sprocess und 
schliesslichen Durchbruch seiner Natur der Beethoven gewor- 
den wäre, den wir heute als eine Art Kunstheiligen ver- 
ehren. Darüber haben wir uns zum Beschluss dieses 1. Bu- 
ches nun zugleich mit Betrachtung der einzelnen Stücke 
auszusprechen, und gewiss, wir werden das grosse Antlitz 
und das wahre „Ideen"-Leben dieses Künstlers trotz allem 
auch hier in kenntlichsten Zügen antreffen. 



Die Bemerkung im Manuscript des Kyrie kennen wir. 
Aber auch im Druck steht „Mit Andacht". Mit welch ande- 
rem Empfinden wird denn aber das „Herr erbarme dich" über- 
haupt ausgerufen, zumal in versammelter Gemeinde? Gleich- 
wohl erscheint hier wenig von jenem Seelenzustande, aus 
dem solches Aufschauen und Anrufen hervorgeht, von jenem 
innersten Bedürfen, das Beethoven selbst oft so ergreifend 
ausgesprochen. Sanftes Neigen des Haupts und gewisser- 
massen die Attitüde der christlichen Ergebung, deren ewi- 
gen Grund im menschlichen Empfinden uns Beethoven sonst; 
tiefer aufgedeckt als hundert Gebetbücher, eine fremdartige 
Weichheit und sogar Gebrochenheit herrschen hier. Und 
dem entspricht die sanftweiche Färbung, die von der „sen- 
timentalen Cantilene" des Anfangs sich über beide Stücke 
dieses Introitus verbreitet und gar etwas- von dem „süssesten 
Herzen Jesu" durchschmecken lasst. Die Tinten des Ab- 



221 

grunds der menschlichen Existenz, den dieser Titane so 
wohl kennt nnd in dem das eigene Dasein für immer 
wieder zu begraben er so oft tief begehrt, sie sind süss- 
lich weichem Colorit und blosser Decoration gewichen, 
und nichts ertönt hier weniger als der Ruf der Seele, die 
solchen Abgrund kennt und Hülfe sucht ihm zu entgehen. 
Der Vorhang also verspricht nicht ein Bild der Welttragik, 
nicht ein Vergehen und Wiedererstehen der eigenen Exi- 
stenz in diesem Weltprocess, dessen Spuren in jenem mit 
soviel fremden Elementen untermischten christlichen Be- 
kenntniss auch dieser Beethoven, obwohl er nach eigener 
Erzählung „einen Jesuiten zum Lehrer gehabt 44 und in der 
ganzen blos schön gefärbten Weise des modernen Cultus 
aufgewachsen war, sich wohl tief erfühlt hatte. Hat ihm 
das „Ringen mit dem Herrn" den Bückgrat völlig ge- 
brochen und ist er, der zeither sogar Zeus selbst den Kampf 
geboten und zur grössten Freude des Fürstenberg in einem 
Briefe sich „Selbstvertreter* 4 unterzeichnet, dieses Selbst völlig 
verlustig gegangen? .Wenigstens im Kalender von 1820 steht 
da von seiner Hand: „Warst du auch heute geduldig 
mit allen Menschen? 44 Es ist als. habe er vom Anfang 
fast willenlos sich einer Sache ergeben, der er nicht eigent- 
lich gewachsen war, und als sei allmalig solch sentimentale 
Stimmung über den freien kühnen Geist Herr geworden. 
So geht in diesem Werke auch nicht die hohe That des 
freien Opfers unsrer selbst, sondern ihr blosser Schein, das 
dramatische oder • vielmehr theatralische Abbild dieses er- 
habensten aller Vorgänge im Menschengemüthe vor unseren 
Sinnen vor. 93 



\ 



222 

Sogleich das GLoria, mit dem „Credo" weitaus der 
gehalltvoll&te Theil des Ganzen, wo mit stets wachsender 
Energie zu dem zeugenden Kern des Alls vorgedrungen 
wird, fuhrt uns in diese blos decorativ theatralische Welt 
ein. Freilich ein Beethoven weiss immer, wem er Ruhm 
singt, wenn er zu den Höhen des Daseins schaut und das 
hehre Gesetz sucht das über allem Seienden thront Allein 
das Fanfarenartige dieses Preismotivs muss am Ende eben, 
wie einst jugendliche Schwärmerei für Kirchenkunst sich atis- 
gedrückt, zu einem „brillantesten Amen" und gar zu einer 
Stretta in stets drängenderen Bhythmen fuhren, in der dann 
allerdings „losgelassenste Begeisterung 44 und „wildeste Um- 
züge" den Ton angeben. Es ist der natürliche Erfolg und 
durchaus entsprechende Abschluss gewissermassen einer 
Keihe von Bildern auf offener Scene, wie wir sie hier 
allerdings zum Theil in kühner Grösse gesehen, die aber 
weniger dem Gemüthe als der Phantasie angehören und 
mit deren höchsten Erhebungen folgerecht auch einzig de 
dramatische Musiker, nicht der Kirchencomponist gewuchert 
hat. Es ist ja zugleich mancher eigene Lebensfeden Beet- 
hovens hineingewebt, und überraschend tiefe rein musika- 
lische Wirkungen sind erreicht Das Ganze ißt jedoch in 
ein transparentes Dämmerlicht getaucht, das ein an offene: 
Himmelslicht gewöhntes Auge nicht zum freien froher 
Aufblicken gelangen lässt. Das „Friede den Menschen au 
Erden" hat allerdings eine ebenso „schöne Betonung'* *m 
des Gratias Anmuth. Die Allmacht des Vaters kündig 
sich wie mit Donnerschlag an, und die Bitte um Erbannei 
wegen der so schweren Last der „Sünde", der Preis de: 



223 

•Allein Heiligen*, alles dies ist fühlbarst vom Tondichter 
selbst mit allem Sehnen und Suchen der Seele hingeschrieben 
worden. Dass aber trotz allem hier ihm die eigene Brust 
nicht frei athmet und lebt und wirkt, dies sagt uns bei 
äU diesem Beichthum und Glanz jeder Ton oder vielmehr 
te Ganze selbst Weshalb auch die einzelnen Bilder hier 
flicht näher zu betrachten sind.* 4 

Ungleich sicherer und mit einer gewissen kräftigen 
Unmittelbarkeit, wie sie ja sonst ein so schönes Gut Beet- 
hovens ist, setzt das Credo ein, im Aufbau ein wahrhaft 
mächtiger Satz. „Ich glaube !" das ist Gewissenssache, und 
Jteligion und Generalbass seien in sich abgeschlossene 
Dinge, über die man nicht weiter disputiren solle", behaup- 
tet Schindler ausdrücklich vom Meister vernommen zu haben 
und entspricht auch allem was wir nach dieser Seite hin 

von ihm wissen. Wie oft hörten wir ihn nicht mit aller- 

• 

menschlichstem Bedürfen nach Trost und Hülfe des Un- 
aussprechlichen rufen! Hier vor allem also muss es sich 
entscheiden, ob wie bisher bei hundert Anderen und bei 
ihm selbst dereinst, nur so wieder „auch einmal eine Messe 
geschrieben werden soll" oder ob wahres Empfinden den 
Grund des Beginnens bildet Der Introitus war noch 
von dieser Art einer „schönen Messe", die recht gefällt 
und nach damaliger Auffassung hübsch populär ist. „Die 
Welt ist ein König und sie will geschmeichelt sein, soll 
sie sich günstig zeigen", steht in einem Conversationsheft 
«vom Uten März 1820". Auch Schindler spricht wieder- 
holt von einer einfachen Messencomposition als „ursprüng- 
lichem Plan". In der gleichen, dem sinnlichen Gehör und 



I 



224 

Empfinden sich einschmeichelnden Art lieblicher Melodie 
wie das Kyrie sind denn auch später noch einige Stucke, 
vor allem das „Dona nobis" concipirt In einem Mendels- 
sohnschen Skizzenbuch steht wörtlich: „Das Resultat des 
Friedens ist Kühe d. h. lustigste", und sogleich folgen 
Skizzen zum „pacem", das allerdings schon in seinem ruhig 
wogenden 6 / 8 Tact die einfache Daseinsbefriedigung athmet 
und in dem oft wiederholten und so recht bemerkbar ab- 
schliessenden lieblichen Melodie-Thema noch einmal dieses 
Gefühl als Resultat der ganzen Erhebung kindlich zu- 
trauensvoll bestätigt, — ganz der Standpunct jener Tage, 
wo so recht ein guter Glaube an Welt und Menschen 
herrschte und der Band des Abgrunds, an dem wir wan- 
deln und den uns nur innerste Zusammenfassung und männ- 
liche Glaubensthat überbrückt, nicht gesehen oder nacht- 
wandlerisch umschritten wurde! 

„Doch wahre Kunst ist eigensinnig, — lässt sich nicht 
in schmeichelnde Formen zwängen", schreibt er oben weiter, 
und mit diesem Erwachen des künstlerischen Bewussteein* 
scheint sich auch ein Erwachen des eigenen inneren 'Lebens 
anzudeuten, jenes Schaffen „aus dunklem Schoosse*, wie 
ebenfalls er selbst dort aufschreibt. Und in der That ein 
mächtiger Hauch dieses innern Weltathems weht durch das 
„Credo! Credo! 4 * — „Der droben, o er ist und ohne ihn 
ist nichts!" Wer in so tiefen* eigenen Leiden das heisaf 
Bedürfen nach dem Halt eines Höheren empfunden, der 
wird auch mit vollen Mannestönen das Bewusstsein un«\ 
die Erfahrung dieses Ewigen und Allwaltenden aussprechen, 
und der „Eine Gott, allmächtige Vater Himmels und der 



225 

Erden* ist ihm kein Wahn und Spott Ebenso fühlt er 
aus diesem Einen Geist und Vater alles Daseins den Sohn 
geboren, den wahren Menschen und darum wahren Gottes- 
sohn, — es ist ihm nicht zweierlei, es ist ihm Eins und 
das Eine nur Bethätdgnng des Andern. Aus dieser einen 
allumfassenden Ueberzeugung, die ihm selbst zugleich Le- 
bensgrund und Lebenshalt ist, aus diesem wahren Glau- 
ben an ein All des Lebens fliesst dann alles weitere her- 
vor, und man erkennt leicht aus den Tönen selbst das 
Mass der Geltung und die Nähe oder Weite der Entfernung 
von der Quelle, worin die nachfolgenden Auslegungen und 
Ausflösse dieser einen Wahrheit nach seiner Ueberzeugung 
stehen. 

Das Wunder der Incarnation, dieser tiefste Da- 
seinsprocess, ein Sinnbild davon wie die Natur aus blosser 
Sinnenöde zum Geist und Menschen wird, das entscheidende 
(ieheimniss aller religiösen Existenz umflattert auch ihm 
den Sinn in halb wirren Visionen, wie wenn der Geist 
des stets Seienden und nie Gewesenen ihm die Stirn be- 
rührt habe. In tiefsten Oedeu des Nichtseins irrt das „Et 
incarnatus" (Und ward Fleisch) einher, an „alte Kirchen- 
Choräle der Mönche", au urälteste Weise des Gottempfindens 
gemahnend, („wir haben den Zarlino, — es heisst Dode- 
kachordon — Suchen Sie es auf der Kaiserlichen Biblio- 
thek", schreibt Bernard um die Jahreswende 1819/20 auf,) 
und erst als das Licht von oben diese „alte Weise" um- 
spielt, geschieht das Da-Sein. „Et homo factus est"" (Und 
ward Mensch), — mit welch beseligender Gewissheit tritt 
dieses Factum ein, das in seiner Bestimmung hat, nun auch 

Kohl, Beethovens letzte Jahre. 15 



226 

alle Menschen — Menschen werden zu lassen. Es könnte 
zwar tiefer und weniger in blos leiblichem Bilde gefasst 
werden und ist wirklich später so gefasst worden. Aber 
es lebt doch eine schöne persönliche Ueberzeugung und 
sozusagen sinnenhafte Gewissheit in dem Ausdruck dieser 
Erstehung des menschlichen Wesens, die das Wahrhaftige 
des „Credo! Credo!" nur bestätigt. 

Das Crucifixus entspricht dem Empfinden, dessen 
jene Zeit überhaupt für dieses Sterben fähig war, und Beet- 
hoven wendet offenbar alles Können au£ uns eine Vorstellung 
davon zu geben, was für Leiden hier gelitten und dass sie 
um des Unheils der ganzen Welt willen erduldet wurden ! Das 
Et sepultus est lässt dann zwar alles hinter sich, was 
die Zeit Mozarts und Haydns von solch schöntraurigen 
Empfindungen gemalt hat, und zeigt, das Hinabsinken in 
sich selbst ist hier persönlich und oft genug erfahren 
worden. Allein dass dieses tragische Leid die Welt be- 
deutet und eine neue Welt ankündet, wie Beethoven selbst 
uns diesen Lebensprocess der Menschheit, dessen erhaben- 
stes Bild das Leiden und Sterben Christi ist, sonst so tief 
zu Sinn und öemüth gefuhrt, wer wollte dies aus jenen 
an sich gewiss schmerzlichen Rhythmen und klagenden Syn- 
kopen hervorhören? 

So fesselt uns auch nach dem in fundamentaler Harmonie- 
folge klar hingestellten Et resurrexit nicht der an sich 
echt Beethovensche Jubel Et ascendit, nicht das „Sitzen 
zur Kechten" und „das Wiederkehren zu richten die Le- 
bendigen und die Todten", so deutlich und auch mäch- 
tig gross die einzelnen Momente gedacht sind, namentlich 



227 

i 

das nie aussetzende Welt- und Geistesgesetz dieses inneren 
Gerichts und dass sein Reich nie aufhören werde, „nie!" 
Ebenso sei nur berührt, wie an der Hand des einen siche- 
ren Allglaubens nun die einzelnen Artikel nur so cursorisch 
und in den Mittelstimmen durchgegangen werden, als habe 
dies jeder Einzelne mit sich selbst abzumachen. Wobei 
allerdings das Symphonistische ebenso zu bewundern wie die 
Umgehung aller directen Unaufrichtigkeit zu constatiren ist. 
Nur die „Erlassung der Schuld" findet wie im Gloria wieder 
ihre besondere Betonung. Aber wir wollen solchen psycho- 
logischen Einzelnheiten nicht nachspüren. Es winkt uns 
ein Grösseres, neben dem starken Glauben nun auch 
sozusagen ein sicheres Schauen des „Allmächtigen, des 
Ewigen, Unendlichen" in seinem Bestand und Wirken, wie 
es diesen Grossen nicht nur in allen Unfahrten und Nöthen 
am Leben erhielt, sondern innerlichst beseligte und zwar 
mehr als tausend sogenannter glücklichen Menschen, — das 
ewige Leben, das aus dem unendlichen Sein fliesst. 

Wie hat man nicht dieses „Et vitäm venturi" oft 
verwunderlich angeschaut! Und wirklich culminirt in Er- 
schaffung dieses mächtigen Auferstehungsbildes des innern 
Menschen alle Irrheit und „Erdenentrücktheit", die Beet- 
hoven bei diesem Credo befallen haben muss. Aber nicht 
der „Kampf mit der Schaar der Contrapunctisten", wie blöde 
Philisterei oben meinte, — die „Fülle der Gesichte" ist es, was 
ihn bedrängt und zugleich ängstigt sie in den Rahmen des 
einen irdisch beschränkten Bildes, selbst mit den „weit rei- 
chenden 44 Mitteln seiner Kunst zu bringen. Aber er hat sie in 
den Zauberkreis seines Schaffens gebannt, all diese Geister 

15* 



228^ 

des Daseins. Und wenn auch das fast übermenschlich An- 
strengende dieses Thuns, — denn es galt ja nicht etwa 
blosse schulgerechte Fugenarbeit, sondern dass alles leben- 
dig sei und „Subject" und „Contrasubject" möglichst zu wirk- 
lichen Wesen wurden, — sich wie in den oben berichteten phy- 
sischen und moralischen Nachwehen ebenso in den Skizzen 
dieses Stucks der Messe darstellt, die zahlreicher und so 
überall wiederkehrend bei keinem Werke Beethovens gefunden 
werden, so ist doch kaum anderswo in solchem Masse das 
sieghaft U eberwindende des Schauens von der Sache selbst 
rein äusserlich zu erkennen wie in eben diesem Manuscripte. 
Dasselbe ist nicht blos wie das ganze Credo sehr reinlich 
und fast stetig fortgehend sondern sogar schön geschrieben 
und bekundet die volle Sicherheit der Intuition und die 
Durcharbeitung des Gedankenverlaufs namentlich darin, dass 
bei mancherlei Correctur im einzelnen auch hier das Ganze 
ununterbrochen fortgeht und nicht ein Zweifel in Anlage 
und Bau desselben sich auch nur andeutet. Und dies will 
selbst in solch letzter Aufschrift etwas heissen bei einem 
Werk wie dieser Fuge, von der uns hauptsächlich gelten 
kann, was Schindle? nach* der ersten Aufführung der Messe 
im Mai 1824 aufschreibt: „Man spricht, Sie hätten in diesen 
Werken statt doppelten 4fachen Contrapunct angewendet". 
Es bedeutet eben die freie Ueberschau der Sache selbst 
in dieser Spiegelung des ewig werdenden Weltgewirrs, * 6 
Und hier treffen wir auf einen Lebensnerv des Beet- 
hovenschen Schaffens und sozusagen seines ganzen eigenen 
Seins. Und hier vor allem liegt fast einzig bestimmt und in 
schöner Klarheit der mächtige Vorschritt, den er mit dieser 



2 29 

Messe über sich selbst und den geistigen Bestand von da- 
mals that und in dem er gewissermassen eine nene geistige 
Anschauung statuirte oder doch für sich selbst fest aussprach. 
Und wohl mag ihm wie irre geworden sein, als er so zuerst 
völlig in dieses Kreisen des Seins, in dieses wahre ewige 
Leben schaute, — irre von dem Ungeheuren der That- 
sache wie vor Wonne der eigenen Theilnahme an dieser 
endlos unvergänglichen Existenz. 

Denn man wähne nicht, dass Beethoven hier das 
seichte Bekenntniss eines blos zukünftigen Lebens ausge- 
sprochen habe, wie selbst dem Indianer „da droben" seine 
Jagdgründe lohnen sollen. Er hatte zu tief in den Zu- 
sammenhang des Seins geblickt um nicht zu wissen, dass 
dasselbe ewig ist und dass dieses Bewusstsein eines wirk- 
lich ewigen Lebens der einzige Trost und Ersatz für das 
Dasein in der Vergänglichkeit und die Leiden des Indivi- 
duums ist So ergreift ihn an dieser Stelle in Wahrheit 
das „Ewige Unendliche 44 , zu dem er so oft gefleht, und so- 
fort steht vor seiner Seele das Bild dieser unwandelbaren 
Grundlage aller Vergänglichkeit in einem musikalischen 
Motiv, wie es „sprechender" niemals erfunden worden ist 
Es ist das mächtige 




Et vi - tarn ven - tu • ri 
Ein e - wi - ges Le - ben! 

Die Accentuation kündet hier sogleich aufs bestimmteste 
energische Behauptung, das heisst persönlichste Ueberzeu- 
gung an. Das harmonisch -melodische Material der ent- 



230_ 

scheidenden Worte „Ein ewiges Leben" ist der reine 
Dreiklang der Dur-Tonart, und zwar von der Domi- 
nante zur Tonika fallend, wie alles Werden und Gewor- 
dene sich auf den Grund des Seins senkt und da durch 
stetige Erneuerung seiner selbst an dem ewigen Leben theil- 
nimmt. Das „Contrasubject" auf Amen! aber spiegelt die 
freudig lebendige Bewegung dieses ewigen Weltgesetzes 
wieder. Da ist nichts zu deuten, denn es ist nichts ge- 
sucht sondern alles gefunden, und man erkennt Beethovens 
Aeusserung zu Bettina als wahr: alle echte Erfindung sei 
moralischer Fortschritt! 

Diesem ersten sichern Wurfe entspricht nun die Aus- 
führung des Ganzen, die nach aller Mühe und Qual, von der wir 
hörten, wirklich die volle Höhe des Beethovenschen Geistes 
bedeutet, der sich nicht im Widerspruch mit dem Ewigen 
und All der Welt und Menschheit weiss, sondern in tiefetjör 
Harmonie mit demselben. Hier ist „Freiheit, weiter gehn 
in der Kunst weit", wie Beethoven eben damals an den 
Erzherzog- schreibt, denn sie ist eben in der „ganzen grossen 
Schöpfung 4 ', sie ist im „ewigen Leben" vorhanden und dem Be- 
wusstsein solch unvergänglichen Seins entsprungen. Freieste 
Sicherheit in Handhabung des Technischen, das überall 
dem möglichst bestimmten Ausdruck dieses geistig gewuss- 
ten ewigen Lebens dienen muss, und unsägliche innere 
Heiterkeit sind das Resultat von solchem Wissen der Frei- 
heit des menschlichen Wesens in diesem ewigen Gesetz. 
Hier ist jeder falsche Schein, jede äussere ästhetische Ab- 
sicht getilgt, und die volle Gesundheit und Wahrheit des 
ursprünglichen Menschenwesens tritt hervor. Sentimentales 



231 

Vergänglichkeitsgefühl, jener letzte Best des Egoismus, der 
nur an sein Vergehen denkt, und gar schwächliche Sterbens- 
sehnsucht sind wie weggeweht vor dem Gefühl eines unge- 
heuren ewigen Seins, in dem das Einzelne sich stets ersetzt 
und die Trauer über das stete Vergehen in dem Jubel des 
ewigen Werdens aufgeht Der weltschaffende Geist spielt 
lächelnd mit sich selbst, und es ist begreiflich, dass in 
diesem Stücke auch das irre Glückseligkeitslächeln wider- 
spielt, das die Züge der heil. Barbara auf Bafaels Sixtini- 
scher Madonna je länger je mehr räthselhaft macht. Es 
sind die Bäthsel des Ewigen, die sich hier spiegeln, und sie 
bleiben dem trüben Tagesauge wie Irrsein und Wahnsinn. 
Hier herrscht also trotz der Fugenform, die ja über- 
haupt allein den all-einigen Sprudelquell dieses ewigen 
Werdens künstlerisch zu versinnlichen vermag, nicht mehr 
der Scheinernst des flittervollen Gottesdienstes jener Tage 
eines Z. Werner u. a. und überall kein blosses „Schauspiel" 
mehr. Es ist die vollste Wirklichkeit und tiefinnerster 
Ernst der Wahrheit, wie er allerdings durch das Schauen 
in die Notwendigkeit jenes „Gekreuzigt und begraben für 
uns, die Menschheit" nur tiefer werden konnte. Disso- 
nanzen der schärfsten Art walten wieder, wo weit über 
das eigene Leid, das diesem „Unglücklichen Unglücklich- 
sten aller Sterblichen" . so oft ins innerste Leben gebohrt, 
der ungeheure Biss der Welt seine Heilung, die Weltdisso- 
nanz ihre Lösung finden soll, und ganz erläutert sich hier 
sein Verstehen von Schillers: „Kurz ist der Schmerz, ewig 
die Freude", das wir diesem Buch als Motto vorgesetzt 
Es ist das wahre ewige Leben, die Unsterblichkeit des 



232 

schaffenden Geistes, dessen Kinder wir sind. Daher hier 
mit Fug bald auch entzückendes Freudenspiel bis zum 
„scherzando" der Stimmen und Instrumente eintritt und 
— bei dem „piü allegro" — Jubelzug dieser letzteren allein, 
als umtanzten die wechselnd wandelbaren Geschöpfe das 

allein ewige Sein! Ja alles Dasein umkreist zuletzt freude- 

• 

winkend und preissingend den Thron des Ewigen. Mäch- 
tigster Aufbau auf Dissonanzen, die ächzen als hätten sie 
die Last des Himmels zu tragen, freieäter Accordenschritt 
durch die Weiten des harmonischen Alls ! Und selbst zum 
heiligen Umzug der inneren Weltfeier steigert sich diese 
wirbelnde Wonne des steten Werdens wie die Kunst bis- 
her keine sah, bis sie zuletzt in einem still lallenden 
aber. innig wahren Gefühl ewiger Glückseligkeit, stets und 
bis ganz zuletzt das eine gleiche Wort: „Et vitam venturi! 
Ein ewiges Leben!" auf den Lippen austönt Wir werden 
noch auf des Meisters Todtenbette erfahren, was ihm gegen 
solches wahre „ewige Leben" die „Komödie" dieses blossen 
irdischen Daseins galt 

So haben wir auch hinter der fremdartigen und zufäl- 
ligen Yermummung, in der dieser seltsame Messen com- 
ponist bis dahin einherschritt, plötzlich wieder den alten 
ewig freien Geist und wahren Menschen erfosst, der im 
tiefsten Gefühl der Allzerstörung die höchste Lust des All- 
schaffens wiederfindet und so trotz allem Weh des blossen 
Scheins und Zweifels an Grund und Zweck dieses Daseins 
Friede Freude und Erlösung kündet Es war ihm die 
Berührung mit dem tieferen Sinn dieser christlichen Welt- 
tragödie doch nicht ganz unfruchtbar geblieben. 96 



i 



233 



Die letzten Stücke haben uns psychologisch nicht die 
gleiche Bedentang, auch zeigen sie am meisten blos geist- 
voll Experimentirendes. Freilich das ebenfalls noch beson- 
ders „Mit Andacht" fiberschriebene Sanctus entspricht in 
seiner tief innerlichen Würde nnd Erhabenheit dem still an 
sich haltenden Verehren, welches dieser vom Leben viel 
Geprüfte stets mehr vor dem „göttlichen Walten' 4 empfin- 
den musste, nnd sein Herz erbebt in dem Gefühle des 
Verschwindens jedes persönlichen Wnnsches nnd Wollens 
vor dem „allein Heiligen 44 . Pleni snnt coeli nnd 
s an na sind dann zwar znm Preise des Höchsten ener- 
gischen Lebens voll, aber es geschieht trotz allem zn sehr in 
der hergebrachten Bedeweise was hier gesagt wird. Innig 
aber sammelt sich das Gemüth von neuem zum Besinnen 
auf die Quelle, woher auch uns allein wenn nicht Heilig- 
keit so doch Friede und Glückseligkeit kommt: das Pre- 
lndium gehört zn dem Schönsten und eigenst aus Beet- 
hovens Innern Geflossenen was wir besitzen. Und wie 
dann in das sich heiligend vorbereitende Gemüth aus lich- 
ten Höhen Buhe und' Glücksgefühl herabsteigt, das ist 
wieder volle künstlerische Intuition, nein rein mensch- 
liche Erfahrung, wenn das Herz in wahrhaftem Bedürfen 
des Heils sich aller Eigenwünsche bescheidet nnd zu dem 
allein Ganzen und allein Heiligen aufblickt Wahrhaft; 
gesegnet ist das Gefühl, das hier ins menschliche Herz 
sich senkt: es kommt von der Quelle alles Heils und bringt 
die Beseligung desselben mit sich. Wonnig erzittert das 
Innere vor dem Heiligen, in dessen Namen das Heil kommt, 



234 

wonnig in dem Gefühl dieses Heils selbst, und nie ist 
mit mehr Innigkeit und Berechtigung zugleich einem ein- 
zelnen Instrumente, freilich der „Königin dej Instrumente", 
auszusprechen übertragen worden, was ja nur rein persön- 
lich empfunden und ausgesprochen werden kann, als der Vio- 
line die innere Beseligung in diesem Benedictus. „Ge- 
fühl ist alles, Name Schall", muss es vor allem hier heissen, 
wo nur der Ton d. h. die reine Musik das Ganze und die 
Fülle der Empfindung aussprechen konnte, die in ihrem 
höchstPersönlichen dennoch die ganze Welt umfesst und — 
bedeutet Wir verehren auch in solcher Wahrheit der rein 
menschlichen Empfindung des Künstlers in Wirklichkeit 
das „göttliche Walten". 97 

Zum Schluss des Satzes wendet sich das Gemüth wie 
unwillkürlich wieder zu dem Preise des Ewigen woher 
sein Glück stammt, und es ist psychologisch nur richtig, 
wenn das „Osanna in excelsis" jetzt in den gleichen mild 
schönen Harmonien und sanften Rhythmen wie der Ausdruck 
des Glücksgefuhls selbst erklingt Das . Herz weiss sich 
eins mit dem Heiligen, das es hier preist Es ist eine 
förmliche Schule für das eigene Innere gewesen was Beet- 
hoven hier durchmacht, und wir werden ihn in seinen 
menschlichen Tiefen gereinigt und vertieft daraus hervor- 
gehen sehen. 

, Am meisten Kopfzerbrechens hat hier offenbar das 
Agnus dei gemacht. Seiner Skizzen und Versuche ist 
rast Legion. Auch ist es am spätesten fertig geworden 
und trägt von der veränderten Stellung des Componisten 
seinem Werk gegenüber am meisten Spuren. „Schone 



■ 
* 



235 

den Sünder", schreibt er da einmal auf und zwar in einem 
Skizzenbuch vom Jahr 1821, sodass es wie ein Aufruf an 
sich selbst erklingt, sich des besonderen Charakters dieses 
Stück sicher klarzuwerden und so die eigene Antheilnahme 
zu steigern. Freilich fanden wir hier schon mehrmals 
diese Hinfälligkeit der menschlichen Natur und die Bitte 
um Erbarmen merklich hervorgehoben, und man darf wohl 
dabei der Stelle gedenken, die er sich im „Kaufmann von 
Venedig* 4 angestrichen: „Die Natur der Barmherzigkeit 
leidet keinen äusserlichen Zwang, sondern sie träufelt 
gleich einem milden himmlischen ßegen freiwillig herab, 
sie ist zwiefach wohlthätig: sie beseligt den welcher gibt 
und den welcher empfängt." Er selbst hatte solche Barm- 
herzigkeit tagtäglich um sich umher vielfach zu üben, und 
es war vielleicht das Gefühl für diese allerdings besonders 
„sündig 44 erscheinende nächste Umgebung, was ihn wie oben 
S. 138 bei dem kleinen Karl an Verschweigen seines Fehls, 
hier so lebhaft an Schonung des Sünders überhaupt denken 
lässt Er persönlich diente ja seine Schuld nach Kräften 
durch sein Mitwirken an dem grossen Werke der Menschheit 
ab, und es ist nicht einzusehen warum er für sich selbst 
noch so besonders dringend um „Schonung 44 gebeten haben 
sollte. S9 hat die Eindringlichkeit dieses oft wiederholten 
„Miserere 44 , zumal in den Solostellen, geradezu etwas auf- 
dringlich Naturalistisches bekommen, wie man für sich 
selbst nicht bittet und das mit dem idealen Ton des Werks 
durchweg, besonders mit dem Hohenlied vom „ewigen Le- 
ben 44 wenig harmonirt Oder wollte er vor allem damit 
„religiöse Gefühle erwecken und dauernd machen"? 



236 

Nun kommt die „Bitte um innern und äusseren 
Frieden". 

Von dem Motiv der „lustigsten Ruhe" hörten wir 
schon. Es verstärkt seinen Charakter durch die Doppel- 
schlagfigur der Streichinstrumente, die später einen heiter 
tändelnden Gang annehmen und auch in dem Staccatolauf 
gegen den, ruhige Gewissheit athmenden breiten Gesang 
auf „pacem" ihren Sinn innerer Befreiung d. h. erneuter 
Lebensbewegung bewahren. Was dann kommt, ist gar 
verwundersam in einem kirchlichen Werk und enthüllt 
den vorwiegenden Schein des Ganzen, das „Schauspiel 44 oder 
wie es hier zu nennen ist „Oratorium**, völlig. Die Skizzen 
des „Agnus** aus dem Sommer 1821, als das äussere Schick- 
sal des Werkes längst entschieden war, enthalten folgende 
Notate: „fällt in 2 Theile, jedoch ohne gänzlich abzusetzen, 
Schlachtgemählde — Siegessymphonie, Sieg über den Feind, 
Erinnerung an den Krieg,** etwas weiterhin: „Marcia vivace 44 
und „Becitat. agnus dei qui tollis peccata mundi 4 *, und 
endlich in einem noch spätem Skizzenbuche: ,,Becitativo 
accompagnato alla battuta nemlich nach dem Tact**. Zum 
Glück ist wenigstens der projectirte „Marsch** auf eine 
überaus geistreich und discret ausgeführte blosse „Erinne- 
rung 4 * an den Krieg reduzirt Auch das nachher folgende 
„Presto* 4 für blosses Orchester ist nur ein sehr skizzen- 
haftes „Schlachtgemählde** oder auch kräftiger „Sieg über 
den Feind** mit Getümmel und Angstgeschrei von Freund 
und Feind. Wie denn beide „Episoden**, die von jetzt an 
Beethoven noch ganz besonders liebt und überall einschaltet, 
künstlerisch in jeder Weise mustergültig behandelt sind! 



237 

Allein die Bitte um „äusseren. Frieden 44 ist einmal ausge- 
sprochen, und sie behält denn auch die Oberhand. Mehr 
tändelnd freundlich als mit der gehaltenen Heiterkeit des 
Gemüths nach solchen tiefsten Seelenvorgängen und mäch- 
tigen Erhebungen schliesst das Ganze, den Charakter einer 
alles in allem mehr schönen als wahren Messe wahrend. " 

* 

So wären wir am Schluss des „Riesenwerks 14 und die- 
ses ersten Buches zugleich angelangt 

Mit Herkuleskraft und nicht minder echter Mannestreue 
hatte der Meister an dem Werke geschaffen und gebildet 
War ihm die innere Ausgleichung, die er mit einer solchen 
Arbeit zugleich für sich suchte, geworden und hat er den 
Preis derselben in Herstellung eines Bildes reiner mensch- 
lichen Existenz gefunden? In einem Momente, ja, und 
obendrein in einem entscheidenden und mit Macht und 
Freiheit! Ja die Erinnerung an diesen Sieg über den, 
hartnäckigsten Widerstrebens vollen Gegenstand mochte es 
sein, was ihn auch hier vor völliger Beendung des Werkes 
schon an eine zweite Messe und später gar an eine dritte 
denken liess. Im übrigen hatte er sich abgemüht im 
Frohndienst fremder Ideale und die Aufrichtigkeit seiner 
„Ergebung" in harter Arbeit zu erproben gehabt. Aber 
dass es im ganzen dennoch ebenfalls „ein Schauspiel nur", 
was er hier geschaffen, dieses Gefühl musste gerade bei sol- 
cher mühereichen Arbeit die Sehnsucht nach Erfassung der 
„unendlichen Natur* 4 erst völlig in ihm hervortreiben. Es war 
ebenfalls ein „verlorner Pfeil", den er nach dem Dauernden 
im Leben, nach dem Wahren in der Kunst abschoss. Aber 



238 

er lehrte ihn auch das Ziel wirklich finden, das ohne solch 
ernsteste Versenkung und Anspannung wohl in dem Öden 
Wirrwarr modernen Allerweltsempfindens und Allerweltden- 
kens auch diesem tiefeinnig Grossen nicht so sicher und 
* rein sich enthüllt haben möchte, dass wir ihn zu den 
wahren Bereicherern unseres Geschlechts zählen müssten. 
Und einmal, dies zeigte uns der ganze Verlauf von Beet- 
hovens Leben und namentlich diese spätere Zeit, — einmal 
musste solche innere Erhebung und tiefe Selbstentäusserung 
wirklich gethan werden, um selbst frei und ganz zu werden 
und der Menschheit ihr eigenes Gesicht zeigen zu können. 
Und dass dies nach bestem Wissen und Vermögen gesche- 
hen war, das führte ihn auch selbst zur Freiheit und Ganz- 
heit seines Wesens. 

Aber dass er nach solcher inneren Freiheit und damit 
nach „seiner Weise" in der Kunst sich schon während 
dieser Messenarbeit herzlich sehnte, dies deutet uns der 
Schluss jener Stelle aus dem Conversationsbuch (s. o. S. 224) 
an: „Berühmte Künstler sind befangen stets, drum ihre 
ersten Werke die besten, obwohl aus dunklem Schooss 
sie sprossen!" Nach diesem „dunklen Schooss" seines un- 
willkürlichen Empfindungslebens lechzt er wie nach dem 
Wasser des Lebens, nachdem so lange und mühselig an des- 
sen Räthseln wie sie das christliche Bekenntniss ausspricht, 
blos herumgedeutet worden war und die innere „Harmonie 
der Gefühle" fast mehr verloren als gewonnen schien. Er 
sucht nach unmittelbarer Erfassung des Ganzen, dessen 
Theile er ohne sie recht zusammenfügen zu können, solange 
in der Hand gehabt. Wir werden ihn denn auch bald in 



23 9 

diesem Thun begriffen und mit dem vollen Können dazn 
ausgerüstet finden. Die „Missa solennis" selbst ward ihm 
ein sichrer Anfschritt zu jener vollen Höhe, die er schon 
so oft zu erklimmen gestrebt, und eine Festigung der Kraft, 
das dort Erschaute nun auch zu halten und zu menschen- 
gleichem Bilde zu gestalten. 

Freilich zunächst hemmen ihn noch die Drängnisse, die 
ihm gerade dieses Werk auch äusserlich bereitete. Allein 
er schreitet vor, und im Bewusstsein des Ziels und des An- 
theils am Heile unseres Geschlechtes, wie er es vor allem 
in diesem „Et vitam venturi" sich gesichert, vermag er stetig 
an den Keimen fortzubilden, die ein glücklicher Moment 
des Schauens ihm in der Neunten Symphonie schon in 
die Hand gegeben. Der blosse Eigenwille war ihm gebrochen. 
Aber er hat aus der freien Ergebung in die Zwecke des 
Alls sich auch die freie Erhebung gewonnen, — die Er- 
hebung zu der Höhe des „Menschseins nicht für sich, nur 
für Andere", wie sein eigener Ausdruck schon im Tagebuch 
von 1812 lautete. Und hier also werden wir ihn selbst um 
das wahrhaft ewige Sein versammelt finden mit den Geistern, 
die sich durch das täuschend vergängliche Dasein zur Klar- 
heit und zum Erfassen des wahrhaft Dauernden, des wahren 
Menschenthums hindurchgerungen haben und von ihm uns 
ein dauerndes Bild und Beispiel gaben. 

Es war eine lange lange Bahn, die wir hier mit dem 
Meister zu wandeln hatten, aber sie war nicht ohne Ziel. 
Sehen wir nun weiter zu, wie er zu diesem seinem Ziele 
vorschreitet, „freudig wie ein Held zum Siegen! 4498 



IL Bach: Erhebung. 

1820—23. 



„Freude, schöner Götterfunken!" 

Siebentes Kapitel. 
Die letzten Sonaten. 

Wir setzen unsere Wanderung fort, es ist die gleiche 
durch die Wüste. Kings umstarrt ihn Oede, unsern Meister, 
politisch, social, menschlich, künstlerisch. Ja die Kette 
der Enttäuschungen, die diese letzten Jahre gebracht, wo 
auch nicht eine Hoffnung ^bestehen bleibt, nicht eine, und 
der Verfall aller höheren Interessen und namentlich der 
Kunst ebenso ans Licht tritt wie der des Staatslebens und 
der Gesellschaft, — all diese rückhaltlos hervorbrechenden 
Enttäuschungen und Entbehrungen, die die Zeit um so schmerz- 
licher trafen, als die Erhebung der Geister vorher so mäch- 
tig gewesen war und zu so schönen Hoffnungen berechtigt 
hatte, mussten auch unserem Wanderer den Horizont der 
Weite die er zu durchmessen hat, nur stets weiter hinaus- 
rücken. Allein die Oede ringsum richtet auch wie beim 



■»• 



241_ 

rechten Wüstenwanderer sein Gemüth nnr stets mehr auf 
das Ewige und Allwaltende, und hell leuchtet ihm dabei 
ein Stern, der ihn stetig am Wandern und man möchte 
sagen am Dasein erhält: seine Kunst und zumal die. 
Neunte Symphonie, die also vor allem als erhebende 
Aufgabe vor ihm stand. 

Dies haben wir stets festzuhalten, theils um nicht des 
ewigen Einerleis der äusseren Vorgänge auf diesem Lebens- 
wege müde zu werden, theils aber um der Bedeutung und 
Fülle jenes Werkes selbst völlig inne zu werden. Es hat 
abgesehen von seiner künstlerischen Vollendung etwas von 
demLebensprocess unserer Zeit an sich, von Beethoven selbst 
zwar nur halb bewusst empfunden und erst allmälig aus dem 
Schooss seines Fühlens hervorgearbeitet, aber auch wirklich 
in der Tiefe der Seele uns vorerlebt und mit dem Ernst 
des das Rechte suchenden Gemüthes zur Erscheinung ge- 
bracht Namentlich dass in all dieser Oede der Entbehrun- 
gen 'nur Eines wahrhaft Freude bringt: „der Gottheit sich 
mehr als andere nahen und von hier aus die Strahlen der 
Gottheit unter das Menschengeschlecht verbreiten", oder 
wie es ein andermal wenn auch noch unbeholfener doch 
bestimmt genug gegen den gleichen hohen Kirchenfürsten 
heisst: sein neuer Beruf, der so sehr die Liebe der Men- 
schen umfasse, sei wohl einer der schönsten, — dieses 
Gefühl arbeitet sich stets mehr als Trost und sogar als 
glückspendendes Bewusstsein in ihm durch. 

Wie also die Weisen dieses Werkes selbst von einer 
fast endlos tiefen Erfülltheit mit dem Inhalt unseres rein 
menschlichen Empfindens und von der deutlichsten Energie 

Nohl, Beethorens letzte Jahre. 16 



242 

Ün Ausdruck dieses allein bestandhabenden Lebensgehaltes 
sind, so treffen sie auch unser Inneres in seiner Tiefe, 
durchglühen es in seinem Grunde und treiben aus seinen 
letzten Schlupfwinkeln alles hinaus, was uns einen andern 
Verhalt d£s Daseins vorspiegeln möchte als den, welcher 
uns hier von dem ewigen Sehnen nach Glück und von 
seinem Finden gegeben wird, von jener Freude schönem 
Götterfunken, der im Dasein und Wirken um des Ganzen 
willen hellleuchtend aufsprüht Es fühlt ein Jeder hier 
die Ahnung seines Herzens bestätigt: 

„Es gibt ein Glück, das ohne Reu'!" 

und die mannessichre Behauptung dieser Menschenwahrheit 
in allem Menschenleid ist es, was jenem Werke wie dem 
Leben dieses Künstlers selbst etwas so Erhabenes und 
Ideales gibt und demselben ein die Gränzen jeder beson- 
deren Kunst weit überschreitendes Ziel der Bedeutung 
setzt: es bereitet dem Herzen die Gewähr seiner selbst 
und gibt ihm neuen Halt im Dasein. 

Solchen ethischen Bestand in Beethovens Sein und 
Schaffen also haben wir im Sinn zu behalten, um nun auch 
die ferneren Untiefen unseres Gegenstandes glücklich zu 
durchsteuern. Dann wird uns das „ermüdende Gleichmass 
der Tage", das hier oft in unleidlicher Gewöhnlichkeit 
auftritt, erträglich und die einzelnen Daten werden wie 
Meilenzeiger am Wege zum Ziel sein. 

* 

Zunächst scheint die „ungemessene Weite 44 noch von 
Nachspiegelungen des letzten Vormundschaftsstreites und 
der magistratischen „Eselsspiele u durchzittert, von denen es 



\ 



-*&-*? x 



243 

gegen den Erzherzog heisst: „Der Himmel ende es endlich, 
denn mein Gemüth leidet empfindlich und schmerzlich 
dabei 14 . Wenigsten» stehen in Beethovens Exemplar des 
Shakspeare, der auch in einem Gespräche mit Bernard 
in diesem Winter 1820 erwähnt wird, Stellen wie die 
folgenden angestrichen: „Behaupten ist nicht beweisen 41 ; 
„ich wollte lieber ein Kind annehmen als zeugen" mit 
triftigen „???!" und das schöne Wort Desdemonas: „Der 
Himmel gebe mir Gnade, nichts Böses vom Bösen zu ler- 
nen, sondern durch das Böse besser zu werden." Doppelt 
angestrichen und mit einem Ohr versehen ist aus der Liebes- 
tragödie „Bomeo und Julie", die nach der Wiener Zeitschrift 
am 21. Oct dieses Jahres mit der berühmten Stich in 
Wien aufgeführt ward: „Was die Liebe thun kann, dazu 
hat sie auch den Muth". Aus Viel Lärm um Nichts: „Sie 
sollen die Vernunft anhören. — Wenn ich sie nun ange- 
hört habe, was wird mir das für Vortheil bringen?" und 
noch directer hinweisend aus dem Wintermärchen: 

„Ich habe noch nie gehört, dass es einer welche Math genug 
hat so grosse Verbrechen zu wagen, an Verwegenheit gefehlt hätte 
sie mit eben der Unverschämtheit von sich abzuleugnen, womit 
sie dieselbe begangen hat/ 4 

Entsprechend Beethovens Gesinnung und Handlung aber 
heisst es aus Ende gut alles gut: „Sei deinem Feinde 
mehr an Macht als an Gebrauch derselben gewachsen!" 
Und doch sollte man, so denkt er wohl, bei einer Erschei- 
nung wie dieser „Königin der Nacht" jnit Gratiano im Kauf- 
mann von Venedig der Meinung des Tythagoras beitreten, 
daas die thierischen Seelen in die menschlichen Leiber 
wandern! Allein: „wie weit diese kleine Kerze ihre 

16* 



244 

Strahlen wirft! So scheint eine gute That in einer schlim- 
men Welt!" sagt Portia, und wir werden sehen, dass auch 
er gegenüber der Wittwe bei solcher Handlungsweise be- 
harrt Denn er hält es ebenfalls mit Shakspeare in Be- 
zug auf die moralische Natur seiner Kunst und will bewäh- 
ren, dass „der Mann der Musik hat in ihm selber" zu 
Gutesthun und Verzeihen aufgelegt und in den Bewegun- 
gen seines Gemüths rasch ist wie das Licht und in seinen 
Trieben helle wie der Tag. Man darf einem solchen Manne 
trauen! * 

An den Streit mit dem „Bürger" erinnert ferner die 
Stelle ebendort: 

„0 dass Landgüter Ehrenstellen Aemter nicht so niedrig 
erhalten würden, dass reine Ehre allemal durch Verdienst dessen 
gekauft würde der sie trägt ! Wie viele würden dann sich bedecken, 
die izt mit entblösstem Haupte stehen!" 

Und an den Neffen gemahnen wieder die Stellen aus Ende 
gut alles gut und dem Kaufmann von Venedig: 

„Ich mache mir von ihr alle die guten Hoffnungen, welche 
ihre bisherige Erziehung verspricht; ein gutes Naturell ist ihr 
angeerbt und dadurch werden schöne Gaben noch schöner." — 
„Noch nie habe ich einen so jungen Körper mit einem so alten 
erfahrenen Kopfe gesehen." ' 

Doch sagt da schon einmal Bassanio und ein andermal Jessika: 

„Ich mag keine schönen Worte und ein schelmisches Herz." 
— „Ob ich gleich dem Blute nach seine Tochter bin, so bin ichs 
doch nicht der Aufführung nach." 

Und dem entspricht die Stelle aus der Odyssee: 

„Wenige Kinder nur sind gleich den Vätern an Tugend, 
Sohlechter als sie die meisten, und nur sehr wenige besser." 

Er selbst aber blieb getreulich „Vater seines minderjähri- 
gen Lümperls" und liess über sich Sonne scheinen und 



F ^~r* 



245 

regnen wie der Himmel es schickte. Wir werden diesen 
Dingen zum Glück erst in späten Jahren wieder begegnen. 100 
Aber auch in socialer Hinsicht sah er sich mit den 
Jahren stets vereinsamter in dem übrigens so lebenspru- 
delnden Wien. Wir vernahmen seine Klagen über den 
österreichischen Staat und die „Paijaken". Und wirklich 
liess in dem schönen Lande die Restauration bald ganze 
Gebiete des Daseins veröden. Die von Kaiser Franz und 
Metternich berufenen oder doch begünstigten Fr. Genz, 
AcL Müller, Fr. Schlegel und Z. Werner suchten den 
öffentlichen Volksgeist möglichst zu ersticken, und die 
Folge davon war in allen Ständen das auch von unserem 
„herrlichen Dulder" annotirte Wort: 

„Allda sassen stets der Faijaken hohe Beherrscher 

Festlieh bei Speis 4 und Trank, und schmans'ten von Tage zu Tage." 

Aber das „mystisch-pietistisch-religiöse" Blatt, an dem auch 
Schlegel und Werner fleissig arbeiteten, die Menge der 
„Geistlichen Uebungen" oder was sonst von Werner, Sailer 
und Andern in den Conversationsheften jener Zeit sogar unser 
Meister sich aufschreibt, nutzten wenig und schadeten viel. 
Wenn es also von dem trefflichen Kanne dort heisst: „Er 
ist in den Wirthshäusern ästhetisch verwahrlost", so war 
dies durch den stets zunehmenden Mangel an Pflege höherer 
Interessen dort vorab bei einem an literarische Regsamkeit 
gewöhnten Norddeutschen begreiflich. So steht denn auch 
in den Conversationen damals von verschiedener Seite: 

„Die Polizei nimmt selbst im Inlande gedruckte Bücher weg» 
die Obscuranten haben hier auf eine schreckliche Weise die Ober- 
hand." — „Wallishauser war heut bei mir und sagte, dass Schlegel 
nichts mehr macht als Essen und Trinken und Bibellesen ; Werner, 



246 

glaubt er, wird wahnsinnig werden, weil niemand mehr in seine 
Predigten geht" 

Aus einer solchen Predigt dieses Apostaten, von dem auch 
einmal dasteht: „seine drei Frauen leben noch", aus dem 
Winter 1819/20 wird jedoch dort die Aeusserung berich- 
tet: erst müssten sie vor sich selbst erschrecken und dann 
Staaten verbessern ; man glaube er habe Metternich bezeich- 
net, denn er habe auch von H gesprochen. Das könne 

nur dem Werner gelingen. Ein andermal heisst es: „Der 
Gör res ist hier für immer zu Grunde gerichtet, weil er 
wagte die Wahrheit zu sagen", und wieder: Grillparzer 
habe wegen des Gedichts „das alte und neue Born" einen 
Verweis vom Polizeiminister bekommen, weil er als Christ 
kein solches Gedicht hätte machen sollen l 

Die Wirkung dieser geistigen Verödung auf den ge- 
selligen Verkehr mag denn auch Beethoven selbst auf Anno- 
tirung von Shakspeares Wort gefuhrt haben: 

„Der Inhalt seiner Gespräche ist wie zwei Waizenkörner in 
zwei Büschel Spreu versteckt; man kann den ganzen Tag suchen 
ehe man sie findet, und wenn man sie endlich gefunden hat, so 
waren sie des Suohens nicht werth." 

Begreift man da, dass er auch abgesehen von seinem Ge- 
hör gesellige Zusammenkünfte mehr floh als suchte, na- 
mentlich wenn ihm aufgeschrieben ward: „Wir werden 
bestimmt Frösche und gebratene Austern essen und Cham- 
pagner trinken \ u Begreift man aber vor allem, dass ihm 
Englands Sitten und Staatseinrichtungen stets in glänzen- 
derem Lichte erscheinen mussten, zumal als Lord Broug- 
ham seine berühmten Beden im Parlamente hielt, dass er 
femer über Kaiser Franz und zwar laut auf der Strasse 



247 

gar derb raison nirte? — Bernard schreibt denn auch im März 
1820 auf, Ozerny habe ihm erzählt, dass der Abb6 Gelinek 
(3. ob. 8. 30) sehr aut Beethoven geschimpft habe; er habe 
gesagt, er sei ein purster Sand, er schimpfe über den 
Kaiser, über den Erzherzog, über die Minister, er werde 
noch an den Galgen kommen. Ein solcher „purster Sand 44 
aber widersprach gewiss nicht, wenn ihm von Napoleon I. 
aufgeschrieben ward: 

„Versproch'ne Treu' und Glaube sind dahin, sein Wort galt 
weit mehr. Er hatte Sinn für Kunst und Wissenschaft und haute 
die Finsterniss. Doch stürzte er überall den Feudalismus und war 
Beschützer des Rechts und der Gesetze!" 

Beethoven konnte eigener Jugendzeiten gedenken und hatte 
sich angesichts solcher Zustände nicht zu schämen, einst 
dem grossen Gonsul der ersten Bepublik ein mehr als 
ehernes Denkmal gesetzt zu haben. Wir verstehen aber 
auch, wenn Bernard im Febr. 1820 aufschreibt: „Auf den 
so sehr verkannten Napoleon sollten Sie einen Hymnus 
componiren!" Doch hören wir nichts von einer solchen 
Composition und kennen andrerseits auch Beethovens Ant- 
wort nicht, wenn in einem Gespräch über die neu ent- 
standenen Ligorianer, über Amerika etc. Blöchlinger von 
den „neuen Revolutionären 14 spricht, dieEotzebue ermor- 
det und einen übelgedeuteten oder gar zu sehr hervorleuch- 
tenden Egoismus haben. Die Menge derartiger Conversa- 
tionen aber bestätigt uns, dass Beethoven die allgemeinen 
Zustände damals wenig benagten und ihm namentlich das 
Leben in Wien und Oesterreich fast verleideten. 101 

Und fand er denn nicht Ersatz dafür in seiner Kunst? 



248 

Im eigenen Schaffen gewiss und in dieser letzten Zeit 
ohne Zweifel mehr und befriedigender als je. Aber an 
den Werken dieser Lebensperiode, wenigstens an der Neun- 
ten Symphonie und den Letzten Quartetten hat der „Geist 
der Zeit" und zumal das Eunstleben in Wien nur wenig 
Antheil mehr. Der allgemeine Sinn begann sich hier wie 
anderswo in deutschen Landen in der Musik gerade damals 
so völlig abseits des schönen Daseins von Mozart und Beet- 
hoven zu entwickeln, dass erst nach mehr als einem Men- 
schenalter die energische Bückkehr zu der innigen Unschuld 
des Einen und der hehren Gemüthskraft des Andern uns 
wieder zu einer Kunst geführt hat, die dem deutschen 
Geiste und einer höheren Anschauung überhaupt entspricht 
Was dazwischen liegt, ist eine theils schwächliche theils 
frivole Abwendung vom eigentlichen modernen Wesen, und 
schlimm genug, dass wir auch Beethoven, unsern grossen 
kraftvollen Beethoven, von der Spielerei, die damals mit 
seiner Kunst begonnen ward, nicht ganz freisprechen kön- 
nen und ihn sogar in gewisser Weise als Miturheber jener 
faden Sentimentalität und hohlen Scheinkunst bezeichnen 
müssen, die uns Jahrzehnte lang in der Musik geplagt hat. 

Allerdings sehen wir ihn vorerst aufe heftigste gegen 
dieses Treiben sich aufbäumen. Er wusste, welche reini- 
gende und heiligende Kraft in dem Urquell seiner Kunst lag, 
sie hatte ihn so oft in heissen Nöthen gelabt, gestärkt, 
erneut, er gab ihre „Offenbarungen' 6 nicht so leicht dahin. 
Die Kunst stehe nicht mehr so hoch über dem Gemeinen, 
sei nicht mehr so geachtet, hörten wir ihn schon 1816 
gegen Dr. Bursy klagen. Und wirklich, obwohl die Klage 






249 

über schlechten Geschmack und mangelnde Theilnahme 
am Bessern so alt ist wie die Kunst selbst, zeigt sich doch bei 
den öffentlichen Froductionen Wiens seit der Congresszeit 
dieser geringere Grad von Achtung so sehr, dass 1817 auch der 
Referent der A. M. Z. über die ßohheit klagt, die an die 
Stelle der alten „Urbanität" dör Kaiserstadt getreten sei. Auch 
hier ward von Seiten der leitenden. Gewalten alles dasjenige 
begünstigt, was den niedern oder doch blos sinnlichen 
Neigungen fröhnte, über welche keine Kunst mehr Gewalt 
hat als die Musik, weil überhaupt keine mehr unmittel- 
bare Lebensgewalt hat. Ebenso musste Beethoven selbst 
ja schon 1816 K. Czerny Vorwürfe über das Hineinpfuschen 
in seine Compositionen machen. Was war da erst von 
den „unberufenen Aposteln" zu erwarten? Es kam aber 
überhaupt jetzt Beethovensche und andere ernste Musik 
wenig zur Vorführung. Bossini begann seinen orgiasti- 
schen Zug durch Europa, sein „freies Sinnenspiel" entsprach 
der ganzen moralischen Art und Neigung der Zeit. Schon 
am 11. März 1820 sagt die Wiener Zeitschrift: „seit Mozart 
und Beethoven aus öffentlichen und Frivatconzerten ver- 
schwunden sind etc." und lobt die 9jährige Leopoldine 
Blahetka, die sich auch von seiten Beethovens freund- 
licher Antheilnahme zu erfreuen gehabt, noch besonders, 
dass sie „in unserm Zeitalter der Potpourris und Polonai- 
sen" es gewagt, ein ganzes Concert eines classischen Ton- 
setzers, nämlich Beethovens Bdurconcert, in ihr Programm 
aufzunehmen. 

Es begann die Epoche jener virtuosen Schmuck- und 
Putzarbeiter, die sich an Mozarts Eleganz und Grazie an- 



250^ _ 

lehnten, ohne je seine Innigkeit und seinen Geist zu er- 
reichen. So erschien, um hier zugleich etwas aus Beet- 
hovens Sphäre mitzutheilen, zunächst das „schöne Talent" 
des jungen Mozart. Die Wiener Zeitschrift, als deren 
Leser wir ja auch unsern Meister kennen, meldet von ihm 
am 2. Mai 1820: was sein Spiel betreffe, so neige er sich 
auch hierin wieder dem Vortrage seines unsterblichen Va- 
ters zu und bilde beinahe einen Contrast mit manchen 
Himmelsstürmern unserer Zeit. In den Conversationon eben 
eines solchen „Himmelsstürmers" aber steht im April 1820 
von unbekannter Hand: 

„Sieht der junge Mozart seinem Vater ähnlich? — Dass er 
bisher nicht suchte sich Ihnen zu nähern, macht seinem Sinn keine 
Ehre — man wird hier vieles für ihn thun, es scheint aber nicht, 
dass er einen Platz unter den Künstlern hier jemals behaupten 
kann — soll ein guter Ciavierspieler sein — er ist ungeheuer eitel." 

Und im Mai heisst es nochmals: „War Mozart nicht bei 
Ihnen?" und unmittelbar darauf: „Hummel auch noch 
nicht hier?" Von diesem Hauptschüler des grossen Mozart, 
der stets ein gewisses Kivalisiren mit Beethoven affectirte, 
jetzt Capellmeister in Weimar, heisst es dann aber dort: 
er. habe gar keinen Gesang auf dem Instrument, er sei. ein 
blosser Passagemacher, das liebe Goethe nicht Wobei 
wir noch das Wort des Dichters selbst erfahren, der Beet- 
hoven in Teplitz gehört hatte (ob. II. 365): 

„Er soll sich über Ihr Spiel erklärt haben, dass er erst durch 
Sie gehört habe was man auf dem Claviere machen könne!" 

Hummel sei ein leerer Mensch. „In Weimar hebt man ihn 
in den Himmel, ich glaube es aber nicht ganz," schreibt 
der Unbekannte weiter hin. Man sieht, es gab noch 



251 

Leute in Wien, die hier zu unterscheiden wussten, und wir 
werden ihrer Spur auch weiterhin zuweilen begegnen. Der 
Tro8s aber lief der heiteren Buhlerin oder gewandten 
Kunstreiterin nach, wie sie damals mit so endlosem Erfolg 
in Conzert und Theater ihre Tausendkünste produzirten. 10 * 
Hielt man es nun für gerathen eine Production auch 
mit Beethoven zu schmücken, so war neben den Ouver- 
türen zu Prometheus und Ruinen von Athen — denn zu 
denen von Egmont und Coriolan gehörten schon ernstere 
Absicht und grösserer Aufwand, — vor allem die Adelaide 
das Paradepferd, und ein Bericht aus Graz vom Dez. 1819 
vergegenwärtigt uns, wie weit man damals im Verstand- 
niss von Beethovens Muse gediehen war: 

„Gewiss hundert Mahle habe ich dies Muster einer declama- 
torischen Musik angehört, und immer hielt es mich fest, denn das 
tief Empfundene spricht ewig die Empfindung an. Alle Hände 
und Händchen waren in Bewegung zum Beifall. Das ist Geist, 
sagten die Jünglinge. Das ist Herz, meinten die Mädchen. Das 
ist beides vereint, fühlten Alle!" 

Beethoven aber wusste, dass dieses Lied, wie sein eigenes 
Wort über die Quartette Op. 18 gegen Holz lautete, „nur 
als ein Ausfluss richtiger Empfindung und eines tiefen Ge- 
müths anzuerkennen sei". Und doch war hier hundertmal 
mehr wahre Musik als in der wirklichen declamatorischen 
Gesangslyrik jener Tage, die uns wohl heute noch als die 
richtige „Hausmusik 44 gepriesen wird, mehr auch als in 
dem braven Philisterton einer Stadlerschen „Befreiung von 
Jerusalem 44 , die doch ebenfalls nach der Wiener Zeitschrift 
damals im Stande sein sollte, „den durch flachen Singsang 
und frivolen Ohrenkitzel verscheuchten guten Geschmack 



252 

wieder einzufahren!" Beides aber, der „verstorbene alte 
Beichscomponist", wie Beethovens Ausdruck gegen Stadler 
selbst (6. Febr. 1826) lautet, und der sich aus ihm jetzt 
entwickelnde „deutsche Capellmeister" , die Herren Stad- 
ler, Salieri, Weigl, Eybler, Seyfried, Gyrowetz, 
Kreutzer einerseits und die von sinnlicher Lebensblüthe 
strotzende wälsche Sirene, Bossini und seine freilich blas- 
sen Abbilder von damals, Meyerbeer mit seiner „Emma 
di Besburgo u und der uns so wohlbekannte Graf Gal- 
lenberg mit dem beliebten Ballet „Alfred der Grosse" 
andrerseits, — es ist schwer zu entscheiden, welche von 
diesen beiden die Menge beherrschenden Mächten unserm 
Beethoven innerlich mehr entgegensetzt war und ihm dem 
Glauben an seine Zeit sichrer entwand. Eine Art von 
Urtheil über die Ersteren liegt denn auch in einer Gon- 
versation vom März 1820 über einen Pariser Componisten, 
den Cherubini unterdrücke, wenn da gefragt wird, warum 
denn der Salieri und Weigl in Wien „im Standt" seien 
eine bessere Musik zu unterdrücken? Ueber Bossini 
aber werden wir das Entscheidende noch erfahren. 108 

Urtheile über Beethovens eigene Kunst wie die Wie- 
ner Zeitschrift vom 8. Jänner 1820 eines aus einer Lon- 
doner Zeitung über die Gmollsymphonie, die in dem neu 
errichteten Liebhaber-Conzert unter besonderem Beifell ge- 
geben worden, mit den Worten bringt: „es war vielleicht 
der höchste Aufflug des Genies im Instrumentalfache", und 
dasjenige des Wiener Referenten der A. M. Z. vom Februar 
1820: „Zum Anfang gab man Beethovens Eroica, ein leuch- 
tender Stern, der alles Nachfolgende verdunkelte und für 



253 

alle Anwesende ein lang ersehnter Ohrenschmaus war* 1 , 
solche Urtheile sind immer noch selten. Daher es begreif- 
lich ist, dass Beethoven, ein nicht häufiger Fall in seinem 
Leben, gerade in dieser Zeit Anläse nimmt,, sich „einem so 
geistreichen Manne" wie TL A. Ho ff mann, von dem 
damals in der Wiener Zeitschrift eine Preisnovelle „Der 
Zusammenhang der Dinge" stand und über den auch in 
den Conversationen von 1820 Auskunft gegeben wird, per- 
sönlich zu nähern. Er hatte in einem Stammbuch einige 
Worte Hofimanns über sich gelesen. „Erlauben Sie mir 
zu sagen", schreibt er also, „dass dieses von einem mit so 
ausgezeichneten Eigenschaften begabten Manne Ihresgleichen 
sehr wohl thut". Hoffmann hatte schon seit Jahren ver- 
hältnissmässig Hochbedeutendes über Beethoven geschrieben 
und in jenem Gonversationshefte steht: „In den Phantasie- 
stücken von Hoflmann ist viel von Ihnen die Bede". In 
welcher Weise, ist wohl allgemein bekannt In München da- 
gegen fand man bei der gleichen Cmollsymphonie am 
28. Febr. 1820 noch Beethoven zwar „in seiner Art einzig 
und völlig eigentümlich, aber auch oft höchst sonderbar", 
und in Berlin hatte eine neue und bald wieder verschwin- 
dende „Allgemeine Zeitung für Musik" dieses Jahres neben 
scharfem und beinahe bitterem Tadel über Spontini auch 
über Beethoven einen Ton angeschlagen, dass der Corre- 
spondent der Wiener Zeitschrift meint, derselbe könne sich 
mit Becht darüber beschweren. 

So ersehen wir selbst in dieser kurzen Ueberschau der 
Dinge sehr wenig, was von aussen her einen Beethoven zum 
Leben oder doch zum Schaffen reizen konnte. Er war 



254 

völlig auf den Impuls des eigenen Innern gestellt, und wo 
dieses nun einmal, wie es nach den Ueberanstrengungen 
gerade der letzten Zeit nicht anders denkbar war, in seiner 
Spannung und Elasticität nachliess, wie wäre da nicht 
auch eine gewisse Schwäche und Nachgiebigkeit gegen die 
allumgebende Erschlaffung erklärlich? — Um so energi- 
scher sollte aber, nachdem die natürliche Kraft zurückge- 
kehrt war, die Reaction gegen das Fremde und Falsche 
und um so freier die Erhebung des eigenen Wesens sein. 
Wir können also jetzt das biographische oder vielmehr 
diesmal chronistische Amt wieder aufnehmen und werden 
dabei unsere Beobachtungen auch im einzelnen mannig- 
fach ergänzt und bestätigt finden. 104 

* 

Zunächst steht, obwohl auf ein zudringliches Gefrage 
nach der Messe die humoristische Antwort fällt, „erwarte 
bis der Erzherzog Pabst werde", vor allem die Beendigung 
dieses allmälig zum „Koloss u anschwellenden Werkes in 
Absicht Mussten doch jetzt daran zugleich mancherlei 
persönliche Hoffnungen geknüpft werden. So heisst es 
denn auch zu Anfang 1820 in den Conversationen: 

„Machen Sie doch nur zu Ende mit der Messe, er wird etwas 
thun, aber nicht viel wird es sein, — sprechen Sie nicht so laut, 
Ihr Verhältnis* ist zu bekannt. — der Graf Waldstein wajr auch 
in der Nähe". — „Eine Actie gibt Ihnen FL 500, wo Sie dann den 
Verkauf der Messe abwarten könnten." — „Es ist gewiss dass er 
seiner eigenen Ehre wegen sich von Ihnen nicht trennen kann, 
darum thun Sie Unrecht, wenn Sie nicht auf Fizirung eines voll- 
kommenen Unterhalts dringen — es soll bekannt werden — sein Be- 
tragen rnuss ihn vor Jedermann herabsetzen — durch diese Beihe 
von Jahren — es bleibt eine unedle Schwäche — Das glaubt er 



255 

nicht, darum ist er so — es scheint auch, dasa die Günstlinge 
ihn über den Bruch mit Ihnen beruhigen." 

Die gleiche Empfindung, die hier zuletzt Hofr. Peters aus- 
spricht, durchklingt Beethovens Brief vom 3. April 1820, 
nachdem der Erzherzog abgereist war und zu einem Bekannten 
seines Lehrers gesagt hatte, „wenn derselbe mit der Messe 
fertig werde dass er ihn glücklich machen werde". Der 
Erzherzog hatte sogleich an ihn geschrieben. Zunächst 
bittet also Beethoven dem Oeklatsche, womit man S. E. H. 
glaube dienen zu können, kein Gehör zu leihen, und fährt 
dann allerdings etwas übertreibend fort: 

„Wenn I. K. H. mich einen Ihrer werthen Gegenstände nennen, 
so kann ich zuversichtlich sagen, dass I. K. H. einer der mir 
werthesten Gegenstände im Universum sind ; bin ich auch kein H o f - 
mann, so glaube ich, dass I. K, H. mich haben s o kennen gelernt, 
dass nicht blosses kaltes Interesse meine Sache ist, sondern wahre 
innige Anhänglichkeit mich allzeit an Höchstdieselben gefesselt 
und beseelt hat, und ich könnte wohl sagen, Blondel ist längst 
gefunden, und findet sich in der Welt kein Richard für mich, so 
wird Gott mein Richard sein." 

Dabei bestärkt er den Erzbischof in seiner Absicht ein 
Quartett zu halten. Wenn man schon im grossen solche 
Productionen in Olmütz leiste, so könnte durch ein Quartett 
noch Bewunderungswürdiges für die Tonkunst entstehen 
in Mähren, meint er, und zwei Jahre später hören wir 
ihn selbst von neuen Streichquartetts reden. Wie ja 
in Wirklichkeit diese feinste Art musikalischer Dichtung sein 
Schaffen iwürdig krönen sollte! Die materielle Frage blieb 
ungelöst, der Erzbischof -Cardinal liess sich, wie im Mai 1820 
nach einem Aufenthalt in seiner mährischen Heimat Schind- 
ler aufschreibt?, von der Frau seines Obersthofmeisters aufinun- 



256 



tern und seinen Blondel Blondel sein. „Küssen wird er 
dich, aber sonst nichts", sagt einmal der Neffe im Herbst 
1823, und wir haben dies wohl als ironische Erinnerung 
an die „Belohnung" bei Ueberreichung des Werks zu be- 
trachten, die ja bei dieser Lage der Sache eine Haupt-, und 
Staatsaction in Beethovens Leben bilden musste. 105 

Umsomehr galt es sich selbst zu helfen, und so will 
er bereits am 18. März 1820 die Messe zunächst Simrock, 
der ausser Op. 102 auch bereits die Variirten Themen 
Op. 107 (s. o. S. 130) besass, für den angebotenen Preis 
von 100 Louisd'or gegen einige noch zu bezeichnende Be- 
dingungen überlassen. Zugleich wird der Plan der Her- 
ausgabe der sämmtlichen Werke berührt, mit welchem 
Freunde und Verleger für Jahre sich und dem Meister den 
Kopf warm machten und die diesem selbst stets als eine letzte 
Hülfsquelle vor Augen blieb und damit bei ruhigem Port- 
wirken an seinem Lebenswerke erhielt. Zugleich werden dem 
alten Freunde als Portoersatz zwei österreichische Lieder 
beigelegt: „er denke eine Volksliederjagd sei besser als eine 
Menschenjagd der so gepriesenen Helden." Der Frühling 
naht, man ist voll Hoffnung. Der alle Leiden des Winters 
ausgleichende Landaufenthalt winkt, und neues Schaffen 
mag die alten Wunden heilen. Am 20. April wird nach 
Mödling gemeldet, doch nicht zu vergessen auch den Bal- 
con, den man extra bezahlt, in guten Stand zu setzen. So 
war selbst mit den mächtigen Messenblättern in frischer 
freier Luft weiter zu handtieren. Doch noch im Juni 
ist er mit sich nicht im Beinen. Er schreibt sich auf: 



257_ 

„Die Gegenden wie Neudorf, Laxenburg etc. haben wider «ich, 
dasa kein Weinwachß, also wenn die Saison vorüber, wenig Genuas 
ist" — „Gmunden, eine Reise dorthin mit KP? W[alte] Gott." 

Dr. Weissenbach hatte im Herbst vorher schriftlich und 
mündlich in das schöne Salzkammergut eingeladen. Und 
noch im Juli meint Beethoven selbst: 

„Mödling ist noch immer nicht ländlich genug, so viele 
Mauern — mehr eine kleine Stadt, desswegen auch so schlechtes 
Menschengesindel." • 

Man denke nur an den „Pfaffen" und die Vorgänge des 
Sommers 1818 dort. Auch hatte jener Freund nach seiner 
besonderen Ausdrucksweise ihm diesen hübschen Ort nur 
als einen Betiradeanker für die Kaiserstadt bezeichnet. 
„Es ist wahrlich unerquicklich, auf den Hügeln und Matten 
dem Sündervolke aus der Stadt zu begegnen", schreibt er, 
und das scheint unter Metternichs Regime selbst für das 
harmlose Wiener Völkchen kaum zu stark ausgedrückt. 
Hatte doch gerade damals Beethoven über seine geliebte 
und verehrte Familie Erdödy „kuriose Sachen" zu ver- 
nehmen, die sogar vor Gericht kamen und die Gräfin in 
die Verbannung brachten, in der sie auch ihr Leben be- 
schloss. Welche Sorgen mussten sein väterliches Herz um 
die Zukunft des „Sohnes" beschleichen, und wohl mochte 
er bei dessen Nennung das Walten Gottes anrufen. 106 

Trotz alledem ward für diesen Sommer 1820 zunächst 
Mödling gewählt. Allein ebenso notirt im Kalender Schind- 
ler am 3. Juli die Zahlung einer Wohnung für 3 Monate 
„beim Schlosser in Baden" mit 200 Fl. W. W. auf. Es 
ist nach solchen Doppelausgaben begreiflich, dass es diesen 
Sommer einmal wieder recht knapp zuging, „t o schlechter 

Kohl, Beethoven* letzte Jahre. 17 



258 

Tag 19ten April", hatte schon Beethoven selbst dort auf- 
geschrieben. Im August aber notirt wieder Schindler: „Die 
4 bösen Tage 10, 11, 12, 13 bei 6 Krügeln in Lerchenfeld 
gegessen 14 , und vernahm aus Beethovens Munde, dass der- 
selbe damals „alles baaren Geldes entblösst sein Diner mit 
einem Glas Bier und einigen Semmeln' 1 in dieser entfernten 
Vorstadt Wiens abgemacht habe. Wenn nun dieser Gewährs- 
mann darin nichts als den Anfang zu Beethovens nach- 
heriger „Kargheit" sehen will, die einst „einen unwürdigen 
Neffen bereichern sollte", so steht im Westöstlichen Divan 
von Beethoven angestrichen: 

Ihr nennt mich einen kargen Mann? 
Gebt mir was ich verprassen kann! 

Die 7 oder 8 Bankactien, in die er sein kleines Vermögen 
fixirt hatte, waren abgesehen von ihrer Bestimmung für den 
Neffen sein einziger Bückhalt, felis einmal Alter und Krank- 
heit, die stets drohend genug vor der Thüre standen, überhand 
nehmen sollten. Und neue Schulden zu machen musste 
ihm bei der bitter empfundenen Abhängigkeit von „diesem 
bösen Steiner" immer bedenklicher sein. So tritt uns 
auch die sonderbare Frage von diesem Sommer: „Warst 
du auch heute geduldig mit allen Menschen?" menschlich 
näher. Er musste mit den Leuten auszukommen suchen. 
Andrerseits aber war die Nothwendigkeit von „Brodarbei- 
ten" unter solchen Umständen evident. Auch sagt uns 
eben die Bedrängung dieses Sommers, dass wohl eher über 
der Messe, an der noch so vieles auszugestalten war, von 
neuem jedes Nächste und Nothwendige vergessen, als dass 
wie Schindler meinte, wenig oder fast gar nichts gearbeitet 



259 

worden. Trotzdem erfüllten ihn schon wieder alte und neue 
Pläne. Von dem „Sieg des Kreuzes" hatte ihm das „Wiener- 
kind" Bernard bereits hinundwieder einige Verse mitge- 
teilt und endlich auch die ganze erste Abtheilung über- 
geben, dann aber im Juni dieselbe wieder mitgenommen, 
weil er die seinige verlegt habe. „Glauben Sie wohl die- 
sen Frühling und Sommer das Oratorium zu vollenden?" 
hatte er dabei schon im Mai 1820 ins Conversationsheft ge- 
schrieben. Allein erst 3 Jahre später ist der Text wirk- 
lich fertig. Dagegen hiess es bereits im März 1820 wieder: 
„Wann machen Sie das Bequiem?" und ein andermal 
steht da vpn Beethovens eigener Hand: 

„Grossbrittanien. Unter dem Gemähide Handels war ein 
Trohn errichtet, anter welchem der Sarkophag ruhte — Todten- 
! marsch aus Handels Sani ward aufgeführt, ebenso die von Händel 
auf den Tod der Prinzessin Caroline componirte Trauercantate 
aufgeführt mit grosser Wirkung — Variationen über Handels 
Trauermarsch für ganzes Orchester für die Akademie. Vielleicht 
später dazu SingBtimmen [!] — diese Variationen müssen ebenfalls 
verschiedene Klagen enthalten." 

Nicht lange vorher aber war dort schon gestanden; „Er- 
freuen Sie doch Deutschland mit einer neuen Oper." Wir 
geben darüber zunächst einige Notizen, namentlich weil 
diese letzte Intention uns jetzt wiederholt begegnen wird. 107 

„Ist es wahr, dass dieser Tonsetzer nach Wien ver- 
schrieben ist? Er wird sich selbst mehr als unsere Haupt- 
stadt bereichern," verlautet es schon im Dezember 1819 
in der Wiener Zeitschrift über Eossini, und der stets 
wachsende Erfolg dieses Günstlings des Glücks konnte un- 
sern Meister in seiner Lage umsomehr zum Wettkampf 

17» 



260 



reizen, als hier doch immer wirklich genialische Leistun- 
gen vorlagen und, wie es in diesem Jahre in Wien an 
der Catalani zu beobachten Gelegenheit gab, vor allem 
der Gesang dieser Italiener die Höhe der Vollendung 
hatte. Der „Barbier", damals schon an der Wien und 
bald auch am Eärnthnerthor gegeben, war in seinem 
Genre wahrlich bedeutend genug, und ein anderer, kräfti- 
gerer Anstoss zum Enthüllen des eigenen Könnens auch 
auf diesem Gebiete erschien damals in Spontini's vor- 
nehm stolzer „Olympia." So ist denn auch schon diesen 
Winter 1820/21 von einer Oper „Die Gründung von Pen- 
silvanien" von ßupprecht Bede, deren Text sich in Schind- 
lers Beethovennachlass befindet, und ein andermal schreibt 
Beethoven selbst auf: „Der Vampyr. Eine Erzählung etc. 
von Lord Byron", allerdings ein poetischerer Stoff, wenn 
es einer Oper galt. Ein Gedicht von Byron befand sich schon 
unter den 1816 componirten „Schottischen Liedern", und 
in der Wiener Zeitschrift dieser Zeit ist oft von diesem 
damals noch neuen Dichter Bede. Im Juni 1820 schreibt 
dann ein Unbekannter auf: 

„Kennen Sie nicht die bezauberte Böse? — eine epische Er- 
zählung von Ernst Schulze. Dieses Gedicht müsste die schönste 
Oper geben — Hernach ist als Gegensatz der Korsar von Lord 
Byron, das Wildeste und Phantastischste was sich denken lässt. 
Er hat sicher die grösste Phantasie und das tiefste Gefühl von 
allen jetzt lebenden Dichtern." 

Im nächsten Monat aber notirt sich Beethoven selbst auf: 

„Naoh London schreiben, das Sujet hängt ab von dem eng- 
lischen Geschmack, sollte es eine ernste Handlung sein, so wünschte 
ich Ballette, — Rudiger, Buggiero von Metastasio noch ungedruckt 
von Mosel." 



JJ61 

Also eine italienische Oper! — Natürlich, wo nicht 
Mos die Italiener noch immer die europäische Bühne be- 
herrschten, sondern auch wie fest noch heute allein wirk- 
lich zu singen und zu ^giren verstanden! Ebenso empfindet, 
eine Mahnung für heutige Componisten, dieser Musiker 
schon damals das Unwürdige der Abhängigkeit vom Dich- 
ter, wenn man einen Operntextmacher so nennen darf, 
und schreibt im März 1820 einmal auf: 

„Poesie da selbst machen, zuweilen die Sylbenmasse der Oper 
nachahmen etc. oder sonst ein gutes Lehrbuch, Professor Stein 
oder ein anderer der Poesie deswegen fragen/' 

Schade nur, dass hier nicht ebenso zum Kern der Sache 
vorgedrungen ward wie bei der Symphonie und der Irrthum 
waltet, das Versemachen sei die Hauptsache und Lehrbücher 
und Professoren könnten helfen, wo nur das eigene Schauen 
und Schaffen gilt! Aber jene Abhängigkeit von fremden 
und oft gar zu mittelmässigen Geistern war es ohne Zwei- 
fel, was weder jetzt noch später selbst bei dixecten An- 
trägen es bei Beethoven ferner zu Oper oder Oratorium 
kommen und ihn zu unserm Heil gerade am Ende seines 
Lebens am treuesten bei „seiner Weise" beharren liess. 106 

Als wirkliche Arbeit dieser ganzen Zeit von 1820/21 
haben wir also vor allem noch die Messe zu nehmen, 
und wenn aus der auch weiter unten bestätigten materiel- 
len Bedrängniss und der geringenJAnzahl von Briefen und 
anderen Lebensäusserungen dieser Zeit ein Schluss gezogen 
werden darf, so waltete noch aller und jeder Fleiss bei 
diesem Thun, das allerdings jetzt einen wesentlich andern 
Charakter angenommen hatte. Denn war ihm der nächste 



262 

Zweck der kirchlichen Vorführung entgangen, so musste 
umsomehr man möchte sagen äusserlich Anregendes 
und geistig Anziehendes hineingewebt und dem Werke in 
jeder Beziehung der Stempel des künstlerisch Exquisiten 
aufgedrückt werden, und dazu gehörte Zeit und Arbeit. 
Zwar heisstes schon am 28. November 1820 gegen Brentano, 
der die Verhandlungen mit Simrock vermittelte: sobald die 
Uebersetzung die dieser sich ausbedungen fertig sei, werde 
die Messe geschickt werden, und am 19. März 1821 war, 
wie ein Brief Simrocks vom 13. Mai 1822 besagt, diesem 
durch ein directes Schreiben „sicher versprochen, dass er 
Ende April die Messe ganz fertig erhalten werde". Denn 
man wollte, wie ebenfalls aus Simrocks Brief hervorgeht, 
im Sommer schon in Bonn das heisst ohne Zweifel auf 
der Durchreise nach London sein, wo dann ebenfalls die 
Messe in mancher Hinsicht ein werthvoller Schatz war. Allein 
erst am 12. November dieses Jahres 1821 spricht er selbst 
von Correctur der Abschrift, und ein tragikomisches 
Begebniss macht es vermuthlich, dass namentlich in diesem 
Sommer in Döbling noch die letzte Hand an das grosse 
Werk gelegt ward. Es erzählt nämlich Schindler (1. Aug. 
S. 119): 

„Im Frühling jenes Jahres zog er wieder mit Sack und Pack 
nach Döbling. Beim Ordnen seines künstlerischen Haushaltes dort 
vermisste er die Partitur des 1. Satzes (Kyrie) seiner grossen 
Messe. Alles Nachsuchen war vergebens, und Beethoven über 
diesen Verlust, der nicht zu ersetzen war, bereits aufs äusserste 
irritirt. Aber ecce! nach mehreren Tagen findet sich das ganze 
Kyrie, allein in welchem Zustande! Die grossen Bogen, die schon 
der Makulatur glichen, convenirten der alten Haushälterin recht 
gut zum Einwickeln von Stiefeln Schuhen und Küohengeräth, in- 



* « 



263 

dem sie noch die meisten Bogen mitten von einander riss. 'Als 
Beethoven diesen Unfug mit seinem Geistesproduct vor Augen hatte, 
konnte er nicht umhin, diese drollige Scene zu belachen, nachdem 
endlich alle Ternionen [?] von diesem unsaubern Vermischungs- 
prozess befreit waren." 

Zeigt nun auch von solcher Missbrauchung das auf 
der Berliner Bibliothek befindliche Autograph keine Spuren 
mehr, so hat es doch bei ziemlich reinlicher Schrift ausser 
den vielen Stimmcorrecturen am Schluss auch im Wurf 
des Ganzen noch Aenderungen' erfahren, wie eine letzte 
Ueberschau und Zusammenstimmung des Ganzen sie am 
ehesten mit sich bringt Die Artariaschen Skizzenbücher 
bestätigen uns diese letzten Arbeiten und bekunden zugleich 
die mannigfach angeregte Phantasie dieser Zeit, die den- 
noch zu einem wirklich kräftigen Hervorbringungsact sich 
nicht zusammenzuschliessen vermochte. Wir wollen davon 
noch einiges mittheilen. 109 

Das mehrfach erwähnte Skizzenbuch C, in welchem 
die ersten Entwürfe zu Op. 109 (Satz 2 und 3) vorkommen, 
ist wegen des Embryonischen der Messeskizzen spätestens in 
die Herbstzeit von 1818 zu setzen, sodass also die Sonate, 
die er schon am 19. April 1819 „schicken könnte", wohl 
dieses Op. 109 ist. Das Skizzenbuch D dagegen, welches 
schon beim „Agnus dei" oben erwähnt ward, haben wir 
erst in das Jahr 1820/21 zu verlegen, und es ist mög- 
lich, dass, wie überhaupt in jenen Tagen der sich steigern- 
den Sucht nach virtuosen oder theatralischen Effecten auch 
Beethoven daran liegen musste, mit seinem Werke, das nun 
einmal mehr als Oratorium gedacht ward, lebhaft eindrin- 
gende Wirkung zu thun, so die damals in der A. M. Z. 



264 



geschehene Erinnerung an Haydn's Messe „Tempore belli 44 
ihn auch auf die Idee dieses Meisters gebracht hat War 
derselbe zwar früher selten ohne einige Seitenhiebe fort- 
gekommen und besonders wegen seiner „Malerei 14 ver- 
spottet worden, so hatte ihn doch auch Beethoven wie 
um zu zeigen, dass man es besser machen könne, oft genug 
unwillkürlich nachgeahmt oder doch nachgebildet Es 
heisst nämlich dort in einem verständnissvollen Aufsatz 
„über die musikalische Feier des katholischen 
Gottesdienstes" im Juni 1820: 

„So hat J. Haydn die Pauke in seiner bekannten Messe, 
Tempore belli überschrieben, in dem Agnus dei dona paoem vor- 
trefflich angewendet; man lasse aber die Pauke öfter spielen, man 
nehme die Form des beklemmten flehenden Herzens weg, welches 
sich durch den einfachen mit Pausen untermischten Gesang der 
Saiteninstrumente so wahr ausspricht, und die ganze Stelle ist 
misslungen." 

Wie schwer nun aber Beethoven seinerseits liier mit der 
„Malerei" fertig ward, zeigen die mannigfachen Versuche, 
die in grösserer Ausdehnung kaum beim Finale der „Neun- 
ten" wiederkehren. Drei Skizzenbücher (D, J, E) sind 

immer wieder diesem^ „Agnus dei" gewidmet. Das 2. mag 

» 

nach seinen Wachsflecken zu schliessen im Winter oder 
Frühling (1821) begonnen sein, das 3. mit der Bezeichnung 
„Letztes Buch" im Herbst desselben Jahres, es läuft jedoch 
mit anderen Werken bis in den Spätsommer 1822. Sie 
geben Zeugniss von der Thätigkeit und den Projecten da- 
mals, die auch wir uns im Interesse der speziellen Fach- 
genossen etwas näher ansehen wollen. 110 

„Zunächst No. D hat Notizen wie „Var. 3, cembalo" und ».So- 
nate in hmoll", No. J „für einen Chor Offertorium", „Sonate allo", 



265 

„ruga per il cembalo o organo" — wir werden bald von erneuter 
Berührung mit der Orgel hören, — dann wieder Skizzen zu Et 
vitam venturi und Sedet ad dextram, und zwar als wenn jetzt die 
Partiturreinschrift geschähe; denn es ist von der Instrumentation 
Rede. Ferner steht da offenbar vom Agnus dei : „Andante */* Tact 
— durchaus egal Bitte Bitte Bitte". Man ist also immer nooh 
mit Darstellung dieser zerknirschten Empfindungen beschäftigt, 
die hier offenbar nicht leicht ward. Zum Schluss aber heisst es: 
„nächste Sonate — adagio molto sentimento moltissimo espressione" 
mit Skizzen in Edur, und dann kommen mit der Bezeichnung 
„Neue Sonate" Skizzen zum 1. Satz von Op. 110. Ihnen folgen 
mit den Worten „2te Sonate allo con brio", „2ter Satz Adagio 
sul una corde, Stes Stück presto" unbekannte Notate, unter denen 
das Wort „Episode" auf das Finale jenes Opus hinweist. Wir 
werden weiter unten biographischen Nachrichten begegnen, die die 
Entstehung eben dieses Finales ziemlich sicher in die Sommerzeit 
von 1821 verweisen. Das Skizzenbuch E endlich, das mit Noti- 
rungen zu „pacem" auf der 2. Seite die übrigens nicht befolgte 
Mahnung enthält: „die Fuge vom D. N. P. [Dona] ja nur An- 
dante", bringt dann endlich auch die Skizzen zu Op. 111, und 
zwar zuerst zum 1. Satz mit der Bemerkung „Fuga a4, tema cmoll", 
dann „Adagio mit Variationen", wobei die nachfolgenden Bemer- 
kungen: „im 2ten Theil zuweilen das was im ersten Theil die 
rechte Hand hat und umgekehrt", „innocentamente", „durchaus 
simpel", „wer es nicht greifen kann lässts bleiben", — sich leicht 
auf die einzelnen Variationen beziehen lassen. Dann folgen nach 
der von Skizzen in Des */* begleiteten Notiz „Sinfonie Stes Stück" 
die Worte : „tenor, dann Baas, alsdann Sopran" (mit Skizzen in 6 /s) 
und das „Becitativo accompagnato alle battute nemlich nach dem 
Tact", worauf es heisst: „Das Kyrie von der neuen Messe blos 
mit blasenden Instrumenten und Orgel!" Doch dies letztere fällt 
bereits in den Winter lb21/22 und wird uns also später begegnen. 

Man sieht, ausser der Messe, zu der also noch ein 
Offertorium kommen sollte, ist vieles andere in Absicht und 
manches auch bereits ausgedacht. Fertig aber wurden von 
all diesen kleineren Sachen, zu denen noch „Schottische 



266 

Lieder" und einige der „Bagatellen" kamen, die nament- 
lich während der Messe als „Gedankenspähne" abfielen, nur 
die Sonaten Op. 109, 110 und 111, die offenbar ursprüng- 
lich als ein Opus gedacht waren und nur aus praktischen 
Gründen je eine eigene Opuszahl erhalten haben werden. 
Die Fortführung des Biographischen wird uns von selbst, 
auf dieses Sonatenwerk fähren, und wir werden in ihm den 
ganzen Grundton dieser „doppelt elenden' 4 Epoche von 
1820/21 nur zu deutlich widerhallen hören. 111 

Am 3. August 1820 erfährt Beethoven die Wieder- 
ankunft des Erzherzogs und freut sich recht sehr, S. E. H. 
wieder in seiner Nähe zu wissen. „Möchte ich nur ganz 
dazu beitragen können- alles zu erfüllen was L K. H. von 
mir wünschen", schreibt er. „Der Bimmel segne L K. EL 
und lasse allen Ihren Pflanzungen vollkommenes Gedeihen 
werden." Der Dienst bei den „Opfern welche S. K. H. 
von neuem den Musen bringen wollten", ward denn auch 
selbst von Mödling aus wieder treulich besorgt Er erkältet 
sich aber bei einer solchen Fahrt im offenen Feldkalesch: 
„die Natur scheint beinahe mir meine Freimüthigkeit oder 
Dreistigkeit übelgenommen und mich dafür bestraft zu 
haben", und so muss er von neuem absagen. „Der Him- 
mel sende alles Gute, Schöne, Heilige, Segens volle auf L 
K. H. herab, mir Ihre Huld, doch nur gebilligt von 
Gerechtigkeit!" schliesst das Billet vom 2. Sept. 1820. 

Es waren also wieder Verdächtigungen geschehen. 
Allein der hohe Schüler trug selbst Mitschuld, dass Beet- 
hoven auch den geringsten Anlass ergreifen musste, des 



267 

,,Dienstgeschäfts" ledig sein und bei seiner Arbeit bleiben 
zu können. Denn als durch Brentano Simrocks Gebot für 
die Messe endgültig acceptirt wird (s. o. S. 256), heisst es 
gegen solche völlig unbetheiligte Dritte: seine Lage sei hart 
und bedrängt, was man aber einem Verleger am wenigsten 
schreiben dürfe, — es existiren mehrere Canons auf den 
„tückischen Kerl 44 Tobias aus diesen Jahren, — und weiter: 
Schuld sei hieran Gott sei Dank nicht er , sondern seine 
grosse Hingebung für Andere, hauptsächlich auch für den 
schwachen Kardinal, der ihn in diesen Morast hinein- 
gebracht habe und sich selbst nicht zu helfen wisse! Solche 
Bedrängung bestätigen die Briefe dieses Herbstes, in denen 
Artaria wiederholt um ein Darlehen angegangen wird, und 
das Jahr 1821 fingt gleichfalls mit einem Anliegen an 
denselben an, wobei eine neue Composition versprochen 
wird, die aber nie erfolgte. Das Leben ward zu irdisch 
und die Gedanken zu überirdisch, als dass solcher von der 
Noth abgepressten Zusagen weiter hätte gedacht werden 
können. 

Den schlepp' ich durch das wilde Leben, 
Durch flache Unbedeutenheit, 

heisst es jetzt bald, und wenn auch dies Leben alles (an- 
dere eher als „wild" war, so wusste ihn doch bei solcher 
trüben persönlichen Lage namentlich der „Bruder Pseudo", 
der jetzt wieder auf den Schauplatz tritt und denselben bis 
zu Beethovens Tode nicht mehr verlässt, bald in seine ge- 
schäftlichen Machinationen hineinzuzerren und dem eigenen 
Wesen zeitweise fast zu entfremden. Wir werden davon 
noch bis zum üeberdruss zu hören bekommen. 112 



268 

Der Winter 1820/21 brachte, wie Beethoven selbst 
am 28. Juli 1821 schreibt, die „stärksten rheumatischen 
Zufälle", und dies ist ausser den oben mitgetheilten Skizzen 
das einzige Lebenszeichen, das wir aus dem ganzen Zeit- 
raum bis zum 6. Juli 1821 von dem Meister direct besitzen. 
Doch fällt in dieses Jahr auch die lebensgrosse Büste vpn 
Anton Dietrich, und man mag das Wort „contrefey" am 
Bande einer Seite des Agnus dei, welches in dieser Zeit in 
Partitur geschrieben ward, als eine Mahnung an das Sitzen 
zu solchem Zweck betrachten. Im übrigen war er da- 
mals vor der Welt wieder sehr und nicht ganz ohne Groll 
verschlossen und nicht einmal wie sonst besonders selig 
in seinem Schaffen. Der Beferent der A. M. Z. weiss im 
März 1821 von Wiens grösstem Künstler nichts anderes 
zu berichten, als dass er seit Jahr und Tag an einer neuen 
Messe arbeiten solle, dass aber auch von der Cantate für 
den Musikverein noch immer nichts „verlautbaren" wolle. 
Und im Juni schreibt er gar, Beethoven beschäftige sich 
wie einst Vater Haydn mit Notiren schottischer Lieder, 
füjr grössere Arbeiten scheine er gänzlich abge- 
stumpft zu sein! „Beethoven hat sich ausgeschrieben 1 ', 
ward also nach Schindler der allgeglaubte Wahrspruch der 
lieben Wiener damals. 

Wir sahen oben etwas von der „Beschäftigung die nie 
ermattet'S und Neues war derweilen auch schon wieder 
fertig geworden, die Sonate Op. 109. Am 6. Juli schickt 
er von seinem Döbling aus an Schlesinger in Berlin die 
Gorrectur: eine schwierigere und mühseligere sei ihm nie 
vorgekommen. Was nutzte ihm also die „Bildung" dieser 



2 69 

Berliner? Er muss sogar eine „bestcoriigirte Abschrift 41 
geben, am sein Mannscript entbehrlich zu machen, und 

V 

bittet den ans C. M. von Webers Leben bekannten Com- 
ponisten Lauska noch sorgsam nachzusehen. Wie denn 
dieser „Sonate für das Hammerciavier", wie er selbst das 
Mannscript überschrieben hat, während das „Op. 109" von 
fremder Hand ist, auch ein Correcturverzeichniss beiliegt 
und zwar mit der Aufschrift: 

„Vorgefundene Defecten bey den beiden Strand Hausir n. 
Trödeljaden nahmen* Schlesinger zwischen der Seine der Themse 
der Spree und der Donau, alle welche es angeht werden aufgefor- 
dert selbe zu untersuchen und sich vor Schaden zu hüthen." 

Der Humor musste den Aerger wegschwemmen. Es soll- 
ten nach dieser Seite hin noch unangenehme Erfahrungen 
gemacht werden, seine Schreibweise ward der Welt zunächst 
immer nn verständlicher. 113 

Nicht so sein Spiel. Wenigstens besitzen wir hierüber 
auch ans diesen späten Jahren noch mehrere Zeugnisse, 
wovon eines eben in diese Sommerzeit 1821 fällt. Begi- 
mentscapellmeister Starke (s. o. S. 33) nämlich, für dessen 
Wiener Pianoforteschule Beethoven das Andante und Finale 
aus Op. 28 selbst „mit der Applicatur versehen" und auch 
einige der „Kleinigkeiten" aus dem späteren Op. 119 ge- 
schrieben hatte, besuchte ihn auch in diesem Sommer 1821 
oft und sie fanden einander dann im „Finger". Einmal 
hatte er Beethoven verfehlt und sass eben dort bei der 
Suppe, als dieser selbst kam. „Das Bindfleisch essen Sie 
in einer Stunde bei mir", sagte er und sie gingen dann 
miteinander bis zur Johanniskapelle. Starke hatte schon 
früher von Beethoven selbst gehört, dass er als Knabe Orgel ge- 



270 

spielt, und bat iun, da er als Bekannter des Besitzers die- 
ser Kapelle den Schlüssel zu derselben leicht bekommen 
konnte, Beethoven „ihm eine Seelenspeise vor dem Essen 
auf der Orgel zu geben". Der Meister fand sich bereit 
und spielte beinahe eine halbe Stunde. Davon heisst es nun: 

„Diese Örgelproduction bestand aus 2 Preludien, das erste con 
amore mit angenehmem Register (Beethoven Bein Gehör war da- 
mals noch in dem Zustande, dass er dieses piano auf der Orgel 
noch hörte), das 2te bestand aus fogirten Sätzen; es war eine 
Freude für Starke. Schade dass diese Töne nicht konnten der 
Nachwelt übertragen werden, sie verschwanden und blieben nie- 
manden im Andenken als dem Balkentreter, Starke und dem k. k. 
Regierungsrath Herrn d'Arailza, der damals im H. v. Albertischen 
Hause im 2. Stock, welcher mittelst einem Gang vom Zimmer ins 
Chor führt» logirte und zufälligerweise zu Hause war und sich für 
diesen Zufall glücklich preiste/' 

So 'hat Starke selbst aufgeschrieben, und wir glauben, dass 
ein unmittelbarer Erguss der Empfindung an solcher ge- 
weihten Stätte namentlich in dieser Zeit der Messencomposi- 
tion von dem tiefsten Eindruck gewesen ist, zumal Beethoven 
wusste, dass er hier mit voller Seele aufgenommen wurde. 
Ob dieses Begegniss ihn auf die Idee einer „Orgelsonate" 
(o. S. 265) brachte, wissen wir nicht. Es ist aus einer sol- 
chen nichts geworden. Dagegen hat einerseits das Thema 
derJPnge von Op. 110 etwas (Orgelmässiges und erinnert 
zudem so entschieden an die Fuge vom Dona nobis pacem, 
die er oben „nur Andante" haben will, dass man versucht 
ist anzunehmen, es walte ein Zusammenhang zwischen dem 
Sonatensatz und dieser Örgelproduction, in der ihm begreif- 
licherweise die Themen wiederklingen mussten, mit denen 
er sich zuletzt beschäftigt. Andrerseits ersehen wir jetzt 



TT* 



271 

zum Theil, warum die „neue Messe" nur mit Blasinstru- 
menten und Orgel sein sollte. Er hatte den Klang dieses 
mächtigsten aller Einzelinstrumente wieder einmal persön- 
lich erfahren und gedachte ihm ein Opfer darzubringen. 114 
Die Messe war jetzt bis auf kleine Aenderungen bei 
der Abschrift vollendet. Dies erfahren wir aus einem 
Briefchen an den Erzherzog, der auch diesen Sommer wieder 
erscheint. Beethoven ist weniger als je in der Lage ihm 
zu Diensten zu sein. „Schon lange sehr übel auf, entwickelte 
sich endlich die Gelbsucht vollständig, mir eine sehr 
ekelhafte Krankheit", schreibt er am 18. Juli 1821. Vieles 
liege in seiner traurigen Lage was seine öconomischen 
Umstände betreffe, bisher habe er gehofft; durch alle mög- 
lichen Anstrengungen endlich darüber zu siegen, sagt er 
und thut dabei eine Aeusserung, die in Erinnerung an das 
„Schone den Sünder" im Agnus dei (s. o. S. 235) für uns 
hier bezeichnend genug ist: 

„Gott der mein Inneres kennt und weiss wie ich als Mensch 
überall meine Pflichten, die mir die Menschlichkeit, Gott und die 
Natur gebiethen, auf das Heiligste erfülle, wird mich wohl endlich 
einmal wieder diesen Trübsalen entreissen." 

Er hat sich nicht getäuscht, sein Wunsch ging bald wenig- 
stens für eine Weile in Erfüllung. Der Erzbischof aber 
erfährt bei [dieser Entschuldigung, die Messe werde noch 
hier, das heisst vor seiner Bückreise nach Olmütz über- 
reicht werden: die Ursachen der Verzögerung möge S. E. 
H. gnädigst erlassen, die Details könnten nicht anders als 
wenigstens unangenehm für ihn sein. 

Besser scheinen Humor und Gesundheit schon in Ba- 
den zu werden, wohin ihn Dr. Staudenheim anfangs Sep- 



272 

tember geschickt hatte. Wenigstens erfolgt von hier ohne 
jeden geschäftlichen Anlass am 10. ein sehr heiterer Brief 
an den „tückischen Kerl" im Paternostergässl mit dem 
Canon „0 Tobias dominus Haslinger", wie sich auch Spu- 
ren eines solchen in dem * obenerwähnten Skizzenbuch D 
finden. Der Schluss des Briefes lautet: 

„Singt alle Tage die Episteln des heiligen Paulus, geht alle 
Tage zum Pater Werner, welcher euch das Büchlein anzeigt, wo- 
durch ihr von Stund an in Himmel kommt; ihr seht meine Be- 
sorgniss für euer Seelenheil, und ioh verbleibe allzeit mit grösstem 
Vergnügen von Ewigkeit zu Ewigkeit Euer treuster Schuldner 

Beethoven." 

Auch mögen hier die Lebenselemente von dem innig schönen 
Thema der Variationen von Op. 111 gesammelt worden 
sein, in welchem wieder etwas von Beethovens Geist aufleuch- 
tet und sein Genius die Schwingen von neuem wonnig- 
schwebend regt. Es ist wie Seligkeit des sich selbst Wie- 
derfindenden. Seine „immense Zerstreutheit" d. h. Ver- 
sunkenheit in sich selbst wenigstens zeigen folgende kleine 
Begebenheiten hier in Baden, die uns die Tochter jenes 
„Schlossermeisters", der seines Zeichens ein Kupferschmied, 
dem „Adler 44 gegenüber in der Bathhausgasse Nr. 94 (jetzt 
99) wohnte, überliefert hat. Dieselbe erzählt: 

„Er kam nämlich ohne Kopfbedeckung zur Hausfrau, um die 
Wohnung zu miethen, und war eben im Begriff das Darangeld zu 
geben, als ein Polizeidiener nebst einem Kellner des nahen Wirths- 
hauses erschien, welcher sagte, dass der Unbekannte seine Zeche 
nicht bezahlt und mit Hinterlassung des Hutes fortgegangen sei. 
Er wurde nun auf das nahe Rat hh aus geführt, bei Nennung seines 
Namens aber sogleich vom Bürgermeister nach Ausgleich des Miss- 
* Verständnisses entlassen. Beethoven ging geradenwegs zu seiner 
aufgenommenen Wohnung zurück, und als die Hausfrau, die schon 



273 

geäussert hatte: da hatten wir einen Säubern bekommen! ihn um 
daa Darangeld ersuchte, behauptete er ihr einen Zehnguldensohein 
bereite gegeben zu haben, bis er sieh nach Oeffhung der Brieftasche 
überzeugte, dass selber noch darin lag. — Im selben Hause ereig- 
nete es sich auch, dass eine Frau, welche im gleichen Stookwerk 
wohnte, auf den — gehen wollte, denselben aber verschlossen fand. 
Sie wartete eine Viertelstunde und da die Thüre noch nicht zu 
öffnen war, fragte sie die Hausfrau ob das Schloss fehlerhaft seL 
Es wurde nun stark angeklopft und es folgte die Antwort: Nu, 
Nu! ich komme schon! — Beethoven trat heraus und an der Thür 
fand man mit Bleistift gezogene Linien, mit Noten angefüllt!" 

So ist er seinen Musen treu ergeben und sie bereiten ihm 
stets neues Glück. Doch erfolgt bald wieder die Klage, 
dass ihn die Eur viel Geld koste und ihn verhindere es 
so wie sonst zu verdienen. Ein paar Krankheiten vom 
vergangenen Winter und Sommer hätten ihn in seiner 
Oeconomie etwas zurückgesetzt, und er will nun, weil „das 
Geld von draussen" , das heisst wohl von Thomson für 
„Schottische Lieder" nicht kam, zu dem schon in Döbling 
beabsichtigten, ihm so harten Verkauf einer Bankactie 
schreiten. Vorher aber zeigt er diesen Brief vom 27. Sept. 
1821 einem Freunde und erfährt, dass er blos einen Cou- 
pon abzuschneiden brauche um Geld zu haben. '„Was ich 
für ein kaufmännisches Genie bin, werden Sie leieht ein- 
sehend schreibt er dabei. Es ist daher um so begreiflicher, 
dass er auch für die Beziehungen zu Anderen nach dieser 
Seite hin fast völlig ohne Massstab war. Wie würde er 
sonst ein Schreiben vom 12. November 1821 an Brentano, 
der ihm doch ein persönlich innig zugethaner Freund und 
aufrichtiger Verehrer war, mit den Worten haben beginnen 
können: „Halten Sie mich ja nicht für einen Schuft oder 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. IS 



274 

leichtsinniges Genie!" Eine völlige Begriffsverwirrung auch 
nach dieser Seite hin brachte all das Zusammentreffen von 
Bedrängnissen und Krankheit hervor, und man wird um 
Billigkeit zu üben genöthigt sein, die späteren Vorkomm- 
nisse, zu denen vor allen sein Herr Bruder ihn verleitete, 
anders als nach dem allgewohnten Massstabe zu beurtheilen. 
Es War durch die fast unausgesetzt verzweifelte Lage eine 
gewisse innere Verfallenheit und Auflösung der hergebrach- 
ten Begriffe vom menschlichen Dasein eingetreten, die erst 
spät sich durch kräftigste Selbsterhebung wieder ausglich. 
Aus jenem Briefe aber erfahrsn wir noch, dass er 
wegen Kälte und Unwohlsein auch in Baden nicht habe 
bleiben können: jetzt gehe es gottlob besser und endlich 
scheine ihn Gesundheit wieder neu beleben zu wollen, um 
wieder neu auch für seine Kunst leben zu können, 
welches eigentlich seit 2 Jahren nicht der Fall 
gewesen, sowohl aus Mangel an Gesundheit wie auch so 
vieler anderer menschlichen Leiden wegen. Alles dies sei 
der Grund der verzögerten Ablieferung der Messe an Sim- 
rock. Jetzt arbeite er nach Kräften an der Durchsicht der 
Abschrift, er müsse aber bei alle dem in Ansehung seiner 
Subsistenz noch mehr Brod-Arbeiten (leider müsse er 
sie so nennen) vollbringen, und er denke öfter an nichts 
als dass Brentanos gütiger Vorschuss aufs baldigste getilgt 
werde. Am 20. Dez. 1821 aber tritt diese seltsame Devo- 
tion und Unsicherheit selbst solch vertrauten Freunden 
gegenüber noch mehr hervor. Er übersendet den Stich der 
Sonate Op. 109, ordnet die Tilgung jener kleinen Schuld 
von 300 Fl. aus dem Messenhonorar an und nennt sich 



■I" I 



275 

„vorlaut", der Tochter Maxe, später Frau von Plittersdorf, 
die als Kind im Jahr 1808 in Wien bei Birkenstocks 
oft auf seinen Enieen gesessen, das Werk gewidmet zu ha- 
ben, verwahrt sich dabei jedoch ausdrücklich gegen jeg- 
liche (allerdings in .Wien bei Dedicationen übliche) Hono- 
rirung oder dergleichen: „dies würde mich sehr kränken". 115 
Ueberall begegnen wir auf fast wehmüthig stimmende 
Weise dieser physischen und moralischen Niedergedrücktheit 
und Erschöpfung, und sollte sie seinem Schaffen damals sich 
nicht aufgedrückt haben ? Ja fast ist man versucht, selbst diese 
letzten Sonaten, die also als einzige Frucht der ganzen Zeit 
von 1820 — 21 an dem sonst so üppig tragenden Baume reifen 
und mit deren Betrachtung wir daher auch dieses Kapitel zu 
schliessen haben, in gewissem Sinne ebenfalls „Brod- Arbei- 
ten" zu nennen. Sein ausdrückliches Beklagen oben deutet 
wirklich darauf, da sich dies ja bei den Schottischen Lie- 
dern von selbst verstand. Op. 110 aber trägt das Datum 
vom 25. Dezbr. 1821 und Op. 111 das vom 13. Jänner 1822. 
Nun erzählt zwar Schindler, dem Meister selbst schienen 
jene so bestimmten Aussagen über seine geistige Er- 
schöpfung Spass gemacht zu haben und er habe es Tftsht 
an Aeusserungen fehlen lassen, dass die Spötter bald eines 
andern belehrt werden sollten. Sogar Graf Brunswick habe 
von jenen Gerüchten vernommen, — er konnte die A. M. Z. 
vom August 1821 über Beethovens „gänzliche Abgestumpft- 
heit" im Herbst in Ungarn haben, — und dieser habe sich nun, 
im Spätherbst vom Sommeraufenthalt zurückgekehrt, an den 
Schreibtisch gesetzt und wie er selbst dem Freund berich- 
tet, die drei Sonaten „in einem Zuge" niedergeschrieben, 

18* 



276 

um denselben über seinen Geisteszustand zu beruhigen. 
Allein wir kommen jetzt zu den Werken selbst, und diese 
werden unsere Anschauung nur bestätigen. 116 

Ueber die Entstehung von Op. 109 sind wir bereits unter- 
richtet. Es herrscht denn auch hier noch weitaus die meiste 
Ursprünglichkeit und Frische. Das „Prestissimo", offenbar 
das zuerst und aus spontanem Antrieb Concipirte, ist voll 
lebhaften Aufräumens der eigenen Natur, und wie um solch 
feuriges Vordringen nicht vom Zaune zu brechen, ist ihm 
ein höchst anmuthig spielendes und wieder sinnend an 
sich haltendes Präludium vorgesetzt, das ursprünglich mit 
„attacca subito il Presto" sofort in das (erst später mit 
Prestissimo bezeichnete) kleine lebhaft fortstürmende Gebilde 
überführen sollte. Es fehlt beiden Sätzen nicht an Modu- 
lationen, die sogut wie Melodien von unmittelbar erfas- 
sender Wirkung nur das eigene Erleben erzeugt Das An- 
dante („gesangvoll, mit innigster Empfindung") ist eine der 
süssesten Cantilenen jener liedersüchtigen Zeit, und ihr 
Gehalt dringt auch noch in die etwas breitblättrigen Varia- 
tionen hinüber, die der formenden Phantasie hier geistreich 
und pikant genug gelungen sind. Nr. V derselben aber 
hat in seiner Polyphonie etwas kräftig Geistvolles und 
erinnert in markigen Dissonanzen daran, dass wir in der 
Zeit der „Missa solennis" stehen. Das ganze Werkchen ist 
ein zart durchsichtiges Gewebe, wie in heiter empfindungs- 
vollen Momenten sich die Welt rosig anschaut, es hat 
eigenen duftig poetischen Hauch und erscheint wenn auch 
nicht eigentlich kräftig so doch nirgends fadenscheinig oder 
abgestanden. 



• I.! 



277 



Ebenso hat die „Arietta" von Op. 111, aller Vermu- 
thung nach also ein Product dieser letzten Wochen, wo 
„Gesundheit ihn wieder neu beleben zu wollen schien'S 
sogleich bei der ersten Variation etwas innig Rührendes 
in der Weise, wie das Innere sich dankbar hingebend in 
dem neuen Lebensgefühl wiegt, und der ö / le Tact zeigt in 
seinem 1. Theil einen Dämmer, der uns an die dunklen 
Tiefen des Daseins erinnert, die nirgend so ergreifend 
zur Empfindung kommen wie in reiner Musik. Es sind * die 
Tinten, von denen wir bei der Messe hörten. Der 2. Theil 
aber verräth mit seinem „innocentamento" wahrhaft 
selig unschuldiges Freudengefühl an dem neugewonnenen 
Glück. HieT haben wir, soviel auch selbst in diesem Stücke 
blos gekünstelt ist, echtesten Beethoven, und man begreift, 
dass nach solcher Ausbreitung des im 1. Satze wie mit 
Absicht aufgeregten tieferen Inneren nicht mehr ein 3. Satz 
folgen konnte. Diese Variationen haben das Pinale in sich 
selbst, und wer möchte nach solcher Erregung unserer 
innersten Antheilnahme noch Weiteres verlangen? Diesem 
Beethoven, wie er hier sich selbst wiedergegeben erscheint, 
werden wir auch bald mit Genugthuung wiederbegegnen. 117 

Anders, ganz anders aber verhält es sich mit dem 
ersten Satz dieses Op. 111 und dem ganzen Opus 110! 
Von Rossinis „Corradino 44 heisst es 1822 in der A. M. Z.: 
der Tonsetzer habe abermals viel geborgt aber von einem 
musikalischen Millionär, von sich selbst, und kein Mensch 
nahm daran besonderen Anstand. Aber wer mit Ernst und 
Fug den Ehrgeiz hat, „nicht ohne einigen Einfluss auf seine 
Zeit" zu bleiben, der darf nicht von sich selbst borgen, 



278 

sich selbst nicht wiederholen, wie viel weniger nachahmen! 
Und doch erscheint hier in Charakter und Anlage wie in 
der Ausführung, ja selbst bis ins Einzelne der Wendungen 
hinein „Ragout von Andrer Schmaus", wenn auch von 
Beethovenschem. Sollte Schlesinger bei Bestellung von 
Sonaten an „Päth^tique" und „Appassionata" erinnert haben, 
die allerdings dem Publicum geläufig genug waren ? Sollte, 
der 1814 von dem englischen General K. sich keine Vor- 
schriften machen lassen wollte und auf die Bestellung eines 
Herrn Donaldson von Edinburg „ein Trio für 3 Pianoforte 
(obligat), nicht schwer und im Styl des Quintetts in Es" 
(Conversationen von 1819) nicht eingegangen waT, jetzt wie 
er schon durch Anordnung der „Stücke" von Op. 106 dem eng- 
lischen Geschmack Concessionen gemacht (s. o. S. 194), gegen- 
über dem norddeutschen oder gar Pariser Geschmack und den 
Negoziationen dieses „Berliner Juden", wie er selbst sich 
später wohl in bitterer Nachempfindung eines angethanen 
Zwanges recht missachtend ausdrückt, der steten Lebens- 
bedrängung nachgegeben und seinen Stolz gebeugt haben? 
Wir besitzen die Correspondenz von Componist und 
Verleger nicht völlig mehr. Aber soviel empfindet sich fast 
mit Peinlichkeit, dass un^er grosser kraftvoller Meister hier 
sich selbst entfremdet ist und uns den blossen Schein 
gibt, wo wir gerade von ihm am meisten die Sache zu 
empfangen gewohnt sind. Wie sehr „dagewesen" ist das 
Pathos des ganzen 1. Satzes von Op. 111, und wie erinnert 
ein tieferes Gefühl für Wahrheit sich im Pinale von Op. 110 
fast wehmüthig der Sonate Op. 31 II! Was damals in 
wahrhaft heiliger Herzensnoth entstanden und nachher auch 



TT"* 



279 

bei dem Zusammenfassen des eigenen gesammten Lebens- 
gehaltes, in der Neunten Symphonie zu einer förmlichen 
geistigen Befreiungsthat erwachsen sollte, die Verwendung der 
dramatischen Becitation mitten im lyrischen Spiel, 
enthüllt . hier die ganze Blosse des blossen Scheins, der sol- 
chem Instrumentalrecitativ an sich eigen ist und den 
nur die erhabene Unschuld wahrer inneren Noth und das 
Ergreifen eines letzten Bettungsmittels uns verdeckt An 
die Stelle tiefsten Schauens in den Zusammenhang der 
Dinge, wie ihn eben das wahre Drama aufzuschliessen ver- 
mag, tritt der theatralische Schein, die Affeetation der 
Wahrheit, und ihn, der uns den ganzen tragischen Urgrund 
seiner Kunst so oft ergreifend enthüllt, ihn sehen wir mit 
den Weihen dieses wahren Himmelsgeschenks spielen? — 
Aber auch sonst tritt in diesen „Stücken" überall Con- 
nivenz gegen Stimmung und Geschmack der Zeit hervor. 
„Con amabilitä" ist der 1. Satz von Op. 110 überschrieben, 
und wirklich zeigt nicht nur diese an sich gefällige Weise, 
sondern überhaupt das ganze Suchen nach solcher blossen 
„schönen Melodie" den Charakter jener Tage, die sich vor- 
wiegend im süssen Spiel der Töne gefielen. Aus der Me- 
lodie aber wird das Lied bis zur beliebten „Ariette" und 
zum seriösen „Arioso", aus dem Lied das Bild, und so ent- 
steht an Stelle jenes wundervollen Organismus der Beet- 
hovenschen Sonate, der an Gehalt und Vollendung 
direct neben Aeschylos' und Shakspeare's tragischen Gebil- 
den steht, jene Beihe mehr zufällig gefundener Liedchen und 
Bildchen, wie zum Spiel für musikliebende Kinder, anstatt 
jener „Seelenspeise" für ernsteste Männer, die in der Musik 



280 

Linderung der Leiden und Lösung der Räthsel des Daseins 
suchen. Dabei die auffallende Gewöhnlichkeit der Harmo- 
nien, namentlich in diesem 1. Satz von Op. 110, und oben- 
drein zu den nächstliegenden Harpeggien aufgelöst, als gälte 
es Dilettanten den Sinn und Gehalt eines Dreiklangs oder 
Dominantaccords aufzudecken! Es ist der Sitz jenes Uebels 
der „Lieder ohne Worte", die denn auch bald ebenso zahl- 
los wie samenlos ins Kraut schiessen sollten, während 
Beethovens Sonate und ihre Erweiterung zu Quartett und 
Symphonie fast ein Menschenalter brauchten, um in das 
Empfinden der Zeit einzudringen, dann aber auch den Keim 
zu] Schöpfungen wie der „Symphonischen Dichtung" Liszts 
und der musikalischen Tragödie Wagners boten! 118 

Und in der That sagt uns eine Bezeichnung, wie die 
in dem Autograph von Op. 110, wo im Pinale das „Arioso 
dolente" noch einmal auftritt: „Mehr und schon ermattend 
klagend, perdendo le forze", dass hier die Kräfte momentan 
erlahmt und nur noch die Allüren, die Attitüde jenes ern- 
sten Spiels zu erlangen waren, das dieser musikalische 
Tragiker uns sonst so kräftig zu bieten weiss. Daher denn 
auch der Becensent der A. M. Z. von 1824, der allerdings 
am Hergebrachten klebend manches Entscheidende an dem 
ganzen Opus gar nicht bemerkt und z. B. -von dem Mezzo- 
tinto und Chiaroscuro der Finalfuge von Op. 110 und den 
dunklen Farben der letzten Variationen von Op. 111 wenig 
Ahnung zeigt, nicht ohne Becht schon „die hier gebrauch- 
ten Kunstmittel Beethovens Genius nicht recht würdig 
hält". Doch spricht derselbe andrerseits bei diesen Werken, 
wenn auch nicht von einem Culminations- so doch von 



T*" 



281 

einem Wendepunct, und ein solcher hat sich uns dabei 
in unserem Sinne allerdings ebenfalls schon angedeutet 

Wenn wir also jetzt von dieser kurzen Periode der 
Erschlaffung scheiden, aber leider noch erfahren werden, dass 
momentweise sogar noch tieferes Versinken in den „Sumpf 
und Schlamm im Kunstboden 44 geschah — man denke nur 
an die verschiedenen „Bagatellen" und im Grund unbedeu- 
tenden Lieder, die diese letzte nothvolle Periode erzeugt, 
— so wissen wir doch, dass die ergreifende Macht der 
Seelenlaute und vor allem die hehre Kraft der Dissonanz, die 
einst aus Bildungen wie in Op. 102 und 106 in die „Missa 
solennis" übergeströmt war, auch jetzt nur gewissermassen 
schlummernd in diesem Busen ausruht. Ja wie sich in 
einzelnen rhythmischen und modulatorischen Ansätzen das 
kühn aufstrebende und frei aufschauende Grundwesen Beet- 
hovens auch hier zuweilen fühlbar andeutet und nicht blos, 
wie es bei der Umkehrung des Themas im Pinale von Op. 110 
im Originalmanuscript heisst, „nach und nach wieder 
auflebend" ist, sondern in den Variationen von Op. 111 
das Auge von neuem völlig aufgeschlagen hat, so werden 
wir sein Können jetzt bald ganz und mächtiger als je auf- 
leben sehen. Das Bewusstsein der Unwürde, in welche das 
Leben selbst ihn so oft versetzt, erregt in seinem Innern 
erst das ganze bessere Wissen und Wollen und führt ihn zu 
dem Grossen und Wahren, an dem auch Andere sich erheben 
und aller Drängniss Herr werden können. 

Wir nahen dieser seiner wahren Erhebung zu sich 
selbst, die alle Noth und Schwachheit kräftig überwand. 119 



/ 



Achtes Kapitel. 
Die Ouvertüre „zur Weihe des Tempels". 

(1822.) 



„Unser Beethoven scheint wieder für Musik empfäng- 
licher zu werden, welche er seit seinem zunehmenden Ge- 
hörübel beynahe als Misogyn geflohen hatte. Er phanta- 
sirte bereits einige Male in einem geselligen Cirkel ganz 
meisterlich zur allgemeinen Freude und bewies, dass er 
noch immer sein Instrument mit Kraft Lust und Liebe zu 
behandeln versteht. Hoffentlich wird die Kunstwelt aus 
dieser erwünschten Veränderung die herrlichsten Früchte 
entkeimen sehen." So schreibt die A. M. Z. im ersten 
Frühling 1822, und Schindler (IL 231) nennt als Ort dieser 
Productionen das Haus der Baronin von Puthon, deren. 
Namen auch in den Conversationen von 1820 vorkommt, 
als einmal von einem Lionardoschen Christus „von ausneh- 
mender Schönheit" Bede ist. Puthon aber war Grosshändler. 

Einen solchen Abend beschreibt uns nun der oben IL 65 
erwähnte John Bussell. Zunächst heisst es von der äussern 
Erscheinung Beethovens, deren Vernachlässigung ihm ein 
etwas wildes Aussehen gebe : „sein Paar, welches seit Jahren 



283 

weder Kamm noch Scheere berührt zu haben scheint, über- 
schattet seine breite Stirn in einer Fülle und Unordnung, 
mit welcher nur die Schlangen um das Medusenhaupt ver- 
glichen werden können." Der gänzliche Verlust des Ge- 
hörs habe ihn aller Freuden des gesellschaftlichen Umgangs 
beraubt und wohl zu seinem mürrischen Wesen viel bei- 
getragen. Selbst unter seinen ältesten Freunden müsse ihm 
sein Wille gethan werden. Darauf heisst es: 

„Ich hörte ihn spielen, allein es so weit zu bringen erfordert 
in der That Klugheit, so gross ist sein Abscheu gegen alles was 
einer ausdrücklichen Aufforderung ähnlich sieht. Hätte man ihn 
geradezu gebeten der Gesellschaft diese Gefälligkeit zu erzeigen, 
so würde er es rundweg abgeschlagen haben, man musste ihn mit 
List dazu bringen. Jedermann veriiess das Zimmer ausgenommen 
Beethoven und der Herr des Hauses, einer seiner vertrautesten 
Bekannten. Beide führten vermittelst des Schreibbüchleins ein 
Gespräch miteinander über Bankactien [!]. Der Herr berührte wie 
ganz durch Zufall die Tasten auf dem offenstehenden Pianoforte, 
neben welchem sie sassen, fing allmälig an eine von Beethovens 
Compontionen zu durchlaufen, machte dabei tausend Schnitzer 
und verstümmelte in aller Geschwindigkeit eine Passage so arg, 
dasa sich der Componist herbeiliess seine Hand auszustrecken und 
ihn zurechtzuweisen. Nun wars gut, die Hand war einmal auf 
dem Piano forte, sein Freund verliess ihn sogleich unter einem 
Vorwand und begab sich zu der Gesellschaft;, die im nächsten 
Zimmer, von wo aus sie alles hören und sehen konnten, geduldig 
den Ausgang dieser langweiligen Verschwörung erwartete. Beet- 
hoven allein gelassen setzte sich nun selbst an das Pianoforte. 
Anfangs that er nur dann und wann einige kurze und abgebrochene 
Griffe, gleichsam als furchte er bei einem Knabenstreich ertappt 
zu werden. Aber nach und nach vergass er Alles um sich her 
und verlor sich ungefähr eine halbe Stunde lang in einer Phantasie, 
deren Styl äusserst abwechselnd war und sich besonders durch 
plötzliche Uebergänge auszeichnete [!]. Die Liebhaber waren hin- 
gerissen; für den Uneingeweihten war es um so interessanter zu 



284 

bemerken, wie sich die Musik aus des Mannes Seele auf seinem 
Gesichte ausdrückte. Er schien mehr Gefühl für das Kühne, Ge- 
bietende und Stürmische zu haben, als für das Sanfte und 
Schmachtende." 

Woraut eben jene Stelle über das Bild des Zauberers folgt, 
der sich von den selbstbeschworenen Geistern überwältigt 
fühle. 120 

Das „nach und nach wieder auflebend 4 ' der Zeit von 
1821/22 bestätigt sich also auch hier. Die Messenarbeit, 
die zuletzt noch durch die Copirung viel Unangenehmes ge- 
habt, „da wirklich erschrecklich viel darin gefehlt war 
und zwar so dass jede Stimme musste durchgesehen wer- 
den", war glücklich abgethan. Das für den Erzherzog be- 
stimmte Exemplar sollte nur noch gebunden und dann 
ehrfurchtsvoll überreicht werden: man schöpfte neue Hoff- 
nung, machte neue Pläne. „Beethoven hat endlich seine 
neue Messe vollendet, sie soll von einem ungewöhnlichen 
Umfange sein und die Dauer von 2 ganzen Stunden zur 
Aufführung erheischen, man hofft selbe in einem Concerte 
zu hören, welches der Autor im nächsten Spätherbst zu 
diesem Zwecke zu. veranstalten gesonnen ist 41 , meldet die 
A. M. Z. Mal 1822. Ja es scheint eben in diesem Jahres- 
anfang die neue Messe geplant worden zu sein, wenn 
anders die der S. 265 erwähnten Stelle im Skizzenbuch E fol- 
gende Notirung zu dem Worte „Göthe" mit dem Umstände 
in Verbindung zu setzen ist, dass das zu Ende Februar 1822 
erschienene „Meeresstille und glückliche Fahrt" dem Ver- 
fasser der Gedichte gewidmet ist und vor allem also diesem 
ein Exemplar davon, vielleicht mit einem Canon auf seinen 



I? ■■'*• ■ 



285 

Namen, gesandt werden sollte. Wie der ergrauende Meister 
aber dann auf Weisse's neckisches Gedichtchen „Der Kuss" 
kam, dessen Notirupg unmittelbar dort folgt, ersieht sich 
nicht. Ist auch der Ton dieser „Anette 44 von etwas alt- 
vaterischem Humor, so waltet doch wieder Lebenslust. Es 
war jener überaus zeitige Frühling von 1822, und so trat 
die Gunst der Natur zum eigenen frischeren Lebenstrieb. 
Dazu kamen erneute Anregungen im guten wie im 
schlimmen Sinn: die Sterne Weber's und Rossini's 
gingen kurz nach einander in Wien auf und rissen auch 
hier zunächst alles in ihre Kreise. Eine Hauptsache für 
Beethoven aber musste sein, sich seiner traurigen öcono- 
mischen Lage zu entreissen, damit er nicht immer wieder 
die Beute der „österreichischen Wucherer" wurde und 
„Ruhe und Freiheit 44 gefährdet sah. Sollte nun eben dazu 
auf verständige Weise eine öffentliche Vorführung des 
neuesten Werkes dienen und gab dies, wie wir noch sehen 
Verden, auch wieder Antrieb zu neuem Schaffen, so war 
andrerseits der „Handel" mit diesem Werke, zu dem ihn vor 
allem der „Bruder Pseudo" verführte, und überhaupt die 
persönliche Berührung mit diesen Geschäftsmanipulationen 
ftr ihn unheilbringend genug: er ward in einen Strudel 
v on oft nur zu unwürdigen Machinationen hineingezogen 
und die Experimente, die jetzt besonders mit dem Verkauf 
der Messe gemacht wurden, konnten sogar seinen an sich 
so lautern Charakter manchmal nicht anders als in falschem 
lichte erscheinen zu lassen. Wir dürfen uns der Dar- 
stellung auch dieser unerquicklichen Dinge nicht entziehen, 
wollen aber sogleich a\is den zahlreichen Aeusserungen, 



286 

die darüber vorliegen, eine nnd zwar eine der bezeichnend- 
sten ans des Meisters eigener Feder hersetzen, die obendrein 
gegen einen von ihm sehr geachteten Mann, den k. k. Lega- 
tionssecretär Bauer geschah. „Er brachte mich in die 
Kothgasse", schreibt Beethoven im März 1823 in einem 
Gespräch über Johann auf, und wir werden sehen, wie 
schwer er wieder aus dieser „Kothgasse" herauskam. 121 

Vor allem die Herausgabe der Sämmtlichen Werke 
sollte jetzt zum gewünschten Ziel führen. Schon im 
April 1820 hatte Freund Bernard dafür wenigstens ein 
Honorar von 30,000 Thaler in Hoffnung gestellt, während 
Beethoven selbst bescheiden genug 10,000 Fl. C. M. ver- 
langt und dann noch zu jeder Gattung ein neues Stück 
hinzuschreiben will. Das Unternehmen mochte jetzt be- 
sonders geeignet erscheinen. Die Wiener Blätter brachten 
in diesem Winter eine ausführliche Notiz über jene aus ca. 
4000 Bogen gross Folio bestehende Haslingersche „Pracht- 
abschrift" der. Werke des Meisters, „dem seine Zeitgenossen 
bereits die Palme der Unsterblichkeit gereicht haben", und 
die A/M. Z. vom Januar 1822 meldet davon als von einer 
Merkwürdigkeit, die für Deutschland ja für das ganze 
musikalische Europa einen zu universellen Bezug habe als 
dass davon geschwiegen werden könne. Eine solche Samm- 
lung, die alles umfasste was Beethoven „vom ersten flüch- 
tigen Notensatz bis zum 1. October 1821 nur immer der 
Tonwelt überlieferte", herauszugeben konnte einen Verleger 
wohl reizen. Schindler theilt über die Sache Einiges mit 

Schon 1816 hatte Hoffmeister in Leipzig die Clav ier- 
musik herausgeben wollen, man verhandelte unter Diabellis 



287 

Hülfe in Wien, war aber dabei nicht verschwiegen genug 
gewesen und so waren die Wiener Verleger, besonders 
Steiner und sein „Adjutant" Haslinger, die schon so viele 
Werke Beethovens besassen, mit allerhand gutem oder 
schlechtem Bath dazwischen getreten. Bald jedoch mach- 
ten sie selbst Beethoven den Vorschlag, alle seine künf- 
tigen Werke in Verlag zu nehmen und zugleich die , 
Herausgabe der Sämmtlichen Werke zu veranstalten. Dies 
schien um so annehmlicher als dabei alle Arbeiten, Correc- 
turenetc. in Wien unter Beethovens Augen stattfinden konnten. 
Steiner rückte sogar wie es scheint in eben diesem Jahre 
1822 mit einem vollständigen Tarif für jedes Neue hervor: 
Symphonie 40 — 60 Dukaten, Oratorium 2 — 300, Bequiem 
120, Oper 300, Sonate 30—40 etc., was um so einleuch- 
tender war, als ja gar manches solcher Werke schon 
in Arbeit oder doch bestellt war. Beethoven schreibt also 
auf dieses Verzeichniss : 

„Man könnte sich auch vorbehalten die Preise manchmal zu 
ändern oder anders zu bestimmen; wenn man betrachtet, dass 
dergleichen blos für Oestreich and höchstens Frankreich wäre und 
mir noch England dazu bliebe, so könnte es angenommen werden. 
Bei mehreren behielte man sich vor die Preise selbst zu bestimmen. 
Was die Herausgabe sämmtlicher Werke betrifft, so Hesse sich 
vielleicht auch England und Frankreich für den Autor abziehen. 
Die zu zahlende Summe des Verlegers wäre 10,000 Fl. 0. M. Da 
sie sich auch einlassen wollen auf die Herausgabe sämmtlicher 
Werke, so würde meines Eraohtens ein solcher Contract das Beste 
sein. Vielleicht für London und Paris aushalten, desswegen an 
Schlesinger schreiben." 

Auch war man ja Steiner besonders verschuldet Auf der 



_ 288 

Abschrift des Ciavierauszugs von „Meeresstille und glück- 
liche Fahrt" im Nachlass Haslingers steht: 

„NB. Schon wieder 150 FL getilgt an der mea culpa, mea 
maxima culpa u. am heutigen dato auf dem Glacis der Schein da- 
von in Feuer und Flammen aufgegangen. Wien am 19ten April 
1822." 

So ward jenes Project im Auge behalten, dabei aber doch 
möglichst nach anderen Verlegern sowohl für Sämmtliche 
Werke wie für die Messe ausgeschaut und im Lauf der 
Jahre deren eine gute Zahl: Simrock, Schlesinger, 
Peters, Breitkopf & Härtel, Probst, Schott theils 
in Unterhandlung gezogen theils wenn sie wie Diabelli 
und Artaria sich selbst anboten, in der Hand behalten. 
Helfer war dabei also vor allem der „Bruder Kain", und 
da diesem leider die Werke meist in P&nd gegeben oder gar 
direct verkauft waren, so werden wir bald sehen, was 
durch dessen ^unglücklichen Hang d'etre riche" allerhand 
Schönes herauskam. 122 

Die Messe war in Händen des Erzherzogs, und dies 
wird Simrock als Grund des langen Säumens angegeben. 
Am 19. Mai 1822 heisst es die Sachlage genugsam bezeich- 
nend gegen Brentano: 

„Der Kardinal Rudolph der überhaupt für meine Werke sehr 
eingenommen ist, wollte nicht, obschon ich bisher von seiner Gross- 
muth nichts weiss, dass die Messe sobald herauskommen sollte, 
und erst vor 3 Tagen erhielt ioh die Partitur und Stimmen zurück, 
damit wie Höchstdieselben sich ausdrückten, mir nicht beim Ver- 
leger geschadet werden könnte ; Sie baten sich dabei aus, dass sie 
ihm gewidmet werden sollte, und ich lasse jetzt die Partitur noch 
einmal abschreiben, was bei meiner schwächlichen Gesundheit nur 
langsam geht." 

Simrock werde das Werk bekommen, weil er sein Wort 



289 

habe. Er habe andere Anträge zurückgewiesen und es 
könne durch andere Werke wieder gut gemacht werden, 
was er hier verliere. Auch die Sämmtlichen Werke wer- 
den berührt, denn da ihn der Winter hier „beinahe immer 
morde", so müsse er Wien endlich auf einige Zeit verlassen. 
Seit 4 Monaten habe er „Gicht auf der Brust" und sei 
nur wenig sich zu beschäftigen im Stande gewesen. Der- 
weilen war aber in drei Briefen (vom 9. und 29. April 
und 1. Mai 1822) die Messe nach Berlin angeboten worden. 
Schlesinger kann jedoch erst am 2. Juli antworten und 
so ist das Erscheinen von HoflEmeisters Nachfolger C. F. 
Peters, dem Hauptschöpfer des durch die „Edition Peters 4 * so 
populär gewordenen Bureau de Musique, sehr willkommen. 
Peters 1 Briefe liegen uns vor und enthüllen einen 
etwas sentimentalen jedoch durchaus ehrenhaften Sinn, der 
das spätere Verfahren mit ihm nicht recht verdient hat. Das 
Unwesen der Wiener Verleger besonders Steiners deckt 
sich hier um so drastischer auf, als Peters gerade um ihret- 
willen „die fühlbare Lücke in seinem Verlag unserer geach- 
tetsten Künstler nicht auszufüllen gestrebt 14 . Dass aber Beet- 
hoven dem „nirgends geachteten Juden in Berlin 44 , wie 
Schlesinger gewiss mit Unrecht genannt wird, Werke gege- 
ben, die obendrein schlecht edirt seien, machte ihm Muth 
und er übergab dem auf der Messe anwesenden Steiner ein 
Verzeichniss der Werke, die er von Beethoven gewünscht: 
Symphonien, Quartetten und Trios für Ciavier. „Indess 
der Muse des Künstlers lässt sich nichts vorschreiben und 
was Sie mir senden, würde mir willkommen sein, denn 
ich suche Ihre. Verbindung nicht aus Eigennutz 44 , schreibt 

N o h 1 , Beethovens letzte Jahre. 19 



* 



,290 

er am 18. Mai. „Solch enthusiastischen Gimpel muss man 
fangen 41 , mochte Bruder Johann, der uns diese Briefe erhalten 
hat, sich sagen, und Beethovens Antworten zeigen denn 
auch bald die Anwesenheit Johanns in Wien. Er war zum 
Besuch da und hatte abgesehen von andern kleinen Besor- 
gungen wie das Miethen einer Wohnung (in der Vorstadt 
Laimgrube) und eines bescheidenen Logis auf dem Lande 
(das „Döblingsche Loch"), die aber beide den Bedürfhissen 
des kränkelnden arbeitsversunkenen Meisters nicht entfernt 
entsprachen, demselben auch wieder ganze 200 FL geliehen. 
Dieser aber meldet solch traurigem Gaste, er möge nicht 
ungeduldig werden, da er der Urheber so vieler Plagen 
für ihn sei — er hoffe, dass er wohl noch ausfindig machen 
werde, wodurch er wenigstens einigermassen seine Dank- 
barkeit bezeigen könne! — Johann hatte so manches von 
Beethovens Werken in Händen und dieser musste denn 
auch bald ganz nach seiner Pfeife tanzen. 123 

Also nach Steiners Eückkehr von der Messe — um 
sogleich das Nöthigste dieser Bagatellen abzuthun, die nicht 
ohne Einfluss auf Beethovens Schaffen blieben, — hatte 
dieser scherzweise gefragt, was er ihm mit von Leipzig 
gebracht. Steiner hatte jenes Petersschen Auftrags mit 
keiner Sylbe erwähnt, aber sehr heftig auf contractmässige 
Zusicherung aller jetzigen und zukünftigen Werke gedrun- 
gen. Beethoven fährt also (5. Juni 1822) zu Peters fort: 

„Dieser Zag beweist Ihnen genug, warum ich öfter andern 
auswärtigen und auch inländischen Verlegern den Vorzug gebe. 
Ich liebe die Gradheit und die Aufrichtigkeit und bin der Mei- 
nung, dass man den Künstler nicht schmälern soll, denn leider ach, 
so glänzend auch die Aussenseite des Ruhmes ist, ist ihm doch 



291 

nicht vergönnt alle Tage bei Jupiter zu Gaste zu sein, leider zieht 
ihn die gemeine Menschheit nur zu oft und widrig aus diesen 
reinen Aetherhöhen herab." 

Um die Messe bewürben sich mehrere: 100 schwere LscTor 
habe man ihm geboten, er verlange unterdessen wenigstens 
1000 FL C. M., wofür er auch den Ciavierauszug selbst 
verfertigen werde. Dabei bietet er ferner an: Variatio- 
nen über einen neuen Walzer — „es sind viele", — für 
30 Duc, das Lied „Mit Mädeln sich vertragen" und noch 
eine Arie ähnlicher Gattung für 16 Duc, andere italienische 
und deutsche Gesänge, die Elegie für Pasqualati, den Der- 
wischchor, den Tarpejamarsch, eine Violinromanze, ein 
grosses Trio für 2 Oboen und englisches Hörn, 4 militä- 
rische Märsche, Bagatellen, — welche Werke alle fertig 
seien. Bald haben aber könnte er eine Ciaviersonate und 
ein Quartett! Sodann ist vom Verlag Sämmtlicher Werke 
um 10,000 Fl. Eede, wofür binnen 1 — 2 Jahren je ein 
neues Werk kommen solle. „Kein Handelsmann bin ich 
und wünsche eher es wäre in diesem Stücke anders, jedoch 
ist die Concurrenz, welche mich, da es nun einmal nicht an- 
ders sein kann, hierin leitet und bestimmt", schliesst er und 
bittet der Plackereien in Wien wegen um Verschwiegenheit. 

Aus allen Winkeln also sind neue und alte Sachen 
hervorgeholt und ein förmlicher Handel wird eingerichtet. 
Peters aber gewinnt durch diese „so freundliche und zu- 
trauliche Sprache" in dem Meister „eben sosehr den Men- 
schen lieb wie er den Künstler verehrt". Steiners Hinter- 
list schmerze ihn sehr: „doch allen Sündern sei vergeben". 
Er acceptire, obwohl kein reicher Mann, die Messe um der 

19* 



292 

Ehre seines Geschäfts willen und damit eine von Beethoven 
componirte Messe nicht in die Hände eines Juden und 
zumal eines solchen Juden komme! Die Herren Verleger 
damals waren schlecht auf einander zu sprechen. Auf die- 
ses Schreiben, das mit allerhand Zahlen und Notaten um- 
. kritzelt ward, sagt man also auch hier bereits am 26. Juni die 
Messe fest zu. Schlesinger erhalte auf keinen Fall mehr etwas 
von ihm, da er ihm ebenfalls einen jüdischen Streich ge- 
macht. Das heisst, er hatte auf jene 3 Briefe nicht geant- 
wortet, und die Ursache davon, die Leipziger Messe und 
Krankheit, kannte eben Beethoven noch nicht. Zudem hör- 
ten wir schon von dem fehlerhaften Stich von Op. 109, 
und das gleiche wiederholte sich jetzt gedoppelt bei Op. 110 
und 111. „Er gehört ohnehin nicht zu denen, die die 
Messe erhalten hätten", schreibt er also weiter, Jedoch ist 
die Concurrenz um meine Werke gegenwärtig sehr stark, 
wofür ich dem Allmächtigen danke, denn ich habe auch 
schon viel verloren". Dabei sei er Pflegevater eines Kna- 
ben, der soviel Anlage zur Wissenschaft bezeige und daher 
viel Geld koste, auch müsse für die Zukunft auf ihn ge- 
dacht werden, da wir weder Indianer noch Irokesen, welche 
bekanntlich dem lieben Gott alles überlassen, seien und es 
um einen „pauper" immer ein trauriges Dasein sei. Es 
überschleicht ihn das Heine'sche Gefühl: 

Denn ein Recht zu leben, Lump, 
Haben nur, die etwas haben. 

Darauf acceptirt Peters 3 Lieder und 4 Märsche um 
40 Duc. in einem Wechsel auf Gebrüder Meisl in Wien und 
freut sich so zum Vortheil der öconomischen Verhältnisse 



7— 



293 

Beethovens beitragen zu können. Dieser meldet sogleich 
all diese Dinge dem „besten Brüderl und grossmächtigsten 
Gutsbesitzer 44 , damit derselbe nach Wien komme. Denn 
einmal glaube er manches „zu wohlfeil' 1 gegeben zu haben, 
dann sei jetzt der Copist mit der Messe beschäftigt, könne 
also die Kleinigkeiten, für welche Peters 300 Fl. ange- 
wiesen, nicht abschreiben und so seien im Moment weder 
diese 300 Fl. noch die 1000 FL für die Messe zu bekom- 
men. Dabei heisst es (3. Juli 1822): 

„Aus allem ist der Eifer des Mannes für meine Werke zu 
sehen, ich möchte mich aber nicht gern biosgeben und es wäre 
mir lieb, wenn da mir schriebst, ob da Einiges entbehren kannst, 
damit ich nicht gehindert werde nach Baden zu gehen, wo ich 
einen Monat wenigstens bleiben mnss. Du siehst dass hier keine 
Unsicherheit stattfindet, sowie du die 200 Fl. im Sept. mit Dank 
zurück erhalten wirst. Uebrigens bist du als Kaufmann immer 
ein guter Rathgeber." 

Bei dieser Gelegenheit erfahren wir also durch ihn selbst 
auch das Genauere über die Steinersche Haft (s. o, S. 97): 

„Die Steiner treiben mich ebenfalls in die Enge, sie wollen 
durchaus schriftlich haben, dass ich ihnen meine Werke gebe, 
jeden Druckbogen wollen sie bezahlen. Nun habe ich aber erklärt, 
dass ich nicht eher in eine solche Verbindung treten will, bis sie 
die Schuld tilgen. Ich habe ihnen dazu 2 Werke vorgeschlagen, 
welche ich nach Ungarn geschrieben und die als ein paar kleine 
Opern zu betrachten sind, wovon sie auch früher schon 4 Stücke 
genommen. Die Schuld beträgt ungefähr 3000 Fl., sie haben aber 
abscheulicher Weise noch Interessen dazu geschlagen, die ich nicht 
eingehe. Einen Theil Schulden habe ich von Karls Mutter hiebei 
übernommen, da ich ihr gern alles Gute erzeige, insofern Karl 
dadurch nicht gefährdet wird. Wärst du hier, so wären diese 
Sachen bald abgethan, nur die Noth zwingt mich zu dergleichen 
Seelen verkauf er ei en." 

Das „beste Brüder!" , dem noch allerhand guter Bath 



294 

gegeben wird wie: „alle Tage das Evangelium zu lesen, 
sich die Episteln Petri und Pauli vorzulesen, nach Born 
zu reisen und dem Pabst den Pantoffel zu küssen", — das 
Brüderl kam zwar diesmal nicht, scheint aber um so wirk- 
samer gerathen zu haben. „Diabelli sagt, der Bruder ist 
der grösste Jude von allen", schreibt 1824 der Neffe auf, 
und jetzt beginnt denn auch erst eigentlich und zwar von 
Seite unseres Meisters und seines „Chargß d'affaires" das 
, jüdische Handeln". Am 6. Juli 1822 wird zwar gegen 
Peters bei dem Messenversprechen und den übrigen Zusagen 
verblieben und über Steiners Verfahren das „Bequiescat in 
pace" gesprochen, allein der Preis der Bagatellen wird 
durchaus unbillig auf 8 Ducaten erhöht. Ebenso dürfe es 
schwer fallen, ihm das Honorar für das Violinquintett 
zu verringern, indem gerade dergleichen ihm am höchsten 
honorirt werden. Dabei fällt die Bemerkung: 

„Ich möchte sagen zur Schande für den grossen allgemeinen 
Geschmack, welcher in der Kunstwelt durch den Privatgeschmack 
weit unter jenem steht", 

was mit Bestimmtheit auf eine Privatbestellung hindeutet 
Wie denn auch in den Conversationen vom Februar 1823 
das eine Mal steht: 

„Der Schneider hat mir gestern gesagt, dass er Ihnen ein Billet 
von einem Engländer überbracht habe, der Compositionen haben 
will, er selbst war ganz begeistert von dem Engländer, der stet» 
saugte: Ein Gott ein Beethoven." 

und Gin andermal von der Hand des k. k. Gesandtschafts- 
secretairs Bauer, der nach London will: 

„Wenn H. v. B. das Quartett für den engl. Capt. Reigersfeld 
fertig haben, so werde ich das Ueberbringen besorgen.*' 

Aus einem konnten aber ganz gut 3 werden-, wie das mit 



' ■ '.-"I- » . 



295 

Quartetten so Sitte war. Ebenso .vernehmen wir, dass das 
eine Quartett „nicht ganz vollendet sei, da ihm etwas an- 
deres dazwischen gekommen 44 . Peters nun ermächtigt ihn 
am 12. Juli sich für die Märsche, Lieder und Bagatellen 
das Honorar auszahlen lassen, dessen Ansetzung er ihm 
auch ferner überlasse. Das Quartett aber war — Op. 127. 124 
Derweilen hatte (2. Juli) auch Schlesinger geantwortet, 
dass ihm der Preis von 650 Thlr. für die Messe „nebst 
2 Liedern 44 Recht sei, und dabei seinerseits weidlich über 
die Wiener Geschäftsfreunde geschimpft, die kein Eigen- 
thum respectiren und nur mit Mühe die schuldigen Saldi 
zahlen. Ueberall entfacht dieser neue Hort der Nibelungen 
Neid und andere Leidenschaften. Der eigentliche Blutsau- 
ger aber bleibt Bruder Johann, der bei solcher Gunst der 
Lage erst recht darin bestärkt wird mit den Werken Beet- 
hovens zu „wuchern 44 . Am 26. Juli 1822 erfolgt über 
diese Verhältnisse denn auch ein so recht Beethovenscher, 
zwischen Spott und Thränen mitten inne schwebender Brief 
an ihn. „Aeusserst beschäftigt und unbequem in allem 
mit "Wohnung und meinen Leuten, welche beide äusserst 
ungeschickt sind, konnte ich dir noch nicht schreiben 44 , 
beginnt es, als stände der „Hirnbesitzer 44 unter einem ver- 
pflichtenden Banne des „Gutsbesitzers 44 . Mit seiner Gesund- 
heit gehe es besser, er müsse Brunnen trinken, Pulver neh- 
men und solle jetzt nach Baden, Johann möge doch helfen 
kommen oder auch 8 Tage „ad suum libitum 44 mit ihm in 
Baden zubringen, er habe nur noch die Correcturen an 
der Messe, dann erhalte er von Peters 1000 FD. „könntest 
du nur die Briefe lesen!" Auch Breitkopf & Härtel habe 



296 

den sächsischen Chargl d'affiaires (den Legationprath Grie- 
singer s. ob. IL 468) wegen Werke zu ihm geschickt, 
und zwar, wie wir aus dessen Briefe nach Döbling erfahren, 
wegen „eines seiner Kunst würdigen Operngedichts, 
ehe er seine Harfe völlig aufhänge". Ebenso von Paris 
und Diabelli habe er Aufforderungen erhalten: 

„kurzum man reisst sich um Werke von mir, welch unglück- 
licher glücklicher Mensch bin ich!!! — auch dieser Berliner 
hat sich eingestellt — wird nur meine Gesundheit gut, so dürfte 
ich noch auf einen grünen Zweig kommen!" 

Der Erzherzog Cardinal sei da, er gehe alle Woche 2 Mal 
zu ihm. Von Grossmuth sei zwar nichts zu hoffen, allein 
er sei doch auf einem so vertrauten guten Fuss mit ihm t 
dass es ihm äusserst wehe thun würde ihm nicht etwas 
angenehmes zu erzeigen, auch glaube er die anscheinende 
Kargheit sei nicht seine Schuld, — alles Dinge, die dem guten 
Bruder jedenfalls am wenigsten einleuchten. Auch wünsche 
der Erzherzog sehr, dass Beethoven nach Olmütz komme. 
Diese letzteren Umstände, die Bäder, das Bruijnen- 
trinken, Lectiongeben, zu dem obendrein stets erst in die 
Stadt zu fahren war, sodann die Correctur von Op. 110', das 
bereits am 23. Aug. 1822 in Wien angezeigt ward, und wohl 
auch schon von Op. 111, das wegen seiner endlosen Un- 
richtigkeiten zweimal von Paris nach Wien hatte wandern 
müssen, weil man dort Beethovens Schreibart noch weniger 
begreifen mochte als schon in Berlin, — alles dieses hatte 
es nun wieder „etwas unordentlich mit ihm gemacht, zu- 
mal da er dabei schreiben müsse u . So heisst es am 3. August 
gegen Peters, und dazu : auch sei er in der Wahl der Stücke noch 
uneinig, jedoch könne bis zum 15. August alles abgegeben 



2 97 

werden, wenn er wisse, dass das Honorar dafür da sei 
.Nehmen Sie nur nichts auf eine unedle Weise von mir, 
— ich leide wenn ich handeln muss" schliesst er. Und 
doch verleiten ihn einerseits Bedrängung, wie sie offenbar 
nächst Steiner am empfindlichsten Bruder Judas als Gläu- 
biger ausübte, und andrerseits begreifliche Sehnsucht nach 
Ruhe und Freiheit zur „Beschäftigung mit seinen Musen" 
gerade jetzt zum direoten Hausiren mit seinen edelsten 
Geisteserzeugnissen. Es liegt eine Antwort Ch. , Neates 
vom 2. September 1822 vor, wonach Beethoven ihm also 
um Ende Juli die 3 projectirten Quartette zum Ver- 
kauf in London angetragen, und er muss sich hier, ganz 
gegen die Absicht dieses seines innigen Verehrers, gar un- 
behagliche Dinge sagen lassen. 

Sein Plan sei gewesen, schreibt Neate, einige Musikfreunde 
zu bitten sich mit ihm zum Ankauf des Manuscripts zu verbinden, 
da er nicht reich genug sei dies allein auf sich zu nehmen. Er 
habe dabei keine Schwierigkeiten gesehen, aber er müsse leider 
'sagen dass er mehr gefunden habe als er erwartet: „Die einen 
sagten dass man der Ankunft des Manuscripts vollkommen sicher 
sein müsse, die andern meinten sie wollten das Publicum nicht 
berauben etc." Indessen scheine er endlich dazu gelangt zu sein 
ihm die 100 Liv. zu verschaffen, aber er bedaure hinzufügen zu 
müssen, dass diese Summe nicht vor Ankunft des Manuscripts 
gezahlt werden könne, weil er die Mittel dazu sammeln müsse, 
und er sei gewiss dass die Freunde, an welche er sich gewandt 
hatte, sich beeilen werden ihrer Verpflichtung nachzukommen so- 
bald das Manuscript angekommen sei. Es gebe noch eine andere 
Schwierigkeit, nämlich die Besorgniss dass die Quartette in Wien 
copirt sein möchten, er vertraue dass Beethoven Sorge tragen 
werde das zu verhindern. 

Das war bitter für einen Mann, dem wie es ebenfalls 



298_ 

gegen Peters damals heisst, „seine Ehre nächst Gott das 
Höchste" war. Aber er sollte mit diesem „Handeln" noch 
peinlichere Dinge erfahren. Näheren Aufschluss über all 
diese mit so naivem Ungeschick angelegten Manipulationen 
gibt uns ein Brief an den Bruder Johann vom Anfang 
September 1822. Es heisst da nämlich: 

„Ich war in grosser Verlegenheit wegen Ausbleibens deiner 
Antwort. Mein Gehörzustand, der mich auf eine gewisse Weise 
abgeschlossen von den Menschen macht, verursachte dass ich 
glaubte, du habest dich mit Steiner zertragen. Auoh verxnuthete 
ich, du würdest aufgebracht sein, wenn ich nicht davon spräche, 
dir deine Schuld zurückzustellen. In dieser Verlegenheit, da ich 
bang war wegen der Messe, so schrieb ich an Simrock, der auch 
an mich geschrieben hatte [s. o. S. 262 den Brief vom 13. Mai 
1822] dass ich sie ihm für 1000 Fl. überlassen wolle. Da du 
schreibst, dass du die Messe wünschest, so bin ich ganz damit 
zufrieden, nur wollte ich nicht, dass du dabei irgend einen Scha- 
den habest." 

Die Abhängigkeit von diesem Bruder war es also vor 
allem, was ihn zu allerhand Speculationsversuchen und sei 
es mit den Früchten auf dem Halm, zur „Seelenverkäuferei" 
trieb. Ueber das ganze Messenhonorar war wie aus einem 
Briefe an Artaria hervorgeht, der sich um das Werk bewor- 
ben hatte, bereits verfügt d. h. es gehörte eben dem Besitzer 
desselben, Bruder Johann. Gleicherweise war der Peterssche 
Vorschuss aufgenommen worden, denn Dr. Staudenheim hatte 
die Kur in Baden befohlen. Drängend stand ferner Steiner 
da, mehr alsje „auf seinem Schein bestehend". „Gott wird 
mich noch schützen vor den weitern unaufhörlichen Rän- 
ken dieses bösen Steiner", heisst es deshalb am 13. Sept. 
gegen Peters. Zudem hielt im August schon wieder der 



__299_ 

Cardinal vom „Schreiben" ab. Im September aber musste 
Johann seine 200 FL zurückerhalten. IU 

So war in jeder Weise auf Hülfe zu sinnen, und wir 
begreifen, wie er eben in diesem Sommer 1822 in Baden 
iq seiner Wohnung Nr. 94 (jetzt 99) der Rathhausgasse an 
den Fensterläden steht und mit dem Bleistift auf das un- 
gestrichene Lindenholz nach seiner Weiset ellenlange Rech- 
nungen von gleichen Ziffern aufstellt oder auch hinschreibt: 
„50, WM), 200 Duk. wieviel Gulden sind das?" Dass aber 
dazwischen allerhand musikalische Einfälle und überhaupt 
ein Gedankenbunterlei gestanden, das diese dünnen Tafeln 
zu einer Art Notiz- und Tagebuch machte, dieser Um- 
stand habe dazu geführt, dass dieselben nach des Meisters 
Abzüge von Kurgästen als Karität gesteigert worden seien, 
erzählt Schindler, und wir werden noch vernehmen, dass 
dadurch später eine Art von entscheidenden Einfluss auf Beet- 
hovens Leben und Schaffen geschah. Für den Moment aber 
hatte wenigstens der Peterssche Vorschuss zur Arbeitsruhe 
Terholfen, und wenn wir also nach all diesen geschäftlichen 
Weitläufigkeiten endlich wieder zu diesem Schaffen selbst 
gelangen, so ist leicht zu erkennen, dass es denn doch 
auch für jenfes „Handeln" nicht an einem guten Anhalt und 
Untergrund gefehlt und dass in der That nur seine „Berg- 
werke" sich zu öffnen hatten, um alles Gewünschte „ans 
Tageslicht der Welt zu bringen". Ja kaum ein Zeitpunct 
in Beethovens Leben ist teicher an Plänen und Entwürfen 
als dieser schöne Sommer von 1822, der ihm die eigenen 
Kräfte völlig zu erneuen schien. Schon am 6. April war 
nach halbjährigem Schweigen an Kies die Vollendung 



seines „grössten Werks 44 , der Missa, gemeldet und dabei gefragt 
worden: „Was würde mir wohl die philharmonische Ge- 
sellschaft für eine neue Sinfonie antragen? 44 Noch immer 
hege er den Gedanken nach London zu kommen und sei 
wie allezeit ganz seinen Musen ergeben, finde nur darin 
das Glück seines Lebens und wirke und handle auch für 
Andere wie er könne, — wobei auf den „Sohn 44 hingewie- 
sen wird, der allein mehr koste als dem verheiratheten 
„lieben Schüler, nunmehrigen grossen Meister 44 seine zwei 
Kinder. Näheres aber über diese Arbeiten erfahren wir 
aus einigen persönlichen Begegnissen und aus einem Wie- 
' ner Skizzenbuche. Wir gehen also zu diesen Mittheilungen 
über und werden dabei in jeder Beziehung den versöhnen- 
den „Wendepunct" in Beethovens Leben gewinnen. 126 

Das Nächste was uns begegnet sind die Variationen 
Op. 120. Es können keine anderen sein als diese, die 
bereits am 5. Juni 1822 Peters angeboten werden. Ihre 
Entstehungsgeschichte mag folgende sein. 

Der „Tonkünstler 44 Diabelli hatte zur Variirung eines 
Walzers von seiner Compositum unter einer namhaften Anzahl 
Componisten auch Beethoven eingeladen. Dieser aber, der 
sich dabei mit Ingrimm einer Persiflage erinnerte, die i. 
J. 1808 einem ähnlichen Collectiv werke auf die allerdings 
etwas theatralischen Worte: „In questa tomba oscura" trotz 
Beethovens schöner „Arietta" angethan worden war, schlug 
die Einladung umsomehr aus als das „Thema mit dem 
Schusterfleck 44 allein schon geeignet sei sie alle miteinander 
lächerlich zu machen. Andrerseits mochte gerade das ko- 
misch Armselige und Hülflose in Erfindung und Satz dieses 



riw^-r 



301 

Rosalienwalzers die eigene Phantasie zur Prüfung der ange- 
bornen Kraft reizen. Schon die Erzherzog Kudolph- Variationen 
hatten das Publicum gar sehr an den Meister selbst erin- 
nert Aus einem' Händelsschen Trauermarsch sollten „ver- 
schiedene Klagen" ertönen, und die Variationen von Op. 111 
brachten allerdings sehr charakteristische Stimmungsbilder, 
ffie mochte ihm also erst beim Anblick dieser Pauvretät 
eine wahre Fluth von Gestaltungen zuströmen, zumal wenn 
Frühling und Gesundheit die Laune neu belebten ! Ebenso 
können die vierhändigen Variationen Op. 16, die vielleicht 
damals in Begleitung Diabelli's der schon ziemlich renom- 
mirte Liedersänger Franz Schubert persönlich über- 
reichte, eine Art von Anregung gewesen sein. Wenigstens 
heisst es dass derselbe später mit Freude vernommen habe, 
wie der Meister an diesem „Herrn Ludwig van Beethoven 
von seinem Verehrer und Bewunderer" gewidmeten Werk- 
chen Gefallen finde und es oft und gern mit seinem Neffen 
durchspiele, und Beethovens Wort gegen Diabelli im Herbst 
1822: „Im Falle sie so gross ausgeführt werden als die 
Anlage davon ist", bestätigt uns gewissermassen die Aus- 
hebung der ganzen Brut aus einem Neste in schöner Früh- 
lingszeit. Dagegen bekam Diabelli das Werk offenbar erst, 
nachdem Peters nicht zugegriffen und er selbst wie wir 
sehen werden, noch andere „Aufforderungen wegen Werken" 
gemacht hatte, wonach sich also Schindlers Zeitangabe 
sowie die Mittheilungen von seiner Sendung an Diabelli, 
von 80 Duk., von des Verlegers Angst wegen Ueberfülle der 
Zahl der Variationen etc. wesentlich modifiziren. 127 

Sollen wir nun sofort ein Wort über das so viel an- 



j$02_ 

gestaunte Werk selbst sagen, so ist für uns hier zu consta- 
tiren, dass dasselbe wesentlich blosses Spiel der Phantasie 
ist und bei allem Ueberfluss der Erfindung nicht entfernt 
den Ernst des lebensgeprüften Mannes ersetzt, der auch 
im Spiele Halt und Gehalt nicht verliert. Ja selbst all 
der echt Beethovensche Geist und Witz, wie er hier bis 
zum humoristischen Verspotten seiner selbst und Andrer 
steigt, überwindet die innere rhythmische und harmonische 
Trockenheit der Unterlage nicht, und der Rest ist daher 
ungleich mehr als bei irgend einem Variationenwerke Beet- 
hovens eine fühlbare Dürre und Leere. Dagegen, und das ist 
uns wieder psychologisch-biographisch von Bedeutung, scheint 
dies übermüthige Spiel mit den hübschen bunten Steinchen 
seiner Kunst ihn selbst aufs neue den höheren und höchsten 
Zielen derselben nahe geführt zu haben, und dies wiegt 
um so schwerer, als ja in diesem Momente die mannig- 
faltigsten und grössten Aufgaben praktisch gegeben waren. 
Für eine Oper war directe Bestellung vorhanden, das 
neue Quartett beruhte ebenfalls auf einer solchen. 
Dann aber von höchster Art in der Kunst und von inner- 
ster Anregung für ihn selbst war das Andere, von dem 
uns F. Rochlitz berichtet, der Antrag Härteis zu einer 
Musik zum Faust! — Wir gehen also mit dem Bericht 
dieses novellistisch musikalischen Schriftstellers, den nächst 
Th. A. Hoflfmann, A. Wendt und F. A. Kanne der Meister am 
meisten geschätzt und den er sogar zu seinem Biographen 
bestimmt, zu dem weiteren Verlauf der Thatsachen über und 
dies umsomehr mit einiger Ausführlichkeit, als wir hier 
mit einer erfreulichen unmittelbaren Anschaulichkeit in das 



803 

Sein und Treiben des Meisters in diesem Sommer 1822 
eingeführt werden. 128 

Es war Anfang Juni, als Kochlitz in Wien eintraf. Er 
hatte schon am dritten Tag in Steiners Gewölbe besprochen 
wie sein Auftrag möglichst bald auszuführen sei. Beet- 
hoven wohne auf dem Lande, hiess es aber da, seine Taub- 
heit habe ihn nach und nach ganz menschenscheu gemacht, 
er wisse von Rochlitz' Herkunft und wünsche seine Be- 
kanntschaft zu machen: „gleichwohl sind wir nicht sicher, 
dass er nicht, sieht er uns ankommen, davon läuft". Denn 
wie zuweilen die frischeste Fröhlichkeit, so überlaufe ihn 
öfters die heftigste Verstimmung, urplötzlich, ohne Grund 
und ohne dass er widerstehen könne. Doch komme er 
allwöchentlich um Briefe zu ihnen in die Stadt: „dann 
ist er meist guter Dinge und dann haben wir ihn fest". 
Den nächsten Sonnabend schon Hess also Haslinger Roch- 
litz rufen, und er traf denn auch Beethoven munter zu 
demselben sprechend, den er gewohnt sei und aus den Bewe- 
gungen der Lippen ziemlich verstehe. Es geschah die 
Vorstellung: „Beethoven schien sich zu freuen, doch war 
er gestört. Und war' ich nicht vorbereitet gewesen, sein 
Anblick würde auch mich gestört haben". Folgt unsere 
Schilderung, die freilich nicht anders als bei Freund To- 
bias recht äusserlich und die Sache blos bei der Zufällig- 
keit ihrer nächsten Erscheinung fassend ist, aber doch zu- 
letzt auch unwillkürlich etwas von dem Herzbewegenden 
dieser Erscheinung selbst verräth. 

Nicht das vernachlässigte fast verwilderte Aeussere, 
nicht das dicke schwarze Haar, das struppig um seinen 



304 

Kopf hing und dergleichen, sondern das Ganze der Erschei- 
nung würde ihn gestört haben, beginnt er und sagt dann: 

„Denke dir einen Mann von etwa 50 Jahren, mehr noch kleiner 
als mittler aber sehr kräftiger stämmiger Natur, gedrängt, beson- 
ders von starkem Knochenbau, ungefähr wie Fichte, nur fleischi- 
ger und besonders von vollerm runderm Gesichte, rothe gesunde 
Farbe, unruhige leuchtende ja bei fixirtem Blick fast stechende 
Augen, keine oder hastige Bewegungen, im Ausdruck des Antlitzes, 
besonders des geist- und lebensvollen Auges eine Mischung oder 
ein zuweilen augenblicklicher Wechsel von herzlichster Gutmüthig- 
keit und von Scheu; in der ganzen Haltung jene Spannung, jenes 
unruhige besorgte Lauschen des Tauben, der sehr lebhaft empfin- 
det; jetzt ein froh und frei hingeworfenes Wort r sogleich wieder 
ein Versinken in düsteres Schweigen; und zu alle dem was der 
Betrachtende hinzubringt und was immerwährend mit hineinklingt: 
Das ist der Mann, der Millionen nur Freude bringt — 
reine geistige Freude!" 

Beethoven sagte ihm in abgebrochenen Sätzen einiges 
Freundliche und Verbindliche. Rochlitz erhob seine Stimme 
nach Möglichkeit, sprach langsam, accentuirte scharf und 
bezeugte ihm aus der Fülle des Herzens Dank für seine 
Werke, nannte einige seiner Lieblinge darunter, erzählte 
wie man in Leipzig seine Symphonien jeden Winter sämmt- 
lich musterhaft und zum lauten Entzücken des Publicums 
zu Gehör bringe. Darauf heisst es: 

„Er stand hart an mir, bald mit Spannung mir ins Gesicht 
blickend bald das Haupt senkend; dann lächelte er vor sich hin, 
nickte zuweilen freundlich mit dem Kopfe, sagte aber kein Wort. 
Hatte er mich verstanden, hatte er*s nioht? Endlich musste ich 
ja wohl aufhören. Da drückte er mir heftig die Hand und sagte 
kurzab zu [Haslinger]: Ich habe noch einige noth wendige Gänge! 
Und indem er ging zu mir: Wir sehen uns wohl noch! Ich war 
innig bewegt und angegriffen." 

— Haslinger kam zurück. „Hat er mich verstanden? fragte 



305 

ich. ** zuckte die Achseln: Nicht ein Wort Wir schwie- 
gen eine lange Weile und ich will nicht sagen wie bewegt 
ich war/ 4 Endlich fragte Rochlitz warum Haslinger nicht 
wenigstens einiges wiederholt habe? Da heisst es denn: 

m 

„Ich wollte Sie nicht unterbrechen und er wird leicht empfind* 
lieh. Auch hoffte ich wirklich er würde manches verstehen: aber 
das Geräusch auf der Strasse, Ihre ihm ungewohnte Sprache und 
vielleicht selbst seine Hast alles zu verstehen, weil er Ihnen ansah 
das» Sie ihm Angenehmes sagten .... Er war so traurig. — Ich 
kann es nicht beschreiben, in welcher Stimmung ioh wegging. — 
Ich war fest entschlossen ihn nicht wiederzusehen und Hrn. H[ärtel]s 
Auftrag schriftlich an ihn gelangen zu lassen." 

Das „Geräusch auf der Strasse 44 , die Niederlage von Brie- 
fen etc. für Beethoven, — es war Steiners Gewölbe im Pater- 
nostergässeL „Man muss t mag man wollen oder nicht, d. 
g. Menschen doch nehmen wie sie sind, wo nicht, so lebt 
man in fortdauerndem Kriege", schreibt Beethoven selbst 
am 6. Juli d. J. über diese Steiner an Peters. 

Etwa 14 Tage nachher will Rochlitz eben zu Tisch 
gehen, da .begegnet ihm der , junge Compositeur" Franz 
Schubert, „ein enthuasiastischer Verehrer Beethovens": 
»Dieser hatte zu ihm von mir gesprochen. Wenn Sie ihn 
unbefangener und fröhlicher sehen wollen, so dürften Sie 
nur eben jetzt in dem Gasthause speisen, wohin er alle- 
weile in derselben Absicht gegangen ist." Sie gingen mit- 
einander hin, die Plätze waren meist besetzt, Beethoven 
sass umgeben von mehreren Bekannten, auch Schindler war 
dabei Rochlitz erzählt: „er schien wirklich froh zu sein; 
so erwiederte er meinen Gruss, aber absichtlich ging ich 
nicht zu ihm". Von einem Platz in der Nähe konnte er 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 20 



306 _ 

ihn beobachten und gut hören, da er laut genug sprach 
und zwar allein und meistens ziemlich anhaltend, während 
die Umgebenden blos lachten oder Beifall nickten u. dgl.: 

„Er philosophirte, politisirte auch wohl, in seiner Art. Er 
sprach von England and den Engländern, wie er nämlioh Beide in 
unvergleichlicher Herrlichkeit sich dachte, — was zum Theil wun- 
derlich genug herauskam." 

Doch hier ist vorerst abzubrechen, weil die Urtheile 
solcher blos verstandesmässigen Bildung über eine Natur wie 
Beethoven selbst „wunderlich genug herauskommen" müs- 
sen. Denn ist's nicht derselbe Kochlitz, der von Mozart bei 
dessen Aufenthalt in Leipzig i. J. 1788 erzählt: dann sei 
er plötzlich stille geworden, habe viel starken Wein ge- 
trunken und kein vernünftiges Wort mehr gesprochen? 
Ja „vernünftig" ! — Wer der Welt soeben einen „Don Juan 44 
geschenkt, musste wahrlich ein tieferes Bewusstsein von 
ihrem* wahren Zusammenhang haben als solch seichte Alles- 
wisserei und äussere Vernünftigkeit, die statt an der „leben- 
digen Natur, da Gott den Menschen schuf hinein 41 sich „an 
der Weisheit Brüsten" moderner „Bildung" grossgesogen 
und fest jedes Gefühl von der vollen Unvernünftigkeit, 
kalten Eigensucht und schmerzlichsten Willensknech- 
tung in dieser wirklichen Welt verloren hat Und nur 
der innere Grimm und der heftige Ekel vor solchem 
blossen Scheinwissen vom wirklichen Verhalt der Welt 
war es, was hier dem einen dieser tragischen Meister stilles 
Schweigen auferlegte, den andern aber dazu trieb, fast ganz 
das Wort an sich zu nehmen und mit immerhin gutmüthi- 
gem Spott zu übergiessen, was nach seinem wahren Be- 
stand nicht etwa er sondern sie nicht verstanden. Was 



. i r •■ 



3Q7 

unserm ßochlitz nur „originelle naive Urtheile und Ein- 
fälle 44 waren oder „zu Ueberzeugungen gewordene Ein- 
ßüle", wie sie „ein heranreifender höchst fähiger Knabe 
von seiner wüsten Insel aus" sich über Welt und Men- 
schen macht und obendrein „so getrost und zutraulich in 
die Welt hineinruft", — nun wir wissen, wie tief dieses 
Künstlers Anschauungen und Empfindungen aus dem 
Grunde des Daseins hervortauchten, wissen dass jedes begriff- 
liche Wort stets dafür nur ein vorüberrauschendes Bild und 
Gleichniss ist, zumal aber bei unserm Meister sich nie- 
mals ganz mit den inneren Vorstellungen decken konnte. 
War er doch jetzt mit diesen seinen Vorstellungen von 
Welt und Menschen zu einer Klarheit gediehen, dass er 
dieselben, wie wir bald sehen werden, nach ihrem ganzen 
„verzweiflungsvollen" Zusammenhange auch einmal allent- 
zündend in die Welt hineinzurufen gedachte! Und mit diesem 
Blick in die Tiefe des Lebens konnte ihm nur daran liegen, 
die oberflächlich spielende Tageswelt möglichst von sich 
fern und sich und seine Vorstellungen rein und selbständig 
zu erhalten. Wir lassen also unseren guten Leipziger 
statt seiner Urtheile, die dem wahren Verständniss der 
Musik und ihres inneren Lebens so fern stehen, dass ihm 
gleich Zeltern ein Sali eri der „andere Stammhalter. wür- 
diger Musik" in Wien ist, seine persönlichen Erlebungen 
ruhig weiter berichten. Sie werden uns der wirklichen 
Existenz Beethovens und sogar seinen Aufgaben dennoch in 
manchem Puncte näher bringen. 

„Jetzt hatte er seine Mahlzeit beendigt, stand auf und kam 
zu mir. Na gehts gut im alten Wien ? sagte er freundlich. Durch 

20* 



I 



• 



308 

Zeichen bejahte ich, trank auf sein Wohl und forderte ihn auf es 
zu erwiedern. Er nahm's an, winkte mir aber naeh einem kleinen 
Seitenzimmer," 

so fährt Rochlitz fort und begann, nachdem er das „Schreib- 
täfelchen" bekommen, mit dem Lobe Leipzigs, nämlich 
dessen was dort zur Aufführung in Kirche, Conzert und Thea- 
ter gewählt werde. Darauf heisst es von Seite Beethovens: 

„Und wenn nichts darüber gedruckt würde als die dürren Re- 
gister, ich läse es doch mit Vergnügen; man sieht doch, es ist 
Verstand darin und guter Wille gegen Alle. Hier hingegen . . . ! 

— Und. nun gings los und derb, auch Hess er .sich gar nicht Ein- 
halt thun. Er kam auf sich: Von mir hören Sie hier gar nichts! 

— Jetzt im Sommer! schrieb ich. Nein, rief er, im Winter auoh. 
Was sollten Sie hören ? Fidelio ? Den können sie nicht geben und 
wollen ihn auch nicht hören. Die Symphonien P Dazu haben sie 
keine Zeit. Die OoncerteV Da orgelt Jeder ab, was er selbst ge- 
macht hat. Die Solosachen? Die sind hier längst aus der Mode. 
Höchstens sucht der Schuppanzigh manchmal ein Quartett hervor." 

Sehen wir von der später zugefugten Angabe über Schuppan- 
zigh ab, dessen Abreise wir oben S. 81 erfuhren, so liegt 
in Beethovens Klagen durchaus nicht „viel Uebertreibung" 
sondern im Qegentheil volle Wahrheit, und dies war es 
was ihn künstlerische Anregungen von aussen, wie auch 
Rochlitz hier eine zu überbringen hatte, doppelt erfreulich 
empfinden liess. „Nur Beethovens- majestätisches Finale 
verunglückte auf eine unverzeihliche Weise", meldet z. B* 
die A. M. Z. aus einem Conzert vom 15. Nov. 1821, wo 
Ouvertüre und Schlusschor aus Fidelio aufgeführt waren. 
Die Oper selbst war seit 1814 allerdings jährlich minde- 
stens 3mal gegeben worden. Aber Rossini' s Werke siegten 
beim grossen Publicum bald umsomehr über solch ernstere 
Muse, als deren Darstellung nicht einmal immer entsprechend 



^GT-T* 1 



309 

war. Die 7. Symphonie hörte man ebenfalls noch im Winter 
1821/22, aber ohne gar zu viel Theilnahme, und sonst sind 
Berichte über Beethovensche Productionen jetzt selten genug. 
Wie anders in Leipzig woher Bochlitz kam. „Sinfonien 
wurden gegeben: die von Beethovenschen aus Ddur, Cmoll, 
Bdur, Adur, Edur, sie wurden alle herrlich ausgeführt und 
erfreuen sich immer mehr und mehr des ausgezeichnetesten 
Beifalls" meldet die A. M. Z. von 1821, und ebendort spricht 
Profi Wendt vom Leipziger Abonnementconcert, „in wel- 
chem die grössten Werke Beethovens immer mit eben dem 
Feuer aufgenommen werden, mit welchem sie geübt und 
dargestellt wurden 44 . Umsomehr musste unsern Meister der 
„Auftrag 44 erfreuen, mit dem jetzt Bochlitz hervortrat 128 

Beethoven war selbst auf den „grossen Goethe 44 zu 
sprechen gekommen, wobei er sich in die Brust warf und 
helle Freude aus seinen Zügen sprach. Er erzählte sein 
Zusammensein mit ihm in Teplitz und was der grosse 
Mann da für Geduld mit ihm gehabt und was er an ihm 
gethan! — Bochlitz schrieb den Vorschlag Härteis auf und 
machte ein möglichst ernstes Gesicht dazu. Daheisst es nun: 

„Ha, rief er aus und warf die Hand hoch empor. Das war* 
ein 8 tück Arbeit! Da könnt* es was geben! In dieser Weise fuhr 
er eine Weile fort, malte den Gedanken sich sogleich und gar 
nicht übel [!] aus und sah dabei zurückgebeugten Hauptes starr 
an die Decke. Allein, begann er nachher, ich trage mich schon 
eine Zeit her mit drei andern grossen Werken, viel dazu ist schon 
ausgeheckt, im Kopfe nämlich. Diese muss ich erst. vom Halse 
haben: zwei grosse Symphonien, und jede anders, jede auch 
anders als meine übrigen, und ein Oratorium. Und damit wirds 
lange dauern, denn sehen Sie, seit einiger Zeit bring' ioh mich 
nicht mehr leicht zum Schreiben. Ich sitze und sinne und sinne, ich 



310 

habs lange, aber es will nicht aufs Papier. Es graut mir vorm 
Anfang so grosser Werke. Bin ich drin, da geht» wohL Und so 
fuhr er noch lange fort." 

Der Bericht entspricht der Art und Lage Beethovens da- 
mals und von dem „Auftrage" werden wir noch hören. 

Die dritte Zusammenkunft fcnd anfangs Juli in Baden 
statt, wo Bochlitz sich aufhielt und Beethoven mit Has- 
linger, Gebauer und Schindler ihn besuchte. Diesmal war 
der Meister „ganz nett und sauber, ja elegant", was ihn 
aber nicht gehindert habe beim Spaziergange sogar auf 
dem vielbesuchten Wege durchs schöne Helenenthal den feinen 
schwarzen Frack am Stock über den Bücken zu hängen. 
Es war der heisse Sommer von 1822, und Beethoven war ganz 
„aufgeknöpft", wie er sagte. Die „keifenden Tiraden" ge- 
gen die jetzigen Wiener scheinen dabei wiederholt wor- 
den zu sein, und wir wissen wieweit dies alles „nur 
Explosionen der Phantasie und augenblicklichen Aufgeregt- 
heit" waren. Dass er sie jedoch „ohne allen Hochmuth, 
ohne alles Erbitterte und Gehässige der Gesinnung, init 
leichtem Sinn, gutem Muthe, in wirrig-humoristischer Laune 
herausgepoltert", kann uns nur bezeugen, wie sehr er selbst 
die innere Ausgleichung all dieser äusseren Störungen und 
Hemmungen in seinem künstlerischen Schaffen fand. Denn 
wenn ihn Bochlitz hier „mit frohester Anerkennung frem- 
der Verdienste" von Händel, Bach, Mozart sprechen und 
die eigenen Arbeiten wahrlich nicht überschätzen, ja die 
kleineren lachend mehr als vielleicht irgend ein Anderer 
preisgeben hörte, so wusste der Meister selbst, dass die 
grösseren „über die er sich nicht meistern liess" stets von selbst 



311 

i 

das Gleichgewicht wieder herstellen halfen, und diese seine 
ruhig selbstgewisse, echt männliche Grundstimmung Hess 
ihn selbst einem Manne wie Bochlitz, der von solcher Art 
wahrlich wenig Ahnung zeigt, „sogar liebenswürdig er- 
scheinen", wie sie ja die tiefste Ursache der wahrhaft strah- 
lenden Heiterkeit seiner Kunst selbst ist Zu dieser gehen 
denn auch wir jetzt wieder mit Genugtuung über. 

Also eine Musik zum Faust! Bochlitz meldet dem 
Besteller noch ausdrücklich, dass während der alte Salieri, 
an den er ebenfalls Aufträge hatte, überhaupt nichts mehr 
drucken lassen möge, der „gute Beethoven" zwar wolle 
aber schwerlich werde! Allerdings stand vorher noch 
gar manches Andere im Plan und man fand ja nicht 
einmal dazu die rechte Müsse. Im Juli und August hin- 
dert zunächst, was alles für Herstellung der Gesundheit 
zu geschehen hat, dann das Lectiongeben beim Erzherzog. 
Am 1. Sept. 1822 ist man aber endlich wieder im lieben 
Baden, und nach dem Ton wie nach dem Inhalt der Mit- 
theilungen von dort regten sich hier [sogleich aufs neue 
auch die frohesten Geister. Schon in den ersten Tagen er- 
fahrt Bruder Johann, mittlerweile habe die Josephstadt 
ihn „in Arbeit gesetzt, und er habe unterdessen schon einen 
neuen Chor mit Sologesängen gemacht; lasse es die 
Gesundheit zu, so mache er auch noch eine neue Ouver- 
türe. Und an Peters wird am 13. Sepi wegen der noch 
immer nicht abgesandten „Kleinigkeiten" berichtet: 

„Kaum bin ich hier, so befindet sich ein Theaterdirector, der 
ein Theater in Wien baut, hier, dem zu gefallen ich noch einige 
neue Werke hinzuschreiben musste." 



312 

Es handelt sich also um eine abgemachte Sache, zu der 
man jetzt hier auch persönlich wirklich „in Arbeit gesetzt" 
ward. Wie es denn auch am 8. Sept. gegen Johann heisst: 
„Hensler hat uns zwei Freibillete geschickt und beträgt 
sich recht artig gegen uns. u Es ward in Baden eine Ouvertüre 
Beethovens und ein „darauf passendes grosses historische» 
Tableau Stephan I. u gemacht Wir haben also über diese 
Nachrichten jetzt nähere Auskunft zu suchen, und es wird 
sich daran das Weitere aus des Meisters Sein und Schaffen 
in diesem Herbst 1822 von selbst anschliessen. 13 ° 

Schon im Sommer 1821 meldete die A. M. Z. von 
dem halb versunkenen Thespiskarren des Theaters in der 
Josephstadt in Wien, das besonders in Tableaux, Tänzen etc. 
excellirte, aber im Unterschied von den übrigen Votstadt- 
bühnen sich wie die kaiserlichen Theater auf alle Zweige 
theatralischer Kunst ausdehnte. Der Volksdichter Karl 
Hensler, bekannt durch sein „Donau weibchen", solle ein- 
geladen werden den Karren wieder aus dem Schlamme zu 
ziehen. Im April 1822 wird dann dies letztere als voll* 
zogene Thatsache berichtet: die Bühne selbst werde aus- 
gebaut und erweitert werden. Im Mai weiss man schon 
dass anfangs October wieder gespielt werden soll. Director 
Hensler „bereist" derweilen wieder Baden. Es lag in der 
Natur der Sache, die Bühne mit einer gewichtigen Vor- 
führung wiederzueröffhen. Beethoven, dem also „seine Zeit- 
genossen bereits die Palme der Unsterblichkeit gereicht" 
und über dessen Thun und Lassen zudem jetzt wieder ver- 
trauenerweckendere Gerüchte umliefen, war nach Schind- 
ler von seinem wiederholten Aufenthalt in Baden, wo 



313 

Hensler dje mit Pressburg vereinigte Bühne leitete, diesem 
wohl bekannt „Ja der Tondichter wie auch der Volksdichter 
nnterliessen nicht in mannigfacher Weise sich gegenseitige 
Achtang nnd Aufmerksamkeit zu bezeigen", sagt er. Man 
kam also überein, die 1811 für Pest verfassten „Ruinen von 
Athen 44 zur Eröffnung jener Bühne zu geben. Es hiess hier: 

„Minerva aus 2000 j ährigem Schlaf auf Zeus Befehl zum Le- 
ben erwacht und von Merkur in die neuerstandene Handelsstadt 
an der ungarischen Donau geführt, um daselbst den Musen einen 
Wohnsitz zu gründen, weil ihr altes Heimatland in Barbarei ver- 
fallen in Wirklichkeit nicht mehr existirt, sollte nun auch in der 
Kaiserstadt und zwar an jener Stelle, wo die seit lange in tiefen 
Verfall gerathene Kunst zur Entsittlichung des Volks methodisch 
benutzt worden, den Musen eine sichere Stätte bereiten." 

Der Volksdichter Meisl sollte den Text und Beethoven 
die Musik zu dem früheren „Kotzebu isch-Beetho vischen 
Product 44 im einzelnen anpassend machen. 

Es war also zu diesen „Ruinen von Athen" jetzt für die 
Josephstadt der neue Chor geschrieben worden und eine 
neue Ouvertüre bestimmt. Der Text jenes Tanzchores 
aber beginnt: 

Wo sich die Pulse jugendlich jagen, 
Schwebet im Tanze das Leben dahin. 

„Ueber meinen Gesundheitszustand lässt sich nicht mit 
Gewissheit von einer wirklichen Besserung sprechen, ich 
glaube aber doch, dass durch die Kraft der Bäder das 
Uebel wenn nicht gehoben doch unterdrückt werden wird", 
heisst es denn auch an jenem 8. Sept. 1822. Und die eige- 
nen Pulse mussten sich wohl auch wieder Jugendlich jagen", 
wenn er dabei „als Vormund seines minderjährigen Lüm- 
perls" diesem selbst in die Feder dictirt: „Zwei Sängerinnen 



314 

besuchten uns heute und da sie mir durchaus die Hände 
küssen wollten und recht hübsch waren, so trug ich ihnen 
lieber an, meinen Mund zu küssen". So athmet denn auch 
jener kleine leichte Chor alle unbefangene Lebenslust 
Allein es war, abgesehen davon dass dadurch die eigene 
Müsse nicht entfernt ausgefüllt ward, damit nicht einmal 
sogleich ganz zu Ende zu kommen, weil der Poet immer 
nicht mit der neuen Versificirung zu Stande kam, und so 
ward der erneute Lebenstrieb und was nächst dem Peters- 
sehen Vorschuss vielleicht ein zweiter von Hensler an Buhe 
und Freiheit boten, unverweilt neuen und alten grossen 
Aufgaben zugewandt. Diesen letzteren also gehört das Wie- 
ner Skizzenbuch E, dessen wir oben S. 300 erwähnten 
und das uns nun aüfs neue auch in die wahre Welt Beet- 
hovens einführt. Ja wir werden jetzt ihn sich selbst end- 
lich völlig wiedergegeben sehen. Sie nahen auch ihm 
jetzt wieder, „die schwankenden Gestalten, die früh sich 
einst dem trüben Blick gezeigt", und wird diesmal sie fest- 
zuhalten gelingen? 

„Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten, 
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt. 
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert 
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert" 

so singt der Dichter eben des Faust, zu dem unser Meister 
„eine Musik" schreiben sollte. Werden wir ihn jetzt end- 
lich wieder auf diesen seinen eigentlichen Lebensp&den, der 
Erfassung eines Daseins, das ihn und uns für alle Trivia- 
lität und Entbehrung entschädigt, beharrend finden? 

Wir suchen zunächst dieses Artaria'sche Skizzen- 
buch E weiter zu entziffern. 131 



315 

Nach den Notaten zu Russen wolltf ich" («. o. S. 285) also 
folgt zunächst die Notiz: „Stücke aus allen Tonarten für 3 u. 
4 Hörn' 4 . Auch die A. M. Z. vom Sept. f821 spricht von „Quar- 
tetten für Waldhörner" in» der Wiener Conservatoriuxnsprüfung. 
„Alle künftige Partitur mit Bleistift geschrieben und vorher Linien 
ziehen lassen , nicht mehr als 3 Täcte auf jeder Seite" , heisst es 
dann, und das letztere ist im Messenmanuscript, das soeben „zum 
Stechen" übergeben werden sollte, wirklich der Fall. Erst jetzt 
fallt ihm ein: „dona nobis pacem darstellend den innern und 
äusseren Frieden"; — wie denn im Manuscript selbst diese Be- 
merkung in Bleistift steht, also auch später hinzugeschrieben ist. 
Darauf heisst es nun nach einer Bemerkung über den Triller in 
den Variationen in Cdur (also Op. 111) alles in wahren Hünenzügen: 
„Als 'declamatorium die ungarische Geschichte", d. h. die Ruinen 
Ton Athen, und nach einer nochmaligen Notiz über das Agnus 
dei steht da: „schwebet im Tanze das Leben dahin" mit vielen 
Seiten Skizzen in •/* Tact, aufnotirt für den Schlusschor zu jener 
„ungarischen Geschichte" in der Josephstadt. Nach kurzen unbe- 
kannten Skizzen zu „mortuos, gloria", also zu der neuen Messe, 
erscheint dann da plötzlich von dicker Dintenfeder die Notiz: 

„Finale, Freude schöner Götter Funken Tochter aus 

Elysium 4 ', 

und zwar ist zugleioh die wirkliche Melodie (Ddur 4 /*) g anz m 
die Sopranstimme eingetragen! Dann heisst es weiter: „Die Sin- 
fonie aus 4 Stücken, aber das 2te Stück in a / 4 w * e Sinfonie aus 
A, dieses könnte in */* ^ r 8em una * das letzte Stück recht fugirt", 
— was sich jedoch nicht sowohl auf die „Neunte" wie auf die 
„Zehnte" bezieht. Darauf kommen, wir verfolgen das Heft so- 
gleich bis zum Schluss, Vorhaltstudien, sowie weiter oben einmal 
„bloss rithmische Hebungen" gestanden war, und wieder „Ich 
war bei Chloe", also „Der Kuss", der nach Beethovens Notiz auf 
dem Autograph im Dezember dieses Jahres 1822 fertig ward. 
Später heisst es : „Ouvertüre", mit einem fremden Motiv, und folgt 
mit den Worten: „kommt mitten inne Böslein roth" eine kleine 
Melodie. Wir erinnern uns der Peters angebotenen „deutschen Ge- 
sänge". Diese wie die Bagatellen waren eben das leichtverkäuf- 
lichste und zudem acceptirt. Wie denn auch die folgende Notiz: 



316 

,,2tes Stück vielleicht oder anderer Ton, alla autrichien auch" auf 
solch letztere hinweist, und wir wissen, dass Beethoven zumal auf 
dem Lande gern den „Bierfiedlern" zuhorchte. m 

Jetzt aber erscheint der erste Satz der „Neunten", mit 
den Sextolen A — E und dem furchtbar energischen Hauptmotiv. 

Dazwischen aber steht: „Die Flöte hat noch cis"p" und auf der 
andern Seite: „Quintett in Cmoll wie das in Es mit den blasen- 
den Instrumenten" nebst Skizzen in ersterer Tonart. Wir berühr- 
ten oben eine „Aufforderung wegen Werken" durch Diabelli: es 
war ein Quintett für Flöte darunter, das zu des Meisters letz- 
ter Arbeit fuhren sollte. Wenn nun der oben gemeldeten Absieht 
eines eigenen Conzertes in diesem Herbst 1822 gedacht wird, 
so tritt uns die unmittelbar folgende Notiz: „auch statt einer 
Sinfonie eine neue Ouvertüre auf Bach, sehr fugirt auf 3 Posaunen" 
ebenfalls näher. Und die A. M. Z. vom 24. Juli d. J. hat aus der 
Feder Rochlitz', der Beethoven soeben begegnet war und mit 
seinem Enthusiasmus für den gewaltigen protestantischen Cantor 
nicht zurückgehalten haben wird, eine Besprechung der soeben 
zuerst erschienenen Reform ationacan täte, die den „Urvater der 
Harmonie", wie ja Beethoven selbst Seb. Bach nannte, nicht 
blos „einzig in seiner Art sondern auch den Ersten und Höchsten, 
von keinem seiner Vorfahren erreicht, von allen Späteren weit 
geschieden" nennt. Nach der Composition der Missa solennis aber 
musste auch unserem Meister diese polyphone Kunst doppelt 
hoch stehen und der Gedanke solchem Manne ein Denkmal aus 
eigenem Können zu setzen nahe genug liegen. „Zu der Ouvertüre 
maestoso alsdann — " heisst es dann im Skizzenbuch mit kleinen 
Notirungen, und die zunächst wirklich ausgeführte „Zur Weihe 
des Hauses" besitzt ja eine solche Einleitung. Wir werden nun 
wohl später sehen, dass zu diesem Werk von vornhinein zwei durch- 
aus verschiedene Ideen ergriffen waren, und die damals nicht 
ausgeführte bezeichnet Schindler eben als unsere Bach-Ouver- 
türe, von der uns ausser weiteren Notirungen die Absicht der Aus- 
führung allerdings noch auf des Meisters Todtenbette begegnen wird. 
Sie hat aber mit jener 2. „Idee" für die Josephstadt nichts zu thun. 18S 
Sodann aber heisst es aufs neue: „Sinfonie allemand ent- 
weder mit Variationen, auf die Chor alsdann eintritt, oder auch 



817 



-f— SJ T 



* 



n=* 



^ #3^ 



freu - de schö-ner Göt-ter - fun-ken Toch-ter aus E • li - si - um, 

ohne Variationen, Ende der Sinfonie mit türkischer Musik u. Sing- 
chor den» Rithmus von 8 Täote im Gloria anzeigend]", — welcher 
Rhythmus ja das Gloria der grossen Messe abschliesst und auch 
schon im Scherzo der „Neunten 1 * vorkommt Und die Tochter des 
„Schiossermeisters" in Baden, bei dem Beethoven in diesem 
Herbst wohnte, hatte „dem oft mit der türkischen Musik des Cia- 
vier« spielenden" Meister manchmal vor seiner Thür stehend unbe- 
merkt zugehorcht. 1 * 4 

Jetzt folgen denn auch andauernd Skizzen, welche consequente 
Arbeit an dem Werke bekunden, und endlich steht da mit der Ueber- 
schrift „ogni commincia" (jeder fängt an) der Anfang aller 
Sätze desselben in der wirklichen Reihenfolge aufnotirt. Nur 
beim „presto" des Finales ist noch ein fremdes Motiv, sowie 
ein paar Seiten vorher gestanden war: „lustig introduzirt". Die 
Melodie des „Freude schöner Götterfunken" dagegen ist jetzt eben- 
falls beibehalten! — Darauf folgen noch einmal Verse, die aller- 
dings in dem neuen Schlusschor zu der „ungarischen Geschichte" 
nicht wirklich vorkommen, aber so ganz in dem Geiste desselben 
sind und in Diction und Bild so sehr an jenen „Volksdichter", 
dem Beethoven noch ein eigenes Denkmal setzen sollte, erinnern, 
dass nicht zu bezweifeln ist, sie gehören zu der Gattung, von der 
der Neffe damals ins Conversationshefb schreibt: „Oestreichisohe 
Poesie sind Knödl". Sie lauten nämlich mit einem ebenso kühnen 
wie logischen Vergleich: 

Den flüchtigen Tagen wehrt keine Gewalt, 
Die Bäder am Wagen entfllehn nicht so baldl 

Weiter kodnmt aus der gleichen Fabrik (mit musikalischer No- 
tirung): „Drum will ich nutzen so lang ich noch bin". Endlich 
erscheinen noch Skizzen zu einer „sinfonie", */* Cdur, also wieder 
Zehnten", und zu „Edel hülfreich sei der Mensch", Cmoll 



zur 



*/* dreistimmig, also ein Canon auf den Anfang von Goethes Ge- 
dicht „Das Göttliche", wie er allerdings in anderer Composition, 
aus dem Januar 1823 bekannt ist. 185 



318 

Damit endet das Heft Welche Fülle von Plänen 
und Entwürfen! — Zwar die neue Messe, von der auch 
weiterhin Skizzen erscheinen werden, blieb unausgeführt. 
Ebenso ward ein Quintett für Flöte niemals geschrieben. 
Allein ausserdem erhielt Diabeüi die bestimmte Zusage 
von „4händigen Sonaten 14 , von denen uns wenigstens 
ein Satz sogar noch in diesem Herbst 1822 begegnen wird. 
Ausser an der Messe wurde aber offenbar jetzt auch noch 
an dem neuen Quartett mannigfach gesonnen und gespon- 
nen, und dabei zwei grosse Ouvertüren zugleich! Femer 
die beiden „grossen Symphonien", von denen Rochlitz 
vernahm, und dieMusikzumFaust, die derselbe ausdrück- 
lich zugesagt erhielt! Im Sommer aber hatte Johann auf- 
geschrieben: „Bis im Herbst wollen wir dem Kind nach 
Berlin schreiben um eine Oper für dich — der ist sehr 
brav", und nach seiner Anschauungsweise zugefügt: -,, Ro- 
sini ist reich durch seine Opern, ich glaube dass du auch 
mehr Opern schreiben sollst, diese werden gut bezahlt". 
Härteis früherer Antrag war also ebenfalls aufgegriffen 
worden, und der Dichter des Freischütz sollte den äusse- 
ren Erfolg sichern helfen. Galt es dabei doch zugleich 
mit niemand anderm als Weber selbst zu rivalisiren, der 
ebenfalls eine neue Oper (Euryanthe) für Wien schrieb! 
Und Spontini, der in diesem Sommer persönlich in Wien 
war, hatte gleichfalls die Einladung erhalten, seine Olimpia 
in Scene zu setzen und zudem — eine neue deutsche Oper 
für Wien zu componiren. 

Wahrlich wenn wir diese Fülle von Projecten und 
von solchen grossen Arbeiten sehen, zu deren Aufhotiren 



f 



319 

er sich also doch wirklich schon „gebracht 44 hatte, dann 
ersteht uns lebhaft das Wort ans „Sturms Betrachtungen", 
das auch noch besonders in einem der Tagebücher ausge- 
schrieben stehen soll: 

„Bald wird der Herbst meines Lebens da sein, und da wünschte 
ich einem fruchtbaren Baume gleich zu sein, welcher reife Früchte 
in unseren Sohooss herabschüttelt/' 

Es passt in keinen Herbst besser als in diesen schönen 
von 1822. Und wenn wir erst diejenige Frucht näher be- 
trachten werden, die als zuerst gereift von diesem Baume 
herabfallt, so wird uns dies reicher Ersatz für das hier lange 
genug entbehrte „höhere Leben" sein. Gleichwie das Werk 
selbst, die Ouvertüre „zur Weihe des Tempels 44 , wie 
sie ursprünglich hiess, auch den Meister persönlich in ein 
neues und erhöhtes Dasein einfahrte und dem Ziele seines 
Ringens um ein gutes Stück näher brachte. 136 

„Wegen der neuen Ouvertüre kannst du ihnen sagen, dass die 
alte nicht bleiben konnte, weil das Stück in Ungarn nur als Nach- 
stück gegeben, hier aber das Theater damit eröffnet wird/' 

so schreibt Beethoven selbst am 6. October dieses Jahres 
an Johann, als Steiner die ganzen „Ruinen von Athen" 
übernehmen sollte, damit endlich die „maxima culpa 44 
völlig f getilgt werde. Und dass sie „zur Weihe des 
Hauses" oder gar „des Tempels" genannt ward, bezeichnet 
mit Sicherheit den Sinn, womit Beethoven das ganze Un- 
ternehmen aufnahm. Es galt einen neugeschmückten Tempel 
der Kunst zu eröffnen, und obwohl nur in einer Vorstadt,' 
so doch zur Vorführung aller Zweige der dramatischen 
Muse. Dazu geschah die Eröffnung an einem rechten 



320 v 

Merktage der Wiener, an des Kaisers Geburtstag 1 Wenn 
nun auch das einstige „Kotzebuische -Beethovische Pro- 
duct" solche Weihe der Kunst immerhin recht schön aus- 
sprach und namentlich der feierliche Marsch mit Chor 
„Schmückt die Altäre" eine würdige Bereitung zur Auf- 
nahme ihrer hehren Wahrheiten war, so stand doch der 
neue Schlusschor nicht entfernt auf derjenigen Höhe, die 
Beethoven selbst jetzt der Kunst gegenüber einnahm, und 
war noch weniger ein wirkliches „Bild des verschönerten 
Lebens", das sie uns geben soll. Und nicht einmal diesen 
wollte er, als nun wegen des vollständig neuen Balletper- 
sonals die Proben beginnen sollten, verabfolgen, bevor nicht 
das ganze Werk wieder durchgesehen und die einzelnen 
Theile mit dem Chor zusammengehalten seien. Da half 
kein Bitten noch Drängen, erzählt Schindler, vielmehr hat- 
ten Ballet- und Theatermeister wie Director und Volks- 
dichter manch derbe Verwünschung zu erfahren, und vor 
allem letzterer ward durch das Zorneswort verewigt: 

„Zum Meissel ist er gut, aber zum Bildner?!" 

In der That war es nicht -einerlei, in welcher Weise 
Beethoven hier auf der Bühne erschien. Für ihn nicht und 
nicht für die Kunst. In der langen Zeit seines Schwei- 
gens hatten andere Mächte Besitz von dem Publicum genom- 
men, das doch seit der Akademie beim Congress 1814 we- 
nigstens in Wien an seinen Siegeswagen gefesselt schien. 
Und doch wusste er, der wie nur je ein Künstler Schillers 
Wort bewährte: „der Menschheit Würde ist in eure Hand 
gegeben", dass namentlich an dieser Stelle auch nur er 
der Sache völlig wieder aufhelfen und den echten Hoch- 



m**^ r » 



821 

schritt jener Muse erzeugen konnte, der hier ein neuer 
Tempel eröffnet werden sollte. Aber nur wenn er ganz 
„seiner Weise" folgte, war dies auch ganz zu errei- 
chen. Also fasst man sich kurz und kräftig zusammen 
und bannt einmal wieder alle guten Geister in das eigene 
Sein und Schaffen. 187 

Bevor wir nun aber über Entstehung und Art dieser 
Ouvertüre Op. 124 näher berichten, ist etwas genauer als 
bereits geschehen, der Zeitpunct zu betrachten,' in dem das 
Werk entstand. Es verdankt solch besonderen Umständen 
seine besondere Physiognomie. Denn abgesehen von der 
Weihung eines künstlerischen Beginnens galt es zugleich 
nicht gering zu schätzende Feinde und Rivalen zu besie- 
gen, nicht etwa blos eine vorübergehende Laune in der 
Haltung und Stimmung des Publicums zurückzudrängen. Es 
hiees einmal wieder, das Ganze und Rechte der Kunst nach 
seiner vollen Würde aufzustellen und gewissennassen die 
allgemeine Anschauung auf ein Hohes und Höchstes zu 
richten, das Regelung und Gesetz für Alle werden konnte 
und die Ehre künstlerischen Daseins wieder an das rechte 
Schaffen band, von wo es in die Weite strahlt und jeder 
Höheres suchenden Natur ein dauernder Halt, ein leuch- 
tender Stern wird. 

Der Eingang des Wiener Novemberberichts von 1821 
in der A. M. Z. 1822 versetzt uns sogleich in die Situation: 

„Wander über Wunder! In unserer mit Recht verrufenen 
Afterkunstperiode, in einem Zeitpuncte wo nur musikalische Seil- 
tänzerei, sinnloses Tongewirre und abgedroschene Klingklangs- 
tiraden auf Beifall rechnen zu können scheinen, hat Webers Frei- 
schütze einen eminenten Sieg davon getragen und einen Enthu- 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 21 



322^ 

siasmus hervorgebracht, der bei jeder Wiederholung gleich der 
ins Thal rollenden Lawine sich vergrößert und Deutschlands Ton- 
setzern dadurch das erfreulichste Prognostikon stellt, dass sie nur 
etwas recht Gediegenes zu liefern brauchen, um in ihren Landa- 
leuten das durch italienische Leckerei eingelullte bessere Selbst- 
gefühl, wenn auch etwas gewaltsam aufzurütteln und den unver- 
dorbenen Sinn für das einzig Wahre und Schöne aus seinem lethar- 
gischen Schlummer zu erwecken." 

Freilich seien es neben dem Stoffe die populären Melodien 
gewesen was die Menge angezogen, aber diese hätten 
doch allmälig auch den übrigen Theilen des „herrlichen 
Ganzen", der meisterlichen Ouvertüre u. s. w. Anerkennung 
verschafft, und alle Stimmen vereinten sich zum Lobe des 
„denkenden originellen wahrhaft genialen Componisten, der 
das Vaterland gerade in dem Moment des dringendsten 
Bedarfs mit dieser köstlichen Geistesgeburt beschenkt, wo- 
rin sich die ganze Kraft eines kunstgerechten deutschen 
Instrumentalisten in glänzender Herrlichkeit entfeite." Und 
als nun gar im Februar 1822 Weber persönlich kam und 

■ 

den Wienern, denen das norddeutsche „Leyer und Schwert" 
nicht fremd war, zum Benefice der jungen Wilhelmine 
Schröder die Oper dirigirte, da war das jedesmalige Er- 
scheinen des herrlichen Meisters ein Signal zu allgemeinem 
Jubel. Die A. M. Z. vom Mai 1822 berichtet: 

„Viermal ward er auf die Scene gerufen, Gedichte flogen herab 
und ein Lorbeerkranz auf die Bühne, das Haus war überfüllt, 
der Enthusiasmus beispiellos, und das Ganze ging unter einer sol- • 
chen präcisen scharf markirten und dennoch ganz geräuschlosen 
Anführung vortrefflich zusammen." 

Ebenso erfreute nach der Wiener Zeitschrift die Münchener 
die „geniale Ouvertüre zum Freischütz", und aus Dresden 
heisst es dort im Febr. 1822 über die Wolfeschluchtmusik: 



323 

„Die melodramatische grosse Scene ist mit wunderbarer Phan- 
tasie erfunden, sie steht einzig da im Reiche der Tonkunst; möge 
nie ein schwächerer Meister, der minder vertraut wäre mit dem 
labyrinthischen Gewebe herzzerschneidender Dissonanzen, es wagen 
Aehnliches erschaffen zu wollen!" 

Zugleich constatirt dieses Blatt, wie bereit Wien sei das 
Schöne Erhabene und Wahre zu empfangen, wenn es sich 
ihm in würdigem Gewände und zur rechten Stunde zeige, 
und so dränge sich alles den „genialen Tonsetzer" kennen 
zu lernen. Die „Jubelouvertüre" dagegen und Webers 
freie Phantasie auf dem Ciavier entsprachen nicht den 
Vorstellungen und dem Geschmack der Wiener damals: 
erstere müsse man öfter hören und bei letzterer hätte We- 
her „vor einem solchen Eichterhofe sich wenigstens auch 
als Meister im Reiche der Fugenkunst zeigen müssen". 
Seine Leitung des Orchesters dagegen hatte „das ganze 
Personale t wirklich glühend gemacht". 

In dem gleichen März 1822 war Bossini bereits in 
Wien. „Er ist ein sehr gebildeter Mann, von angenehmen 
Sitten, empfehlender Gestalt, voll Witz und Laune, heiter 
zuvorkommend höflich' und wahrhaft humoristisch" sagt die 
A. M. Z. vom Mai 1822. Auch in Wien waren sogleich 
„die Gesellschaften von seinem Umgange und seiner wenig- 
stens scheinbaren Anspruchslosigkeit ganz bezaubert." Von 
seiner Musik aber war es die Masse schon seit Jahren, 
und das „Sich zerreissen" um Plätze, das „wahnsinnige 
Fuoreschreien" , womit jedes neue Werk d^3 unermüdlich 
sich selbst abschreibenden Maestro aufgenommen ward, 
hat uns in gewissem Sinn als eine Reaction gegen falsches 
Pathos und akademisches Wesen oder auch blosse Biederkeit 

21» 



324 

und Trockenheit zu gelten, wie sie ja deutsche und franzö- 
sische wie die übrigen italienischen Componisten damals 
gleicherweise unerquicklich zeigten. Es waren hier sinnlich 
frische und gefällige Melodien, die obendrein mit dem vollen 
Wohlklang der Menschenstimme geboten wurden, und so 
ist der allgemeinsame Eindruck begreiflich. Wie denn über- 
haupt die vorurtheilsfreie Betrachtung auch dieser Existenz 
ihre Berechtigung zu ihrer Zeit nicht absprechen wird. 138 
Anders lag die Sache für Beethoven. Am 25. Juli 
1822 schreibt „Illustrissimi Generalissimi humillimus ser- 
vus" F. Pi ring er, der närrische Mitbegründer jener „Con- 
certs spirituels", die solcher „Geschmacksverwirrung" durch 
Vorführung „ernster und gediegener Werke" entgegentreten 
sollten: „Heute ist der erste traurige Tag im Wiener Ka- 
lender, weil gestern die letzte italienische Oper war". Und 
die A. M. Z. vom Sepi illustrirt diese letzte Vorstellung so: 

„Da ging es denn in der That voll und toll genug zu ; als ob 
die ganze Versammlung von der Tarantel gestochen wäre, glioh 
die ganze Vorstellung einer Vergötterung; das Lärmen Jubeln 
Jauchzen viva- und fora-Brüllen nahm gar kein Ende, — und 
hätte die Polizeistelle keinen Strich durch die Bechnung gemacht» 
so würde es zweifelsohne Huldigungssonette geregnet haben." 

Dazu stimmt denn die Nachricht eben dort: Bossini solle 
einige Tage vor der Abreise noch vor einer Gesellschaft 
hoher Standespersonen zu Gaste geladen und ihm auf sil- 
bernem Präsentirteller die Summe von 3500 Stück Duk. 
mit der Bitte überreicht worden sein, diese Kleinigkeit 
als eine dankbare Anerkennung unschätzbarer Verdienste etc. 
nicht zu verschmähen! 

Nun Beethoven, der dieses Blatt zu lesen pflegte, war 



325 

sicher der letzte zu verkennen, dass hier nicht etwa Wir- 
kungen ohne Ursache vorlagen. Ja es ist, als habe er in 
den so merkwürdig süssen Cantilenen und Ariosos mit 
ihrem chromatischen Schmelz und Vorklingen der Terz, 
wie sie vor allem Op. 110 zeigte, geradezu mit jenen Wir- 
kungen rivalisiren und bekunden wollen, was doch auch 
die zum Ernsten und Erhabenen neigende deutsche Natur 
hier vermöge. Und wenn er auch schwerlich ganz der 
Ansicht der A. M. Z. von 1821 war, .die beim Erscheinen 
des „Moise" die Ueberzeugung gewann, dass es „nur in 
Rossinis ernstlichem Willen stände, reines Qold geläutert 
von allen Schlacken zu spenden, dass das Werk wahrhaft 
geniale Züge enthalte und mit Hinwegräumung weniger 
Gemeinheiten zu einem acht dramatischen Meisterwerke 
umgeformt werden könne , u so liegt doch nicht entfernt 
Herabwürdigung, sondern nur richtige Werthschätzung in 
dem von Seyfried überlieferten Urtheil Beethovens, Rossini 
sei ein „guter Theatermaler". Und die von seinem 
bekannten lauten „Ha! Ha! Ha! Ha! 44 begleitete Conver- 
sation mit Seyfried: 

„Der Rossini, hätte ihm Fortuna nicht ein hübsches Talent 
und verliebte Melodien schockweise hescheert, von dem was er aus 
der Schule mitbrachte, würde er seinen Wanst höchstens mit 
Kartoffeln abfüttern können," 

beweist ebenfalls nicht das Gegentheil. 139 

Nun berichtet freilich Schindler, zweimal habe Bos- 
sini, nachdem er in Wien alle Quartette Beethovens durch 
Mayseder kennen gelernt habe und davon begeistert gewe- 
sen sei, den Versuch gemacht Beethoven zu besuchen, und 
zwar in Begleitung Artarias, der auch deshalb zweimal 



326 

bei dem Meister angefragt habe. Allein Beethoven habe 
sich stets entschuldigt. Und wie unbefangen und aufrichtig 
gemeint solche persönliche Achtungserweisung von Seiten 
des italienischen Maestro war, sagt uns eine Conversation 
Beethovens mit Bruder Johann aus diesem Frühjahr 1822: 

„Rosini ist mir heute begegnet und hat mich sehr freund- 
lich gegrüsst, er wünscht dich sehr gern zu sprechen, — wenn er 
gewusst hätte, dass du da wärest, so wäre er gleich hierher ge- 
kommen." 

Wobei sogleich dar^n erinnert sei, dass in dem gleichen 
Frühjahr 1822 der hochtoupirte Ritter von Spontini 
auf der Durchreise nach Italien eine ganze Woche in Wien 
war, ohne dass auch nur von einem Versuch den weltbe- 
rühmten deutschen Symphoniker zu sehen etwas verlau- 
tete! Aber Beethoven empfing eben den liebenswürdigen 
Maestro Bossini nicht. Und gewiss war es, abgesehen 
von der persönlichen Unbequemlichkeit fremder Besuche für 
den tauben und oft kränkelnden Mann, zu der diesmal die 
besondere Schwierigkeit kam, dass Bossini nicht deutsch 
und Beethoven nur schlecht französich sprach, nicht ein 
Scheelsehen auf jenen fast unerhörten äusseren Erfolg des 
Italieners, da ja Beethoven selbst, trotzdem jetzt alles nur 
Potpourris und Variationen aus Barbier, Tancred etc. haben 
wollten, gerade damals fast mit „Bestellungen" überlaufen 
war. Es war überhaupt nicht eigentlich etwas Persön- 
liches, was ihn bestimmte, selbst diesem an sich achtungs- 
würdigen Manne seine Thüre zu verschliessen. Es war viel- 
mehr offenbar Princip und Absicht dabei, so dem alleinreis- 
senden „Sinnenspiel" in seiner Eunst auch durch ein rein 
individuelles Thun und Wesen entgegen zu treten, selbst 



327 

Wenn dasselbe die äussere Form und Lebensart verletzte. 
Obendrein hätte er vor diesem Kinde des Glücks weder un- 
würdig heucheln noch unfreundlich oder stolz sein können. 
Beides wäre seinem natürlichen Gefühl und der „ihm 
eigenen Herzlichkeit" gleich wenig entsprechend gewesen. 

Und endlich, was hatte denn überhaupt ein Bossini 
mit einem Beethoven damals zu reden? 

So musste dieser es vorziehen, all dergleichen Fra- 
gen Zweifel und Ansprüche einfach mit seinem künst- 
lerischen Thun zu beantworten, und eine solch ernstgemeinte 
und vollgültige Antwort war eben jene Ouvertüre „zur 
Weihe des Hauses", bei welcher die an sich wenig 
bedeutende Eröffnung eines Vorstadttheaters ihm Anlass 
genug war, einmal wieder die ganze Fülle der Kraft und 
die Würde jener künstlerischen Anschauung zu zeigen, die 
ihn auch bei seinem Benehmen gegen Bossini und den 
Bossinismus bestimmte. 140 

Was wissen wir nun näheres von der Entstehung des 
festlichen Einleitungs- Werkes selbst, in dem wir den 
Meister so zuerst ganz wieder auf eigenen Füssen stehen 
sehen? 

Schindler erzählt aus diesem September 1822: 

„Eines Tages mit ihm und seinem Neffen in dem schönen 
Helenenthaie bei Baden uns ergehend, hiess Beethoven uns eine 
Strecke voraus wandern und ihn an einer bezeichneten Stelle er- 
warten. Nicht lange hatte er uns schon eingeholt bemerkend, er 
habe nun zwei Motive zu einer Ouvertüre notirt. Sofort äusserte 
er sich über den Plan der Bearbeitung dahin, dass das eine in 
freiem, das andere aber in strengem Styl und zwar im Händei- 
schen ausgeführt werden solle. Soviel seine Stimme vermochte, 
sang er beide Motive und frug dann, welches uns wohl am besten 



328 

* 

gefalle. Der Neffe entschied sich für beide, meiner Seite sprach 
ich den Wunsch aus, das Fugenmotiv zu obigem Zweck bearbeiten 
zu wollen.'* 

Dies letztere ist denn auch geschehen. Von der Ouver- 
türe „in freiem Styl" aber erfahren wir nichts weiter. 
Die auf „Bach", wie Schindler meint (o. S. 316), kann es 
schon deshalb nicht sein, weil sie ja erst recht sich auf ein 
Fugenmotiv gründet. „Sehr fugirt" aber, versteht sich, wie 
einst „obligat" musste jetzt alles sein. In solcher Poly- 
phonie und Thematik zeigte sich eben der „denkende In- 
strumentalist", der denn doch schliesslich alle blossen 
„Melodiker" weit hinter sich zurückliess. 141 

Und nun endlich das Werk selbst? 

Ob es gleich „im Händeischen Styl", also abermals 
in fremder Frohnde verfasst und zugleich eine blosse Ge- 
legenheitscomposition und sogar blos zu einer festlich 
heiteren äusseren Repräsentation ist, es steht dennoch 
nach echt Beethovenschem Sinn und Meinen als ein Biesen- 
portal in mächtigstem Monumentalstyle zu dem Wunder- 
bau der Kunst selbst da, in dessen heiligen Bäumen sich 
nun das erhabene Bäthsel unserer Existenz lösen soll. So- 
gleich zwei wuchtige und den vollen Tact, also das Grund- 
mass des Baus ausfüllende Schläge, denen zwei andere im 
doppelten Zeitmass folgen, alles mit der Eindringlichkeit des 
gesammten Klangkörpers angeschlagen, scheiden uns in 
gewaltigem Bück vom allgewohnten Dasein ab und rufen 
wie mit Posaunenstössen zu einem höheren Leben auf, in 
welchem sie als Folge der Grundharmonien der Tonart d. h. 
in der allergewöhnlichsten Cadenz uns auch sogleich völlig 



_329 

sicher feststellen, — rhythmisch wie harmonisch eine wahr- 
haft antike Einfachheit und Grösse, in der wir auch 
sogleich die Grundsäulen dieser neuen Welt deutlich 
empfinden und sicher festzuhalten vermögen. 

Darauf erklingt in prächtig breiten, ruhig heranschwel- 
lenden Tonwogen auf nächstliegender Harmonie im feier- 
lichen Dämmer der Blasinstrumente ein still erhabener 
Gesang, wie persönlich uns anredend und das Gemüth zur 
Empfängniss dessen stimmend, was all den gaukelnden 
Erscheinungen der Tageswelt zu Grunde liegt. Er ist in 
breiten und doch lebenserfüllten Zügen und Farben gemalt 
und ein würdevoller und von der Hoheit der Kunst selbst 
durchdrungener Ausdruck solcher Einfuhrung in die geweih- 
ten Bäume der geistigen Gemüthsbefreiung. Er zwingt förm- 
lich das Innre in die schöne Ausgleichung, die der Auf- 
nahme der freien Heiterkeit der Kunst so ahnungsvoll be- 
seligend und wie freudeverkündendes Morgenroth vorauf- 
geht. Und sogleich auch wird der Zug dieser heiteren Diener 
der Kunst, wie er hier mit solennen Fanfaren auftritt, als 
der Beginn einer wahren Feier und eines höheren Daseins 
aufgenommen. Die nachfolgende Ausbreitung und Steige- 
rung dieser Intrada über und durch das ganze Orchester ist 
ebenso echt Beethovensch einfach und gross, wie mächtig 
mit sich fortreissend. Man fühlt das Wehen der 9. Sym- 
phonie in ihrer von innen heraus steigenden und schwel- 
lenden Fülle. Dann weiter das Ansichhalten nach mäch- 
tigem Aufsteigen aller Lebenssäfte, das Sichsammeln im 
innern Geheim der Kraft und das erneute Hervorbrechen 
alles Könnens und Vermögens aus dunkelster Tiefe, — es 



330 

ist so völlig unserm eigensten Lebensprocess entsprechend 
und deutet uns so ganz den ewiggleichen Gang unsers persön- 
lichen Daseins wie der weiten Welt vom kleinsten bis 
zum grössten, dass wir gar nicht überrascht sind, nun 
plötzlich diesen Genius des Lebens selbst hervortreten und 
den Thyrsus hoch schwingend und lang emporhaltend die 
Fülle der Kräfte und Erscheinungen um sich zum Jubel- 
tanze der Feier eines ewig lebendigen Lebens und Wesens 
der Dinge, aufrufen zu sehen. 

Selten ist bei Beethoven die Allfülle und Alllebendig- 
keit, wie sie der polyphone Styl bietet, in solcher Unmittel- 
barkeit, und Drastik erschienen wie hier trotz der Händei- 
schen Imitation. Und sosehr umdrängt und umspielt von der 
„Fülle der 1 Gesichte" war jetzt sein eigenes dichterisches 
Schauen, dass schon nach der ersten vollen Ausbreitung 
des an Schwung und Leben Ohnehin allen und jeden Händel 
weitüberholenden Themas der blosse Schematismus einfach 
übern Haufen geworfen wird und voller Beethovenscher 
Lebensschein und Lebensjubel dasteht. Es ist mit kühner 
Behauptung und göttlicher Heiterkeit die ganze Würde 
des Lebens wie der Kunst von neuem hergestellt. 

Aber was ist das? Wie wird da plötzlich der freude- 
winkende Thyrsos lang und mächtig, und mit wahrhaft 
ungeheuren Schlägen des rhythmischen Kerns des Themas 
geht es unter wahrem Jubelschrei der oberen Stimmen auf 
alle Dumpfheit und Selbstsucht des Lebens wie der Kunst 
los! „Unser Zeitalter bedarf kräftiger Geister, die diese 
kleinsüchtigen heimtückischen elenden Schufte von Men- 
schenseelen geissein 4 ', werden wir ihn bald auch in Worten 



331 

deutlich ausrufen hören, unsera von der trivialen Art sei- 
nes Geschlechts so vielgeplagteü Meister. Verständlicher 
aber spricht seine Meinung von der Welt und die Behaup- 
tung eines höheren Anspruchs für den Menschengeist doch 
aus dieser entscheidenden Stelle des „Allegro con brio", und 
wahrhaft wie mit Fluthen ergiesst sich der ganze Zornes- 
spott über all die kleinen Widerwärtigkeiten, die auch un- 
sere Darstellung hier so immerfort ins Triviale zu ziehen 
drohen. Es dringt wie Feuerbrand in unser inneres Wis- 
sen von der Welt, aufhellend und zündend zugleich, und 
selten hat Beethoven kühner und sicherer und mehr treffend 
seine wahre Meinung von der Welt ausgesprochen und uns 
ins Gewissen geredet. 

Dem entspricht dann der eigenthümlich heiter freu- 
dige und man darf sagen sieghafte Verlauf des Ganzen 
und der hell aufjubelnde Schluss, der uns Beethoven selbst 
wahrhaft innerlich beseligt wieder bei sich und der Kunst 
zeigt. Wo hätten wir ein ähnliches festliches Werk bisher 
gehabt? Es ist zwar in gewisser Weise auch nur „Theater- 
malerei" d. h. eine festliche Decoration, aber im grössten 
und die volle Illusion der Kunst erzeugenden Style, und 
wo bleibt da, von andern Zeit- und Streitgenossen damals 
ganz zu schweigen, Weber mit der Jubel-Ouvertüre? Nur 
die zum „Freischütz" behält neben diesem glänzend macht- 
vollen Werke ihren Sinn und Werth, wie sie auch ohne 
Zweifel nicht ohne Eindruck auf Beethoven geblieben ist. 
Allein dort ist nur bescheiden genügiiches Natur- und Ge- 
müthsdasein, höchstens von den Schauern einer die wahren 
Schauer der Existenz wiederspiegelnden „Komantik" um- 



832 

weht, hier ist der weltbedeutende Sinn nnd Zweck der 
Kunst erfasst, wie er uns den Gehalt des Lebens selbst 
in die Hand gibt, und der von dem Schauen in das Leben 
gestärkten Phantasie des Meisters gelang es, das würdig- 
ernste und doch zugleich strahlend heitere Bild und 
Gleichniss für diesen Sinn zu finden. 

Wir begreifen, dass solch ein Künstler auf die Dauer 
ohne Hass und Bitterkeit ja mit leichtem Sinn und gutem 
Muth wie Bochlitz empfand, dem Leben selbst und sogar 
dem Treiben der Kleinen und Spielenden in seiner Kunst 
zusah. Er wusste stets mit mächtigem Griff sich selbst 
wie seine Kunst wieder in ihre vollen Kochte einzusetzen. 
„Die Ouvertüre (in C) hat in der Josephstadt ungeheuren 
Effect gemacht 4 ', schreibt im Frühling 1824 der Neffe auf. 
Sie ist im schönsten Sinne eine Einführung des lebens- 
befangenen Menschensinnes in das freie Dasein des Geistes 
und der Kunst Für uns aber bedeutet sie zugleich die volle 
Behabilitirung des Beethovenschen Geistes vor sich und der 
Welt, und ihre Wirkung ist denn auch sogleich erkenntlich* 
Ja wir werden jetzt bald den Vorhang, der uns hier den 
Sinn des Lebens nur andeutend malte, aufgehen sehen und 
ein Stück jener tragischen Feier selbst erblicken, in der 
aus der Tiefe des Leids das Menschengemüth zu seinem 
wahren Dasein erwacht Die Ouvertüre „zur Weihe 
des Hauses 44 ist wie ein Vorspiel zu jenem unsterb- 
lichen Werke, in dem uns Beethoven die Weihe des Le- 
bens darstellt, zur — Neunten Symphonie. 

Zu ihrer Entstehungsgeschichte gehen wir also jetzt 
unmittelbar über. 1 * 2 



Neuntes Kapitel. 
Präludien zur Neunten Symphonie. 

(1822—28.) 

„So mögen die letzten Tage verfliessen und der künf- 
tigen Menschheit ", schloss der Zuruf Beethovens an 

sich selbst, als mit der Congress- Aufführung im Herbst 
1814 der Höhepunct seines Lebens erreicht schien. 

Nicht ebenso war das Gefühl dem eigenen Schaffen 
gegenüber. Denn wie es 1816 verlautete: „Mir schweben 
ganz andere Dinge vor 44 , und selbst noch 1824 heissen 
sollte: „Ist mir doch, als hätte ich kaum einige Noten 
geschrieben! 44 so mochte auch dieser Herrscher in einem 
Reiche dessen Sonne ebenfalls nicht untergeht in jenem 
Momente, wo zuerst auch der weiteren Welt sein grosses 
Antlitz sich enthüllt, mit Philipp sagen: 

Die Welt ist noch auf einen Abend mein, 
loh will ihn nützen, diesen Abend. 

Und sofort sahen wir ihn Ernst machen und der Mensch- 
heit ein Lied anstimmen, ein Lied von dem „Veraweif- 
lungsvollen 44 menschlichen Daseins, in dem man den 



334 

Zusammensturz dieser ganzen schein- und wahnvollen. 
Existenz nnd Lebensanschauimg, in der wir doch so behag- 
lich uns drehen, zu vernehmen meint. Und fürwahr, was 
seit jenem Sommer 1816, wo die ersten Laute jenes tra- 
gischen Lieds erklangen, „an eigener Haut" erfahren ward 
und auch hier in trüben Bildern an uns vorüberzog, es 
war nicht geeignet, ihm eine andere Vorstellung von die- 
sem Geschlecht und seinem nichtigen Treiben beizu- 
bringen. Nein tiefer als zuvor drang ihm der Stachel des 
Faust'Schen „Entbehren sollst du, sollst entbehren? 6 in die 
Brust. Sah er doch, er der nichts erstrebte als seiner Zeit 
auf seine Weise eine Stätte zu bereiten, wo sie des nie 
endenden Entbehrens und Vergehens wenigstens auf einen 
schönen Augenblick vergessen und an der Wonne eines 
wahren Seins das eigene Dasein erheben konnte, gerade 
infolge dieser seiner ernstesten Absichten am meisten 
schliesslich sich selbst in das ganze Interessengewirr dieses 
Daseins hineingezogen und einer physischen und mora- 
lischen Depression preisgegeben, die ihn momentan gar 
für seine heilige Kunst unempfindlich erscheinen und schon 
von „gänzlichem Aufhängen seiner Harfe" die Bede gehen 
liess ! 

gt Aber gerade «solche volle Hineinwirrung in des Le- 
bens Unverstand und Unwürde erzeugte auch zuletzt einen 
gründlichen Ekel vor diesen „Possen" und die Auflehnung 
des ganzen Menschen gegen die waltenden Unmächte um 
ihn her. Und es geschieht jetzt aus seiner Seele ein Bu- 
fen, als wolle er die Menschheit selbst zu ihrem Leid und 
Leben erwachen machen, dass sie nach einem Höheren 



335 

und Bestandhabenden emporschaue und des steten Haffcens 
am Gemeinen sich befreie. Was auch gesungen ward von 
diesem Leid, — mögen es jene antiken Tragödien sein, 
die zuerst in der Kunst ein tiefes Gefühl von diesem 
wahren Verhalt des Lebens verriethen, oder jene „Divina 
commedia", deren fürchterliches „Lasst jede Hoffnung 
fahren! 44 seinen eigentlichen Sinn wohl schon an den Ein- 
tritt in dieses Leben überhaupt knüpft, oder endlich jenes 
„Sein oder Nichtsein" und „Fluch der Hoffnung, Fluch 
dem Glauben", womit „in hohen Feiertönen" der moderne 
Sinn sein Erwachen zu sich selbst und seiner Qual ver- 
kündete, — tiefer empfunden ist das „Detestable" dieser Welt 
(s. o. IL 373), heisser ersehnt die Erlösung, kraftvoller behaup- 
tet das bessre Eecht nie und nirgend als in diesem Werke, 
in dem Beethoven sein bestes Wissen vom wirklichen Da- 
sein und den energischen Ausdruck seines menschlichen Be- 
wussteeins niederlegte. Und solch voller Erguss einer wah- 
ren und grossen Menschenseele lässt uns andrerseits das 
Wunder unserer Tage begreifen, das Wiedererscheinen einer 
wahren tragischen Kunst, nach der sich Generation 
auf Generation alle tiefer Fühlenden und höher Denkenden 
gesehnt haben wie nach des Himmels Sonne, 

Bereiten wir uns also jetzt, von der wirklichen Ent- 
stehung dieses so vielfach bedeutungsvollen Weihegesangs 
aus unseres Meisters Leben das Nähere und Entscheidende 
zu vernehmen. Es ist nach solch langer öden Wanderung, 
wo fast nur der Schein der Sterne uns labte, die heilige 
Stätte, wo tief in sich zusammengefassten Gemüths dieser 
Mensch und Künstler sein Leid und Schauen niederlegte 



336 

und Neuvertrauen und Trost dafür empfing. Und wenn 
fortan mit dem sicheren Ziel im Auge das Wandern durch 
das in unverändertem Grau sich ausbreitende Einerlei dieser 
Sorgen und Bedürfnisse weniger ermüdend sein mag, so 
werden wir doch zugleich erfahren, dass gerade diese leitete 
Strecke noch der Leiden und Prüfungen schwere genug für 
ihn hatte, um zuletzt das volle Ahnen von dem Zusammen- 
hang des Lebens und ein stets sehnsüchtigeres Aufschauen 
nach Glück und Bestand in ihm zu erzeugen. Wie denn 
auch ebendadurch zuletzt jener weithin hallende und all- 
erfreuende Laut der Verkündung dessen erstand, was an 
diesem Leben dennoch lebenswerth und wahrhaft glück- 
bereitend sei! — 

* 

Wir fehren rein erzählend fort und treffen wie bei 
der Messe zunächst wieder auf allerhand innere und äussere 
Präludien zu dem grossen Werke, dessen Ausführung jetzt 
als nächste Absicht vor dem Meister stand. 

Zuerst handelte es sich natürlich um die wirkliche 
Aufführung der „Musik für die Josephstadt' 4 . Sie sollte ihn 
leider mitten in dem Glanz einer künstlerischen That, womit 
er dem kleinen Gewimmel in Wien damals ein kräftiges 
„Quos ego!" zurief und auch äusserlich die Insignien der 
Macht wieder an sich nahm, mit denen schon zu lange 
Kinder und Knaben gespielt, nur zu sehr wieder an die 
traurige Hinfälligkeit seiner Existenz gemahnen und um 
so tiefer ins eigene Innere zurückdrängen. Wir folgen 
dem Bericht Schindlers, der nicht lange zuvor unter „we- 
sentlichem Antheil" Beethovens die Amtsstube mit der 



_1 37 __ 

Orchestra vertauscht hatte und als Violindirector an der 
Josephstadt angestellt war. 

Durch das stete Zurückhalten des Werks war gar die 
schwierige Ouvertüre erst am Nachmittag vor der Eröff- 
nung, die wegen des kaiserlichen Namenstages eben nicht 
zu verschieben war, ans Orchester gekommen und zwar, 
weil ein fremder Copist geschrieben hatte, mit unzähligen 
Fehlern, die nun erst während der Einübung mit der 
obendrein ganz neu zusammengestellten Gapelle vor dem 
schon nahezu gefüllten Parterre zu corrigiren waren. 
Beethoven hatte sich die Oberleitung vorbehalten. War 
doch im vorigen Winter C. M. Weber wie ein Phänomen 
im Dirigiren erschienen, und wer vermochte gar Beet- 
hovens Redeweise so wiederzugeben wie nach seinem besten 
Wähnen er selbst? Er nahm den Platz am Ciavier wie er 
damals den eigentlichen Leiter des Ganzen bezeichnete, und 
zwar das Orchester grösstenteils im Gesichte, der Bühne 
dagegen das bessere linke Ohr zugewandt Franz Gläser, 
dessen „Adlers Horst" noch in unsere Tage gereicht, stellte 
sich als Capellmeister überwachend zur Seite, Schindler 
führte die Geigen. Bei der Hauptprobe hatte sich etwas 
Erfreuliches begeben. In dem leichtbeschwingten Duett 
„Ohne Verschulden Knechtschaft dulden" war die junge 
Sängerin zaghaft und schleppte. Beethoven, der sie wohl 
von Baden her persönlich kannte (v. o. S. 314), liess sie 
herantreten und machte sie auf die Stellen aufmerksam 
wo sie sich leichter zu bewegen habe, sprach ihr Muth 
zu und empfahl ihr sich fest an den gewandten Tenor 
Greiner anzuschliessen, der ebenfalls schon in Baden ge- 

Hohl, Beethovens letzte Jahre. 22 




33 8 

Wesen war. Nach der Wiederholung hiess es dann: „Jetzt 
war es gut, Fräulein Heckermann! 44 Er hatte also diese 
beiden hochliegenden Stimmen noch gut überhören können. 
Allein ebenso bestimmt hatten eben diese Proben heraus« 
gestellt, dass Massen zu leiten und ihr Schwanken und 
Fehlen zu corrigiren unter jeder Bedingung für ihn unaus- 
führbar sei. 

Aus solcher Lage der Sache ergibt sich von selbst, 
dass trotz allseitiger Begeisterung im Zusammenwirken, 
wie sie die aufmunternden Worte des Meisters selbst nur 
erhöhen konnten, das Ganze dieser Darstellung durchaus 
nicht einmal dem alten Werke wievielweniger der neuen 
Ouvertüre entsprechen konnte. Oefteres Schwanken auf der 
Bühne und sogar im Orchester in Folge angestrengten Hin- 
lauschens und zeitweiligen Zurückhaltens von Seiten des 
Meisters, zuweilen in vollem Gegensatz gegen die Unter- 
leiter versetzte alles in Beängstigung, und Beethoven be- 
merkte nicht, einmal, dass hauptsächlich er selbst schuld 
daran sei. Indess ward die Feier an diesem Abend (3. Oct. 
1822) glücklich zu Ende gebracht. Der Meister, schon beim 
Beginn „freundlich empfangen", ward von dem aufs höchste 
begeisterten Publicum wiederholt gerufen und „erschien an 
der Hand des würdigen Director Hensler", wobei er wie 
die A. M. Z. berichtet, „mit Jubelbeifall überhäuft ward". 
Die Wiener A. M. Z. gibt sogar dem Feste „durch den 
Vorabend zur Namensfeier eine recht schöne religiöse Be- 
deutung". Viermal fand die Vorführung Statt und war 
„immer so ziemlich besucht 14 . Das Kanne'sche Blatt aber 
urtheilt über die Ouvertüre: 



^7 



339 

„Der gehaltvolle grosse Styl, welcher gleich im Adagio der 
Ouvertüre sich ausspricht und durch das Hervortreten imposanter 
Trompetenklänge mit fugurirter Begleitung des Fagotts besonders 
angekündigt wird, geht durch den ganzen Tonsatz in schöner 
Ausbreitung fort." 

Die contrapunctische Nachahmung gebe dem ganzen Ton- 
stück einen höchst interessanten Charakter und gewähre 
dem Kenner, während der unbefangene Zuhörer davon er- 
griffen werde, ein besonderes Vergnügen, das nur von in- 
tensiven Schönheiten erweckt werde: 

„Beethovens tiefer Geist hat diese Ouvertüre in einem Gusse 
geschaffen und ihr wie jedem seiner Werke den Stempel der Origi- 
nalität aufgedrückt. Noch mehr anziehend wurde das Ganze da- 
durch, dass der Meister selbst dirigirte und seiner Schöpfung den 
wahren lebendigen aus seinem Innern quellenden Tact gab." 148 

Obgleich also namentlich dieses Hauptstück stets noch 
arg verkümmert erschien und so dem Meister selbst viel Ver- 
druss bereitete, gab es doch Leute in Wien, denen er nicht 
vergebens wieder „sein Angesicht im Feuer zugewendet". 
Jetzt konnte denn die neue Administration des Kärtner- 
thortheaters , die seit dem 1. Dez. 1821 unter dem Graf 
Barbaja aus Neapel und seinem „locum tenens", dem 
Pariser Balletmeister Duport auch das Theater an der 
Wien mitgepachtet hatte, nach ihrer glänzenden Intrade 
mit der italienischen Oper auch an ein deutsches Werk 
wie „Fidelio" denken. Die erneute Aufführung desselben 
in diesem Herbst 1822 hat sowohl in Beethovens Leben 
wie in der Kunstgeschichte soviel Bedeutung, dass wir 
ihrer Darstellung ebenfalls eine gewisse Ausführlichkeit 
widmen müssen. 

Die Kritik, besonders Kannes Wiener A. M. Z. hatte oft 

22* 



JJ40^ 

und laut darnach gerufen „den* Einflüsse des frivolen 
Modegeklingels", wie Bossini und weit mehr seine kahlen 
Nachahmer beurtheilt wurden, durch Werke „reineren Ge- 
schmacks" entgegenzuwirken, worunter man natürlich zu- 
nächst deutsche Opern verstand. Hatte nun auch der 
Freischütz wahrhaft durchgeschlagen, so galt derselbe doch 
nicht eigentlich als grosse Oper, und darum eben waren 
Weber und Spontini zur Composition einer solchen einge- 
laden worden. Derweilen hatte man auch Spohr's „Zemire 
und Azor" gegeben. Allein obgleich hier ebenfalls die 
junge Wilhelmine Schröder sang, war es doch wie 
im Tyroler Bauernspiel: 

Da Drache hast du 'nen Jaden! — 
Ich mag ihn nicht, friss du den. 

Die Hauptrolle hätte eben eine „grosse kunstfertige Sän- 
gerin" erfordert, hiess es, und so ward diese Oper nur zum 
Anlass eines ebenso hässlichen wie erbitterten Kampfes 
zwischen den Wälschen und Deutschen in der Kaiserstadt. 
Die Musik und vor allem der Gesang scheine immer noch 
vorzugsweise Eigenthum des italienischen Grund und Bo- 
dens, wo die Begeisterung der Beligion von innen und der 
Zauber des Klimas von aussen den mächtigsten Zauber 
auf die Seele ausübe, plaidirte schon nach der 6. Darstel- 
lung der Gesellschaft Bossini-Colbran sogar die Wiener 
Zeitschrift, und angesichts solcher vortrefflichen Leistungen 
war von diesem Beifall leicht zu behaupten: des Volkes 
Stimme sei Gottes Stimme. Doch verhiess am 9. Juli 
1822 die Administration selbst fortan auch „das höchste 
Gedeihen der deutschen Oper zu fördern" und errichtete 



341 



unter dem mit Bossini und Barbaja aus Neapel zurück- 
gekehrten Grafen Gallenberg eine eigene „Opern-Comitee", 
deren Kenntnissen und Kunstsinn die Aufbringung und 
zweckmässige Herstellung der besten musikalischen Meister- 
werke anvertraut sei. Simon Mayr's „Cora" und eine 
grosse Oper von Umlauff werden versprochen: bei Weber sei 
die Euryanthe bestellt und bei Spontini, der im Dezember 
persönlich die Olympia dirigiren werde, sogar eine deut- 
sche und eine italienische Oper zugleich. Von Fidelio ist 
nicht Rede, wieviel weniger von einer neuen Oper ihres 
Erschaffers! Wer wäre auch dagewesen, der neben der voll- 
endeten Art der Italiener damals die Erscheinung dieser 
Heldenliebe nach ihrem Adel und ihrer Innigkeit zugleich 
hätte wiedergeben können? Die deutschen Sängerinnen 
von damals waren bald selbst ganz in den Händen des 
wälschen „Modegeklingels". 1W 

Da erzeugte der deutsche Genius sich selbst die wahre 
Darstellung seiner Kunst, jene Wilhelmine Schröder, die 
an der Quelle des Tragischen,' dessen Empfindung damals 
in der Nation erwacht war, die künstlerischen Weihen 
empfing und als Schröder-Devrient zuerst die volle 
tragische Kunst auf der Opernbühne entwickelte. Der Zu- 
sammenhang der Thatsachen ist hier in mancher Hinsicht 
bedeutsam. Mag auch für Beethoven persönlich nur das 
Eine dabei gewonnen sein, dass er eine Gestalt seiner 
Intuition und zwar eine mit dem eigenen Herzblut ge- 
nährte einmal in voller Plastik vor sich erscheinen sah, 
— selbst dies musste ihm schon eine gewisse Auffrischung 
der eignen Lebens- und Schaffensgeister geben. Und das gilt 



342 

doppelt viel, wo ein Werk wie die „Neunte" immer noch 
bevorstand und ihm selbst mehr und mehr „vor dem An- 
fang so grosser Werke graute". Wir wollen die Haupt- 
thatsachen verzeichnen. 

Schon seit 1815 wirkte in Wien jene grosse Sophie 
Schröder, die wie Kembrandt, Ludwig Devrient und auch 
unser Meister aus jenem westgermanischen Niederland 
stammte, wo das Gefühl für das Tragische ein gewisses 
Erbtheil der Natur zu sein scheint (v. o. I. 12). 

„Vergleichen wir die allertragischeste Begeisterung, mit wel- 
cher die genannte Künstlerin die Merope spielt, mit der aller- 
, prosaischesten Alltäglichkeit, der sie sich hei Ablesung diese« 
Schwankes [die Wette] überlassen, so geht daraus hervor, dass 
M. Schröder die allerumfasBendste Künstlerin ist, die es geben 
dürfte", 

dieses Urtheil der Wiener Zeitschr. vom 23. März 1822 
setzt uns in die Position gegenüber dieser Erscheinung. 
Sie war natürlich auch Beethoven nicht entgangen, obwohl 
er damals fast nur noch ihr mächtiges Agiren aufnehmen 
konnte, das aber der Musik selbst mehr entspricht . als alle 
Worte. Wir begegneten ihr denn auch schon oben in den 
Conversationen. Ebendort heisst es nun einmal im Mai 
1820 und das andre Mal im Herbst vorher: 

„Die Sohröder hat nichts gelernt, aber sie kann viel durch 
ihre Katurkraft." — „Egmont könnte doch jetzt wieder gegeben 
werden, wenn die ältere Tochter der Schröder nur erst etwas 
mehr auf der Bühne geübt ist." 

Am 13. Oct. 1819 aber hatte diese „ältere Tochter 44 Wil- 
helmine, 15 Jahre alt, das Burgtheater betreten. Allein 
trotzdem ihr phänomenales Können sofort erkannt wurde, 
vermochte sie sich doch hier keine Stellung zu erwerben, und 



343 

so ward sie — Sängerin. Schon am 20. Jan. 1821 erschien 
sie als Famina, und wenn ihr diese „singende Ophelia' 4 im 
Spiel über alle Massen gelang, so wunderte man sich dass 
hier gleichsam eine Sängerin aus den Wolken gefallen sei. 
Die A. M. Z. vom Febr. 1821 schreibt: 

„Es gelang vielleicht noch keiner Mime, der prosaischen Poesie 
eine solch rein idealisch poetische Seite abzugewinnen, wie dieser 
hoffnungsvollen Schülerin einer auf die Stufen der Meisterschaft 
gelangten Mutter, die den nicht alltäglichen Beweis lieferte, wie 
unglaublich ein so ganz gemeiner Dialog durch Sinn Natur und 
Gefühl veredelt werden könne." 

Bald darauf begeisterte sie als Emmeline duröh ihre classi- 
sche Darstellung sowohl ihre Umgebung wie die von der 
Wahrheit des Ausdrucks ergriffenen Zuhörer, und Kannes 
Musikzeitung schreibt: 

„Ihr Spiel war meisterhaft, idealisch kann man es nennen, 
voll Innigkeit Natur und Wahrheit, das Publicum liebt sie schon." 

Nun folgte jene Agathe, die Weber selbst nach jener 
Benefizvorstellung am 7. März 1822 die „erste Agathe der 
Welt" genannt. Sie habe alles übertreffen, was er in die 
Bolle hineingelegt zu haben glaubte, sagte er. Mit diesen 
Bollen zeigte sie sich darauf auch draussen „im Reich 44 , 
und dass selbst bis ins kleinste der Erscheinung dieser 
„singenden Schauspielerin" die deutliche Vorstellung des 
darzustellenden Bildes waltete, entzückte auch hier alle 
Welt über die Massen. 

„Die Bewunderung pflegte in gewissen Momenten solcher 
wahren Darstellung der Sache einen solchen Grad der Ekstase zu 
erreichen, dass der Capellmeister für eine Weile den Tactstock 
niederlegen musste, damit das Publicum sich erst an der himm- 
lischen Gestalt satt sehen und sein Entzücken ausjauchzen konnte/' 



344 

so schreibt der Eine, und der Andere, E. Genast, sagt: 

„Sie entzündete schon damals der hohe dramatische Funken» 
der in späteren Jahren zur Feuersäule heranwachsen sollte, den 
Weg beleuchtend, den die Jünger ihrer Kunst zu gehen hatten.'* 

Nach dem vollen Gewicht aber spricht die unvergleichlich 
grosse Bedeutung dieser Künstlerin E. Wagner aus, wenn 
er noch im Jahre 1851 von sich selbst gesteht: 

„Die entfernteste Berührung mit dieser ausserordentlichen Frau 
traf mich elektrisch : noch lange Zeit selbst bis auf den heutigen 
Tag, sah horte und fühlte ich sie, wenn mich der Drang zu 
künstlerischem Gestalten belebte." 146 

Solche Kraft der künstlerischen Intuition, die bald 
sogar den schattenartigen „Bomeo" Bellinis zu einer tra- 
gischen Gestalt umzuschauen vermochte, war es nun auch, 
was sie selbst in Beethovens edler Leonore jenes wirklich 
Lebensartige ahnen liess, dass diese Gestalt hoch über alle 
übrigen blossen Opernwesen erhebt und in einem ent- 
scheidenden Momente sogar direct mit dem Götterspiel des 
Dramas in Berührung bringt. Die 17jährige noch „recht 
schwächlich aussehende" Erscheinung, wie Weber am 
19. Febr. 1822 von ihr schreibt, mochte sich nach einer 
Erprobung ihrer Kraft wie in der Agathe auch schon 
wirklich grossen Aufgaben gewachsen wähnen: sie wählte 
diesmal den Fidelio zum Benefiz, und die Administration 
lud also in diesem Herbst 1822 unsern Meister zur per- 
sönlichen Leitung seines Werkes ein. 

Zunächst berichtet nun Schindler die einleitenden Vor- 
gänge und Eindrücke dieses Kunstereignisses, deren aller- 
dings Beethoven diesem seinem Schmerzenskinde gegenüber 
von neuem genug und in schmerzlichster Weise zu er- 



■^ »wv 



_ 345 

fahren hatte, und zwar diesmal vor allem durch das trau- 
rige Gehörleiden. 

Es war vorerst im Kreis der Freunde Umfrage ge- 
halten worden, ob die Leitung unter Beistand des von 
Beethoven geschätzten Capellmeisters Um lau ff zu wagen 
sei Alles rieth ab, und man bat in Erinnerung an die 
Erfahrungen vom 17. Januar 1819 (o. S. 174) und soeben 
im Josephstädter Theater dringend dem so begreiflichen 
Wunsche diesmal zu widerstehen. Allein erzählt nicht 
Schindler selbst aus diesen Tagen, dass Beethoven in der 
Restauration neben diesem Theater die Stücke der grossen 
Spieluhr recht wohl vernommen, ja stets in ihrer Nähe 
Platz genommen und sich recht oft Cherubinis Medea- 
ouvertüre habe vorspielen lassen? Das Terzett aus Pidelio 
wollte er wegen des etwas zu langsamen Tempos nicht 
hören und vermochte überhaupt beim ersten Tacte jedes 
Stück zu erkennen und weiter zu verfolgen. Und wenn 
es auch nur das linke Ohr war, das seine Dienste einiger- 
massen that, es war doch noch wirkliches Vernehmen 
möglich, und jetzt bei seinem Fidelio, bei einer Oper, dem 
allereindringlichsten für die Menge sollte nicht er selbst 
der Ausführung vorstehen und zumal in diesen Tagen der 
wälschen Triumphe für entsprechenden Schritt und Ton 
des Ganzen sorgen? „Er haucht sein geniales Feuer in 
jede Stelle welche damit geschaffen wurde", hatte es in 
Eannes Blatt über Webers Freischützdirection geheissen 
und ebenso von Beethovens Leitung in der Josephstadt: 
sie sei für das Ganze der Aufführung sehr anziehend ge- 
wesen. Nach mehrtägigem Schwanken also entschied man 



346 

sich auch diesmal für persönliche Directum und bereitete 
sich damit einen empfindlicheren Schmerz als je zuvor. 

Schindler begleitete auf sein Verlangen den Meister 
zur Hauptprobe. Die Fidelio- Ouvertüre (von 1814) ging 
vortrefflich, das altgeübte Orchester, noch so kurz vorher 
von Webers sichrer Hand fest zusammengefasst, bewegte sich 
trotz mancher unsicheren Tempoangabe durch seinen dies- 
maligen Oberleiter in geschlossenen Gliedern. Allein schon, 
im ersten Duett zeigte sich, dass Beethoven von den Sän- 
gern nichts vernahm. Das Orchester ging mit ihm, die 
Singenden drängten vorwärts, und bei der Stelle wo das 
Pochen am Thore eintritt, war alles auseinander. Umlauff 
gebot Halt, dem Meister den Grund nicht angebend. Nach 
einigem Hin- und Herreden mit denen da oben auf der 
Bühne hiess es „Da capo". Allein wie vorher war die 
Uneinigkeit sogleich wieder da und bei der Pochstelle 
abermals alles auseinander. Wiederum Einhalt. Die Un- 
möglichkeit mit dem Schöpfer des Werkes weiterzugehen 
war evident. Wie, in welcher Weise aber es ihm zu er- 
kennen zu geben? sagt Schindler und fahrt dann fort: 

„Weder der Administrator Duport noch Umlauff wollten das 
betrübende Wort aussprechen: Es geht nicht, entferne dich da 
unglücklicher Mann! Beethoven auf seinem Sitze bereits anruhig 
geworden wendete sich bald nach rechts bald nach links die Ge- 
sichter erforschend, was es denn für ein Hinderniss gebe. Dampfes 
Schweigen überall. Da rief er nach mir. In seine Nähe an das 
Orchester getreten reichte er mir sein Taschenbuch hin mit der 
Deutung aufzuschreiben was es gebe. Ich schrieb eiligst ungefähr 
die Worte: Ich bitte nicht weiter fortzufahren, zu Hause das 
Weitere! — Im Nu sprang er in das Parterre hinüber und sagte 
blos: Geschwinde hinaus ! — Unaufhaltsam lief er seiner Wohnung 






347 






zu, Pfarrgasse Vorstadt Laimgrube. Eingetreten warf er sich auf 
das Sopha, bedeckte mit beiden Händen das Gesicht und verblieb 
in dieser Lage bis wir uns an den Tisch setzten. Aber auch 
während des Mahls war kein Laut aus seinem Munde zu ver- 
nehmen, die ganze Gestalt das Bild der tiefsten Schwermuth und 
Niedergeschlagenheit. Als ich mich nach Tische entfernen wollt«, 
äusserte er den Wunsch ihn nicht zu verlassen bis zur Theater- 
zeit. Im Augenblick der Trennung bat er mich ihn am folgenden 
Tage zu Dr. Smetana seinem damaligen Arzte zu begleiten, der 
auch in Krankheiten des Gehörs sich Kuf erworben." 

Wie tief muss der Eindruck dieser Scene gewesen 
sein, dass ein solcher Mann sie noch mehr als 20 Jahre 
später so nachzufühlen und so unmittelbar ergreifend zu 
erzählen vermag! Er fugt aber auch hinzu: 

„Dieser Novembertag hatte in der langen Reihe der Erleb- 
nisse mit dem gewaltigen Manne nicht seines gleichen. Was auch 
ungünstige Verhältnisse und Umstände Unangenehmes Widerwär- 
tiges Geist und Gemüth Störendes gebracht, ich sah den Meister 
bisher nur momentan verstimmt, wohl auch zuweilen niedergebeugt. 
Alsbald konnte man ihn wieder ermannt, den Kopf stolz erhoben» 
nach gewohnter Weise fest und stramm einhersohreiten und in 
der Werkstätte seines Genius rüstig walten sehen als wäre nichts 
vorgefallen. Von der Einwirkung dieses Schlages aber hat er sich 
nie mehr ganz erholt." 

Und doch war das grösste alles dessen, was er von Er- 
schauung unserer Existenz in sich barg, noch nicht ge- 
schaffen. Wie tief innen also muss er sich zu diesem 
seinem Schaffen „aufgelegt gefühlt" haben, dass er so alles 
Hinderniss der Natur stets wieder überwand und an „der 
Gottheit lebendigem Kleid" ruhig weiter weben half. 146 

Dieser Novembertag aber hat neben seinem schmerz- 
lichen Erlebniss für Beethoven, doppelt schmerzlich, weil er 
jetzt darauf verzichten musste auch seinerseits seinem Werke 



348 

„sein geniales Feuer einzuhauchen", auch eine andere und 
erfreulichere Seite. Folgen wir dabei der etwas phan- 
tastisch-novellistisch aufgeputzten aber doch im Kern immer 
eigenen Erzählung der grossen Künstlerin, die an diesem 
9. November 1822 den Fidelio „mit überströmendem Ge- 
fühle" zum ersten Male sang und noch fast ein Menschen- 
alter später sich jedes Details dieses Moments zu erinnern 
wusste, wo sie die Bolle der Leonore schuf und zugleich 
ihre eigene unerreichte Künstlerschaft für inimer begrün- 
dete. 

Beethoven habe sich zuerst sehr unzufrieden geäussert, 
diese erhabene Gestalt „einem solchen Kinde" anvertraut 
zu sehen, beginnt die Erzählerin; allein Sophie Schröder 
selbst habe ihr die Partie so gut wie möglich einstudirt. 
In der Generalprobe sei es das erste Mal gewesen, dass 
sie Beethoven sah: 

„Ihr wurde bang ums Herz als sie den Meister, dessen Ohr 
• schon damals allen irdischen Tönen verschlossen war, heftig gesti- 
culirend' mit wirrem Haar, verstörten Mienen und unheimlich 
leuchtenden Augen dastehen sah; sollte piano gespielt werden, so 
kroch er fast unter das Notenpult, beim forte sprang er auf und 
9tiess die seltsamsten Töne aus." 

Die Verwirrung bei Orchester und Sängern trieb ihn dann 
jählings fort, sodass er selbst also die Schröder erst in der 
wirklichen Aufführung sah. Davon nun erzählt sie: 

„So sass er denn am Abend der Aufführung im Orchester 
hinter dem Capellmeister und hatte sich so tief in seinen Mantel 
gehüllt, dass nur die glühenden Augen daraus hervorleuchteten. 
Wilhelmine fürchtete sich vor diesen Augen, es war ihr unaus- 
sprechlich bang zu Muthe. Aber kaum hatte sie die ersten Worte 
gesprochen, als sie sich von wunderbarer Kraft durchströmt fühlte. 
Beethoven, das ganze Publicum verschwand vor ihren Blicken, — 



349 

alles Zusammengetragene Einstudirte fiel von ihr ab, sie selbst 
war Leonore, sie durchlebte, durchlitt Scene auf Soene. — Bis 
zum Auftritt im Kerker blieb sie von dieser Illusion erfüllt, — 
aber hier erlahmte ihre Kraft. Die Grösse ihrer Aufgabe, die sie 
erst diesen Abend während des Spiels erkannt hatte, stieg riesen- 
haft vor ihr auf. Sie wusste jetzt, dass ihre Mittel für das was 
sie im nächsten Momente darstellen sollte, nicht ausreichten. Die 
steigende Angst drückte sich in ihrer Haltung, ihren Mienen, ihren 
Bewegungen aus, — aber das alles war der Situation so ganz an- 
gemessen, dass es auf das Publicum die erschütterndste Wirkung 
übte. Ueber der Versammlung lag jene athemlose Stille, die ebenso 
mächtig auf die darstellenden Künstler wirkt wie laute Beifalls- 
zeichen. 

Leonore rafft sich auf, sie wirft sich zwischen den Gatten 
und den Dolch des Mörders. Der gefürchtete Augenblick ist da, 
— die Instrumente schweigen, aber der Muth der Verzweiflung ist 
über sie gekommen: hell und rein, mehr schreiend als singend 
stösst sie das herzzerreissende Tödt' erst sein Weib! hervor. 
Noch einmal will Pizarro sie zurückschleudern, da reiset sie das 
Terzerol aus dem Busen und hält es dem Mörder entgegen. Er 
weicht zurück, — sie bleibt unbeweglich mit blitzenden Augen in 
ihrer drohenden Stellung. Aber jetzt erschallen die Trompeten, 
die das Ende ihrer Qual, die Ankunft ihres Betters verkündigen, 
und nun weicht die Spannung, die sie so lange aufrecht erhielt. 
Kaum vermochte sie noch mit vorgestrecktem Terzerol den Ver- 
brecher dem Ausgange zuzutreiben, da entsank ihr die Waffe, — 
sie war todesmatt von der ungeheuren Anstrengung, ihre Kniee 
wankten, sie lehnte sich zurück, ihre Hände griffen krampfhaft 
nach dem Haupte und unwillkürlich entrang sich ihrer Brust jener 
berühmte musikalische Schrei, den spätere Darsteller des Fidelio 
aufs unglücklichste nachgeahmt haben." 

Wir gönnten dieser Erinnerung gern ihren Baum. 
War es doch Beethoven selbst, der hier die edelste Ver- 
wirklichung seines schönen Gebildes nicht blos sah, son- 
dern wenigstens jenes entscheidende „Tödt* erst sein Weib!" 
und den überwältigenden Aufschrei am Ende der Angst 



350 

und Leiden wirklich noch hörte. „Die Scene mit dem 
Pistol macht sie göttlich", steht in den Conversationen 
vom Sommer 1823, und Beethoven scheint nicht wider- 
sprochen zu haben. Er vernahm auch, als nun Leonore 
mit dem halt) weinend halb jubelnd hervorgestossenen 
„Nichts, nichts, nichts!" in die Arme ihres Gatten sank, 
den nicht enden wollenden Beifallssturm, als so „der Zau- 
berbann der angstvollen Theilnahme von allen Herzen fiel", 
und erkannte an dieser Erregung der Menge, dass man doch 
„nicht ganz vergebens gelebt" und hoffen konnte, noch 
wenigstens „einigen Einfluss auf seine Zeit" zu gewinnen. 
Zur Leonore selbst aber sei er sogleich nach der Vorstel- 
lung hingegangen und habe ihr freundlich zulächelnd auf 
die Wange geklopft, auch versprochen eine neue Oper 
für sie zu schreiben, erzählt ebenfitlls noch die Künstlerin 
und fugt hinzu, unter allen Huldigungen die ihr zu Theil 
geworden, seien die Worte der Anerkennung, die ihr Beet- 
hoven gesagt, ihr die liebste Erinnerung geblieben. Sie sah 
ihn niemals wieder und hat uns auch jene Worte nicht 
überliefert. Beethoven aber, dessen Opernzusage für uns 
hier Grund und Anlass genug hat, zog sich aufs neue in 
seine Einsamkeit zurück. Hatte er doch wieder einpial 
seiner Zeit und Umgebung persönlich ins Auge geblickt und 
ihren lebendigen Herzschlag vernommen! Um so freudiger 
konnte jetzt an neue grosse Aufgaben gegangen und alles 
Hemmniss überwunden werden. Und wir werden in 
diesem Winter 1822/23 den Fegasus gar sehr im Joch 
eines geschäftlichen und künstlerischen Bunterlei seltener 
Art sehen. Der Genius des Lebens, der ihn soeben wieder 



351 

fühlbar umschwebt hatte, wusste ihm auch aufs neue die 
Pittige zu lösen und bald den alten Schwung und vollen 
Glanz seines Schaffens wiederzugeben. Der Vortrag all dieser 
kleinern und grössern Thatsachen wird uns auch hier von 
selbst auf solchen mannigfachen Zusammenhang seines Le- 
bens und Schaffens führen. 147 

Das Nächste nach diesem so trüb beginnenden und so 
glorreich endenden Novembertag 1822 war, möglichst Lin- 
derung des Gehörleidens zu suchen, das sich so schmerz- 
lich störend für sein künstlerisches Wollen erwiesen. Dr. 
Smetana verschrieb Medicamente, wohl mehr um den um 
Linderung Flehenden mit etwas zu beschäftigen, als dass 
er selbst Wirkung davon erwartet und überhaupt an die 
Möglichkeit der Besserung geglaubt hätte, berichtet Schind- 
ler. Auch kannte er wie es dieser höchst ungeduldige und 
zerstreute Patient zu halten pflegte, welcher Theelöffel in Ess- 
löffel corrigirt und so wenn er ja ans Einnehmen denkt, 
das Fläschchen in wenig Stunden leert So geht es dann 
einige Tage fort ohne dem Arzte Kunde zu geben, falls 
nicht dieser selbst anfragt, und natürlich steht es dann in 
der Kegel schlimmer als vorher, da die Gewohnheit des 
reichlichen Wassertrinkens auch die leiseste Hoflhung einer 
heilsamen Wirkung aufhebt. Zugleich aber erinnert man 
sich des Pater Weiss bei St. Stephan (ob. IL 93), der dann 
auch in Begleitung Schindlers sogleich aufgesucht wird. 
„Rührend war die von dem würdigen Manne ihm bewie- 
sene Theilnahme und obgleich nichts versprechend, so fühlte 
sich Beethoven dennoch so wohlthuend dadurch gestärkt, 



362 

dass er selber Hoffnungen auf einigen guten Erfolg gesetzt 
hatte/' erzählt wieder der Letztre. Es wurden zunächst blos 
Oeleinspritzungen angewandt, was Beethoven wohlgefällig 
aufnahm. Allein man durfte blos in der Wohnung consul- 
tiren und Beethoven sollte also täglich selbst hinkommen. 
Natürlich schon nach wenig Tagen blieb er aus, und selbst 
schriftliche Mahnung, weil wenigstens das linke Ohr noch 
zu bessern sei, half nichts. Nicht blos die Plage solchen 
Zwanges, der joden Fortgang und Zusammenhang des eige- 
nen Thuns und Denkens aufhob, — auch die stete Sorge 
um das tägliche Brod machte solche tägliche Wanderung 
ins Priesterhaus unausführbar. Doch versichert Schindler, 
dass der Kampf um dieses sein Leben mit so bittern Ent- 
sagungen erfüllende physische Leiden von jetzt an aufge- 
hört habe: 

„Fürderhin ward keinerlei Versuch mehr angestellt; nach dem 
Beispiele manches Weisen in der Vorzeit hatte sich der Meister 
in sein hartes Geschick gefügt, ohne je wieder Klagelante verneh- 
men zu lassen," 

so sagt er, und es bestätigt sich dies aus den Conversa- 
tionen von 1823, wo einmal in einem Gespräch mit einem 
Leidensgefährten von Beethovens Hand steht: 

„Ein trauriges Uebel, die Aerzte wissen wenig', und man er- 
müdet, besonders wenn man sich immer beschäftigen muas." 1 * 8 

Dass aber die „Arbeit am Schreibtisch" in der That 
drängend, ja drängender fast als je zuvor war, sagt uns 

* 

sowohl das Allerlei von Composiüonen das zunächst vor- 
liegt wie die geschäftliche Manipulation, in welche jetzt 
eingetreten wird. Vor allem galt es den „bösen Steiner* 4 
zu befriedigen, der durch die Unterhandlungen mit fremden 



353 

Verlegern sehr erbost war und „alle Wege aufsuchte alles 
Interesse von ihm mit andern Menschen 44 zu verhindern, 
sodass Feters sogar vor „falschen Nachrichten 44 gewarnt 
werden muss. — Zu diesem Zweck wird also am 6. Oct. 
1822 das „beste Brüderl, Besitzer aller Donauinseln um 
Krems, Director der gesammten österreichischen Pharmacie 44 
eingeladen, jetzt sogleich nach der Aufführung der „Ruinen 
von Athen 44 , dessen Marsch und Chor mit vermehrtem ge- 
sungenem Text soeben von jener Verlagshandlung „promp- 
tement 44 angekündigt war, den ersten und letzten Versuch 
zu machen, sie nach ihrem eigenen Preisverzeichniss mit 
diesem Werke und dem ebenfalls noch ungedruckten „König 
Stephan 44 ein für allemal abzufinden. Doch muss Steiner 
Schwierigkeiten gemacht haben. Denn in der gleichen 
Herbstzeit 1822 heisst es gegen Diabelli: 

„Ich bitte Sie sich nur ein paar Tage zu gedulden wo ich 
wieder selbst zu Ihnen komme, indem ich Ihnen vorschlagen werde, 
ob Sie nicht auch die zu der Ouvertüre [Op. 124] gehörigen 
Gesangsstücke nehmen wellen. Ueber die Variationen [Op. 120] 
welche Sie wie auch die 4händigen Sonaten ganz gewiss von 
mir erhalten wie auch das Quintett für Flöte bringe ich 
Ihnen montags alles aufgeschrieben." 

Noch genauer aber erfahren wir, welche von all den be- 
stellten Werken zuerst in Angriff genommen werden soll- 
ten, aus einem weiteren Zettel an Diabelli, bei dem jedoch 
vorerst zu erinnern ist, dass die schlechte Wohnung in der 
Pfarrgasse Vorstadt Laimgrube dennoch bezogen worden war 
und dass der „Gratulationsmenuet 44 zur Feier von 
Hensler's Namenstage am 3. Nov. (Karl) d. J. componirt 
und auch abends aufgeführt wurde. „Geduld ! noch bin ich 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 23 



354 

nicht menschlich, viel weniger wie es sich für mich schickt 
' und nothwendig ist bewohnt", beginnt er von dieser Woh- 
nung, von der er schon im Sommer geklagt: „die Zimmer 
gehn in den Garten, nun ist aber Gartenluft gerade die 
unvorteilhafteste für mich, alsdann ist der Eingang durch 
die Küche zu mir, welches sehr unangenehm und unzu- 
träglich;" — ja in einem Briefe an Schindler, der diesen 
ganzen Winter die „abscheuliche Wohnung 44 mit ihm theilte, 
heisst es (2. Juli 1823), dass sie ohne Ofenkamin, mit dem 
elendesten Hauptkamin und daher voll Bauch gewesen sei. 
Darauf bietet er Diabelli ausser der Ouvertüre noch „die 
7 ^Nummern aus der Weihe des Hauses an upd als 
Zugabe einen Gratulationsmenuet für ganzes Orchester/' 
„Ich hoffe bis Ende künftiger Woche an Ihre Variationen 
zu kommen 44 , schliesst er. Fertig aber wurden zunächst 
nach jener eigenhändigen Notiz auf dem Manuscript „1822 
im Dez." Weisse's „Kuss" und die ersten 6 der „XII Ba- 
gatellen Op. 119". Die Kleinigkeiten waren eben nach 
Möglichkeit abzuthun, denn es galt zu den grossen Ar- 
beiten zu gelangen, zu denen nach diesem zwiefachen 
glanzvollen Wiedererscheinen vor dem Publicum auch von 
aussenher kräftige Anregung kam. Und zwar muss zunächst 
an die Ausarbeitung der neuen Messe gedacht worden 
sein. 149 

Des grossen Meisters unwürdige äussere Lage, auf die 
das Auge der Freunde jetzt mit verdoppeltem Antheil ge- 
richtet ward, hatte nämlich nach Schindlers Bericht, den 
die Conversationen dieser Zeit bestätigen, den Grafen 
Lichnowsky doppelt zu dem Bemühen angefeuert, ihn 



T*- 



355 

in eine bessere Situation namentlich durch Annäherung an 
den kaiserlichen Hof zu bringen- Dazu schien sich jetzt 
auch ein „richtiger Modus" zu finden, da am 18. Nov. 1822 
der k. k. Hofcompositeur A. Tayber, einst Beethovens 
Vorgänger beim« Erzherzog Rudolph (s. o. IL 506), gestor- 
ben war. Beethoven hatte sich denn auch auf Lichnowskys 
Andringen sogleich beim Hofmusikgrafen Dietrichstein, 
einem wohlwollend verständigen Manne, um die Stelle be- 
worben und dabei sich erboten für Kaiser Franz, der Kir- 
chenmusik und namentlich Fugen „gehörig durchgeführt 
und nicht zu lang" liebte, eine Messe zu schreiben. Dazu 
war von ihm „horribile dictu" eine Partitur des seligen 
Reutter, dem Lehrer J. Haydns erbeten worden, weil 
,,S. M. der Kaiser diesen Styl liebte". Mit um so besserem 
Grund konnte er am 22. Nov. 1822 an Peters in Betreff 
seiner früheren Zusage der Missa solennis schreiben: er 
habe eine schon längst ganz vollendet, eine andere aber 
noch |nicht. Ja der Wiener Referent der A. M. Z. weiss 
schon im Dez. 1822, Beethoven habe nun auch seine zweite 
grosse Mjesse vollendet und werde sie kommende Fasten- 
zeit in einem Conzerte aufführen! Im Anfang des nächsten 
Jahres aber entwirft er selbst in den Conversationen einen 
Brief an Simrock und einen an Breitkopf & Härtel: 

„Ich schreibe noch 2 andere — ich habe derweilen bald eine 
andere vollendet — 3 Messen werden geschrieben." — „Die Ur- 
sache warum ich so lange zurückhielt, war dass ich nicht wusste, 
welche Messe ich Ihnen geben sollte — diese ist für den Kaiser/* 

Allein bald erfuhr er durch Lichnowsky, dass Taybers Stelle 
nicht wieder besetzt werde, und der Eath des gräflichen 
Freundes, die Messe trotzdem zu schreiben, es gehe dann 

23* 



356 

der Entschluss des Kaisers vielleicht zurück, vermochte 
nichts über ihn. Die ferneren Messenprojecte blieben eben 
Absicht, es standen drängendere Arbeiten bevor, N die zu- 
gleich ein sichereres Ziel boten. 160 

„Gedrängt von allen Seiten musste ich beinahe das 
Gegentheil von dem »der Geist wiegt nichts« bezeugen/ 6 
heisst es in dem letzten Briefe an Feters, und am 20. Dez. 
wird demselben die Absendung der Lieder und Märsche 
für „künftige Woche" angezeigt Dabei ist von „gerade 6" 
Bagatellen Rede und dass Diabelli nichts von ihm erhal- 
ten habe. Es sei unmöglich allen diesen Anträgen — auch 
Leidesdorf hatte die „Lieder der Modezeitung 44 (s. ob. 
S. 124 und 181) und anderes gewünscht — sogleich Gehör 
zu geben, es seien ihrer zu viele, mancher sei nicht zu 
versagen: Diabelli sei ein Tonkünstler und was ihm 7 werde, 
sei mehr als Unterstützung von seiner Seite zu betrachten, 
ebenso sei es mit Leidesdorf. Doch wissen wir, dass Er- 
sterem wenigstens einiges zugesagt war, und bei Letzterem 
erschienen 1824 wirklich 11 der Bagatellen Op. 119, ohne 
Zweifel auch ein von Beethoven, der ihn doch nicht verhindern 
konnte, selbst durchgesehener Nachdruck des an Schlesinger 
in Paris verkauften Werkes. Er schliesst den Brief: 

„Nicht immer ist das dem Wunsche des Autors gemäss was 
man fordert. Wäre mein Gehalt nicht gänzlich ohne Gehalt, 
ich schriebe nichts mehr als grosse Symphonien, Kirchenmusik 
und Quartetten." 

Und diese letztere Mittheilung bringt uns zu einem neuen 
kleinen Ereigniss, dessen Einwirkung wir die Existenz der 
Letzten Quartette und zum Theil auch der Neunten 
Symphonie verdanken. Denn die dabei bewiesene künst- 



357 

lerische Äntheilnahme und materielle Generosität waren 
es, was unserm Meister in dieser Zeit wesentlich mit zu 
frischem Arbeitsmuth und wirklicher Arbeit verhalt 161 

Es liegt uns das Original eines Briefes vom 28. Oct 1822 
(nach dem Poststempel) vor, der in der Einfachheit seiner 
Ausdrucksweise zu sehr ein Erfulltsein von der Sache selbst 
ausspricht, als dass er hier nicht nach seiner ganzen Aus- 
dehnung Platz finden sollte. Die Anrede ist abgerissen 
und so heisst es weiter: 

...... que grsnd admirateur de votre talent, je prens la libertä 

de-vous e!crire pour voue demander, si vous ne conaentirez pa* a 
compoeer un, deux ou trois nouveaux Quatuora, dont je me ferai 
un plaisir de voua payer la peine ce que rous jugerez h propos 
de marquer, Yeuillez me faire savoir a quel banquier je dois 
adreeser la gomme que voua voulez avoir. — L'instrument que je 
cultive est le Violoncello. J'attend votre re*ponse avec la plus vive 
impatience. Yeuillez m'adresaer votre lettre ä l'adresse suivante: 
Au Prince Nicolas de Galitzin ä St. Petersbourg aux soins de Mrs» 
Stieglitz et Cie banquier. — Je vous prie d'agreer Taasurance de 
ma grande admiration et de ma coneideration distingue*e 

Prince Nicolas Galitzin." 

Das waren Worte der Grosssinnigkelt und echter Kunst- 
liebe. Volle Freiheit im Schaffen gewährt und die Mittel 
uneingeschränkt dazu dargeboten! „Er lebt nur für Ihn 
und in Ihm, er hat 60,000 Duc. Einkünfte", schreibt der 
im Anfang 1823 von ßussland zurückgekehrte Schuppan- 
zigh auf, mit dem Beethoven per „er/ 4 zu verkehren pflegte. 
Ebenso lauten die nächsten Briefe: über den schlechten Ge- 
schmack in Europa und über die italienische Charlatanerie 
sei er aufgebracht, nur Beethovens Werke blieben unsterb- 
lich, er solle aber nur zur Zeit seiner Inspiration schreiben 
und auf das Bankhaus Summen ziehen so gross er wolle etc. 



358 

— +• . 

% 

Da begreifen wir, dass am 1. Juli 1823 gegen den Erz- 
herzog dieser Fürst „mein Freund" genannt wird. Die 
Bestellung war legal verpflichtend, die Arbeit bei künst- 
lerisch völlig zureichenden Mitteln die freieste und mindest 
anstrengende von der Welt: man versteht, dass Beethoven 
oder doch Bruder Johann dieses Schreiben festhielt, und so 
ist es auch auf uns gekommen. 182 

Zu gleicher Zeit aber d. h. gegen Ende November 
1822 musste mit Kies' Brief vom 15. des gleichen Monats 
die Zusage der Philharmonischen Gesellschaft für eine neue 
Symphonie 100 Guineen zu geben in Wien eingetroffen 
sein. Am 20. Dez. schreibt also „überhäuft beschäftigt" Beet- 
hoven an Ries, mit Vergnügen nehme er den Antrag an. 
Wenn auch das Honorar von -Engländern nicht im Yer- 
hältniss mit den übrigen Nationen könne gebracht werden, 
«o werde er doch sogar umsonst für die „ersten Künstler 
Europas" schreiben, — wäre er nicht noch immef der 
arme Beethoven! Dabei heisst es sehr bemerkenswert!!: 

„Wäre ich nur in London, was wollte ich für die philharmo- 
nische Gesellschaft alles schreiben! Denn Beethoven kann 
schreiben, Gott sei Dank — sonst freilich nichts in der Welt« 
Gibt mir nur Gott Gesundheit wieder, welche sich wenigstens ge- 
bessert hat, so kann ich allen den Anträgen von aUen Orten Euro- 
pas, ja sogar aus Nordamerika Genüge leisten und ich könnte 
noch auf einen grünen Zweig kommen/' 

Zu der bitteren Ironie der letzten Worte aber liefert uns 
eine erwünschte Illustration die Notiz der A. M. Z. vom 
Januar 1823, wonach sogar die „Prachtabschrift" seiner 
Werke — nach London kommen sollte. Dabei ruft der 
gute Deutsche in nur zu berechtigter Weise aus: 



859 

„Glückliches Albion ! Wenn Beethovens Universalität erst von 
unsern Nachkommen in ihrer ganzen Ausdehnung gewürdigt wer- 
den wird, muss man zu dir hinüberschiffen, um die zahlreichen 
Schöpfungsgebilde des erhabenen Meisters in einer kalligraphischen 
Abschrift anzustaunen! Doch Du bist es werth, das Herrlichste 
Dein zu nennen, Du verstehst es das wahre Verdienst zu adeln, 
— ruht nicht Händel an der Seite deiner Könige?" 

Für solche Verehrer schien es der Mühe werth ein Werk 
wie die Neunte Symphonie auszuführen. Dass sie schon 
ursprünglich für die Engländer bestimmt gewesen, war längst 
vergessen- Obendrein also hatte Boston ein Oratorium „zu 
jedem Preise" bestellt, Breitkopf & Härtel die Oper und 
die „Musik zum Faust", Diabelli sollte das Flötenquintett 
und vierhändige Sonaten haben, und „der Sieg des Kreuzes" 
stand ebenfalls nahe bevor. Dazu jetzt die „Quartette 
für Bussland"! — Wahrlich man muss um jeden Preis 
endlich „auf einen grünen Zweig zu kommen" trachten, 
und wenn dazu jetzt die verzweifeltsten Anstrengungen ge- 
macht werden, wobei ihn eben Bruder Johann so sehr „in die 
Kothgasse brachte", dass er schliesslich ausruft: „Was ich 
bisher gelitten ist unglaublich", so war doch davon wenig- 
stens dies das Ergebniss, dass er zur endlichen Ausarbeitung 
der Neunten Symphonie gelangen und so dem eigenen 
Schaffen die Krone aufsetzen konnte. Denn „wie der Sterne 
Heer um die Sonne sich stellt* 4 , stehen um dieses Werk 
Beethovens übrige Schöpfungen, und nur ganz zuletzt um- 
gibt sie noch gleich strahlend das Fünfgestirn der 
Letzten Quartette, die uns auch den Sinn der „Neunten" 
erst völlig deuten und ihren Glanz und Gehalt zu Genuss 
und klarer Vorstellung bringen. Wir werden aber auch er- 



360 i 

kennen, was von des Lebens Noth in jeder Weise dazu 
gehörte, um in dem Erschaffer des Werks selbst erst das 
Gefühl menschlicher Bedürftigkeit nnd das Sehnen nach 
Licht und Luft eines würdigen Daseins ganz her vorzutreiben, 
und dürfen daher nicht anstehen, auch hier vorerst wieder 
jedes Kleine und Kleinste der äusseren Umstände uns vor- 
zuführen. Wird sich uns doch erst so das eigentümliche 
und doch so echt menschliche Gewebe von Zwang und 
Freiheit aufdecken, das hier gewaltet, und Beethovens Cha- 
rakter und Wollen in dieser letzten Lebensperiode erst 

völlig ins Licht stellen! 168 

* 

Das Nächste also, was unternommen wurde, um sich 
aus der „Situation critique" zu befreien, war der Verkauf 
der Missa solennis an die Höfe und Kunstinstitute im 
Manuscript Man mochte ferner nicht wie dabei laut wird, 
„fixer seulement comme ordinaire ses voeux au ciel, au 
contraire il faut les fixer en bas pour les necessitls de la 
vie u . Wir besitzen Beethovens eigenen Bericht über diese 
„Speculation" in dem Briefe vom 1. Juli 1823, wo dem Erz- 
herzog, dem Protector des Werkes, die „in 14 Tagen" bevorste- 
hende Vollendung der „Sinfonie für England 41 angezeigt wird: 

„In Betreff der Messe, welche E. K. H. gemeinnütziger zu 
werden wünschten, so forderte mein nun schon mehrere Jahre 
kränklich fortdauernder Zustand, um so mehr da ich dadurch in 
starke Schulden gerathen und den Aufibrderungen nach England 
zu kommen ebenfalls meiner schwachen Gesundheit wegen entsagen 
musste, auf ein Mittel zu denken wie ich mir meine Lage etwas 
verbessern könnte. Die Messe schien dazu geeignet. Man gab 
mir den Rath selbe mehreren Höfen anzutragen. So schwer mir 
dieses geworden, so glaubte ich mir doch Vorwürfe bei Unterlassung 



361 

dessen machen zu müssen. Ich machte also mehreren Höfen eine 
Einladung zur Subscription auf diese Messe, setzte das Honorar 
auf 50 Duc, da man glaubte, dass dies nicht zuviel und wenn 
doch mehrere subscribirten, auch nicht ganz uneinträglich sein 
wurde." 

Es sollten aber noch 3 neue Stücke dazu kommen. „So- 
wenig entfernt blos das zn erfüllen was man fordern kann, 
im Gegentheil weit mehr 44 , schreibt er im Sommer 1823 
selbst auf, und in Schindlers Beeth. Nachl. finden sich 
auch ein Offertoriulm und ein Grafduale bereits nach 
der Aussprache bezeichnet vor. Steiner wollte sogar die 
„3 neuen Stücke" mit 2—300 Fl. extra honoriren, aber es 
kam eben etwas Anderes, die „Neunte" dazwischen. Zu* 
gleich berichtet er dem Erzherzog über den Verlauf der 
Subscription, dass sie zwar bisher „ehrenvoll" aber nicht 
sehr einträglich sei, und schliesst: 

„Sohwer war mir dieses Unternehmen, noch schwerer E. K. H. 
darüber zu berichten oder etwas davon merken zu lassen, allein 
Noth kennt kein Gebot h. Es ist nicht Geiz, nicht Specula- 
tionssucht, welche ich immer geflohen; allein die Notwendigkeit 
heischt alles aufbiethen um aus diesem Zustande herauszukommen. 
Geht es mir irgend mit dieser Subscription etwas besser, wofür 
alle Hoffnung da ist, so werde ich durch meine Compositionen mich 
auch noch wieder auf feste Füsse stellen können." 1M 

Wir haben nun hier nur die Hauptpuncte einer Sache 
zu berühren, von der Beethoven selbst am 1. Juni 1823 ärger- 
lich urtheilt: „Kaufleute gehören zu Speculationen, nicht so 
arme Teufel wie ich". Die Herstellung ordentlicher Ab- 
schriften erforderte beträchtliche Ausgaben, und was schlim- 
mer war, Correctur und Correspondenz kosteten viel Zeit 
Doch ist es hier, wo zuerst Schindler, sein damaliger Haus- 
genosse, die Hauptlast auf sich nahm. Es ward also ein 



362 

Übereinstimmeades Schreiben verfasst, dass der Unterzeich- 
nete den Wunsch hege sein neuestes Werk, welches er für 
das gelungenste seiner Geistesproducte halte, eine grosse 
solenne Messe, die auch als grosses Oratorium gebraucht 
werden könne, einzusenden, und ein nachgelassener Ka- 
lender weist nach, dass am 23. Jänner 1823 an die Ge- 
sandten von Baden, Würtemberg, Bayern, Sachsen, am 26. 
„bei den übrigen" , im Februar bei denen nach Weimar, 
Mecklenburg , Hessen - Darmstadt , Berlin , Koppenhagen, 
Hessen -Kassel, Nassau und Toskana solche Einladung er- 
ging. Dazu kam noch Schweden, bei welchem Anlass sich 
Beethoven eben jener Anregung zur „Eroica" im Jahre 
1798 erinnerte (o. IL 111), und von Gesangsinstituten wur- 
den die Berliner „Singakademie" und der Frankfurter 
„Cäcilienverein" eingeladen. 

Wenn es nun auch am 1. Juni 1823 gegen Schindler 
heisst: „Bis hieher ist die ganze Frucht dieser elenden 
Speculation nur mehr Schulden", und wirklich nicht gerade 
viel dabei herausgekommen ist, so ward doch hier zu- 
gleich Anlass zur persönlichen Berührung mit einer Keihe 
grosser oder kleiner Zeitgenossen, die durch ihren Einfluss 
das Unternehmen unterstützen sollten, und Beethovens 
Aeusserungen nach dieser Seite sind uns hier um so rele- 
vanter, als sie in eine Zeit fallen, wo durch die Arbeit 
an der „Neunten" die eigenen Geister besonders lebhaft 
angeregt und hoch gestimmt waren. 

Zunächst am 4. Febr. 1823 ward auf Graf Lichnowskys 
Eath — „es kostet einige Zeilen Mos" steht in den Con- 
versationen, — mit dem Schreiben nach Weimar ein Brief 



363 

an Goethe abgesandt „Allein weder dieser Hof noch 
der Minister beehrten den harrenden Tondichter mit einer 
Erwiderung 44 , berichtet Schindler, was sich einfach daraus 
erklärt, dass die Schreiben nicht angekommen waren. Wenig-' 
stens hat sich ein solches weder im grossherzoglichen noch 
im Archiv des Ministeriums dort gefunden. Sodann schreibt 
er, nachdem bereits ein Brief an den Fürsten Badziwill, 
den Faust-Componisten abgegangen war, am 8. Febr. wegen 
des preussischen Hofes und der Singakademie zugleich an 
„seinen wackern Kunstgenossen 44 Zelter in Berlin: 

„Schon mehrere Jahre immer kränkelnd und daher eben nicht 
in der glänzendsten Lage nahm ich Zuflucht zu diesem Mittel. 
Zwar viel geschrieben — aber erschrieben — beinahe 0! — 
mehr gerichtet meinen Blick nach oben; — aber gezwungen wird 
der Mensch oft um sich und Anderer willen, so muss er sich nach 
unten senken, jedoch auch dieses gehört zur Bestimmung des 
Menschen." 

Zelter antwortet mit warmer Antheilnahme an Beethovens 
Zustande und mit Bewunderung, dass er trotzdem die Welt 
mit einem neuen grossen Werke seiner Meisterhand be- 
reichert habe. Er will sogar, da also das Werk auch bei- 
nahe durch die Stimmen allein ausgeführt werden könne, 
ein Exemplar „auf seine eigene Gefahr 44 erstehen, falls 
Beethoven es für Gesang allein einrichten wolle. Dieser 
war dazu natürlich jetzt nicht in der Lage, dankt aber 
bei Anlass der Empfehlung einer Sängerin Cornega am 
25. März für Zelters Bereitwilligkeit mit den Worten: 
„Von einem Künstler wie Sie mit Ehren sind, würde ich 
nie etwas annehmen. 44165 

Schwieriger war die Sache bei einem berühmten und 



364 

hochgestellten Manne wie Cherubini, der seit kurzem 
Diiiöctor des Pariser Conservatoriums war. Man erkennt 
dabei von neuem die gedrückte Lage der deutschen Kunst 
' im Vergleich mit der ausländischen, namentlich der fran- 
zösischen damals, und es ist wenig erhebend den Brief 
Beethovens an Cherubini zumal in seinem ersten Entwurf 
zu lesen. Kein Zweifel, dass zumal dem herrschenden 
Bossinitaumel gegenüber es Wahrheit ist, wenn Beethoven 
schreibt, dass er für ihn vor allen Zeitgenossen die höchste 
Achtung habe, dass er im Geiste oft genug bei ihm sei, 
indem er seine Werke über alle andere theatralische 
schätze, — dass die Kunstwelt nur bedauern müsse seit 
einiger Zeit kein grosses theatralisches Werk von ihm zu 
besitzen. Jedoch limitirt er andrerseits genau die Schä- 
tzung von Cherubinis Compositionen dadurch, dass er es 
eben einen wahren Verlust für die Kunst nennt, kein neues 
Product seines grossen Geistes „für das Theater 14 zu be- 
sitzen, und präcisirt dadurch die Mittheilung von K. Holz, 
dass er „die Richtung in Cherubinis Bequiem am meisten 
geschätzt habe". Ebenso aufrichtig aber ist sein Wort, er 
sei entzückt so oft er ein neues Werk von Cherubiai ver- 
nehme (v. o. S. 345). Allein im übrigen -ist der übertrieben 
verehrungserfüllte Ton dieses Briefes offenbar nur von dem 
Wunsche eingegeben, des Erfolgs bei Ludwig XVIII. gewiss 
zu sein, und dazu galt es vor allem den etwas eitlen kühlen 
Pranco-Italiener, der wie wir von ob. IL 235 wissen von 
der Eigenart Beethovens wenig Ahnung hatte oder haben 
wollte, „beim Wahne fassen 44 . Er schliesst daher in Schind- 
lers Concept: 



365 

„L'art unit tout le monde, wie viel mehr wahre Künstler, 
et peut-dtre Von« rae dignez aussi de me mettre auch zu rechnen 
unter diese Zahl." 

Doch scheint der Pariser Meister solche gar zu demüthige 
Sprache des grossen deutschen Gollegen nie erfahren zu 
haben. Wenigstens erfolgte keine Antwort, und Cheru- 
bini erklärte 1841 in Paris gegen Schindler, den Brief, 
der durch Haslinger an Schlesinger gesandt worden war, 
nicht erhalten zu haben. Wie sich aber, um so „ehren- 
voller" für Beethoven, Ludwig XVIII. selbst benahm, wer- 
den wir später hören. 156 

Durch die Zeitfolge selbst aber werden wir von diesem 
wenig erfreulichen Verhältniss zu dem hochgestellten Aus- 
länder auf dasjenige gefuhrt, welches ein Meister deut- 
scher Kunst, CM. vonWeber persönlich mit Beethoven 
anknüpfte. Hatte derselbe einst in der virtuos technischen 
Schule, die er mit Meyerbeer bei Abb6 Vogler durch- 
gemacht, nicht geahnt, was hinter jenem „göttlichen riesen- 
haften Ideenschwunge" stecke, und vermochte er lange nicht, 
sich die „einzelnen himmlischen Genieblitze" dieser „feu- 
rigen ja beinahe unglaublichen Erfindungsgabe" zu einem 

Ganzen zu vereinigen, so lautet doch schon 1814 nach der 

• 

gleichen vortrefflichen Prager Aufführung des „Fidelio", 
von der oben (II. 586) Lobkowitz schrieb, sein Ausspruch 
gegen den vertrauten Freund Gänsbacher: 

„Es sind wahrhaft grosse Sachen in der Musik, aber — sie 
verstehens nicht, man möchte des Teufels werden." 

Und jetzt wollte er in seinem Dresden das Werk ebenfalls 
einfuhren. Denn „Leonore"- Schröder war vom 1. April 
1823 dort engagirt, und er, der -den zurückgezogenen Gross- 



366 

i 

meister im vergangenen Frühjahr in Wien nicht aufgesucht, 
wendet sich jetzt sofort an denselben, um von ihm selbst 
das Werk' und wohl auch Andeutungen über dessen Auf-, 
führung zu erhalten. Leider besitzen wir nur ein Stück 
des Concepts dieses Brietes, dessen Ausdrucksweise dem so 
federgewandten Schriftsteller also wohl besonders angelegen 
gewesen sein muss. Aber dasselbe genügt, um uns die 
ganze innere Tüchtigkeit und Selbstbescheidung dieses 
wahrhaft deutschen Künstlers vorzufuhren. Er schreibt: 

„Die Aufführung dieses mächtig für deutsche Grosse und 
Tiefe des Gefühls zeugenden Werkes unter meiner Direction in 
Prag, hat mir die ebenso begeisternde wie belehrende Vertrautheit 
mit seiner innern Wesenheit erschlossen, durch die ich hoffen darf 
es auch hier, mit allen Hülfsmitteln möglichst versehen, dem Pu- 
blicum in seiner vollen Wirksamkeit vorfuhren zu können. Jede 
Vorstellung wird ein Festtag sein, an dem es mir erlaubt ist Ihrem 
erhabenen Geiste die Huldigung darzubringen, die im Innersten 
meines Herzens für Sie lebt und wo Verehrung und Liebe sich 
den Bang streitig machen!" 

„Die Anhänglichkeit von tüchtigen Künstlern ist nicht zu 
verachten und freut einem doch**, schreibt Beethoven 1825 
von blossen Technikern wie Clement, Holz, Linke, und so 
können wir uns seine Antwort vom 16. Febr. auf jenen 
Brief vom 28. Jan. 1823 wie den Tofi seiner Briefe vom 
9. April und 1. Juni, die ebenfalls sämmtlich verloren 
gegangen sind, so ziemlich vorstellen. „Nach der Schilderung 
meines lieben Freundes Maria Weber" lesen wir in einem 
Schreiben Beethovens vom 17. Juli 1823 an den Dresdener 
Generaldirector von Könneritz, als nun im April der Fidelio 
„mit hinreissender Wirkung" in Scene gegangen war und 
ihm selbst obendrein — damals noch ein seltenes Ereigniss, 




367 

— 40 Buk. Honorar eingetragen hatte. Schade nur, dass 
die gleiche treue Künstlerseele, die auch hier offenbar dahin 
gewirkt hatte, dass dem Wiener Collegen sein gerechter 
Antheil an dem materiellen Ertrag seines Werkes werde, 
nicht auch noch jene von dem „göttlichen riesenhaften 
Ideenschwunge" des Meisters erst ganz erfüllte „Sinfonie 
allemand" miterlebte, die jetzt so nahe bevorstand! Allein 
der Antheilnahme der besseren Elemente seiner Zeit und 
Nation durfte ihr Erschaffer sich bewusst sein und konnte 
so nur um so reiner dasjenige in sich walten lassen, was er 
selbst gerade in dieser Zeit (lAJuli 1823 gegen den Erzherzog) 
mit den Worten bezeichnet: „das dem edleren Men- 
schen so sehr wesentliche Bedürfniss, gerade nur 
das was wir wünschen fühlen, darzustellen." 

Wir schliessen damit das Kapitel der Präludien zu 
diesem Werke und gehen zu dessen wirklicher Entstehung 
über, die uns wie einst dem Meister selbst noch gar man- 
ches Unerquickliche zu gemessen geben wird, aber um so 
tiefer die Lebensgründe enthüllt, aus denen gerade dieses 
echteste Erzeugniäs seines Geistes geflossen ist. 157 



Zehntes Kapitel. 
4 „Freude sohöner Götterfunken! 11 

(1823-) 

Es naht die Sphäre von Beethovens grösstem Wirken. 
Auch hier fahren uns die Begebnisse selbst in Stimmung 
und Verfassung des Werkes und seines Erschaffers ein. 
Ja es ist als sollten bei der endlichen Ausführung der 
höchsten Aufgabe seines Lebens auch alle guten und bösen 
Geister desselben von neuem rege werden und ihr Spiel 
mit des ernsten Meisters ernstestem Meinen treiben. 

Zunächst die Grazien selig träumender Jugend oder 
auch hoffnungsreicher späteren Tage umtanzen den vom 
Lebensleid so oft' «umflorten Blick. „Ich fand nur Eine, die 
ich wohl nie besitzen werde," hörten wir ihn selbst 1816 
ausrufen. Zur unausgesetzten gemeinen Noth kommt hef- 
tigster Zorn und Aerger über diese „elenden Schufte von 
Menschenseelen", die dem in sein Schaffen Versunkenen auch 
keinen Tropfen des Lebensbechers schenken mögen, keinen! 

„Wie hätte ich es von meinen geringen Talenten glauben 
können^, dass selbe mich so sehr dem Neide, den Verfolgungen 
und Yerläumdungen aussetzen würden," 



369 

/ - - 

4 

schreibt er selbst am 15. Juli 1823, als er den Erzherzog 
um ein Zeugniss bitten muss, dass die „Missa solennis" 
für ihn geschrieben sei, dass er selbe schon geraume Zeit 
besitze und gnädigst erlaubt habe sie gemeinnützig zu 
machen. Und eine Conversation vom Februar dieses Jahres 
sagt: 

„Wacherer Steiner, das haben Sie erfahren, unmöglich der 
Yerläumdung zu entgehen, förmlicher Betrug." 

Obendrein schliessen ihm Begebnisse in der eigenen näch- 
sten Umgebung den Mund, und zu dem Kummer über den 
unüberwindlichen Kleinsinn des Bruders kommen Beschä- 
mung und Entrüstung über die gänzliche sittliche Ver- 
kommenheit seiner und seiner Umgebung. Es gibt Bilder 
von dunkelster Färbung. Stets sich wiederholendes, ja fast 
unablässiges Kranksein, durch solche moralische Eindrücke 
nur befördert, lassen ihn das eine Mal gar schon sein 
Testament machen und das andre Mal dem geliebten Sohn 
und Universalerben selbst nur zu ahnungsvoll schreiben: 

„Ich fürchte dieser [Grundzustand] zerschneidet bald den Le- 
bensfaden, oder was noch ärger, durchnaget ihn nach und nach! " 

Alles dieses stellt seinen Lebens- und Schaffensmuth auf 
harte Probe und lässt Geduld und Nachsicht weidlich sich 
üben. Die „Menschenliebe 44 bleibt ihm kein leeres Wort, 
und das BedürMss jener „Freude", die aus solch lebendigem 
Born fliesst, kommt ihm nur mehr und mehr zum Bewusstsein. 
Alles will in ihm den ganzen Menschen hervortreiben, aus 
dem wir jetzt mehr als je auch den ganzen Künstler erstehen 
sehen. Mit heroischer Gewalt fasst er das All seiner Kräfte und 
Regungen zusammen, und diesmal erreicht er mit voller 
Sicherheit <lie ganze Höhe der inneren Erhebung. Auch die 

N o h l , Beethovens letzte Jahre. 24 



370 

blossen Thatsachen des Lebens lassen ihn- auf dieser vollen 
Höhe erscheinen: Würde und innre Duldung paaren sich 
zu einem Bilde schönsten echtesten Menschenseins und 
Menschenwollens. Wir gehen zur Darstellung dieses wah- 
ren Lebensprocesses und seiner Eesultate über. 158 

„Capt. von Greth — Temesvar" steht von Beethovens 
Hand in den Conversationen dieses Frühjahrs 1823. Ob 
dies der „k. k. Werbhauptmann 44 war, der begünstigte 
Nebenbuhler der „schönen lebhaften Blondine", der seiner- 
zeit in Bonn „unsern Freund mehrmals durch den Vortrag 
eines damals bekannten Liedes: 

Mich heute noch von Dir zu trennen etc. 

geneckt?" Er starb 1827 als Commandant yon Temesvar. 
Auch die Teplitzer Freundin Amalie Sebald(II378) tritt 
vor die Erinnerung. Denn bei Absendung der Messe für die 
Berliner Singakademie, der sie angehörte, geschieht auch 
des Justizraths Krause mehrfach Erwähnung, und Bruder 
Johann meint, Beethoven möge doch auch die letzten Lieder 
für dieselbe mitschicken. Besonders lebhaft aber musste 
das Bild der Gräfin Giulietta Guicciardi, die im Früh- 
jahr vorher nach Wien zurückgekehrt war, vor ihm erste- 
hen, als er nun um die Jahreswende mit ihrem Gemal 
Graf Gallenberg, der das k. k. Opernarchiv beaufsichtigte, 
wegen Copie des „Fidelio" für Dresden zu verhandeln hatte. 
Bei dieser Gelegenheit schrieb er dann dem Besorger der 
Angelegenheit Schindler, der sich über des Grafen unfreund- 
liches Betragen gewundert hatte, unter anderm selbst auf: 

,j'etois bien aime* (Teile et plus que Jamals son £pous — eil* 
etait moi [avant?] que FEpouse de lui avant de l'Italie." 



371 

Jedoch wie er hinzufügt: „et eile cherche moi pleurant 
mais je la meprisois", nämlich damals, — so verstehen 
wir auch sein jetziges Gefühl sehr gut, wenn er auf Schind- 
lers Zuruf: „Herkules am Scheidewege!" hinschreibt: 

„Wenn ich hätte meine Lebenskraft mit dem Leben so hin- 
geben wollen, was wäre für das edle bessre geblieben?" 

Eine Ehe, selbst mit einem Wesen, das in solcher Jugend 
den Werth Beethovens so tief empfand, dass sie jede Scheu 
und Standesrücksicht überwindend den Künstler selbst auf- 
sucht oder besucht, musste seiner herrschenden Anschauung, 
namentlich jetzt wo „das Edle Bessere" im hehrsten Glänze 
vor ihm stand, allerdings als ein „Hingeben der Lebenskraft" 
erscheinen, — ihm der es nur „in der Ordnung fand seine 
Kunst immer mehr zu lieben als seine Frau!" Hier waren 
also wohl keine alten Wunden aufgerissen. Andrerseits ist 
von dem „Misogyn", als den er sich sogar öffentlich bezeichnet 
- sah (o. S. 282), ebensowenig zu merken. So wie den beiden 
.,hübschen Sängerinnen" in Baden (o. S. 314), hätte es auch 
der „ebenso durch die Eigenschaften des Geistes wie der 
Schönheit ausgezeichneten" Engländerin ergehen sollen, die 
F. Ries bald nach seiner Ankunft; in London geheirathet 
hatte. Er schreibt an denselben in diesem Frühjahr 1823: 

„Alles Schöne an Ihre Frau, bis ich selbst da bin, geben Sie 
Acht, Sie glauben mich alt, ich bin ein junger Alter." 

Und noch neckisch anmuthiger ist der Verkehr mit den 
„beiden Schönen" Henriette Sontag und Karoline Unger, 
die uns demnächst begegnen werden. Man suchte über 
sein Hagestolzenthum hinwegzukommen so gut wie es 
ging, denn auch gegen Neate heisst es am 25. Febr. 1823 

24* 



if 



372 

recht gelassen: „Ich hoffe Sie gemessen jetzt ganz den 
Segen eines Familienlebens." 169 

Ebenso umschweben ihn wie es scheint in Folge der 
neuen grossen Pläne die Genien seiner früheren sympho- 
nischen Schöpfungen lebhafter als je. Der Eroica begeg- 
neten wir schon, die Pastorale wird bald ebenfalls wieder 
erscheinen. Nicht lange darauf setzt er selbst dem Famu- 
lus Schindler seine „Intentionen 1 * bei der Adursympho- 
nie auseinander, und derselbe Gewährsmann erzählt (I. 158) 
von der Cmollsymphonie, ihr Schöpfer selbst habe ihm 
„eines Tages" die derselben „zum Grunde liegende Idee" 
mit den Worten bezeichnet: „So pocht das Schicksal 
an die Pforte." Wahrlich, wenn je, so war in diesem 
Sommer 1823 Anlass vorhanden, sich dieses Werkes und 
der dunklen Tiefen, aus denen es erstanden, lebhaft zu er- 
innern. Schindler gibt kein Jahr an. Allein wir wer- 
den ihn von „manch angenehmer, auch auf seine Schöpfun- 
gen bezugnehmenden" Erinnerung des Meisters gerade in 
diesem Frühjahr 1823 reden hören. 160 

Weiter treten wir in die vielen „Verdrüsslichkeiten 4 - 
mit dem „bösen Steiner" einerseits und dem „Bruder Kain" 
andrerseits. Und zwar verlautet darüber um so mehr als 
theils über das für die Fasten beabsichtigte Gonzert mit 
Messe und Symphonie theils über eine neue Oper man- 
cherlei Unterredung mit Fremd und Freund zu führen ist 
Das letztere müssen wir uns vorerst etwas näher bringen. 

Der Erfolg des Fidelio mit der jungen Schröder, der 
sich stets gleich blieb, — einmal in diesem Frühjahr 1823 
schreibt Schickh darüber auf: „Die Versammlung war im 



378 

grössten Enthusiasmus! Anbeten soll man Sie grosser 
Mann!" — solcher Erfolg eines deutschen Werks auf der- 
selben Bühne, wo doch Moise, Barbiere, Corradino die Mas- 
sen halb närrisch gemacht zu haben schienen, hatte selbst 
dieser ausländischen Administration Muth gemacht eine 
neue deutsche Oper bei unserm Meister zu bestellen, und 
Beethoven wartete nur auf einen passenden Text, um sol- 
chen Wunsch auch zum eigenen Vortheil sogleich zu er- 
füllen. Besonders war wieder Graf Li chnowsky bei einer 
Angelegenheit thätig, die Beethoven und der Kunst zugleich 
galt. „Was für Momente sind in der Johanna d'Arc, ro- 
mantisch und gross, dieses von Kinä bearbeitet," schreibt 
er im Januar 1823 auf, und Bernard, der in kurzem das 
Oratorium vollständig abliefern will, meint: „dann wollen 
wir gleich zu einer Oper schreiten". Weiter ist von Z. 
Werners „Wanda" die Bede, die Beethoven schon seit 1812 
kannte, und Bruder Johann spricht von Sporschill, von 
dem sich auch eine „ernste" Oper „Die Apotheose im Tempel 
des Jupiter Ammon" mit Notizen von Beethovens Hand in 
Schindlers Beeth. Nachl. befindet. Wieder begegnen wir Lich- 
nowsky, der sich also durch den Canon: „Bester Herr Gra£ 
Sie sind ein Schaf, geschrieben am 20. Febr. 1823 im 
Kaffeehaus zur Birne, wo Beethoven damals abends fast täg- 
lich zur Hinterthür hineinspazierte, in seinem Eifer nicht 
beirren liess, mit zwei Notizen vom Februar und März: 

„Ich komme bestimmt zusammen mit Grillparter wegen 
Makbeth oder Romeo und Julia." — „loh werde mich heute unter 
der Hand erkundigen, ob es wahr ist wegen Grillparzer, weil Ihr 
Bruder sagt, es wäre gewiss." 



374 
Ja sogleich dahinter schreibt Schindler auf: 

„Ab ich vorgestern mich bei Ihnen am Glaci* empfahl, be- 
gegnete mir Grillparzer, der mir selbst sagte, daas er Ihnen näch- 
stens sein jüngstes Kind überschicken wird. Er hat nähmlich das 
Mahrchen von Melusine behandelt und spricht mit der grössten 
Bescheidenheit, daea er sich alle Mühe genommen sie Ihrem Genius 
anzupassen." 

In Grillparzers eigenen Mittheilungen über sein Ver- 
hältniss zn dem Meister aber lesen wir, dass Beethoven 
der also nirgend etwas Passendes für sich gefunden und 
seit den Erfahrungen im vergangenen Herbst der österrei- 
chischen Poesie sonst wenig trauen mochte, selbst an 
Dietrichstein sich gewendet um den Dichter von Ahn- 
trau, Sappho, Medea zu einem Opernbuch zu vermögen. 
Die „Geschichte mit dem Pabst" ob. S. 246, seit welcher 
„jeder Lump sich an ihm reiben, ihn anzugreifen und ver- 
lästern zu können glaubte", mochte Beethoven noch beson- 
ders an dem jungen k. k. Concipienten interessiren, und 
bei diesem, der sonst von Beethovens eigentlicher Art, 
vor allem von seiner jetzigen Kunst wenig verstand, über- 
wog der 'Gedanke „einem grossen Manne Gelegenheit zu 
einem für jeden Fall höchst interessanten Werke zu geben' 4 
alle Bücksichten. Er präparirte also nach seinen Vor- 
stellungen von Musik und Oper, die allerdings weit unter 
dem Niveau des wahren Verhalts der Sache standen und 
den Musiker als eine Art Kind behandeln, das mit gege- 
benen Formen spielt und sie wie Klötzchen zusammensetzt, 
den sinnvoll poetischen Stoff so gut wie er konnte und 
sandte ihn an Dietrichstein. Von den persönlichen Zu- 
sammenkünften mit dem Meister werden wir also weiter 



375 

unten hören. Zunächst sind die traurigen Verhältnisse mit 
Bruder Johann und dem „bösen Steiner 11 zu berichten. 161 
Beethoven schreibt im Herbst 1822 an jenen: 

„Wozu dieses Betragen? wozu soll es fahren? Ich habe nichts 
wider dich — ' ich messe dir die Schuld nicht bei was die Woh- 
nung betrifft. Dein Wille war gut und es war ja auch selbst 
mein Wunsch, dass wir näher Zusammensein sollten, das Uebel 
ist nun einmal da, du willst aber von allem nichts wissen, was 
soll man hierzu sagen? — weloh liebloses Betragen, nachdem ich 
in so grosse Verlegenheit gerathen bin. — Ich bitte dich noch 
einmal zu mir diesen Vormittag zu kommen, damit man sich über 
alles Nöthige bespreche. Lass nicht ein Band zerreissen, welches 
nicht anders als erspriesslich für uns Beide sein kann — und 
wess wegen? um nichtswürdiger Ursachen willen!!!" 

Es war um der Wohlfeilheit willen, dass diese „dunkle 
höchstens für einen Schuster passende" Wohnung mit den 
rauchenden Kaminen genommen worden war. Denn Beet- 
hoven hatte es ja nicht „so weit gebracht" wie er, der 
„Gutsbesitzer 4 ', und eben hier geschah denn zu Neujahr 
1823 die Abfertigung durch den „Hirnbesitzer 44 (v. o. S. 29). 
Im Februar aber heisst es in einem Gespräch mit Schindler: 

„Ich habe meinem Bruder Kain schon seine 20^ Fl. gegeben 
heute" (v. o. S. 293). 

Dagegen hatte derselbe auch wieder die Ouvertüre Op. 124 
gekauft; „um damit zu wuchern, wie ich merke 44 schreibt 
Beethoven selbst an Ries am 5. Sept. 1823. So haben die 
Freunde Bernard, Lichnowsky, Schindler und der Neffe 
wohl Grund gleicherweise auf Johann zu schelten, der 
„schurkisch Beethovens Werke verkaufe und sich jeden 
Profit mache 44 . Und ein andermal schreibt der Neffe auf: 

„Der Bruder ist schlecht — vermuthlich monatlich 10 FL? 
— das ist zu 120 Procent." 



376 

Dazu kam aber das schimpfliche Eheverhältniss, dessen 
Berührung wir jetzt umsoweniger unterlassen dürfen, als 
daraus zuletzt für Beethoven selbst noch Erschütterungen 
hervorgingen, die zu der Katastrophe seiner letzten Krank- 
heit in sehr naher Beziehung stehen. Und zwar können 
wir hier sogleich sein eigenes Urtheil hersetzen. Es war 
nämlich in diesem Februar jener k. k. Gesandtschaftssecretär 
Bauer — „ebenso geistreich als gütig 44 nennt ihn Beet- 
hoven, — bei ihm, um „Sachen 44 mit nach London zu neh- 
men. Der Bruder kommt dazu, und als Bauer sein Miss- 
fallen ausspricht, dass derselbe sich eigene Equipage halte, 
muss also Beethoven den Stift ergreifen um, ihm selbst 
wohl betrübend genug, Folgendes aufzuschreiben : 

„Wenn es ihm nur aushält?! er wuchert. Immer will er mich 
zu den Seinigen, non possibile per me. Alles wurde gethan um 
ihn von dieser schandvollen Verbindung abzuhalten — vergebens, 
er ist aber wie ich ihn kenne, nichts besseres werth, er suchte 
nur allzeit das gemeinste, er war besser, ward unter den Franzosen 
und hier verdorben — er brachte mich in die Kothgasse, was ich 
bisher von ihm ausgestanden ist unglaublich, darum trenne ich 
mich wieder von ihm. — Der unglückliche Hang d'etre riche." 

Den Commentar zu solchem Wahrspruch geben uns die 
Thatsachen jener Heirat selbst, wie sie ebenfalls aus den 
Conversationen von 1823/24 hervorgehen. Die Frau, von 
deren Bruder, dem Bäcker Obermaier, Beethoven selbst 
einmal (Juli 1825) an den Neffen schreibt: 

„Was für ein elender Mensch! — Wenn Cato gegen Cäsar 
ausrufte: Dieser und wir, was soll man gegen einen solchen?!" 

hatte schon eine erwachsene Vortochter und stand über- 
haupt im übelsten Bufe. Sie hatte aber Johann, wie er 
selbst gesteht, allerdings nicht blos „durch seltene List 



377 

zur Heirat, genöthigt", sondern von ihm gar, falls er ein- 
mal von der Ehe zurücktreten sollte, die Hälfte seines ganzen 
Vermögens, das anf 50,000 Fl. C. M. angegeben wird, zu- 
gesagt erhalten. Schon die Scheu vor solcher Auszahlung 
liess diesen also jetzt selbst das Unglaubliche von ihr er- 
tragen. Im Frühling 1824 hat der 16jährige Neffe geradezu 
gräuliche Geschichten von ihr zu berichten und muss trotz- 
dem hinzufugen: „Jetzt handelte sich ums Geld, da ist er 
inflexible!" Begreift man da, wenn Beethoven selbst zu 
Ende Februar 1823 hinschreibt: „L'honneur et la morale ne 
connait pas, c'est un triste liaison' 4 , und dass er wehmüthig 
zugestimmt, wenn die Antwort lautete: „Votre frere est 
coquin!" Zudem war diese Sache so gut wie stadtkundig: 
an grosse Männer hängt sich das Skandal wie an andere 
Könige. Und so heisst es denn bei neuem Kranksein Beet- 
hovens am 6. März 1823 an den „werthen verehrten Freund 44 
Dr. Bach, seinen Helfer im Vormundschaftsstreite von 1819: 

„Der Tod könnte kommen ohne anzufragen, in dem Augen- 
blicke ist keine Zeit ein Testament zu machen, ich zeige Ihnen 
daher durch dieses eigenhändig an, dass ich meinen geliebten 
Neffen zum Universalerben erkläre. — Zu seinem Curator ernenne 
ich Sie, und sollte kein anderes Testament folgen als dieses, so 
.sind Sie zugleich befugt und gebeten, meinem geliebten Neffen 
K. v. Beethoven einen Vormund auszusuchen, — mit Ausschluss 
meines Bruders Johann van Beethoven. " IM 

Das genügt! — Allein sogar in der Ordnung der pecu- 
niären Verhältnisse erwies sich der „Herr Frater 44 durch 
den eigenen Eigennutz untauglich und bereitete obendrein 
dem Meister nicht blos grosse „Yerdrüsslichkeiten 44 sondern 
doch schliesslich noch die bittre Notwendigkeit, 2 jener 



JJ78 

Actien zu verkaufen, die sein eigener letzter Halt und zu- 
dem dem „Sohne" fest gefeit waren. Schon im Januar 1823 
ist von solchem Verkauf Bede, um manches von Schulden 
zu tilgen, und Beethoven schreibt mit der bekannten An- 
rede „Sehr bester optimus optime" an Schindler: 

„Sehen Sie doch einen Menschenfreund aufzutreiben, der mir 
anf eine Bankactie leiht, damit ich erstens den Edelmuth meiner 
Freunde nicht zu sehr prüfen muss und selbst durch den Aufent- 
halt dieses Geldes nicht in Noth gerathe, welches ich den schönen 
Anstalten und Vorkehrungen meines Herrn Bruders zu verdanken 
habe." 

Am 10. März aber heisst es auch an diese „Freunde", d. h. 
an Brentano selbst, dass die 300 Fl. C. M. „schon lange" 
durch den Bankier Geymüller getilgt seien. Wobei er denn 
zugleich bemerkt, „seine Gesundheit sei besser, er hoffe 
alles, da er eine Polypennatu* besitze, auch sei ihm Ge- 
sundheit für seine Thätigkeit äusserst nothwendig und 
werde durch selbe auch wieder befördert. 4 ' Doch, hält dies 
nicht lange vor, die steten Aergernisse wirken nachtheilig 
auf seine Gesundheit wie auf seine Stimmung: 

„Denken Sie nur nicht immer Tag und Nacht ari die Schul- 
den, die werden Sie bezahlen wenn Sie gesund sind, ohne dass es 
Ihnen wehe thut," 

so muss Ende März Schindler aufschreiben, und auf dem 
andern Blatte steht eine Consultation mit dem Arzte. Wäre 
man nur wenigstens des „bösen Steiner 4 * los! Allein im 
Gegentheil, als dieser sich um seine Hoffnung nach dem 
„Tarif 4 Beethoven in Zukunft in der Hand zu haben be- 
trogen sieht, geht er seinerseits aggressiv vor. Da scheint 
nun wieder von Peters in Leipzig momentan Hülfe zu 
winken. Derselbe macht wegen der „Sämmtlichen Werke 44 



* 



379 



„wirklich einen ausserordentlichen Antrag", und Beethoven 
schreibt also an Johann: 

„Gestern ist ein interessanter Brief angekommen, wodurch 
sich für dich ein vorteilhaftes Geschäft machen liesse und du 
gewiss gut dabei fahren würdest. Du siehst dass ich mir immer 
gleich bleibe, nur leide ich nicht, dass man mir achtungslos be- 
gegne wie H. S[teiner] und Con Sorten." 

An Peters selbst soll aber sogleich eine Schrift gesandt 
werden: „denn es ist hohe Zeit, unser Steiner lauert im 
Hintergrunde". Trotz Dr. Bachs Vermittlung wollte dieser 
gar zu den äussersten Schritten übergehen und Beethoven 
schreibt um dem vorzubeugen dringend an Schindler: 

„Vergessen Sie nicht auf die B. A[Bankactie]. Es ist höchst 
nöthig, ich möchte nicht gern um nichts und wieder nichts bei 
.Gericht verklagt werden. Das Benehmen meines Bruders ist ganz 
seiner würdig." 

Er hatte nach diesem Gewährsmann nicht einmal für jene 
Schuld Bürgschaft übernehmen wollen. So muss man sogar 
hoffen den Schneider „unterdessen mit Güte für heute ab- 
weisen zu können". Da sind die Aeusserungen zu Bies, dem 
auch die Bagatellen Op. 119 und die Letzten Sonaten 
„zum Verschachern" zugesandt worden, wohl begreiflich: 

„Betreiben Sie alles bald für Ihren armen Freund; Ihren 
Reiseplan erwarte ich auch, es ist zu arg geworden, ich bin ärger 
als früher geschoren. Geht man nicht siehe da! ein crimen laesae!" 
— „Der Aufenthalt des Cardinais durch 4 Wochen hier, wo ich alle 
Tage 2 7» ja 8 Stunden Lection geben musste, raubte mir viel 
Zeit, denn bei solchen Lectionen ist man des andern Tages kaum 
im Stande zu denken viel weniger zu schreiben." 

Die letztere Aeusserung ist vom 25. Apr. 1823. Und doch 
musste „geschrieben" werden, wenn man „beinahe immer 
Ton der Feder zu leben" hat. „Ich fühle, dass ich in 



1 



380 

Deutschland nie zu etwas kommen werde", hiess es für 
uns beschämend genug am 25. Febr. 1823 zu Neate and 
jetzt weiter wieder zu Ries: 

„Meine beständig traurige Lage fordert aber, dass ich augen- 
blicklich das schreibe, welches mir soviel Geld bringt, dass ich es 
für den Augenblick habe. Welche traurige Entdeckung erhalten 
Sie hier!! Nun bin ich auch von vielen erlittenen Verdrüsslich- 
keiten jetzt nicht wohl, sogar wehe Augen ! Sorgen Sie unterdessen 
nicht, Sie erhalten die Sinfonie nächstens, wirklich ist nur 
diese elende Lage daran Schuld." 

Die Symphonie galt ihm für so gut wie fertig, an 
den Variationen Op. 120 ward noch gearbeitet, das 
Pianofortequintett und sogar wie es in den Conversa- 
tionen heisst, „ein 2tes was dem lten ganz entgegengesetzt 
sein soll" werden geplant, ebenso „3 Quartette nach 
ßussland". Jetzt gewinnt uns die Antwort an Bihler 
(v. o. S. 121) der ende Februar 1823 um die Quartette und 
das „Oratorium nach Boston" fragt, besonderen Sinn: 

„loh schreibe nur das nicht was ich am liebsten möchte son- 
dern des Geldes wegen was ich brauche. Es ist deswegen nicht 
gesagt, dass ich doch blos ums Geld schreibe. Ist diese Periode 
vorbei, so hoffe ich endlich zu schreiben, was mir und der Kunst 
das höchste ist — Faust!" 

Es musste ihm, dein täglich mehr in herben Prüfungen 
das Leben seinen Sinn erschloss, die tragische Grundstim- 
mung dieser Dichtung und all die Anlässe, die sie für 
Darstellung der Leiden und Freuden der Menschheit bietet, 
ein besonders erwünschter Anhalt zum Aussprechen der 
eigenen Empfindungen sein. Doch zuvor galt es die Sym- 
phonie auch wirklich zu vollenden, und was in sie von 
jener Grundstimmung, die bei uns künstlerisch zuerst mit 



381 

voller Gewalt in Goethes unsterblichem Gedicht hervorbrach, 
hineingearbeitet worden ist, werden wir bald erfahren. 
Das Leben selbst sollte ihm zu diesem erschütternden Bilde 
menschlicher Existenz, an dessen letzte Ausfuhrung jetzt 
gegangen und das mit zum Ausgangspunct des grossen 
dramatischen Schaffens unserer Zeit ward, noch die rech« 
ten dunklen Tinten liefern. .Wir gehen jetzt zu diesen 
ausführlichen Darstellungen selbst über. lw 

Wie fand ihn also zunächst Grillparzer, nachdem 
er ihm die Melusine zugesandt und ein paar Tage darauf 
durch Schindler zu seinem „Herrn und Meister", der un- 
wohl sei, eine Einladung erhalten hatte? Das Bild hat 
wenig Licht. Es geschah zudem in der dunklen Wohnung 
in der Pfarrgasse, dass der empfindungsvolle Poet den 
grossen Meister sah, nicht auf der Landstrasse, wohin 
Beethoven erst im Herbst 1823 zog. Grillparzer berichtet: 

„loh fand ihn in schmutzigen Nachtkleidern anf einem zer- 
störten Bette liegend, ein Bach in der Hand. Zn Hänpten des 
Bettes befand sich eine kleine Thüre, die wie ich später sah zur 
Speisekammer fahrte und die Beethoven gewissermassen bewachte. 
Denn als in der Folge eine Magd mit Butter und Eiern heraus- 
trat, konnte er sich mitten im eifrigen Gespräche doch nicht ent- 
halten einen prüfenden Blick auf die herausgetragenen Quantitäten 
zu werfen, was ein trauriges Bild von den Störungen seines häus- 
lichen Lebens gab. Wie wir eintraten, stand Beethoven von sei- 
nem. Lager auf, reichte mir die Hand, ergoss sich in Ausdrücken 
des Wohlwollens und der Achtung und kam sogleich auf die Oper 
zu sprechen. Ihr Werk lebt hier, sagte er, indem er auf die Brust 
zeigte, in ein paar Tagen ziehe ich aufs Land und da will ich 
sogleich anfangen es zu componiren." 

Grillparzer versprach ihn im nahen Hetzendorf,, das dies- 
mal zur Sommerfrische gewählt worden war, zu besuchen, 



382 

was auch geschah. „Sonnabend den 17. Mai sind wir nach 
Hetzendorf gekommen 14 , hat der Neffe im Kalender von. 
1823 notiri Und zwar war es die schöne Villa eines 
Baron }4üller-Pronay, die hier bezogen ward. 164 

Schon im April war einmal in dieser Zeit „vieler 
Mühsalen und Widerwärtigkeiten" ein Ausflug nach dem 
schönen Heiligenstadt gemacht worden. Schindler er- 
zählt von der Stelle, wo jetzt die Büste von Fernkorn steht: 

„Die Landschaft prangte bereits im schönsten Frühlingskleide. 
Nachdem das Badehaas mit dem anstossenden Garten besehen 
und manch angenehme auch auf seine Schöpfungen bezug- 
nehmende Erinnerung zum Ausdruck gekommen war, setzten 
wir die Wanderung nach dem Kahlenberg in der Richtung über 
Grinzing fort. Das anmuthige Wiesenthal zwischen Heiligenstadt 
und letzterem Dorfe durchschreitend, blieb Beethoven wiederholt 
stehen und Hess seinen Blick voll von seligem Wonnegefühl in der 
herrlichen Landschaft; umherschweifen." 

Es fiel ihm die Pastoralsymphonie ein! Diesmal frei- 
lich galt es einem höheren „Gottesdienste" als dem in der 
blossen Natur, und wir verstehen, dass er jetzt in Hetzen- 
dorf „sich überselig fühlte, als er in den ersten Tagen den 
herrlichen Park durchlief oder aus seinen Fenstern die 
reizende Landschaft überschaute. 4 ' 166 

Die Frische und Stille der Natur verfehlte ihre Wir- 
kung nicht: abgesehen von dem „bösen Auge", das aller- 
dings sehr am Schreiben hinderte, tritt bald Erfrischung des 
Leibes und der Seele ein, die zahlreichen Billets an den 
„Samothrazischen Lumpenkerl 44 , den Mitwisser so manches 
auch nicht samothrakischen Mysteriums aus dieser Zeit 
von Beethovens Leben bezeugen es auf oft drastische Weise. 



383 



„Den Tokajer betreffend ist derselbe nicht für den Sommer, 
sondern für den Herbst, und zwar für einen Fiedler, welcher dieses 
edle Feuer erwidern und den Fuss in Unge wittern halten kann," 

heisst es am 18. Juni 1823, als ein Freund ihm 6 Flaschen 
zur Stärkung des Unterleibs gesandt hatte: er selbst hielt 
jetzt den Fuss in Ungewittern und erwiderte das edle Feuer 
der Natur. Im Laufe des Juni nach abgethaner Correctur 
von Op. 120 („Diabelli wird auch schon fertig sein" heisst 
es am 1. Juni gegen Schindler) -sei es unver weilt mit 
vollen Segeln auf die Neunte Symphonie losgegangen, 
für die bereits einige Notate sichtbar gewesen, berichtet 
der Samothrazier, der selbst hier wegen der Versendung der 
Messe viel in Beethovens Nähe war. Dann heisst es weiter: 

„Urplötzlich war aber aller Humor verschwunden, der ihn 

biegsam und in jeder Hinsicht zugänglich gemacht hatte. Alle 

Besuche wurden abgewiesen, selbst meine, die ihm bis dahin nicht 

oft genug kommen konnten, wünschte er von nun an seltener. Er 

schrieb mir daher: • 

Samothrazier! bemüht euch nicht hierher, bis etwa ein Hati- 

Soherif erscheint, — meine schnellsegelnde Fregatte, die wohl- 

edelgeborne Frau Schnaps wird sich meistens alle 2 und 8 Tage 

nach Ihrem Wohlbefinden erkundigen. Lebt wohl, bringt auch 

Niemanden, lebt wohl." 

Sogar die „schönen Einladungen" d. h. der Sontag und 
der Unger wegen Beredung über die „Melusine" kann 
man jetzt nicht annehmen: „soviel als mein böses Auge 
leidet, beschäftigt und ist es schön, aus dem Hause." Gleich- 
wohl heisst es : „Allein bin ich aber nie, wenn ich auch allein 
bin". Das unordentlichste Leben in der Haushaltung, in den 
letzten Wochen etwas besser geworden, sei „wieder von vorn 
begonnen" sagt Schindler und berichtet bemerkenswertlr. 



384 

„Biönenartig durchstrich er mit dem Szizzenbuoh in der Hand 
Felder und Fluren, ohne an die festgesetzte Stande der Malzeit zu 
denken. Was früher im höchsten Stadium geistiger Exal- 
tation nie vorgekommen, geschah dermal, dass er wie- 
derholt ohne Hut zurückgekehrt ist.*' 

Und diese Erzählung bestätigt der durch seinen Brief- 
wechsel mit M. Hauptmann bekannte Wiener Sänger Franz 
Hauser, der in diesem Sommer nach Hetzendorf kam, 
ohne dass jedoch die Conversation mit ihm etwas Beson- 
deres aufwiese. Bis Mitte August habe man bereits starke 
Hefte von Notirungen zu dem neuen Werke gesehen, 
sagt ferner Schindler, und solche gilt es jetzt zu betrach- 
ten, um die allmälige Entstehung desselben zu erkennen, 
die allerdings weiter in der Zeit zurückgreift als selbst dieser 
vertraute Famulus wissen konnte. Dabei werden wir denn 
sehen, wie tief im Hintergrund all der Farcen und Nöthe, die 
seit dem Herbst 1822 von neuem an uns vorübergezogen sind, 
stets das eigentliche Dasein und Wirken Beethovens steht 
und aus ihnen höchstens neuen Antrieb oder auch Concen- 
tration und Begelung seines Inhaltes nimmt, der freilich 
aus höheren Regionen stammt, als wohin diese Dinge und 
Personen reichen. Wir gehen zu diesen Notirungen über. 166 

Ausser dem Wiener Skizzenbuch E (ob. S. 314) be- 
sitzen wir nämlich auf der Berliner Bibliothek noch einen 
dünnen Band und 2 Hefte aus Schindlers Besitz und 
die „Notirungen" und W aus der Sammlung Pölchau's, 
die vorwiegend der Neunten Symphonie angehören. Zu 
ihrem Verständniss bedarf es jedoch einer genaueren Er- 
wägung der Sachlage. 

Als nach Beendigung der Messe und der Letzten Sonaten 



385 

der Meister „nach und nach wieder auflebend" im sonnigen 
Sommer 1822 von neuem Muth zu der „Sinfonie für Eng- 
land" fasste und das Taschennotirbuch von 1816 (s. o. S. 100) 
zur Hand nahm, da musste ein Blick auf diese schmerz- 
durchzuckten Züge ihn überzeugen, dass solch verzweif- 
lungsvolle Wehr gegen die Welt und alle blinde Noth- 
wendigkeit, die ihren Lebenskeim schon in einem Werke 
wie der Cmoll-Symphonie hat, von deren 1. Satze der Meister 
also gesagt: so klopfe das Schicksal an die Pforte, eben- 
falls nicht mit einem Finale zu beschliessen sei, wie dort 
eines in lustigem 3 / 8 Tact etwa so aufgezeichnet steht: 

letztes 



^EggE^5={E 



:£* 



Schon der Charakter des dort ebenfalls bereits aufnotirten 
Scherzos ist gar zu sehr ein humorvolles Verspotten jeder 
Befriedigung im behaglichen Sinnendasein, als dass gar 
zuletzt die Versöhnung in solcher blossen Lustigkeit hätte 
gesucht werden können. Und wie in jener ersten Manneszeit 
stand auch jetzt wieier das tief ernste Gesicht des „Paust" 
da und erweckte neben der gleich verzweifelten Lust diese 
Welt, die keine Freude verleiht, in Trümmer zu schlagen 
das Sehnen nach einer Befriedigung in tieferen Gründen 
des Seins als die banale Anschauung sie kennt: es stärkte die 
ahnende Empfindung des Hechten, die ja einem Gemüthe 
nicht fremd sein konnte, das dieser Entbehrung und Hin- 
fälligkeit stets einen solchen Willen entgegengesetzt und zeit- 
lebens so einen Kampf auf Leben und Tod geboten hatte 
wie dieser ernste Meister der Töne. Solch sehnsuchtsvolles 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 25 



386 

Schauen in die Nichtigkeit, der blossen Existenz wusste, 
dass hier Erlösung zu einem wahren Dasein nur aus sich 
selbst geschieht, aus der freien That des Innern, das dem 
„Schicksal" selbst den eigenen Willen zum Opfer bringt 
und ihm dadurch den Stachel raubt, aber auch einer wahren 
menschlichen Welt zu ihrem Dasein verhilft. 

Diesem dunklen Gefühl von einem allein beglückenden 
Dasein um des Andern und Ganzen willen, von einer „all- 
umschlingenden Menschenliebe" war wie wir wissen schon 
in frühen Jugendjahren ein Lied jugendlich ahnungsvoller 
Begeisterung, Schillers Hymnus „An die Freude", entgegen- 
gekommen, das er 1793 durchcomponiren wollte und nach 
dem um das Jahr 1812 eine „Ouvertüre Schiller" beabsichtigt 
war, deren Hauptmotive 1814 zu der Ouvertüre Op. 115 
verarbeitet wurden. Allein wie in dem Gedichte selbst bei 
aller Ueberschwänglichkeit der Bilder und Unzulänglichkeit 
des Wortausdrucks ein tieferer Wahrheitsgehalt lag, als in 
diesem letztern blos sinnlich heiteren Tonstück ausgesprochen 
ist, so war dasselbe auch stets in Beethovens Erinnerung 
lebendig und unbewusst in seinem Innern fortwirkend 
geblieben. Es enthielt in einem nicht oberflächlichen Sinne 
sogar das eigentliche Evangelium Beethovens selbst. 
Wie denn auch die ihm zugrundeliegende Empfindung aus 
einer tiefen Ahnung des Weltzusammenhangs stammt und 
seinen, erhabensten Schwunges vollen Preis des Ewigen der 
Freude und der Liebe durchaus einer Anschauungsweise zu 
danken hat, die das Leid der Welt als ein an sich ewiges 
kennt und seine Ueberwindung nur im eigenen Wesen 
sucht! So begreifen wir, dass diese Töne stets in ihm weiter 



887 

geklungen waren und die edelsten Regungen seines eigenen 
Daseins in sich gesammelt hatten, und durften nicht ver- 
wundert sein, da plötzlich unter den Skizzen des Sommers 
1822 aufhotirt zu sehen: „Finale Freude schöner 
Götterfunken!" Ja sogleich stand auch die Melodie dieses 
Gedichts, nicht blos seiner ersten Zeilen, sondern seines ge- 
sammten Stimmungsgehalts fest da: sie war wie die lang 
gesuchte Lösung und Neubegründung unseres Daseins, ihm 
selbst in solcher allverständlichen Weise seiner Kunst erst 
völlig zum Bewusstsein gelangt Und wie dadurch diese 
Kunst von neuem ganz auf ihr Grundelement, die Melodie 
gestellt ward, so werden wir bald erfahren, dass diese 
Weise auch alle Elemente und Enthüllungen unseres rein- 
sten Menschenempfindens enthielt. Sie war, sowie Athene 
dem Haupte ;des höchsten Zeus entsprang, der lichte Er- 
lösungstraum all der fruchtbar schreckenden und wahnvoll 
beglückenden Regungen dieses jedes Menschenleid und jede 
Menschenfreude so innerlich empfindenden Innern selbst, 
die ihn überhaupt zur Conception jenes grandiosen Bildes 
von der Tragik unserer Existenz geführt hatten. Sie gewann 
auch von daher^die erhabene Einfalt und überzeugende Kraft, 
die auch uns hier förmlich eine Botschaft der Befreiung 
des bedrängten Innern ^vernehmen lässt. Sie siegt denn 
auch über jeden andern Gedanken und ruht nicht, [als bis 
sie nach ^zahlreichen „meüleurs" auch in ihrer.riäusseren 
Erscheinung dasteht wie Aphrodite aus dem Schaum des 
Meers geboren. 167 

Dass das Finale „Freude" singen müsse, das also stand 
bei der erneuten Ueberschau jenes im Hauptentwurfe fertig 

25» 



388_ 

vorliegenden tragischen Weltbildes, selbst wenn man Worte 
und Chor nicht dazu nahm, durchaus fest. Denn nicht diese 
letztern überzeugen wo Musik redet, vom wirklichen Vor- 
handensein eines reinmenschlichen Empfindungsgehalts, son- 
dern einzig die Melodie, und sie hätte, einmal gefunden, 
auch für sich allein den Gehalt der Dichtung, aus der sie 
geboren, eindrucksvoll aussprechen und ihr Evangelium 
auf schöne Weise verkünden können. Allein bald musste 
dennoch klar werden, dass eben solche höchst persönlich 
menschliche Empfindung wie sie hier ausgesprochen vorlag, 
den vollen Widerhall in unserm Herzen nur durch Gesang 
erwecken könne, durch die menschliche Stimme, die ihren 
Ausdruck unmittelbar diesem fühlenden Herzen entnimmt 
Die Lebhaftigkeit der Empfindung selbst, die deutliche 
Vorstellung von solcher Lösung des Leids in Freude und 
das Bewusstsein ihrer inneren Notwendigkeit musste hier 
um so grösser sein, als eben alles blos im lebendigen 
Empfinden vor sich ging und nichts Sache kalter ßeflexion 
war. Sie konnte es also weder dem Menschen noch dem 
Künstler lange zweifelhaft; lassen, dass hier Gesang walten 
müsse. Auch lag ja schon ein Vorgang in der Chor- 
fantasie Op. 88 vor, und einen ungleich spontaneren und 
nicht blos willkürlich künstlerhaften Einfall, der sich an 
stets reicherer Ausbreitung der musikalischen Mittel freut 
und zuletzt gar deren schönstes, die Menschenstimme selbst 
erklingen lässt, weisen uns die Berliner Skizzen der Pasto- 
rale auf, die ursprünglich ein Pinale auf die Worte: „Herr 
wir danken dir" haben sollte. Ebenso hörten wir o. S. 259, 



389 

dass bei den Variationen über Händeis Trauermarsch die 
Absicht lautete: „vielleicht später Singstimmen". 168 

Allein nicht minder als solche Notwendigkeit der 
menschlichen Stimme empfand hier der gleiche feinere In- 
stinct, dass wo das Gemüth so gewaltsam in seinen Tiefen 
erregt ist wie in den 3 ersten Sätzen dieser Symphonie, eine 
Vorbereitung erforderlich sei, um dasselbe nur auch 
für Aufnahme einer froheren Vetkündung empfänglich zu 
machen. So dachte man zunächst bei der blossen Instrumental- 
musik als der das Gefühl unmittelbar bestimmenden Sprache 
zu verbleiben und Variationen zu erfinden, die wie bei 
jenem Trauermarsch „verschiedene Klagen", so hier die 
mannigfachen Ahnungen einer Erhebung zum Besseren dar- 
stellen und das Gemüth mälig auf die volle Verkündung 
durch die Menschenstimme bereiten konnten. 

Allein noch ehe bei unserer „Sinfonie allemand" auch 
dieses fest stand, ward man sich mit neuer Vertiefung in 
die bisherigen Conceptionen darüber klar, dass um andrer- 
seits das volle Gewicht der Verkündung in diesem letzten 
Entscheidungsmoment empfinden zu machen, gewissermassen 
das Leid selbst und zwar aufs äusserste concentrirt und 
gesteigert noch einmal gegenwärtig erscheinen müsse. So 
sollte denn als „4tes" ein Presto in das „5te", die Freu- 
denverkündung überleiten. Kaum jedoch war solch ein Sturm 
der Leiden wie dieses Presto erdacht, so musste von selbst 
der ganze innere Mensch sich aufbäumen und in den un- 
willkürlichen Ausruf ausbrechen: „Nein, nein! nicht diese 
Töne!" Wie in der Sonate Op. 31 II persönlichstes Weh — 



390 

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, 
Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide, — 



so war es hier der wirkliche Welt-Schmerz, das Gefühl 
eines Leidens der ganzen Menschheit, was das Herz zum Beden 
zwang und wär's auch nur im Schein der Rede! Nie ist 
mit grösserer Unabsichtlichkeit zu einem äussersten künst- 
lerischen Ausdrucksmittel gegriffen worden al,ß hier mit 
dem berühmten Recitativ der Bässe. Es war die hei- 
lige Noth wie dort des individuellen Leids so hier des 
Mitleidens an dem Weh der Menschheit Die erhabene Unbe- 
fangenheit und antike Sicherheit, womit hier die Noth auch 
zum Kunstgesetz erhoben wird und sogar zwei einander 
völlig fremde Welten in der Kunst wie im wirklichen Leben, 
die Welt des freien Bewusstseins und die der stummen Not- 
wendigkeit miteinander in Verbindung gesetzt sind, ist 
denn auch an sich schon von der ergreifenden Wirkung 
der höchsten dichterisch-künstlerischen That. 169 

Wie nun aber so die Gewissheit eines ewigen Bestands 
der Dinge im menschlichen Herzen wachgerufen war, so 
ergab es sich auch hier wie schon bei dem Finale von 
Op. 101 mit künstlerischer und logischer Notwendigkeit, 
dass nochmals, sowie unmittelbar vor dem physischen Er- 
wachen die Bilder des nächtlichen Traums uns umgaükeln, 
auch hier die einzelnen Versuche der Befreiung aus Noth 
und Schuld, der prometheisch kühne Kampf gegen dieses 
„verzweiflungsvolle" Menschenschicksal, das seiner selbst spot- 
tende Versinken in des Lebens „Possen", das zarte Sichneigen 
des persönlichen Empfindens und seliger Glaube an ein Ideal 
in ihren entscheidenden Motiven schattengleich vorüber- 



391 

schwebten. Allein sie alle gehören ins Reich der 
Tpäume, diese Träume vofn Glück und Freude ohne 
freies Opfer des eigenen Wjünschens und Wollens. 
Dahin verweist sie denn auch ernst und streng das aufdäm- 
mernde Bewusstsein des Hechten mit einem Schein bewuss- 
ter Bede, dessen volle Wahrheit jetzt wenigstens nach Seite 
des unmittelbaren Empfindens hin in der Freu d-enmelodie 
erscheint, die nach diesem erneuten Auftreten des alten Leids 
wahrhaft wie Verkündung klingt. „Ja das sind die Töne ! 4i 
jauchzt jetzt das dem Erwachen nahe Innere. Himmlische 
Ahnung der Erlösung, sowie Luftspiegelungen dem müden 
Wanderer das nahe .Ende der öden Fahrt anzeigen, zieht 
in wonnigsüssen Weisen oder auch glanzvoll aufgerichteten 
und den ganzen inneren Stolz des Menschseins verkünden- 
den Bildern vorüber: das Herz zuckt in jubelnder Kegung 
auf wie das Kind das dem Erwachen nahe ist. Und als 
dann wie schrecklichster Augenblick des nächtlichen Trau- 
mes noch einmal der wilde Gesang der Dämonen des Le- 
bens ertönt, — jach erwacht es zu sich selbst, das wirk- 
liche Menschenwesen und schlägt die Augen des Bewusst- 
seins seiner selbst und der Welt auf. 

O Freunde, nicht diese Töne! sondern lasst uns ange- 
nehmere anstimmen und freudenvollere!" 

erklingt es jetzt statt blosser Instrumentalrecitative in wirk- 
licher Menschenrede, und kein Mensch, kein richtig empfin- 
dender Sinn ist verwundert, dass das Empfinden und Träu- 
men plötzlich- selbst redet. Er kennt die Weise, und 
die Worte dazu dünken seiner unbefangenen Empfindung als 
sich von selbst verstehend d. h. als von ihm selbst längst 



392 

gedacht. Er weiss* ja — aus dem Lautwerden seiner eige- 
nen Seele in jener Freudenmelodie — die Erlösung besser 
als alle Worte sie ihm sagen können, — was sind ihm 
Worte? — Aber dass das Herz selbst singt, dass die 
Stimme des Menschen, seine eigene Stimme ertönt, dies 
allein ist ihm schon beglückende Besiegelung der Erlösung. 
Er jubelt im tiefsten Innern mit: „Freude!" und vernimmt 
jetzt auch mit voll empfängnissfähigem Herzen den ewigen 
Grund dieses Menschenheils wie seine Verkündung selbst 
Dies ist der ebenso einfache wie sachentsprechende 
Entstehungsprocess dieses Finales, das allerdings 
nur so die Fülle seines innern Gehaltes entfalten und der 
tragischen Anlage des Ganzen ebenbürtig werden konnte» 

„Der Noth gehorchend, nicht dem eignen Trieb", 

heisst es auch hier, und nur zu bewundern ist die unbe- 
fangene Sicherheit, mit der dabei, wenn auch erst sehr 
allgemach und spät, doch der wirklich überzeugende „Ein- 
führungsmodus" zu dem Freudengesang gefunden worden 
ist. Wir sind über diesen durchaus logischen Vorgang 
denn auch glücklicherweise in einem fast chronologischen 
Fortgang der Sache unterrichtet. Die Skizzen des Werks 
selbst werden uns denselben enthüllen und zugleich das 
über die Thätigkeit dieses Winters 1822/23 bereits Ver- 
nommene von neuem zur lebendigen Vorstellung bringen. 
Wir gehen also jetzt zu ihrer Darstellung über. 170 

„Da ist zuerst die 2. Hälfte jenes dünnen (blauen) Bandes auf 
der Berliner Bibliothek, aus Schindlers Besitz stammend und ver- 
mutlich von ihm in jenen letzten Lebenswochen des Meisters ergrif- 
fen, wo derselbe „die seit dem Jahr 1822 in petto tragende Ouver- 
türe" fdr Schindlers Benefice in der Josephstadt ausarbeiten und 



393 



noch selbst dirigiren wollte. Das Heft beginnt mit Arbeiten zum 
1. Satz der „Neunten". Es folgen Notate mit der Bemerkung 
„wieder die untern 2 Hände", also zu einer 4 händigen Sonate, 
wie solche im Herbst 1822 Diabelli zugesagt waren. Und zwar 
steht da das schöne Thema des Adagios vom Streichquartett 
Op. 127! Wir werden also davon später noch hören. Weiter steht 
da „Messe aus Cismoll" mit Skizzen zum „Dona" in Bmoll, 
worauf Entwürfe zu MatthissonB Opfer lied Op. 12 1^ folgen, 
eine neue Bearbeitung des Liedes von 1802 und zwar mit Chor 
und Orchester. Schindler lässt dasselbe nebst Goethes Bundes- 
lied 1822 für den Tenoristen Ehlers zu dessen Benefice in Press- 
burg geschrieben sein. Beide Stücke werden am 20. März 1823 
schon an Peters gesandt, gegen den am 20. Dez. 1822 nichts der- 
gleichen erwähnt ward. „Man hat soviele Lieder mit Ciavier, ich 
habe daher einmal hier eine Veränderung gemacht", heisst es dabei, 
und in dem Brief an Ries vom 16. Juli 1823 sagt er, es sei so seine Lieb- 
lingsneigung Chöre zu verfassen. Wirklich erscheint im Febr. 1823 
mehrmals ein Sänger Ehlers und conversirt lebhaft mit Beethoven 
über die neue Oper Libussa von Bernard und C. Kreutzer, wo- 
bei der Meister wegen des un massigen Lobes der Verfasser in den 
Blättern ppottend aufschreibt : „Alle Lande loben ihren Gott" und 
zwar mit Noten im Style der alten ßeichscomponisten. Um die 
gleiche Zeit sagt Schindler: „Ehlers soll die Comp, und Gedicht 
von Eckschlager mit nach Pressb. nehmen". Hören wir nun später, 
dass* „der Chor^vom Opferlied auch hinten von der Scene gesungen 
werden könnte", so haben wir es wohl mit dem Opernsänger Ehlers 
zu thun, der bald Bassist bald Tenorist heisst, (denn er sang 
neben Leporello und Don Juan auch den Johann von Paris), und 
befinden uns also im Anfang des Jahres 1823. Die spätere 
Edirung des Opferliedes „für Sopran" aber geschah ohne Zweifel 
aus Rücksicht auf leichtere Verkäuflichkeit. Im März oder April 
müsse die Akademie sein, schreibt im Januar 1828 Lichnowsky 
auf, und so finden wir denn auch weiter das Wort „Bach Ouver- 
türe" mit folgenden zwei Notaten: 

B a c k Maestoso. 



IeÜIe «nd fe±E=s=p^P^fe 



' » 



394 

Dann unmittelbar „In allen guten Standen", also Goethes „Ban- 
deslied 'S and nach Entwürfen wie zu Bagatellen wieder „Dona 
nobis". 

Es war demnach durchaus nicht ohne Grund, sowohl Sim- 
rock und Peters wie andere Verleger an die Annahme 
einer Messe mit einer „Schrift" zu binden. 171 

„Meine Lage erfordert unterdessen, dass jeder Vortheil mich 
mehr oder weniger bestimmen muss, ein anderes ist es aber mit 
dem Werke selbst, da denke ich nie Gott sei Dank an den Vor- 
theil sondern nur wie ich schreibe", 

heisst es in dem letzterwähnten Briefe an Peters, und zu 
diesem wahren Ernstsinn des Künstlers fuhrt uns denn auch 
das (ungeheftete) Notirungsbuch der Berliner Biblio- 
thek, das merkwürdigste von allen, die wir besitzen. 

„Praeludium, grave zur östimmigen Fuge, mehrere Solos etc. 
ziemlich ausgeführt" beginnt es abermals auf die Ouvertüre für 
das Conzert hinweisend. Denn schon im Febr. 1822 steht von 
Schindlers Hand in den Conversationen : „Sie werden doch wegen 
der Symphonie allein die Akademie nicht aufschieben". Jetzt 
kommt die Bemerkung über das Opferlied, dessen Chor auch von 
der Scene gesungen werden könnte. Unmittelbar darauf folgen 
Skizzen zum 1. Satz der „Neunten", dazwischen von neuem „Dona 
nobis", S. 10 aber unter unbekannten Satzanfängen zum ersten 
Mal auch das 2. Thema des Adagios der 9. Symphonie, 
jene schmerzlich sehnsuchtsvollste aller Weisen, die Beethoven bis 
dahin gesungen und die also erst später in die Yariirung des 
Hauptthemas eingeschoben worden sein muss! Denn im Herbst 
1823 in Baden schreibt auch der Neffe auf: „Mich freut nur, dass 
du das schöne Andante hineingebracht hast". Alles wehmutvolle Mit- 
leiden um die menschliche Existenz ward ja in diesem Frühjahr 
1823 von neuem in ihm aufgeregt. Doch steht hier die Melodie 
in Adur! — S. 12 heisst es dann „Finale", zwarDmoll aber mit 
fremdem Motiv, worauf unter endlosen Aenderungen, Bleistift und 
Dinte durcheinander, im vollsten Gewirr von Correcturen wieder 
der erste Satz erscheint. S. 37 aber steht da in Beethovens 



395 

mächtigen Zügen: „Gmoll Introduotion Variationen oder 
erster Theil in Dm oll" mit allerlei Skizzen und den Bezeich- 
nungen „forte presto", „alla marcia introduzione" und endlich: 
„vielleicht doch den Chor Freude schöner . . , . o alla 
menuetto". Es drängt sich die immanente Idee des Werkes immer 
mehr hervor. Wieder folgt jenes 2. Thema des Adagios, jetzt 
aber in Ddur! S. 42 erscheint auch das Scherzo, „der 2te Theil 
Amoll", was aber durchstrichen und mit „Cdur" vertauscht ist, 
wie ja auch wirklich das 2. Thema des 1. Theils diese Tonart hat. 
S. 45 aber steht da endlich : „Bass, Freude" und zwar mit der 
Melodie. Man ist also entschieden und weiss jetzt sohon den 
Beginn des Chorgesangs. t7> 

Hier ist nun zunächst das Stück der Notirungen W 
einzuschalten, das mit den unsrigen gleiches Papier hat 
und daher nur durch Zufall mit Skizzen zur Cmollsym- 
phonie, zu Fidelio etc. zusammengeheftet sein kann. Es 
ist auch (S. 9) ein Blatt aus einem Taschennotirhuch zum 
Opfer- und zum Bundeslied hineingekommen. 

Diese Notirungen, also ursprünglich ebenfalls zu unserm 
Heft O gehörig, zeigen auf S. 7 das Scherzo zur „Neunten" in 
4 Systemen, welche Skizzen von S. 11 bis 14 wiederkehren. Dann 
kommt mit Bleistift „Dir stürzt nieder" und : „jedes für sich oder 
feierliches Adagio", sowie auf S. 17: „Die Höhe der Sterne mehr 
durch Instrumente". Die beiden Hauptpartien des Chorgesanges, 
das Freudenlied und die Erhebung zum Höchsten, stehen also fest. 
Sie bieten die zu einer contrapunctischen Entfaltung erforderliche 
Gegensätzlichkeit. Die Wahl der übrigen Verse war weniger von 
entscheidender Bedeutung. In einem Conversationshefte vom Februar 
1823 schreibt Beethoven selbst auf: „Vielleicht hat Karl Schillers 
Gedichte zu [Hause?], ob er nicht morgen kann herkommen?" 
Jene beiden Hauptmomente der Ode konnte man im Kopf wie im 
Herzen haben. Das nähere Detail war erst nachzulesen. 

Wir kommen zum Heft zurück. 

Auf S. 47 erscheint auch das Trio vom Scherzo, jedoch noch 
nicht völlig rein und sicher in der Form. Notate auf „Morgen 



396 

Stund hat Gold im Mund" mögen einem Canon für den Neffen 
angehören, dem solcher Rath nmaomehr zu geben war, ala dem- 
nächst das Examen in seinem Institut bevorstand. S. 61 steht 
„Duetto in 2 da" mit den Worten „Entschlossenheit, Leichtsinn, 
Erhabenheit", und dann kommen von S. 69 an allerhand Bemer- 
kungen, wie das Finale einzufuhren sei. Dabei ist denn so 
recht die volle Unbefangenheit der Conception zu beobachten. Es 
waltet ein Ueberlegen oder vielmehr ein. Tasten, das nur von einer 
dunklen Empfindung des Rechten herrühren kann, nicht von Ab- 
sicht und Reflexion. Aber man weiss was man will und kümmert 
sich in der Unschuld dieses Suchens nicht um die Kindlichkeit, womit 
das Gewollte sich hier zuerst darstellt. Namentlich ist dabei zu 
bedenken, dass Beethoven sowie Mozart in seiner bekannten tri- 
vialen Uebersetzung des Don Juan-Textes sich durchaus des schö- 
nen oder nur sichern Wortausdrucks unfähig weiss. 
Ihm existirt noch nicht die „gebildete Sprache die für ihn (jiohtet 
und denkt". Es ist deshalb hier jeder Ausdruck nach jenem vollen 
Gewicht der Aufrichtigkeit persönlichen Meinens zu beurtheilen, 
so wie der dialectisch oder doch literarisch Unentwickelte und na- 
mentlich das Volk ihn nimmt. Ehe bei Beethoven etwas zum 
begrifflichen Bewusstsein gelangte, musste es bereits die äusserste 
Gränze der Empfindung erreicht und eine Concentration gewonnen 
haben, die nicht blos das gewöhnliche menschliche Empfinden 
sondern auch das des Dichters weit überragt. 173 

Wir theilen auch hier die Hauptsache mit 

Die Seite 69 beginnt mit einem Motiv nicht ganz ohne Aehn- 
liohkeit mit dem „Fest des Hohnes über alles was Menschenfreude 
heisst", wie schon die A. M. Z. von 1826 das einleitende Presto nennt. 
Darüber steht: „Nein diese W[eisen] erinnern an unsere ver- 
z w eif lu ngs v olle...." — „Heut ist ein feierlicher Tag, meinen sie, 
dieser sei gefeiert durch Gesang und Tanz" heisst es weiter zu Noten, 
die dem Motiv der Contrabässe ähnlich sehen. Es folgt, soweit es zu 
entziffern, das Thema des 1. Satzes! „0 nein dieses nicht, etwas 
Anderes Gefälliges ist es was ich fordere,... sondern nur etwas Hei- 
teres", — folgt das Scherzomotiv. „Auch dieses nicht, ist nur 
Possen", — folgt das Adagio thema. Dann heisst es : „Ich werde 
sehen, dass ich selbst euch etwas gutes [?] vorsinge, was der 



397 

Stirn . . . nur — dieses ist es [nicht] , es ist nur Geplauder [?] 
ich selbst werde vorsingen , werde ich angeben" — worauf mit 
dem Wort „Freude" das Thema wirklich erfolgt. Genauer aber 
sagt er sich die Sache noch auf der folgenden Seite vor: „Auch 
dieses [nicht], es ist zu zärtlich [?], etwas aufgewecktes [?] muss 
man suchen." Darauf folgt die Freudenmelodie erst in ihrer 
bekannten Gestalt, dann in halben Noten „wie die Viertel, türki- 
sche. Musik" und „Seid umschlungen". 174 

AIsq der Gang des Ganzen ist gefunden, und zu be- 
merken ist, dass auch die letzteren Wortäusserungen von 
Noten begleitet sind, die aber nichts mit den jetzigen 
Bassrezitativen zu thun haben. Auch ist von der gross- 
artig naiven wirklichen Anrede „0 Freunde" hier noch 
nirgend eine Spur vorhanden: sie hat sich gleicherweise 
ganz allmälig aus dorn Sinn der Sache selbst ergeben und 
begegnet uns als letztes Resultat des ganzen Frocesses, als 
wirkliches Aufblitzen des Bewusstseins erst viel später. 

Nach unbekannten Skizzen in B, anscheinend für Ciavier, steht 
auf S. 75 nochmals : „Ha dieses ist — es ist nun gefunden", näm- 
lich das Thema der Freude, und es folgen wirklich weitere Skizzren 
zum Finale, die auf S. 81 denn auch die beiden entscheidenden 
Themen „Freude schöner Götterfunken" und „Seid umschlungen 
Millionen", sowie sie auch in dem Facsimile bei Schindler auf- 
gezeichnet stehen, vereinigt zeigen. S. 82 kommt der d /s Satz des 
Finales, S. 93 wieder das Scherzo, S. 97 steht „Thereserel — The- 
reserel" mit Notirung, weiter wieder Scherzo und Adagio. Es ist 
also daß Ganze des Finales nach seinem Verlauf wie in 
den entscheidenden Motiven festgestellt, und damit wir 
auch über den Termin dieser Feststellung nicht im unklaren sind, 
folgt auf S. 100 ganz unten der Canon „Grossen Dank für solche 
Gnade", womit im Juli 1823 der Erzherzog beglückt werden sollte. 
Den Schluss des Heftes bilden wieder Skizzen zum Finale. 

Endlich ist noch aus einem Heftpaar, das sich eben- 



398 

falls in Berlin befindet, etwas gleich Entscheidendes mit- 
zutheilen. 

Auf S. 5 und 31 des einen nämlich steht: „erste Variation 
ohne Blasinstrumente" und „Recitativ Worte denkend" d. h. vor- 
stellend. Und hier sind zuerst auch Skizzen zu jenem Gesangs- 
solo „0 Freunde", das man erst ganz zuletzt auffand. Das Heft 
schliesst denn auch mit Skizzen des Finales bis zum „Ende". Das 
2. Heftchen aber bringt ausser der Notiz „auf Welt Sternenzelt 
Posaunenstösse" mit S. 20 die sonderbare Bemerkung „Anfang 
einer Ouvertüre Freude". Ob hier Erinnerung an das frühere' Pro- 
jekt oder wie bei der Messe Absicht einer weiteren Darstellung der 
einmal erfasstön Idee waltete, ist nicht zu entscheiden. 175 

Wir kommen jetzt weiter zu den persönlichen Um- 
ständen bei der endlichen Ausführung dieses Hauptwerks 
von Beethovens Leben. Es sollten dem Meister in jeder 
Weise die Gestalten und Faxben zu diesem Gemälde unseres 
Daseins aus diesem selbst gereicht werden. 

„Der gestrige Vorfall, den Sie aus dem Berichte an die P. 
ersehen werden, ist nur mehr geeignet, diese Sache der löbl. Polizei 
zu empfehlen. Die Aussagen eines Ungenannten stimmen ebenfalls 
mit den Ihrigen überein, hier können Privatmenschen nicht mehr 
helfen, nur Behörden mit Macht versehen," 

so lautet ein Zettel von 1823 aus Hetzendorf, und Schindler 
unterrichtet uns, dass der „sittliche Wandel" der Frau und 
der Tochter Johanns wie schon um 1819 von neuem zu 
öffentlichem Skandal geführt hatte. Da nun „der Bruder sehr 
furchtsam und schwach" und zu einer Trennung von der 
„lasterhaften Frau" nicht zu bewegen war, wollte Beet- 
hoven die öffentliche Gewalt herbeirufen, ward aber davon 
voll seiner Umgebung d. h. besonders von Schindler abge- 
halten, weil die Sache in der That dadurch nur zu verschlim- 
mern war. Ein Bild dieser Dinge gibt uns die Conversa- 



399 

tion dieses Sommers, als Johann gar schwer krank geworden 
von den „schändlichen Weibern völlig vernachlässigt ward". 
„Schone den Sünder" stand im „Agnus dei" o. S. 234, und wir 
kennen ebenso die besondere Betonung des „Qui tollis" und 
des „Miserere" in der Messe. Im April dieses Jahres 1823 
aber hatte eine Gräfin Schafgotsch aus Warmbrunn in Schle- 
sien dem Meister seine erste Messe mit deutschem Text vom 
Musikdirector Scholz dort überbracht. Schindler erzählt: 

„Wir sassen eben zu Tische, Beethoven öffnete schnell das 
Manuscript und durchflog einige Seiten. Als er zum ,Qui tollis« 
kam, liefen ihm die Thränen aus den Augen und er musste auf- 
hören, indem er von dem unbeschreiblich schönen Texte aufs tiefste 
gerührt sagte: Ja so habe ich gefühlt als ich dieses schrieb! — 
Es war das erste und letzte Mal dass ich ihn in Thränen sah." 

Auch wollte man „diesem würdigen Scholz" selbst schrei- 
ben. Ebenso hat er jetzt in seinem persönlichsten Dasein 
die „Natur der Barmherzigkeit" männlich zu prüfen, und 
wir erleben am Bett jenes kranken „Judas Ischarioth", wie 
er am 1. Juni 1823 im Kalender bezeichnet wird, eine 
düstere Scene, die aber gleicherweise alle Sentimentalität 
wie alle Prüderie ausschliesst. Beethoven hat das „non pos- 
sibile per me" (s. o. S. 376) überwunden und den Bruder 
im eigenen Hause aufgesucht Allein die schöne Ehehälfte 
ist zugegen. Man muss also zum Bleistift; greifen!: 

„Endlich hast du schöne Erfahrungen gemacht — Schindler 
behalte doch bei dir, er nützt mir, dass ich von dir erfahren kann 
und dir auch helfen — du siehst wie ich Recht hatte dich abzu- 
halten von diesen etc. - komm zu mir und bleib bei uns, ich 
brauche nichts von dir, wie schrecklich wenn du unter solchen 
Händen den Geist aufgeben müsstest!" 



400_ 

Dann um den traurigen Mann über die ihm wichtigste 
materielle Frage zu beruhigen: 

„Der Kaiser von Rassland subscribirt auch — unter uns, sowie 
Fürst Galitzin, noch mehrere Subscribenten — ich rathe dir heraus 
zu kommen und ganz und gar da zu bleiben und später ganz 
unter uns zu leben. Wie könntest du glücklicher leben [als] 
mit einem ausgezeichneten Jüngling wie Karl wie deinem Bruder 
ich — wahrhaftig du hättest die Seligkeit auf Erden." 

Es folgen unmittheilbare Dinge, man mag sie in den „Brie- 
fen Beethovens" nachlesen. „Nicht kalt staunender Besuch" 
wie unserer vornehm kühlen „Bildung" ward ihm in dieser 
Welt menschlicher Schwäche erlaubt, — nein, er hatte in 
die Tiefe der Natur „wie in den Busen eines Freunds" zu 
schauen und gar noch das Elend willenloser Sinnenhaftig- 
keit ans eigene Herz zu ziehen. Und -dennoch ward nicht 
das „Verzweiflungsvolle" dieses wirklichen Menschen- und 
Weltzustandes, so tief er es empfand, über ihn Herr. 

„Friede, Friede sei mit uns, Gott gebe nicht, dass das natür- 
lichste ßand zwischen Brüdern wieder unnatürlich zerrissen werde," 

hatte er in ähnlichem Falle im Sommer vorher geschrieben, 
und jetzt als Johann genesen, heisst es (19. Aug. 1828): 

„So wenig du es um mioh verdienst so werde ich nie vergessen, 
dass du mein Bruder bist, und ein guter Geist wird noch über 
dich kommen, der dich von diesen beiden C . . . . scheidet. — Leb 
wohl. Unsichtbar schwebe ich um dich und wirke dass dir die 
beiden C . . . . den Hals nicht zuschnüren/' 

Noch ist er zwar Beethoven, und der sittliche Zorn entringt 
ihm den Ausruf: „0 verruchte Schande, ist denn kein 
Funken Mann in Dir?!!!!" Allein Faust singt: 

„Es reget die Menschenliebe, die Liebe Gottes regt sich nun." 

„Ich danke nur eben dem über den Sternen, dass ich nun 
anfange meine Augen wieder gebrauchen zu können. Ich schreibe 



401 

jetit eine neu« Sinfonie für England — und hole dieselbe in Zeit 
Ton 14 Tagen vollendet zxx haben", 

heisst. es am 1. Juli 1823 gegen den Erzherzog, und die 
gleiche tiefe Bescheidung seiner selbst und rege Antheil- 
nahme an dem Geschick Anderer beseelt die Worte, die 
wenig Wochen nachher zur Empfehlung des Capellmeisters 
Drechsler von Baden aus erfolgen: 

„Eben in einem kleinen Spatziergang begriffen nnd stammelnd 
einen Canon „Grossen Dank" und naob Hanse kommend und ihn 
aufsehreiben wollend für I. E. H. finde ich einen Bittsteller, der 
[bei] seiner Bitte durch mich den Wahn hat alt ob selbe besser 
aufgenommen würde. Was will man thunP Gutes kann nicht 
schneU genug ausgeübt werden, auch den Wahn muss man zu- 
weilen pflegen." 

Gehobener aber als in solcher natürlichen Gutmüthigkeit, 
die trotz „übermässiger Beschäftigung" wie er am 2. August 
gegen Brentano klagt, stets wieder durchbricht, klingt der 
Ton der damaligen Stimmung aus den oben berührten Worten : 

„Höheres gibt es nichts als der Gottheit sich mehr als an- 
dere Mensohen nähern und von hier aus die Strahlen der Gottheit 
unter das Menschengeschlecht verbreiten." 

Auch dass der Adressat ein Fürsterzbischof und Cardinal 
ist, kann diesen Worten von ihrem Sinn und Gewicht für 
uns hier nichts rauben. 178 

Ebenso klingt es uns, wenn wir in die weiteren Daten 
dieses merkwürdigen Sommers eintreten, kaum noch ko- 
misch, was dem „Samothrakischen Lumpenkerl" Schindler 
gar wunderlich vorkam, dass er nämlich in diesen ersten 
Augusttagen 1823 völlig unerwartet durch die „schnell- 
segelnde Fregatte' 4 einen Zettel erhielt: 

„Macht, das Wetter ist gerade recht, es ist aber besser früher 
als später, presto prestissimo, man fährt von hier/' 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 26 



402 

und dazu auf den andern Morgen um 5 Uhr nach Hetzen- 
dorf bestellt erfuhr, dass man eben weiter zu arbeiten 
ausser Stande sei, weil — der Baron, so oft er ihm be- 
gegne, stets tiefe Complimente mache! „Demuth des Men- 
schen gegen den Menschen, sie schmerzt mich" citirt hier 
Schindler richtig. Wer sich so wie jetzt Beethoven „im Zu- 
sammenhang des Universums betrachtete" musste die Nich- 
tigkeit des Individuums doppelt empfinden. Ebenso ahnungs- 
los gegenüber dem wirklichen Zusammenhang der Sache 
aber musste unser Gewährsmann diese Fahrt nach Baden zu 
seinen „possierlichsten Erlebnissen mit dem grossen Sonder- 
ling 44 rechnen. Es kam für Beethoven noch schwere Störung 
der Gesundheit hinzu, die durch das Zusammentreffen der 
übermässigen Geistesanstrengung mit all jenen „Verdrüss- 
lichkeiten" und der so höchst ungeregelten Lebensweise 
während dieser grossen Arbeit nur um so bedenklicher 
werden musste. Auch war ihm, wie eine Correspondenz 
des „Morgenblatts 44 sagt, „der heurige nasse Sommer, den 
er in Hetzendorf zubrachte, ausserordentlich zuwider 44 , und 
er selbst schreibt dem Erzherzog: 

„Ich befinde mich wirklich sehr übel, nicht allein an den 
Augen. Ich trachte morgen mich nach Baden zu schleppen um 
Wohnung zu nehmen/' 

Er hoffte also hier wieder wie so oft Erfrischung des 
Leibes und der Seele zu finden. Denn die Arbeit musste 
vollendet werden. Jene Correspondenz schliesst: 

„Eine Symphonie, Quartetten, ein biblisches Oratorium, ihm 
durch den amerikanischen Gesandten in englischer Sprache über- 
schickt und vielleicht auch eine neue Oper (Dichtung von Grill- 
parzer) stehen zu erwarten." 



403 

Schindler erzählt also, wie in Baden alsbald die Reihe 
der früheren Wohnungen gemustert worden und von allen 
nur eine passende übrig geblieben sei, die beim Kupfer- 
schmied: „allein die Leute haben im vorigen Jahre erklärt 
mich nicht wieder aufnehmen zu wollen !" Als Parlamentär 
hingesandt versprach Schindler fortan bessere Ordnung 
und namentlich Bücksicht auf die Mitbewohner. Vergebens! 
Der harrende Freund ward darob tief betrübt Noch ein- 
mal hin mit neuen Betheuerungen! Und dieses Mal gabs 
wirklich Gehör. Doch — Beethoven sollte wie im vorigen 
Sommer nach der Strasse zu Fensterläden anbringen lassen ! 
Und dies erwies sich bei der Sonnigkeit der Lage der 
Zimmer diesmal notwendiger als zuvor. Man litt ja an 
den Augen. Die Wohnung ward also sofort genommen, und 
Schindler hat nicht Unrecht, wenn er jenem kleinen Um- 
stände des Eigennutzes vonseite des Kupferschmieds zwar 
nicht überhaupt das Vorhandensein so doch die jetzt erfol- 
gende wirkliche Vollendung eines Werkes zuschreibt, zu 
dem allerdings mehr Stimmung und Ungestörtsein gehörte als 
zu jedem andern. Das Haus lag bequem, dem noch heute 
besten Gasthaus („zum Adler 44 ) gegenüber nicht weit von 
den Bädern und Spaziergängen, und Beethoven liebte Baden, 
an das sich so manche schöne Schaffenserinnerung knüpfte, 
zumal in solcher spätem Sommerszeit ganz besonders. Als er 
nachher auch selbst den Zusammenhang wegen der Läden 
erfuhr, soll er in sein homerisches Lachen ausgebrochen sein. 
Und Linderung fand er wirklich jetzt, wenn auch nur momen- 
tan. Sein Organismus, den er selbst schon damals „gänzlich 
zerrüttet 41 nennt, gelangte nicht eigentlich wieder dauernd 

26 • 



404 

seht alten Kraft Umsomehr galt es „den Abend zu nützen", 
und nicht ohne Grund prangt an dieser Wohnung No. 99 
der Rathhausgasse in Baden heute eine Marmortafel zur 
Erinnerung an die Vollendung der 9. Symphonie. Die 
lotete Partituraufschrift konnte, wie es in der That der Fall 
gewesen, immerhin Arbeit des Winters und des Zimmers 
sein. Hier in freier Natur und sommerlicher Landschaft 
galt es noch mancher freien Erfindung, und wenn auch 
nur in Ueberleitungen und dergleichen scheinbaren Neben- 
dingen, so doch für den Eindruck des Ganzen von entschei- 
dender Bedeutung. Und es will uns sogar bedünken, dass 
im Verhältniss zu den langgereiften ersten drei Sätzen in 
dem Finale des Werkes, das nun hier zur Auspinnung kam, 
sogar wie einst bei der Messe die Arbeit zu erkennen sei 
und es von ihm nicht so ganz wie von jenen Sätzen Messe : 

„Ausgestoßen jeder Zeuge menschlicher Bedürftigkeit!" 177 

Und ist's ein Wunder? — Er selbst schreibt am 
16. Aug., nachdem am 13. der Einzug in Baden gehalten 
worden war, an den Neffen: 

„Du kannst denken wie ich herumlaufe, denn erst heute fing 
ich eigentlich (uneigentlich ist es ohnehin unwillkürlich) 
meinen Musendienst wieder an. Ich muss, man soll es aber nicht 
merken, — denn die Bader laden doch mehr, wenigstens mich, zum 
Genüsse der schönen Natur ein, allein nous sommes trop pauvres 
et il faut ecrire ou de n'avoir pas de quoi." 

Und dass es das Hohe-Lied von der Freude war, wo- 
ran er schrieb, deutet uns ein Brief an den Bruder Johann 
vom 19. Aug. an, worin einige Stücke von den „Ruinen 
von Athen" verlangt werden, die er höchst noth wendig 
brauche, da er eben „etwas dergleichen" schreibe. Und 
weiter heisst es zu dem so innig geliebten „Sohn": 



405 



„Ware nur alles so geschwinde geschrieben wie man denkt 
fohlt, so würde ich dir wohl manches nieht Unmerkwürdige sagen 
können, — für heute wünsche ich nur, dass ein gewisser Karl 
auch ganz meiner Liehe, meiner so grossen Sorge für ihn werth 
sein und alles dieses zu würdigen wissen werde. Obgleich ich wie 
du weisrfc anspruchslos bin, so gibt es doch so manche Seiten, von 
welchen man den Edleren Besseren zeigen kann, dass man dieses 
an ihnen erkennt und fühlt/' 

So scilliesst er im Gefühl der Einsamkeit mit der eige- 
nen Anschauung und Empfindung. Bald darauf kommt der 
Neffe selbst nach Baden, er hat den „Concurs" glücklich be- 
standen und wird zum Herbst auf die Universität gehen. 
Umsomehr ist der jetzt Sechszehnjährige in sich selbst zu 
befestigen, und dies geschieht am besten, indem man ihn 
recht nah an sich heranzieht und an der eigenen Geistes- 
sphäre Antheil haben lässt. Die Conversationshefte zeigen 
lange Gespräche zwischen „Vater" und „Sohn". Noch in 
Hetzendorf hiess es von Karls Hand: 

„Wen liesest du lieber, Schiller oder Goethe? — Bist du auch 
der Meinung, dass Shakspeare ein grösseres Genie als Schiller war? 
— Man sagt es allgemein, mir ist aber Schiller lieber. — Wie 
„ gefallt dir der Kaufmann von Venedig — die Fülle von Gedanken 
ist mir noch in keinem Dichter vorgekommen. — Man lobt den 
Schubert sehr, er sagt aber, der solle sich verstecken. — Du 
kanntest Mozart? — Wo hast du ihn gesehen ?" 

In Baden wird dann einmal ein langes Gespräch über Chris- 
tus und das Leben nach dem Tode geführt Ein andres 
Mal bei einer Tisehconversation sucht der „theure" Neffe 
selbst Beethoven über seine stete materielle Bedrängniss 
aufzuklären und zu trösten, und wir erfahren dabei auch 
wieder etwas vom Erzherzog Budolph, der jetzt gar Pabst 
werden konnte. Es heisstda unter anderm: 



I 



406 

„Wenn da so klag za Werke gingest wie Goethe, hattest da 
das auch [nämlich Geld]. Ich glaube, wenn Mancher deine Lage . 
wusste, du würdest auch jetzt schon fahlen, dass man dich wür- 
digt — von ans ist nichts za hoffen, aber im Ausland — Küssen 
wird er dich aber, aber sonst nichts — damit es heisst, er sei dein 
Gönner — ich hab anfangs ihn auch für besser gehalten, aber jetzt 
bin ich überzeugt, dass nichts von ihm zu hoffen ist." 

Daraufist noch von Sturms „Betrachtungen" Rede und von 
England, — ein Jahr dorthin und er habe soviel, dass er 
sich 10 Landhäuser kaufen könne! Dabei hat aber der 
Neflfe im Eifer zuviel Wein getrunken und bittet seinen 
liebsten Vater gar eindringlich um Verzeihung. Es kommen 
schon die Anzeichen des Anlasses zu den letzten schweren 
Kümmernissen in Beethovens Leben. 178 

Von Vollendung der Symphonie „in 14 Tagen" war 
bei den jetzigen Gesundheitsumständen natürlich nicht Bede. 
„Du lieber Himmel, statt dass andere sich beim Bade- 
gebrauch erlustigen fordert meine Noth dass ich alle Tage 
schreibe," heisst es zwar in einem Briefe vom 5. Sept. 1823 
an Bies, und dabei: die Partitur der Sinfonie sei dieser 
Tage vom Copisten vollendet und gehe dieser Tage abl 
Allein im Bewusstsein, dass hier denn doch ein wenig zu 
weit übers Ziel geschossen worden, geht statt dessen ein 
anderer Brief vom gleichen Datum ab, worin es heisst: 
„Unterdessen können Sie sicher darauf rechnen, dass sie 
bald in London sein wird", und im Dezember lässt Mo- 
scheies noch durch Schindler bitten, die Symphonie bis zu 
seinem Abgang am 2. Januar „vorzubereiten". Von der 
Stimmung und Verfassung Beethovens in dieser Zeit des 
mühevollsten Bingens um ein höheres Dasein bei diesem 



407 

Werke aber haben wir ebenfalls genügende Nachricht Da 
ist zunächst wieder Frau Marie Pachler-Koschak (v. o. 
S. 122). Sie schreibt zu Weihnachten 1823 an Prof. Schneller: 

„Was mir aber in die Seele schnitt, war der Anblick Beet- 
hovens, ich fand ihn sehr gealtert. Er klagte über Krankheit 
und Andrang der Geschäfte» Seine Taubheit hat wenn möglich 
noch angenommen, allein seine Abneigung oder vielmehr Unfähig- 
keit selbst su sprechen scheint sich verloren zu haben." 

Beethoven selbst schrieb ihr an diesem 27. Sept. in Vöslau 
die Worte des Opferliedes „Das Schöne zu dem Guten" als 
Andenken auf. Genaueres aber erfahren wir durch J. A. 
Stumpff aus London, der bereits 1816 in Wien gewesen war. 

„Der 28. September 1828 wird mir immer als ein dies faustus 
erinnerlich bleiben, in Wahrheit ich wüsste nicht, dass ich jemals 
einen glücklicheren Tag verbracht hätte," 

so schreibt der Thüringer Harfenfabrikant, der seine grossen 
Landsleute aufsuchte und den Engländern dann Bericht 
erstattete, an das Londoner „Harmonicon" von 1824. Früh 
morgens schon sei er mit zwei Wiener Herren, ohne Zweifel 
Streicher und Haslinger, nach Baden gegangen und 
auch sogleich bei dem Meister vorgelassen worden: 

„Er sah mich zuerst sehr ernsthaft an, gleich darauf aber 
schüttelte er mir herzlich die Hand wie einem alten Bekannten. 
Ich fand zu meinem aufrichtigen Bedauern eine beträchtliche Ver- 
änderung in seinem Aeusseren und es fiel mir sogleich auf, dass 
er sehr unglücklich aussah. Seine späteren Klagen gegen 
Hrn. H. bestätigten meine Besorgnisse." 

Seine Taubheit dagegen fand er nicht so schlimm wie er 
sie sich gedacht, die Conversation konnte mündlich ge- 
schehen, zumal Haslinger dabei war, den er gut verstand, 
und so ward der Tag zu einem sehr heiteren. Stumpff sagt: 



408 

„Niohte kann lebhafter munterer und um einen Ausdruck in 
gebrauchen, der seine eigenen Symphonien so passend charakteri- 
sirt, energischer sein als seine Unterhaltung» wenn es nur erst 
gelungen ist ihn in eine gute Laune zu versetzen. Er wünschte 
für eine Compositum, mit der er gerade beschäftigt war, den höchst 
mögliohen Ton der Posaune zu wissen und fragte Hrn. H. danach, 
dessen Antwort ihm aber nioht zu genügen schien. [Wir hörten 
ob. S. 398 von den „Posaunenstoesen" des Freuden-Finales.] Er 
stellte mir seinen Neffen vor, einen schönen jungen Mann von 
etwa 18 Jahren, den einzigen Verwandten, mit welchem er auf 
freundschaftlichem Fasse lebt und sagte: Sie können ihm wenn 
Sie wollen ein Räthsel auf griechisch aufgeben." 

Im Frühjahr hatte auch Schindler aufgeschrieben, Karl habe 
einem fremden Herrn, der ihn im griechischen examiniren 
wollte, sogleich ein Räthsel aufgegeben, und dieser selbst 
erzählt im August, Blöchlinger habe selbst gesagt, dass er 
der einzige seiner Schüler sei, der Hoffnung gebe. Um so 
begreiflicher des in sein eigenes Thun versunkenen Meisters 
überschätzend liebendes Vertrauen zu diesem Sohne und 
dass „der liebevollste Vater nicht grossere Opfer hätte 
bringen können als er gethan", wie Stumpf damals in Wien 
erzählen hörte! 179 

Um Mittag ward ein Gang ins romantische und schöne 
Helenenthal gemacht. Beethoven zeigte dem Gaste die 
schönsten Puncte: „dann schien er wieder ganz in sich 
versunken und summte blos auf unverständliche Weise vor 
sich hin." Man speiste im Freien und Beethoven war be- 
sonders zufrieden, dass keine weiteren Gäste da waren, 
konnte aber umsoweniger seine Bemerkung über das luxu- 
riöse Mal o. S. 205 zurückhalten, das wohl der „Faijake" Has- 
linger bestellt hatte. Das Anziehendste war dem von London 



409 

Kommenden natürlich was er hier über Händel ver- 
nahm. Er erzählt: 

„Händel ist der grö&ste Componiat der je gelebt hat, hörte 
ich ihn sagen und ich kann nicht beschreiben, mit welchem Pa- 
thos und ich möchte sagen Gehobenheit des Ausdrucks er von 
dem Messias dieses unsterblichen Genius sprach. Jeder von uns 
war ergriffen als er sagte: Ich würde mein Haupt entblössen and 
auf seinem Grabe niederknien! H. und ich versuchten wiederholt 
das Gespräch auf Mozart zu lenken, aber umsonst. Ich horte 
ihn nur sagen*, in einer Monarchie weiss man wer der Erste ist, 
— was sich auf diesen Gegenstand beziehen mag oder auch nicht." 

Wir aber wissen was für eine Chorcomposition damals von 
ihm selbst geschaffen ward, und in dieser Art halb bühnen- 
mäßiger polyphonen Massenentfaltung ist eben Händel Meister 
nnd mnsste in diesem Momente gar als Erster gelten. 180 . 
Weiter geht uns hier an, was Stumpf von Hörensagen 
mittheilt: Beethoven kümmere sich sehr wenig um die 
neuesten Arbeiten lebender Gomponisten, so wenig dass 
er über den Freischütz befragt zur Antwort gegeben habe: 
„Ich glaube, ein Weber hat ihn geschrieben". Es gab aller- 
dings damals mehrere Weber von Ruf: der nicht lange 
vorher gestorbene königL preuss. Gapellmeister Bernhard 
Anselm, der Theoretiker Gottfried, der uns noch begeg- 
nen wird, der Prager Gonservatoriumsdirector Dionys nnd 
unser Karl Maria von Weber, und jedes musikalische 
Lexikon sagt uns, dass dieselben damals nach ihrem Kön- 
nen noch nicht so genau bestimmt waren, dass bei Nennung 
des Freischütz auch sogleich jeder hätte wissen müssen, dass 
derselbe von E. M. von Weber ist. Wir aber wissen, dass 
dieser Weber zumal nach der Fidelioaufführung in Dresden 
Beethovens „lieber Freund" war, und er selbst hat am 



410 

11. August dieses Jahres 1828 in sein Tagebuch notirt: 
„Sonate und Variationen [ohne Zweifel die kurz zuvor er- 
schienenen Op. 111 und 120] von Beethoven erhalten". 

Ja wir finden denselben sogar gerade in diesen Tagen 
selbst bei unserm Meister, und der Bericht über die Begegnung 
mit demjenigen Künstler, der zuerst in dunklem Instinct 
den Versuch der Verwirklichung jenes wahren dramatischen 
Kunstwerks gemacht, das in Beethovens Symphonien und 
zumal in der Neunten in höchster Potenz latent ist, wird 
uns auch diesem Werke selbst aufs neue zufahren. 

Es war hier wiederholt von der Euryanthe Bede. Alle 
"Welt erwartete davon die Wiedererstehung der deutschen 
Oper, die sie denn auch trotz allem aufs schönste inaugu- 
rirt hat. Auch Beethoven hatte in Gegenwart Stadlers 
und J. Benedicts zu den „Paternostergässlern", mit denen 
eben nach dem letzten argen Strauss äusserlich wieder 
Frieden geschlossen worden war, geäussert: 

„Es freut mich, dass Sie wieder ein deutsches Werk verlegen, 
loh habe viel Gates von Webers Oper gehört, ich hoffe sie wird 
ihm und Ihnen viel Geld und Ehre einbringen/' 

Trug er sich doch selbst mit der Melusine, und Stumpff 
wollte ihn sogar schon mit ihr „beschäftigt" finden. So 
stand bei Weber, der dem oft leidenden und als rauh ver- 
schrieenen Meister persönlich zu begegnen bisher Bedenken 
getragen, der Besuch jetzt fest, und am 5. October fuhr 
er durch Haslinger angemeldet mit diesem und Benedict 
nach Baden. Das öde fast ärmliche Zimmer war in der 
grössten Unordnung, Musik, Geld, Kleidungsstücke auf dem 
Fussboden, auf dem unsaubern Bette Wäsche gehäuft, der 



411 

offenstehende Flügel mit Staub bedeckt, zerbrochenes Kaffee- 
geschirr auf dem Tische. Und seine eigene Bekleidung 
kennen wir schon. Benedict meint, so müsse Lear oder 
die ossianischen Barden ausgesehen haben: das Haar dick, 
grau, in die Höhe stehend, hie und da ganz weiss, Stirn 
und Schädel wunderbar breit gewölbt und hoch wie ein 
Tempel^ die Nase viereckig wie die eines Löwen, der Mund 
edel geformt und weich, das Kinn breit mit mächtigen 
Kinnbacken. Bann weiter von dem geistigen Eindruck: 

„Ueber das breite blatternnarbige Gesicht dunkle Böthe ver- 
breitet, unter den finster zusammengezogenen buschigen Brauen 
blickten kleine leuchtende Augen mild auf die Eintretenden." 

Beethoven erkannte Weber, ehe er ihm genannt ward. 
Er hatte ihn erwartet und wohl auch sein Portrait gesehen, 
unter das Weber geschrieben hatte ; „Wie Gott will", was 
den losen Wienern Anlass zu allerhand Witzen gab. „Da 
bist du ja, du Kerl, du bist ein Teufelskerl! Grüss dich 
Gott!" habe er ihn in die Arme schliessend ausgerufen. 
Während der Conversation, von der nichts mehr vorhanden 
ist, kleidete er sich ungenirt zum Ausgehen an. Bittere 
Ellagen über seine Lage, über Kunstinstitute und Publicum 
erschollen. Weber der sehr bewegt war, rieth ihm sich 
diesen widerlichen entmuthigenden Verhältnissen zu ent- 
reißen und eine Kunstreise durch Deutschland zu machen 
wo er sehen werde was die Welt von ihm halte. „Zu 
spät!" rief Beethoven, machte die Pantomime des Ciavier- 
spielens und schüttelte den Kopf. „So gehen Sie nach 
England das Sie bewundert", schrieb Weber. „Zu spät!" 
schrie Beethoven, nahm Weber demonstrirend unter den 



4 12 

Ann und zog ihn mit zum Sauerbad zum Speisern. Hier 
ward er nun ganz Herzlichkeit und Wärme, und Weber 
seihst schreibt an seine Frau: 

„Wir brachten den Mittag miteinander zu, sehr fröhlich und 
vergnügt. Dieser rauhe zurüekstossende Mensch machte mir 
ordentlich die Kur, bediente mich hei Tische mit einer Sorgfalt 
wie seine Dame. Kurz dieser Tag wird mir immer denkwürdig 
bleiben, sowie allen die dabei zugegen waren. Es gewahrte mir 
eine eigene Erhebung, mich von diesem grossen Geiste mit 
so liehevoller Achtung überschüttet zu sehen/' 

Beim Abschied umarmte und küsste er Weber mehrere 
Mal, behielt lange die schmale Hand in der kräftigen eige- 
nen und rief: „Glück auf zur neuen Oper! Wenn ich kann, 
komme ich zur ersten Aufführung/ 4 Tief bewegt und er- 
hoben sei Weber nach Wien zurückgekehrt, heisst es zum 
Schluss. Er hatte dem Genius seiner Kunst persönlich 
ins Auge geschaut, dies mochte ihm wohl der nahenden 
Entscheidungsstunde gegenüber doppelt Stärke geben. 

Man kennt den ersten Erfolg der Euryanthe. Die 
Freunde deutscher Art und die Musikkenner in Wien hat- 
ten ihr einen l&rmvollen succfes d'estime durchgesetzt, beim 
grossen Publicum war und blieb sie so gut wie durch- 
gefallen. Der Streit war lebhaft, die Gultur stand dort 
hoch genug, um den Werth einer Erscheinung zu ahnen, 
die erst heute nach ihrer vollen Bedeutung zu würdigen 
ist Nach der zweiten Auffuhrung, die am 27. Oci 1828 
stattfand, habe es im Paternostergässchen gewimmelt 
Weigl, Umlauff, Kreutzer, Blahetka, Saphir, Jeittelee, 
Schuppaazigh, Sonnleithner, Schubert seien zugegen gewe- 
sen, als auch Beethoven auf seine hastige Weise in den 




418 

Laden getreten sei und Haslinger nach der Oper gefragt 
habe. „Ausserordentlich! Ein grosser Erfolg! 44 habe dieser 
aufgeschrieben und Beethoven entgegnet: „Das freut mich, 
das freut mich, so muss der Deutsche über den Singsang 
zu Eecht kommen". Er frug nach der „kleinen Sontag", 
und wir wissen warum er* „schmunzelte" als es hiess sie 
habe vortrefflich gesungen. Zu Benedict, der ebenfalls 
dieses überliefert hat, sich wendend habe er dann Weber 
sagen lassen: „Ich wäre hineingekommen, aber wozu? — 
Seit langer Zeit schon", — und sei auf sein Gehör deutend 
davon gelaufen, Aber er lud den ritterlichen deutschen 
Meister noch einmal zu sich zum Speisen, und der „auf- 
dringende Appendix von Schindler", der dabei zugegen zu 
sein hatte, erzählt uns, dass an diesem Novembertage — 
Weber reiste bereits am 5. ab — ein Feuerwerk von sprü- 
henden und prasselnden Witzen und Sarkasmen abgebrannt 
aber auch oft und viel über musikalische Studien ge- 
sprochen worden sei. Sie kehrten gleicherweise an ihre 
Lebensarbeit zurück, doch sollte Beider Wolle bald ab- 
gesponnen sein. 181 

Für Beethoven galt es jetzt vor allem, die Symphonie 
möglichst bald zu vollenden. 

„Wenn Sie die Oper nicht schreiben, so ist es ohnehin mit 
der deutschen Oper aus, dies sagen alle Leute; nach der verfehlten 
Weberisohen Oper haben mehrere die Bücher zurückgeschickt," 

so schreibt in diesem Spätherbst Lichnowsky auf. Ebenso 
lädt Beethoven selbst jetzt Grillparzer ein, der Direction 
seine Bedingungen anzugeben, sein Hauswesen sei seit 
einiger Zeit in grosser Unordnung und überhäuft beschäf- 



414 

tigt habe er sich ihm bisher nicht nähern können. So 
steht denn auch im Kalender von 1828 mit einer Schluss- 
bemerkung Schindlers von der Hand Beethovens: 

„t am 8 oder 9ten November böser Geist, f wieder böser Tag,. 
t wieder böser Tag/' — „Der Teufel hole so ein Leben nicht wahr?" 

Und es deutet auf gleiche Stimmungsäusserungen, wenn 
um dieselbe Zeit der Neffe aufschreibt: 

„Demungeachtet ist diese die beste Welt — es will doch Keiner 
fort/ 4 

Aber „otium est vitium u , vernimmt Grillparzer. Ausser 
den bereits genannten Arbeiten stand jetzt auch der „Sieg 
des Kreuzes" bevor, da Bernard endlich den Text abge- 
liefert hatte, und diese Verpflichtung war um so dringen- 
der, als schon 1819 ein Vorschuss von 400 PL W. W. auf 
dieses Werk genommen worden war. So gewinnt Schind- 
lers Bericht Körper, dass nachdem Beethoven ende October 
seine neue Wohnung auf der Landstrasse (Ungergasse 
No. 823) bezogen, er sich mit ausserordentlichem Fleiss 
an der Partitur- Ausarbeitung der ersten Sätze der Sinfonie, 
die schon bis auf den 4. Satz im Kopfe fertig, nach den 
Hauptgedanken aber in den Skizzenheften fixirt gewesen 
sei, gehalten habe. Und wie es mit dem Finale stand, wis- 
sen wir. Weiter aber erzählt derselbe Gewährsmann in 
seinem mährischen Deutsch: 

„Gegen seine Gewohnheit Hess er manches über diese neue 
Schöpfung fallen, so auch dass er mit dem 4. Satze noch nicht 
einig mit sich selber sey, zunächst hinsichtlich der zu wühlenden 
Strophen aus Schillers Ode „An die Freude". An die Ausarbei- 
tung des 4. Satzes gekommen begann ein selten bemerkter Kampf. 
Es handelte sich um Auffindung eines geschickten Modus zur Ein- 
führung der Schillerschen Ode. Eines Tages ins Zimmer tretend 



415 

[nämlich Schindler trat in Beethoven» Zimmer] rief er mir ent- 
gegen» loh hab's, ich hab's l Damit hielt er mir das Skizzenheft 
vor, wo notirt stand : Laset uns das Lied des unsterblichen Schiller 
singen, worauf eine Solostimme unmittelbar den Hymnus an die 
Freude begann. Allein diese Idee musste später einer unstreitig 
zweckentsprechenderen weichen, nämlich: Freunde, nicht diese 
Tone! sondern laset uns angenehmere anstimmen, und freuden- 
vollere!" 

Wenn Schindler jedoch weiter meint, dass damit der ge- 
sammte Eingang ein anderer geworden sei, als ursprünglich 
im Plane gelegen, und dass namentlich das mächtige Beci- 
tativ für die Bässe erst später hinzugekommen sei, so ist 
davon nur das Eine anzunehmen, dass eben sozusagen der 
Wortlaut des Recitativs erst jetzt mit Auffindung der 
Worte selbst völlig festgestellt worden ist, die allerdings so 
ziemlich auf diesen Sprech-Gesang passen. Der Eingang 
und ganze Wurf des Finales aber stand wie wir oben sahen 
schon seit dem Sommer in den entscheidenden Zügen fest 182 
So ständen wir denn jetzt nach langer Beschäftigung 
mit seiner Vorgeschichte vor dem vollendeten Werke selbst 
Doch ist für den Fachmann zuvor noch ein Wort über 
die äussere Erscheinung der letzten Aufschrift zu sagen, 
die uns zum Glück ebenfalls aufbewahrt ist 

Die Original-Partitur, nach Schindlers Behauptung infolge 
der Erinnerung an das Schicksal der Missa o. S. 262 nach der 
Copirung ihm geschenkt und dadurch bis auf das Finale, von 
dem die Hauptsache in Wien ist, an die Berliner Bibliothek ge- 
kommen, kann allerdings als „ein Muster von Sauberkeit und 
Deutlichkeit'' unter den Beethovenschen Manuscripten gelten. Man 
erhalt also auch nach dieser Seite des Werkes, das soviel innere 
und äussere Arbeit gekostet, den Eindruck der vollsten Ueberwin- 
düng des Materials und der seelenruhigsten Verkündung des end- 
lich gewonnenen Evangeliums von Glück und Freude. Auch besitzen 



416 

wir aus diesem Spätherbst 1828 keinerlei sonstige schriftliche Lebens- 
zeichen als die oben mitgetheilten Zettel. Der 1. Satz zeigt nur hie 
und da in den Mittelstimmen eine kleine Aenderung: ein paar Tact- 
elidirungen beruhen nur auf Unachtsamkeit beim Aufsehreiben, 
nicht auf Zweifeln im Gang des Ganzen, der vielmehr wie man 
leicht erkennt, absolut feststand, ehe die Partiturabschrift begonnen 
ward. Nur bei dem Basso ostinato des Schlusses fing ursprüng- 
lich sogleich das volle Streichquartett an, was durch Ausstreichen 
zu dem jetzigen allmäligen Eintreten der Stimmen umgeändert ist. 
Von Posaunen, wie sie in dem Entwurf von 1816 bei diesem 
Kampf mit der Vernichtung gewollt waren, findet sich nichts, sie sind 
für den Moment der Neuerstehung des Innern im Finale aufge- 
spart. Auch das Scherzo, nb. auf dem gleiohen Papier geschrieben, 
geht gleichmässig und reinlich fort, nur bei der Cadenz des 1. Theils 
und im Trio stehen einige Tactelidirungen und sonstige Aenderungen. 
Im 2. Theil steht einmal ohne jeden ersichtlichen Grund am Bande 
„Gneixendorf". Sollte ihm bei diesem Bilde der „Possen" des 
Lebens der Herr Bruder Pseudo in den Sinn gekommen sein, der 
sich damals zur Veränderung auch einmal hatte — das Haar fär- 
ben lassen? — Das Adagio ferner ist ebenfalls von äusserster 
Reinlichkeit und ohne Ausmerzung auch nur eines einzigen Tactes. 
Denn 2 geänderte Stellen, beim Eintritt des Esdursatzes und in der 
letzten Cadenz des "/* Tactes beruhen nur auf Versehen. Dagegen 
sind die Anschwellungszeichen — = r=— nochmals mit Bothstift 
hinzugesetzt, als habe ihm der Ausdruck tiefinnerlicher Sehnsucht 
auch im einzelnen nicht markirt genug sein können. 1W 

Anders steht es übrigens nach dieser äusseren Erscheinung 
auch nicht mit dem Finale, das doch aus dem, Beethoven einzig 
ganz naturgemässen Fundamentalgebiete der Musik zu einer Wieder- 
spiegelung des Bildes vom Zusammenhange der Welt im eigenen 
Bewusstsein vorschreitet und daher so mancherlei Zweifeln Prüfen 
und Wählen mit sich brachte. Auch hier hat sich die Notwendig- 
keit der Sache, der innewohnende Gedankengang schliesslich sicher 
und klar hervorgerungen. -Nichts zeigt mehr das allmälige Wer- 
den noch den Drang der äusseren Umstände, rein und klar steht 
das edle Ganze vor uns. Das noch auf der Berliner Bibliothek be- 
findliche Allegro assai alla marcia, aus der Vorstellung des 



417 

durch innere Aufsohau in sich selbst erhobenen und siegreich 
dahinaohreitenden Menschenhelden hervorgegangen, hat wegen der 
„türkischen Musik" anderes Papier als die ersten Sätze, ist aber 
sonst von der gleichen reinlichen Sicherheit der Aufschrift. Das 
Gleiche ist von dem ganzen Eingang des Finales bis zum Eintritt 
des „O Freunde" zu sagen : es ist alles so recht „con amore" auf- 
geschrieben, ja die so wonnig selig sich wiegende erste Ausführung 
des Themas für Beethovens Schrift sogar schön. Jener Eintritt 
des Gesangssolos selbst aber verräth nicht die leiseste Spur des 
„seltenen Kampfes", der uns allerdings in den Skizzen büchern 
sichtbar genug entgegengetreten ist. Bei dem Ausruf „Freude!", 
wo wegen des Chors nooh grösseres Papier eintritt, — all diese 
Theile des Manusoripts besitzt Herr D. Artaria in Wien — 
steht sowohl über den Noten wie am Bande das Wort „angenehm", 
als sollte so recht eingeprägt werden, dass hier nun im Gegensatz 
zu den vorhergehenden Sätzen dem Gemüthe etwas geboten wird, 
das es als befreiend und erhebend auch wirklich annehmen kann. 
Das Weitere ist womöglich noch reinlicher und sicherer als die 
Stücke vorher und offenbar unmittelbar hintereinander fort ge- 
schrieben. Nur gegen den Schluss hin gehts hie und da etwas 
flüchtiger zu, als habe man eben mit dem Aufschreiben bald 
fertig sein müssen. Einzig bei den Blasinstrumenten im „Andante 
maestoso" und „Adagio divoto" ist mannigfach geändert und mit 
anderer Dinte hinzugeschrieben: es mochten mancherlei Ueber- 
legungen sowohl wegen Tonumfang wie wegen Klang der Instru- 
mente für diesen erhabensten Moment des Ganzen walten. Das 
letzte Prestissimo ist sogar höchst flüchtig geschrieben, und 
nur in dem Schluss mit den Yiertelstriolen zeigt sich wieder vollste 
Buhe der Schrift. Das Contrafagott ist auf einem besonderen Blatt 
sehr rasch aber sicher aufnotirt. 1M 

* 

Und nun endlich, was ist Inhalt und Bedeutung 
dieses symphonischen Werkes, das uns sogar nach seiner 
äusserlichsten Erscheinung die volle Lebens- und Schaf- 
fensruhe des Meisters bekundete? Es hat sich uns nach 
seinem allmäligen Entstehen als aus dem eigensten Fühlen 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 27 



418 

und Denken, ja fest aus dem persönlichen Erleben seines 
Erschaffers hervorgegangen erwiesen, sodass wir hier kaum 
viel anderes zu thun haben als die Hauptpuncte, den eigent- 
lichen Ideengang desselben nochmals deutlich auszu- 
sprechen. Und dies mag also zum Schluss unseres Kapitels 
und zum Abschluss dieses ganzen Buches von der „Erhe- 
bung" des Meisters geschehen. 

Wir erkannten den Charakter dieser 9. Symphonie schon 
nach ihren ersten Lebenskeimen als durchaus tragisch. 
Es ist die Tragödie menschlicher Existenz selbst, 
in dem Bilde einer Kunst dargestellt, die in ihrem Kern 
diesen ewigen Zwiespalt des Lebens selbst birgt und dem- 
selben ihr Dasein verdankt. Der „Schrei des geängstigten 
Willens", der uns als eigentlicher Grund und Schooss der 
Musik zu gelten hat, ist Vater jener Dissonanz, die das 
Leben derselben bildet und aus der die Harmonie sich erst 
gebiert. Und diesen Aufschrei in seiner höchsten Potenz 
als persönliches Geföhlsbewusstsein fanden wir in dem 
Motiv des 1. Satzes dieses Werkes ausgedrückt, also als 
Ursache und Grundlage seiner ganzen Existenz. 

„0 Vorsehung, lass einmal einen reinen Tag der Freude mir 
erscheinen ! So lange schon ist der wahren Freude inniger Wieder- 
hall mir fremd!" 

so hörten wir im Heiligenstädter Testament den angehenden 
Mann aufseufzen, und wie manches Erflehen dieses Glücks, 
das uns von Anbeginn bestimmt scheint, unendlich rührend 
und heilig wie Menschenflehen nur sein kann, erscholl 
nicht im weiteren Kampf mit dem Leben 'aus diesem 
Munde! Ebenso gewaltigstes Anspannen aller Kraft zur 



419 

unmittelbaren Erfassung des „ Allmächtigen, des Ewigen 
Unendlichen*', das uns Friede bedeuten soll, drückte sich 
in titanischen Zügen wie von hochragender Felswand für 
alle Menschheit zu lesen in jener „Missa solennis" aus, 
und wohl deuteten sich Spuren an, dass etwas von der 
Quelle gefunden, nach welcher alle Menschheit dürstet. 
Allein wie dieser Menschengeist auch den Himmel stürmte 
mit seiner sehnenden Klage und den ewigen Kreislauf der 
Dinge, in dem alles persönliche Leid sein Ende findet, 
mächtig verkündete, der Prometheus blieb gefesselt, und 
das Bewusstsein, dass wir „Endliche mit dem unendlichen 
Geist" an das Endliche gebunden sind und von ihm Mass 
und Richte der Existenz zu nehmen haben, frass nach wie 
vor an seinem Herzen. Wir vernahmen seine Klagen, 
markdurchdringend, herzerschütternd, in so manchem Aus- 
ruf des persönlichen Daseins wie in seinem Schaffen, und 
schenkten ein stets wachsendes Theilnehmen diesem wahr- 
haft grossen Menschenherzen, das trotz aller Noth und 
Bedrängniss an der Zusage des Glücks nicht [verzweifelt. 
Und erscheint er denn endlich seiner Qual erlöst und ge- 
winnt Versöhnung des Daseins, dieser wahre Faust-Prome- 
theus? 

Nun wahrlich, die ganze Welt durchtönt der Buf der 
öden Schmerzen in dem ersten Satz dieser Neunten Sym- 
phonie, und kein Zweifel, sie ist ihm ein leeres Nichts, 
diese Welt des Daseins und der Erscheinungen, und der 
Wille unfähig, sie „nach seinem Wunsche zu bilden", und 
doch muss sie umgeschaffen, ja erst eigentlich geschaffen 

werden, diese Welt, das ist das ewige Gebot des Geistes, 

27* 



420 

der sich nach seiner Unendlichkeit im Menschen lebendig 
weiss, und so durchfährt wie ein Strahl des ewigen Lichts 
dieser geistige Wille das leere hohle dunkle Nichts und 
behauptet sein Dasein selbst im Vernichten da wo noch das 
Schaffen fehlt. Wann und wo ist je was wir als Kraft 
des persönlichen Willens wie als das die dunkle Welt er* 
hellende Bewusstsein stets aufs neue empfinden und zu 
bethätigen haben, wenn wir überhaupt existiren wollen, 
mit solcher Kenntlichkeit seiner höheren Art und mit sol- 
cher einschlagenden Energie aufgetreten wie in diesem 
wahren Siegfriedsmotiv, das wie es selbst aus Nacht» und 
Oede hervorgebrochen, so auch selbst mit todeswunder 
Brust den Sieg behauptet und todeslustig das Schwert des 
Lebens schwingt? Aus beiden Motiven aber mischt und 
bildet wie dieses Leben selbst so dieser Satz sein unge- 
heures Bingen, in dem man die Grundvesten der Existenz 
erzittern hört. Und welche Blumen des aus tiefster Nacht 
mit vollstem Hoffen emporschauenden Menschenmuthes 
blühen an dem Abgrunde, in dem dieses innere Weltringen 
tost! Untilgbares Sehnen und sicherste Gewissheit des Siegs 
dringen gleich ergreifend aus diesen Weisen hervor, die 
denn auch Dur und Moll oft so nahe aneinander stellen, 
dass allerdings nicht die Tonart, aber um so reiner der aus 
Wollen und Erleiden gemischte Grundton des Lebens selbst 
hervorklingt. Zuletzt aber drängt es wie mit dem unlösch- 
lichen Sehnsuchtsdrang der Menschheit hervor und stemmt 
und kämpft und steigt durch die weiten Bäume der Exi- 
stenz, bis wenn auch nicht errungen doch als letztes Wort 
behauptet ist, was das innerste Leben als sein Becht und 



421 

endlichen Sieg empfindet! — Er hat nicht seines Gleichen, 
dieser Satz, nicht an erschütterungsvoller Pein des Daseins 
und Verfechten des ewigen Rechts der Individualität, nicht 
an sehnender Klage noch an sonniger Hoflhung, dass doch 
einmal gewiss „der Freude inniger Wiederhall 4 ' aus dem 
eigenen tiefsten Herzen hervorbrechen werde. Wir wissen 
jetzt, warum ihm vom Moment der erreichten äusseren Le- 
benshöhe an stets mehr „ganz andere Dinge vorschwebten 41 . 

„Aber du magst das Vernichtenswürdige grimmvoll 
schmähen, verfluchen und sogar zerstören, — du setzest 
keine andere Welt an seine Stelle, dein kühner Trotz des 
Selbstseinwollens , er birgt nicht das Heil, hier bleibt die 
Entbehrung deiner selbst ewig, und dein Sieg ist nur 
Vernichtung! 44 tönt es in innerer Brust 

Wie zum Spott also macht sich jetzt dieses kecke 
menschliche Ich nach seiner ganzen Sinnenhaftigkeit breit, 
in jenem einzigen Scherzo, das der Meister selbst scheu 
zurückhaltend blos mit „Molto vivace 44 bezeichnet hat So- 
weit Beethovens Scherzo über dem alten Menuett, steht 
hier an Lebensfülle und Drastik die Spiegelung sinn- 
lichen Daseins über allem, was dieser Künstler sonst von 
Leben und Dasein gezeichnet hat Selbst der fernste Wider- 
schein, der von dem hehren Menschenbewusstsein und kühnen 
Wollen des Bessern in jenem 1. Satze bis an die Öden Ge- 
stade des wirklichen Lebens dringt, vermag als gemeine 
Moral oder auch wirkliche Tugend für Tausende noch dies 
Leben inhaltsvoll zu machen. Für Beethoven sind es nur 
„Possen 41 was er da sieht wenn er die Augen aufschlägt 
Und doch mit welchem Blick mitleidender Güte vermag 



422 

ein solcher Sinn in dieses Dasein zu schauen, wo es auch 
nur wie im Volkslied ob. S. 256 ist: 

„Unser Käz häd Kazl'n g'habt, drai und sex si naini", 

und die ganze Existenz sich um sich selbst dreht, bis ein 
Bück sie dieser Welt entreisst. Ein alter Ungar sah in 
diesen späten Jahren unsern Meister oft, wie er im Prater 
oder sonstwo im Wald oder Park nahe den Bierfidlern 
sass und ihren Bhythmen lauschte. Da ertönte ihm des 
Tages Sein und Bedürfen in seiner vollen Unbefangenheit 
und Einfachheit, und wähnt man, dass selbst die gleis- 
sendste Hülle und übermüthigste Lust diesen Blick über die 
gleiche Bedürftigkeit und das stete Sichdrehen im kleinsten 
Kreise auch in anderen Lebenssphären getäuscht habe? 

Und lacht er oder weint er über solche Sinnengebunden- 
heit jener hochhehren Göttersöhne, die die Welt erfüllen 
wollen? Ich glaube beides. Der sich selbst geniessenden 
Sinnenexistenz geweiht schwebt dieses Bild so recht zwischen 
dämonisch wilder Lust und schmerzlichem Ahnen, dass 
doch alles nur Schein und Nebel, den über Nacht der Wind 
verweht. Aber es spielt auch hier förmlich das trübe Be- 
wusstsein mit sich selbst, spielt wehmuthvoll mit dem 
Banne des Daseins und doch wieder freudig mit der Ge- 
wissheit eines höheren und wahren Seins, — so recht 
Geistesfreiheit im höchsten Sinne, Welt-Humor wie nur 
je der Welt-Schmerz ihn erzeugt, und dies mit jener Güte 
im Herzen, die auch mit herbsten Notwendigkeiten ver- 
söhnt. Die Empfindung, dass selbst dieses so lebenslustige 
„wirkliche Leben" nur Possen, leitet das Innre stets weiter 
und weiter, — ja dem Spott über dieses Völkchen „dem 



428 

jeder Tag ein Fest wird 44 , kann nur um so heisseres 
Sehnen und Sachen nach einem Höheren und Dauernden 
folgen, — man bricht rasch ab, wie man sich halb ver- 
zweifelten Entschlusses and gleichsam kopfüber in dieses 
possenhafte Sinnen-Dasein hineingestürzt hatte. Aber wie 
dabei in keinem Momente die Höhe des Bewusstseins vom 
Wesen dieser Dinge und der menschlichen Welt überhaupt 
verlassen ist, so waltet auch eine eindringliche Kraft des 
Ausdrucks, ein übermüthig keckes Hinauswerfen des innen 
erschauten Lebensbildes, dass wir selbst uns für diese kurze 
Frist in volle Freiheit und Heiterkeit versetzt fühlen. 186 

Das jetzt folgende Adagio? — * 

Es war uns wirklich nur für kurze Frist der Wahn 
einer solchen Daseinsfreude gegeben. Denn wie sehr es der 
Befreiung des Ichs von sich selbst, des Willens von seinem 
Wollen bedarf um wirklich auch zum Oenuss seiner selbst 
zu gelangen, das sagte uns schon im 1. Satz jenes sogenannte 
zweite Thema (in B) mit seinen auf- und niedersteigenden 
Terzen der Bläser und dem Pochen der Geigen. Und aus 
diesem Himmelsfoden, der uns einer ewigen Existenz ver- 
bindet, webt nun dem zartesten) Zuge des Herzens folgend 
dieses „Adagio molto e cantabile" einen Schleier, der sich 
verhüllend über die trübe Leere dieses blossen Tages- 
daseins legt und es wie mit Morgenduft verklärt. „Canta- 
bile !" — In der tiefsten Stille und dem innersten Geheim 
der Seele muss das Lied von der ewigen Sehnsucht, die 
uns ein Höheres verbürgt, gesungen werden. Denn sie 
fühlt nur der Mensch, und sein Sagen solchen Leides heisst 
eben Gesang, den nun die Instrumente und oft auch die 



424 

Menschenstimmen nur nachahmen. Ohne Sehen darf dieses 
Thema der ergreifendste Trauergesang genannt werden, 
der je über die Gebundenheit unserer Existenz angestimmt 
worden ist Es ist unendlich gesteigert und vertieft jenes : 

„Ach! zu des Geistes Flügeln wird so leicht 
Kein körperlicher Flügel sich gesellen!" 

Und nicht genug des einen Gesangs wird noch ein zweiter 
und ungleich wehmutvollerer in abliegender Tonart ange- 
stimmt, als sei es nicht möglich gewesen, die Fülle des 
Leids in diese eine doch so tief ausdrucksvolle Melodie 
zu ergiessen. Erst bei der wirklichen Ausarbeitung kam 
wie wir sahen (ob. S. 394) dem Bildner selbst diese Empfin- 
dung eines Unzureichenden im Vergleich zu dem innern 
Weltsturm im ersten Satze. 

Allein hier fliessen nicht mehr Thränen, dieses Sehnen 
ist weit über Thränen hinaus. Und doch ist dieses Gefühl 
andrerseits jedes Zwanges der Welt frei, mit dem in jenem 
1. Satz der Geist gerungen, im Kampf sein Bestehen und 
seine äussere Unüberwindliqhkeit anerkennend. Hier waltet 
vielmehr innre Buhe, freies Anerkennnen einer ewigen 
Notwendigkeit Ja das Schauen versenkt sich bald förm- 
lich mit Erhebung in den Anblick des Hohen und Ewigen 
eines Weltgesetzes, dem alles Dasein angehört Es wird 
wie einst in der „Eroica" und „Pastorale", in der 5. und 
7. Symphonie der Blick auf die allgemeinen und allum- 
fassenden Mächte des Lebens gerichtet und, jetzt freilich 
in unvergleichlich erweitertem Vermögen, unmittelbar mit 
Geist und Sinnen das Ganze der Welt erfasst und an 
seinem ungeheuren Gange, an seiner ungetrübten Harmonie 



425 

Antheil genommen. Nichts gleicht der erhabenen Intuition, 
womit in diesem Adagio jenes ewige Gesetz des Seins 
erfühlt, erkannt, nichts der künstlerischen Inspiration, womit 
diese unermeßliche, mit Sinnen unfassbare Vorstellung 
uns dennoch hier zur Sinnenerfassung gebracht worden ist 
Wir erblicken den ewigen Lauf der Gestirne, in deren 
Anblick der Meister selbst so sehr sich zu versenken liebte, 
wir vernehmen den alles bewegenden Puls der Welt 
Das einfache und gleichwohl nicht zu überhörende Nach- 
schlagen der Mittelstimme sogleich im Anfangsthema selbst 
wird schon bei dessen erster Variirung zum deutlich ver- 
nehmbaren gesetzmässigen Schlagen, im Esdur-Satze aber 
zum geheimnissvoll lebendigen Zucken, das uns wie das 
Mysterium des Lebens selbst ergreift, bis dann im 12 / 8 Tact, 
wo alles und jedes zuckt und lebt, plötzlich ein Pochen 
wie mit ehernen Schlägen ertönt, das anklingend auch 
schon in ein paar Stellen jenes „ Credo !" vernommen worden 
war: es ist als hörten wir in tiefster Stille des Werdens 
und Vergehens plötzlich die Weltenuhr selbst mit ihrem 
unveränderlichen Stundenschlag, ein gleichgeltendes Gesetz 
allem Wesen und Dasein ! Es öffnet sich, ein nur der Kunst 
mögliches* Wunderwirken, der Himmel, und strahlend er- 
scheint die Königin des Seins, Notwendigkeit, die Welten- 
herrscherin , die auch im Schooss der Töne und da vor 
allem lebt Das Kosmische dieser hehren Kunst kommt 
in voller Deutlichkeit zur Empfindung und Wirkung. Das 
Herz wird still in sich : vor solch erhabenster Herrlichkeit 
verschwindet das einzelne Wesen und verstummt alles 
eigene Wollen, es erklingt in Wahrheit die „Harmonie 



426 

der Sphären", von der soviel gedichtet worden, und in ihr 
verhallt der Schlag des menschlichen Herzens. 

Es ist nichts Erhabeneres je gebildet worden als 
dieses Adagio der Nennten Symphonie: es streift an die 
Sphäre des Ideals und ist das Ideal schon selber. Die „ganz 
anderen Dinge" bewähren ihre innere Wahrheit und Kraft 
stets mehr. Es muss ein unermessnes und wahrhaft über- 
sinnliches Schauen gewesen sein, in dem Beethoven dieses 
Bild des ewigen Seins erfasste , und wir begreifen jenes 
„höchste Stadium geistiger Exaltation", in dem er ohne Hut 
nach Hause zurückkam. So wäre es auch mehr als irgend 
sonst geradezu Vermessenheit, diesem Bilde in den einzel- 
nen Zügen mit blossen Worten beschreibend nachgehen zu 
wollen, da ja selbst die vollendetste sinnenhafte Darstellung 
es schwer hat, uns in die göttliche Ausgleichung der Stim- 
mung und auf die freie Höhe der Anschauung zu erheben, 
aus der dieses Wunderwerk der Kunst geflossen. Seit der 
Antike sah die Welt solches Wirklichwerden des Ideals 
kaum je in einem künstlerischen Schaffen, und nun vergegen- 
wärtige man sich das so weit über jede einzelne Kunst 
hinausgehende und völlig weltumfassende Wesen der 
Musik selbst! Darum auch hier wieder die ganze Fülle und 
Energie der Dissonanz erscheint. In dieser Sehnsucht ist 
nichts Sentimentales: in ihr waltet vielmehr die ganze 
Kraft des Lebenstriebes, der sich schliesslich in grenzen- 
loser Schaffenslust selbst zum Unendlichen erweitem möchte. 

„Beinahe könnte man sagen, die ausgezeichnetsten erhalten 
durch. Leiden Freude," 

schrieb Beethoven einmal im Herbst 1815 an die Gräfin 



427 

Erdödy. Es ist das antike, das heisst natürlich mensch- 
liche UrgefÜhl des Lebens und der Kraft, das sein ^ins- 
sein mit dem Ganzen der Welt und Schöpfung noch unge- 
trübt weiss, und dies gibt dem ganzen Satze eine stets 
mehr strahlende Heiterkeit und die ungebrochene Fülle 
von Licht Kraft und jeder Herrlichkeit der Erscheinung, 
die wir eben an der Antike bewundern, 186 

Allein, allein, — wir Neueren sind nun einmal mo- 
dern, und mögen wir zugleich sentimental erscheinen, 
auch der stärkste und freieste Geist entwindet sich der 
innern Menschenbedürftigkeit nicht Und dann in der 
That, wie auch der Anblick eines ewig Wechsellosen im 
endlosen Wechsel dem persönlichen Leiden Suhe bringt, 
es ist die Suhe des Lebens nicht, was wir in all der 
Herrlichkeit gewinnen: es war ein Sein, wo allerdings 
Schweigen aller Wünsche eintritt, wo aber eben dieses zu 
Leid und Freude geschaffene Menschenherz sich in unge- 
heurer Einsamkeit fühlt und schliesslich „doch zu Grunde 
geht". Hier sieht das Innere sich zwar seiner Qual ent- 
laden, aber auch völlig ununterschieden und lebenlos in das 
All des Seins aufgehoben. Es will ein anderes Ganze, in 
dem sein eigenes Wesen widerhallt und aus dem es in 
voller Hingebung seiner selbst neugeboren erstehen kann. 
Nicht der Pulsschlag der Welt selbst ist es was wir suchen, 
sondern wie derselbe im menschlich lebendigen Wesen 
zuckt und da erst sein volles Gelten, als Puls des Lebens 
gewinnt. Des Menschen Wissen von der Welt ist 
einzig die Liebe, die Bethätigkeit der ewigen Schaffens- 
kraft im Aufgeben des eigenen Wesens an das Andere und 



426 

Ganze. Und wie bei unserem Meister sich diese imma- 
nente Menschenwahrheit mit stete zunehmender Sicherheit 
ans der Tiefe des rein menschlichen 'Empfindens und mit 
der vollen Unbefangenheit persönlich inneren Erfahrene 
ans Licht des Bewusstseins emporrang, das zeigte uns auf 
fest überraschende Weise die allmälige Entstehung dieses 
Hauptwerkes seines Lebens selbst Auch hier waltet nur 
unbewusste Fortbildung jener „ganz anderen Dinge", die 
ihm vorschwebten und gewissennassen überhaupt am 
Schaffen und Leben erhielten. 

Es liegt uns also jetzt ob, den Gedankengang dieser 
Erstehung wahrer „Freude* 4 selbst zu verfolgen, ob er ebenso 
wie jenes Bild unseres Leids und sehnenden Schauens vor 
der Wahrheit des unmittelbaren Gefühls d. h. vor der allge- 
meinen Vernunft besteht? Dabei ist aber im vornhinein das 
überschauende Urtheil auszusprechen, dass eben diese Lösung 
des Werks und seiner Räthsel nach Seite der äusseren Er- 
scheinung nicht als auf der gleichen Stufe 'der Concentra- 
tion und Vollendung stehend erscheint wie die drei ersten 
Sätze. Vor allem zeigt dies Finale nicht im gleichen Masse 
jene volle Unbefangenheit und Unmittelbarkeit, jenes unge- 
brochene Hervorbrechen aus „dunklem Schooss 44 , das ein 
Kunstwerk gleich einem Bilde des ewigen Lebens auf die 
Höhe dieses Lebens selbst erhebt. Es erscheint, wie sonst 
Beethovens Schaffen auf seiner Höhe wahrlich nicht, als 
„von des Gedankens Blässe angekränkelt 44 . Es hat den hier 
waltenden psychologischen und sagen wir geradezu drama- 
tischen Process nicht auch bis zur letzten Instanz durch- 
gemacht noch sein Resultat frei und sicher ergriffen. Aller- 



_ 429 

m 

dings ein öemüth, das wie in jenem Adagio in sich selbst 
die Schranken der Sonderexistenz überwunden zeigt und die 
Welt nnd ihr ehernes Gesetz rückhaltlos in sich aufgenommen 
hat, ein solches ßemüth kennt nur noch das Wollen eines 
Daseins, wie es dort unverhüllt erschien, das die gleiche in- 
nere Notwendigkeit in sich birgt, und steigert dieses 
göttliche Schauen selbst bis zum schaffenden Vermögen. 
Gerade aus jenen nie gehörten Schlägen, die wie die Kraft 
des ewigen Seins selbst hervorbrechen, konnten wir ja die 
Tiefe des Leids ermessen, das solch ein Schauen und Kön- 
nen erzeugte: aus seiner furchtbaren Nacht gebiert sich 
das Licht eines neuen Daseins. Und niemals, das wieder- 
holen wir, sind vorher Weisen von mehr sengender Schmer- 
zensgluth und wahrem Todeszucken gehört worden: sie 
schienen mit der Macht eines himmlischen Feuers alles Ver- 
gängliche an diesem Menschensein aufzehren und dasselbe 
eines höheren Daseins fähig machen zu wollen. Die Tra- 
gik gebar sich hier nicht blos die humoristische Verspot- 
tung aller beschränkten Sinnenseligkeit, sie gebar sich auch 
das Sehnen, sich der irdischen Bande zu erlösen und mit 
freiem Fittige zum Ewigen sich aufzuschwingen. Wir 
stehen staunend vor solcher Grösse und Geisteskraft und 
verehren das heilige Leid, das diese Menschenbrust ver- 
zehrte, wie das Bild, das sie von einem Ewigen gab. 

Aber wie herrlich diese Bilder unseres Kämpfens und 
Sehnens strahlen und selbst bei der fernsten Erinnerung 
an ihre Klänge das Herz in seiner Tiefe erzittern machen, 
sodass wir in lebendiger Gestalt selbst einen Grossen und 
Ewigen unseres Geschlechts vor uns stehen sehen, so fuhrt uns 



430 

doch die endlich gewonnene Versöhnung hier nicht ebenso 
anf die wirkliche Höhe des Lebens nnd der Kunst, sondern 
wie bei Goethes Faust ist sie nur ein mächtiger Anruf 
und unvergleichlich stolzer Anlauf zu dieser Lösung, — 
die Lösung selber, die uns völlig befriedet entliesse, ist sie 
nicht. Mag man es in den Gränzen der Anschauung des 
Meisters selbst, mag man es in denen seiner Kunst suchen, 
— so tief in dieser unerhörten Schöpfung der Ausdruck 
des ewigen Zwiespalts der Welt war und sosehr vielleicht 
uns Neueren überhaupt dadurch erst die volle Gewalt des 
Tragischen aufgegangen und „finsterer Harm" wie Erlösungs- 
sehnen geweckt worden ist, es bleibt hier eben doch bei 
diesem sehnsuchtsvollen Gefahl von der Sache oder viel- 
mehr bei ihrer wiederhallenden Ausmalung: denn den Act 
dieser Erlösung selbst stellt uns einzig die mit Sinnen zu 
fassende wirkliche menschliche That, die Tragödie selbst 
dar, und ihrer Erscheinung hatten wir seitdem zu harren. 
Allein wie sehr auch diese völlig sichere That des 
Lebens und der Kunst einer späteren und gewissennassen 
männlich gereifteren Epoche bedurfte, — ohne jene lite- 
rarische und diese musikalische Tragödie, die wir auch rein 
historisch und sogar psychologisch in so nahem Zusam- 
menhang miteinander stehend fanden, ohne Faust und 
Neunte Symphonie war diese That nicht zu verrichten 
ja vielleicht nicht zu denken. Beide Werke trafen wie 
erhellender Blitz das Bewusstsein der Zeit und Nation und 
riefen mit Kiesenlaut in dieses Dasein hinein, dass es zu 
sich selbst erwache! Und darum haben wir uns von diesem 
das tiefere Fühlen und Denken unserer ganzen Epoche 



431 

wiedertönenden Freuden finale genaue ^Rechenschaft zu 
geben. Spiegelt es auch wie die „Missa solennis" mehr 
nur das Wünschen und Wollen der Zeit ab und lftsst zum 
Theil den „guten Glauben" und die „selige Rührung" mehr 
als nothwendig erscheint bestehen, — ist es andrerseits 
mehr blosse Intention und beschreibende Ausmalung als 
der Kunst nach ihrem letzten Ziele zumal bei solcher 
höchsten Aufgabe gestattet ist, so wollen wir nicht ver- 
gessen, es ist ein Widerschein des wahren Seins, 
von einer grossen Menschenseele mit der vollsten Aufrich- 
tigkeit eigenen inneren Bedürfens gesucht, und darum selbst 
ein höheres Leben. Ja wir kennen unseren Meister 
und seine Kunst nicht ganz, wenn wir ihn nicht auch in 
den natürlichen Schranken seines Könnens und Strebens 
sehen, und werden diese immerhin weit genug gesteckt 
finden, um den Anblick eines Hohen und Unvergäng- 
lichen in der Kunst und eines Bildes vom wahren Glück 
unseres Geschlechts nicht zu entbehren. 

Wir gehen also zu diesem letzten Theile unserer Auf- 
gabe über, bei dem es sich von selbst versteht, dass nur 
der Gedankengang des Künstlers selbst zu verfolgen ist, 
sowie sich derselbe in der Wahl der Verse des Gedichts 
und in der Ausmalung von dessen Vorstellungen darstellt 187 

Also „Freude" lautete das Wort, das sofort wie Ver- 
heissung von Uranfang ertönte, zuerst nur als seliges Ahnen 
des unbefangenen Herzgefühles, aber doch sogleich mit der 
inneren Gewähr des Glücks, daher buch in seiner melodi- 
schen Erscheinung weder elementar noch transcendental, 
sondern mit lichter Menschenphysiögnomie und wie bei 



4S2 



der unschuldigen Natur mit Freude und Liebe im Blick, 
voll Glaubens, dass „reines Wohlgefallen am Guten in der 
Wurzel des Menschen sei" (v. o. S. 4) und mit dem eige- 
nen kindlichen Vertrauen selbst die edlere Regung wieder 
weckend. So spielt auch sogleich jene erste Ausführung 
des Themas wie von allen Grazien umfangen in unsäglich 
zweifelloser Gewissheit des Glücks, wo nur das Glück dea 
Anderen gesucht wird. Beim „forte" aber erhebt sich das« 
selbe unter markigen Schlägen der Begleitung zu völlig 
heldischem Wesen, das mit stets neuen Hülfsquellen aus 
dem eigenen Innern sich zuletzt zu einem weltbesiegenden 
Wollen und Vermögen steigern will. 

Doch es war nur schöner Traum der Jugend. Weh- 
mutvoll schlägt (Poco ritenuto Adur) das Bewusstsein die 
Augen auf: schreckliche Wirklichkeit, das „Entbehren sollst 
du, sollst entbehren 1" umgibt den wirklichen Menschen, 
und aller Schmerz des Daseins dringt zum Wissen empor. 
Allein nicht vergebens hat das Herz in seiner Tiefe sich 
schon seines wahren Wesens besonnen. „0 Freunde! nicht 
diese Töne !" — sie sind nicht die Stimme des menschlichen 
Herzens. Es erklingt eine Harmoniefolge wie einzig Beet- 
hoven sie ersinnen konnte: das ganze jugendliche Sehnen 
des um der Freiheit willen leidenden Florestan hallt wieder 
in der Modulation: 



p l - > I I f ! 



-i 



3Ö 



P 

Tö 




nel 



i 4 i »f— 



« 




*=3 



m 



8on-dern 



^^ 



m 



433 

und sogleich wird nun auch mit dem innig zutrauenden Ton 
den zuerst in der musikalisch-dramatischen Kunst Sarastro 
angeschlagen, die „freudenvollere" Weise selbst eingeführt 
In dem jetzt eintretenden Gesang intonirt zunächst 
nur jene einzelne Bassstimme das „Freude! 44 . Aber es wissen 
es schon Alle und warten nur es ebenfalls laut auszusprechen, 
das Evangelium von der Freude, die aus der Liebe 
quillt So umspielt vorerst ein Corps von Instrumenten 
den die Yerkündung sagenden Solobass. Aber „feuertrunken" 
betreten wir dein Heiligthum: deine Erweckung bannt alle 
Willkür des Einzelnen und zeigt uns als eines Wesens. 
Hier ersteht sogleich in vollem Chor die Besonanz in aller 
Lebenden Brust Die vier Solostimmen zerlegen den Sinn 
der Verkündung . näher und wir hören: 

Ja wer auch nur eine Seele Sein nennt auf dem Erdenrund! 

Es ist die Lösung aller Zweifel an Grund und Zweck un- 
serer Existenz: die Schrecken der Entbehrung und Vernich- 
tung sind aufgehoben für den, der frei das Opfer seiner 
selbst vollzieht und sich den Antheil am wahren Mensch« 
sein gewinnt Es erklingt mit Macht der Chor alles Ge- 
schaffenen. Jubel ergreift das Herz bei der Vorstellung, 
dass Natur selbst uns diesen Weg der Freude gezeigt und 
dass an ihr alles Dasein theilnimmt, dass nicht Gut noch 
Böse nach menschlichem Begriff von ihr ausgeschlossen sind. 
Aber wie schon sie uns nicht blos „Küsse und Beben* 4 
gab sondern zugleich einen „Freund geprüft im Tod", so 
vermag des Menschen Sinn und Thun sich auch zum All 
und Hüchsten aufzuschwingen: 

„Und der Cherub steht Vor Gott!« 

Nohl, Beethoven« letzte Jahre. 28 



434 



Das Gefühl dieser Unendlichkeit des menschlichen Bewusst- 
seins, steter Trost in der Unzulänglichkeit des Daseins, 
ergreift den Künstler mit einer Macht, dass sich ihm die 
Grundpfeiler des Seins zu enthüllen scheinen: der erhaben 
einfache Ueberschritt 



i 



i 



H 



* 



=tT?E 



vor Gott! 



pap^ggiigiEi 



konnte nnr einem Geiste einfallen, der den entscheidenden 
Schritt von dieser sinnnm&ngenen Existenz ins Ewige des 
Bewnsstseins selbst gethan. 188 

Von dem jetzt eintretenden „Alla marcia" hörten 
wir schon. Der Held im Menschen ist auch von Beet* 
hoven nie mit mehr Stolz und Frohheit dargestellt worden. 
So schritt im Grunde stets sein eigener Sinn über die Klein- 
lichkeit der Welt hinweg „durch des Himmels prächtigen 
Plan" und zeigte seiner Umgebung, wie gehoben und freu 
dig selbst in diesem „verzweiflungsvollen" Dasein der rechte 
Mensch zu sein vermag. Und wohl begreiflich ist, dass 
hier individualisirt und personifizirt wird. Dieser Tenor 
ist der Siegfried des 1. Satzes, nur ist der Eigenwille zum 
Wollen des Ganzen verklärt. Und was nun hier im Kampf 
erstritten wird, ist eben jene Herstellung einer besseren 
Welt, um die Beethovens Sinn sich zeit seines Lebens so 
unermüdet bemüht, und gar freudig sicher wird hier das 
„Weltgeschmeiss" und was die Zeit an „kleinsüchtigen 



435 

heimtückischen elenden Schuften von Menschenseelen" hat 
au Paaren getrieben, — ein göttlich freier Menschensinn, 
des zugleich in alle Winkel des eigenen Bewusstseins 
hineinleuchtet» ob da nicht auch noch etwas von solch trau- 
rigem Egoismus haftet, und wieder ein humorvolles Treiben 
und Jagen auf Gecken, Schwächlinge und Thoren, wie nur 
je künstlerisch eines gemalt worden ist! 

Und wie er dann mit seiner Augiasarbeit sich zusam- 
menfaßt und aufreckt und den ganzen Heroengeist zeigt, 
den das Wissen von der Neuschaffung der Welt aus dem 
Sinn und Zweck des Ganzen dem gereiften Geiste gibt! 
Diese 8 Tacte blos Fis durch die Octaven dahinschreitend, 
sie sind die Entfaltung jenes Keims im „Descendit de coelis" 
der Missa, jenes „Vom Himmel hoch da komm 9 ich her u 
o. S. 179 im menschlichen Bewusstsein und seine Bethätigung 
im Sein und Thun der Welt Es ist ein weltumschaffendes 
Sichaufrecken der heldischen Kraft. Und wie herrlich strah- 
lend nun auch dieses neue Dasein hervortritt! 

„Heute igt ein feierlicher Tag, den wollen wir feiern mit 

Gesang und Tanz!" 

hörten wir ihn selbst sagen. Festlich eingeleitet ertönt 
also jetzt das „Freude schöner Götterfunken 44 in 
vollem Chor und Orchester als allgewusste Wahrheit, als 
allgefühlter Besitz, umglänzt von jedem Glanz des Daseins. 
Und jetzt auch tritt sonnig leuchtend das Wissen von 
dem Grunde dieses Glücks hervor: 

„Seid umschlungen Millionen, Diesen Kuss der ganzen Welt!" 

Einzig in der Liebe ist Wissen der Welt, Gefühl des Alls, 
Bethfttigkeit des Lebens, Anbetung und freudige Erhebung 



436 

zugleich! Nichts hat Beethoven je geschrieben was mehr 
Beligion wäre! Es erklingt hier das Evangelium seines 
Herzens, sein wahres „Credo", und das nachfolgende „Adagio 
divoto" sagt uns unter Schauern innerster Ergriffenheit, 
durch welche Weiten und in welche Tiefen er dieses All 
der Welt zu durchdringen vermocht hat, bis ihm bei der 
Vorstellung des Un-Endlichen die eigenen Sinne schwinden 
und „die Höhe der Sterne mehr durch Instrumente" und 
im weiten Nonenaccord auszudrücken ist. 180 

Doch es ist der „Vater" was da „über Sternen wohnet": 
dieses Gefühl der innern Zusammengehörigkeit und eines 
Aufgehens jeder Einzelexistenz in das Ziel der Mensch- 
heit ist der eigentliche und tiefste Grund der „Freude" 
und zugleich ihr Zusammenhalt, ihre Verbreitung über das 
All der Welt Selten in der Kunst hat Vorstellung und 
Empfindung, unmittelbares Aufnehmen der wirklichen Sache 
und innerstes Denken ihres Grundes einander so nahe und 
sicher berührt wie in dem jetzt eintretenden „Allegro 
energico" % Tact: 

Freude f schöner Götterfunken, Tochter aus E - ly - sium ! 



ffiyii pi^ 



3= 



r 



i 

Seid um - achiun-gen, Mil - li - o - nen! 

Auch der nüchternste Verstand hätte den in der Tiefe des 
Gedichts liegenden Sinn und Gehalt nicht sichrer enthüllen 
können, als diese contrapunctische Vereinigung seiner bei- 
den Hauptthesen thut: es bewährt sich, dass Musik eine 
andere Philosophie, ein verkörpertes Denken ist Und 



437 

da die Freudenmelodie überhaupt nicht ohne ein solches 
„Contrasubject", das derselben förmlich „obligat" und ange- 
boren ist, gedacht sein kann, so erkennen wir, wie klar 
der Meister sich von vomhinein über das wahre Fundament 
der menschlichen Freude gewesen und dass aus solchem 
tief bewnssten Gefahl von Grund und Wesen unserer Exi- 
stenz jene Melodie auch die volle Art unseres Geschlechts, 
gewissennassen Gestalt und Antlitz des Menschen gewon- 
nen hat Hier liegt im Lyriker der volle Tragiker, im 
Musiker der Denker und Dichter, der uns des Lebens 
Bäthsel zu lösen berufen ist 190 

Und hier nun ist auch die Stimmung des „Et vitam 
venturi" zurückgekehrt Aber aus jener Vorstellung eines 
„ewigen Lebens", in der alle Einzelexistenz verschwindet, 
ist jetzt das ewige Leben eine That, ein Zustand des Indivi- 
duums selbst geworden : es fühlt sich durch freie Hingabe 
an Bestand und Zweck des Ganzen zu diesem Ganzen 
selbst erweitert und geniesst in der eigenen irdisch be- 
schränkten Existenz und dem kleinen persönlichen Thun 
die Seligkeit des ewigen Seins. 

Höheres gebe es nichts als der Gottheit sich mehr 
als andere Menschen nahen und von hier aus die Strahlen 
der Gottheit unter das Menschengeschlecht verbreiten,' 
hörten wir ihn selbst in eben dieser Zeit sagen, und wir 
erkennen, er hat sich nach soviel Krisen und Kämpfen 
auch über das Künstlerthum hinaus das Gefühl der Un- 
sterblichkeit des Menschenthums gewonnen. Aus der 
Anschauung der antiken Welt, die das Individuum aufhebt, 
ist die unsere, die moderne geworden, die das Individuum 



438 

zum Ganzen erhebt und seine zufällige und beschrankte 
Persönlichkeit zum Zweck und Ideal des gesammten Ge- 
schlechts verklärt. Wir gedenken der inneren Kämpfe und 
Anspannungen um Darstellung des Messentextes und jener 
Vorstellung von einem „Christenthum in das das freie 
Denken des Alterthums eingeführt ist", von einem Dasein, 
in dem „die Welt des ewig fort aus dem Geist zu ent- 
bindenden Seins aufstrahlt" (v. o. S. 4). Und diesen Geist, 
wir kennen ihn. Daher nun auch hier bei gleicher Erha- 
benheit der Intuition und Macht des Ausdrucks die un- 
gleich individueller gefärbte und gewissermassen persön- 
liche Physiognomie des Ganzen im Vergleich mit der Messe, 
fis waltet die lebendig warme Daseinsfreude, der Puls- 
schlag der selig miteinander verbundenen Menschenherzen, 
ein wahrer Preis des ewigen Lebens in der Liebe, 
durch eigenste Lebenserfassung in Qual und Leiden er- 
fahren! Der Jubel über dieses wahre Evangelium will nicht 
enden, und stets erscheinen neue Züge, neue Regungen dieser 
ewig einen alles umschlingenden Lebenswonne — eine 
Vorstellung, wie sie in der vollen Wirklichkeit ihres über, 
schwänglichen Wesens eben nur diejenige Kunst zu geben 
vermochte, von der der eigentliche Schüler unseres Meisters 
ß. Wagner sich einst sagen musste: er könne ihren Geist 
nicht anders fassen als — in der Liebe! 

Und als nun dieses wahrhaftige ewige Sein und Leben 
der Welt zur vollen innern Bewusstheit gelangt, da gewinnt 
auch diese Menschenbrust Laute zum Bekenntniss einer 
Unendlichkeit und Erhabenheit, die bei allem scheuen Zu- 
rückzucken des Gefühls nicht verschwindendes Aufgehen 



439 

sondern frohen und ewigen Äntheil am „Ewigen Unend- 
lichen" bekunden. Es beginnt plötzlich pianissimo 



py « jTr J-f | h ^T | r .(=dffi^ ^ 



Ihr stürzt nie - der Mil - li - o - nen ! Ah- 

und wiegt sich dann förmlich selig in dem Gefühl: „Brü- 
der! überm Sternenzelt Mass ein lieber Vater wohnen!" 
Es ist das volle innerste Lebensbekenntniss unseres Meisters, 
eben dieses „Allegro energico". 101 

Was folgt ist nicht näher zu betrachten. Dass ein 
solches Lied des Lebens alle Menschenexistenz berührt und 
dass in dasselbe auch das beschränkteste Sinnendasein, das 
dem höheren Sein und Wollen soviel Spott und Mitleiden 
abgelockt, „seinen Jubel einmischen" kann, versteht sich 
von selbst: solche „Freude" reinigt und heiligt auch den 
niedersten Daseinstrieb, ihr himmlischer Zauber bindet 
wieder was nach des Dichters Wort „die Mode streng ge- 
theilt". Auch hier versagt dem Meister seine Kunst wie sein 
Schauen nicht Er kennt Werth und Weihe solcher Le- 
bensfreude, sein stetes Entbehren lehrte ihn dieselbe so gut 
wie einst Weibesuntreue den Werth der Weibestreue, nach 
ihrer vollen Unentbehrlichkeit erkennen, und er predigt 
jetzt in dem „Alla breve" ihr Evangelium mit Tönen 
wahrster und allergreifender Glückseligkeit. Wo wäre eine 
mehr zauberische Weise gehört worden als in diesem „Deine 
Zauber binden wieder?" Solche Seligkeit vermag nur aus- 
zusprechen wer das Glück Aller in seinem Busen mitbe- 



440 



wegk Hier ist die Freude volle Himmelstochter. Ja es 
ist endlieh als traue das Gefühl kaum sich selbst, dass 
ihm solche Wonne bereitet sei. Es stockt und fragt sich, 
— der Componist trifft hier genau mit dem Dichter d. h. 
Psychologen xusammen, — und nochmals ertönt es dann 
im persönlichsten Aussprechen und mit der innern Bewegt» 
heit voller Gewähr des Glücks: 




«tffi 



rrrr — r 






p 0T6SC» 

AI -le Menschen werden Brüder, wo dein sanf — — — — 







•j 1 



?Tj jH füiZB. 



f?=r 



» 



£ 



Es ist das sich selbst räthselhafte Gefühl einer überschweng- 
lichen Seligkeit, das hier ebenso die ganze Zeit und Mensch- 
heit ergreift wie in jedem Fall der persönlichen Erfahrung 
das einzelne Herz, und wir müssen bei aller, jener Zeit der 
schönen Sentimentalität angehörigen» Weichheit und 
Geiührtheit diese Solostellp „poco Adagio 44 für einen 
tiefsten und wahrsten Ausfluss von Beethovens innrer Natur 
und Anschauung halten. Es ist so recht wieder „seine Weise"* 



441 

Ja hier liegt zugleich die besonderste Quelle jener hohen 
Bestrebungen unserer Tage, uns im künstlerischen Bilde nun 
auch das Menschenherz selbst nach seinem vollen Thun 
und Wollen zu enthüllen und ihm so „Thränen und Trost 
zugleich** zu wecken. — 

Der stürmische Liebeskuss des „Prestissimo?" — 
Er soll wie warmer Frühlingsschauer selbst starrste Winter- 
decke lösen und fernste Lebenskreise in die grosse Lebens- 
bewegung hineinziehen. Und nicht oft genug kann ver- 
kündet werden: 

„Brüder! überm Sternenzelt Muas ein lieber Vater wohnen!" 

Kur im Auf blick zu dem All und Ewigen lernt der sinn- 
liehe Trieb der Selbsterhaltung auch das geistige Gesetz der 
Menschenliebe erkennen. Nur im Gefühl der Allgemein- 
samkeit unseres Geschlechts beruht das ewige Leben. 
Und solches „Umschlingen der ganzen Welt" gebiert die 
innere Erhebung, der Freude „schönen Götterfunken". So 
wird im letzten feierlichen „Maestoso" auch sie als die 
geweihte Erlöserin verkündet, und selbst durch das All 
der stummen Wesen klingt es ganz zuletzt noch rein instru- 
mental und wie ewig fort „Freude! Freude! Freude!" 192 

* 

Wir stehen am Ende des erhabenen Werkes, das 
zugleich ein so entscheidendes Resultat des gesammten Le- 
bens und Schaffens seines Meisters war. 

Ob dieser Fidler „den Fuss in Ungewittern halten 
und das edle Feuer der Natur erwidern konnte? 4 — Er 
Hess das Leben über sich ergehen und waltete in schaffender 
Stille seines Amts als Dichter und Verkünder. 



442 



„So mögen die letzten Tage verfliesaen, und der künftigem 
Menschheit — " das Bild des wahren Menschenthams hinterlassen, 

das war sein innerstes Empfinden damals i J. 1814. Ob 
er Wort gehalten, ob sein Schaffen für uns Nachlebende von 
Belang ist and ob er selbst sich am Ende seiner Tage geste- 
hen durfte, „einigen Einfluss auf seine Zeit gehabt zu haben?" 

Gewiss, er schaute dem ewigen Weltgeist zu, wie der- 
selbe das Spiel der Erscheinungen gleichsam sich zur Er- 
götzung vorüberrauschen lässt, und klatscht wohl gar dem 
göttlichen Schauspiel Beifall. Aber er ahnt zugleich, dass auch 
die vergänglichste Sinnenexistenz in Wahrheit ein ewiges 
Leben birgt Ebenso wird uns noch auf seinem Sterbebette 
der Ausspruch begegnen: „Plaudite amici, comoedia finita 
est, — klatscht ihr Freunde, das Schauspiel ist zu Ende". 
Allein ihm selbst war doch in diesem „Schauspiel" das 
Wahre und Dauernde deutlich genug aufgegangen. Und eben 
das Wissen solcher immanenten Menschenwahrheit gibt 
ihm selbst ein wahrhaft ewiges Lebensgefuhl, wie ihr offnes 
Bekennen ihm ein ruhig sichres Ueberstehen aller Wirrniss 
und Drängniss bringt, die nach wie vor sein äusseres Da- 
sein bunt umwogen sollte. 

So steht er denn an diesem Abend seines Lebens wahr- 
haft wie verklärt und in der vollen Harmonie des Innern 
vor uns, und goldene Sprüche, erhabene Tröstungen, wahr- 
haft heilige Gesänge quellen noch von seinen Künstlerlippen, 
Ausfluss und Bestätigung jener einen ewigen Menschen- 
wahrheit zugleich, die sein Herz in sich selbst so tief 
erfahren hatte und sein Mund vor allem in dieser Neunten 
Symphonie so prophetisch laut verkündet 



III. Buch: Vollendung. 

1824—27. 



Denn das Leben ist die Lieb*. 

Goethe (Beeth. Brev. 8. 82). 

Elftes Kapitel 
Die Akademie vom Mai 1824. 

Also auch die „Sinfonie für England", mit der man 
sich seit 1816 getragen, war endlich fertig geworden. 

„Eingegangne andere Verbindlichkeiten, welche ich durch 
meine frühem kränklichen Umstände nicht erfüllen konnte, musste 
ich jetzt wirklich eilen mein Wort zu halten, umsomehr da Ihnen 
bekannt, das» ich leider nur durch meine zu schreibenden Werke 
leben kann," 

so heisst es am 23. Januar 1824 gegen den Musikverein, 
der von neuem um das Oratorium angefragt hatte. Das 
„Grauen vorm Anfang so grosser Werke" war wieder ein- 
mal kräftig überwunden worden, er hatte sich wirklich 
„zum Schreiben gebracht" und die complicirte Arbeit sogar 
vollendet War dabei die Versenkung in ein so hohes 
Schauen, wie es sich in diesem Werke darstellt, wieder 



444 

der Art gewesen, dass um dieselbe Herbstzeit 1823, wo 
ihn auch Benedict und Weber „im schäbigen Hausrock* 4 
fanden (v. o. S. 19), Bruder Johann aufschreibt: 

„Du muß dir Morgen gleich einen neuen Huth kaufen, die 
Leute halten sich darüber auf, dass du so einen schlechten Huth 
hast", 

so war doch auch wieder einmal in vollen Zügen jenes 
„höhere Leben gelebt 44 worden, das wie er selbst in diesem 
Jahre 1824 an Schott schreibt, „die Kunst und die Wissen- 
schaft uns andeuten und hoffen lassen". Und welche Fülle 
solcher „Götterwonne 44 im künstlerischen Schaffen stand 
nicht noch vor ihm! 

So begann man denn, als auch die äusserliche Arbeit 
an dem Werke abgethan und „die colossale Schöpfung bis 
zur letzten Feile fertig" war, auch wieder „bessrer Laune 
zu werden 4 ', ja sogar Stunden der Erholung sich zu gönnen. 
Schindler erzählt weiter: 

„Man sah ihn wieder durch die Strassen schlendern, mit sei- 
nem am schwarzen Bändchen hängenden Stecher die schönen Aus- 
legekästen belorgnettiren und manchen Bekannten oder Freund 
nach langer Zeit einmal wieder im Vorbeigehen begrüssen." 

Auch jene „Feuerwerke von Witzfunken", die seit dem 
Diner mit Weber nicht mehr gehört worden waren, seien 
jetzt d. h. im Februar 1824 wieder eingetreten. 

Trotzdem aber hatte er also vor allem daran zu den- 
ken, sich auch zur Erfüllung der übrigen „Verbindlich- 
keiten 44 freien Athem zu verschaffen, und dazu sollte denn 
jetzt zunächst die seit langem projectirte „Akademie 44 
verhelfen, die allerdings mit zwei „Novitäten 44 wie der 
grossen Messe und der 9. Symphonie alles Qnte zu ver- 



445 

sprechen schien. Da standen, nachdem die „Messe für den 
Kaiser" trotz Dietrichstein und Lichnowsky, ja trotz der 
Intervention des Erzherzogs Rudolph definitiv verschoben 
worden war, als zunächst dringend da die Melusine« 
das „Oratorium für Boston 44 und noch mahnender das für 
den Musikverein, ferner die Quartette für Galitzin, die 
bereits am 23. Jan. 1828 fest zugesagt waren, endlich gleich 
verpflichtend die 4händigen Sonaten und das Flöten- 
quintett für Diabelli. Dazu kamen als bestimmt im 
Auge behalten oder neu in Aussicht genommen: die Mu- 
sik zum Faust, eine Oper für Neapel, sodann das 
Requiem und endlich die 10. Symphonie wie die 
Ouvertüre auf Bach, deren Skizzen uns schon begeg- 
neten. Wahrlich kein geringes Tagewerk für einen Mann, 
bei dem trotz des erst 53jährigen Alters doch der Abend 
des Lebens schon merklich hereingebrochen schien. 193 

Und nichts von all den Welten, die hier „in das Trau- 
men" eines wirklichen Weltdichters „eingesponnen" erschei- 
nen, ist in das wirkliche Sein getreten, nichts als die 
Letzten Quartette? — Nichts! 

Nicht allein dass sobald er das Heiligthum dieser 
exelusivsten und bei aller Klangfülle keuschesten Musikgat- 
tung wiederbetreten, es ihn selbst mit seinem Zauber umfing 
und über die festgesetzte Dreizahl zu jenem wunderbaren 
Fünfgestini führte, das die musikalische, nein sagen wir die 
psychische Dichtung in diesen „Letzten Quartetten" besitzt, 
— es ist auch in der That, was ihm nur von „Bildern des 
Seins" und von Fähigkeiten seiner schrankenlosen Kunst 
in die Anschauung getreten, hier zur vollen und schönsten 



448 

Wirklif . ht mt gai wba, »» traf ta fooit* wgaku *ir ihn 
selbst in diesem Wirken and Weben sehen und sogar 
über einzelne dieser wahren Seelen-Ergüsse die eigene innere 
Genugthnnng aussprechen hören« Was offenbar anfangs 
nnr als eine die Lebensgeister neu erfrischende Zwischen- 
und Uebergangsarbeit von der Neunten Symphonie zu an- 
deren „grossen" Werken aufgefasst worden, zeigt sich bald 
genug geeignet und werth, das volle Innere und das ganze 
Können daran zu setzen, und ferner wird der Oper, des 
Oratoriums, des Requiems, der Symphonie und was sonst 
von derartigen grossen Projecten vorlag nur momentweise 
und bei äusserlicher Anregung gedacht und was uns hier 
die Hauptsache ist, nichts davon vollendet. 

Sogleich von dem 1. dieser Quartette (Esdur Op. 127), 
dessen Adagio allerdings noch von dem Odem der „Neun- 
ten 44 umweht erscheint, zum Amollquartett Op. 132 ist 
ein Schritt wie von der Achten Symphonie zu dieser 
Neunten selbst: völlig frei ergiesst sich hier und mit fast 
schwelgerischer Leidenschaft das tiefste Leidgefühl des Le- 
bens und sucht der innerste Mensch zu sich selbst zu ge- 
langen und einer wahrhaft beängstigenden Qual und bösen 
Gewalt erlöst zu werden. Es ist der letzte aber auch ener- 
gischeste Ausdruck eines individuell persönlichen Leidens 
bei diesem Künstler. Aber wir werden auch erfahren, 
in welche Menschentiefe und auf welche Menschenweiten 
sich dieses Empfinden erstreckte : es war die letzte Leiden- 
schaft aber auch die freiste, die reinste, die menschen- 
würdigste, und zugleich für ihn selbst ein psychisch -ethi- 
scher Process der eindringendsten und entscheidendsten Art 



447 

Im nächstfolgenden Quartett — BdurOp. 130 — ent- 
schwingt sich denn auch der Genius des Lebens und der 
Menschheit zu den höchsten Höhen des Besitzes seiner 
selbst und eines Seins, wo in der Buhe einer unstösbcren 
Harmonie der Weltathem selbst zu ertönen scheint und alles 
Leid der Vergänglichkeit verstummt «fer doch nur wie 
Echo widerhallt, — ein menschlicher Geistes- und Ge- 
müthszustand, über den voHfe Rechenschaft vielleicht einzig 
die Musik zu geben, vermag! Und so wird denn auch im 
vorletzten Quartett, — Cismoll Op. 131 — gewisser- 
massen endgültig Bath und Gericht über dieses ganze Men- 
scheudasein selbst gehalten und ihm wie zum Abschied 
noch einmal sein volles Gesicht gezeigt und zu seinem 
seltsam weh- und wonnevollen Wesen „aufgespielt". Von 
solchem Dasein, das sagt uns das allerletzte dieser „Letz- 
ten Quartette", Fdur Op. 135, vor allem in dem „Lento" 
aus Desdur, scheidet das Innere ohne „schwergefassten Ent- 
schluss", aber auch ohne Groll, in innerster Versöhnung. 
„Sokratische Weisheit" und tiefstes Menschengefühl, inner- 
stes Wissen von der Welt und lebendigste „Menschenliebe" 
einen sich zum Bilde eines wahren und grossen Menschen 
und bereiten uns völlig jenen „ewig fortlebenden" Künstler, 
als den er selbst schon in jungen Jahren sich geträumt. 

Es quillt in diesen Werken, dies sei sogleich jetzt* 
festgestellt, um von vornhinein das volle Gefühl des Lebens- 
Gehaltes zu erzeugen, der in diesem äusserlich so gewöhn- 
lichen und Öden Dasein der allerletzten Jahre Beethovens 
liegt, der tiefste Born der Musik und zugleich der 
Psychik und Dramatik, den wir überhaupt im Bereich der 



448 

reinen Tonkunst besitzen. In dem musikalischen Äeich- 
thum dieser Letzten Quartette kommt zum ersten Mal 
ans volle Tageslicht, was der „Urvater der Harmonie" Seb. 
Bach uns als ihre Möglichkeiten aufgedeckt hat, aber alles 
zugleich mit Sinn, Meinen, „Idee", mit einem Wort mit 
Seele. Wir haben es demnach als den allerglücklichsten 
Anstoss in dieser Künstlerexistenz zu preisen, der gerade in 
diesen letzten Tagen und auf der vollen Höhe seines geisti- 
gen Wissens und technischen Könnens den Meister auf 
dieses Gebiet des rein musikalischen Fühlens Denkens und 
Südens geführt hat 

Das Leben hatte ihm auch über seine Kunst 
hinaus positiven Inhalt gewonnen. Wo bisher nur 
eine „detestable" Welt und Entbehren, nur Hemmung des 
Geistes, des unendlichen, gefühlt worden war, erscheint 
fortan in wachsender Hellung das Bild des eigentlichen 
Menschenseins und ist ferner nicht in blos geschauten 
Freuden, in jener „Fülle der Gesichte" und innern Ver- 
zückung Entschädigung für Leid und Gram der Welt zu 
suchen. Es ersteht seinem Innern in leibhaftiger Schöne 
diePsyche dieses unseres Lebens, die Seele der Mensch- 
heit, die er bisher nur in allerdings stets neubelebender 
Wonne in sich geahnt geträumt hatte. Und wenn es auch noch 
'herbsten Kampf kostet, ehe er das eigene Wesen ganz zu 
diesem Sein und Schauen überwand, — wenn es auch erst 
nach fast leidenschaftlicher Gegenwehr gelang zu glauben, 
dass Fausts schmerzliche Erkenntniss: 

Und sehe, dass wir nichts wissen können! 

ganz ebenso auf dem Gebiete des ethischen Daseins gilt, 



449 

und da88 wir auch mit dieser innersten „Seele der 
Menschheit 41 im Herzen ebenso nichts wollen können, 
— ja wenngleich das Bild, das er jetzt von dieser 
Menschenseelc malt, von dem Ausdruck der tiefsten 
Wehmuth ist, wie selbst bei Beethoven bisher kaum 
etwas zu finden war, so spricht doch aus diesen so 
innerlichst ergreifenden Weisen gleicherweise das Glück 
einer unendlichen Fülle des Daseins und schmerzlich- 
seliger Hingabe an dasselbe, sowie einst in den erhabenen 
Fresken der Cmollsymphonie und der „Neunten" in 
herzzerreissenden Lauten der Menschheit Weh und 
Entbehren erklungen war. Das Leben, wir wiederholen 
es, hat ihm auch ausser „seinen Musen" Inhalt bekommen, 
und dieser Inhalt, es sagen es der ganze Charakter und 
speziell die einzelnen Weisen dieser Letzten ' Quartette, 
ist ein dauernder, ein ewiger, wie ein endlos beglückender : 
er ist die göttliche Liebesfülle der mensch- 
lichen Natur selbst. 

Bestimmt sich nun nach solcher allgemeinen Gon- 
statirung ihres Inhalts derWerth dieser allerletzten Epoche 
von des Meisters Schaffen von selbst, so erhellt zugleich, 
dass für ihn dieser Inhalt als ein rein psychischer 
sich einzig unverkümmert in der reinen Musik d. h. in 
der instrumentalen Kunst auszusprechen vermochte. Und 
hier nimmt, ähnlich wie in der Malerei das Oelbild und 
in der Plastik die volle Nacktheit der Gestalt, das 
Streichquartett die erste Stelle ein. Das Quartett 
allein vermochte den vollen Flügelschlag dieser Psyche 
unseres Geschlechts nach ihrer inneren Lebensbewegung 

Kohl, Beethovens leUte Jahre. 29 



450 

wiederzugeben. Jede andere Art der Tongestaltung, 
dessen hat man sich deutlich bewusst zu werden, uin mit 
der Notwendigkeit dieser letzten Kunstthaten Beethovens, 
die andrerseits die Mitursache seines herben Lebenslpids 
in diesen letzten Jahren wie seines verhältniseniässig zu 
frühen Todes waren, die allgemeine Bedeutung dieser 
Werke einzusehen, — jede andere All der Tondarstellung 
würde diesen Meister in der Vollendung seiner künstle- 
rischen Existenz wie seiner rein menschlichen Natur, aus 
der sie floss, gehemmt haben; während die Möglichkeit 
des ungehemmten und doch völlig genügenden Ausdrucks - 
der innersten Bewegung seiner Seele dieser selbst wieder 
zur Entwicklung auch ihrer letzten Fähigkeiten verhalf. 
Von Oratorium und Oper wie von jeder Musik- 
gattung, die an das Wort, das begrifflich beschränkte, 
gebunden ist, darf hier trotz Beethovens stets von neuem 
bekundeter Neigung kaum noch die Rede sein. Diese 
Neigung erscheint der Hauptsache nach auf äusserlicho 
Motive gegründet und ward darum durch solche auch 
stets wieder zurückgedäinnit. Es ist festzuhalten: nur 
falls ein Beethoven einem Beethoven Bild und Wort 
für sein tragisches Schauen geliehen hätte, wäre die volle 
Offenbarung desselben auch auf diesem Gebiet möglich 
gewesen. Höchstens bestehen hier noch Messe und 
Seelenmesse mit ihrem weit über den einzelnen Wort- 
ausdruck hiuausstrahlenden Inhalt und Sinn, sowie 
auch eine Musik zum Faust in freier Ausfuhrung 
seiner Situationen und Empfindungen uns hier gewiss 
eine Welt in Tönen geboten hätte. Ob eine völlig 



451 

Becthovensche , wer will es ermessen? — Sein Stand- 
punkt der Religion oder vielmehr der Kirche gegenüber 
aber war nicht ein solcher, dass sich ihm hier die 
Seele auch völlig gelöst hätte. Wir wissen dies von der 
. Missa solennis her. Und wenn auch später hier noch 
eine entscheidende innere Wendung geschehen sein sollte, 
«o ist, wenn irgendwo, so im Betreff einer solchen Absicht 
der Tod abschneidend dazwischen getreten. 

Andrerseits das Orchester au sich hat sozusagen 
einen stofflichen Ueberschuss, der allerdings bei Dar- 
stellung der Weltbewegung in Symphonie, Ouvertüre etc. 
eben in diesem Object selbst sich wieder aufhebt, beim 
Ansprechen der letzten seelischen Existenzbedingungen 
dagegen, bei der Bewegung und schaffenden Regung des 
Ichs, das zugleich Welt-Ich ist, das Ganze unter das 
Gesetz der Schwere bringt und seinen rein lyrischen 
d. h. psychischen Aufschwung lähmt. Das Gleiche muss 
uns, soweit sie überhaupt hier in Betracht kommen kann, 
von der Orgel gelten, die wir ja (S. 270) noch einmal 
in die Sphäre seines Schaffens treten sahen. Und wenn 
auch gerade beim Dienste dieses „Rieseninstruments 44 
der erhabene Zweck selbst ei'hebend und läuternd hinzu- 
trat, so war es doch immer die individuellste Regung 
des Geistigen, was Beethoven jetzt suchte und stets 
mehr nach seiner Natur und Schönheit darzustellen 
trachtete. 

Sodann das Ciavier! „Es ist und bleibt ein unge- 
nügendes Instrument 44 , hörte K. Holz ihn selbst während 

dieser Quartettencomposition in Bezug auf diejenigen 

29* 



452 

Sonaten äussern, die ihm als die letzten auch als die 
besten galten, und wir werden dieses Zeugniss mehr als 
bestätigt finden. Das Erste, was uns von den Tierhändigen 
Sonaten für Diabelli (S. 393) begegnete, floh denn auch 
bald wieder in das Quartett, woher es gekommen, zurück. 
Und dass gleichwol noch auf dem Todesbette Skizzen 
zu einer derartigen Arbeit hervorgesucht werden sollten, 
hat einen anderen als künstlerischen Grund: die Sonaten 
waren eben wiederholt fest zugesagt. 

Gar aber andere Soloinstrumente! — Obwol eben- 
falls Holz und zwar als. „Beethovens Worte" berichtet: 

„Ich werde künftig nach der Art meines Grossmeisters Händel 
jährlich nur ein Oratorium und ein Concert für irgend ein Stre^h- 
oder Blasinstrument schreiben", — 

was hatten sie, die abgesehen von der Orgel, welche 
wol eben desshalb Beethoven selbst „obenan stellte", 
schliesslich doch einem mehr äusserlichen künstlerischen 
Zweck dienen, mit dem „Ich" zu thun, das Beethoven 
jetzt meint und im Grunde stets meinte, mit diesem be- 
wegenden Centrum der Welt? Wir finden daher auch 
nicht das geringste Anzeichen, dass je von solchem Vor- 
satz etwas wirklich geworden wäre. ,94 

Im Streichquartett dagegen, das ergab sich während 
des erneuten Hantirens mit diesem scheinbar beschränkten 
musikalischen Darstellungsmittel bald wieder von selbst, 
lag abgesehen von der unbegränzten Möglichkeit harmo- 
nischer Combination die genügende Fülle rein sinnlichen 
Klanges vor, um die „poetische Idee" aus der Ver- 
wunschenheit blosser Vorstellung zu erlösen. Ja man ver- 



453 

mochte hier das innen erschaute Bild des Menschen in der 
ganzen Nacktheit seiner gottentstammten Seelengestalt auf- 
zustellen! Und was bot zugleich einem Musiker reineres 
Empfinden seiner Kunst, einem tiefen Gemüthe bereiteren 
Ausdruck seines Sehnens und HofFens, einem hoch auf- 
schauenden Geiste ein mehr „eutkörpertes 44 Mittel, sein 
„Schauen zu offenbaren" ? Zudem gab es hier Meister 
des Instruments, um derartige Schöpfungen auch wirklich 
zum Dasein zu beleben; während wir sofort erkennen 
werden, dass" weder im Orchester noch im Gesang bei 
uns damals die praktische Musik nur entfernt solchen 
„Intentionen 44 , wie sie Beethoven hegte, zu genügen ver- 
mochte. Endlich die enthusiastische Art der Bestellung, 
die bequeme Arbeit und bei der Vorliebe aller wirklich 
Musikalischen fürs Quartett die leichte Verbreitung, — 
alles kam zusammen, um scheinbar dem Künstler selbst 
bei diesem Schaffen wie die volle Neigung so „Ruhe und 
Freiheit 44 aufs schönste zu gewähren. Mochte also unter 
solcher tiefsten Befriedigung des Innern der äussere 
Mensch leiden und selbst allzu frühem Dahinsiechen ver- 
fallen, man hatte doch dieses seines besten Ichs rein 
tmd voll und obendrein zum Genuss und Heil Aller ge- 
nossen, und dies war jedes Leidens, war selbst des frühen 
Sterbens werth. 

Ob daher hier lebhafte Anregung und Neigung, dort 
Ruhin und Vortheil winken und wieder, wie bei Diabelli, 
dem Musikverein und anderswo, sogar moralische und 
rechtliche Verpflichtung drängt, — man bleibt bei der 
Quartettcomposition, bleibt dabei, obwol sich bestätigte^ 



454 

was Freund Bihler bei Beredung über die „Quartette für 
Russland" aufgeschrieben hatte: „Für die Bezahlung 
zuviel Arbeit", und verschiebt alles übrige Wollen, Sollen 
und Wünschen so lange, bis eben der Tod selbst alle» 
Fernere abschneidet. 

Gleichwol ist auch von den blossen Projecten dieser 
letzten Lebensjahre noch das uns aufbewahrte That- 
sächliche mitzutheilen und ebenso des nächsten äusseren 
Ereignisses, der beiden Akademien vom Mai 1824, aus- 
führlich zu gedenken. Verstärkten die Erfahrungen bei 
den letzteren die Neigung, sich fortan ganz ins eigene 
Innere und vor allem ins reinste Leben seiner Tonwelt 
zurückzuflüchten, weil selbst bei solcher öffentlichen Vor- 
führung seines edelsten Schaffens das Publicum sich im 
Grunde ebenso unfähig erwiesen hatte, das grosse Neue 
zu fassen , wie die Musiker, es würdig darzustellen , so- 
erkennt man aus der Bedeutung und dem Ernst der 
mannigfachen Pläne doch das innerlich Zwingende und 
daher doppelt Gewichtige dieser Quartettencomposition 
selbst, und nur der Nichtkenner Beethovens und der 
wirklichen Lage der Sache kann annehmen, dass Galitzina 
allerdings stets aufs neue drängende Bitte hier mehr ge- 
wesen sei als der Windstoss bei reifen Früchten: diese 
Werke fielen im Grunde nur durch ihren eigenen Gehalt 
und ihr Gewicht als ein schönstes letztes Product von 
diesem fruchtbaren Baume in unseren Schooss. t° 5 

Wir gehen also jetzt zu der Geschichte der fünf 
Letzten Quartette über. Da ist denn unter den. 
Daten dieses Frühjahrs, die wir zunächst der Reihe nach. 



455 

vorzuführen haben, das wichtigste und allgemeinst interessi- 
rende das Project einer Oper. Es liegen davon die aus- 
gesprochensten Absichten vor, und zwar für eine deutsche 
und eine italienische zugleich. 

Schindlers Beeth. Nachl. enthält folgenden Brief von 

Du p ort „pp. Barbaja 44 vom 24. April 1824: 

„11 me Charge de vous assurer, qu'il se trouvera bien flatt6 
de recevoir un nouvel opera compose par vous et qu'il attend 
seulement pour vous donner une reponse definitive par rapport au 
prix et au tems, s'il conservera le bail du theatre imp. et roy. 
pTes la porte d'Italie au delä du 1. Dec. 1824." 

Beethoven hatte den „Barbiere 41 gehört, und wo eine 
Fodor, einDonzelli, Ambrogi undLablache sangen, 
konnte auch ein solcher deutscher Meister wol „so 
entschieden Feuer fangen, dass er auf Anregung der 
C. Unger ohne weitere Aufforderung jener Sänger selbst 
denselben das Versprechen gab, eine italienische Oper für 
sie zu coniponiren 44 . Der Weg nach Neapel war damals 
sehr weit, die Entscheidung aber auch jetzt eigentlich 
nur aufgeschoben. 

Ebenso stand es mit der „Melusine 41 . Der Dichter 
war persönlich um Angabe seiner Bedingungen für die 
Directiön angegangen worden, und man hatte besonderen 
Antheil an dem Erfolg der „kleinen Sontag 44 in der 
„Euryanthe 44 genommen: ihre Anmuth und Silberstimme 
konnten auch hier die Gunst der Masse gewinnen helfen. 
Die andere Hauptpartie war offenbar jener ebenfalls 
durch Jugendfrische und unbefangene Natürlichkeit an- 
ziehenden Caroline Unger bestimmt. Dieser „beiden 
Schönen 44 , von denen nach dem Stande der Kunstbildung 



456 

damals soviel für eüi Bühnenwerk abzuhängen schien, 

suchte man sich denn auch nach Möglichkeit zu versichern. 

Und wenn auch der nächste Zweck solcher persönlichen 

Annäherung des „Misogyn" an die „beiden Mädchen 11 

schliesslich unerreicht blieb, ihre verehrende Hingebung 

an sein höheres Schaffen sollte dennoch bald schönste 

Frucht tragen. 196 

Schon zu Anfang 1823 heisst es einmal: 

„Wann besuchen wir die Mlle. Unger — die Unger ist im 
Ernst interessant. — Sie lässt Ihnen 1000 faltigen Dank abstatten 
und wird sich nächstens persönlich bedanken kommen. Was 
meinen Auftrag rücksichtiieh des 24 jährigen Jünglings betrifft, so 
lässt sie Ihnen sagen, dass Ihr Beifall und Ihre Zuneigung ihr 
noch tröstender sei als aller 24jährigen von Wien/' 

Beethoven mochte in Bücksicht auf seinen schon damals 
bestehenden Conzertplan die Akademie der adlicheu 
Frauen vom 12. Februar 1823 besucht haben, wo die 
allerdings nur italienischen Gesangstücke der Dem. Unger 
allgemein gefallen hatten. Dann kamen die Melusine 
und die Oper für Neapel. Allein man konnte eben den 
Besuch der „beiden Schönen 14 in Hetzendorf während 
der Symphoniearbeit nicht annehmen. Als aber das 
Erscheinen Webers auch die eigenen Opernpläne wieder 
in den Vordergrund schob, schreibt Beethoven zunächst 
der Unger als der älteren und ihm persönlich bekannten 
der beiden jungen Damen, und sie erscheint also auch 
im November bei ihm. 

„Ich danke für Ihr liebes freundliches Schreiben, ich werde 
diesen Brief als ein Heiligthum bewahren — Schade dass ich 
Ihren Titel nicht verdiene" — 
schreibt sie auf und wir fugen hinzu : Schade , dass sie 



457 

den Brief dennoch verloren, er ward ihr — eines schönen 
Tags entwendet. 

„Ich muss mich nun trennen von Ihrer lieben Gesellschaft, 
denn ich habe die Zeit gestohlen zu Ihnen *u kommen — Leben 
Sie recht wohl, ich komme recht bald wieder und führe Ihnen 
die schöne Sontag zu" 

schliesst sie in der anmuthigen Fröhlichkeit der gebore- 
nen Wienerin. Sie kommt denn anch wirklich recht bald 
wieder, jedoch zunächst noch allein. „Ich konnte dem 
Verlangen nicht widerstehen unseren grossen Meister 
wiederzusehen" schreibt sie auf und ist bei diesem Be- 
suche überhaupt so lebhaft unbefangen, dass Schindler 
nachher meint: 

„Sie ist ein Teufelsmädchen, voll Feuer und Offenherzigkeit. •' 
Sie mochte ihr wehmüthiges Gefühl dem tauben 
Misanthropen gegenüber in neckische Heiterkeit kleiden, 
und den Muth dazu gab ihr das Gefühl verstehender 
Verehrung für seine Grösse. Sie war schon als Oester- 
reichcrin musikalisch begabt und gebildet genug, um vor 
dieser iinponirenden Gestalt nicht in dumpfer Adoration 
zu stocken. Dem ergrauenden Meister selbst aber konnte 
solche Art der Begegnung nur wohlthuend und ermun- 
ternd zugleich sein, er genoss ihrer anmuthenden Frische 
damals nur zu selten. m 

Im Dezember 1823 schreibt dann wieder Schindler auf: 

,,Die Sontag können Sie auch tüchtig benutzen, denn das 
Madchen hat einen seltenen Fleiss und eine seltene Bildung." 

Sie scheint sich denn auch ebenso thatbereit wie das 

„Teufelsmädchen" gezeigt zu haben. Im März 1824 aber 

meldet die Unger, Duport sei mit den Bedingungen für 



458 

die Molusine zufrieden und wolle nun auch Grillparzer 
hören. Und in dem gleichen Conversationsheft ist von 
einem weiteren Schreiben Beethovens an sie Rede. Ebenso 
gibt es nochmals eine persönliche Confcrenz mit dem 
Dichter, und man war dabei doch nicht in allen Puncten 
so übereinstimmend, wie dieser in seinen „Erinnerungen 
an Beethoven 14 erzählt. Schon in Hetzendorf hatte er 
sich allerdings den Anschein eines besseren Anlaufs, als» 
ihn die landläufige Oper zeigt, zu geben gewusst, und 
wenn auch sein eigener Text nicht eben ein höheres 
Verständniss vom Wesen und Bedürfen einer wirklichen 
Tragödie für Musik beweist, so scheint ihn doch Beet 
hovens Fidelio auf den der Sache selbst sich annähernden 
Gedanken gebracht zu haben: 

„Jede Erscheinung oder Einwirkung -Melusines durch eine- 
wiederkehrende leicht fassliche Melodie, die schon in der Intro- 
duction der Ouvertüre eintrete, zu zeichnen. " 

Nach der Rückkehr von Baden drängt es ihm dann 
Beethoven ab, dass er selbst ein Honorar von 100 
Dukaten „wegen seiner Verbindlichkeiten gegen Wallis- 
hauser 41 ansetzt, und der Dichter erklärt sich hier sogar 
ausdrücklich zu Textänderungen bereit. Obgleich er 
aber ebenfalls dabei aufschreibt: „Sie wollen bis Sep- 
tember es dem Theater übergeben ? u und aus der Erinne- 
rung berichtet: „Er sagte mir damals: Ihre Oper ist 
fertig 41 , so müssen wir doch an Beethovens späterer 
Aeusserung, der Dichter habe anders gewollt als er, oder 
vielmehr daran festhalten, dass hier im Grunde mit 
Aenderungen im Einzelnen nicht zu helfen war. Es. 



_459_ 

fehlte eben am Ganzen. Obwol also in diesem Winter 
1823/24 Lichnowsky aufschreibt: die Direction gehe allea 
wegen der Oper ein, was er wünsche, und sei in dem 
Augenblick im Arrangement mit Grillparzer, und nicht, 
lange nachher der Neffe: 

,, Lichnowsky war heute schon bei ihm und sagte mit ent- 
setzlicher Freude, dass er in 2 Tagen zu dir käme, um mit dir 
von der Oper zu sprechen, die alles erwartet" — 

obwol es endlich nach dem Misserfolg der Euryanthe 
allerdings schien, als hinge die Existenz der deutschen 
Oper von dieser Melusine ab, so ward dieselbe denn doch 
eben nicht geschrieben. Für uns hier aber steht daa 
Unternehmen vorerst noch in voller Absicht da, und es 
ist dies desshalb von Gewicht, weil gewissermassen diese, 
in Aussicht stehenden „grösseren 41 Pläne die Geister in 
Fluss und Stimmung erhielten und das wirklich in An- 
griff genommene Thun als eine Art leichtes Intermezza 
erscheinen liessen, bis eben unversehens dieses selbst zur 
Hauptsache ward und jedes weitere Vorhaben zur Seite 
drängte. 198 

Kaum nothwendig erscheint solch vorläufiges Bei- 
seiteschieben mit jenem anderen Werke, das jetzt wieder 
in den Vordergrund trat, — es war nie ernstlich in Ab- 
sicht gestanden. Zwar entschuldigt sich Beethoven selbst 
über diesen „Sieg des Kreuzes 14 am 24. Jenner 1824 
lang und breit bei dem Musikverein: es sei schwer go* 
wesen, sich mit Bernard zu besprechen, auch habe der- 
selbe für Musik nichts als die „Libussa" (o. S. 393) 
geschrieben, die er aber schon seit 1809 kenne; endlich 



460 

habe er nun das Buch bekommen, aber es müsse mehreres 
und vieles daran geändert werden u. 8. w. Dabei fallt 
die charakteristische Aeusserung: 

„Lassen wir den Werth d. g. Dichtungen ununtersucht, 
wir wissen alle, wie wir das hiemit nehmen können, das Oute 
liegt hier in der Mitte; was mich aber angeht, so will ich lieber 
selbst Homer, Rlopstock, Schiller in Musik setzen, wenigstens 
wenn man auch Schwierigkeiten zu besiegen hat, so verdienen 
dieses diese unffterblidhen Dichter." 

Drastischer aber drückt Schickh sich aus: 

„Wenn ich Beethoven wäre, so setzte ich nie diesen höchst 
langweiligen Text des Oratoriums ! ! ! Wenn Sie ein Tedeum und 
ein Requiem setzen, so machen Sie sich gewiss grösser." 

Lieber besprach sich Beethoven mit Grillparzer über 
«in Oratorium „Christus 41 . Dieser meinte aber, eigent- 
lich könne man Jesus Christus nicht musikalisch aus- 
drücken, die Musik müsse Schmerz ausdrücken, mensch- 
lichen Schmerz, wo bleibe dann der Gott? Judith, 
Drahomira seien Stoffe ! Obgleich also öffentlich geäussert 
worden war, jeder Freund der Musik und Verehrer seines 
grossen Talents sehe nun schon so lange mit gespannter 
Erwartung dem zugesagten Werke entgegen, so war eben 
Beethoven einstweilen nicht in der Lage, dem Musikver- 
ein zu dienen, stellt aber als „Interessen" der vorge- 
schossenen 400 fl. W. W. den Gebrauch von Symphonie 
und Messe nach seiner Akademie zur Verfugung, wie 
ihm selbst zu diesem Zweck der Verein seine Hülfe an- 
geboten habe. Die ganze Sache verläuft im Sande, und 
wir haben nach Lage der Dinge das Unterbleiben dieser 
Composition ebenfalls in keiner Weise zu beklagen. 



461 

Aber die Faustmusik? — Auch darüber sei wenigstens 
eine weitere Notiz gegeben. Im November 1823 bringt 
der Berliner Concertmeister Henning, durch Schuppan- 
zigh vorgestellt, Griisse vom Geheimrath Duncker (s. o. 
II 574) , lobt Berlin sehr und spricht vom Fürst Radzi- 
will, der Beethovens Quartette vortrefflich spiele; auch 
habe derselbe den Faust componirt, hcisst es da. Dabei 
kommt begreiflicherweise Beethoven auf das eigene Pro- 
ject zu sprechen. Jedoch soweit die zerstückte Conver- 
sation zu verstehen ist, scheint er immer noch wie 1808 
(o. II Anm. 167) das Gedicht erst für die Bühne beson- 

* 

ders haben herrichten lassen wollen. Der Lebenskeim 
unserer ersten wahren tragischen Nationaldichtung, der 
ihn schon so früh mit dem Plan einer entsprechenden 
Musik erfüllt, bleibt also fortwährend in ihm wirkend 
und sollte seine Geister noch auf dem Todesbette er- 
regen. Wir finden dieselbe denn auch in diesen letzten 
Jahren besonders oft von ihm selbst berührt und 
haben demnach anzunehmen, dass die einzelnen Ströme 
tiefer Erregung, die auch sein Inneres hier stets aufs 
neue . erfahren musste , gewissermassen in die laufenden 
Schöpfungen „seiner Weise u geflossen sind, und schon in- 
sofern ist auch dieses Project für uns hier nach wie vor 
wenigstens im Sinn zu behalten. 

Die übrigen Pläne: Requiem, 10. Symphonie, Bach- 
ouverture, Flötenquintett und die 4händigen Sonaten 
werden uns gelegentlich noch begegnen. Wir begebeu 
uns auf das Gebiet der wirklichen Thaten zurück, und 
hier* ist zunächst über jene beiden Akademien zu berich- 



462 

ten, die in so mancher Beziehung für Beethoven selbst ein 
Ereigniss waren. Wir haben desshalb hier ziemlich ins 
Detail zu gehen. m 

Verschiedene Anlässe waren zusammengetroffen, um die 
allgemeine Aufmerksamkeit in diesem Jahresbeginn mehr 
als je zuvor auf den in der musikalischen Weltstadt 
tief verborgen lebenden grössten Meister der Zeit zu 
richten. Die Erfolge Webers und Rossinis, die „Weihe 
des Hauses 44 und der aufs neue „strahlend aufgegangene 44 
Fidelio, die Euryanthc und die jetzt zu erwartende Me- 
lusine, alles wies lebhaft auf ihn hin. „Sie jiaben 7000 fl. 
Schaden bei Webers Euryanthe — lang, unverständlich 
und unpopulär 44 , schreibt der Neffe auf, und Lichnowsky 
raisonnirt weidlich: die Musik sei für den Text viel zu 
tragisch gehalten, lauter Dissonanzen, unnatürliche Trai*- 
sitionen, Schwierigkeiten gehäuft. Dann besuchten in 
diesem Winter 1823/24 mehrere renomniirte Künstler Wien. 

„Der gefeierte Pianist Herr Moscheles ist nach einer 
4jährigen Abwesenheit wieder hier angekommen — wir hoffen ihn 
in einem Conzerte bewundern zu können" 

so meldet die A. M. Z. vom October 1823, und schon bei 
.seinem zweiten Auftreten „glich der Beifall einem Orkane". 
Ausser freien Phantasien brachte er neue Clavierconcerte 
vor. „Die Composition ist ausgezeichnet und meisterlich 
gearbeitet 44 , heisst es ebendort über eins derselben. 
Moscheles war denn auch sogleich zu Beethoven gegangen 
und von ihm freundlichst aufgenommen worden. Doch 
hatte es schwer gehalten, den Meister zur Annahme dieses 
Besuchs zu bestimmen. Es konnte ihm nicht recht wohl 



463 

in Gegenwart von Kunstjüngern sein, die so mit leichter 
Hand Ruhm und Gold auf dem Gebiete sammelten, auf 
dem es ihm selbst mit aller Mühe nicht gelang, „auf 
einen grünen Zweig zu kommen 44 . Allein Schindler 
schrieb ihm auf, Moscheies traue sich nicht nach London 
zu kommen, ohne den Engländern sagen zu können, er 
habe ihn w r ohl gesehen, und er werde hier hören, wie 
sehr man ihn in ganz England „anbete 44 . Moscheies selbst 
aber erzählt von diesem ersten Besuche mit seinem Bru- 
der Folgendes: 

„An der Hausthür angelangt, fiel mir's schwer aufs Herz, wie 
menschenscheu Beethoven sei, und ich bat den Bruder, unten zu 
warten, während ich erst sondirte. Als ich nun nach kurzer Be- 
grüssung Beethoven fragte: Darf ich Ihnen meinen Bruder zu- 
führen? erwiderte er hastig: Wo ist denn der? Unten, war die 
Antwort. Was? Unten? rief er noch hastiger, lief die Treppe 
hinunter, packte meinen erschrockenen Bruder am Arm und 
-schleppte ihn bis mitten in sein Zimmer hinein, wo er ausrief: 
Bin ich denn so barbarisch roh und unzugänglich? Dann zeigte er 
grosse Freundlichkeit für meinen Bruder." 

Schindler hatte Moscheies, an den der Meister seit 
der Begegnung mit ihm i. J. 1814 (s. o. II 571) wol 
nicht oft gedacht, vorgestellt; die Conversation drehte 
sich natürlich um England, das Beethoven unausgesetzt 
als letzten Rettungsanker im Auge zu behalten hatte. 
Die Ouvertüre zur Weihe des Hauses sei ganz vortrefflich 
gegangen, der Name Beethoven sei den Engländern die 
Bezeichnung des höchsten Ideals, schreibt er weiter auf, 
und nicht viel anders kann er sich in der Stadt Beetho- 
vens Freunden gegenüber geäussert haben. „Wird die 
Cdur-Sinfonie bald fertig sein?" fragt er zuletzt, ohne 



464 

Zweifel die „Neunte" meinend, die ja für London be- 
stimmt war. 

Zu einem weiteren Conzert lieh ihm dann Beethoyeii 
bereitwillig seinen Broadwood-Flügel. Der Ciaviermacher 
Graf hatte das durch unbarmherziges Zerhacken arg 
lädirte Instrument bestens in Stand gesetzt und Mosche- 
les den „breiten, vollen, wenn auch etwas dumpfen" Ton 
zur Geltung zu bringen gesucht. Jedoch: „mein Wiener 
Publicum hielt zu seinem Landsmann, dessen hellklingende 
Töne gefälliger ins Ohr fielen", erzählt dieser selbst, und 
die A. M. Z. berichtet, er habe in der That Wunder da- 
rauf gewirkt und mit seiner Phantasie, die diesmal „Gott 
erhalte Franz den Kaiser" mit dem grossartigen Chor 
aus Händeis Alexanderfest gepaart habe , wieder zur all- 
gemeinen Bewunderung hingerissen. Ja „auf allgemeines 
Verlangen" musste zwei Tage darauf das ganze Conzert 
wiederholt werden. Ebenso feierte die humoristische 
Gesellschaft „Ludlam" den glänzenden Virtuosen, und 
seinen Ehrennamen „Tasto der Kälberfuss" schreibt schon 
Ende October der Neffe ins Conversationsheft. Obwol 
also Schindler dem Meister aufschreibt, Moscheies sei 
blos ein sogenannter routinirter Componist und Spieler T 
und ob ebenso Schuppanzigh meint, Kalkbrenner, der 
ebcndamals nach Wien kam, habe mehr Gefühl in sei- 
nem Vortrage, so berichtet doch das Morgenblatt vom 
December 1823, Moschelcs' Erscheinung habe grosse Be- 
wegung unter den Kunstfreunden verursacht und er be- 
reite einen Genuss, über dem man wol einmal Essen 
und Trinken vergessen möge. 



4fi5 

Gleicherweise also freute man sich im voraus, den 
berühmten Pianisten Kalkbrenner zu hören, und fand 
in ihm bei seinem „ungewöhnlich gefüllten 44 Conzert 
vom 25. Januar 1824 „unstreitig einen der stärksten 
Clavierspieler seiner Zeit 44 . In seinen Compositionen aber 
gewahrte man Feuer, Originalität, ein brillantes Instru- 
mentenspiel, mitunter auch einige Bizarrerie, namentlich 
durch „ewiges Möduliren 44 . Die Hoffnung auf ein zweites 
Conzert jedoch erfüllte er nicht. Hatte doch Schindler 
schon Ende 1823 aufgeschrieben : „Er kommt als Rentirer 
nach Wien und nicht als Künstler. Der hat es auch 
weit gebracht! 44 (s. ob. S. 29.) Er zog es nämlich vor, 
nach London abzureisen. 200 

Andrerseits erfuhr man über den eigenen Heroen, 

soweit überhaupt von seinem Leben, das ja „mehr ein 

Intensionsleben 44 war, etwas ins grössere Publicum drang, 

nichts besonders Erfreuliches, und ein eigenthümlicher 

Zufall lenkte gerade in diesem Winter die Augen wieder 

mehr auch auf seine Persönlichkeit. Zu Ende November 

1823 schreibt er selbst ins Conversationsheft : „S alier i 

hat sich den Hals abgeschnitten, lebt aber noch 44 , und 

in dem gleichen Winter steht da von der Hand Schickhs : 
„Es sind 100 auf 1 zu wetten, dass die Gewissens&usserung 
Salieris wahr ist! — Die Todesart Mozarts bestätiget diese 
Aeu8serung." 

Er hatte in seinen Phantasien sich selbst der Vergiftung. 

Mozarts angeklagt, und so schreibt nun nach Schickh 

Schindler auf: 

„Sie sind wieder so düster, erhabener Meister — wo fehlt 
es denn? — wo ist denn die heitere Laune seit einiger Zeit? — 
N o h 1 , Beethovens letzte Jahre. 30 



466 

Lassen Sie sich's nicht so zu Herzen gehen , es ist grösstenteils 
das Schicksal grosser Männer. Es leben so Viele, die bezeugen 
können, wie er gestorben, ob Symptome sich zeigten — er wird 
aber Mozart mehr geschadet haben durch seinen Tadel, als Mo- 
zart ihm." 

Man erinnerte sich aufs neue allgemein der trüben 
Verhältnisse, in denen Mozart gestorben. Und besass nicht 
der lebende Tonheros in dieser Kaiserstadt ebenso viel 
bittere Gegner wie der gestorbene? In der Theaterzei- 
tung vom Sonnabend stehe eine Beschreibung von seinem 
häuslichen Leben, schreibt der Neffe Ende 1823 auf. 
E3 ist die oben S. 402 berührte des Morgenblatts. 
Daraus erfuhr nun das kunstliebende Wien, was es eigent- 
lich längst wusste und doch stets wieder zu vergessen 
schien: Ludwig van Beethoven gehöre zu jenen Männern, 
welche nicht nur Wien und Deutschland, sondern Europa 
und unser Jahrhundert verherrlichen; die geniale Tiefe, 
die beständige Originalität, das einem grossen Gemüthe 
Entquollene in seinen Compositionen sichere ihnen trotz 
italienischem Klingklang und moderner Charlatanerie die 
Anerkennung jedes wahren Verehrers der göttlichen 
Polyhymnia. Sein Leben sei nach seinem eigenen Ausdruck 
„mehr ein Intensionsleben", die Ereignisse der Aussen- 
welt berührten ihn nur wenig, er sei ganz der Kunst 
eigen. Die späte Nacht finde ihn an seinem Pulte und 
der früheste Morgen rufe ihn wieder zu demselben, ihm 
gelte die Kunst als ein Göttliches, nicht als Mittel, sich 
Ruhm oder Geld zu erwerben, ein Verächter alles Scheins 
dringe er auf Wahrheit und Charakter, so im Leben wie 
in der Kunst. Darauf heisst es näher eingehend: 



467 

„Er ist unfähig, sich zu verstellen. Verhältnisse, die seine 
geraden Männlichkeit, seinen hohen Begriffen von Ehre zuwider- 
laufen, bricht er. Was er will, will er gewaltig, denn er will nur 
das Hechte. Er ist ganz der Mann, der nicht nur nichts Un- 
billiges thut, sondern, was selten ist in unserer Zeit, auch nichts 
Unbilliges leidet. Gegen Frauen hegt er eine zarte Achtung und 
«eine Gefühle für dieselben sind jungfräulich rein. Gegen Freunde 
ist er mild, jeder derselben hat gewiss auf irgend eine Art seine 
gütige Gemüthsart erfahren. . . Vorzüglich liebt er die freie Natur. • . 
Wenn er sich im Sommer auf dem Lande befindet, ist er ge- 
wöhnlich schon vor Sonnenaufgang in dem blühenden Garten 
Gottes : kein 'Wunder , dass seine Werke herrlich sind , wie die 
heilige Natur. . . Fast täglich erhält er aus allen Theilen Europas, 
ja selbst aus dem fernen Amerika Beweise der Anerkennung sei- 
nes Talents. . . Einst nahm er in einem Gastzimmer das Vesper- 
brod ein, der Aufwärter nennt seinen Namen, dadurch aufmerk- 
sam gemacht naht sich ihm ein englischer Schiffscapitain, bezeugt 
die ausserordentlichste Freude, den Mann zu sehen, dessen herr- 
liche Symphonien er selbst in Ostindien bewundernd hörte. Des 
Briten reine ungekünstelte Ausbrüche der Verehrung freuten ihn 
innig. Besuche aber, ihn zu sehen, liebt er nicht, seine Zeit ist 
ihm zu kostbar. Ausser an seiner Kunst hangt er mit ganzer 
Seele an seinem Neffen Karl. Er vertritt dem Waisen Vaterstelle 
im vollen Sinne des Worts. . . Beethovens Aeusseres verkündet 
markige Kraft, sein Kopf erinnert an Ossians Grey heared bards 
of Uliin." 

Es geschieht darauf die Schilderung seiner Lehensweise 

auf eine mit unserer Darstellung S. 20 ob. durchweg 

übereinstimmende Art. Und weiter heisst's: 

,, Bewundern s werth ist, dass, obschon des Sinnes beraubt, durch 
den er so meisterhaft auf die Geister wirkt, er dennoch, wenn er 
sich zum Ciavier setzt und sich seinen Phantasien überlässt, auch 
das leiseste Piano ausdrückt. Er geniesst vom kaiserlichen Hofe (?) 
eine Pension, und wiewohl diese seine Bedürfnisse lange nicht 
deckt, verschmähte er doch zur Zeit, als die Franzosen ihren Be- 
herrscher Kaiser nannten, eine reizende Einladung. " (o. II 277.) 

ao* 



468 

Zum Schluss wird also der Messe, der Symphonie, neuer 
Quartette, des Oratoriums für Boston und der Melusine 
Erwähnung gethan. 201 

In der That, geschickter hätte auch die bestimmteste 
Absicht nicht das Bild des Meisters in der Vorstellung 
seiner unmittelbaren Umgebung wiederzuerwecken ver- 
mocht. Zumal ward hier die Spitze so manchen bösen 
Gerüchts über den „Misogyn", den „Himmelsstürmer", 
den „unzugänglichen Barbaren" abgebrochen oder doch 
umgebogen. Dazu kamen in diesem Winter besonders 
zahlreich Schuppanzighs Quartett-Productionen, in denen 
ja- Beethovens unerschöpflicher Genius vor allem leuch- 
tend hell erglänzte. Da ist es denn kein Wunder, wenn 
sich auch in weiteren Kreisen, wieder ein Interesse für 
ihn regte. Doch ist das Nächste immer nur jener bornirte 
Localpatriotismus , der die eigenen Berühmtheiten nicht 
besser preisen zu können wähnt, als indem er die frem- 
den herabsetzt. Wie wir dies sogar aus den eigenen 
Conversationen Beethovens in diesem Winter 1823/24 
zur Genüge erfahren! 202 

Würdiger aber zeigt sich dann diese erneute Theil- 
nähme in dem jetzt lebhaft erwachenden Begehren der 
eigentlichen Musikfreunde Wiens, auch das neueste Grosse 
ihres grössten Mitbürgers kennen zu lernen, und „er- 
hebendes Ereigniss für die Freunde deutscher Musik" 
nennt es die Wiener A. M. Z. vom 21. April 1824, als 
„ein Verein edelsinniger Musikfreunde" ihn mit einer 
persönlichen Bitte angegangen hatte, ihnen sein Angesicht 
einmal wieder „im Feuer zuzuwenden". Es waren — 



469 

wir müssen die Namen derer wissen, die schon damals 
Beethovens Genius zu erfassen oder doch zu lieben wussten: 

Fürst Carl Lichnowsky, Artaria, Hauschka, Lei- 
desdorf, J. E. v. Woyna, Streicher, A. Halm, Abbe* 
Stadler, Hofsecretair von Felsburg, Graf Stockhammer, 
Graf Palfy, Kammerherr von Schweiger, Graf Czernin, 
Graf Fries, Castelli, Deinhartstein, Kuffner, Neham. 
mer, Stainer von Felsburg, Graf Dietrichstein, Hofrath 
Mosel, K.Czerny, Graf Lichnowsky, ZmeskaU, Kiese- 
wetter, L. Sonnleithner, Steiner, Diabelli, Lederer, 
Bihler, — 

also uns meist wohl bekannte Freunde oder Verehrer 
Beethovens aus jedem §tand und Geisteskreise, und 
Schindler thcilt dem Meister die Nachricht Czerays mit, 
auch der Erzherzog Karl habe unterzeichnen wollen, aber 
zu spät davon gehört. 

Die Zuschrift selbst aber, von dem o. S. 65 genann- 
ten Hofsecretair von Felsburg verfasst und in der Wiener 
A. M. Z. mitgetheilt, ist uns ein werthvoller Gradmesser 
der Kunstbildung jener Tage in ausgewähltem Kreise. 
Aus dem weiten Kreise, der sich um seinen Genius in 
seiner zweiten Vaterstadt in bewundernder Verehrung 
schliesse, heisst es da, trete heute eine kleine Anzahl 
von Kunstjüngern und Kunstfreunden vor ihn hin, um 
längstgefühlte Wünsche auszusprechen, lauge zurückge- 
haltenen Bitten ein bescheiden freies Wort zu geben. 
Doch wie sie nur ein geringer Bruchtheil derer seien, die 
seinen Werth freudig erkennen, so dürften diese Namen 
alle, denen Kunst und Verwirklichung ihrer Ideale mehr 
als Gegenstand des Zeitvertreibs seien, behaupten, dass, 
was sie wünschen und bitten, von Jedem, dessen Brust 



' 470 

ein Gefühl des Göttlichen in der Musik belebt, laut und 
im stillen wiederholt werde. Vorzüglich seien es die 
Wünsche heimischer Kunstverehrer. Denn ob auch sein 
Name der Welt angehöre, dürfe Oesterreich ihn doch zu- 
nächst den Seinigen nennen. Noch sei hier der Sinn 
nicht erstorben für das, was Mozart und Haydn 
Grosses und Unsterbliches geschaffen, und mit freudigem 
Stolze seien sie sich bewusst, dass die heilige Trias, in 
der jene Namen und der seinige als Sinnbild des Höchsten 
im Geisterreich der Töne strahlen, sich aus der Mitte 
des vaterländischen Bodens erhoben habe. Um so schmerz- 
licher aber müssten sie es fühlen, dass in diese Königs- 
bürg der Edelsten fremde Gewalt sich eingedrängt, das» 
über den Hügeln der Verblichenen und um die Wohn- 
statte des Einzigen, der aus jenem Bunde noch erübrige, 
Erscheinungen den Reihen führen, welche sich keiner Ver- 
wandtschaft mit den fürstlichen Geistern des Hauses 
rühmen können, dass Flachheit Nam<?n und Zeichen der 
Kunst missbrauche und im unwürdigen Spiel . mit dem 
Heiligen der Sinn für Reines und ewig Schönes sich ver- 
düstere und schwinde! 

Lebendiger als je fühlten sie daher, dass gerade jetzt 
ein Aufschwung durch kräftige Hand, ein neues Erschei- 
nen des Herrschers auf seinem Gebiete das Eine sei, was 

noth thue. Und so heisst es denn: 

„Entziehen Sie dem öffentlichen Genüsse, entziehen Sie dem 
bedrängten Sinne für Grosses und Vollendetes nicht länger die 
Aufführung der jüngsten Meisterwerke Ihrer Hand. Wir wissen» 
dass eine grosse kirchliche Compositum sich an jene erste ange- 
schlossen hat, in der Sie die Empfindungen einer von der Kraft 



471 

des Glaubens und vom Lichte des Ueberirdischen durchdrungenen 
und verklärten Seele verewigt haben. Wir wissen, dass im 
Kranze Ihrer herrlichen noch unerreichten Sinfonien eine neue 
Blume glänzt. Seit Jahren schon, seit die Donner des Sieges von 
Vittoria verhallten, harren wir und hoffen, Sie wieder einmal im 
Kreise der Ihrigen neue Gaben aus der Fülle Ihrer Reichthümer 
spenden zu sehen. Täuschen Sie nicht länger die allgemeine Er- 
wartung. Erhöhen Sie den Eindruck Ihrer neuesten Schöpfungen 
durch die Freude, zuerst durch Sie selbst mit ihnen bekannt zu 
werden! Geben Sie es nicht zu, dass diese Ihre jüngsten Kinder 
an Ihrem Geburtsorte einst vielleicht als Fremdlinge, vielleicht von 
solchen, denen auch Sie und Ihr Geist fremd ist, eingeführt wer- 
den! Erscheinen Sie baldigst unter ihren Freunden, Ihren Ver- 
ehrern und Bewunderern!" 

Dann wird der Melusine und des Oratoriums 
für den Musikverein gedacht, und nochmals gebeten: 

„Lassen Sie jene innigen Aufforderungen zu so edlem Ziele 
nicht verloren sein ! Säumen Sie nicht länger, uns die entschwunde- 
nen Tage zurückzuführen, wo Polyhymniens Gesang die Geweihten 
der Kunst wie die Herzen der Menge gleich mächtig ergriff und 
entzückte !" 

Auch seine Zurückgezogenheit sei längst mit tiefem 

Bedauern gefühlt worden, und darum heisst es: 

,, Bedarf es der Versicherung, dass, wie alle Blicke sich hoffend 
nach Ihnen wandten, Alle trauernd gewahrten, dass der Mann, 
den wir in seinem Gebiete vor Allen als den Höchsten unter den 
Lebenden nennen müssen, es schweigend ansah, wie fremdländische 
Kunst sich auf deutschem Boden , auf dem Ehrensitz der deut- 
schen Muse lagert, deutsche Werke nur im Nachhall fremder 
Lieblingsweisen gefallen und, wo die Treulichsten gelebt und ge- 
wirkt, eine zweite Kindheit des Geschmacks dem goldenen Zeit- 
alter der Kunst zu folgen drohet?" 

Er allein vermöge den Bemühungen der Besten den 

Sieg zu sichern. Von ihm erwarte die heimische Kunst 

neue Blüthen, verjüngtes Lehen und eine neue Herrschaft 



472 

des Wahren und Schönen. Und so schliesst denn dieses 
Schriftstück vom Februar 1824: 

„Möge das Jahr, das wir begonnen, nicht endigen, ohne uns 
mit den Früchten unserer Bitten zu erfreuen, und der kommende 
Frühling, wenn er der ersehnten Gaben eine sich entfalten sieht, 
für uns und die gesammte Kunstwelt zur zwiefachen Blüthenzeit 
werden!" v 

Klang das alles auch etwas emphatisch und pathe- 
tisch, so war es doch die aufrichtigste Empfindung wie 
die ahnungsvolle Anschauung eines Hohen und Höchsten 
in der Kunst, was hier nach Ausdruck rang und der Er- 
reichung seines Ziels gewiss sein wollte. Und so empfand 
die Bitte offenbar auch Beethoven, den andrerseits die 
eigene Billigkeit lehren musste, dass über die Gränzen 
seines natürlichen Verstehens hinaus in der Aufnahme der 
Kunst kein Mensch verpflichtet werden kann. 203 

Felsburg undBihler waren die Ueberreicher der 
Adresse und zwar eines Mittags nach Tische, wo Beetho- 
ven auch eine ausgedehntere Conversation nicht zu ver- 
schmähen pflegte und man also eine nähere Besprechung 
erhoffen konnte. Allein man hatte sich verrechnet. 
„Beethoven wollte erst lesen, wenn er allein sei u , be- 
richtet Schindler, der allerdings auf den Eindruck solcher 
verehrungsvollen Annäherung vonseiten der leichtgeflügcl- 
ten Wiener besonders gespannt sein musste. Es drängte 

ihn daher unmittelbar nachher zu dem Meister: 

,,Ich fand ihn mit der Schrift in der Hand. Nachdem er mir 
mitgetheilt, was sich so eben zugetragen, überreichte er mir das 
Blatt mit Gelassenheit, die sein Ergriffensein von dessen Inhalt 
zu deutlich bezeugte. Während ich las, was mir schon bekannt, 
trat er ans Fenster und verfolgte mit den Blicken den Zug der 



473 

Wolken. Schweigend legte ich das Blatt zur Seite, abwartend, bis 
seine Conversation beginnen werde. Er verharrt© jedch in der 
bezeichneten Stellung. Endlich wandte er sich zu mir und sprach 
in nicht [recht] eigentümlich hohem Tone: ,Es ist doch recht 
schön! Es freut mich! 1 — Dies war das Stichwort, um ihm 
auch meine Freude — leider schriftlich ! — auszudrücken. Er las 
es und sagte dann hastig : Qehen wir ins Freie ! — Draussen ver- 
blieb er gegen seine Gewohnheit einsilbig, wiederum ein untrüg- 
liches Merkzeichen, was in seiner Seele eben vorging." 20 * 

Auch in den weiteren Folgen dieses Schrittes müssen 
wir uns an diesen Gewährsmann halten, der sich eben 
aus den Conversationsheften die Erinnerung an diese 
Tage gut aufzufrischen vermochte. Beethoven konnte 
der Sache nur geneigt sein. War doch jetzt Aussicht, 
dass die „bewundernde Verehrung 14 sich auch einmal 
erfolgreich für ihn bewies. Denn darauf blieb er ja mit 
all diesem Schaffen seines Genius gestellt. Und wollte 
er hoffen, demselben ungestört auch weiter nachgehen 
zu können, so mussten die Subsistenzmittel sich mehren. 
Die Bankactien gehörten dem Neffen, das stand unab- 
änderlich fest, und selbst wirkliche Noth konnte an 
dieser inneren Abmachung nicht rütteln. Die Hoffnung, 
noch einmal eine Wiener Congresszeit mit ihren Fürsten- 
gaben zu erleben, war längst dahin, der Adel Europas 
und besonders Deutschlands begann sich stets weniger 
um Kunst zu bekümmern, und gar um ein Schaffen wie 
! das Beethovens ! Gleichwol war für ihn selbst die 

Sache noch nicht so einfach ausgemacht und ihrem 
Erfolg nach zweifellos feststehend. 

,,Sie haben zu wenig Selbstvertrauen. Haben denn die 
Huldigungen der ganzen Welt Sie nicht ein wenig stolzer gemacht? 



474 

Wollen Sie denn nicht glauben lernen, dass man sich sehnt, Sie 
wieder in einem neuen Werke anzubeten? O Halsstarrigkeit!" 

so schreibt im März d. J. nach ihrer liebenswürdigen 
Unbefangenheit die Unger auf, als sie die Nachricht 
gebracht, Duport sei mit den Operbedingungen zufrieden. 
Und hätte er viel anders von dem Eindruck der Messe 
und der Symphonie bei einem Publicum denken können» 
das Rossini und seinen Sängern wie wahnsinnig zuge- 
jauchzt? Andrerseits jedoch schien jetzt dieses gleiche 
Wiener Publicum das Unrecht an seinem grösseren Mit- 
bürger auf jede Weise wieder gut machen zu wollen. 

„Das 3. Quartett war eins von die letzten, dieses hat nicht 
nur die ersten 2 aufgefressen, sondern das ganze Auditorium war 
ebenso entzückt wie bei dem 7tet vorigen Sonntag, ich bin nicht 
im Stand zu sagen, welches von beiden mehr Enthusiasmus hervor- 
gebracht hat" 

so schreibt sogleich nach der Unger Bruder Johann auf. 

Und ihm seeundirt später der Neffe mit den Worten : 

,,Es wäre vergebens dem Eindruck zu mahlen, der sich bei 
Allen offenbarte. Der Vortrag war herrlich und alles war 
entzückt." 

Am 14. März nämlich hatte Schuppanzigh sein letztes 
Abonnementconzert mit einem Quartett von Schubert und 
Beethovens Septett geschlossen , nachdem am 7. nach 
Haydns Esdurquartett (Erdödy) und Mozarts Dmollquartett 
Beethovens Op. 59 II (Enioll) gegeben worden war. 

Und sollte das etwas unbesinnliche liebe „Wiener- 
völkchen 14 nicht erst hoch aufschauen, als es vernahm» 
wie viel denn doch sein „Ehrenbürger 14 im Ausland und 
vor allem in dem Paris galt, das damals noch so unbe- 
dingt den Ton für Europa angab? „Domie par le Roi a 



475 

Monsieur Beethoven" steht auf der Rückseite einer 
goldenen Medaille im Wcrth von 41 Duk., die das 
Brustbild Ludwigs XVIII. trägt und als ein besonderes. 
Huld- und Anerkennungszeichen gelten sollte, nachdem 
er seiest die Missa solennis gehört. Dies war durch den 
ersten Kämmerer Sr. Majestät am 20. Febr. 1824 dem 
Künstler nach Wien mitgctheilt worden, und seine Um- 
gebung wird zumal in diesem Augenblick nicht gesäumt 
haben, solch ungewöhnliche Ehrung möglichst rasch 
publique zu machen. 205 

Es schreibt aber auch weiter Kanne von jenen 
Quartettabenden, der geniale Vortrag Schuppanzighs, den 
man mit Recht musikalischen Humor nennen könne, ver- 
leihe denselben einen besonderen Styl, in welchem die. 
höhere Freiheit mit künstlerischer. Vollendung zur schönen 
Einheit gebracht sei. Linkes meisterhafter Bogen gebe 
den schwebenden Harmonien der Saiteninstrumente einen 
so schönen Grundbass, in w r elchem die Eigenthümlichkeit 
des Quartuors, den Bass in vielfacher Beweglichkeit 
durch alle Formen zu führen, auf eine siegreiche und 
glänzende Art hervortrete; seine tiefen Corden seien so 
energisch als sein Gesang in der Höhe anmuthig: „Das- 
Forte, welches man bei diesem Ensemble bemerkt, ist 
ebenso imposant als das Piano reizend. 11 

Da war" denn also auch im Vortrag etwas den 
Italienern Ebenbürtiges, und Kanne spricht mit Recht 
von „Strebepfeilern gegen die theatralische Hypersthenie^ 
d. h. gegen die Oper-Arien Sing- und Spiclwuth". Ebenso 
fiel auf den 1. April das dritte „Concert spirituel" mit 



476 

Pastoralsymphonie, Credo der C-Messc, Coriolan-Ouvertüre 
und der letzten Hälfte vom Christus am Oelberg, also 
ausschliesslich mit Werken Beethovens, und am 8. brachte 
das vierte dieser Conzerte noch „Agnus dei u und „Dona 
nobis" aus jener Messe sowie die Eginontouvertüre. Am 
4. April 1824 aber hörte man in Wien zuerst und zwar 
in einem der Gesellschaftsconzerte das Opferlied. Und 
wenn es dabei auch hiess, diese seine neueste Ton- 
dichtung sei ganz den Worten angemessen einfach, fromm, 
anspruchslos und höchst gemüthlich, habe aber gerade 
desswegen nur geringe Sensation gemacht, so ward man 
doch stets aufs neue auf Beethoven aufmerksam gemacht, 
und mit Grund meldet die A. M. Z. weiter, schon lange 
spreche man von dem Conzerte, worin er seine Messe 
und Symphonie auffuhren wolle, die grössten Spaltungen 
aber herrschten über das Local. 206 

Dieser letzte Punct nun fuhrt uns zu den Anordnungen 
des Conzertes selbst, die den Erfolg des ganzen Hervor- 
tretens diesmal auch nach der künstlerischen Seite hin 
wesentlich altcrirten. Denn die Unentschiedenheit wegen 
des zu wählenden Raumes brachte Verspätung der Proben 
mit sich und dies wieder eine mangelhafte Aufführung 
der Werke selbst. Wir müssen auch hier ziemlich ins 
Einzelne gehen. Handelt es sich doch um die erste Vor- 
führung zweier grössten Werke deutscher Kunst und um 
ein Erlebniss für Beethoven selbst, das mitentscheidend 
für sein ferneres Sein und Schaffen ward! 

Schindler referirt uns die Vorgänge hier im ganzen 
richtig, wir vermögen ihn aus den Conversationen zu- 



477 

gleich zu controlireii und zu ergänzen. Nach mancher- 
lei Ueherlegen war man auf das Theater an der Wien 
als den grössten Baum gekommen, und es erschien hier 
als doppelt erfreulich, dass bei Schindlers Sendung dessen 
Pächter und Leiter Graf Palfy, der ja auch die Adresse 
mitunterzeichnet hatte, bereitwilligst auf alle Wünsche 
eingegangen war und nur 1200 fl. W. W. für Haus und 
Personal miteinander verlangt hatte. So war selbst trotz 
der hohen Copiaturausgaben noch ein ansehnlicher Ge- 
winn zu erwarten, denn man konnte zugleich die Preise 
erhöhen. Nun aber kam, seiner Umgebung höchst 
unerwartet, dem Meister die Idee, anstatt Seyfried und 
Clement, die das Orchester an der Wien führten, Umlauf 
und Schuppanzigh zu nehmen. Palfy war auch nicht 
abgeneigt, seinen Capellmeister gegen den vom Kärnthner- 
thor fallen zu lassen, seinen ausgezeichneten Violin- 
director aber ebenfalls, das schien ihm unangemessen und 
für den Künstler, für den Beethoven selbst einst sein 
Concert für Violine geschrieben, eine bittere Kränkung. 
Allein wir kennen Schuppanzighs persönliches Verdienst 
um Beethovens Werke gerade aus dieser Zeit von 1823/24, 
und derselbe mussto nach seiner Bückkehr von Bussland 
wünschen, auf solche Art thatsächlich wieder in die 
frühere Stellung einzurücken, wie dies denn auch wirk- 
lich noch in dem gleichen Jahre geschah. Man gab 
auf keiner Seite nach, die Verhandlungen dauerten durch 
Wochen, Palfy mochte endlich dieselben zu Erfolg ge- 
bracht sehen wollen und steigerte seine Forderungen. 
So entsand nicht blos ein „Wirrsal von Intriguen, unver- 



478 

*. 

schämten Zumuthungen und Hindernissen kaum denk- 
barer Art", sondern zugleich verstrich die günstige Saison 
und das Horoskop des Unternehmens stellte sich von 
vornhinein schlecht. 207 

Allein die Copiatur war begonnen, und wie wollte 
man obendrein sonst zu einem irgend entsprechenden 
Entgelt für die lange Arbeit an den beiden grossen 
Werken gegangen? Denn um namentlich die Symphonie 
nur in Ruhe vollenden zu können, hatte man, wie es in 
einem Briefe vom Nov. 1825 heisst, „seinen Bruder durch 
Gefälligkeiten verbunden 44 und ihm „statt der schuldigen 
Summe 44 ausser der Messe sämmtliche fertige Arbeiten, 
die Ouvertüre Op. 124, die Bagatellen Op. 126, dann 
Opferlied, Bundeslied und Kuss überlassen, und das 
Honorar für die soeben erst vollendete Symphonie wird 
wol ebenfalls dem „Marchand coquin 44 bereits verschrieben 
gewesen sein. Doch interessiren uns die jetzt folgenden 
Massnahmen weniger um ihrer selbst' als um der mannig- 
fachen Notizen willen, die infolge ihrer über Beethovens 
Thun und Wesen damals hervorkamen. 

Es war also zunächst natürlich, dass vor allem an 
das Kärnthnerthortheater gedacht ward. Hier waren 
ja zugleich weitaus die besten Ausfuhrungskräfte vor- 
handen. Allein es waltete seit 1822 an diesem Institut 
ein Vogt, härter als der an der Wien. Mag der „primo 
ballerino 44 Duport, der schon 1813 den guten Lobkowitz 
ruiniren geholfen (s. o. II 404), wie ein Wiener Bericht 
der „Cäcilia 44 von 1825 sagt, „energisch, thätig, conse- 
quent 44 und vielleicht auch, wie anderswo verlautet, für 



479 

seine Person redlich gewesen sein, er führte die Geschäfte 
jenes Conte Barbaja, der, durch Glück und Klugheit vom 
Kaffeewirth zum Grafen emporgestiegen, nichts kannte, 
als zum eigenen Vortheil Kunst und Künstler ausbeuten, 
und dies bei seiner italienischen Gesellschaft und mit 
Rossinis Werken auch bereits weidlich geübt hatte. Was 
konnte solch blossen Privatunternehmern an dem ernsten 
Schaffen des griesgrämigen deutschen Sonderlings da 
liegen? Gleichwol musste man sich fügen, denn wie es 
«inmal stand, hatte der Pächter und sein „Locum tenens" 
-alle Macht in Händen über das Haus wie über das 
Personal. Dazu kommt, dass der letztere, abgesehen 
von den Unterhandlungen mit Palfy, noch persönlich in 
■dieser ganzen Angelegenheit gereizt war. Denn im Eifer 
für den eigenen Beutel, da ein guter Ausfall der Akademie 
den Verkaufswerth von Messe und Symphonie nur erhöhen 
konnte, war Bruder Johann schon sogleich, und zwar 
«)hne Beethovens Ermächtigung oder doch Präzisirung 
des Auftrags, zu dem Herrn Administrator gelaufen und 
hatte möglichst vortheilhafte Bedingungen zu erzielen 
gesucht, hatte sich jedoch dabei so ungeschickt erwiesen, 
mit dem „höheren Einfluss" seines Bruders zu drohen 
und dadurch den in seinem vollen Recht befindlichen 
Leiter des Instituts persönlich zu beleidigen. 208 

So muss hier zunächst die Absicht aufgegeben werden. 
Man spricht also jetzt vom landständischen und vom Uni- 
versitäts-Saalc. Allein die Enge des Raums im einen, 
die schlechte Akustik im andern! Dazu, w r oher das 
Personal nehmen, das damals in entsprechender Weise 



480 

nur die beiden kaiserlichen Theater boten? Man kam. 
zur k. k. Redoute, an die sich so erhebende Erinnerungen 
von der Congresszeit her knüpften, und wollte sich bereits 
an den Oberstkämmerer Grkfen Trautmannsdorf um den 
grossen Saal für den 8. April wenden. Allein auch hier 
war im Betreff des Singpersonals Duport kaum zu um- 
gehen. So wird Schindler, der bereits ein wenig sondirt 
und gefunden hatte, dass hier vor allem wegen Schuppan- 
zigh nichts im Wege stehe, beauftragt, um Ueberlassung 
des Hauses und Personals, sowie der Solisten Unger, 
Sontag und Preisinger für den 24. April um den 
Preis von 400 fl. W. W. an Duport zu schreiben. Allein 
der Herr Administrator verlangte 1000 fl. und obendrein, 
dass das gewöhnliche Abonnement und seine Preise 
blieben. Da ward denn aufs neue an die k. k. Redoute 
gedacht. Aber es scheint, Duport wollte seine weiblichen 
Nachtigallen nur für den kleinen Saal bewilligen.. Denn 
es befindet sich unter den Conversationen von damals 
ein Briefconzept Beethovens, das nach Schindler an jenen 
Herrn gerichtet ist. „Seine Werke verlangten einen 
grossen Raum 4 ', heisst es darin und dann für uns hier 
bemerkenswerth : 

,, Quant a moi raalgre la simplicite de mon caractere 
il faut avouer que les plus illustres et die aufgeklärtesten 
Beförderer und Beschützer der Tonkunst mich hiezu 
aufgefordert haben; mais ce ne sera pas un malheur pour une 
capitale qu'il ne donne pas une acaderoie, je yous suis donc bien 
oblige pour la petite sale et je ne donnerai pas une Academie, 
malgre tout cela je suis pret de servir toujours etc.' 1 

Das war gewiss mehr als höfliche Bescheidenheit. 



\ 



_ 481 

Doch was galt dem Pariser Tänzer überhaupt eine solche 
Production ? Hatte er doch bei dem seit Jahren fast nur 
an Rossinis Zwergchöre gewöhnten Theaterchor blos 
5 — 6 Proben für das Einstudiren solcher Riesenwerke, 
wie hier vorlagen, bewilligt und wollte gar das Orchester 
aoii vornhinein nur zu zwei Tagen hergeben! Da begreift 
man, dass Beethoven „noch überlegte, ob er mit Duport 
persönlich spreche, oder ob er ihm schreibe, welches nicht 
ohne Bitterkeit hergehen werde 44 . Jedoch auch zu solch 
persönlichem Besuch entschliesst der hier so berechtigte 
Künstlcrstolz sich diesmal, damit abgesehen von dem 
äusseren Erfolg, die entsprechende Darstellung der Werke 
gesichert sei. War nachher auch dem Unterhändler 
Schindler, wie Beethoven schreibt, im Betreff Duports 
„eine oxygene Säure mitzutheilen 44 , so hatte doch dieser 
seine Zufriedenheit bezeugt und erwartete nur noch den 
Hauptsprung, der sich bis über das Proscenium erstrecken 
werde; — von unten eis bis oben zum fünfgestrichenen f, 
fügt der grimmige Spott über den Solo -Tänzer hinzu. 

Allein man war trotzdem noch immer weit vom Ziel. 

„Nun gehe ich zu D. und der Teufel soll ihn holen, wenn 
er mir nicht das Ende vom Liede sagt" 

schreibt Schindler Ende April auf, und Beethoven ist 
immer noch zum Pactircn bereit, obwol Bernard eben- 
falls Gelegenheit gehabt hatte, Duport „als einen Schuft 

kennen zu lernen 44 . 

„Anspruchslos wie ich bin ist mir alles [recht?] und ich be- 
greife kaum wie man mir zuerst diese . . . ." 

lautet wieder ein Conzcpt an Duport. Allein als bei 
einem wiederholten persönlichen Besuch dieser gar die 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 31 



482 

Rücksichtslosigkeit hatte, „Se. Majestät", wie Schindler 
u.A. Beethoven schon damals scherzend anzureden pflegten > 
antichambriren zu lassen, begann derselbe im Theater 
selbst gar deutlich seine Meinung über den Herrn 
Administrator auszusprechen und lief dann, sogar auf 
der Strasse noch laut schimpfend, schnurstracks fort, so- 
dass der Violinmeister Böhm, der uns dies berichtet, 
hinter ihm drein springend alle Mühe hatte, ihn nur 
wieder zu beruhigen. 209 

Andrerseits aber war nach seiner misstrauenden Art 
Beethoven selbst in manchen entscheidenden Puncten 
sehr unschlüssig und wechselnd und liess sich „von jedem 
armen Sünder beschwatzen 41 . 

„Wie oft haben Sie selbst gesagt, dass Sie einsehen, dass 
Ihr Bruder Sie stets zu hintergehen sucht und Ihr Neffe Sie 
belügt?" 

schreibt Schindler auf, und noch deutlicher wird uns die 
Situation durch Beethovens eigenen Zettel an ihn: 

„Ich bin nach dem sechs wöchentlichen Hin- und Herreden 
schon gekocht, gesotten und gebraten. Was soll endlich werden 
mit dem vielbesprochenen Conzert, wenn die Preise nicht erhöht 
werden ? Was soll mir bleiben , nach soviel Unkosten , da die 
Copiatur allein schon soviel kostet?" 

So griffen endlich die Freunde Liehnowsky, Schuppan- 
zigh, Schindler zu der unschuldigen Intrigue, einander 
wie zufällig bei Beethoven zu treffen und ihn dann zur 
Feststellung und Unterzeichnung aller noch fraglichen 
Puncto zu veranlassen. Die List gelang. Allein alsbald 
errieth des Meisters trauriges Argwöhnen den Zusammen- 



483 

hang und es erfolgten die bekannten „Hati-Schcrifs" an 
jene Drei: 

,, Falschheiten verachte ich. Besuchen Sie mich nicht mehr. 

Akademie hat nicht statt. '• 

„Besuche er mich nicht mehr. Ich gebe keine Akademie. " 
„Besuchen Sie mich nicht mehr, als bis ich Sie rufen lasse. 

Keine Akademie." 

Der Adressat des letzten, Schindler, fand die- 
selben an gewohnter Stelle im Hügel niedergelegt und 
behielt sie einfach an sich. Man liess sich einen Tag 
lang bei „Sr. Majestät 4 ' nicht sehen, und als Zorn und 
Misstrauen verraucht waren, fugte der Herr und Meister 
sich, wie es scheint, endlich auch hier wirklich „anspruchs- 
los" in alles. Duports Forderungen mussten zwar 
materiell das Unternehmen als im voraus gerichtet 
erscheinen lassen. Aber jetzt gab es bei vorrückender 
Sommerzeit ohne viel grössere Opfer kein Zurück mehr. 
Zudem stand man mit Probst, Schott, Schlesinger, Diabelli 
u. A. wegen Verkaufs der Messe um 1000 fl. und der 
Symphonie um G00 fl. in Unterhandlung und hatte 
natürlich bei solchen für die damalige Zeit exorbitanten 
Preisen nach einer wirklichen Aufführung der Werke 
eher Annahme zu gewärtigen. Ferner war gerade jetzt 
ein erneutes Schreiben von Galitzin eingelaufen, dass er 
die Quartette mit soviel Ungeduld erwarte und dass 
Beethoven gefälligst, falls er Geld brauchen sollte, von 
Stieglitz u. Comp, die Summe ziehen wolle, die er ver- 
lange. Ebenso kommt Ende April Nachricht über die 
erste Aufführung seines „erhabenen Meisterstücks 14 in 

Petersburg am 7. April 1824, und dabei hoisst es denn; 

31 • 



484 

„Die Wirkung, welche die Musik auf das Publicum gemächt, 
ist nicht auszudrücken und ich fürchte nicht zu übertreiben, wenn ich, 
was mich betrifft, sage, nichts so Erhabenes noch gehört zu haben, 
ich nehme sogar die Werke Mozarts nicht aus, welche mir mit 
ihren ewigen Schönheiten diese Gemüthsbewegung nicht hervor- 
gebracht haben . . . Die gelehrte Harmonie und die rührende 
Melodie des Benedictus versetzen die Seele in einen wahrhaft 
himmlischen Aufenthalt. Mit einem Wort, daB ganze Werk ist 
ein Schatz von Schönheiten. Man kann sagen, dass Ihr Genius 
Jahrhunderten vorausgeeilt ist und dass es vielleicht jetzt keinen. 
Zuhörer gibt, der genug erleuchtet wäre, um die ganze Schönheit 
dieser Musik zu geniessen. Aber die Nachkommen werden Ihnen 
huldigen und Ihr Andenken mehr segnen, als es die Zeitgenossen 
vermögen. . . Verzeihen Sie, «dass ich Ihnen durch meine Briefe 
so oft Langeweile verursache, aber es ist der aufrichtige Tribut 
eines Ihrer grössten Bewunderer." 

Um so mehr Antrieb, recht bald wieder zu neuen 
grossen Thaten zu gelangen ! 2,ü 

Die Sache ging denn endlich auch ins Werk, und 
der Verkehr mit den Ausführenden scheint manchen 
Balsam in des Künstlers Wunden gegossen zu haben. 
Wir halten uns an die Conversationen. 

,,Eine Probe für Correcturen, eine für Ausdruck", 

schreibt sich Beethoven selbst offenbar für jene beiden 
einzigen Orchesterproben auf. Das Orchester ward aber 
von Geigern wie Schuppanzigh , Mayseder, Böhm an- 
geführt. 

,,Also ganz so als ständen Worte darunter?" 

so fragt ferner Schindler von den Recitativen der Contra- 
bässe. Der „Geigentrödler 41 Hofsecrctär Rehaczek war 
persönlich um Darleihung von Instrumenten angegangen 



485 

"worden, denn viele „Dilettanti" unterstützten das Orchester 
sowie die Mitglieder des Musikvereins den Chor. 

,, Mehrere von den Bläsern am K&rthnerthor haben erklärt für 
die Proben nichts zu nehmen, sie sagten ausdrücklich: für Beet- 
hoven alles!" 

schreibt Schindler auf. Schuppanzigh berichtet, Haslinger 

wolle ein Circular an die „Dilettanti 11 erlassen, wo aber 

Beethoven sich unterschreiben müsse, erwähnt auch dabei 

des Kanzlisten Holz, der uns bald persönlich begegnen 

wird, mit den Worten: „Das ist ein hölzerner Schüller 

von mir." Der Neffe aber fügt hinzu: 

,,Der Eifer womit sich alles anbietet mitzuwirken ist erstaun- 
lich, es wäre schade, wenn das umsonst stattfände." 

Obwol nun weiter . Schindler berichtet, Umlauf ver- 
stehe das Werk noch nicht recht, doch der Chor sei an 
ihn gewöhnt und so werde es schon gehen, meldet wie- 
der der Neffe: 

„Es ist fürs erste Mal sehr gut gegangen, die Bassisten haben 
tüchtig durchgegriffen, es wird herrlich sein, wenn das Ganze voll- 
ständig besorgt ist." 

Beethoven moderirte aber auch wenigstens in den 
Tempi. Dagegen von Aenderung der allerdings schwierigen 
Chorstimmen wollte er durchaus nichts wissen, selbst 
der 4 hohen b im „Et vitam u nicht, obwol Chordirector 
und Capellmeister übereinstimmend erklärten, dass 
keine ihrer Sängerinnen diesen Ton habe. So erzählt 
Schindler. Sic hätten sich nachher einfach mit Aus- 
lassung geholfen, fügt er hinzu, und so ward natür- 
lich mancher entscheidenden Stelle die Spitze abge- 
brochen. 211 



486 

Gleiche Noth gab es mit den Solisten. Freilich an 
bestem Willen fehlte es hier auch nicht. Die Unger 
lässt schon bei der ersten Nachricht von einem Conzert 
durch Schindler melden, dabei mitzuwirken sei ihr die 
allergrösste Ehre, zu was Beethoven sie immer stelle. 
Sie empfiehlt auch anstatt Forti (s. o. II 428) den jungen 
Bassisten Preisin ger, der kurz zuvor mit Leporello 
debütirt hatte, und ist bereit, ihn nebst der Sontag in 
Beethovens Namen einzuladen. Allein Schindler schreibt 
auf, die Eine sei zwar fleissig, aber ohne viel Schule, 
die Andere zwar von bester Schulung, aber in ihrer 
Kunst noch „zu leichtsinnig". Diese „Andere 41 , die 
Unger, war, wie sie selbst schreibt, Schülerin von niemand 
anderem als Mozarts Schwägerin Aloysia Lange und 
Schuberts Freund Vogl (o. II 569). Er muss nun zu- 
nächst einmal die „beiden Schönen 11 zu Tische bitten 
und sie erscheinen auch eines schönen Tages. 

„Jette Sontag und ich traten in diese Stube wie in die 
Kirche und versuchten (leider vergebens) dem theuren 
Meister vorzusingen" 

schreibt Madame Unger. Auch sonst kamen sie, bei 

einem Junggesellen nur natürlich, zur ungelegenen Zeit, 

was zu einem um so heiterem Zusammensein führt. 

„Ich bin nicht hergekommen um gut zu essen , sondern um 
Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, worauf ich mich so lange 
gefreut'* 

antwortet die kleine Sontag auf des Meisters Ent- 
schuldigungen. Schindler habe erzählt, dass er sich 
endlich zur allgemeinen Freude entschlossen habe, ein 
Conzert zu geben, sie beide würden es mit Dank 



487 

erkennen, wenn er sie würdig finde darin zu singen, 
ergänzt die Unger. 

Bei dem eigentlichen Einstudiren ward die Sache 
freilich ernster. Nicht blos dass die beiden Mädchen über- 
haupt keinerechtc Vorstellung von der Bedeutung und 
Schwierigkeit solcher Aufgabe hatten, ihre für das Solosingen 
gebildeten Stimmen konnten in der That auch für solche 
Fresco-Malerei nicht ausreichen. Doch trösteten sie sich 
nach Sängergewohnheit in letzter Instanz mit der Hoff- 
nung auf Aenderung der Partie. Schindler berichtet das 
Nähere. Beethoven selbst aecompagnirte die Vorproben in 
seiner Wohnung. Der Wunsch der Sontag, zunächst 
mezza voce zu singen, ward trotz des Meisters Taubheit 
und der Hinderung, die dadurch der Unger geschah, zu- 
gestanden. Dann heisst es weiter: 

„Als es aber nachgerade mit der Sache ernster genommen 
worden und der Meister die volle Bruststimme zu hören verlangte, 
als das , Christel 1 im Kyrie in seinem breitem Rhythmus mit 
Pfundnoten intonirt werden sollte, da erlahmten beide schönen 
Hexen und begannen mit dem ernsten Meister zunächst um das 
Tempo dieses Satzes zu unterhandeln, es bewegter wünschend. 
Abgeschlagen, wie begreiflich, und zwar in heiterster Laune. Als 
es mit dem Sinfonie-Satz Ernst geworden und der Meister in gar 
keine der gebetenen Aenderungen willigen wollte, da trübte sich, 
der Horizcnt und Caroline Unger hatte den Muth, den obstinaten 
Meister geradezu einen Tyrannen aller Singorgane zu nennen. 
Beethqven erwiderte lächelnd, sie seien beide durch die italienische 
Musik verwöhnt, darum ihnen solche schwer falle Aber diese. 
Höhe hier! replizirte die Sontag, auf die Stelle , Küsse gab sie uns 
und Reben 1 zeigend, lässt sie sich nicht abändern? — Und diese 
Stelle, die Unger nachfolgend, liegt für die meisten Altstimmen; 
zu hoch, lässt sie sich nicht abändern? — Nein! und immer 



488 

nein! — ,So quälen wir uns denn in Gottes Namen weiter', 
endigte die Sontag." 

Madame Unger selbst aber schreibt : 

„Ich erinnere mich meiner übermüthigen Bemerkung, dass er 
nicht für Singstimmen zu schreiben verstehe, weil mir eine Note 
in meiner Parthie der Symphonie zu hoch lag. Darauf antwortete 
er: Lerns nur! wird schon kommen die Note." 

Und sie ist wirklich gekommen die Note: heute 
endlich haben unsere Künstler gelernt, diese allerdings 
nicht geringen Schwierigkeiten zu überwinden, und das 
Ganze kommt zur deutlichen Erscheinung. 

Aber auch hier schreibt, nachdem es kurz vorher 
noch geheissen : „die Mädchen wissen noch nicht was sie 

singen" am Tage des Conzerts selber Schindler auf: 

»Wegen der Sontag ist mir gar nicht bange, die sagte: ,Da 
setzte ich meinen Kopf zum Pfände, dass auch abends keine Note 
fehlt' — sie hat doch Courage, allein die Mamsell U. fühlt sich zu 
schwach." 

Es ging aber nachher doch. Preisin gers Stimme 
•ward als an Tiefe und Energie ausreichend erkannt. 
Allein in dem entscheidenden Recitativ des Finales fehlte 
ihm das hohe Fis, und hier sah sich Beethoven also genöthigt, 
mit einer Aenderung nachzugeben. „Keiner unserer 
Bässe hat das Fis 44 , schreibt Schindler auf. Und dennoch 
zeigte sich Preisinger schliesslich unfähig, die Sache zu 
Ende zu führen. Fertig und sicher auf dem Plan dagegen 
stand der Tenor, der später ebenfalls so berühmte 
Haizinger. „Er sang seinen Part sogleich recht gut 41 , 
schreibt Schindler Ende April auf. 212 

Es nahte der Tag der Aufführung selbst, der 7. Mai 
1824. „Bäuerlo kündigt schon heute die Akademie an, 



489 . 

kurz, kräftig und Ihrer würdig 14 , schreibt Schindler Ende 
April von der „Theaterzeitung" auf. Dagegen war es 
dem Meister jetzt persönlich ungenehm, dass Bernard in 
der „Wiener Zeitschrift" ihn in Ermangelung von Stellung 
und Titel als „Ehrenmitglied der Akademien von Stock- 
holm und Amsterdam 14 und als „Ehrenbürger der Stadt 
Wien 44 bezeichnet hatte. Derselbe ward ermahnt, „solch 
einfaltiges, ihn lächerlich machendes Spielzeug 44 künftig 
beiseite zu lassen, sagt Schindler. Allerdings hatte er 
selbst noch im vorigen Sommer, als das Patent von 
Schweden ankam, die „beiden philosophischen Zeitungs- 
schreiber 44 Pilat und Bernard um Erwähnung dieser 

Ehrcnraitgliedsehaft angegangen. 

„So wenig ich auch* eitel und ehrsüchtig bin, so könnte d. g. 
doch auch räthlich sein nicht ganz zu übergehen, da man doch 
auch im praktischen Leben für Andere leben und wirken muss, 
denen es wohl öfter zu Gute kommen kann" 

heisst es im Hinblick auf den „Sohn 44 gegen Pilat, den 
Bedacteur des „( österreichischen Beobachters 44 . Jetzt 
Aber, wo es den Ernst der Vorführung seines erhabensten 
Schaffens gilt, ist sein Gefühl gegen alles blosse Aeussere 
höchst empfindlich, und er lässt sich sogar den Anschlag- 
zettel zur Durchsicht vorlegen, damit darin ja nichts 

anderes stehe als: 

„Grosse musikalische Akademie vonHerrn L. van 
Beethoven.'** 13 

In diesem Sinne bereitet auch Kanne das Publicum 
vor. Während nicht lange vorher Schindler aufge- 
schrieben hatte: 

,, Kanne artet sehr ins Plebeje aus; von seiner Zeitung sieht 
und hört man nichts mehr' 1 



490 

kündigt die Wiener A. M. Z. am 5. Mai das Conzert,. 
bestehend aus: 1. Grosse Ouvertüre [Op. 124], 2. Drei 
grosse Hymnen, 3. Grosse Symphonie, in folgender 

Weise an: 

,W enn Beethovens grosser schaffender Geist in den letzten 
10 Jahren durch die stets steigende Verbreitung seiner Werke 
sich die Bewunderung der Welt für immer zu eigen machte und 
alle gebildeten Lander die originellen Schöpfungen seiner Phantasie 
zu den ersten Werken der deutschen Kunst zählen, so schien es 
doch als ob er gerade in Wien keinen günstigen Zeitpunct ge- 
funden hätte mit einer grossen Aufführung eines neuen Werkes 
vor dem Publicum zu erscheinen, welches doch gewiss die grösste 
Zahl seiner aufrichtigsten Bewunderer in sich fasst." 

Jetzt aber habe er den Rathschlägen seiner Freunde 
Raum gegeben. Wer eine grosse Welt in seinem Innern 
erschaffen gekonnt, verdiene keinen Vorwurf, wenn ihm 
das Treiben der Welt bisweilen fremd geworden, vielmehr 
seine Freunde verdienen Dank für ihre Bemühung, und 
diese Stunde werde sicher seinen Genius zu einer neuen 
begeisterten Schöpfung wecken; es lasse sich gar nicht 
anders denken als dass der stets sich kundthuende 
Nationalcharakter der Wiener bei dieser Gelegenheit im 
hellsten Lichte erscheinen werde! 

„Hymnen 44 hiess es oben, und so musste auch der 
Zettel selbst die 3 Stücke der Messe, die überhaupt vor- 
kamen, das Kyrie, Credo und Agnus dei benennen. 
Denn die Ccnsur hatte wie im Jahr 1808 die Bezeich- 
nung „Missa" verboten und gestattete sogar überhaupt 
diesmal den Vortrag solcher Theile des herrschenden Gottes- 
dienstes abends im Conzert und auf der Bühne nur durch 
schleunigsten Recurs an den famosen Polizeipräsidenten 



491 

Grafen Sedlnitzky durch Vermittlung des Grafen 
Lichnowsky. 214 

i 

So waren denn alle Hindernisse überwunden und 
die Aufführung stand unmittelbar bevor. Freunde von 
nah und fern waren gekommen, der Erzherzog Rudolph 
freilich weilte noch in Olmütz. Der „seltene edle Mensch 4 
Brunswick dagegen hatte „4 Ohren mitgebracht um nichts 
zu überhören 44 , wollte auch sogleich hernach den Meister 
mit nach Ungarn nehmen. Auch Frau von Ertmann war 
wieder in Wien anwesend. Noch aber galt es für Beetho- 
ven selbst einen schweren Gang: die persönlichen Ein- 
ladungen bei Hofe. Doch auch diese mehr formelle Sache 
hilft der getreue Knappe Schindler ausführen, — sie 
nützte freilich nichts. 

Endlich die Kasse! — Des Herrn Bruder Pseudos 
Misstrauen hatte, weil in solchen Fällen in Wien Ucber- 
Zahlung der Plätze üblich war, gegen alle Sitte den 
jungen Neffen als Controleur nebenhin gesetzt. Dieser 
meldet freilich, es sei gut gegangen, die Logen seien 
weg, ein paar auch überzahlt mit 25 und 50 h\, im 4. 
Stock alle Plätze weg, die übrigen im Parterre und 
1. Gallerie hoffe er wol noch abzusetzen. Mayseder und 
Lichnowsky hätten sich die Plätze selbst geholt, Wolf- 
mayer habe 2 Sitze doppelt bezahlt, vormittags an der 
Kasse habe man sich beinahe gerauft. Alles schien er- 
wünscht zu gehen. Abends kommt denn auch Schindler ; 

„Wir nehmen jetzt alles gleich mit — auch nehmen wir 
Ihren grünen Rock mit, den Sie im Theater zum Diiigiren an- 
legen können. Das Theater ist ohnehin dunkel, es sieht niemand» 



492 

das* er grün ist. O grosser Meister, du hast keinen schwarzen 
Frack im Vermögen! Der grüne muss es also auch thun, in 
einigen Tagen ist der schwarze fertig. " 

Aber einigen Widerspruch gibt's immer bei unserni Mann. 

„Meister rührt Euch! und contradiciret nicht mehr so viel, 
sonst gihts Confusion , also hübsch fein und sanft und in allem 
schön folgen, was wir thun, es muss so sein" 

schreibt die Noth verehrungs voller Anhänglichkeit auf. 
Das Haus war in allen Räumen überfüllt, nur dio 
kaiserliche Loge, d. h. bis auf einen Platz, blieb unbe- 
setzt. Kaiser Franz und Gemalin waren nicht in Wien 
anwesend, nur Frau Erzherzog Karl erschien und vertrat 
so doch in gewisser Weise den Hof. Dagegen: 

„Der Empfang war mehr als kaiserlich — das 4. Mal stürmte 
das Volk los, zuletzt wurde Vivat gerufen. 11 

So schreibt Schindler tags nachher auf. Und der jetzt fast 
80jährige Böhm erinnert sich, beim Anfang der Pro- 
duction habe Maysedcr geweint und ihm sei es auch nicht 
anders ergangen. Beethoven stand dem Capellnieister 
Umlauf zur Seite und bestimmte das Tempo beim Be- 
ginn jedes Satzes. Wenngleich weder der Chor noch 
die Soli ganz so vorbereitet gewesen, wie eine so schwere 
und tief verwebte Musik es erfordere, und der Effect 
«hier so starken Besetzung durch die Zwischenräume der 
Coulissen derartig geschwächt worden sei, dass kaum 
die Hälfte der Wirkung wahrzunehmen gewesen, so habe 
sich doch der grossartige Styl der Messe in evidenter 
Klarheit gezeigt, und die Ouvertüre wie die Symphonie 
seien in ihrer Wirkung noch mehr hervorgetreten, be- 
richtet Kanne. Und Schindler schreibt auf, die Harmonie 



493 

liabe sich sehr wacker gehalten, nicht die allermindeste 
Störung habe man gehört. Dagegen meint ebenfalls in 
den Conversationen Schickh, es sei eine Schande, dass 
seine erhabenen Werke von dieser Pfuschergesellschaft 
verhunzt werden, wie es zuletzt der Fall gewesen: 

„Nur die Eminenz der Werke und die Liebe Ihrer Verehrer 
konnte an der Ausführung Geschmack finden." 

Allein wie dem auch sei, es war Begeisterung bei 
der Zuhörerschaft wie bei den Ausführenden. Man 
empfand das Denkwürdige eines Augenblickes, wie er in 
der That seitdem kaum in der Musik wiedergekehrt ist. 
Schindler schreibt denn auch am andern Tage auf: 

„Ich habe nie im Leben so einen wüthenden und doch herz- 
lichen Applaus gehört als heute — der 2. Satz der Symphonie 
wurde einmal ganz vom Beifall unterbrochen — er hätte wieder- 
holt werden sollen. Als das Parterre zum 5. Mal Beifallrufen 
anfing, schrie der Polizeicommissair Kühe. Der Hof nur unmittel- 
bar 3 Mal, aber Beethoven 5 Mal! 

Von jener Unterbrechung aber hörte Frau Linzbaur: 

„Als im 2. Theil des Scherzo bei dem ,Ritmo di tre batutte' 
die Pauken das Motiv solo spielten, brach das Publicum in solchen 
Jubel aus, dass das Orchester beinahe unhörbar wurde. Den 
Ausführenden standen die Thränen in den Augen. Der Meister 
gab noch immer neben Tact, bis Umlauf durch eine Bewegung 
mit der Hand ihn auf das Treiben des Publicums aufmerksam 
machte. Er sah hin und — verneigte sich ganz ruhig. — Tief 
bewegt erzählte das Holz." 

Wir hörten ja oben, dass er dabei mitwirkte. 

Ebenso heisst es in unwillkürlichem Nachempfinden 

der Grösse des Moments hinterher, das eine Mal von 

Schindler, das andremal vom Neffen: 

„Das ganze Volk ist gedrückt und zertrümmert über die 
Grösse Ihrer Werke." — »t^ie Sontag und die Unger, die sonst. 



494 

"wenn sie erscheinen, mit dem grössten Applaus empfangen werden 
wurden gestern beim Eintritt fast gar nicht beklatscht, wie es 
auch natürlich ist, denn bei einer Akademie, die du gibst, fühlte 
das Publicum wohl, dass es Sänger nicht beklatschen dürfe." 

Weiter aber berichtet Schindler aus später Erinne- 
rung den ergreifendsten Augenblick des Abends. Von 
all dem Jubel am Schluss der Production hatte natürlich 
der Künstler selbst, dessen Genius ihn erzeugte, eben- 
falls nichts gehört, solidem gleich unberührt der be- 
geisterten Versammlung den Rücken zugekehrt. So heisst 

es denn dort: 

,,Da hatte Caroline Unger den guten Gedanken, den Meister 
nach dem Proscenium umzuwenden und ihn auf die Beifallsrufe 
des Hüte und Tücher schwenkenden Auditoriums aufmerksam zu 
machen. Durch eine Verbeugung gab er seinen Dank zu erkennen. 
Dies war das Signal zum Losbrechen eines kaum erhörten, lange 
nicht enden wollenden Jubels und freudigen Dankgefühls für den 
gehabten Hochgenüsse ( 

Die Nation hatte ihrem Genius einmal wieder leib- 
haftig ins Angesicht geschaut. Es sollte ihr lange Zeit 
so gut nicht wieder werden. 215 

Und nun, für Beethoven leider eine Hauptsache, der 
materielle Erfolg? Denn wie er selbst 1812 an Bettina 

schreibt : 

„Dem Goethe habe ich meine Meinung gesagt, wie der Beifall 
auf unser einen wirkt, und dass man von seinesgleichen mit dem 
Verstand gehört sein will * * 

so verneigte er sich selbst bei solchem Beifallssturme 
„ganz ruhig 11 . Er kannte zu gut „der Ehre schöne 
Götterlust, die wie ein Meteor verschwindet 44 . Und wie 
es ebenfalls einst zu Bettina geheissen, die Welt müsse 
einen erkennen, sie sei nicht immer ungerecht, daran sei 



495 

ihm zwar nichts gelegen, weil er ein höheres Ziel habe, 
so lag für ihn seihst auch in diesem lebhaften Beifall 
des musikalisch gebildetsten Theiles seiner Nation kein 
stichhaltiger Beweis dafür, dass man ihn wirklich wür- 
digte. Ja er sollte sogleich hinterher erfahren, dass mit 
-der Neugier auf sein Wiedererscheinen aus der mysteriösen 
Verborgenheit auch das Hauptinteresse an seiner Existenz 
erloschen war. Wirkliche Theilnahme an diesem Künstler 
und Menschen bethätigte selbst Wien erst, als er — ge- 
storben war. Wir werden davon noch hören. 

Und jetzt? — Dass der eigennützige Duport das 
Abonnement nicht aufheben Hess, d. h. keine Erhöhung 
•der Preise gestattete, hatte dem Unternehmen in der 
That den materiellen Erfolg geraubt. Das Haus war 
zwar bis in die letzton Räume gefüllt gewesen. Allein 
Schindler schreibt (11. April 182t) ausdrücklich an 
Moscheies : 

,,Kein einziger der Abonnenten bezahlte ihm für seine 
Loge nur einen Heller, und nicht einmal der Hof lies« sich in 
dieser Akademie sehen, obwohl Beethoven unter meiner Begleitung 
alle Glieder des kaiserlichen Hauses persönlich einlud. Alle ver- 
sprachen zu kommen und am Ende erschienen sie nicht nur nicht, 
sondern aberschickten ihm auch nicht einen Groschen , welches 
doch bei dem außergewöhnlichsten Benefizianten zu geschehen pflegt." 

Unser Zeuge war in der Lage, dies zu wissen, und musste 
aus . Gründen , die wir an Beethovens Todesbettc erfah- 
ren werden, sich dieser Thatsache besonders genau 
erinnern. 

So hatte denn infolge dieser beiden Umstände die 
ganze Einnahme nur 2200 fl. W. W. betragen. Davon 



4% 

gingen 1000 fl. an die Administration ab, die Copiatur 
belief sich auf 700 fl., Nebenauslagen 200 fl., Ueberschuss 
ganze 300 fl. W. W. — 72 fl. C. M. — 40 Thlr. ! So 
berichtet die A. M. Z. vom Juli 1824, und „Cäcilia u 
wie Schindler weichen davon kaum ab. 216 

Die Einwirkung dieses Resultats auf den „schlechten 
Rechenmeister Beethoven" war im Moment des Verneh- 
mens „eine niederschlagende, weil unerwartete. 11 Der 
junge Joseph Hütten brenne r, „mit Lichnowsky als 
Bekannter von Gratz gekommen , angestellt beim Grafen 
Saurau u , war nach der Production, bei der er im Chor 
mitgewirkt, dem Famulus Schindler im Nachhausebringen 
des erschöpften Meisters behülflich gewesen, und letzterer 
erzählt also: 

,,Ich überreichte ihm den Cassenrapport. Bei dessen Anblick 
brach er in sich zusammen. Wir rafften ihn auf und legten ihn 
auf das Sofa. Bis spät in die Nacht hinein verweilten wir an sei- 
ner Seite: kein Verlangen nach Speise oder anderes, kein lautes 
Wort war mehr hörbar. Endlich nachdem wir merkten, das* 
Morpheus ihm sanft die Augen zugedrückt, haben wir uns ent- 
fernt. Schlafend, noch in der Conzerttoilette , fanden ihn am an- 
dern Morgen auf derselben Stelle seine Dienstleute.** 

Es war ihm eine immer noch flimmernde Hoffnung 
zu Grabe getragen: er war des Publicums jetzt selbst 
mit seinem edelsten Schaffen nicht mehr gewiss! Und 
doch glaubte er desselben schon aus rein materiellen 
Gründen zu bedürfen und hatte, wie Schindler sagt, auch 
wirklich gehofft, durch diese so lange projeetirte und mit 
solchem Aufwand in Scenc gesetzte Production seiner 
neuesten Geistesproducte „die Lücke in seiner Sparkasse 



4 97 

auszufüllen 14 , die eben wegen solcher ernstesten Arbeit 
im vorigen Jahre hatte gemacht werden müssen (o. S. 379). 
Und diese „Sparkasse 14 d. h. die paar Bankactien, waren, 
wir müssen dessen stets gedenk bleiben, neben dem Jahr- 
gehalt von 1360 fl. der einzige sichere Rückhalt in allen 
Wechseln des Lebens und obendrein mit einem „theuren 
Sohne* 4 , zu dessen Erhaltung und Erziehung er sich 
allein gesetzlich verpflichtet hatte. So begreift man 
das jählings Niederschmetternde dieser Erfahrung, deren 
Gewicht ihm eben weit über die momentane Einbusse 
hinausging. Nach solch langem, von Mühe und Arbeit 
erfülltem Leben nun in den alten Tagen sogar bei Vor- 
führung des höchsten Könnens sich von der Zeit und 
Mitwelt verlassen zu sehen, dieses Gefühl war über- 
mannend, und nur in den Armen der allerbarmenden 
Mutter Natur fand er hier momentan Lösung der inneren 
Spannung. Dem Publicum war geeignetster Anlass ge- 
geben, sich des grossen Meisters und seines Thuns thätig 
gedenkend zu erweisen. „Ueberzahlung 44 der Plätze war 
bei solcher Gelegenheit gute Wiener Sitte und ja auch 
wenigstens von Einigen geübt worden. Aber der „Phi- 
lister 14 hatte auch dort in Bürgerkreisen die Ueberhand 
gewonnen, und der Adel und was ihm affiliirt war, ja sie 
hatten, wenn überhaupt für Theater und Kunst, für 
Rossinis Darbietungen Tausende von Dukaten (s. o. S. 324), 
für Beethoven nicht einmal das Entgelt der abonnirten 
Logen. Nun sage noch Einer, — denn anderswo in 
Deutschland wäre dies nicht anders gewesen, — dass 
wir unsere grossen Künstler zu ihren Lebzeiten nach 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 32 



498 

Verdienst zu lohnen wissen! Wir werden vielmehr so- 
gleich die Bestätigung dieser bitteren Erfahrung dos 
Meisters auch selbst noch sprechend genug gewinnen. 217 
Solchen Zusammenhang der Sache ahnten nun wol 
schwerlich die beiden jungen Männer, die diesem ergrei- 
fenden Vorgange da beigewohnt. Doch meint andern 
Tags in den Conversationen der eine, der sein aufrichtiges 
Gefühl für den grossen Mann später auch in einem best- 
gemeinten Bilde seines Lebens ausgedrückt hat, A. Schindler, 
nach jener Stelle über den grossen Eindruck des Conzerts, die 
Einnahme würde in London 10 mal so gross geworden 
sein, und spricht nur zu wahr, wenn er hinzufügt: 

,,Sie müssen doch seit gestern einsehen, dass Sie Ihren Vor- 
theil mit Füssen treten, wenn Sie noch lange hier in diesen Mauern 
bleiben, kurz ich habe keine Worte, mich so, wie ich Ihr Unrecht 
gegen sich selbst fühle, auszudrücken." 

Und was halfs ihm, dass der Neffe hinschreibt: 

,,Wenn du die Leute nur sprechen hörtest! — Wo wir hin- 
kommen, heisst es: Sehen Sie, das ist der grosse Mann!" 

Wir verfolgen jetzt, was weiter projeetirt ward. 
Ch. Neate hatte „gerade in den Tagen der oben erzählten 
Wirren mit den Akademien 41 wieder nach London einge- 
laden, und der Entschluss, diese Reise endlich auszufüh- 
ren und zwar sogleich im nächsten Herbst mit Freund 
Schindler war auch sofort gefasst worden. Dieser hat 
jedoch die Situation völlig durchschaut, wenn er auf- 
schreibt : 

,,Wenn wir aber reisen, werden Sie mir versprechen au&zu- 
halten bis nach London und nicht in Prag umzukehren ?•' 



I ' 



499 

Es gab tausend Hinderungsgründe, don wichtigsten, 
wieder rein menschlicher Natur, werden wir bald 
vernehmen. So mussten andere Vorschläge ^gemacht 
worden. Da kommt denn Bruder Johann, der natürlich 
jetzt emsig beflissen war, mit dem Verkauf der Messe an 
Leidesdorf, der dieselbe auf „Prenuraarittion" heraus- 
geben wolle, bietet aber zugleich selbst 1000 fl. C. M. 
und nach 8 Monaten 150 Ducaten, wenn Beethoven ihm 
„die Partitur zu diesem Geschäft überlasse". Dabei 
möchte er aber den Brief Galitzius sehen, „wo von den 
50 Prenumeranten steht". Hat der Neffe da wol Recht 
über den „grössten Juden" aufzuschreiben, was oben 
S. 294 mitgetheilt worden? Beethoven selbst aber ge- 
denkt die Symphonie 2 mal für sich schreiben zu lassen 
und einmal dem König von Frankreich zu dediziren, 
einmal „dem Galitzin". Beide bildeten allerdings den 
denkbar grössten Gegensatz gegen Adel und Publicum 
bei uns damals. Weiter spricht der Neffe von dem „Rhein- 
fest" in Köln, wohin Beethoven reisen und Akademien 
geben solle: „10000 fl. C. M. garantire er dir, sagt der 
Bruder." Es geschah damals in der A. M. Z. viel Rüh- 
mens von den kurz zuvor gegründeten „Niederrheinischen 
Musikfesten". Wir werden aber sehen, dass die Rhein- 
länder erst recht nicht fassten, was schon die Wiener 
nicht recht gefasst. 218 

Also Wiederholung der Akademie ist die 

Losung, und zwar nach Schindlers Bericht ausgegeben von 

dem gewinnsüchtigen Administrator des Kärthnerthor» 

theaters selbst, der doch den Zulauf der Menge gesehen, 

32* 



500 

Er bot 1200 fl. W. W. = 500 fl. C. M. . Die Messe sollte 
durch andere Gesangsconipositionen von Beethoven und 
zwei — Vorträge der Italiener ersetzt werden! Dies 
alles schien leicht ausgeführt und man ahnte nicht, 
welch neue und erst eigentlich bitter eindringende Pein 
man damit dem Meister bereitete. Aber es diente dazu, 
die Situation auch völlig zu klären und ihm persönlich 
weiter keinen Zweifel darüber zu lassen, in welcher 
Stellung er sich gegenüber seiner Zeitumgebung befand. 

Wir beschränken uns auf die Hauptdaten. 

Zunächst die öffentliche Kritik hatte allerdings in 
einer würdigeren Weise als bei ähnlichen Anlässen in 
unseren Tagen ihre Schuldigkeit gethan. 

,, Beethovens. Genius erschien uns in diesen grossartig giganti- 
schen Compositionen wieder ganz in seiner Jugend und originellen 
Kraft, seine reiche, gewaltige Phantasie waltet mit erhabener Frei- 
heit in dem ihr anvertrauten Reiche der Töne und hebt auf ihren 
Schwingen den Zuhörer in eine neue, sein Staunen erregende Welt** 

so beginnt Kanne jenen Bericht, der aus Anlass der 

wenig entsprechenden ersten Aufführung eine 2. verlangt 

und zugleich meint: die Mitwelt des grossen Tonsetzers 

könne unmöglich mit gleichgültigen Augen zusehen, wenn 

ihm die Hervorbringung dieser grossen Werke nicht 

wenigstens durch einigen Vortheil vergolten werden sollte. 

Die Leipziger A. M. Z. aber beginnt: 

„Wo soll ich Worte hernehmen, meinen theilnehmenden 
Lesern Bericht zu erstatten über diese Riesenwerke !" 

Trotz der weder an imponirender Gesammtkraft noch 
an feiner Nüancirung genügenden Production sei der Ein- 
druck unbeschreiblich gross und herrlich, der Jubelbeifall 



501 

enthusiastisch gewesen, welcher aus voller Brust dem er- 
habenen Meister gezollt worden, dessen unerschöpfliches 
Genie uns eine neue Welt erschlossen, nie gehörte, nie 
geahnte Wundergeheininisse der heiligen Kunst! Zwar 
kann auch hier, zumal bei der Messe, die Beschränktheit 
der gewohnten Anschauung nicht ganz überwunden* 
^werden. Allein : 

„Ref. sitzt nun abgekühlt am Schreibpulte, doch unvergesslich 
wird ihm dieser Moment bleiben, Kunst und Wahrheit feiern hier 
ihren glänzendsten Triumph und mit Fug und Recht könnte man 
sagen: Non plus ultra!" 

So lautet es nämlich vom Finale der „Neunten". Und wo 

dann endlich der volle Chor in majestätischer Pracht das 

Loblied der Freude anstimmt, heisst es gar: 

,,Da öffnet das frohe Herz sich weit dem Wonnegefühle des 
selige» Genusses und tausend Kehlen jauchzen: Heil! Heil! Heil 
der göttlichen Tonkunst ! Lob, Preis und Dank deinem würdigsten 
hohen Priester!" 

Dies las man in Wien freilich erst im Juli, aber es 
war der Ausdruck einer das sogenannte Kritikerbewusst- 
sein weit überholenden Empfindung aller wahren Freunde 
der Kunst, was hier gesagt ward, und auch hier heisst es: 

„Nur ein Wunsch } nur ein Verlangen ist die baldige Wieder- 
holung dieser Wunderwerke." 

Als von den „besten" aber spricht Schindler von 
zwei Eecensionen im „Sammler" zu Beethoven selbst, und 
ihr Inhalt fällt um so mehr ins Gewicht, als dieses Blatt 
vor allem in Wien selbst seine Leser hatte und der Ver- 
fasser (J. von Seyfried) durchaus nicht zu den unbeding- 
ten Verehrern Beethovens zählte. „Es war ein Festabend 
für die zahlreichen Freunde des Hochgefeierten 44 , beginnt 



502 

das „Notizenblatt". Diesmal habe es einer anderen 
Nachtigall gegolten, als man sie in diesem Maimonat 
hören könne, und dahin sei alles geeilt, was den Sinn 

noch nicht verschlossen für das Höhere der Tonkunst: 

„Es war ein feierlicher und zugleich betrübender Anblick, den. 
ehrwürdigen Tonhelden in die Versammlung der seine Meisterwerke 
vertretenden Künstler treten zu sehen. Wenn man sein Haupt 
betrachtete, vom tiefen Studium der Geheimnisse seiner Kunst vor 
dar Zeit gebleicht, wenn man dann die Fülle der vor uns ausge- 
breiteten Tonmassen, die jugendliche Kraft, das ewige Feuer seiner 
Schöpfungen anstaunte, so stand unwillkürlich das Bild eines Vul- 
kans vor der Seele, dessen Scheitel mit Schnee bedeckt ist, wäh- 
rend das Innere in unerschöpflicher Thätigkeit sichjaeuzu gebaren 
scheint. 1 ' 

Auch an den Theseus mit dem Centaur im Volksgarten 
sei man erinnert, und mit Beethoven, den man nicht mit 
Unrecht den musikalischen Shakspeare nenne, werde einst 
nicht nur der erste Tonsetzer unserer Zeit, sondern die 
höhere Tonkunst selbst begraben. Nur dünkelvolle An- 
massung könne nach einmaligem Anhören und ohne An- 
schauen der Partitur die Sterne an diesem Tonhimmel 
zählen wollen, bescheidet sich hier der stricte Fachmai n 
und bestätigt unsere obige Annahme über das „übervolle" 

Haus mit der Bemerkung: 

„Man konnte den Wunsch nicht verbergen, den Schwan noch 
einmal singen zu hören. Man erwartet die 2. Aufführung mit 
Ungeduld.*' «"> 

Beethoven selbst befand sich natürlich auch weiter- 
hin nicht in rosiger Stimmung und war einem noch- 
maligen Erscheinen vor dem Publicum wenig geneigt. 

, .Meister, Ihr seid heute wieder gar zu brummig — ich bitte 
um ein anderes Gesicht, sonst gehe ich fort — wenn Sie jeden 



503 

fragen und hören, das muss Sie ja confus machen — adieu ! adieu ! 
adieu!" 

so schreibt der Famulus in diesen Tagen auf. Er konnte 
sich, so sehr er seine Wiener von damals kannte, immer 
nicht überreden, dass alles mit rechten Dingen zugegangen 
sei. Bald sollten die Anzeigen des Conzerts nicht genü- 
gend gewesen sein, bald gar Unterschleif stattgefunden 
haben. Eine höchst empfindliche „Explosion" brachte 
dieses unselige Misstraucn leider diesmal in seiner nähe- 
ren Umgebung hervor. 

Er hatte Umlauf, „Mylord Falstaff 14 Schuppanzigh und 
Schindler den Dank für ihre Bemühungen durch ein 
solennes Diner abstatten wollen. 

,, Morgen werden wir Mylord und Umlauf auftreiben und 
werden Ihre Majestät hier in aller Unterth&nigkeit abholen" 

schreibt der letztere auf und erzählt dann von dieser 
Zusammenkunft im „wilden Mann' 4 im Prater wenig Tage 
nach dieser 1. Akademie Folgendes: 

„Mit einer von dustern Wolken umhangenen Stirn erschien 
er in Begleitung seines Neffen unter uns, benahm sich kalt, bissig 
und krittlich in allen seinen Worten, eine Explosion war au ge- 
wärtigen." 

Kaum hatte man Platz genommen, als er auch schon das Ge- 
spräch auf den pecuniären Erfolg lenkte, ohne Umschweife 
herausfahrend, dass er dabei von Duport und — Schind- 
ler betrogen worden sei. Die Freunde bemühten sich, 
ihm die Unmöglichkeit davon zu beweisen, an einer öffent- 
lichen Kasse und gar in Gegenwart eines Controleurs, 
wie er hier „gegen alle Sitte" eingesetzt worden I Er 



504 

blieb bei seiner Beschuldigung, er sei von zuverlässiger 

Seite unterrichtet, und Schindler schliesst daher: 

„Nun war es Zeit, für diese Kränkung sich Genugthuung zu 
geben. Eiligst entfernte ich mich mit Umlauf. Schuppanzigh aber, 
nachdem er noch einige Salven auf seine umfangreiche Person 
ausgehalten, folgte bald nach. Im goldnen Lamm in der Leopold- 
stadt fanden wir uns zu ungestörter Fortsetzung des unterbrochenen 
Mahles zusammen. Der furiose Meister aber konnte seinen Zorn 
an den Kellnern und Bäumen austoben , zur Strafe noch das opu- 
lente Mahl mit dem Neffen allein verzehren." 

War es nicht dieser Neffe, so war es zweifellos der 
traurige Knicker Johann, der solch unnatürliches Miss- 
trauen gesät hatte. Wir erfahren dies aus einem Briefe 

Beethovens, der eigentlich mehr entschuldigt als anklagt. 
„Ich beschuldige Sie nichts Schlechten bey der Akademie, 
aber Unklugheit und eigenmächtiges Handeln hat manches ver- 
dorben, überhaupt aber habe ich eine gewisse Furcht vor Ihnen, 
dass mir einmal ein grosses Unglück durch Sie bevorsteht — ver- 
stopfte Schleusen öffnen sich öfter plötzlich und den Tag im Prater 
glaubte ich mich in manchen Stücken sehr empfindlich angegriffen 
von Ihnen" 

heisst es gegen den armen Freund Lampe selbst, der sich 
aber vorerst nicht mehr in des Löwen Höhle gewagt 
hatte und daher diesen Brief auch nie erhalten hat. 
Beethoven wünscht seine Dienste öfter mit einem kleinen 
Geschenk zu vergüten als mit dem Tische: 

,,denn ich gestehe es, es stört mich zu sehr in so vielem; 
sehn Sie kein heiteres Gesicht : so heisst es, heut war wieder übles 
Wetter! Denn bei Ihrer Gewöhnlichkeit, wie wäre es Ihnen mög- 
lich, das Ungewöhnliche nicht zu verkennen?! ! !"**> 

Gleichwol versagte Schindler auch diesmal mit sei- 
nen Diensten nicht, nachdem Beethoven, durch die Um- 
stände gedrängt, nach einigen anderen Plänen dennoch 



505 

Dupgrts Anerbieten angenommen hatte. Aeusserungen 
wie Schickhs, das Theater werde bei der 2. Aufführung 
leer sein, dass sie alle sich schämen müssten, werden 
nicht weiter beachtet. Die Messenstücke wurden auf das 
Kyrie reduzirt. Ausser der Ouvertüre und der Sympho- 
nie kamen das zuerst 1814 gehörte Terzett „Empi 
tremate" (o. II 422), besetzt mit den Fixsternen Donzelli, 
Boticelli und Frau Dardanelli, und das „Gansrl" Jette 
Sontag sollte mit ihrer damaligen Bravourarie von 
Mercadante glänzen. Besondere Anziehungskraft aber 
erhoffte man von des vergötterten David „Di tanti 
palpiti", um mehrere Töne höher gesetzt und fast durch- 
weg im Falset gesungen! 

„Eben fällt mir ein, was Rossini denn denken wird — er 

kann auch stolz werden, dass du eine Arie von ihm in deiner 

Akademie gibst" 

schreibt der Neffe am Tage des Conzerts auf. Die 

Blätter hatten nicht gesäumt, die „sehnlichst erwartete 

Wiederholung 11 anzukünden. Sie sollte am 23. Mai 

mittags im grossen Redoutcnsaale stattfinden. Schindler 

schreibt auf: 

„Umlauf und Schuppanzigh bitten sich zu eilen, sonst wären 
sie gezwungen, ohne Sie anzufangen. — Nehmen Sie nicht den 
3 eckigen Hut? — Ich bleibe immer in Ihrer Nähe — nun ja, ja, 
nur geschwinde. " 

Es war ein schöner Maitag und obendrein Sonntag- 
Mittag. Die Sonne lockte alles ins Freie. Allerdings 
waren nach des Neffen Notiz „bei 800 Menschen drin", 
allein der mächtige Raum trotzdem nicht zur Hälfte ge- 
füllt. Man erkennt, was selbst ein Beethoven und eine 



506 

„Neunte" dem Publicum der musikalischsten Stadt Euro- 
pas damals galten. Diesmal aber ist es nicht Ent- 
täuschung und Gram, es ist Zorn und Entrüstung, was. 
des Meisters Seele erfüllt, und zwar mit solcher Heftig- 
keit, dass er noch auf der Strasse laut schreit und der 
Neffe Noth hat, ihn nur zu beschwichtigen. Die garan- 
tirten 500 fl. anzunehmen, war er nach Schindler nur 
durch eindringliche Vorstellung der Freunde zu bewegen^ 
Das also waren die beiden Akademien vom Mai 1824. 
Scheint ihr Erfolg geeignet, den Meister bei seinen 
„grossen" Planen und Projecten zu erhalten? — Er 
sucht sich „gelegenere" Bahnen, und zum Glück sind sio 
es auch, die ihn und seine Kunst zu den höchsten Zielen 
geführt haben. 221 



Zwölftes Kapitel. 

Das erste der Letzten Quartette. 

tönet fort ihr süssen Himmelslieder I" 

Am 17. Sept. 1824 schreibt Beethoven an Schott 

in Mainz, der fortan sein Hauptverleger ward: 

,, Apollo und die Musen werden mich noch nicht dem Knochen- ' 
mann überliefern lassen, denn noch so vieles bin ich ihnen schul- 
dig und mußs ich vor meinem Abgang in die Elyseischen Felder 
hinterlassen, was mir der Geist eingibt und heisst vollenden. Ist 
es mir doch, als hätte ich kaum einige Noten geschrieben!" 

Die Geister waren aufs neue gesammelt zu ernstestem 
Thun, und zu weiterem hohen Schaffen ist frischer MutK 
gefasst. Freilich von den allumfassenden und recht 
eigentlich öffentlichen Productionen seiner Kunst, von Oper > 
Symphonie und Oratorium ist vorerst bei ihm selbst nicht 
mehr recht Rede. Fr fasst im Frühling des nächsten 
Jahres den Eindruck der jüngsten Erfahrungen und den 
Charakter der damaligen Kunstzustände der Kaiserstadt 

in dem Worte gegen L. Rellstab zusammen: 

„Seit die Italiener hier so festen Fuss gefasst haben, ist daa 
Beste verdrängt. Das Ballet ist dem Adel die Hauptsache vom 



508 

Theater. Von Kunstsinn muss man nicht sprechen, sie haben 
nur Sinn für Tänzerinnen. 'Die guten Tage haben wir hier gehabt. '* 

Und das Schlimme dabei war: das so wirklich Vollendete 
jener Italiener, unter denen ausser David, Lablache und 
der Fodor damals noch ein Rubini glänzte, hatte den 
Geschmack des Publicums nur verwöhnt, statt durch edlen 
Wettstreit auch der heimischen Kunstleistung neu auf- 
zuhelfen. Man muss die Urtheile über diese Dinge hören, 
um zu begreifen, dass Beethoven sich vor allem nicht 
mehr entschliessen konnte, eine deutsche Oper zu 
schreiben, ja, wie Schindler sagt, manch hartes Wort über 
deutsche Opernsänger ausstiess, bei ihnen die Begeisterung 
für die Kunst und Eifer im Studium vermissto und sie 
der Selbstgenügsamkeit auf mittelmässiger Stufe der Aus- 
bildung beschuldigte. Die A. M. Z. vom Juni 1823 
schreibt über die gleiche Darstellung des „Barbiere", die 
Beethoven sich angehört hatte: 

,,Ueberhaupt ist gerade dieses Zusammenwirken, dieses In- 
einandergreifen, diese engste Vereinigung aller einzelnen Thefle 
zu einem Gesammtkörper der erste allerwesentlichste Vorzug der 
Italiener, und was auch deutsche Sänger isolirt gestellt Bedeuten- 
des zu leisten im Stande sind, — wenn es sich um die präcise 
Ausführung einer mehrstimmigen Periode bis in das kleinste Detail 
abgerundet, mit allen Nuancen gleichsam von einer Seele aus- 
gehaucht handelt, — wahrlich darin werden sie doch immer ihren 
Nebenbuhlern das Feld räumen müssen. Ehre dem Ehre ge- 
bühret!" 

Allerdings besassen diese Italiener Werke eines deut- 
lich ausgeprägten und einheitlichen Styls, und wenn man 
gar an Don Juan und Figaro denkt, die doch für uns 
ebenfalls dorthin zählen müssen, welch respectfordernde 



509 

Werke ! Ist es da begreiflich, wenn auch Beethoven mehr und 
mehr sich auf das Gebiet zurückzog, wo doch der Deutsch© 
ebenfalls Meister sein konnte? Sein instrumentales Schaffen, 
zumal die Letzten Quartette sind denn auch einem wahr- 
haft deutschen Styl selbst im Dramatischen mehr Anre- 
gung und Vorbild geworden, als alle sogenannt deutschen 
Opern jener und späterer Zeit, 

Aber selbst hier hatte er fortan stets mehr auf das 
Ausland zu schauen. „Beethovens herrliche Ciavier- 
compositionen kennen nur wenige unserer jungen Ciavier- 
virtuosen", klagt ein Aufsatz „Wien im Jahr 1825" in 
der musikalischen Zeitschrift „Cäcilia", die Schott in 
diesem Jahr 1824, mit Gottfr. Weber an der Spitze, ge- 
gründet hatte; die Theilnahme an den „höheren Gebieten 
der Tonkunst", an Oratorien und Symphonien nehme be- 
deutend ab, der hohe Adel sei dem Ausländischen zuge- 
wendet und die „teutsche Oper" aufgelöst. Dann 
heisst es: 

„Nach der Fodor verschwanden eine Grünbaum, eine Wald- 
müller, obwohl im Auslande Lorbeern sammelnd, gleichsam im 
Dunkel, — nach Lablache mochte niemand Forti singen hören. 
Daher suchten die Meisten Anstellung bei fremden Bühnen, und 
die Wiener, gleich schlechten Hauswirthen von theuern Lecker- 
bissen übersättigt, haben nun kaum Kartoffeln zu essen/' 

Das Kärthnerthor-Theator wie das an der Wien seien 
schon längere Zeit geschlossen. Die besten Italiener und 
ihre Opern hätten schliesslich nicht mehr angesprochen, und 
jetzt beklatsche man Dllc. Heckermann und andere Mitglie- 
der des Vorstadttheaters (v. o. S. 338). Dass „bei so bewandten 
Umständen" auch die Kirchenmusik nicht blühe, könne 



510 

niemand wundern , heisst es weiter ; „Fabrikarbeit" be- 
komme man hier wol genug zu hören, aber das wahr- 
haft Kirchliche verschwinde immer mehr. Der Musik- 
verein vegetire fort; Anarchie und Unthätigkeit habe ihn 
gelähmt. Was indessen die Wiener noch trösten müsse, 
sei, dass bis jetzt alle ihre musikalischen Talente im 
Ausland ausserordentlich gefallen: „wodurch wenigstens 
unser relativer Werth ausser Zweifel gesetzt wird." 
Schliesslich aber heisst es: 

„Die grösste Besorgniss flögst der Umstand ein, dass über- 
haupt der stille ruhige Oenuss der Kunst, der öftere Zusammen- 
tritt der Künstler und bedeutenden Dilettanten um Musik zu 
machen immer mehr in Abnahme und Verfall geräth. Die 
Quartettunterhaltungen haben fast ganz aufgehört, selbst die von 
Schuppanzigh gegebenen Hessen am Ende kalt, woran wohl zum 
Theil auch der Umstand Schuld trug, dass neu einstudirte Werke 
aus Mangel an Proben schlecht gingen." 

Und solchen Klagen, deren letzte sich uns hier noch 
näher darlegen wird, secundirt die A. M. Z. ebendamals 

mit den Worten: 

„Seit Jahr und Tag ist kaum ein bedeutend interessantes 
Musikwerk erschienen, nichts als Rossinische Opern im Ciavier- 
auszug .... Alles liegt brach. Wohinaus?'* 20 

Wie anders klangen da die Nachrichten, die von 
Galitzin einliefen ! Fürst Radziwill, „auch ein Bewunderer 
Beethovens", sei von Berlin eingetroffen und habe das 
Vergnügen genossen, bei der Aufführung der Messe gegen- 
wärtig zu sein. Am 10. Juni dieses Jahres 1824 bittet 
er denn auch um Abschrift von Beethovens neuesten 
Werken als Symphonie, Ouvorturen etc.: „Fürstens Erkennt- 
lichkeit werde extreme sein". Alle Monarchen sollten 



51 1 

thun, was Ludwig XVIII. gethan habe : allein in Peters- 
burg herrsche auch der Rossinische Charlatanismup. 
Er und Radziwill spielten „ewig" Beethovensche Compo- 
sitionen. Wann immer der Meister in einer Geldnoth 
sei, so möge er sich unverzüglich an ihn wenden, er 
werde sich glücklich schätzen, ihm nützlich zu sein. Am 
28. Juli aber, nachdem der Bericht über die Akademie 
•eingetroffen war, schreibt er, der Undank der Hauptstadt 
Wien empöre ihn, Beethoven solle nur reisen, er werde 
sich mehr verdienen. Seine Ungeduld wegen den 
♦Quartetten sei unbeschreiblich. Die Kosten für das 
Erbetene möge der Meister von Stieglitz u. Comp, in 
Petersburg „in jeder beliebigen Summe 14 entnehmen. 

„Fürstlicher 41 konnte kaum geredet werden, und 
Beethoven macht sich denn auch jetzt wirklich bereit, 
ganz „aux desirs de S. A. Monseigneur le Prince 44 zu 
sein. War doch ihm selbst solche „mehr eintragende" 
Arbeit zugleich „gelegener 44 ! Das heisst, sie entsprach 
mehr seiner künstlerischen Empfindung als vor allem die 
Ciaviermusik, von der doch ebenfalls dringendste „Ver- 
bindlichkeiten 44 vorlagen. Schindler schreibt schon in der 

Zeit der Correcturen von Op. 111 und Op. 120 auf: 

„Es ist doch Schade, dass Ihr hoher Genius in Ciaviersachen 
begraben wird, denn leider bleiben die ausgezeichnetsten Werke 
dieser Art liegen, weil die Clavierspieler unserer Zeit immer mehr 
den Geschmack des Guten verlieren. " 

Ebenso steht auf einem losen Blatt im Besitz Artarias, 
das unter Skizzen zu den Bagatellen Op. 126 liegt, die 
ja ebenfalls im Jahre 1823 entstanden, von Beethovens 
Hand geschrieben: 



512 

„Gar keine Ciaviersachen als Concerte, andere blos wenn ich 
darum angegangen werde. 1 ' — „Quintett in Cmoll für Fortepiano 
und Clarinett, Violoncell, Hörn, Fagott, senza sonar [?] il 
Clavicembalo miserabile." 

•Wir wissen von Diabellis „Quintett für Flöte 44 und ver> 

nahmen oben Holz' Erinnerung an das „ungenügende- 

Instrument". Andrerseits lagen für Quartettencomposition 

bereits bestimmte Entwürfe vor. Schon am 16. Juli 182$ 

hiess es zu Ries: 

,,Ich schreibe ebenfalls ein neues Violin-Quartett. Könnte 
man dieses den Londoner musikalischen oder unmusikalischen 
Juden wohl anbieten?" 

Ein kleines Skizzenheft Artarias aber, dessen letztes. 
Blatt die Worte „Brüder — Flügel 14 zeigt, enthält Entwürfe 
zum 1. , 2. und 3. Satz von Op. 127, unter denen zu- 
gleich steht „Quartett für Peters 44 . Es war also schon 
im Sommer 1822, wo mit Peters auch wegen eines 
Quartetts verhandelt ward und die erste Idee zum 
Finale der 9. Symphonie entstand, dieses Werk erdacht 
worden und namentlich auch das Adagio eben dafür be- 
stimmt. Im Sommer 1823 ward denn auch daran 
gearbeitet. Um das Endo von 1823 aber, in den gleichen 
Tagen, wo das „Teufelsmädchen 44 C. Unger ihn aufs neue 
besucht, ist der Musikhändler Math. Artaria — nicht zu 
verwechseln mit Artaria und Comp. — ebenfalls bei ihm 
gewesen und hat Vorschläge wegen der Gcsammtausgabe 
der Werke gethan. Dabei fragt derselbe : 

„Wie sieht es denn aus mit dem Quartett in Amoll?" 

Und in der Jahreswende von 1823/24 weiss der Refe- 
rent der A. M. Z. sogar von 2 neuen Quartetten, die 



513 

Beethoven „vollendet 44 habe. Es war also auch unser 
Op. 132 schon während der Arbeit an der „Neunten" 
intentionirt und bedacht und mag daher den Keim schmerz- 
vollster Leidenschaft überkommen haben, der sich dann 
freilich später, durch mancherlei Lebensumstände gezeitigt, 
zu einer Tragik entfaltete, wie sie selbst die Symphonie 
kaum ernster und energischer hat. Während andrerseits 
das Adagio von Op. 127 aus dem gleichen Himmelsfaden 
mit dem Adagio der 9. Symphonie gesponnen ist und in 
dem stets vertiefter wiederkehrenden Ilitoi*nell seiner 
sehnsuchtsvoll gezogenen Hauptmelodie ganz jenes thränen- 
volle Zusammensinken in das eigene, nur zu menschliche 
Ich zeigt, das in der Nebenmelodie des Adagios der 
Symphonie auch ein wahrhaft überirdisches Vermögen 
der Erhebung zum freiesten Schauen ankündigte ! 

Wieviel aber auch von diesen beiden Werken schon 
vorempfunden war und. seinen Charakter mit der Weise 
Beethovens vor Vollendung der „Neunten", namentlich 
des Freude-Finales theilt, — die eigentliche Ausgestaltung 
beider Quartette mit der Ausprägung des immanenten 
Gehaltes ihrer Motive gehört diesem Zeitraum vom 
Frühling 1824 bis dahin 1825 an und theilt mit ihm 
seine tieferen seelischen Leiden und Freuden. Wie denn 
auch der im Besitz P. Mendelssohns befindliche 1. Satz 
von Op. 127 besagt: „geschrieben 1824", und Op. 132, 
ebenfalls dort befindlich, betitelt ist: „Zweites Quartett 
1825 von L. v. Bvn." Wir haben also jetzt zunächst zu 
den Begebenheiten dieses Jahres 1824 überzugehen und 
nachzusehen, wie der Meister nun zu dem wirklichen 

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 33 



514 

Beginn dieser stets mehr ernst gemeinten und innerlichst 
versöhnenden Schlussarbeit seines Lebens „sich zurecht 
setzt". 223 



Vor allem andern handelte es sich nach den mancher- 
lei äusserlichen Strapazen und Aufregungen des Winters 
um einen geeigneten Landaufenthalt. Nur am Busen der 
Natur, der „unendlichen 44 , stimmte diese Seele sich völlig 
wieder zu sich selbst zurück. 

Schon während der Plackereien mit der Akademie 
hatte, wie der Neffe aufschreibt, Bruder Johann den 
Vorschlag gemacht, Beethoven solle „die 4 Monate 44 auf 
seinem Gute Gneixendorf (s. o. S. 29) zubringen. Dabei 
erfahren wir, was uns später noch näher angehen wird, 
dass da 4 — 5 Zimmer zugebote standen, „sehr schön, 
hoch und gross, alles gut eingerichtet 44 . Die Gegend sei 
herrlich, eine eisenhaltige Quelle sei da und ein „Haus- 
bad 44 . Allein obgleich es dabei heisst, die Frau werde 
nur als WirthscHafterin angesehen und arbeite, sie sei 
ganz gezähmt und habe versprochen, sich ganz ordentlich 
zu betragen, ja obwol Johann selbst drollig und be- 
zeichnend genug aufschreibt: „Wer soll die Wasche be- 
sorgen, wer soll unsere Launen ertragen? 44 so galt doch 
das „non possibile per me 44 jetzt mehr denn je. Waren 
doch gerade in dieser Zeit die üblen Geschichten mit der 
Frau Helena zu ihrem Höhepunct gediehen, und es trifft 
auch jetzt schon zu, was im nächsten Jahre Beethoven 
selbst dem Neffen zuruft: 



515 

„Gott ist mein Zeuge, ich träume nur, von dir, von diesem 
elenden Bruder und dieser mir zugeschusterten abscheulichen 
Familie gänzlich entfernt zu sein." 

Es mu8sten absolut zwingende Verhältnisse eintreten, 

ehe Beethoven hier das „non possibile" überwand. Und 

dann? — Seine Empfindung hatte ihn nicht getäuscht, 

die persönliche Berührung mit dieser Sphäre sollte ihrer 

schlimmen Wirkung nicht fehlen. 

Jetzt hatte sich bereits eine freundliche Wohnung in 

dem damals noch völlig ländlichen Penzing nahe der 

Wien gefunden, und er hoffte in dem isolirt gelegenen 

Hause in stiller Beschäftigung mit seinen Musen bald 

aller Lebenspein aufs neue zu genesen. Allein gefehlt! 

Berichtet schon ein Wiener Musikfreund, Herr von 

Malfatti-Rohrenbach aus dieser letzten Zeit: 

„Jeder Droschkenkutscher kannte ihn und die Leute wichen 
achtungsvoll zurück, wenn er einherwandelte , das Notizbuch oder 
einen Bleistift in der Hand, mit aufgerichtetem Kopfe, oder auch 
gemüthlich mit dem Stecher Land und Leute beobachtend", 

sö hatten die beiden Akademien den sonst tief Ver- 
borgenen, und sei es auch nur „in effigie", erst recht 
vor die Augen der Menge gebracht. Sogar die Wiener 
A. M. Z. gab kurz nach der ersten Akademie ein Portrait 
„nach der Natur 44 von ihm bei. So begreift man, was 

Schindler von Penzing erzählt: 

„Auf dem dicht neben diesem Hause über den Fluss gelegten 
Steg erlaubten sich die Passanten aus Neugierde oder Interesse 
stehen zu bleiben und nach seinen Fenstern zu schauen/ 1 

Und was konnte dem in sein „höheres Leben 44 ver- 
sunkenen Meister widriger sein als solch müssige Gaffer^ 

denen Grösse und Berühmtheit eine Curiosität ist, wie die 

33 • 



510 

Geschöpfe fremder Zonen auch, — und zumal in diesem 
Moment, wo er den „Bürger", der ihm übrigens schon 
aus .dem Prozess mit der Wittwe genügend bekannt war, 
nun auch nach dem Mass seiner Verehrung für das Hohe 
und Heilige seiner Kunst erkannt zu haben glaubte! 
Und abgesehen davon, dass nur solch stete Neuver- 
senkung in seine eigentliche Welt ihn überhaupt am 
Dasein erhielt, das um so mancher Ursachen willen 
ihm persönlich nur stets weniger Werth haben musste, 
hatte er ja, nachdem nun noch gar „nur Zeit und Geld 
verloren bei den Akademien 41 , von dieser seiner Geistes- 
arbeit zu subsistiren, und zwar mit einem „theuren 
Sohn". Dieser aber befand sich jetzt bereits im 2. Se- 
mester auf der Universität und hatte an den üblen Bei- 
gaben dieses freien Jugendtreibens bald genug Geschmack 
gefunden. Also wohl gewichtiger Grund, die schöne 
Wohnung No. 43 in Penzing im 1. Stock nach etwa 
sechswöchiger Benutzung mit 180 Fl. C. M. für den 
ganzen Sommer zu bezahlen und „mit Sack und Pack, 
Küchengeräthschaften , Broadwood - Flügel und Hühner- 
steigen gegen Baden zu ziehen 41 ! 224 

In diesem seinem eigentlichen Tusculum müssen wir 
ihn uns also auch in diesem Sommer 1824 wieder so 
recht durch Berg und Thal gehweifend und Honig 
sammelnd denken. Denn „nur rastlos bethätigt sich der 
Mann 44 , und es lagen obendrein dringendste „Verbindlich- 
keiten 44 vor. Für den Herbst aber wollte man bestimmt 
zur Reise nach London frei sein. Also war auch jetzt 
vor allem „Buhe und Freiheit 44 nöthig, und so geht es 



517 

jetzt zugleich ernstlich au den Verkauf der „grossen 
Werke", um endlich auch den Bruder Pseudo vom Nacken 
zu haben. Die Vorführung dieser geschäftlichen Corre- 
spondenz aber leitet uns von selbst auch wieder zu der 
eigentlichen Welt Beethovens. 

Von Probst war schon Rede. Ihm wurden am 
10. März 1824 ausser Opferlied, Bundcslied, Kuss und 
den VI Bagatellen Op. 126 noch die Ouvertüre Op. 124 und 
die Messe angeboten, wobei denn nach des Meisters 
damaliger Stimmung über die letztere bemerkt wird: 

,, . . . leider muss ich nun doch über mich selbst sprechen, 
indem ich sage, dass sie wohl mein grösstes Werk was ich ge- 
schrieben." 

Sogleich aber heisst es weiter: 

„Eine neue grosse Symphonie, welche ein Finale hat mit 
eintretenden Singstimmen Solo und Chören mit den Worten von 
Schillers unsterblichem Lied an die Freude auf die Art wie meine 
Ciavierfantasie mit Chor, jedoch weit grösser gehalten als selbe." 

Und dieser Taxirung entsprechend ist hier das Honorar 
nur 600 FL, während es dort eben 1000 Fl. sind. Man stand 
dem Werke mit der eigenen Empfindung noch zu nahe, 
um den rechten Werthmessor dafür zu finden, und bei 
der Messe wirkte der heilige Vorwurf wie die Mühe der 
Arbeit das eigene Urtheil bindend mit. Auch blieb die 
„Neunte 11 immer nur eine — Symphonie, und eine solche 
sahen wir oben sogar bei Beethoven mit blos 40 — 60 Duc, 
d. h. 2 — 300 Fl. taxirt. Also schien 600 Fl. immer noch 
viel, sehr viel. 

Probst erbittet sich am 22. März die Lieder, die 
Bagatellen und die Ouvertüre für „100 Stück vollwichtige 



518 

Duc. 44 und behält sich, wenn dieses Geschäft zur beider- 
seitigen Zufriedenheit geordnet sei, den Entschluss wegen 
der Messe und der Symphonie vor. Beethoven schreibt 
sich auf diesen Brief: 

„Glauben Sie nur nicht, Gewäsche, ich habe jetzt keine Zeit 
um Sie darüber aufzuklären, habe alle Beweise in Händen,, 
nächstens. " 

Die „Differenz", welche Beethoven mit Peters „in einem 

ähnlichen Unternehmen" gehabt, hatte nämlich diesen 

neuen Verleger erst die Manuscripte sehen lassen wollen^ 

Gewiss zur eigenen Beschämung muss Beethoven sich auch 

dazu bequemen. Am 3. Juli aber meldet er die Vollendung 

der Abschrift der betreffenden Sachen und bittet das 

Geld anzuweisen. Probst geht nun am 16. Aug. 1824 

auf den Handel ein. Allein derweilen hatte sich etwas 

Besseres gefunden für den Bruder „Judas 44 , der diese 

Sachen besass und Beethoven immer darauf „gut 

schrieb 44 . 225 

Schott in Mainz nämlich hatte am 24. März 1824 

dem „Herrn Hof-Capellmeister van Beethoven 44 auf seine 

Anträge in einer besonders ehrerbietig offenen Weise 

geantwortet, sich zwar zunächst nur das angebotene 

Quartett um 50 Duc, aber dies auch bedingungslos erbeten 

und dabei gesagt: 

„Ihre grosse solenne Messe sowie Ihre neue Sinfonie liegt uns 
zwar auch sehr am Herzen und wir würden beide Werke nur mit 
grossem Leid als solche glänzende Sterne in einem andern Cata~ 
log prangen sehen und fragen desshalb an, ... ob Sie wohl ge- 
neigt wären, das Honorar in 4 Terminen von 6 zu 6 Monaten in 
Empfang zu nehmen. Unter diesen Verhältnissen wagen wir den 
Verlag dieser sehr grossen und sehr wichtigen Werke und würden 



519 

mit Stolz den Verlag derselben mit aller nur möglichen Schönheit 
ausstatten und zur augenblicklichen Aufführung in Stimmen nebst 
Partitur stechen lassen." 

Das war wieder einmal Respect und Anstand bei 
einem Verleger, zumal wenn man an Steiner dachte. 
Allein man stand ja noch mit Probst in Unterhandlung, und 
so erfolgt erst auf zwei weitere Briefe Schotts (19. und 
27. April), worin sehnlichst um Rückantwort gebeten 
und unter Einsendung des 1. Heftes der „Cäcilia" um 
Beiträge dafür ersucht wird, am 20. Mai 1824 die Ent- 
scheidung: Messe und Symphonie zu dem bekannten 
Preise in kurzen Raten, das Quartett jedoch sei noch 
nicht sicher zuzusagen! Dabei wird um rasche Ent- 
schliessung gedrängt, da man sich auch Anderer wegen 
entscheiden müsse. Denn es lagen ja auch Anträge von 
Leidesdorf, Diabelli, Artaria u. A. vor. So heisst es denn 

auch in jenem Briefe: 

„Da ich nicht von meinem Gehalte hier leben kann, so muss 
ich dergleichen mehr als ich würde, nicht ausser Acht lassen. " 

Schott acceptirt denn auch bereits am 27. Mai 1824 
bestens, besteht aber .auf dem Quartett, und Beethoven 
antwortet „wegen Ueberhäufung mit Beschäftigung*' erst 
am 3. Juli: er könne auch dieses ganz sicher binnen 
(5 Wochen erhalten. Er hatte sich also unter dem 
Schutz der festen Annahme der „grossen Werke" so- 
gleich in Penzing wieder ganz aufs offene Meer des 
Schaffens begeben, und dies umsomehr, als Schott am 
19. Juli meldete, dass Fries & Comp, die Zahlung in den 
bestimmten Terminen leisten werde, wogegen er Messe 
wie Symphonie dort zu übergebenha be. Von der gleichen 



520 

Art aber wird der Brief vom 19. August gewesen sein, 
den Beethoven „unerklärlicherweisc" nicht erhielt. Es 
hatten sich, wie wir sehen werden, auch hier rasch 
fremde Elemente dazwischen geschoben,* und bei Beet- 
hoven war ja leicht Misstrauen zu säen, zumal gegenüber 
den ' „Höllenhunden die sein Gehirn beleckten"! Man 
hat aber einstweilen doch diese Schott sicher in der 
Hand und hätte so auch der Ausführung der neuen 
Arbeiten mit andauernder Ruhe nachgehen können, wenn 
nicht einerseits durch erneutes Unwohlsein andrerseits 
durch die Sorge um und für den Neffen stets wieder 
Hemmniss jeder Art eingetreten wäre. Es ist alle Kraft 
nothwendig, um nur auf der Höhe seiner selbst zu 
bleiben, und gar um die Höhe seines Wesens auch völlig 
zu erreichen! 

Am 23. August 1824 vernimmt der Erzherzog: 

„Ich lebe - wie?! — ein Sehneckenleben. Die so ungünstige 
Witterung setzt mich immer wieder zurück, und unmöglich ist es 
bei diesen Bädern Herr seiner Haus-Kraft wie sonst zu sein." 

Dabei wird um Subscription auf Nägelis Gedichte 
gebeten. In welcher humanen Verwendung für den 
Herrn „Kunstbruder" in Zürich, ist bemerkenswerth. „Für 
Andere zu handeln" hatte man eben immer noch Zeit. Tags 
darauf bekommt nun Diabelli die folgende mannigfach 
relevante Nachricht über seine längst gewünschte „grosse 

4 händige Sonate 14 in F: 

„Es liegt zwar nicht in meinem Wege d. g. zu schreiben, 
aber ich will Ihnen gern meine Bereitwilligkeit hierin zeigen . . . 
Was das Honorar angeht, so fürchte ich, ee wird Ihnen auffallen, 
allein in Betracht, dass ich andere Werke aufschieben muss, die 



521 

4 

mir mehr eintragen und gelegener sind, werden Sie es 
vielleicht nicht zuviel finden , wenn ich das Honorar auf 80 Duc. 
setze. Sie wissen, dass wie ein tapferer Kitter von seinem 
Degen, ich von meiner Feder leben muss. Dabei haben mir die 
Akademien einen grossen Verlust verursacht." 

Diabelli ist denn auch mit diesem Honorar zufrieden, 

weil er überzeugt sei, dass Beethovens Werke nicht für 

den Augenblick, sondern für die Ewigkeit seien, und 

so war in den Pausen auch für eine solche Arbeit zu 

denken. 

Weiter sehen wir jedenfalls auf die Klagen des 

Meisters selbst hin am 5. Sept. einen alten Freund wie 

A. Streicher allerhand Vorschläge thun, „aufweiche 

Art er grössere Vortheilo aus seinem ausserordentlichen 

Talente ziehen könnte". Darunter sind: , jeden Winter 

# Abonneinentsconzerte" und die „Sämmtlichcn Werkc u . 

,, Nehmen Sie das Gesagte als die Meinung eines Freundes 
auf, der Sie schon volle 36 Jahre kennt und welchen nichts so 
freuen würde als Sie ausser Sorgen zu sehen'*, 

hcisst es dabei in Erinnerung an die erste Begegnung 

in Augsburg. Am 9. Sept. hören wir ihn dann wieder 

selbst gegen Nägeli, als demselben die Subscribirung des 

Erzherzogs gemeldet wird, folgendes äussern: 

„Ein Unbekannter subscribirt ebenfalls darauf und das bin 
ich. Denn da Sie mir die Ehre erzeigen mein Panegyriker zu 
sein, darf ich wohl keineswegs mit meinem Namen erscheinen. 
Wie gern hätte ich auf mehrere subscribirt, allein meine Umstände 
sind zu beschränkt. Vater eines von mir angenommenen Sohnes 
— muss ich sowohl für die Gegenwart wie für die Zukunft 
seinetwegen denken und handeln." 226 

Li dem gleichen Briefe erinnert er sich auch früherer 

Anträge Nägelis , allein seine Kränklichkeit habe über 



522 

3 Jahre gewährt, nun befinde er sich besser. Zu- 
gleich bittet er um die 5 stimmige Messe von S. Bach, 
die Nägeli herausgegeben. Und dabei heisst es: 

„Denken Sie übrigens ja kein Interesse von mir irgendwo wa* 
ich suchte. Frei bin ich von aller kleinlichen Eitelkeit. Nur die- 
göttliche Kunst, nur in ihr sind die Hebel, die mir Kraft geben, 
den himmlischen Musen den besten Theil meines Lebens zu opfern. 
Von Kindheit an war mein grösstes Glück und Vergnügen für 
Andere wirken zu können." 

Es umweht uns der Athem der „himmlischen 44 Weise^ 
des Adagios von Op.127, und wie tief ist dia 
Empfindung eines hohen Thuns in die höhere Empfindung 
des „Wirkens für Andere 44 getränkt! 

Um dieses „Wirkens für Andere 44 willen aber musfe 
der Mensch sich eben auch zuweilen „nach unten senken"- 
A. Streicher hatte ferner den Vorschlag gemacht, die 
Messe für Chor mit Ciavierbegleitung arrangirt den Ge- 
saugvereinen um 50 Duc. anzubieten. Ein solcher Vor- 
schlag vom 17. Sept. 1824 an den Gesangverein von Zürich 
liegt vor. 

,,Die grosse Messe des Herrn L. van Beethoven ist nach ein- 
stimmigem Ausspruch aller Kenner die merkwürdigste religiöse 
Composition, welche seit. dem Messias von HändeL erschienen, und 
zwar ebensowohl wegen Neuheit der Bearbeitung, ihrer harmoni- 
schen und melodischen Originalität als was wohl das Wichtigste 
ist, wegen dem frommen, Gott ergebenen Sinn, den jede Note der- 
selben ausdrückt." 

So heisst es hier, und Beethoven selbst fügt dazu jenes 
o. S. 192 erwähnte Wort über seine „Haupt&bsicht" 
mit diesem Werke und dass er einer solchen Verbreitung 
desselben darum gern nachgebe, weil diese Vereine bei 



523 

öffentlichen, besonders aber „gottesdienstlichen Feierlich- 
keiten" auf die Menge wirken könnten. Alles weist auf 
die zunehmende Richtung seines Sinnes „nach oben". Ja» 
unter den Conversationen dieser Herbstzeit über den 
Ciavierauszug der Messe ist sogar von einer neuen Messe 
Rede. Karl schreibt auf: „Länger dürfte sie nicht sein 
als die Voglersche." — Sollte der Plan der Messe für 
den Kaiser wieder aufgenommen sein? Es schien der 
inneren wie der äusseren Lage des Meisters immer noch 
besonders zu entsprechen. Er wünscht die 5 stimmige 
Messe von Bach und ebenso schreibt er dort oben auf: 
„Von Diabelli Offertorium jubilate, Deo omnis terra, Salve 
regina etc." 227 

Weiter! An dem gleichen 17. Sept. 1824 aber meldet 
er Schott, dass er unerklärlicher Weise den Brief vom 
19. Aug. nicht erhalten habe. Wir hören aber von ihm 
selbst, dass damals sein „Grosssiegelbcwahrer" niemand 
Anderer war als Junker Tobias, und ebenfalls er selbst 
sagt später : „Mir ward abgerathen von Jemandem hier, 
welchen Sie schwerlich vermuthen (auch Verleger)", und 
nennt dann später wirklich den Haslinger. Jetzt aber 
heisst es, ende des Monats werde er sich nach Wien 
zurückbegeben und dann sogleich die beiden zugesagten 
Werke besorgen. Auch das Quartett werde sicher bis 
Hälfte Octobers erfolgen. Dabei äussert er eben in 
der uns jetzt nur um so näher berührenden Weise, gar 
zu sehr überhäuft und eine schwache Gesundheit müsse 
man schon etwas Geduld mit ihm haben. Doch habe 
es sich hier in Baden mit seiner Gesundheit gebessert; 



524 

worauf die Stelle folgt, mit der wir als die Stimmung 
<üeser ganzen Zeit entscheidend das laufende Kapitel 
eröffneten. Zum Schluss schreibt er dann seine ganze 
Vorstellung von Worth und Aufgabe menschlicher Existenz 
aufdeckend folgendes: 

„Ich wünsche Ihnen allen guten Erfolg Ihrer Bemühungen 
für die Kunst. Sind es diese und die Wissenschaft doch, die 
uns ein höheres Lehen andeuten und hoffen lassen!" 

Er hat ihren Segen aufs neue lebendigst gefühlt. 
Körperliches Besserbefiuden und wiedererlangtes inneres 
Gleichgewicht durch solch erneutes Schaffen und Schauen 
haben endlich den Muth und die Hoffnung völlig wieder- 
belebt: es weht wieder „das Fähnlein auf dem weissen 
Thurmc". Und wenn nun Holz erzählt: „Beethoven 
beendigte sein Quartett in Es im September 1824 u , so 
ist nicht blos dies der Hauptsache nach richtig, sondern 
es geschahen in diesem Sommer auch noch grössere Dinge, 
über die wir hier sogleich dem Fachmann berichten. 

Es existiren nämlich aus diesem Jahr 1824 auch schon Skizzen 
zum Adagio des zweiten Quartetts, denen unmittelbar solche 
zu jenem glückselig spielenden „Alla danza tedesca" folgen, das 
heute zu No. III (Op. 130) gehört, ursprünglich aber für jenes 2. 
bestimmt war und denn auch in Adur völlig ausgeschrieben existirt. 
Unter den Entwürfen zum Eingangsthema des 1. Satzes von 
Op. 132 kommen aber auch bereits solche zu dem ähnlich gebil- 
deten Thema der grossen Fuge Op. 133 vor, die ja das eigent- 
liche Finale von Op. 130 ist. Ausarbeitungen dieser Fuge werden 
uns dann wieder im nächsten Frühjahr 1825 begegnen. Und wie 
diesem Finale natürlich der 1. Satz voraufgegangen war, so existiren 
auch (wieder mit Arbeiten zu Op. 133) Skizzen zu dem so ergötz- 
lich selbstbewusst stolzirenden Poco scherzoso von Op. 130, 
denen mit der Ueberschrift „Aüemand Allegro" jener jetzige 



525 

4. Satz von Op. 130 folgt, und zwar zunächst noch in der Ver- 
doppelung und in Bdur, dann erst in seinem heutigen Gdur. 

Ja selbst die Cavatine von 0p. 130 kommt in 
diesem Hefte der Berliner Bibliothek vor. Und wenn wir 
nun von ihm selbst vernehmen , dass zumal jetzt „im 
Winter nur in Partitur gesetzt ward was man im Sommer 
gemacht 11 , und zudem erkennen, dass diese letzten Arbeiten 
zu Op. 133 denen voraufgehen, die uns im Frühjahr 1825 
davon begegnen werden, so sind also in diesem Sommer 
und Herbst 1824 nicht allein schon die Hauptsätze von 
Op. 132 festgesetzt, sondern auch von No. III stehen fast 
sämmtliche Hauptpfeiler des Baus, und was uns besonders 
viel gilt: sogar jener wunderbare Seclensang Beethovens, 
die so unsagbar tief wehmuthvoll aufblickende Cavatine,' 
der Typus all jener melodischen Bildung, wo sozusagen in 
letzter Stunde die innere Seele mit sich selbst zu Rathe 
geht, ist bereits wie schmerzliche Ahnung eines uoth- 
wendig Kommenden aufgedämmert. So haben sich schon 
hier wie in tiefen Traumlauten der Seele und über- 
irdischen Visionen des Geistes sowol jenes herbste 
Lebensleid als der hohe Zustand seines Inneren vorge- 
deutet, die uns in eben diesem Opus "130 und den un- 
mittelbar folgenden Opp. 131 und 135 ein ganz neues 
Stadium der Darstellung menschlicher Seelenverfassung, 
nein eine neue Substanz in diesem unserem Dasein selbst 
begründet haben. Da mochte er denn wol fühlen, „den 
Musen noch gar zu viel schuldig sti sein, was ihm der 
Geist eingebe und heisse vollenden 14 . 

Hervorgearbeitet aus den unbewussten Tiefen dieser 



526 

Existenz haben sich diese „himmlischen Gestalten" freilich 
nur ganz allmälig, und wir werden noch manchem inneren 
Anstoss und weiteren Ansatz zu diesem Wunderbaii nach- 
zugehen haben. Wir erkennen aber hier aufs neue, wie 
ihm jene tiefste Einkehr bei sich selbst, deren Wirkung 
wir sogleich in dem Adagio von Op. 127 näher begegnen 
werden, stets wieder die Seele befreite. Und so heisst 
es denn auch jetzt, am 23. Sept. 1824, zuversichtlich 
genug unter allerhand Scherzen gegen den „gross- 
mächtigsten Intendanten aller Sing- und Brummvereine, 
das k. k. General- Violoncello 41 Hauschka, dass man, 
in die Stadt gelangt, das Bernardsche Oratorium 
„Der Sieg des Kreuzes" gewiss in Musik setzen 
und alsbald beendigen werde. Es scheinen im Gefühl 
eines allmächtigen Könnens aufs neue alle hemmenden 
Schranken gefallen. Allein immer wieder das alte Lied 
vom Leid des Lebens ! . — . Sosehr .der Künstler stets 
„schreiben" möchte nicht blos was ihm der Geist eingibt, 
sondern auch wozu er sich verbindlich gemacht, so hat 
doch der Mensch stets wieder an die nacktesten Not- 
wendigkeiten der Subsistenz zu denken und zwar nach wie 
vor besonders um des Sohnes willen, der obendrein die 
Sorgen um die Zukunft jetzt von neuem durch solche 
für die Gegenwart zu vermehren beginnt. 228 

Schon in Penzing nämlich hatte er selbst von seinem 
„1. Jahr der Philosophie" aufgeschrieben: 

„Ich will ganz aufrichtig sein, es ist jetzt zu weit ge- 
kommen um noch zurückzuhalten. Es war gleich anfangs Mangel 
an Lust für die Gegenstände, der mich hinderte, die Collegien ge- 



527 

hörig zu besuchen, und daher kam's auch, dass ich manche 
schwänzte. Du selbst vermuthest, dass die Prüfung nicht gut 
ausfallen werde , und leider ! auch ich. - Von Anfang noohmal 
beginnen ? Ich glaube nicht, dass ich die Schande ertragen würde 
hinter so vielen Andern zu sein, mit denen ich zugleich ange- 
fangen habe. Zudem was werden Giannatasios und viele andere 
dazu sagen! Ich werde Gegenstand ihrer Spöttereien und leider 
nicht mit Unrecht. Wie das mir schaden kann, weisst du selbst. 4< 

Er wünscht — Soldat zu werden, damals in Oester- 
xeich, wo der Volksmund sang: 

,, Hunde, H . . . . , Kaffeehaus 

Machen einen östreichischen Offizieren aus!" 

Diesmal wird jedoch das erforderliche Examen noch ge- 
macht. Als aber der Onkel auf dem Lande ist, hat man 
ungleich mehr Spielraum, und obwol nach seiner eigenen 
Aufzeichnung sein Tageslauf gar regelmässig erscheint, 
steht doch in den Cönversationen von 1825 eine Stelle 

von der Hand Johanns: 

„Was hat er denn im ganzen Jahr 1824 gethan — Spazieren 
gegangen!" 

Und gar noch der Gedanke, dass er jetzt so ganz dem 
Einfluss der Verwandten preisgegeben ist! Beethoven 
schreibt am 7. Oct. 1824 von Baden aus „an Seine Wohl- 
geboren Hr. Philip von Haslinger in Wien am Graben in 
der Patemostergässlerischen Steinerschen Kunsthandlung 

allda" folgendes : 

,, Bester! Unser Benjamin ist heute früh schon hier einge- 
troffen, weswegen ich 17 und eine halbe Kanone habe abfeuern 
lassen. Frühere Begebenheiten ohne seine Schuld et sine mea 
culpa haben mich ängstlich gemacht. Dem Himmel sei Dank, 
es geht trotz meinen Agitatos zuweilen alles gut und erwünscht. 
Es ist kein' Wunder bei diesen armseligen Anstalten, dass 



_ 528_ 

man 'Wegen eines sich entwickelnden jungen Mannes in Angst ist. 
Dabei dieser vergiftende Athem der Drachen!** 

In diesen Tagen in Baden findet denn auch folgende be- 

nierkenswerthe Conversation zwischen beiden statt: 

Beethoven: „Ich bin mit der Wahl dieses deines Freundes 
sehr übel zufrieden. Armuth verdient freilich Theilnahme, jedoch 
nicht ohne Ausnahmen dabei. Ich möchte ihm nicht gern Un- 
recht thun, aber er ist mir ein lastiger Gast, dem es gänzlich an 
Wohlstand und Anstand fehlt, was doch einigermassen für wohl- 
gezogene Jünglinge und Manner gehört. Uebrigens habe ich ihn 
in Verdacht, dass er es eher mit der Haush. als mir hält. Uebri- 
gens liebe ich die Stille, auch der Kaum ist hier zu beschränkt 
für noch mehrere, da ich ja beständig beschäftigt bin und er für 
mich gar kein Interesse herbeiziehen kann. — Du bist noch sehr 
schwachen Charakters . * * 

Der Neffe sagt, er kenne ihn 4 Jahre, die grösste Aehn- 
lichkeit des Charakters und der Neigungen habe sie zu- 
sammengeführt. 

Beethoven: ,, Ich finde ihn roh und gemein — und das sind 
keine Freunde für mich." 

Neffe: ,,Wenn du ihn roh findest, irrst du dich, ich wüsste 
wenigstens nicht, dass er dir Gelegenheit gegeben hätte, das zu 
glauben. Auch bin ich nicht willens ihn mit einem Andern zu 
vertauschen, welches gerade ein Zeichen der Charakterschwäche 
wäre, die du mir gewiss mit Unrecht vorwirfst ; denn ich habe von 
allen Zöglingen bei Bl[öchlinger] keinen gefunden, der mir meinen 
oft traurigen Aufenthalt daselbst erleichtert hätte, als ihn, und ich 
glaube ihm also wenigstens Dank schuldig zu sein/' 

Beethoven: ,,Du bist noch nicht im Stande zu sichten." 

Neffe: ,,£s ist wohl unnütz über einen Gegenstand, zumal 
über einen Charakter zu streiten, worüber ich meine Ueberzeugung 
nie aufgeben werde, solange ich mich selbst nicht für 
einen schlechten Menschen halten werde; denn ist ja 
etwas Gutes an mir, so besitzt er's gewiss wenigstens in eben 
so hohem Grade als ich, und es wäre ungerecht ihm zu zürnen, 



529 

wenn du nicht auch mich für eben bo hältst. Für mein Theil 
werde ich nicht aufhören ihn zu lieben, wie ich meinen Bruder 
lieben könnte, wenn ich einen hätte." 

Später beginnt Beethoven aber nochmals: 

„Sobald du wahrnimmst, dass man von Seiten Niemez' nicht 
gern so was thue, so lass es sein, denn ohnehin habe ich wenig 
Zutrauen zu diesen Menschen, d. h. dass sie etwas gerne für 
mich thun würden.' 1 

Auch weiterhin kommt die Rede wieder auf diesen Freund, 
den der Neffe lebhaft vertheidigt, der Onkel aber durch- 
aus nicht um sich dulden mag. 

Und er hatte nur zu Recht. War es doch eben die- 
ser Niemetz, der „bei den nachherigen groben Verirrungcil 
des Neffen eine Rolle spielte 41 . Allein Beethoven be- 
trachtete sein Verhältniss zu dem jetzt 17 jährigen Jüng- 
linge mehr und mehr als ein — „pactum 44 d. h. als das der 
Gleichstellung und Ebenbürtigkeit. Ja fast in der Kunst 
selbst steht dieses sein junges „Fleisch und Blut 44 ihm 
näher als alle Uebrigen. Nach den Akademien dieses 
Frühjahrs lautet eine Convcrsation : 

Beethoven: , /Wie fandest du denn bei meiner Musik dass 
selbe Andere finden?'* 

Neffe: ,, Tiefer, nicht blos auf die Ohren." 

Gar aber wo derselbe eigenen Willen oder Gefühl für 
Ehre zeigt, ist die väterliche Gewalt des Oheims sogleich 
in sich aufgehoben. Gerade dieser nach -einer hohen An- 
schauung von Würde und Selbstbestimmung geduldete 
und wohl gar gepflegte Unabhängigkeitssinn aber sollte 
es sein, was bei dem leichtgeflügelten Naturell dieses 
Jünglings nicht blos zu schlimmen Ausschreitungen führte, 
sondern auch bald die offenste Rücksichtslosigkeit gegen 

Nohl, Beethovens leiste Jahre. 34 



530 

den Oheim und Vormund selbst hervorrief. So sah sich 
dieser stets aufs neue gerade da mit Kummer und Sorge 
belastet, wo er der Natur der Sache nach am meisten 
Anrecht auf Verschönerung und Erleichterung des Da- 
seins hatte, und dies in um so höherem Masse, als in ihm 
selbst mit den Jahren das reinste aller Menschenbedürf- 
nisse, das des Herzens, nur zunahm. Wh' werden davon 
bald Wirkungen sehen, die etwas von der Peripetie der 
Tragödie an sich haben. Hier berühren wir die Sache 
nur um des rein menschlich erklärenden Grundes willen, 
wesshalb nicht allein auch jetzt immer mit eisernem 
Fleiss und sogar ohne Rücksicht auf das eigene Befinden 
„geschafft", sondern zugleich ebenso emsig nach jedem 
geschäftlichen Erwerb mit seinem Schaffen ausgeschaut 
und geradezu „gehandelt 11 wird. Und dies in einer Lebene- 
periode, die sonst von den Mühen des Lebens auszuruhen 
beginnt, und bei einem Künstler, der wie nur je einer 
einzig der Kunst gelebt und den besten Gewinn derselben 
Andern überlassen hatte. 229 

So klingt es uns fast wie Ironie, wenn ende 1823, 
wo einmal von Cherubini Rede ist, der närrisch ge- 
worden sef, weil in einer Preisaufgabo die Oper eines 
Anderen vorgezogen worden sei, der Neffe aufschreibt: 

,,Er mag schon alt sein — Warte nur noch 20 Jahre, du 
wirst dann auch nicht mehr so schnell schreiben. " 

Und wahrlich, wenn wir uns nicht verwundern dürfen, 
dass Beethoven ebenfalls schon jetzt in der That „nicht 
mehr so schnell 44 schrieb, so haben wir bei solcher Lage 
der Sache erst recht den hohen Grad der künstlerischen 



531 

Treue zu verehren, mit dem fortan fast mehr als je jeder 
einmal ergriffenen Aufgabe obgelegen und kaum zu dem 
Entschluss gekommen ward, ein Werk als reif und vollen- 
det auch wirklich von sich abzustossen. Wir werden dies 
in allen folgenden Briefen erkennen, und ob er gleich 
weiss und bekennt, dass oft durch ihn selbst die „Ver- 
zögerungen" entstehen, die ihn dann wieder in harte 
Bedränguiss versetzen, so kann ihn doch nichts bestim- 
men, eine Sache eher hinzugeben, als bis sie so ist, wie 
er sie „seinem besten Freunde nicht besser geben könnte". 
Also nichts weniger als „Reflexion" und „Arithmetik", 
wie Freund Schindler gemeint, beherrscht den Meister in 
diesen letzten Lebensjahren. Vielmehr ist es erst recht 
die höchste Auffassung von der Pflicht und dem Werthe 
des künstlerischen Schaffens und das Bewusstsein, dass 
nur wo dasselbe in wirklicher Vollendung strahlt, auch den 
„anderen Sterblichen" innere Erquickung und Erhebung 
zu sich selbst gereicht wird. Ein wahrhaft ungeheurer 
Ernst erfüllt sein Wesen und lässt ihn trotz allem 
oft lebhaftestem Wünschen und Wollen ferner nicht zum 
Ergreifen falscher, nicht zum vorzeitigen Abschluss der 
einmal ergriffenen rechten Aufgaben kommen. Nur „was 
der Geist ihm eingibt" will er vollenden, und sei es mit 
persönlichen Entbehrungen, ja mit Verzicht auf alles 
was Glück heisst. Und dem entspricht der Geist, der ihn 
jetzt erfüllt und der uns ebenso als ein unermesslicher 
Weitblick über die Gefilde des Daseins wie als ein uuer- 
schöpfter Born duldsamer Güte und des schmerzlichen 
Mitantheils an jedem Leid menschlicher Existenz erschei- 



532 

nen muss. Wir werden auch biographisch den Beweis 
für solchen Zustand seines Lineren bald und nicht am 
wenigsten auf seinem Todesbette vernehmen. 

Wie hat man also nur fordern können, dass dieser 
vielgeprüfte und in das Wesen seiner Kunst so tief .ver- 
sunkene Mann und Meister eben. auch nur gleich blossen 
Kunsthandwerkern die Menge der Bestellungen absolviren 
und je nach Verlangen Messe, Oper, Oratorium, Sonate, 
Quartett rasch habe hinschreiben sollen, um aller Noth 
des Tages ledig zu sein? — Sowie durch jede neue 
Berührung mit der Welt der Eigensucht und Trivialität 
seine Vorstellung einerseits von der Bedrängtheit dieses 
Daseins, andrerseits vom Werth des wahren Guten und 
des wahren Schönen sich nur erhöhen konnte, so musste 
auch sein eigenes Schaffen stets mehr und sogar einzig 
das Bild dieser höheren Welt werden, in der der Mensch 
erst zum richtigen Begriffe von sich wie zur wahren Er- 
scheinung seiner selbst gelangt. Das „Dero in Christo 
und Apollo", womit der obenberührte Brief an Hauschka 
schlic8st, gewinnt uns hier einen ernsten Sinn, wie dieser 
Mann * ihn oft selbst da in die Form eines scherzenden 
Spottes kleidete , wo die äussere Form und Erscheinung 
ciuer Sache eben seiner hohen Vorstellung von derselben 
noch wenig entsprechend dünkte. Religion und Kunst 
waren ihm jetzt mehr als je Eins. Ja es ist zu 
sagen: in seinem tieferen Inneren vollzog sich mehr und 
mehr die thatsächliche Vereinigung einer ästhetischen 
Welt-Anschauung, wie er sie seiner Zeit und seinem 
Berufe dankte, mit jener ethischen Welt-Bewährung, 



533 

die ihm das Leben selbst allmälig als die positive Sub- 
stanz auch der kleinsten Existenz aufgedeckt hatte und 
die der Kunst unseres Jahrhunderts überhaupt erst den 
wahren Sinn und vollen Gehalt gegeben hat. Und der 
wirklichen Durchführung dieses inneren Proccsscs, der 
der eigentliche Inhalt dieser seiner letzten Lebensepocho 
ist, verdankt eben das künstlerische Schaffen derselben 
seinen wahrhaft ätherischen Schoin, ihm seine Bedeut- 
samkeit weit über die Gränzen einer besonderen Kunst 
hinaus. Die Meinung der Neunten Symphonie ist ihrem 
Erschaffer selbst völlig zu Leben und That gediehen, er 
kann nicht mehr anders als in ihrein Geiste schaffen und 
wirken, ihre Substanz ergiesst sich tausendfach durch 
alle Adern seiner Existenz, und ist's ein Wunder, dass 
da Früchte spriessen, wunderbar, herrlich, nie gesehen, 
unerhört? 

Und also auch das äussere Leben, dem wir uns ja nur 
desshalb stets wieder zukehren, um das eigentliche Gebiet 
des Beethovenschen Daseins mit der Möglichkeit rich- 
tigeren Verstehens zu betreten, zeigt bei ihm jetzt diesen 
Geist erhabener Milde uud diese wahrhaft schöne innere 
Menschenerscheinung in wachsender Verklärung. Jede Be- 
rührung mit dem wirklichen Leben bringt fortan auch 
dieses letzte Resultat höheren menschlichen Bestrebens offen 
ans Licht, und dabei strahlt es von ihm selbst trotz aller 
Leiden in reinster Heiterkeit der Seele aus. Und wenn 
uns allerdings den vollen Gehalt dieser Stimmung wie 
ihre ganze wonnige Schönheit erst das künstlerische 
Schaffen dieser letzten Epoche selbst aufdeckt, so erfah- 



534 

ron wir doch selbst an diesem äusserlich so freudlosen 
Dasein in mannigfacher Andeutung, welche inneren Ent- 
schädigungen ihm eben eine solche Anschauungsweise und 
die Bewährung wahrer Menschenart bereitete. 

Wir geben davon einige weitere Züge. 

Von Nägeli hörten wir schon oben. Derselbe empfängt 
aber im Nov. 1824 nochmals Nachricht über die Sub- 
scription. Obwol „überhäuft und bei der späten Jahres- 
zeit sich nicht genug schützend wieder kränklich 41 , hat 
er doch überall „angespornt". Allein er muss hinzu- 
fügen: 

„Man ist wirklich arm hier in Oesterreich, und für Kunst, 
Wissenschaft bleibt wenig durch die durch den Krieg immer fort- 
dauernden drangvollen Zeiten 41 ; 

wobei denn Bruder Johanns Bemerkung Platz finde: 

„Die italienische Oper setzt diesen Sommer 100000 fl. zu. Die 
Noth ist zu gross unter dem Volke." 

Wir werden den Wirkungen solcher Zustände in Beetho- 
vens eigener Existenz noch merklich begegnen. 

Aber auch gegen „Dii niinorum gentium" wie 
K. Czerny, der mit Streicher in diesem Frühling er- 
schienen war, wobei letzterer zugleich den 20 jährigen 
Franz Lachner mit den Worten eingeführt hatte: „Ein 
junger talentvoller Compositeur", — auch gegen solche 
blosse Trabanten seines eigenen Gestirns hören wir Worte 
des schönsten persönlichen Wohlwollens fallen, und zwar 
obwol man mit der jetzigen Richtung dieses Lehrers des 
„kleinen Liszt u keineswegs einverstanden war und von 
Schindler unter anderm annahm: „Dass er Anlage zum 
Uebertreibcn hat, bemerkten Sie schon vor 3 — 4 Jahren", 



535 

und: „Leider, dass der Kleine in den Händen des Czerny 

ist! 11 Allein man gibt wieder gern zu: 

„Czerny verdient wirklich alle Achtung, dass er unter allen 
Clavierspielern der einzige ist, der noch classische Musik liebt 
und besonders Ihre Werke mit Fleiss und Liebe — studirt und 
wirklich laut gesteht, dass was er auch für die Composition leistet, 
nur dem Studiren Ihrer Werke verdankt." 

Und so schreibt denn auch er selbst, als es sich um den 

Ciavierauszug von Op. 124 handelt, jetzt (8. Oct. 1824) 

seinem werthen Czerny „unendlichen Dank für seine ihm 

bezeigte Liebe 44 und schliesst in seiner herzlichen Weise: 

,,Von dem Wunsche Ihnen dienen zu können habe ich Sie 
schon längst unterrichtet. Wo also ein solcher Fall eintritt, über- 
gehen Sie mich ja nicht, da ich allezeit bereit bin, Ihnen meine 
Liebe, Dankbarkeit und Achtung zu bezeigen." 230 

Schwieriger war natürlich die Sache beim Erzherzog 
Rudolph. Denn hier kam zum inneren Zwang die 
äussere Hemmung, die jetzt stets bitterer empfunden 
ward. Es bezieht sich auf dieses Verhältniss die fol- 
gende Aeusserung gegen Haslinger (7. Oct. 1824): 

,,Was nun meinen gnädigsten Herrn betrifft, so kann er doch 
nicht anders als dem Beispiele Christi folgen, d. h. zu leiden ed 
ilmaestro nicht weniger. So ziemlich zollfreie Gedanken — 
auf Freud Leid, auf Leid Freud — ." 

Später berichtet er dann selbst dem hohen Schüler die 
neue Erkrankung, die ihn anä Bett fessele, aber morgen 
werde er kommen: 

„Ich weis», dass J. K. H. ohnehin überzeugt sind, dass ich 
nie die Ihnen geziemende Ehrfurcht ausser Acht lassen kann. . » 
An Mitteln wird es ohnehin nicht hier fehlen den musikalischen 
Geist J. K. H. aufzuwecken, welches nicht anders als erspriess- 
lich für die Kunst sein kann — mein Asyl — Gott sei Dank!" 



536 

Allein wie hart das „Dienstgeschäft" ihm ist, der sein 
wirkliches „Asyl 44 nur im eigenen Schaffen haben kann, 
ersieht man aus dem Briefe an Schott in diesen November- 
tagen, als derselbe wegen Verspätung der längst in Aus- 
sicht gestellten Werke benachrichtigt werden muss. Denn 
dabei heisst es über dieses „alle Tage 2 Stunden Lekzion 
geben* 4 : 

* 

„Dies nimmt mich so her, dass ich beinahe zu allem andern 
unfähig bin, und dabei kann ich nicht leben von dem, was ich 
einzunehmen habe, wozu nur meine Feder helfen kann. Ohner- 
achtet dessen nimmt man weder Rücksicht auf meine Gesundheit 
noch meine kostbare Zeit." 

Am 5. Dezember 1824 heisst es dann gar: 

„Ich habe mich derweil wieder so ziemlich von diesem Joche 
zu befreien gesucht. Freilich möchte man Autoritäten ausüben, 
an die man sonst nicht gedacht, die aber diese neue Zeiten mit 
sich bringen wollen zu scheinen [sie]. Danken wir Gott für die 
zu erwartenden Dampfcanonen und für die schon gegenwärtige 
Dampfschifffahrt. Was für ferne Schwimmer wirds da geben, die 
uns Luft und Freiheit verschaffen?!'* 

Am 17. Dezember aber wird der Humor versöhnlicher : 

„Der Erzherzog R, ist gestern von hier fort, und manche 
Zeit musste ich noch bei ihm zubringen. Ich bin geliebt und aus- 
gezeichnet geachtet von ihm, allein — davon lebt man nicht und 
das Zurufen von mehreren Seiten: ,\Ver eine Lampe hat giesst 
Oel darauf!' findet hier keinen Eingang. " 

Doch noch in das Jahresende spielt die Erinnerung an 
diesen bitteren Druck mit den bezeichnenden Worten 

gegen Schott hinein: 

,,Die Ouvertüre, welche Sie von meinem Bruder erhalten, 
ward hier dieser Tage aufgeführt. Ich erhielt deswegen Lobes- 
erhebungen etc. Was ist das alles gegen den grossen Tonmeister 
oben — oben — oben - und mit Hecht allerhöchst, wo hier unten 



_ 5 ?J__ 

nur SpQtt damit getrieben wird. Die Zwerglein aller- 
höchst!!!!! — " 

Der Erzherzog war obendrein persönlich eine gar un- 
scheinbare Erscheinung. „Das Quartett anbelangend, so 
ist nur an dem letzten Satze noch etwas zu schreiben", 
hiess es in dem vorigen Briefe gegen Schott. Der 
Thyrsosstab jener Ouvertüre Op. 124, die soeben (26. Dez. 
1824) wieder öffentlich aufgeführt worden war, ersteht in 
der Erinnerung: er ist aber in diesem Finale von Op. 127 
zur Pritsche jenes Arlecchino geworden, der in gutmüthig 
neckendem Humor alle übergreifende Beschränktheit 
menschlicher All gcisselt, von der man sich selbst doch 
am wenigsten ausgeschlossen weiss. Es ist in voller 
Eruption der Stimmung die Stelle: 







•HS» 




<t=i 



\t 




Und so schliesscn wir diesen äusseren Vorbericht über 
das erste Werk, das in oder vielmehr hinter der hier 
aufs neue vorübergerauschten bunten Bilderreihe seit 
Vollendung der Neunten Symphonie seine Entstehung 
ebenso versteckte wie fand, mit den Zeilen an den Ritter 
J. von Seyfried, der eben damals die Ouvertüre „Zur 
Weihe des Hauses 14 zum Besten der armen Bürger Wiens 
aufgeführt hatte. Wir werden ihren Sinn wie ihre. Aus- 
drucksweise jetzt doppelt gut verstehen. 



ader in Apollo ! — Meinen herzlichen 
• lieber» * eTtb ?Ihe Sie sich um mein menschliches 
' für die Jf« 3 **' .*£ freue mich, dass auch das Gelingen all- 
^k gefP** * a ° orden. Ich hoffe , dass Sie mich nie vorbei- 
£ein tne^^stende bin, Ihnen mit meinen geringen Kräften 
jpheo* *° ici r)* löbl Bürgerschaf tscommission ist ohnehin von 
fU dienet yMen genugsam überzeugt. Um ihr diesen neuer- 
jtteineto g° ^^gen, werden wir uns einmal freundschaftlich be- 
ding 9 * u t welche Art ihr am besten gedient sei. — Wenn 
9 ^ T ^ wie Sie an uns Theil nehmen, so dürfen die Schwingen 
^°h\ nie lahm werden. Mit herzlicher Hochachtung Ihr Freund 
Beethoven." s 

Allerdings erz ählt Seyfriecl selbst bei Besprechung einiger 
-, , r letzten Werke kurz nach Beethovens Tode , ihre 

fit* 

vierseitige 30jährige Bekanntschaft, die die Hälfte 
fieser Zeit hindurch in der That ein freundschaftliches 
Verhältniss gewesen, sei nie irgend gelockert, nie durch 
einen noch so geringfügigen Zwist gestört worden, und 
fügt hinzu: 

,, Nicht als ob wir beide stets und immerdar eines und des- 
selben Sinnes gewesen wären oder hätten sein können; vielmehr 
sprach sich jeder frei und unverholen aus, wie ers eben aus ge- 
prüfter Uebei zcugung fühlte und als wahr erfand, fern von allem 
sträflichen egoistischen Eigendünkel, diese seine differirenden An- 
sichten .... dem Gegenpait als infallibel aufdringen zu wollen. ,c 

Allein immer war doch hier nicht entfernt an ein Ver- 
hältniss der Ebenbürtigkeit zu denken. Und wenn aller- 
dings in Rechnung zu ziehen ist, dass mit jener Pro- 
duction die erstmalige würdige Aufführung eines Werkes 
geschehen war, welches soviel von Beethovens Geistes- 
schwung athmet, und dass dies für das Verständniss 
dieser späteren Werke und sogar für ihre materielle Ver- 



539 

werthung nicht ganz gleichgültig war, so braucht mau 
doch nur an ein Wort wie: „Kraft ist die Moral der 
Menschen, die sich vor andern auszeichnen' 4 und an das 
ganze hohe Selbstbewusstscin früherer Tage zu denken, 
um zu erkennen, wie Sehr diesem Künstler jetzt selbst 
auf seinem eigenen Gebiete milde Duldung und freie An- 
erkennung Bedürfniss geworden. Wie schwer auch nur 
das Geringste, sei's im Leben sei's in der Kunst, zu thun, 
was wirklich „gut" ist, sagt er sich, und hier schien dies: 
nach beiden Seiten hin geschehen. So enthält uns dieses 
Schreiben einerseits ebensowenig Uebcrtreibung , wie es 
andrerseits durchaus keine blosse Höflichkoitsbezeugung 
ist. Wir werden die Züge des freien Zurücktretens der 
eigenen Existenz bald genug sich mehren sehen. 

Anders, ganz anders war es jedoch, wo selbst die 
„bona voluntas" fehlte und wie bei den „Paternoster- 
gässlern" einzig Eigennutz und sogar „Arglist 41 das Thun 
bestimmten. Da reckt sich der alte Löwe in seiner gan- 
zen Grösse auf und das „Warst du auch heute geduldig 
mit allen Menschen? 44 findet sein Ende. Allein sogar 
hier, wo die begreiflichste Menschenverachtung hervor- 
bricht, werden wir durch den entflammten Zorn noch den 
Strahl jenes höheren Lichtes leuchten sehen, das ihn. 
jetzt erfüllt und in Op. 127 einen ersten weitleuchtenden 
Schein wirft. Wir gehen also zum Abschluss dieses Kapitels 
zur näheren Charakterisirung dieses Werkes selbst über. 231 

* 

Zunächst sei hier an jene Besprechung der Sonaten 
Op. 109 — 11 in der von Beethoven selbst gelesenen 



540 

A. M. Z. vom 1. April 1824 erinnert, die als Resultat 
ihrer Betrachtungen aufstellte: „nicht jeder Wendepunct 
sei ein Culminationspunct". 

„Es mögen ungefähr etwas über 30 Jahre sein, als die herr- 
liche Erscheinung des BeethovenscheA Genius in der musikalischen 
Kunstwelt zum ersten Male die Empfänglichen und Gebildeten 
entzückte. Dieser Genius schuf eine neue Epoche. Alle Be- 
dingungen eines musikalischen Kunstwerkes: Erfindung, Geist und 
Gefühl in Melodie, Harmonie und Rhythmik wurden von Herin 
v. B. auf eine neue ihm eigentümliche Weise erfüllt. Dass bald 
eine Opposition sich auch dieser Originalität entgegenstemmte, ist 
ebenso bekannt als unter ähnlichen» Umständen gewöhnlich. Die 
Bestrebungen zu mäkeln hatten indessen nur einen geringen 
flüchtigen Erfolg. Der Heros B. siegte vollständig. Kaum waren 
noch einige seiner Kunstschöpfungen in die Welt getreten, so 
war auch dessen Ruhm für immer begründet. So steht auch heute 
noch dieser originelle Geist unter seinen Zeitgenossen unerreicht 
da. Nur sehr selten ist er auf seiner langen Künstlerbahn für 
kurze Augenblicke abgewichen von der Richtung zu dem herr- 
lichen Ziele, dem er stets entgegenstrebte. Es musste ja auch 
ihn, den Menschen, das Menschliche berühren . . ." 

so beginnt es dort, und wenn also auch mit Hecht in 

den besprochenen Werken nicht die Höhe des Beethoven- 

schen Genius gefunden wird, dieser selbst wird doch nach 

seiner ganzen Würde und Weihe erkannt, und war es 

nicht soeben gewesen, dass er sich auch wieder in seinem 

vollen Glänze öffentlich gezeigt hatte? 

In einer Conversation nach der 1. Akademie im Mai 

d. J. bittet Kanne um „einige Blicke in seine Partitur, 

um vernünftig zu schreiben", und in Nr. 38 seiner Wiener 

A. M. Z. beginnt dann ein langer Bericht, dessen Sinn 

und Meinen also dem Meister selbst nicht gar so ferne 

steht. Wir theilen daraus Einiges mit, er fällt bereits 



541 

__________ _____ «* 

in den Sommer, als Beethoven längst wieder still bei 

seiner Arbeit war. 

„Seine früheren Werke, besonders die Ciavier- und Instru- 
mentalcompositionen, deuten allein schon mehr oder weniger sein 
ernstes Streben nach einer innern, der Freiheit der Phantasie zur 
Seite gehenden Notwendigkeit. Selbst bei einer ans Wunderbare 
gränzenden Laune und unbegränztem Streben nach aussen in die 
abenteuerlichste Form wacht doch immer seine erhabene Besonnen- 
heit über dem von ihm durchdrungenen Gegenstande und knüpft 
die geistige Kette der Notwendigkeiten, und organischen Ver- 
webungen an. So schuf er seine herrlichen von dem grössten 
Erfindungsgeiste zeugenrlen Claviercompositionen , in denen nicht 
allein der wahre Geist - der Kunst in gediegener Schönheit sich 
ausspricht, sondern die auch zugleich den Geist des Zeitalters, 
dem sie ihre Entstehung verdanken, auf eine so entschiedene und 
wirklich verklärende Art repräsentiren." 

Zum Schluss im Betreff des Eindrucks der Akademie: 

, »Welcher Fühlende, der in den beiden Tagen der Aufführung 
gegenwärtig war und den verklärten Meister an des dirigirenden 
Capellmeisters Umlauf Seite die Partitur nachlesen und jede 
kleine Nuance und Steigerung des Vortrags doppelt mitempfinden 
und gleichsam andeuten*teah u. s. w. — Der berühmte Beethoven 
kann diesen Tag als einen seiner schönsten im Leben betrachten, 
denn der Enthusiasmus der Zuhörer erreichte nach jedem Ton- 
stücke von seiner Meisterhand den höchsten denkbaren Grad. Es 
war ein Tag der Feier für alle wahren Freunde der Musik." 

Noch fügen wir etwas aus der Leipziger A. M. Z. vom 

August 1824 bei, das auch der Neffe in den Convcrsationcn 

berührt. Ein Conzertgebcr hatte sich, sowie damals zu 

Beethovens A erger auf seinem Conzertzettcl gestanden 

war, „Ehrenbürger von Wien 14 genannt. So heisst es dort: 

,,Ohne uns in eine weitere Untersuchung einzulassen, durch 
welche Verdienste besagter Dichter und Tonsetzer wohl diesen Titel 
erworben haben mag, so wird man doch dadurch ganz unwillkür- 
lich daran erinnert, dass er diese Auszeichnung mit unserm herr- 



542 

liehen Beethoven theilt. Also Louis van Beethoven und A. P., 
"beide Componisten, beide Ehrenbürger! Allein welch himmel- 
weiter Abstand! Der sein greises Silberhaupt in Wolken ber- 
gende Montblanc und ein Maulwurfshügel, der Strassburger Münster 
mit seinem Hiesenthurm und ein winziges Dorfkirchthürmlein!" 

Ein solches Bewusstscin seiner unübertroffenen Grösse 
also hatten doch schon einzelne seiner Zeitgenossen, 
und er, der dies alles las, ruft in dem gleichen Sommer aus : 
„Ist es mir doch, als hatte ich kaum einige Noten geschrieben !" 
Welches Gefühl von den Möglichkeiten seiner Kunst oder 
vielmehr des Lebens d. h. von der „der Freiheit der 
Phantasie zur Seite gehenden Notwendigkeit" und zu- 
gleich von der Fähigkeit, in seiner Kunst den „Geist seines 
Zeitalters zu verklären", muss dieser Künstler gehabt 
haben! In solchem Sinne sahen wir ihn denn auch oben 
handeln und leben, 'in solchem Sinne sehen wir ihn jetzt 
künstlerisch schaffen. Denn mag das Quartett Op. 127, 
also das Erste von den „noch ungeschriebenen Noten 41 , 
nach den Hauptmotiven aller und wenigstens seiner ersten 
3 Sätze einer früheren Zeit und zwar dem Jahre vor 
Entstehung des so entscheidenden und eine ganze innex*> 
Entwicklung abschliessenden Finales der 9. Symphonie an- 
gehören, — seine Stimmung wie seine äussere Erscheinung 
theilt es mit dieser letzten Arbeit oder zeigt vielmehr das 
völlig errungene Resultat dieses inneren Prozesses selbst. 232 

Sogleich das kurze „Maestoso" kündigt in ebenso 
energisch abschneidenden Ehythmen wie in einfach funda- 
mentaler Harmonie die neue Welt an, in die man seit- 
dem eingetreten war, die Welt der vollzogenen Zurück- 
stimmung des eigenen Daseins in das Ganze. Und dem 



543 

entspricht die volle Unschuld und das unbeschreiblich 
selig unbefangene Spiel des um die Dominante schwe- 
benden Hauptmotivs 



Allegro teneramente 




-äm= 



sempre p. e. dolce 




Man wird einzig auf mittelalterlichen Madonnenbildern 
diesen Ausdruck höchster Zartheit und Reinheit der 
Empfindung wiedergewinnen, und zwar einer Empfindung, 
die etwas so selig Spielendes hat, weil sie aus einem 
innerlich heiligen Zustande hervorgeht, aus dem Zustande, 
nichts zu wollen, als was dem Anderen Glück und Da- 
sein bereitet. Im wirklichen Leben erblickt man solchen 
Zustand oder vielmehr sein Naturclement einzig in dem 
Blick, womit die Mutter dem Blick ihres Kindes ent- 
gegnet: vom Manne ist derselbe nur aus seinen letzten 
und geheimsten Seelenäusserungen zu erfahren. 

Mag also dieser Satz in Bau und Gebahrcn sich 
nicht von anderen ersten Quartett- und Sonatensätzen 
unterscheiden , — aus diesem Faden ist ein Gewebe ge- 
woben, durch das geschaut uns selbst die Welt verklärt, 
nein eine neue Welt begonnen erscheint. Daher wir auch 
stets wieder durch jene rhythmischen Schläge auf dieselbe 
verwiesen werden! Solche Zartheit des Empfindens wie 
der Darstellung aber erreicht nur die grösste Kraft, das 
höchste Können: es muss die volle Höhe der inneren 
Durchbildung gewonnen sein, ehe so etwas in der Kunst 



544 



zu Tage tritt, und vor ihm verbirgt Kritik wie Beschreibung: 
sich schweigend. 233 

Und wie wird sie bewährt, diese Ankündigung und 
erste Beschreitung jener neuen Welt, in der jede Spannung 
der Selbstsucht gelöst ist! 

Von dem Adagio der „Neunten 11 schrieb Kanne: 
„Ein höchst inniger, gemüthv oller , in wonniger Wehmuth 
fliessender Gesang, in welchem Beethovens Herzlichkeit in grosser 
Klarheit erscheint!" 

Jawol Herzlichkeit, und noch unendlich mehrl 

Mit welchem Blick schaut die Asdur- Weise, die uns ob. 

S. 393 zuerst begegnete: 

fr 







Welt und Menschen an! Unsägliche Güte ist in diesem 

Blick, und man darf sagen, ein Segensborn quillt aus 

diesen Tönen. Es kehrt die leuchtende Milde wieder, 

die uns zuerst aus der Sphäre Sarastros in der Zauber- 

flöte erklang. Aber in demselben Masse intensiveren und 

weithin leuchtenderen Glanzes, als diese Manneskämpfc 

des Lebens ein Mozart nicht durchzukämpfen gehabt! 

Des Ititomclls erwähnten wir schon: 
I 






dxm. 



creac. 



]>n v i 



p pp 



\m^ 






1^1 



rfcrWvrf 



I 



-f-ff 



3? 



545 

Nichts Seelencrgreifenderes ist je geschrieben worden. Es 
schluchzt und sinkt in sich zusammen. Aber man weiss 
nicht, ist's Leid, ist's Wonne? Doch jedenfalls nicht 
eigenes Leid oder Gedenken seiner, sondern Mit-Leid mit 
dem allgemeinen Leid, und in diesem liebenden Auf- 
nehmen — Wonne, Ausfluss des in der Ueberfülle seines 
Mitempfindens fast erstickenden Herzens. 

Und wie nun dieser Satz, auch nur ein Adagio nach 
oft gesehener Form , sich weiter spinnt ! Wahrlich hier 
findet die innere Glückseligkeit des Dichters selbst kein 
Ende , denn sie ist die tiefste Wonne des Menschen- 
herzens selbst. Welche „Freiheit der Phantasie 14 , welche 
Souveränität und sogar scheinbar ins fernste schwei- 
fende „Abenteuerlichkeit 44 in den Gestaltungen, und doch, 
so ganz anders als in Op. 120, welch fühlbarste „Not- 
wendigkeit" d. h. zwingender Gehalt der Sache 1 Und 
dieser Inhalt, von welcher Art er selbst! — Man liebt 
und lobt den Frühling, wo alles blüht und Nachtigallen 
schlagen, lobt den Mai des Lebens, wenn die Seligkeit 
des ersten Sichfindens und Sichgebens aufschlägt. Doch 
was sind ihre Freuden gegen die Wonne, die das Gemüth 
in solchem Zustande, wie wir Beethoven hier fanden, 
sich bereitet ! Wahrhafte Unendlichkeit der Wonne quillt 
aus diesem Zustand einer heiligen Liebe, der Liebe zur 
Menschheit, und es ist begreiflich, sie mag nicht nach- 
lassen ihrer selbst stets spendend zu gemessen. — Da 
aber , in diesem Zustande der vollen Erhebung zu sich 
selbst schlägt auch — in dem kleinen Edur- Satze — 
die Seele des Menschen selbst ihr Auge auf: es ist wie 

NoM, Beethovens letste Jahre. 35 



546 

Gebet, aber das betende Gefühl ist selbst in dem All 
enthalten, zu dem es bittet. — 

Beethoven hatte sich, wip bekannt, drei Inschriften 
eines ägyptischen Tempels ausgeschrieben und in Glas 
und Rahmen stets vor sich auf dem Schreibtische stehen. 

Sie lauten: 

„loh bin was da ist. 

loh bin alles, was ist, was war und was sein wird. Kein 
sterblicher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben. 

Er ist einzig von ihm selbst, und diesem Einzigen sind alle 
Dinge ihr Dasein schuldig/' 

Das Autograph tragt das Datum des 26. Juli dieses 
Jahres 1824, und in dem Buch, dem die Inschriften 
entnommen sind, heisst es: „Es dürfte schwer sein, 
eine erhabenere und religiösere Vorstellung von der 
erschaffenden Gottheit zu geben. 44 Die Göttin des 
Tempels selbst aber nahm an der Schöpfung der Welt 
Theil und ist die „alles bewegende Kraft". 

Nun wenn uns dieses „Adagio, molto espressione" 
wie Erhebung und Gebet klingt, — und es dürfte selbst 
in Beethovens Schaffen schwer etwas gefunden werden, 
was mehr diesen Charakter hat, — so erkennen wir, was 
denn unserm Meister die wahre „erschaffende Gottheit", 
die „alles bewegende Eraft u und die wirkliche „Schöpfung 
der Welt" gewesen. Denn hier ist alles persönlichste 
Rede der Menschcnseele, und sie darf wirklich von einem 
All und Ewigen reden, von jener Unendlichkeit und 
Unerschöpflichkeit'des liebenden Umfangens, das die Welt 
erst wirklich schafft Sogar in dem so unvermuthet eintre- 
tenden Edur des allerletzten Schlusses klingt diese 



647 

eigentliche Grundempfindung dos Gaiizeu noch einmal 
ebenso bestätigend wie überraschend an. Es ist hier 
alles ein innerer Logos, die Vernunft der Sache selbst. 234 

Dass nun an dieser Stelle nicht weiter von Scherzo 
und Finale Rede ist? 

Wenn auch nicht von anderen Meistern, so ist doch 
von Beethoven selbst manches Stück dieser Art geschrieben 
worden. Es sind so recht normale Quartettsätze, und an 
die Zeit von seinem Schaffen, dio uns hier beschäftigt, 
erinnert im Grunde nur einerseits im Scherzo der kleine 
Zug der individuellen Belebung in dem plötzlich eintreten- 
den Allegro 2 / 4 , das allerdings ein so echt Beethoven- 
sches Sichbesinnon und Reden ist, andrerseits im Finale 
das abschliessende „Allegro con moto u , dessen Art durch- 
aus an den Charakter dos 1. Satzes anknüpft: nur dass 
sich hier die eigene beseligte Stimmung wie mit neckischem 
Uebermuth nach aussen kehrt und die Gemüther, die mit 
Ernst nicht zu bekehren sind, gleichsam mit heiterem 
Spott an ihre Befangenheit in solch nichtigem Geniessen 
und Begehren gemahnt. Dass aber alles hier nach Seite 
der äusseren Form das scharf Profilirte und knapp 
beieinander Gehaltene hat, das mit der tieferen Durch- 
dringung des Lebens selbst in all sein künstlerisches 
Schaffen kam, versteht sich von selbst, und durch diese 
Eigenschaft vor allem nehmen auch Scherzo und Finale 
an dem Sinn und Meinen des Ganzen Anthcil. 

Das Werk selbst aber belehrt uns völlig, dass hier 
eine neue Bahn beschritten worden ist. Freie Selbst- 
aufgebung und höhere Erstehung sind keine blosse Lehre 



548 

mehr. Es ist eine neue Welt gewonnen und wahrhaft 
die Welt der Seligkeit, jedoch nicht der Seligkeit der von 
der Welt Geschiedenen sondern der dem Leben und 
seinen Aufgaben erst recht Zugewandten. So empfindet 
auch jedes unbefangene Gemüth sich hier wie in einer 
andern Welt. Aber es ist nicht die „Welt der Seligen", 
sondern der in sich selbst Beseligten, die nun ihr Glück 
auch auf alles was mit ihnen in Berührung tritt, aus- 
strahlen. Die Schilderung Dr. Weissenbachs ob. S. 2G 
gewinnt Körper und volle Wahrheit. Sogar die eigene 
Umgebung biegnnt diesen tieferen inneren Zustand des 
grossen Künstlers zu ahnen. Am 24. September 1824 
empfiehlt Streicher einen „vortrefflichen deutschen Mann 
der schon 34 Jahre in London lebe u , — er heisst wie der 

o. S. 407 erwähnte Verehrer: Stumpf, — mit den Worten : 

„Die Ursache warum er nach Baden kommt ist Sie, werthester 
Beethoven , den Mann zu sehen , auf den Deutschland stolz ist. 
Nehmen Sie ihn gütig und freundlich auf, so wie es dem Heiligen 
geziemt, zu welchem der andächtige Pilger aus der Ferne eine 
Wallfahrt macht." 

Und in diesem Winter 1824/25 schreibt der alte 
Zelter, dessen künstlerisches Auffassungsvermögen wir 
sonst zur Genüge kennen, an den „edlen berühmten 
grossen Ludwig van Beethoven" einen Brief, den L. Rell- 
stab „in vier bis fünf Zeilen ein wahres Kunstwerk, 
hervorgegangen aus der Gluth der Verehrung", nennt 

und so schildert: 

„Er, der im Gespräch oft die Weise anzunehmen pflegte, als 
habe er vor jdlen Grössen der Kunst, Mozart, Haydn, Beethoven, 
eben keine sonderliche Ehrfurcht und dürfe mit ihnen nur so wie 
mit aller Welt obenhin umspringen, er nahm jetzt darin aus wahr- 



549 

hafter Kunstwärme eine, ich kann es nicht anders nennen, anbe- 
tende Stellung an : es war, als ob er an einen Heiligen des Himmels 
schriebe." 285 

Allein wenn dies auch so ist und bei Beethoven 
jetzt in Wahrheit ganz das Schöne aus dem Guten, 
die äussere Vollendung aus der innern Harmonie strahlt: 
er sollte ihn sich doch noch schwer verdienen, diesen 
Zustand eines höheren Menschenseins. Denn er selbst 
empfand es nur um so schmerzlicher, von solchem eigent- 
lichen Dasein Andere und gerade die ihm durch Natur 
und Geschick am innigsten Verbundenen dauernd ausge- 
schlossen zu wissen. Zu einem wirklich leidenschaftlichen 
Wehgefühl also musste er ihn vor allem bringen, sein 
„Fleisch und Blut", das Einzige, was er von leiblich 
Existirendem sich noch persönlich zugehörend erkannte 
und das auch durch Naturanlage und täglichen Umgang 
trotz allem scheinbar Widersprechenden stets mehr zu 
einem ahnenden Verstehen seines tieferen Wesens zu ge- 
deihen schien, in dieser Hinsicht bald am weitesten von 
ihm sich entfernen zu sehen. Und dies ist der Inhalt 
unserer nächsten Berichte wie Anlass und Substanz zu 
Beethovens fernerem und weitaus conzentrirtestem Schaffen. 
Ja die ferneren Erlebungen um den geliebten Neffen 
erscheinen sogar als die letzte Probe seines eigenen 
inneren Wesens, vor allem des Zustandes, dem wir soeben 
in diesem Op. 127 begegneten. Ihnen verdanken wir die 
Enthüllung seiner eigensten Psyche, sowie sie auch selbst 
seinen moralischen Bestand in der Tiefe aufrühren. Sie 
führen allerdings zu der Katastrophe, der kein Schaffen 



550 

Weiter folgt: sie bereiten ihm aber auch zu guter Letzt 
jene volle Läuterung und Geschlossenheit des Innern, der 
der geheimste Sang seines Lebens entstammt, jene Ergüsse 
der innersten Menschennatur, aus denen trotz aller 
Herrlichkeit der Dichtung alter wie neuer Zeit unsere 
heutige Kunst erst die Fähigkeit gewann, ihre Gebilde 
nun auch völlig aus dem „intimsten Centrum der Welt" 
zu gestalten und so dessen geheimes Leben sozusagen 
greifbar vor uns auszubreiten. Wir nennen einzig 
Wagners „Tristan 11 und „Ring des Nibelungen". 

Wenn wir also jetzt zur Darstellung dieser äusserlich 
so gewöhnlichen Dinge übergehen, die von den eigentlichen 
Aufgaben der Kunst wie des Lebens gleichweit abzu- 
liegen scheinen, so gedenken wir sogleich hier als einer 
sicheren Wehr gegen jeden Vorwurf der schwächlichen 
Sentimentalität moderner Tage jener unsterblichen 
Dichtung, die mit ihrer Absicht am reinsten am Busen 
unserer Zeit gelegen, und citiren das Bild jenes 
„Gretchens", von der da steht, dass sie „von ihrem 
Glauben voll . . . sich heilig quäle, dass sie den liebsten 
Mann verloren halten soll". Denn mag hier ein „holder 
Wahn" weit übers Ziel hinaustreiben und dort selbst von 
einem Grossen unseres Geschlechts unbedacht erscheinen, 
was allgeltend ist: 

„Alles ist nach seiner Art, 

An ihr wirst du nichts ändern", — 

es ist doch das reinste und geradezu heiligste Gefühl, 
was hier wie dort das Herz bewegt und Menschenseelen 
überhaupt bewegen kann. Und dass dieses Gefühl in 




551 

solch späten Lebenstagen unseren Meister ebenfalls mehr 
und mehr nach seiner vollen Macht ergreift, dem ver- 
danken wir hauptsächlich, was davon zuerst in unserer 
Kunst lebendig geworden und was ihm dann an höchstem 
Schauen und Schaffen Würdiges gefolgt ist: zunächst 
jenes tragödischc Opus 132 und dann die ihm unmittel- 
bar sich anschliessenden Opp. 130, 131, 135, der 
reinste Quell der Welt- und Scclendichtung, der sich je 
er8chloss. 

Mit solchem Wissen von dem Zusammenhang der 
Sache werden wir also auch weiterhin die kleinen 
Gebrechlichkeiten und persönlichen Leiden in des grossen 
Meisters Leben nach ihrem Werth erfassen und wie er 
selbst geruhig überstehen. 236 



Dreizehntes Kapitel. 

Das Amollquartett (Op. 132). 

„So hat der Mensch denn keinen Willen !" 

Wir geben zunächst einige Auszüge aus den Conver- 
sationen dieses Winters. 

Da schreibt um die Jahreswende 1824/25 der Neffe auf: 
„Palfy ist 40000 Fl. C. M. Gage schuldig geblieben." Nicht 
lange darauf notirt sich Beethoven selbst: ,, Andere Ohren- 
maschine. Kanne wegen Oratorium. Südliches Frankreich, 
dahin! dahin!" Später wieder : ,,f Christus natus est. f Canons, f 
An Galitzin Pränumeration auf Messe und auf Sinfonie, auch nach 
Paris ein Quartett.'* Weiter hält der Neffe die Anregung der 
Herausgabe der Sämmtlichen Werke durch Streicher für einen 
angelegten Plan, weil derselbe Bekanntschaft mit Steiner oder 
dgl. habe. Wieder kommt Beethoven selbst: „4000 Franken für 
eine grosse Oper in Paris, auch Ausländer nehmen daran Theil, 
kleine 2000 Franken mit dem Opernbuch." Zugleich erscheint 
Kanne und spricht von einem Testbuch: es sei schon um vieles 
kürzer. 

In einem Heft vom ersten Frühjahr 1825 beginnt wieder der 
Neffe, alles frage nach der Oper, Beethoven solle bald* wieder an 
Duport schreiben; ferner: von der Hofstelle sei ein Decret ge- 
kommen , welches verbiete , dass ein Kunsthändler etwas von ihm 



553 

steche ohne schriftliche Erlaubniss; weiter: Schuppanzigh 
habe dem Bruder Johann gesagt, dass nur er die Quartette ganz 
verstehe ; er lasse um das Quartett bitten , da er es schon ange- 
kündigt habe und von allen Seiten bestürmt werde. Sodann 
kündigt Johann den Mylord selbst an, „um wegen der Akademie 
zu sprechen". Dieser erscheint denn auch, und zwar zuerst mit 
der Frage: „Wie schaut das Quartett aus? 1 * und weiter mit dem 
guten Rath: „Mach er sich nichts daraus, das ist eine kleine 
Anzahl Esel, die sich lächerlich machen." Nachdem der Neffe 
vom Niederrheinischen Musikfest begonnen, mahnt Johann: Ries 
ersuche um umgehende Antwort, da er nach Aachen müsse, räth 
auch die 9. Symphonie und die Messe um 40 Carolin dorthin zu 
geben, letztere zur Aufführung am 2. Tag, am 1. aber Christus 
und Sinfonie. Der Neffe erzählt dann von einer neuen Liebschaft 
der Tante, der Johann auf der Spur sei: „Wenn es ihm gelingt 
sie zu erwischen, so wäre sein ganzes Vermögen gerettet." Und 
wieder kommt der Meister selbst mit der Aufnotirung von Wie- 
lands Uebersetzung des Lucian, Cicero, Horaz, Isokrates Pane- 
gyrikus, Xenophons Gastmahl und Sokrates Gespräche, Aristophanes, 
Euripides, Ion. Später schreibt Johann auf: „Im Quartett war 
es sehr voll, Haidn gefiel, Mozart noch mehr, denn es muss eines 
seiner schönsten gewesen sein, das deinige [Op. 127] gefiel so 
sehr, dass der Menuett auf allgemeines Verlangen stürmend 
wiederholt werden musste, alles ging im grössten Entzücken aus- 
einander." Neffe: „Fast alle Concerte fangen mit einer Ouver- 
türe von dir an." Johann: „Sie machen seit dem letzten 8tet 
von Spohr gar nichts mehr als von euch drei." Später wieder 
der Neffe: „Man sagt selbst von Schiller, er habe Wein ge- 
trunken, wenn er dichtete", und zuletzt spricht Bernard von 
Hauschka, der ihm im Botreff des Oratoriums für den Musikverein 
gesagt habe, Beethoven könne jetzt Geld haben." 837 

Wir sind üi das Bunterlei von Beethovens Existenz, 
Planen und Hoffnungen wiedereingeführt. Dass das 
Kärthnerthortheater trotz der Italiener nicht mehr reus- 
sirte, hörten wir schon. Dennoch war ehen durch diese 



554 

die deutsche Oper an der Wien „in den misslichsten Ver- 
fall gekommen", und jetzt hiess es gar, Duport wolle 
auch diese Bühne pachten. An ihn hatte denn auch 
Kanne sein neues Opernbuch geschickt. Zu Ostern aber 
wurden dann beide Theater ganz geschlossen und so war 
für Beethoven Wien zunächst weder mit einer italieni- 
schen noch einer deutschen Oper vorhanden. Darum 
schaute man eben auf Neapel, wo Barbaja noch Pächter 
war, und gar auf Paris, wo eine Concurrenz aller Natio- 
nen eröffnet worden. Doch waltet dabei nicht gar zu viel 
Ernst. 

Das Oratorium dagegen mochte jetzt wieder um 
so ernstlicher betrieben werden, als soeben in Wien 

Händeis Jephtha ausserordentlich gefallen hatte. 

,, Einige 70 Jahre sind es, seit jener Heros seinen Schwanen- 
gesang schrieb , und jetzt noch wie neu, gross , erhaben und un- 
vergänglich ! Ein Riese unter den Pygmäen ! Ob man wohl nach 
einem gleichen Zeitverlaufe manches jetzt hoch gepriesene Noten- 
werk noch dem Namen nach kennen wirdP" 

so schreibt die A. M. Z. im Jan. 1825, und wir wissen, 
Händel gehörte für Beethoven unter die Meister, mit 
denen den eigenen Genius zu messen wohl reizen konnte. 
Auch hatte man sich ja hier längst persönlich verbind- 
lich gemacht. Dazu war London jetzt von neuem mit 
Wünschen hervorgetreten, und der Musikverein selbst 
hatte wieder Geld, — Gründe genug, diese Sache we- 
nigstens im Auge zu behalten. 

„Südliches Frankreich, dahin! dahin! 11 — „Indem 
mich der Winter hier beinahe immer mordet 44 , hörten wir 
ihn gegen Brentano klagen, und Hesperiens Gefilde blie- 



•000 

ben ihm seit Jahren als eine Art letzter Hoffnung für 
sein körperliches Leiden im Sinn. Weiter zunächst 
„Christus natus cst u ! — Was wollte er mit dem alten 
Choral? Allerdings die Erscheinung Christi und seine 
weltüberwindende Lehre gingen auch diesem an sich so 
antik angelegten Geiste mit jedem weiteren Lebensjahre 
mehr auf. W r ie denn auch in einer Conversation vom 
Frühling 1824, der Neffe aufschreibt: „Christus hat über 
das Heidenthum gesiegt", und in diesem Sommer 1825 
Beethoven selbst sich notirt: „Geschichte der Religion 
Jesu von L. Graf zu Stolbcrg." Allein diesmal ist es zu- 
nächst Interesse für solche alte Choralweisen selbst, 
wie das Adagio von Op. 132 eine nachgebildet aufweist. 
Ebenso werden wir bald von Canons hören, und das 
Weitere der obigen Conversationen erläutert sich von 
selbst aus der chronologischen Aufzählung der vorhande- 
nen Daten, zu der wir also zunächst wieder übergehen. 2: * 8 

Bei dem Anerbieten der Ouvertüre Op. 124 und der 
kleineren Werke, welche ebenfalls Johann besass, war 
auch gegen Schott einerseits von dem Nachstich Rede, 
zu dessen Verhütung wenigstens für Wien also sogar 
ein Hofdecret ergangen sein sollte, andrerseits von 
„Spionirereien" eines Verlegers, den wir schon kennen. 
Dabei verlautet es eben wegen dieser seltsamen Lage der 
Sache: 

„Von meinem offenen Charakter werden Sie sich schon über- 
zeugt haben ; denken Sie daher ja an keine List, Hinterhalt etc. 
Wer weiss, welche grosse Verbindung noch zwischen uns statt- 
finden kann!" 



556 

Am 5. Dez. 1824 aber geht er mit der Sprache schon 
mehr heraus, dass es „Menschen hier, gebe, denen dran 
gelegen, das Einverständniss mit ihnen zu stören, viel- 
leicht von beiden Seiten". Für die „Cäcilia" aber werde 
er Beiträge liefern. „Der Himmel sei mit Ihnen 41 schliesst 
er und schreibt damals über diese Handlung auch an 
Johann, es seien „wirklich offene, nicht gemeine Kauf- 
leute 14 . Man hat wieder eine gute und zuverlässige Ab- 
satzquelle für sein Schaffen gewonnen, in diesen noth- 
vollen Zeiten ein nicht gering zu schätzender Vortheil. 
Ebenso aufrichtig wird mit Peters verfahren, der, 
wie es scheint, mit Streicher in Verbindung getreten war, 
um die Messe doch noch zu erhalten. Beethoven meldet 
ihm am 12. Dez. 1824 eigenhändig, es könne damit nichts 
sein, da er dieselbe eben jetzt einem Andern sicher zu- 
gesagt habe. Und in der That konnte erst nach Aufklä- 
rung der „Spionirereien" von wirklicher Zusage an Schott 
Rede sein. Es ist dies zu constatircn, weil es Leute ge- 
geben, die in Beethovens strenge Rechtmässigkeit Zweifel 
gesetzt. Auch das Quartett habe ebenfalls diesem Ver- 
leger gegeben werden müssen. Peters erhalte aber bald 
gewiss ein anderes oder einen Vorschlag mit einem 
„anderen grossen Werke", wobei man an das Oratorium 
denken kann oder auch an eine neue Ouvertüre, von der 
wir bald hören werden. Dabei heisst es nun wieder be- 

zeichend genug: 

„Sie haben sich und mir Unrecht gethan, und letzteres 
thun Sie noch soviel ich höre, indem Sie die schlechten Werke, 
wie ich höre, die ich Ihnen geschickt haben soll, rügen. Haben 
Sie nicht selbst Lieder, Märsche, Bagatellen verlangt? Hernach 



557 ' 

fiel es Ihnen ein, dass dies Honorar zuviel gewesen sei und man 
dafür ein grosses Werk haben könnte. Dass Sie als Kunstrichter 
sich hierin nicht bewiesen haben, bezeugt, dass mehrere von diesen 
Werken heraus sind und herauskommen werden und mir über- 
haupt nie so etwas begegnet ist." 

Die Bagatellen Op. 119, von denen Peters einige in 
Händen gehabt, waren allerdings ende 1823 in Paris er- 
schienen und Op. 126 soeben von Schott acceptirt wor- 
den. Allein obwol Beethoven an letzteren selbst schreibt, 
„es seien die besten, die er wohl geschrieben habe 14 , so 
stimmen wir doch zu Peters' Mahnung, „Beethoven solle 
es unter seiner Würde halten, die Zeit mit Kleinigkeiten, 
wie sie Jeder machen könne, zu verbringen 11 , und ent- 
schuldigen diese „Brod-Arbeit u eben nur aus der persön- 
lich bedrängten Lage des Künstlers. Wiesehr denn auch 
dieser selbst sein Unrecht hier empfand und wirklich gut 
zu machen suchte, werden wir bald hören, und dabei 
zeigte sich dann eben der Andere „schwach". 

Am 17. Dez. müssen wieder an Schott Entschuldi- 
gungen ergehen; es fehle ihm ein geschickter Copist, er 
müsse daher die Partitur noch mehrerenial übersehen. 
Wie wahr dies ist, sagt uns Nr. 283 der „Neuen Briefe 
Beethovens' 4 , wo er sich der albernsten Selbstüberhebung 
eines solchen „Schreibsudlers 44 förmlich erwehren muss 
und es denn auch in echt Beethovenschem Style thut. 
Doch wie vermag sich solche Situation der ferne Vorleger 

vorzustellen! Darum heisst es wieder: 

„Denken Sie übrigens nur nichts Böses von mir, nie habe 
ich etwas Schlechtes begangen — Wäre es nicht leicht möglich, 
dass derjenige Verleger von hier, welcher mich suchte von Ihnen 
wegzuziehen, nicht auch auf solche Mittel verfiele mich verdächtig 



' 558 

bei Ihnen zu machen? Wenigstens hat er schon Versuche ge- 
macht, andere Verbindungen zu verhindern, so dass man so etwas 
schon glauben könnte." 

Man erinnere sich der Geschichte mit Peters o. S. 290. 
Beethoven war geradezu in hülfloser Lage gegenüber den 
Verlegern jener Zeit, und wenn er grollt, dass sie „mit 
seinem Mark sich mästen", oder sie „Höllenhunde" heisst, 
die „sein Gehirn zernagen", so ist das zugleich der Aus- 
bruch eines nur zu verzeihlichen Grimms darüber, dass 
hier obendrein seinen besten künstlerischen Intentionen 
oft empfindlichste Hemmung geschah, — der ins Kleine 
und Endlose gezogene Kampf Siegfrieds mit dem Drachen ! 239 

Jetzt aber kommt die neue dringende Einladung von 
London, datirt vom 20. Dez. 1824. Darum hofft er denn 
auch Schott bald persönlich sagen zu können, wie sehr 
ihm seine offene und unverstellte Art gefalle. Wieder war 
es Noate, der im Namen der Philharmonischen Gesell- 
schaft geschrieben hatte und zwar in altgewohnter 
Xiiebens^ürdigkeit. Es werden aufs neue 300 Liv. ge- 
boten, wofür eine Symphonie und eine „Concertante" 
zu schreiben seien, die jedoch sein Eigenthum bleiben 
sollen. Weiter heisst es: 

„Ich denke in Wahrheit, dass Sie ein glücklicher Mann sein 
werden, wenn Sie dieses Land betreten, wo Sie Niemand anderes 
als nur Freunde finden. . . Ich sehe kein Hinderniss, dass Sie 
nicht soviel Geld mit nach Hause bringen sollten, um für Ihr 
ganzes künftiges Leben angenehm und sorgenlos sein zu können. . . 
Sie werden sich hier im Kreise Vieler finden, die sich glücklich 
schätzen, ihre Hochachtung und Verehrung dem grossen Beethoven 
bezeugen zu können, dessen Ruf grösser als irgend einer noch 
vorher in diesem Lande war." 



_559_ 

Das klang verlockend in ein Land herüber, wo es mit 
der Herrschaft Beethovens zu Ende zu sein schien und 
dieser selbst damals gegen Schott urtheilt: 

,,Je mehr Steuern , je mehr Schwierigkeiten. Ueberall Ar- 
muth spiriti und des Geldbeutels!" 

Und hatte nicht Haydn dort das Geld geholt, das ihm 
ein angenehmes Alter in eigenem Besitzthum in Wien 
bereitete? „Besser wäre allezeit ein Haus, dieses hatte 
Heiden, Sallieri 44 , schreibt um diese Zeit Johann auf, und 
das „eigene Haus 41 kommt in diesen letzten Jahren immer 
wieder zur Sprache. Ebenso berichtet damals der Neffe: 
„Weber schreibt den Oberon als Oper 14 , nämlich auch 
für London. 

So wird denn Neate bereits nach wenig Tagen 
(15. Jan. 1825) benachrichtigt, man habe „avec le plus 
grand plaisir 44 die Einladung empfangen und sei „bien 

content des conditions 44 . Nur wünsche er noch 100 Liv. 

« 

ausserdem, weil er sich einen Wagen kaufen und von 
Jemandem begleitet sein müsse. Doch bittet er bereits 
um Angabe eines Gasthauses und zugleich um möglichst 
baldige Antwort. „Denn 44 , schreibt er in Bezug auf das 
Oratorium, „man verlangt von mir eine neue grosse 
Com position, die ich indess ohne Ihre Antwort nicht 
anfangen werde 44 , und fügt hinzu: „Ich muss immer 
schreiben, nicht um Reichthümer zu erwerben, — einzig 
um für meine Bedürfnisse zu sorgen. 44 So gesteht der 
Mann, dessen Schaffen „Millionen nur Freude bringt, 
reine geistige Freude 44 . Doch ist er sehr erfreut, die 
„edle englische Nation 44 zu sehen, und wirklich sollte 



560 

diesmal die Reise ins „Land der Goldfüchse" bestimmt 
vor sich gehen, wir werden directen Vorbereitungen dazu 
begegnen. 24 ° 

Ebenso winkt im Moment manche andere bessere 
Aussicht. Leipzig d. h. wol das obenerwähnte „Abonne- 
mentconzert 44 , hatte bereits im Herbst Messe und Sym- 
phonie „zur Aufführung für Honorar 44 erbeten, es ward 
aber „sogleich rund abgeschlagen 44 . So meldet er selbst 
am 5. Dez. 1824 Schott, den er wol durch solche Auf- 
führung der Werke vor dem Druck geschädigt wähnte. 
Mit der gleichen Bitte war das Niederrheinische 
Musikfest in Aachen erschienen, und diesmal lautete der 
Bescheid nicht abschlägig. Die Freunde, zumal Bruder 
Johann, hatten besser gerathen. Und als die Noth mit 
den Copisten die Absendung der Werke hinausschob, ver- 
spricht Ries, diesmal Dirigent des Festes, „noch ein Ge- 
schenk 44 , welches ihm denn auch später in der Höhe von 
40 Ldors für den Meister eingehändigt ward. In Frank- 
furt a. M. aber konnte Capellmeister Guhr die Sympho- 
nie bereits am 1. April (Charfreitag) 1825 zur Aufführung 
bringen. Da wird denn wol Schott selbst Veranlasser 
gewesen sein, weil endlich am 16. Jan. beide Werke an 
Fries abgegeben waren. Doch hört man hier nichts von 
einem „Geschenk 44 . Sodann sollte also nochmals von sei- 
ner Seite eine Akademie mit der 9. Symphonie in 
Wien erfolgen. 241 

Endlich war auch Schlesinger mit dem Plan einer 
Ge8ammtausgabe der Quartette erschienen, zu der 
periodisch jedesmal ein neues hinzukommen sollte, und 



561 

trug zu zahlen an, was Beethoven wolle. Allein da 
dies den „Sämmtlichen Werken" schaden konnte, so bittet 
dieser selbst (22. Jan, 1825) Schott einmal darüber 
nachzudenken: „denn besser es geschieht jetzt von mir 
als nach meinem Tode." Die bisherigen Handlungen 
schienen ihm nicht zu einem so grossen Unternehmen 
geeignet. Am liebsten möchte er sich mit einer Summe 
überhaupt dafür honoriren lassen, würde dabei „die ge- 
wöhnlichen kleinen unbedeutenden Aenderungen andeuten" 
und zu jeder Gattung ein neues Werk schreiben. 
Der „Knochenmann" scheint also trotz allem noch fern 
zu. stehen. 

Zugleich schickt er „ein paar canones" für die 
Cäcilia, denen noch 3 andere folgen sollen, „als Beilage 
einer romantischen Lebensbeschreibung des Tobias Has- 
linger allhier in 3 Theilen". Dabei kann er sich nicht 
enthalten, einen Abriss derselben sogleich mitzutheilen. 
Die Aussicht auf bessere Zustände erhebt für einen Mo- 
ment Aerger und Groll gegen den wohlbeleibten und „ein 
wenig derben", übrigens nicht gemüth- noch witzlosen 
„Faijaken", der sich zu so manchen üblen Dingen gegen 
ihn verleiten liess, zu echt Beethovenscher Satire. Wir 
haben im Verlauf unserer» Darstellungen Material genug 
bekommen, um den Spott, der hier zugleich über die ge- 
sammte componirende deutsche Capellmeisterschaft er- 
geht, zu würdigen. Zudem war nach der A. M. Z. vom 
Jan. 1825 „der um die Tonkunst vielfach verdiente" 
Junker Tobias ebendamals zum Ehrenmitgliede des 
gleichen stey ermärkischen Musikvereins ernannt worden, 

Hohl, Beethovens letzte Jahre. 3ß 



562 

dem seit 1822 auch Beethoven angehörte, und dieser 
konnte darnach schätzen, was sein Genius den Kunst- 
freunden eigentlich galt. Das schon o. II 51 berührte 
Schriftstück selbst lautet also: 

„Im ersten Theile befindet sich Tobias als Gehülfe des be- 
rühmten sattelfesten Capellmeister Fux und hält die Leiter *u 
dessen Gradus ad Pamassum. Da er nun zu Schwänken aufge- 
legt, so bewirkt er durch Rütteln und Schütteln der Leiter, dass 
Mancher, der schon ziemlich emporgestiegen, jählings den Hals 
bricht u. dgl. — 

Nun empfiehlt er sich unserm Erdenklumpen und kommt im 
zweiten Theil zu den Zeiten Albrechtsbergers wieder ans Tages- 
licht. Die schon vorhandene Fuxische Nota cambiata wird nun 
gemeinschaftlich mit Albrechtsberger behandelt, die Wechselnote 
aufs äusserste auseinandergesetzt, die Kunst, musikalische Gerippe 
zu schaffen, wird aufs Höchste getrieben u. s. w. — 

Tobias spinnt sich dann neuerdings als Raupe ein und ent- 
wickelt sich im dritten Theil, um zum dritten Mal auf dieser Welt 
zu erscheinen. Die kaum erwachsenen Flügel eilen dem Pater- 
nostergässchen zu , er wird paternostergässlerischer Capellmeister. 
Die Schule der Wechselnoten durchgegangen, behält er davon 
nichts als die Wechsel, wird Mitglied ^mehrerer geleerter Ver- 
eine u. s. w." 

Wer mit der mächtigen Ghoralfiguration des Adagios. 
von Op. 132 und der noch colossaleren Fuge Op. 133 
beschäftigt war, dem musste die Steckenpferdreiterei 
solcher Messencomponisten allerdings doppelt ergötzlich 
sein. Wie denn auch kurz darauf von ihm selbst einmal 
im Conversationsheft dasteht: „Dieser Tobias ist, wie 
man sagt, kein Kirchenlicht!" Allein wir wissen, tiefer 
als dies oder im Grund einzig erregte seinen Zorn doch 
hier eben der gemeine Eigennutz, der zu solch hinter- 
listigen Streichen gegen ihn selbst verführte und ihn 



563 

fortwährend in jenen geschäftlichen Combinationen und 
Beziehungen störte, von denen sein weiteres Schaffen 
abhing. Die Canons aber waren „Schwenke dich ohne 
Schwanke 44 und „Hofmann sei ja kein Hofmann 44 . Und 
Beethoven schreibt ausdrücklich dazu : „Wenn Sie ihn darum 
bitten, wird er schon erlauben, dass diese Lebensbeschrei- 
bung herauskomme 44 ; sowie am 5.. Febr. 1825 nochmals: 
„Den Spass machen Sie sich, den Tobias um seine vormal. 
Lebensbeschreibung zu bitten. Das ist so die Art mit diesen 
Menschen umzugehen, Leiber ohne Herz! Er ist eigentlich 
derjenige, welcher mir von Ihnen abgerathen. Silentium ! 
Es geht nicht